Indiana Tribüne, Volume 17, Number 90, Indianapolis, Marion County, 17 December 1893 — Page 6

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Eine geschiedene Frau.

Jii$ einer wahren Begebenheit von Tl. FlachA Der Sturmwind tobte heulend um die Mauern eines kleinen Hauses eine: Mittelstadt Deutschlands. Er rütteile an den Fenstern so gewaltig, daß liie Glasscheiben ächzend klangen und klirrten, als sei ihnen ein großes Leid jQtfdbiken. dann rüttelte er die alten Bäume, welche das Haus unter Schutz ' ' " ' und Scbirm qenommen hatten, bis tie " ' . ' ' in ihr innerstes Mark hinein, und riß die noch grünen Blätter von ihren Zweigen, sie hoch in die 2nH in tollem Tanze umher wirbelnd, bis er sie achtlos an den Boden warf und der Staub sie begrub, wie gestorbene Hoffnungen. Die junge Frau, welche unaufhörsich in dem Zimmer auf und ab schritt, achtete kaum auf den Sturm draußen. denn in ihrem Herzen tobte derselbe !

noch viel wilder und vernichtender, i "aqen lonne, oenn einen anoeren er zerbrach Frieden und Glück, er . Scheidungsgrund gab es nicht, da sie tödtete alle Hoffnungen und Wünsche j fr weigerte, ihn vor Gericht des ihres noch so jungen Lebens. Treubruchs anzuklagen, und er dies Sie war erst fünfundzwanzig Jahre ' ?uc$ wünschte, da dies seiner Wielt, und kam sich doch wie siebenzig- derverheirathung im Wege stehen jährig vor. D mein Gott " dachte Zonne. - Sie leb e seit einem halben sie, kann denn ein so schweres Schick- stets schwankend zwischen sa! nicht die fehlenden Jahre ersetzen ? Verzweiflung und Hoffnung, denn muß ich weiter leben, weil ich noch Zmer wieder hatte die Letztere ihr em jung bin ? - o laß mich sterben Ba ruerev on stmer Reue vorder im Himmel, denn meine Schultern m" die heutige Post ihr die werden erdrückt von der Schmerzens- brachte daß Alles vorüber last, mit der Du sie beladen l ast ! und sie eine geschiedene rern sei. . Was habe ich denn verbrochen, um eine ; . "ne fleWiebene rau! und in so schwere Züchtigung zu verdienen ! Zenem Brlefe.der da noch unerofsnet Es ist zu viel, viel zu viel ! und wenn Zag. und bejtm Adresse seine Handes wahr ist. daß Du aller Kreatur ein fx.f vielleicht mit barmherziaer Vater bist, daß selbst theilen, daß sie einander Nichts mehr der Sperling nicht ohne Deinen Wil- ugmg'n daß diese fünf Jahre au.- ' Al ml h A A 4 - 4l(t.

!-n hnrn nfa fsissr n fr. fnsf mir im, qen. was ich allein nicht tragen kann!" Sie trat an den Nähtisch, welcher w s ,,s v,f Ju IIWIÜ WUl f)W4l4lV UUV V' chem zwei Briefe lagen. Sie nahm den qroßen, der das bereits erbrochene amtliche Siegel trug, vom Tische, las nocö einmal, immer bleicher werdend. jedes Wort, und herzzerreißend klang 'der Ton, als sie ausrief : Also geschieden, unwiderruflich geschieden ! und wir haben uns doch Treue gelobt, 'bis der Tod uns scheidet !" Weinend schlug sie die Hände vor das Gesicht und sank, konvulsivisch schluchzend. ..c v ri..ui t.r&. v,- Ss, wau aus den Stuhl, welcher vor dem icay - f jriu ff tische stand. Was kümmerte es sie, daß zwei Schritte von ihr entfernt die Natur eine beredte Sprache redete ? sie derstand nichts von ihrem Geflüster und wollte es jetzt auch nicht glauben, da CZ. In ryy a V a rryry VrfÄSA . i uu ucui wuiwut vit wvuuc ivivvvv Icheint, sei es in der Natur. ! oder in dem zuckenden Herzen . ssX m).r. es, r ,. 9(8,? ! des Menschen. hr war Alles verödet, alles Gute ertödtet, wie sie i inciiuc, uuu u)i giuuic uui ücui -cc ben. : i . v. iu .. i . v . Ack. und einst hatte es ihr doch so Th nKn ma hnr fünf hren - als sie. die fast mittellose i 'Waise, von dem wohlhabenden Kaufmann Heinrich Wiese zu seiner Gattin qewählt wurde. Wie hatte sie ihn geliebt ! . fast angebetet, ihn den sie für das Urbild aller Vollkommenheit hielt. Und als schon im ersten Jahre ihrer Ebe der Strahlenglanz erlosch, den sie um das Haupt ihres Gatten gewoben hatte, da war i'.e Liebe doch unverändert geblieben. r;t war derHalbgott zu einem Menschen geworden, der menschliche Schwächen und Fehler hatte, der aber seine kleine Frau liebte. wie sie ihn. fr, ?.X-2 cvf,- rlh ;f,r Wirmo itrn vivtt y.ua n vv "- lume aus ihres Glückes Kranz, bis mer bei der Frau zu Hause zu sitzen, und unverantwortlich von ihm, der doch auch Verpflichtungen gegen seine lten Freunde habe, dieselben zu ver--nachlässigen, und er ließ seine junge 'krau jeden Abend allein. Wohl " S. r' il rui: .rS: . IVCUUC IC lUi vsiiucu wuiuuu, uvfcv ii. rt 1 .i v;;v, r, klagte nicht, denn e wurde sich doch t ei r.:. v;: t.: ' ?ur eme Frau nicht schicken, die Fre - V Vft r,7r'nrf inuthig wurden die Thränen getrocknet 1 w.. Z dJfiiif itnS und d ihm ein freundliches Gesicht gentsli. wenn er nack 5iause kam. Und wenn er sie dann sein liebes vernünftiges Weibchen nannte, welches nicht verlange, daß die Flitterwochen ewig dauern sollten, welches dem Manne keine Scenen" bereite, dann gaubte sie. daft sie dock wohl das Normälmak des Glücks mpfan, und . j . :c lan sich undankbar gcgen ch m Gat. ten vor, besonders enn er versicherle, ta6 et sich sck,n aus dem Heimwege aus sem gemüthlich:. He sreue wotrn ,bn sein l:ebe Marianne so fttunbltch empfange. rn'ÄÄh tK 1,ch lemals empfunden halte, war nur v? 'umr Dauer denn nun am die Zeit, wo d,e Abende mcht mehr genug. .'r " S'SÄäl' kachle am Sp el! sche v ibrachte. und am Tage schlaff und müde ar und V "ur wemg um das Sesicha b . t. f -tl .1 C 'C.. ..v.S -anne doch Nicht gut heilen und nun ab es die erste Scene m dies b,. jetzt so friedlichen Ehe. - Hatte sie luiiiincli i,.. vMw . f st ' lch dazu schweigen sollen ? aber nem Dem. vas ourne , ui, n , ußte es doch wenigsten, versuchen. ihr hausliches Gluck zu retten. Doch dieses war unwiderbrmglich v r. loren, denn Allev was sie bl-her erduldet, war ia Kinderspiel gewesen ge9en den emen Schmerz, den sie n:a)t Wer Wen ju können geglaubt hatte : Man . hatte ihr zugeflüstert, ihr Mann sei ihr untre', geworoen, aber 5 hatte das nicht geglaubt, und die

Verleumdung" entrüstet von sich gewiesen, bis sie aus seinem eigenen Munde die Bestätigung und zugleich die Bitte hören mußte, ihm seine Freiheit zurückzugeben. Nein niemals !" rief sie, ich gebe meine Einwilligung nicht zu diefern schmählichen Treubruche !" Als sie dann aber sah, wie trotzig und verächtlich er sich von ihr wandte.

, als ihr klar wurde, dab er nicht einen ' Cf 5 ? k- L 't 1 ; 'cnouci an ne uno lyre geirannen i rtt .z:t-i - v r i Gefühle dachte, sondern nur an jene Andere, um derentwillen sie geopfert werden sollte, da war es mit ihrem Widerstande u.;ei, und es kam ihr vor, als sei etwas in ihrem Herzen zer rissen. Halb ohnmächtig sagte sie zu allem, was er vorschlug, Ja". Er hatte ihr den Vorschlag gemacht, sie solle verreisen, und ihren Aufentyaltsort m dieser Stadt wählen, damit er auf böswilliges Verlassen" Hüu i cicu, u iu uu uuu 0cuci ci nes Weges zu ziehen hatte- War . nothig mußte sie solche Worte lesen Ja. sie mußte. der bittere Trai War es ? Trank wurde ihr nicht erspart, sie mußte ihn leeren bis zum Grunde. Ihre zitternden Hände öffneten den Brief, zuerst sah sie nur Buchstaben und Worte, die er geschrieben, zum letzten Mal an sie geschrieben hatte aber sie fand keine Bedeutung, keinen Sinn darin. Endlich hatte sie sich so weit gefaßt, daß sie begreifen und im Zusammenhange lesen konnte. Er dankte ihr für seine Freiheit in uctcuicu ;u)uiicu, v uiciu viuu uuu . . ,. ... P .er suhlt Nicht, welche Beleidigung das beredten Worten, o mein Gott und für mich ist !" murmelte sie und las weiter. Jetzt nahmen ihre Züge einen s leidenschaftlichen Ausdruck an, ihre j Augen flogen von Reihe zu Reihe, dann plötzlich zerriß sie den rief und schleuderte die Stücke weit von sich, in- . r fXf . c r . ri.rv r;:dem sie chluchzend ne: Geld für erz ! -meine SRete. mein lud und meinen Frieden gedenkt er mn mit . m " A, i K,a , . " zu viel ! o wie wenig kennt mich der, welcher einst mein Gatte war ! cn: . ..v . : TiC k U J?rCV &n an Mich herantritt, werde ich einen a. WCl lilll HU HU H.UVWV .VlUUil geworden ist !" Zwanzig Jahre waren seit jenem Tage verflossen. In Berlin, in einer ! belebten Geschäftsstraße, saß am Fenster der ersten Etage eines stattlichen ! Hauses, dessen untere Räume ein wohl ! renommirtes Weißwaarengeschäft ent- , hielt. ??rau Marianne Wiese, nun eine ! funfundvierzigjährige Frau. Die Jahre waren nicht spurlos an ihrer Persönlichkeit vorübergegangen, sie hatten den Schnee des Winters" aus ! ihrem dunklen Scheitel gestreut, und 1 fi tVfc f i rC A Vt H t W V A JA AA " 14111 mu ui. uuSui tf laai1' zsteli; unu ci;uiiiiuicu ciiunycn t - ; i . w u.L..i:ti;& . Freilich ein wenig Glück war auch dabei gewesen, denn ohne dies pflegt der Erfolg fern zu bleiben, aber dem ernstlich Strebenden wird, nachdem er die Feuerprobe überstanden hat, Fortuna selten abhold bleiben. mi' , . x,r.v kf.s.v Marianne war Mit taujeno yalern ., ..:.t. . ihr ganzes elralysgui, naey J j ' Lw ? folg ließ nicht lange auf sich warten : ' r.. ...... n2 rZiMi. ' rLZ der Geldgewinn, das war der Segen der Arbeit, den sie an sich selbst verspürte. Es währte gar nicht lange, da brachte sie der Lebensmüden den Lebensmuth zurück, den sie für immer entflohen glaubte. Zwar blieb ihr der Gedanke an das zerstörte Glück immer eine schmerzliche Episode ihres Lebens, .'.1' uuci wwuj iiui tuifc vf 1 , vtui it f Lebcn lein kr- , j me3 f Marianne halte sich aus eine m zurückgezovn mi m m mncn behag, fi ; to ä 6 doch den Stuf. nicht verhinderte, ihren Lippen zu m i m fo qan anbetä würde wesm sein, wenn eine H ima h hätte theilen können, wenn e? ihr vergönnt gewesen y. . theures Kind zu schassen , hür. S m,.:.z rannffnniift war UUU jUlUllUJUlfcS ütUU4Ui u tn Husches, aber sehr blasses . . n UtlV V U V4V Vvvw " rein trat ses junges JUlUUVttll UVtfc Vlt WiVVUfc. mhSie sind es. Miß Meadow tcbec Marianne dieselbe freundlich Wünschen Sie etwas von mir?" r mu möchte Sie en. mir einige Tage Urlaub zu get m f f dieselbe mit etwas sremdDialekt. r m .fl zank. ich darf es hm m ;h ganj allein lassen" Natürlich erfülle ich gern Ihre

Bitte und hoffe, daß J.hr Vater bald wieder genesen wird, was sagt denn der Arzt, er findet ihn doch nicht ernstlich erkrankt V Die blassen Wangen des jungen Mädchens rötheten sich und sie antwortete leise : Wir sind zu arm, um einen Arzt anzunehmen, aber ich fürchte, daß mein Vater sehr krank ist." Und das erfahre ich erst jetzt," rief Marianne, die Hand des jungen Mädchens ergreifend, haben Sie denn so wenig Vertrauen zu mir V Ach. Frau Wiese, es ist so schwer, Almosen anzunehmen, noch schwerer, solche zu erbitten." Ja, das wußte Frau Wiese auch, und sie begriff den Stolz des jungen Mädchens, aber geholfen mußte hier doch werden. Sie legte ihren Arm um die Schultern von Ada Meadow und zog dieselbe an sich, dann sagte sie :

ch biete Ihnen kein Almosen, mein Kind, denn ich hege ein Gefühl sll? Sie, als ob ich Ihre Mutter Ware, und von einer Mutter kann das Kind alles nehmen." Sie sind so gut." Ich darf Ihnen also meinen Hausarzt schicken, und darf mich diesen Nachmittag selbst davon überzeugen, wie es Ihrem Vater ergeht, und ob ich ihm nicht auf die eine oder die andere Weise nützen kann ?" Wir wohnen sehr weit von hier in einem elenden Stadttheile," sagte Ada, die Augen zu Boden senkend. Schadet nicht ; ich werde mich schon zurecht finden. Und noch eins haben Sie denn gar keine Freunde hier in Berlin V Gar keine." Weshalb sind Sie denn von Amerika hierher gekommen ? Reiche, oder wenigstens wohlhabende Amerikaner gehören hier in Berlin nicht zu den Seltenheiten, aber " Sie wollen sagen, Frau Wiese, daß Sie nicht begreifen, was wir in Deutschland suchen, da wir doch arm sind ? Ich begreife das selbst nicht, aber Vater war in seiner Jugend einmal in Deutschland gewesen, und wenn es nicht gar zu lächerlich klänge, wenn ich behauptete, er habe Heimweh nach dem fremden Land: gehabt, so würde ich diese Behauptung aufstellen, denn er hatte nur den einen Wunsch, mit seinem Kinde nach Deutschland zu reisen, und es hat lange gewährt, bis er in die Lage kam, sich denselben erfüllen zu können Erzählen Sie mir von Ihrer Kindheit, Ada." Diese war verhältnißmähig glücklich, Frau Wiese, denn wir waren reich, wenigstens hielt man uns dafür, wir machten ein großes Haus, und meine Mutter war eine elegante Dame, die großen Aufwand trieb. Auch mir wurde jeder Wunsch gewährt, nur der nicht, daß meine schöne Mutter mich lieben sollte.' Sie bekümmerte sich sehr wenig um ihr einziges Kind, sie hatte keine Zeit dazu. Meinen Vater sah ich nur selten. Als ich sieben Jahr alt war, starb meine Mutter plötzlich, man hatte sie am Morgen todt in ihrem Bette gefunden, und an demselben Tage wurden unsere schönen Sachen aus dem Hause geholt und verkauft, denn mein Vater hatte Vankerott gemacht, wie die Leute sagten. Wir bezogen eine sehr kleine bescheidene Wohnung. Nun sah ich meinen Vater oft, und dann sprach er immer von Deutschland und lehrte mich die deutsche Sprache, die bis zu der Zeit nie in unserem Hause gesprochen wurde, und ich war eine gelehrige Schülerin, und kam bald so weit, daß ich allein weiter lernen konnte, und das war gut, denn leider vergingen auch jetzt Tage und Nächte, in denen mein Vater nicht nach Hause kam, gerade wie zu Lebzeiten meiner Mutter. Zuweilen hatte er dann viel Geld, und warf es mit vollen Händen von sich, zuweilen .aber kam er auch mit leeren' Händen, und dann war er schlechter Laune, selbst gegen mich. Es mußte dann irgend eine Kostbarkeit verkauft werden, die noch aus den guten Zeiten übrig geblieben war, doch von dem daraus erlösten Gelde sah ich nichts, und ich wußte oft glicht, wie ich es anfangen sollte, unseren kleinen Haushalt zu führen. Da fiel mir ein, ich wollte in ein Geschäft gehen und n'ähen lernen, denn ich durfte hoffen, alsdann uns beide vor der drückendsten Noth bewahren zu können, 'und das ist mir auch gelungen. Ich wurde wieder guten Muthes und wäre ganz zufrieden gewesen, wenn der Vater pünktlich, wie es sich doch schickte, nach Haus ankommen wäre. Das that er aber leider nicht ; doch eines Mor gens. nachdem er die Nacht außer Hause zugebracht hatte, kam er ganz glücklich zu mir in die Küche. Er' hatte Geld, mehrere hundert Dollars und nun wollten wir sofort nach Deutschland reisen. Unsere paar Möbel waren bald verkauft, und wir reisten ab. Aber wir führten hier in Berlin dasselbe Leben wie drüben in Amerika ; oft recht oft war Schmalhans bei uns Küchenmeister, und was das sonderbarste war, der Vater wollte mir nicht erlauben, hier ebenso wie in Amerika für Geld arbeiten zu dürfen ; das schicke sich hier nicht, antwortete er. Ich konnte das gar nicht begreifen, kann es denn in Deutschland eine Schande sein, wenn man arbeitet V Nein, liebe Ada, daS ist ein überwundener Standpunkt; jetzt giebt es nur noch wenige, die es dafür hallen. Arbeit macht frei und bringt Segen, das habe ich an mir selbst erfahren, sie hilft das Unglück würdig tragen, sie macht dieMenschen besser und nachsichtiger mit Anderer Schwächen. Glauben Sie es mir, Ada, Arbeit ist

die größeste Wohlthat, welche der Schöpfer dem Manschen auf seinen Lebensweg mitgeben konnte, und niemals kann er ihm genug für dieses Geschenk danken." Noch niemals war der Fuß von Frau Wiese durch so erbärmliche Straßen geeilt als jetzt, da sie die amerikanische Familie aufsuchte. Endlich da war Straße und Hausnummer. Sie erklomm drei enge Stiegen und befand sich auf einem fast dunklen Vorplatze, auf den fünf oder sechs Thüren mündeten, hinter welchen eben so viele Familien zu hausen schienen, wie die angenagelten Visitenkarten besagten, von welchen jede einzelne einen andern Namn trug. Frau Wiese suchte und fand den Namen Meadow" und klopfte dann leise an die Thür. Sie mußte ziemlich lanqe warten, endlich öffnete sich dieselbe und Fräulein Ada trat ihr entgegen: Ich habe meinen Vater darauf vorbereitet," flüsterte sie ihr zu, daß meine gütige Vrotherrin uns bechen will, aber bitte, zürnen Sie ihm nicht, wenn er dies nicht so dankbar anerkenn, als er wohl sollte; das Leben hat den armen Papa bitter gemacht. lassen Sie mich im Voraus für ihn um Verzeihung bitten." Fürchten Sie nichts, liebes Kind, weiß ich doch, daß es ein Kranker ist, den ich besuche, und mit den Launen eines solchen rechnet man nicht." Hatte Ada erwartet, ihr Vater würde die fremde Besuchen barsch abweisen, so hatte sie sich getäuscht, aber fllrdas, was jetzt zwischen den beiden Personen vorfiel, fehlte ihr jedes Verständniß. Der Fuß von Frau Wiese blieb nämlich wie angenagelt an der Schwelle haften, sie schien vor Schreck fast gelähmt zu sein, während der Kranke sich in seinem Bette aufgerich, tet hatte und die Eintretende wie eine Vision anstarrte. Er streckte dieHände wie abwehrend ihr entgegen; dann flüsterte er: Nein. nein es ist ja nicht wahr ein Traum wie er jede Nacht kommt. aber es ist noch Tag Marianne, o Marianne bist Du ihr Geist, oder kommst Du, um Dich zu rächen?" Er schlug die Hände vor das Gesicht, und leise stöhnend sank er in die Kissen zurück. ' Nun kam Leben in die Gestalt der iodtbleichen Frau auf der Schwelle, sie schwankte auf das Bett zu, sank dort auf ihre Knie nieder, faßte nach der abgezehrten Hand und rief: O Heinrich, welch ein Schmerz, muß ich Dich so, so wiederfinden!" , So ist es wahr, es ist nicht Dein Geist Du bist es selbst? Und Du kommst in meiner letzten Stunde ? Du willst dem Unseligen fluchen, der, seinen Lüsten fröhnend, Dich verlassen hat? O Marianne, sei barmherzig, ich bin gestraft genug!" Ich komme nicht um zu fluchen, sondern um zu helfen, wenn dies möglich ist. Ich komme, um Dich in schwerer Krankheit zu pflegen, wie sich dies für Dein Weib schickt." Für mein Weib! so weißt Du nicht " Ich weiß, daß diejenige todt ist.die zwischen uns gestanden hat, sonst " fügte sie mit leiser Stimme hinzu, würde ich ihr den Platz, nicht nehmen, der ihr vor der Welt gebührt." Er lachte höhnisch auf und erwiderte dann: O, sie würde ihn Dir nicht streitig machen, denn sie war nicht geschaffen für dunkle Tage." Vater, was ist das?" rief jetzt Ada mit. todtblassem Angesicht, ich verstehe dies alles nicht, was ist Dir jene Frau? Hast Du sie schon gekannt? Gott, meine Sinne verwirren sich'." Ob ich sie gekannt habe, was sie mir ist? Kind, sie war meine erste Liebe und mein Weib, ehe ich noch Deine Mutter gesehen hatte; doch Du sollst später alles wissen jetzt verlassen mich meine Kräfte." Marianne glättete ihm die Kissen, er griff nach ihrer Hand, und diese

festhaltend, sagte er: O verlaß mich nicht! Gehe noch nicht fort, Marianne!" Ich bleibe bei Dir, bis Du genesen bist. Ada, nimm meine Droschke und fahre in's Geschäft, sag' der Direktrice. daß ich möglicher Weise einige Tage fort bleiben würde und daß sie mich vertreten soll. Dann laß Dir von der Haushälterin Wein und Gelee für den Kranken geben und komm so schnell wie möglich zurück." Als Ada noch halb im Traum das Zimmer verließ, sah sie, daß Frau Wiese am Bette ihres Vaters Platz genommen hatte. Ist es auch wahr, daß Du mir verziehen hast?" fragte er, und es erschien Marianne, als strahlten seine Augen in einem überirdischen Glänze. Von Herzen." Und dennoch bist Du gerächt, und ich bin furchtbar gestraft für alles, was ich an Dir verbrochen habe, Daß es Mrs. Harlington war, die mich zum Treubruch gegen Dich verlockt hat. wird man Dir erzählt haben. Sie war eine bezauberndschöne, junge Wittwe, eine Amerikanerin, die ein Jahr in Deutschland lebte, wahrscheinlich in der Absicht, sich einen reichen Mann zu suchen, und ich galt für reich! Sie bestrickte meine Sinne in einem Grade, daß ich mich jetzt selbst nicht begreife, und drängte mich zu der Trennung von meinem bis dahin trm geliebten Weibe. Als ihr dies gelungen, erklärte sie mir, nur in dem Falle in eine Verbindung mit mir willigen zu wollen, daß wir nicht nur unsern Wohnort in Amerika wählen, sondern daß ich mich auch entschließen würde, für einen geborenen Amerikaner zu gelten und meinen Namen zu verandern, um dies glaublich zu machen. Sie erklärte, es nicht ertragen zu können, wenn man sie iu Nett 2)o:k

weniger hoch achte, weil sie einen Dutchman" geheirathet habe. Ich war so verblendet, daß ich mich außer Stande fühlte, ihr irgend einen Wunsch unerfüllt zu lassen, glaubte ich doch, daß sie mich liebte; aber es dauerte nicht lange, da wußte ich, daß ihre Liebe nicht mir, sondern meinem Vermögen galt. Und trotzdem ließ ich mich von ihr ruiniren. Ich versuchte wohl einmal ihrer Wahnsinn!gen Verschwendung entgegen zu treten. aber ohne allen Erfolg. Mit fieberhafter Begierde lief ich dem Gelde nach, um es ihr mit vollen Händen zuwerfen zu können, ich spekulirte, ich ergab mich dem Hazardspiele und ich verlor. Ich stand vor dem Bankerott Sie war theilnahmlos und verlangte Gold immer wieder Gold; da sagte ich ihr, daß sie sich entschließen müsse, ein bescheidenes Leben mit mir ZU führen, denn ich hätte alles verloren, wolle mich aber ihretwegen bemühen, wieder empor zu kommen. Sie lachte höhnisch und sagte, sie wisse Besseres, als mit einem sentimentalen Deutschen, den sie nicht einmal liebe, Hunger zu leiden. Am nächstenMorgen fand man sie todt im Bette, in der Hand hielt sie noch krampfhaft eine kleine Phiole fest. Zum Glück war mein einziges Kind, meine Ada, so ganz anders geartet, als ihre Mutter; sie erinnerte mich in ihrem Wesen oftmals an Dich, an die ich nun wieder viel dachte, aber auf lange hielt ich es auch bei ihr nicht aus, denn der Spielteufel hatte mich einmal in seinen Klauen, und er ließ mich nicht wieder los. Ich wurde krank und immer kränker, ohne daß Ada dies bemerkte, und da ergriff mich eine fieberhafte Sehnsucht, wenigstens in dem Lande zu sterben, in dem Du lebtest. Ich kam vor fast einemJahre in Berlin an und gedachte Nachforschungen nach Deinem Wohnort anzustellen, denn ich wollte Dich wenigstens aus der Ferne einmal sehen, aber ich

war zu schwach, zu energielos geworden, und so unterblieben auch diese Nachforschungen. Ein glücklicher Zufall hat Dich heute zu mir geführt, und es war die höchste Zeit, denn ich fühle es deutlich, es geht mit mir zu Ende. Widersprich mir nicht, ich sehe ! es Dir, die ja niemals lügen konnte, an, daß auch Du weißt, wie nahe der . Tod meinem Lager steht, und ich würde eine Welt freudig verlassen, in der ich so viel geirrt und gefehlt habe, wenn ich nicht meine Tochter allein, und ach ! so schutzlos zurücklassen müßte!" Ich werde sie nie verlassen, Dein Kind soll auch das meinige sein! Liebe ich Ada doch schon jetzt, und wenn Du mir dieselbe anvertrauen willst, so gelobe ich Dir, daß ich dieselbe zu einem nützlichen Gliede der menschlichen Gesellschaft erziehen werde. Sie soll meine Tochter, meine Stütze, einst meine Erbin werden, und Du kannst ihertwegen ruhig sein." O Dank, Dank Nun sterbe ich ruhig." antwortete der Kranke mit schwacher Stimme und suchte die Hand seiner ehemaligen Gattin zu ergreifen. Als nach zwei Stunden Ada zu? rückkehrte. da schlief ihr Vater den ewigen Schlaf. Statt seiner empfingen sie die geöffneten Arme ihrer Mutter", deren Edelmuth ihrem Vater eine ruhige Sterbestunde verschafft hatte. Q. Ada wollte sie ehren und lieben, die geschiedene Frau" ihres Vaters, welche ihr Vater, Mutter und Heimath ersetzte, und in deren Augen sie den Strahl der Liebe entdeckte, den sie bei der eigenen Mutter vergebens gesucht hatte. AUS einem alten Predigtduche. Der Pfarrer Spörer zu Rechenberg im Fränkischen ließ 1720 eine Predigt drucken, , in welcher nachstehende Stelle vorkam: Das Frauenzimmer lieb ich von Natur, wenn es schön galant complaisant, honett,- sauber aufputzt, wie ein fchönes Pferd, da? weiß ich schon, wie sie zu respektiren seien, dem Manne alles an den Augen absehen, was er will. Ha, da lacht das Herz, wenn d Mann heimkommt und einen so liebenswürdigen Engel antrifft, der ihn mit den schneeweißen Handchen empfängt. küsset, herzet, ein Brätlein und Salätlein auf den Tisch trägt, und sich hinsetzt und spricht: Engel, wo willst Du heruntergeschnitten han? und was dergleichen Honig- undzuckersüße Sachen noch mehr sind. Wenn man aber einen boschi! boschi! roschi! roschi! einen Rumpelkasten, ein altes Reibeisen, einen Zeidelbär, eine Haderkratz, ein Marterfell im Hause hat, die immer brummt: mumm! mumm! Die eine Thür zu- die andere aufschlägt, die im Schlot mit der Ofengabel hinausfährt und wieder auf den Herd herunterplumpt, die ein Gesicht wie sieben Tag Regenwetter oder wie ein Nest voll Eulen macht, die lauter Suppen aus dem Höllentopfe anrichtet, und was des Teufelzeugs mehr ist: die lieb' ich nicht, der Teufel mag sie lieben!" Signalement. Ein Musikmapperl, Ein blondes Zopferl, Ein Quasterlkapperl, Ein Spatzenkopferl, Zwei Aeugerln wie der Mai, Ein stumpfiges Naserl .... Und 's Beste dabei: Sie is mein Aaserl! AucheinBeweis. Mama: ..Glaubst Du denn wirklich, daß Dich der Herr Assessor heirathen wird; was lü? einen beweis hast Du dafür?" "ochter: Mama, er hat auf der Pro. .nenade nein Schoßbündchen gestre ?!t."

Moderne Literatur.

' Der rastlos fortschreitenden Thätigkeit moderner Dichter ist eS noch vor Thorschluß 'des Jahrhunderts gelungen, ein neues Gebiet für die Poesie zu erobern: Wie in der Malerer, so ist auch rn der Literatur die Schönheit des Häßlichen entdeckt worden! Fort mit all' tom Wust von Blüthendust und Lenzeözauber, von Seelenadel und Herzens'größe; das Niedrige, das Gewohnliche allein hat noch Recht! Nennt man darum die besten Namen solcher Werke, so wird man nur Titel hören wie Licder eines Wurmstichigen" angefressene Geschichten" aus allen Winkeln" der Traum der Lumpensammlern" und ähnliche. Daß bei solchen Bestrebungen die alten Formen nicht mehr taugen, daß sich fcie modernen Dichter auch nach neuen Klassennamen für ihre Produkte umschen müssen, ist nur begreiflich, un'0 möchten ihnen daher vielleicht nachfolgende bescheidene Anregungen nicht ganz unwillkommen fein. . Wie wäre es, wenn man forthin, statt der Humoreske, die Hautgoutmoreske pflegte, statt des Sonetts, um gleich den Mißllang anzudeuten, den der moderne Dichter in d:r Sele erzeugen will, nur Toch Dissonette und Mißsonette schriebe? Statt der Epopöe schlagen wir die Hintertreppopöe vor wer sieht da nicht schon vor seinem geistigen Auge den Schauplatz des Werkes! statt der Allegorie kann nur noch 'die Skandalegorie existiren. istatt des Ji)ylls das Dynamityll. statt '.tit erotischen Dichtung die bankerott sche. Auch die Rohmanze hat ihr Nccht, und was bisher lyrisch war, sei nun delirisch! Und erst gar d?r dramatische Dichter! Welche Füll: von Namen findet er! Statt des Rührstücks das Degenerirstück. statt der Posse die Misanthroposse, statt des Dramas das Hypochondrcrma, statt des Melodrams das Kümmelodram; dazwischen hinein vielleicht, statt fader Einakter, hin und wieder sogar ein kleines Schweinakterchen! Wir zweifeln nicht, daß es der genialen Vroductivität unserer modernen Dichter gelingen wird, aus diesen wenigen An'oeutungen eine großartige Fülle der neuesten häßlichst - schönsten Bezeichnungen und Werke abzuleiten und so der Verarmung der Sprache kräftig entgegen zu wirken! Schnell gefaßt. Jäger zur Kellnerin: Wie reizend Sie heute aussehen, Rest! Nun, geben Sie mir schnell einen süßen Kuß! Rest: Lassen Sie mich gehen, Sie zudringlicher Mensch! Jäger: Na, na, nur nicht so böse. Dann geben Sie m:r einen Bmern! Mannes stolz. Muller: Ich gehe heute Abend- zu crner Solopartie, Karl, meine Frau hat nichts dagegen. Kannst Du mit? Lammchen: Fuqre mich nicht tn Versuchung, Fritz! Du weißt doch, daß die Schwiegermutter bei uns zu Besuch ist. Im Seebad. Fraulein, wenn Sie in's Wasser fielen und ich zöge Sie heraus würden Sie Ihren Lebensretter mit Ihrer Hand beglükken?" .Wozu solche Umstände? Wenn Sie eine Frau über Wasser halten können, so erreichen Sie Ihr Ziel auch auf dem trockenen Wege." Höchster Triumph. Kamerad haben um die Tochter des Bankiers angehalten?" Ja, wollte armem Kmd kleine Freude machen !" Haben aber doch Korb bekommen!" Na ja, ist doch höchster Triumph für sie, m i r Korb geben zu können!" Heiraths Annonce. Dame, jung, hübsch, geistreich, arm wünscht Herrn mit den entgegengesetzt ten Eigenschaften behufs glücklicher Ehe kennen zu lernen.

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Clne schneidige Familie

;r Der Vater ist Rentier und schneidet ab (Coupons). Der älteste Sohn ist Jäger und schneidet auf. Der Zweitälteste Sohn ist Literat rnfo schneidet 'raus. Der jüngste Sohn ist Lieutenant und' schneidet Cour. Die Gouvernante und das vcr- ! tauschte ttinv. EinMatrosenulk. Gegenseitige Dan ! b a r k e i t. (Der Herr Sanitätsrath wird spät in der Nacht noch zu einer Zeicht erkranlten Comtesse gerufen.) DaS rechne ich Ihnen hoch an, Herr Sanitätsrath, daß Sie noch so spät gekommen sind!" Ich auch," erwiderte der Alte lakonisch. , :

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