Indiana Tribüne, Volume 17, Number 179, Indianapolis, Marion County, 18 March 1894 — Page 2

HeronS Llltar. - Ueber diesen geheimnißvollen Altar schreibt das Polytechn. Ceutralbl.": Der bekannte Erfinder deZ nach lhin benannten HeronsballeZ, Heron von Alerandrien (um 120 vor Christi Geburt), hat eine größere Anzahl von Dampfkünsten construirt; besonders interessant war eine derselben, welche bau dient, den der Gottheit Opfernden das in einer durch eine Doppel?hür verschlossenen Altaryische ange brachte Bild der Gottheit selbstthätig zu zeigen, sobald die Opferung dargcbracht war. Das genannte Blatt führt eine Abbildung vor, in der man im Hintergrund das den Augen der Opfernden sich zeigende Götterbild sieht: die 'Thüren der Nische sind weit eöffnet. denn sie sind durch den Einfluk der Wärme der auf dem Altar lohenden flammen in ihren Angela gedreht. Diese das Gemüth der Andächtigen mit heiligem Schauer erfüllende Wirkung erreichte Heron auf folgende ganz natürliche" Weise: Der Fuß des Altars ist hohl, und unter dem Opferraum befmdet sich ein kleiner doppelter Boden. Sobald die auf dem Altar angefachte Flamme auflocert, erwärmt sich die in dem hohler ftufce des Altars enthaltene Luft, dehnt sich aus und tritt mittels eines durch den Boden abwärts führenden Rohres in eine zum Theil mit Wasser gefüllte Hohlkugel über. Durch die zunehmende Wärme dehnt sich die in die Kugel übertretende Luft so stark aus, daß sie im Stande ist, das in der Kugel enthaltene Wasser durch ein syphonartig gebogenes Rohr in einen offenen Kessel hinüberzudrücken. Dieser Kessel ist an zwei Seilen aufgehängt, welche derartig um die beiden Drehachsen der Altarflllgel geschlungen sind, daß, sobald der Kessel in 5?olge des in ihn eintretenden Wassers sich senkt, die Schwere des angehängten Gegengewichts überwunden wird und die Thürflügel sich öffnen, wodurch das ZJild der Gottheit sichtbar wird. Nach dem Erlöschen der Flaminen tritt eine Abkühlung der in dem ftuße des Altars und in der Hohlkugel enthaltenen Luft ein. Die Folge hiervon ist. daß das in der Hohlkugel ziunmehr sich bildende Vacuum das in den Kessel 'übergetretene Wasser durch das Syphonrohr zurllcksaugt. Der Kessel mag nun nicht mehr das Geengewicht zu überwinden, welches an entgegengesetzt um die Drehachsen der Thürflügel gewickelten Seilen aufgebangt ist und nunmehr die Altarthü?en wieder 'schließ, das Bild der Gottheit den Augen entziehend, bis ein neues Opfer die geheimnißvolle Wirkung .wiederum hervorbrachte.

Vlond und brünett. Es ist sonderbar, daß die SympaVfit der Dichter und Künstler fast immer den blonden, helläugigen Menschenkindern zugewendet war. Obwobl bei den alten Griechen die vorherrschende 'Haarfarbe schwarz war, spricht Homer (nach Winckelmann) nur von blonden Haaren. In einer Studie der Quarterly Review" über Sbakespecrre findet sich die Bemerkung, idak der große .britische Dichter nur zweimal in seinen Stücken schwarzes Haar erwähnt. Die großen Meister der Renaissance malten fast ausschließlich blonde Schönheiten (Tizian hat ein rinziaes Mal eine dunkle Gestalt gemalt). Apollo war blond und an Alexander dem Großen wird immer wieder, als wäre es ein besonderer Vorzug, sein blondes Haar gerühmt. Kriemhild und Siegfried im Nibelunenbilde sind blond, Goethe's Gretchen ist blond, Petrarcas Laura war eine belle Dame und daZ sranzösischeVolkslieb kennt (nach einer Bemerkung Taizies) fast nur blonde Mädchen. Wo ein Dichter dunkle Menschen einführt, verkörpern sie fast immer das böse Vrinzip eine Schablonen-Psychologie, die den widerspruchslustigen Thadzxat) so sehr ärgerte, daß er in seinen Erzählungen durchwegs die Sache umZebrte. Die neuere Dichtung hat sich von den ausgesprochen guten und böUn Menschen abgewendet, sie zeichnet mit Vorliebe Gestalten, bei denen Tugenden und Schwächen wie es bei dem Durchschnittsmenschen immer der fifall ist hübsch bunt gemischt sind. kTrokdem hat sie sich die Vorliebe für das Blonde bewahrt und Thackeray sieht mit seinen schwarzen Engeln und seinen blonden Hexen ziemlich einsam da. Die größere Fülle von Licht fällt noch immer auf die hellen Gestalten. Vielleicht kommt das daher, daß jeder Schaffende eben von dem Trieb nach möglichst treuem sinnlichen Ausdruck beherrscht wird und daß ihm da unwillkürlich, für alles Jdealische immer das Zold der Sonne und das Blau des Himmels als der Wahrheit am nächsten kommende Farben vorschweben. In Wirklichkeit hat die Farbe des Haares und der Augen mit dem Charakter bekanntlich recht wenig zu tbun Und das ist gut, denn sonst arnge es mit der Menschheit bedenklich abwärts. Nach den neuesten statistischen E?hebungen ist es nämlich zweifellos, daß der blonde Typus immer seltener wird. Das wurde in Frankreich. England, Deutschland, Oesterreich und der Schweiz nachgewiesen. Mit dem blonden Germanenthumsieht es schon recht traurig aus, da bei uns auf hundert Personm nur mehr weiunddreißig blonde kommen. Die Ursache dieser Erscheinung ist wahrscheinlich darin zu suchen, daß bei der Vermischung der Rassen die dunklen krarbstoffe wie ja auch sonst die stärkeren sind. Zwölfgiftigeundach.teßbare Arten von Erdschwämmen gibt eZ b den Ler. Staaten.

KarltS Nummern". Humoreske von E. R.

An einem nebligen Novemberkage saß in seinem Speisezimser in , einem belebten Vorort einer bekannten Sauvt- und Residenzstadt, Herr Rentier F.. in Gesellschaft seiner Frau und jungen Tochter behaglich seinen Jausenkaffee" nehmend. Herr F. ist im gedachten Vorort eine seit langen wahren ansässige und geachtete Persönlichkcit, Hausbesitzer und Gemeinderath und erfreut sich bei Hoch und Nieder einer allgemeinen Beliebtheit, sowie er als milderWohlthäter von den Armen sehr geschätzt wird. Um so mehr mußte es sowohl ihm als seinen Damen auffällig erscheinen, daß plötzlich im grauen Lichte des Novembertages auf dem gegenüberliegenden Trottoir ein Kort sonst nie sichtbarer SckuKmann erschien und die im Hochparterre befindliche Wohnung des Rentiers, fortwährend auf und ab patrouillirend, scharf beobachtete. .Schau", sagte Herr F. aufmerksam werdend zu seiner Gattin, schau, der Schutzmann geht da schon füns Minuten hin und h:r begafft unser Haus! Sollte was nicht m Ordnung sein? Aber was? Ha! jetzt kommt er ja über die Straße, direkt auf unser Thor zu da läutet er schon an geh hinaus, Mali, und srag' ihn, was er will." Das folgsame Töchterchen eilte schleunigst von Neugierde getrieben hinaus, während die Alten in einer gewissen Unruhe ihre Rückkehr erwarteten, denn jede polizeiliche Intervention erweckt auch beim solidesten Staatsburder ein kleines Unbehagen: wer kann denn jede kleine Unterlassungssünde Kissen?! Mali kam später, als man dachte. zurück und mit ziemlich verlegenem Gesichtsausdruck. Es geht unseren Karll an, Papa," rief sie ein wenig ängstlich. ach Gott! wenn der nur nichts angestellt hat! Angestellt? der Karl?" fruaen Vater und Mutter wie aus einem Munde, unser braver So'hn? ja, wie so denn?" Der Schutzmann," berichtete Mali .betreten, hat mich gefragt, wann der Karli geboren sei. wann er zum Militär gekommen und wie lange er schon wieder zu Äause sei und was er jetzt für eine Beschäftigung habe. Das hat - er sich alles in sein Büchlein notirt und dann gesagt: .Na, ich danke! es ist schon aut!" Und dann ist er wieder gegangen." , , Seltsam!" meinte Herr F. etwas beunruhigt, wozu diese geheimnißvolle Fragerei? Sollte uns Karl aus seiner Militärzeit irgend eine Dummheit versckwieaen haben? Oder, liegt eine infame anonyme Denunziation vor? Hat sich der Junge Jemand zum Feind gegemacht?" Ach, ängstige Dich nur nicht gleich," beschwichtigte ihn seine Gattin: vielleicht ist es wegen der Volkszählung!" Lächerlich, die erst nächstes Jahr ist! und soll unser Karl allein gezählt werden?" brummte Herr F. Nein; das Ding kommt mir nicht geheuer vor: da liegt irgend eine Lumverei vor; ich will - doch lieber Mal. gleich auf's Bürgermeisteramt gehen und meinem alten Freund S., dem Bürgermeister, die Sache erzählen." Gesagt gethan; da der Monsieur Karl, den diese Sache zunächst berübrte. auf einer kleinen Reise begriffen und seine Adresse für einige Tage unbekannt war, so entschloß sich sein etwas nervöser Papa, der Affaire gleich selbst nachzuspüren und trug seinem guten Freund, dem Bürgermeister, den er noch im Bureau traf, den Fall vor. Es ist mir amtlich hierüber nichts bekannt," sagte daZGemeindeoberhaupt mit würdizer Freundlichkeit; es gibt aber so viele schlechte Menschen auf dieser Welt wer weiß, was sie Deinem braven Jungen andichten wollen; weißt Du was: geh' mit auf's Polizeicommissariat, da werden wir ja gleich auf den Grund der dummen Geschichte kommen." Dem auf dem Polizeibureau dienstihuenden Beamten war aber von irgend einer gegen Herrn F. jr. angeord neten Amtshandlung auch nichts bekannt. Man wollte also den betressenden Schutzmann, Mayer mit Namen. welcher zu der angegebenen Stunde in der Nähe des F.'schen Hauses Straßendienst gehabt hatte, eruiren und befragen. Derselbe war jedoch inzwischen abgelöst worden und nun als dienstfrei nicht zu finden; eine Nachfrage in seiner Wohnung ergab, daß er dort nicht länger gewesen, als er zum Ablegen seiner Uniform gebraucht habe; er sei dann in Civilkleidern. mit seiner Frau wahrscheinlich, in die Residenz gefahren. ..Da fällt mir ein, daß heute früh von der Polizeidirektion ein geheimes Telegramm an den Herrn Obercom missär gekommen ist," meinie jetzt der Beamte, nachdenklich werdend; der Herr Obercommissär hat dann, wie znir scheint, dem Mayer einen Auftrag gegeben; vielleicht hängt das mit dem Vorfalle hier zusammen ich will bin Herren ja keinen Schrecken einjaaen. aber möglicherweise ist ein geheimer Verhaftsöefehl gegen den jungen Mann direkt von der Direktion aus in Vorbereitung am besten wäre es, wenn die Herren, da der Herr Obercommissär leider auch abwesend ist, aleich selbst beim Herrn Polizeipräsidenkn eine prisate. dutch die Ungewöhnlich!! desFalles ja gerechtsertigie Anfrage vorbrächten!" .Gebeimer Verhaftbefehl direkt von drr Polizeidirektion! O gründcütiger Himmel! Mein Sohn! Und mir das?! Mir, dem alten F.. der seit dreißig Jahren hier in Ehren lebt? O, mnn Gott, mein Gott mir zit

iern die Knie! Aber Sie haben Recht,

Herr Eommlssar, m diese fürchterliche Geschickte muk rasch und obne einen Augenblick Versäümniß volle Klarheit kommen: Eine balbe Stunde sväter raste 5)err V.. begleitet vom Bürgermeister, in Frack und weißer Kravatte, im Fiaker in die Residenz. Trotz der vorgerllckten Stunde empfing der Polizeipräsident, durch die dringende Bitte des anaesebenen Bürgermeisters veranlaßt, den Besuch der beiden alten Herren mit Huld. .Von mir versönlick ist kein Befebl nach 3L ergangen und da jetzt die Bureaux bereits geschlossen sind, so ist es kaum möglich, heute noch zu erfahren, von w:lcher Dienststelle aus der Auftrag ergangen ist; ich will aber morgen sruk sogleich nachforschen lassen. Sollten freilich amen ?lbren Serrn Sobn gravirende Momente vorliegen.so wird es mir zu meinem Bedauern nicht mögllcy leln.vie Amtshandlungen in irgend einer Weise zu stören! Guten Abend, meine Herren!" Das war em trauriger Abend für die Familie F. Die beiden Damen saßen leise schluchzend über ihre Näharbeit gebeugt und der Herr Papa, welcher yalbtodt vor Äufregung und Ermüdung aus der Residenz zurück--gekehrt war, lag, den Kopf mit einer Comvresse umwickelt, stöhnend aus dem Sovba. Ulrike, die Köckin. räumte ebenfalls weinend das unberührt gebliebene Nachtessen wieder binaus, dann lief sie rasch auf einen Auaendllck m das nebenan gelegene Gastbaus zum blauen Affen", wo ihr Liebster als Kellner diente. Denn dem wenigstens mußte sie doch diese entsetzliche GesHichte mittheilen, sonst bätte es ibr ia das bzzx abge drückt. Der Garcon, hocherfreut, seinen Gästen als willkommene Beiaabe zum Bier eine solch: sensationelle Neuigkeit amtlichen zu können, erzählte natürlich o'hnt einen Augenblick zu verlieren, die Mär unter Zugabe einigen Aufputzes mit fliegendem Athem: Der junge F. hat sich, als er noch beim Militär stand, dort eine verflixte Sauce eingerübrt. wegen der er erst jetzt hopp genommen" werden soll! Die Polizei habe ihn schon heute aufheben" wollen, er sei aber verschwunden. Wahrscheinlich habe er schon Lunte gerochen aebabt und wer weiß, ob er überhaupt noch 'mal zurückkäme. Sein Vater sei sofort mit dem Bürgermeister bis zum Polizeipräsidenten gedrungen und habe kniefällig um Gnade und Schonung gebeten alles umsonst! sowie der Delinauent zu Stande gebracht wäre, wird er eingesperrt und wer weiß, was ihm dann noch geschieht! Unter den Gästen befand sich auch Herr M., ein wohlhabender Bäckerineistzr. zu dessen Töchterlein Elvira Monsieur Karl! F. schon seit einiger Zeit .in zarten aber noch nicht officiell sanktionirtenBeziehungen stand.der da Bäcker an dem noch so sehr jugendlicken Schwiegersohn in spe keinen rechten Gefallen zu finden vermochte. Herr M. verließ nach der Erzählung des Kellners sogleich ostentativ das Gasthaus, eilte nach Hause und widmete seiner darob zum Tode erschrockenen Tochter folgenden angenehmen Nachtgruß: Dein Liebster ist ein Lump, mein Täubchen! Morgen wird er eingesperrt, wenn er nicht schon ir gendwo im Wasser liegt! Also aus dem Kopf den Kerl! Verstanden?!" Gefühlvoller Leser! Gerne wirst Du der unseligen Exbraut" mitleidsvolle Thränen opfern! Nichts dauert ewig, und so verging auch diese den Familien F. und M. so fürchterliche Novembernacht. Hell und freundlich strahlte amMorgen dieWintersonne und brachte neu: Hoffnung in die bekümmerten Herzen. Eben wollten sich F.'s zwar noch stumm und trauria. ab:t doch schon gefaßter, zum Kaffeetisch ' setzen, als plötzlich die Hausglocke erschallte und gleich darauf Ulrike todtenbleich in's Zimmer stürzte: Um Gottes willen, derSchutzmann von gestern steht schon wieder draußen." Was will er?- rang es sich mühsam aus des Rentiers Munde, während alle drei zitternd die Tassen niederstellten. Er sagt, er müsse den gnädigen Herrn gleich sprecken ach Gott! er ilrdi so verlegen und zittert fast ein bischen er meinte: ist der alte Her? sehr jähzornig? ich muß ihm was sagen, was mir schwer fällt"!" . Laut auf schluchzten Frau und Tochter. Herr F. ab?r winkte bebend mit der Hand: er soll hereinkommen! der verzweifelte Blick des alten Herrn aber sagte deutlich: ob der Thaten meines Sohnes muß ich mit Unehren in die Grube fahren o, Karli, Karli! vielleicht bist Du gar ein Mörder!Einen Augenblick später stand der Schutzmann im Zimmer, falufirt? h?r legen und kmklsch und' sagte dann mit vlbnrender Stimme: Mich sendet der Herr Commissär ich habe heute früh einen fürchterlichen Rüffel abaekriegt es liegt ein Mißverständniß vor ich habe gestern das Fräulein wegen dem Herrn Bruder gefragt das ist falsch aufgefaßt worden ich iq ich wollte ja blos seme Nummern wissen!" Seine Nummern wollten Sie toil tnr hauchten verstandnißlos zugleich aue er tfs, nur der an der Thür horchenden Ulrike schien ein Licht aufzudämmern. ' Nun. ja, sein: Nummern", stotterte der Polizist. Meiner Schwiegermutter, die den Herrn Karl kennt, hat nämlich gestern Nacht so sehr lebhaft von iöm geträumt, daß sie sein: Nummern", also Alter und sonst die wichtiasten Lebensdaten, in die Lotterie setzen wollte. Da hat si: mir nun leine Ruhe classen, bis ich die Num-

mern erfragt habe. Das ist das

Ganze entschuldigen, wenn ich gestört habe!" Und ehe noch ems von den F. schen, welche wie erstarrt und betäubt dastanden, die physische Mögllchkelt gefunden hatte, sich zu bewegen. oder nur zu sprechen, hatte er rasch salutirt und fort war er! Das Dienstmädchen der Zukunft. Während in all' den letzten Jahren das Dienstmädchen-Thema für die Mehrzahl der Hausfrauen zu den brennenden Tagesfragen gehörtest das selbe letzt fast vollständig in den Hrntergrund gedrängt worden. Sollten auch daran die schlechten Zeiten Schuld sein? Wahrscheinlich! Auf der einen Seite mögen die Damen einsehen gelernt haben, daß es im . menschlichen Dasein noch viel wichtigere Veranlassung zur Unzufriedenheit und Klage geben könne, als die Dienstbotenmisere sie mit sich brachte, und auf der anderen Scte mögen die dienenden Geister wieder einsehen gelernt haben, daß, es in ihrem Dasein noch lange nicht so viel wichtige Veranlassung zur Unzufriedenheit und Klage geben könne, als in der großen Misere des übrigen Arbeiterstandes. Der jetzige schreckliche Nothstand in sämmtlichen Branchen der männlichen und weiblichen Arbeiter offenbart dem Dienstbotenstand, daß er fm Vergleich mit allen Anderen verhältnißmäßig den sichersten Erwerb hat. Es sind lange nicht solche Heere von Dienstboten arbeitslos wie andere Arbeiter, also ungleich weniger weibliche und männliche Diener entlassen worden, als Arbeitskräfte in den Fabriken und Verkaufsläden überflüssig geworden. Und so viel mir bekannt, ist auch für Hilfe im Hause keinerlei bedeutende Lohnreduktion eingetreten, trotzdem das Verhältniß zwischen Angebot und Nachfrage, schon wegen der vielen Ueberläufer aus anderen Berufsarten sich auch sehr zu Ungunsten der Dienstboten ändern mußte. Alle diese Momente zusammengenommen dürften auf die dienende Klasse ihren Einfluß dahin wohlthätig geltend gemacht haben, daß diese selbst mit ihrem Schicksal zufrieden -gewor-den und daß sie wahrscheinlich in Folge dessen auch ungleich mehr wie in früheren Zeiten bemüht ist, die Zufriedenheit ihrer Arbeitsgeber zu erlangen. 3m Hinblick auf die Noth so vieler Tausende, die gerne noch so schwer arbeiten wollten, wenn sie nur Gelegenheit dazu finden könnten, muß ihr die eigene Arbeit weniger drückend, die Nothwendigkeit der eigenen strengen Pflichterfüllung als kein so großes Unglück mehr erscheinen, und sie maßt sich auch nicht mehr wie in den guten Zeiten des Uebermuth, gestützt auf ihre vermeintliche Unersetzlichkeit, allzukühne Rechte und Freiheiten an, welche eben mit der Ausübung eines unfreien Berufes unvereinbar sind und bleiben werden. Während sonst gar viele Dienstmädchen die Fesseln der strengen häuslichen Aucht sehr unangenehm empfanden und die Fabrikarbeiterinnen und Ladenmädchen um ihre viel größere Ungebundenst und Freiheit der Bewegung beneidet haben, müssen die Ersteren jetzt einsehen, daß das geringere Maß an persönlicher Freiheit reichlich aufgewogen wird durch die vielen anderen Vortheile, welche sich der anständigen Dienerin darbieten. Während das Ladenmädchen sich jahraus, iahrein in ungesunder. Luft, in übermäßig erwärmten übervölkerten Räumen aufhalten muß, ohne dabei für den geringen Lohn im Stande zu sein, den Körper mit hinreichender gesunder Nahrung zu kräftigen, riskirt es noch wie eben föt in Zeiten des Geschäftsstillstandes ihren Erwerb vollständig zu verlieren. Hingegen hat die weiblicke Dienerin in den verschiedenen Hantirungen des Haushaltes eine weit gesündere Beschäftigung, reichlich: substantielle Nahrung, ein sicheres gutes Einkommen und schließlich die beste Gelegenheit, im Laufe der Jahre ein hübsches Kapital zu ersparen, welches sie dann in den Stand setzt, weit eher ihre Selbstständigkeit zu erlangen,', ihren eigenen Herd zu gründen, als das Ladenmädchen, deren ganzer Verdienst meist für bessere Kleidung, aber geringes Essen und das nothwendige Fahrgeld ausgeht. Jedes vernunftige Dienstmädchen wird sich klar darüber sein, daß es mit den größeren Vortheilen ihrer Stellung auch die damit verbundenen Nachtheile in den Kauf nehmen muß, und daß die relativ größere Freiheit der Fabrikmädchen und Ladenmamsellen unverhältnismäßig theuer bezahlt sind. Es will mir daher ganz ungerecht fertigt erscheinen, wesn.unter den jetziaen eben geschilderten Verhältnissen, eine amerikanische tüchtige Schriftstcllerin, Mrs. Kate Gannet Wells, den Zeitpunkt für passend erachtet, Rath'schlage zu ertheilen, welche ihrer Ansicht nach unbedingt dazu erforderlich sind, um die traurigeLage des dienenden Standes zu verbessern, fein Leben zu einem erträglichen zu gestalten. ?ln ihrer Abhattdlung über das Dienstmädchen der Zukunft" wünscht die fortschrittliche Dame zu allererst' die Küchen künftighin an die Frontfeite der Häuser verlegt zu sehen, damit den darin beschäftigten Mädchen Gelegenheit geboten werde, die Vorgänge auf der Straße zu beobachten "und die Vorübergehenden betrachten zu können, eine Beschäftigung, der jetzt die Dame des Hauses allein oblt. Auch sollte sich in jeder Küche ein" hübsches Sopha befinden, nicht etwa ein altes mit Sbrochenen Federn, sondern ein anständig neues und-ferner bequeme Arm- und Schaukelstühle zum belieb!-

aen Ausruhen und Siestahalten der

Kuchendamen. Als zweiten Punkt wird den Hausfrauen ein höflicheres rücksichtsvolleres Betragen gegen ihre Untergebenen emvfohlen. Ferner sollte es den Mädchen vollständig frei stehen, ihre Abende nach Belieben außer dem Haus zu verbnngen. denn Unterhaltung und Zerstreuung sei der Gesundheit äußerst zutraglich. Es wäre gar kein Wunder, daß so viele Mädchen die Hausarbeit verabscheuten, wenn ihre noch so vorzüglichen Leistungen sie doch nicht dazu berechtigte ohne vorher eingeholte Erlaubniß auszugehen und sie überdies zwingt, zu einer bestimmten Stunde heimzukehren. Als dritter Punkt, wird empfohlen, den Dienstmädchen volle Rede- und auch jene von Don Carlos gerühmte Gedankenfreiheit zu gewähren, euch ihnen das Recht zu ertheilen, ihre Meinung ebenso unverholen und unverblümt auszusprechen, wie es die hbetg nen zu thun berechtigt sind. Manch Körnlein tiefer Wahrheit und echter. Menschenfreundlichkeit ist in all' diesen und noch anderen ähnlichen guten Rathschlägen enthalten. Ich fürchte nur Eines, daß, wenn der Stand der Dienerinnen wirklich zu einem vor allen anderen Arbeiterinnen so Vortheilhaft ausgezeichneten Berufszweig gestaltet werden wird, eine solche Anzahl von jungen Damen sich zur Ausübung desselben herandrängen werden, daß es noch schwerer würde als es heute schon ist. auch Stellungen für alle solch' bevorzugte Arbeit Suchende zu schaffen. Und welches Mädchen würde je so unvernünftig sein, ein derartig freies Dienstparadies z. B. mit dem Joch der Ehe zu vertauschen. Außerdem glaube ich kaum, daß es sehr viele Männer gibt, die solche Lebensgefährtinnen su'chen,welche gewohnt sind stets und immerdar ihre Mttrnrng unvcrholen auszusprechen, die gerne des Abends unbeschränkte Feierstunden genießen. Unterhaltung für die gesunbeste Bewegung erachten, ein höfliches stets rücksichtsvolles" Betragen unbedingt fordern, zwischen jeder Arbeit gerne ein kleines Schaukelstuhlexercitium, oder ein Ruhestündchen auf dem Divan halten und die etwaigen Pausen mit den Beobachtungen der Straßenereignisse und Passanten verbrinaen. Ja wir deutschen Hausfrauen, denen ein solch ideales Leben ganz unbekannt ist, wir würden gleich heute noch unseren Beruf als einen verfehlten aufgeben und uns in die Schaaren jener Dienstmädchen der Zukunft drän!gen, jedenfalls aber keine dieser Zukunftsdienerinnen für unseren eigenen Oausyalt erwunschen aber wen:a brauen, die auf solche Dienstleistungen Anspruch erheben, geben würde. Dann wird man vielleicht von den jetzigen schlechten, noch als den guten altert Zeiten sprechen, wo es noch keine Zu Zunftsdienstmädchen gab. Die Frau in China. In keinem anderen Theile der Erde dürfte die Frau einer solchen Mißachiunq und Mißhandlung ausgesetzt sein, wie im Reiche der Mitte, wie sich China mit Vorliebe selbst bezeichnet. Sagt doch ein chinesisches Sprichwort: Besser em schlechter Sohn, als eine geistreiche Tochter." Deswegen wird die Geburt einer Tochter bei den Chinesen als ein Familienunglück betrachtet. Sehr bezeichnend ist es aber, was ein russischer Seemann über eine Reise durch China darüber zu erzählen weiß: Als ich emst emen Spaziergang durch die Umgegend der sud-chmesischen - Großstadt Fu-tschau fu machte. so erzählt der Seemann da kam ich an einem großen &eich vorüber, an dessen Ufer eine sür Mich unleserliche Aufschrist an emer Tafel angebracht war. Rathlos stand ich vor der Geheimschrift, bis mein chinesischer Fuhrer mir den Inhalt derselben erklärte. Dieser Inhalt lautete kurz: Es ist verboten, rn die fem Teiche Mädchen zu ersäufen.' Der Erzähler braucht noch kaum hin zuzufügen, daß ihn dabei ein Schauer erfaßte. Es werden übrigens m dem selben südlichen Theile Chinas noch andere Mittel angewandt, um sich der Kinder weiblichenGeschlechts zu entledigen. - Sehr beliebt ist dabei der Verkauf der noch im zarten Alter befindlichen Mädchen. Zum Verkauf werden übrigens auch erwaazseneMad chen massenhaft angeboten, doch über wiegt das zarteste Alter. Es ist kaum zu beschreiben, welchem Elend die unglücklichen Geschöpfe, nach erfolgtem Verkauf, preisgegeben sind, umsomehr als der Käufer in den vollen, rechtmäßigen Besitz des von ihm erworöenen beweglichen Eigenthums gelangt, mit welch' letzterem er nach Belieben umgehen und verfahren kann. Aus dem Hotelleben. Oberkellner (einem Gast die Rechnung überreichend): Bitte, hier. Herr Baron!" Gast (nach nnem kurzm? Einblick in dieselbe): Geben Sie mir sofort ein Glas kaltes Brunnenwasser!" Oberkellner: -Um des Himmels Willen, Ihnen ist doch nicht unwohl geworden?" Gast: Unsinn! Aber ich bekomme nach stark gepfeffertenSachen immer fofort einen ' fürchterlichen Durst!" Oberkellner: Dann darf ich wobl die Rechnung noch mal zurück erbitten, um das Glas Wasser ebenfalls darauf zu notiren!" Gefährliche Sache. 2te Wenn ich verheirathet wäre... B.: Aber wie können Sie mit- so ernsten Dingen scherzen?!" Der Hagestolz. Fräulein: ,Run sagen Sie einmal, Her: Capitänlieutenant, was war nun das Ge'sahrvollste, was Sie auf Ihren Reisen erlebt haben?" Seeofficier: Ich hätte mich einmal beinahe verlobt."

Eine Mark und dreißig Pfennig. Humorcsie. Frei nack, dem TZr.ischen von trinll JonaS.

Otto Schwarz, ein ehemaliger Kaufmann, der sich von den Geschäften zurückgezogen, jetzt nach dem Tode seiner Frau mit seiner Tochter lebte, saß in seinem anheimelnden Speisezimmer in dr Nähe des gedeckten Tisches und warf nach diesem hin und wieder einen verzweifelten Blick. Er hält eine Zeitung in der Hand, aber, wie es scheint, liest er nicht darin, wnn er hält sie verkehrt, ohne bisher seinen Irrthum bemerkt zu haben. Dann fällt sein Blick wieder auf die Suppenschüssel, deren Inhalt kalt wird. Der Tisch ist mit zwei Gedecken versehen, und zwei Stühle harren der Gäste. Schwarz wartet offenbar auf Jemand, der sich verspätet hat. und das macht ihn verstimmt, denn Pünktlich keit in Geschäften und zur Speisezeit ist stets eine seiner Haupttugenden geWesen. Frühstück und Mittag sind für ihn Dinge, die zu bestimmter Zeit stattfinden müssen. 'Wenn man nun aber hört, daß die Wanduhr schon fast dei Uhr zeigt, wird man sich leicht einen Begriff von seinem Gemüthszustande machen, denn er hat jetzt eine halbe Stunde auf seine Tochter gewartet. Es ist unerhört, um halb vier Uhr noch xicht beim Dessert zu sein! Denn die Uhr hatte soeben geschlagen. ES ist freilich ein unaussprechlich schmerzliches Gefühl, eine Suppe vor sich stehen und mit jeder Minute kälter werden zu sehen. Und außerdem wußte Herr Schwarz gar nicht, was seinem geliebten Kinde in der Stadt passirt sein konnte. Eine Unruhe ohne Gleichen, in welcher der Schmerz des Herzens sich mit den Krämpftn des Magens vereinigte. Rie zuvor hatte Herr Schwarz so wie jetzt den Selbstmord verstehen können, und sein unruhiger Blick sucht vielleicht unter den Messern und Gabeln auf dem Tische die passende Waffe, womit er dem unerträglichen Dasein ein Ende machen könne. In diesem Augenblick kommt Martha, die) alte Köchin der Familie und Kammerjungfer des Fräuleins, ein weibliches Faktotum und Orakel, in das Speisezimmer, in welchem man zur Zeit leider nicht speist. Herrn Schwarz' Geduld ist fast zu Ende. Er kann es nicht länger aushalten, und mit einer verzweifelten Bewegung läßt er "die Zeitung der Hand entfallen. Nanu, Herr Schwarz ?" fragt die Alte. Nanu, Martha ?" sagt der Unglückliche. Soll ich die Suppe hinaustragen?Wie kann Dir so etwas einfallen, Martha? Antonie muß jeden Augenblick kommen. Wann ging sie aus und wohin ging sie?" Das Fräulein ging wie gewöhnlich um ein Uhr fort, um ihre Klavierstund: zu nehmen. Der Weg hin und zurück erfordert wohl eine Stunde, und sie könnte daher um drei Uhr zurück sein." Und jetzt ist die Uhr schon fünf Minuten über halb vier." Nun, es gibt auf der Straße junge Herren, welche hübschen Damen nachgehen und ihnen galante Komplimente in die Ohren raunen," fuhr Martha fort. Antonie würde schon wissen, einen zudringlichen Kerl auf richtige Weise von sich fern zu halten. Ich habe sie auf amerikanische Art zur Selbstständiqkeit erziehen lassen das ist meine Freude." Wirklich? Auf amerikanische Art? Ja, das ist wohl möglich. Ich bin zwar nur ein einfältiges altes Mädchen, aber ich begreife gar nicht, wie man ein junges Mädchen allein auf der Straße laufen lassen kann." Laufen! Aber, Martha, Du siehst ja selbst, daß Antonie sich durchaus nicht beeilt." Das nimmt kein gutes Ende, sage ich Ihnen, und das ist Ihre Schuld mit Ihrer amerikanischen Erziehung." Schwarz hatte plötzlich einen Entschluß gefaßt. Martha, trage die Suppe hinaus," sagte er, und gib mir meinen Hut und Stock. Ich will ihr entgegengehen!" Die Haushälterin nimmt brummend die Suppenschüssel und trägt sie hinaus, dann holt sie den Rock ihres Herrn herbei, aber in demselben Augenblick erklingt die Glocke im Korridor. Antonie endlich!" ruft der Vater, indem er den Rock wieder auszieht. Das junge Mädchen tritt ein. Achtzehn Jahr, zwei Reihen blendend weier Zähne, eine schlanke Figur, ein hübsches Gesicht,, kleine Füße, schöne, Hände, reizende Bewegungen kurz, eine entzückende Erscheinung. In ihrer Toilette eine große Fülle von Vändern,, Spitzen, Federn und Blumen. Nun, bist. Du endlich da?" sagt der Vater in mürrischem Tone, indem er sich an den Tisch setzt und die Scroiette ausbreitet. Vater, ich muß Dir sagen . . ." Zu Tisch, vor allen Dingen, zu Tisch! Du kannst mir beim Essen Deine Verspätung erklären." Aber Du weißt nicht, Vater, was geschehen ist. Ich habe ein kleines Abenteuer erlebt." EinAbenteuer?" ruft HerrSchwarz, indem er sich im Stuhl zurücklehnt, mährend Martha ihm einen Blick zuwirft, der gleichzeitig einen Triumph und einen Vorwurs ausdrückt und deutlich zu sagen schien: Sagte ich da aicht? D!e Sache ist sehr einfach, Vater, und es ist meiner Ansicht nach gar nicht nöthig, daß Du mich so streng anschaust und mit tiefer Stimme sprichst. Ich hatte mein Portemonnaie vergessen. Ich bemerkte es nicht eher, als bis der Schaffner vor mir stand und

das Fahrgeld verlangte. Was foMe ich sagen? Ich war vor Verlegenheit und Schreck ganz roth im Gesicht geworden. Der Schaffner stand immer noch mit ausgestreckter Hand vor mir und wartete auf das Fahrgeld, als in demselben Augenblick ein eleganter junger Herr, der neben mir saß. so fit benswürdig war, die zwanzig Pfennige für mich zu bezahlen." Das ist reizend, Antonie! Auf welche Weise willst Du dem jungen Mann die zwanzig Pfennige zurückzahlen?" Ich habe ja seine Karte bekommen Vater. Hier ist sie. Du kannst selbst sehen, Adolf Müller. Sekretär im Ministerium des Innern." Schwarz warf jedoch ärgerlich seine Serviette auf den Tisch und sagte : Martha, hole mir eine Droschke. Ich will zu diesem Herrn Müller fahren. ihm' seine zwanzig Pfennige zurückgcben." Herr Schwarz hat seinen Rock angezogen den Hut ausgesetzt und wird immer ärgerlicher. Der Wagen hält vor der Thür,"sagteMartha, aber der Kutscher sagte er könne nur ein: Tour fahren, weil er später bestellt sei." Nun, dann werde ich zur Rückfahrt einen andern Wagen nehmen." Nachdem Herr Schwarz das Haus verlassen hat, erzählt Fräulein Antonie ihrer alten Freundin", daß sie Herrn Müller schon viel länger gekannt habe, als sie ihrem Vater eingestanden hatte, daß er jeden Mittag in demselben Pferdebahnwagen eingestiegen sei, daß sie sehr wohl bemerkt habe, daß sie seine Aufmerksamkeit erweckte u. f. w. Na, das ist eine nette Geschichte!" rief die erschreckte Haushälterin. Indeß geht Herr Adolf Müller in seiner Junggesellenwohnung auf und ab, als es plötzlich an der Thür klopft und ein dicker Herr, einen Stock in der Hand und den Hut schräge auf dem Kopfe, athemlos in's Jammer tritt. - Mein Herr," beginnt der Fremde in erregtem Tone, Ihr Betragen ist höchst unwürdig eines Gentlemans. Man benutzt nicht die Verlegenheit eines jungen Mädchens, das sein Portemonnaie vergessen hat, und bietet ihm. zwanzig Pfennige an. Meine Tochter war dem Pferdebahnschaffner durch öftere .bahrten bekannt und brauchte daher Ihr Geld nicht. Hier sind Ihre zwanzig Pfennige, meine Tochter, und ich wollen Ihnen nichts schuldig sein." Während der dicke Herr mit großer Zungenfertigkeit spricht, beginnt er in seinen Taschen zu suchen. Bevor noch de? erstaunte Adolf Müller ein einziges Wort hervorzubringen vermochte, zeigte sich eine neue Person. Ein erbitterter Droschken kutscher mit der Peitsche in der Hand tritt mit drohender Miene in's Zimmer. 1 Na, was wird denn nun daraus?" ruft der Kutscher. Wie lange soll ich noch warten? Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich nur diese eine Tour sah ren könne, und ich habe das Fahrgeld nicht bekommen." Herr Schwarz durchwühlt alle seine Taschen, ist erst ganz blaß, dann purpurroth geworden, dann lila und wieder purpurroth. Schließlich kommt er zu der Ueberzeugung, daß alles Suchen? vergebens sei, und sagt mit halberstickter Stimme : Ich... habe... mein Portemonnaie... vergessen!" Ja, diese Ausrede kennen wir!" erwiderte der Kutscher. Na, denn mann mit nach dem Polizeibüreau." . Bei diesen letzten Worten machte de? Kutscher Miene, den unglücklichenHerrn Schwarz am Arm zu erfassen. ' Doch Adolf Müller eine wahre Vorsehung für die Familie Schwarz hat bereits den Kutscher bezahlt. Sie erlauben wohl?" sagte der junge Mann mit ausgesuchter Höflichkeit zu Herrn Schwarz, der gerade noch so viel Kraft hat, um zu stottern : Mit Vergnügen, aber geben Sie ihm nur zehn Pfennige Trinkgeld, nicht mehr." Antonies Vater, der kaum vor einer halben Stunde nicht begreifen konnte, daß man nicht zwanzig Pfennig habe, um seinen Platz im Pferdebahnwagen bezahlen zu können, beginnt jetzt einzusehen, daß eS ein glücklicher Zufall ist, wenn man Jemand trifft, der bereit ist, einem eine Mark und zehn Pfennige zu leihen, um einen erbosten Droschkenkutscher zu befriedigen. Er sagte daher' auch mit einem fast freundlichen Lächeln : Herr . . . Herr Müller, nicht wahr? Eine Mark und zehn Pfennige, sowie zwanzig Pfennige machen eine Mark und dreikig Pfennige, die ich Ihnen schuldig bin. Wenn Sie mir das Vergnügen machen wollen, mit mir zu Mittag zu speisen, können wir fofort die Sache ordnen. Jcb liebe es, meine Schulden sofort zu bezahln." Eine Viertelstunde später deckt Martha ein drittes Kuvert. Für die Zukunft sitzen immer, drei Personen am Tische, denn ein.?n Monat später findet die Trauung des Fräulein Antonie Sckwarz mit dem Herrn Sekretär Adolf Müller statt. Und Papa Schwarz pflegt zu sagen: Man soll nie Geld von Jemand lei.hen. Ein Mal in mein.:m Leben mußte ich eine Mark und zehn Pfennige leihen, und um sie zu bezahlen, war ich genöthigt, dem Betreffenden meine Tochter mit vierzigtausend Mark Mitgift zugeben." , ? ' Gleiche Ansicht. Sie: .Wie man alle Nacht bis drei Uhr im Wirthsbaus sitzen kann, das ist mir ganz räthselhaft....." Er: Mir auch! Deshalb sitz' ich ja auch alleNacht so lang d'rinn und such dieses Räthsel zu lösen!"