Indiana Tribüne, Volume 17, Number 27, Indianapolis, Marion County, 15 October 1893 — Page 3

ßö Mttttoemn!. Sotf:ro:na;i vzn Fsver ZWtiU (12. Fortsetzung.) Es ist Niemand so blind, als Jene, welche nicht sehen wollen!" antwortete Hilda Es ist klar, daß ich keinen Platz habe in Ihrer Achtung; aber auch miene Zeit wird kommen." Wie oft muß ich Ihnen denn noch sagen, daß Sie nicht einfältig sein sollen, Hilda? Lassen Sie mich keine solchen Thorheiten mehr hören! Machen Sie sich fertig zu Ihrem Maskenball und legen Sie diese düstere Miene ab. Ich will die jungen Leute glücklich sehen." Hilda schleuderte dem altenSoldaten einen Blick wilden Hasses zu. Arthur hat meine besten Wünsche für sein Glück," sagte sie hartnäckig; .aber daran glaube ich nicht, daß es von Bestand ist. Sie werden sich überzeugen, dieses Geschöpf ist nicht, was :s scheint!" , Pah!" antwortete der General. ' In der Vertiefung des ziemlich weit von Hilda und dem General entfernten Fensters stand Paulette, ihr Gesicht schimmerte zwischen den Blumen wie :in Stern. Arthur sprach zu ihr: Ich fühle mich doppelt glücklich, zu wissen, daß mein Name 'der Erste ist, den Sie in Ihr Herz eingeschrieben. Die erste Liebe einer Frau ist ihre beste Liebe." Sie erröthete schwach und zog ihre Hand halb aus der seinigen. Würden Sie mich weniger lieben," fragte sie, wenn Sie wüßten, daß ich schon vor Ihnen Jemand zugethan geBesen sei?" Vielleicht nicht; aber ich liebe Sie, !vie Sie sind mein kleines Mädchen, :ine frische Blume aus dem Garten Eden. Ich könnte es nicht leicht ertrazen, eine Erinnerung dieser Art zwichen uns zu haben." Als er dies sazend dastand und sie mit seinen dunklen Augen betrachtete, beschlich Pauleite ein Gefühl von undefinirbarer Furcht und es trat ihr wie ein kalter JitM vor das Antlitz. Und Sie," sagte sie mit einem erzwungenen Lachen, haben Sie nichts zubeichten? Gibt es keine Geheimii)t in JhrcrVergangenhnt?" Er stand öa, wie ein Bild von Bronce, und das L?ondlicht fiel auf seine schöne Gestalt. Keine, . Paulette!" antwortete er. .Sie sind die erste und einzige Frau, sie ich jemals liebte!" Möglich, nach all' Ihren weiten Wanderungen in der Fremde? Q Arthur, fühlten Sie niemals Liebe für irgend ein weibliches Wesen außer knir?" , Niemals!" ' Sie sah seltsam traurig aus. So die ich bin," stammelte sie endlich, gehöre ich Ihnen. Ich weiß nicht, was ich mehr sagen könnte." Eine Woche später schrieb Hilda eimn Brief an Georg Trent, in welchem folgende Stelle vorkam: Es ist ge?ade, wie Sie vorhergesagt. Arthur ist ziit des Generals Mündel verlobt, und ?er General ist erfreut darüber! Sie werden glücklich zu sein, zu erfahren, ?aß Paulette lieblicher als je ist und )aß sie leidenschaftlich liebt es hat wirklich nie ein schöneres Paar LiebenDer gegeben. Was mich selbst betrifft, Derde ich an dem Abende meines Geburtstages einen Maskenball haben und alle Vornehmen der Nachbarschaft lind dazu eingeladen. Was thun Sie :m Norden? Ich meine, Ihr Besuch daselbst müsse für irgend Jemand nichts Äutes bedeuten." 20. Capitel. ' ' Es war ein erstickend heißer SomBierabend, welcher dem Maskenball zu Weißenthurn voranging ein ominöser Abend voll Hitze, Schweigen und leheimnißvollem Dunkel. Ein nammloses Unheil schien in der Luft ausgebrü'et zu werden. Auch Paulette fühlte Da, inmitten all' ihres Glückes, als sie lus einem Fenster auf denPark heraussah. wo zwischen den Bäumen undGesträuchen farbige Lampen hingen. Es steht etwas bevor," sagte sie zu sich selbst. Ich fühle es in meinem zanzen Wesen entweder ein Erdbeben, oder Hilda braut irgend ein Unheil zusammen, was mein Vormund noch mehr fürchtet. Die böse, böse Hilda!" Paulette hatte für den Ball das Costüm des Aschenbrödel gewählt eine zestickt: Schleppe, ein Mieder mit Silberspihen und die berühmten kleinen Vantosfeln von tadelloser Form. Durch ihr glänzendes Haar zogen sich wilde Kosen. Eine weiße Atlasmaske bedeckte ihr liebliches, pikantes Antlitz. Durch im Fluth blendenden Lichtes ging es'' die große Stiege hinab. Die Halle war mit Pflanzen und Blumen aller Art eingefaßt und Elfen und Dryaden zuckten hie und da aus dem rür. schelmisch hervor. Die Salons waren mit Gästen anzefüllt, die sich beäugelten. sich neckten und lachten. Alle trugen schöne, phantasiische Kleidung. Da erschien Hilda als Aebtissin in einem schwarzenSammetkleide, mit einem Rosenkranze von Carniol an ihrem Gürtel. Paulettcns kluge Augen erkannten rasch ihre Erzfeindin. Dort in einer Ecke stand der General als Blaubart. Sie kannte ihn an 'seiner Löw.nstirne und an seiner imposanten Haltung. Marie Antoinette schwebte am Arme Karl des Ersten dahin; Lucia von Lammermoor kokettirte durch ihren Fächer mit einem Carmeliter. und Pizarro sagte einem Schwer zer Landmädchen, wie es schien, seh? anziehende Dinge. See-N:)mphen, En-gel.-Zigeuner und Könige, Hofdamen, und Straßenräuber bewegten sich in buntem Gemenge. i .Aschenbrödel glitt in die Mitte dies fröhlichen Gesellschaft und sah sich nactj ihrem Prinzen um. Er war dem unbe

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wasfneten Auge nicht sichtbar, und als die Menge noch dichter wurde, zog sie sich in die nächste Fensternische zurück und wartete auf sein Kommen. Sie stand da, betrachtete das Fest mit großem Vergnügen und sagte zu sich selbst: Es sieht aus, wie ein Schauspiel im Theater!" Da hörte sie hinter sich ein seltsames Geflatter, und vom Vorplatze herein kam eine große schwarze Fledermaus, welche allen, an denen sie vorüberkam, mit ihren Flügeln zufächelte. Wo ist Dein Prinz, Pathchen?" fragte die Fledermaus. Ich erkenne dieVcrwandtschast nicht an," erwiderte Paulette munter. Sehr unfreundlich von Dir," sagte die Fledermaus; ich bin doch Deine Pathin. Ich lege meinen Zauber auf Dich. Wenn dieUhr zwölf schlägt, wirst Du seine Wirkung i?hen! Bis dahin Adieu, schönes Aschenbrodel!" DieFledermaus flatterte in die Ecke, wo Hildas Piano stand, und begann wie wahnsinnig einen fröhlichen Walzer auf dem Instrumente zu pauken. In demselben Momente kam ein Prinz, in einem prächtigen Sammtwamms mit Goldstickerei und Diamanten. Laß uns tanzen," sagte er und sie schwangen sich fröhlich im Kreise, während die Fledermaus spielte. Wer ist unser beschwingter Freund?" fragte Aschenbrödel denPrinzen. Ich habe keine Idee davon," antwortete er. Es ist nur eine Maske da, die mich interessirt und diese bist Du!" Ich muß mich aber schlecht verkleidet haben, da Du und die Fledermaus mich auf den ersten Blick erkannten." Er betrachtete sie scherzhaft. Laß einmal sehen. Du hast Dein prächtiges Haar nicht versteckt, ebenso nicht diesen wunderbaren Hals, nicht Deine Arme, noch eine gewisse Anmuth, die von all' Deinen Bewegungen ausgeht, wie der Duft von den Blumen. Daher Dein Mißgeschick!" Jetzt kam die Fledermaus herausgeflattert und nahm selber an dem Tanze Theil. Wenn die Uhr zwölf schlägt!" flüsterte sie Paulette zu. Dann werden wir uns demaskiren zum Souper," warf Aschenbrödel leicht hin. Sie drehte sich mit dem Prinzen im Kreise, bis ihr der Kopf schwindelte, und dann kam Blaubart mit der Löwenstirne und führte sie zu einer Quädrille. Wenn alle diese schönen Leute das nächste Mal hier versammelt sind," sagte er, dann gibt es eine Hochzeit." Die Nacht schien immer schwüler und drückender zu werden. Aschenbrödel schlüpfte endlich in den Schatten einer Gardine, um ihre Kehle mit süßem Fruchteis zu kühlen, das ihr der Prinz brachte. Komm' in den Park hinaus es ist erstickend hier," sagte er; und sie schritten fort mit einander in die heiße, dunkle, aber duftende Nacht. Die farbigen Lampen leuchteten wie Feuerbälle zwischen den Bäumen. Johanniskäferchen flimmerten in den Gebüschen. Die Töne eines Walzers von Strauß folgten ihnen, schmelzend und süß. aus den Sälen nach. An dem Ende eines Wiesenplatzes stand ein runder, offener Pavillon, auf dessen Spitze eine rothe Feuerkrone schimmerte. In diesen setzten sie sich. Und sie sprachen von der alten Geschichte, die ewig neu bleibt und süß, so lange der Himmel blaut über den Kindern der Manschen. Die farbigen Lichter zwischen denAnlagen, und :ine Lampe, die im Pavillon hing, warfen einen magischen Ächimmer auf sie und auf eine Wand vo'. Weinreben, die sich hinter dem zierliä,nBau erhob und ihn zum Theil umfaßte. Ihre schönen Costüme glitzerten, und sie hatten Beide ihre Larven abgenommen und betrachteten sich mit lächelnden Blicken. Gewiß," sagte Aschenbrödel, das Alles sollte Hilda wenigstens fü: eine Woche in guten Humor versetzen. Finden Sie es aber nicht etwas erschöpsend? Wenn ich einmal sechs und dreibig Jahre zähle, denke ich, werde ich aufgehört haben, nach Maskenbällen zu seufzen." Sie gebrauchte das vertrauliche Du nicht mehr, sobald sie sich demaskirt hatte. Jeder nach seinem Geschmacke," antwortete der Prinz. Die armeHilda! Lassen wir sie tanzen und vergessen, was vorüber ist, wenn sie es kann. Der Himmel weiß, sie hat zu ihrer Zeit Kummer genug gehabt!" O, ich habe die Geschichte gehört!" sagte Paulette gedeh:t, indem sie eine wilde Rose zerpflückte, die aus ihrem Haare gefallen war. ..Sie kommen aus einer sehr bösen Familie ich hoffe, die Frevel des Stammes werden sich bei Ihnen richt fortsetzen!" Sie sah. daß sein Antlitz sich ein wenig umwölkte. Es liegt etwas Böses in unserm Blute, aber ich denke, ich brauche es nicht zu fürchten. Ich habe nun eine Macht gefunden, die den Dämon ver-

bannen kann. Er zog ihr goldgelocktes Haupt mit leidenschaftlicher .Zärtlich kett an sein: Brust. Einige Momente herrschte süßes Schweigen in dem Pavillon. Dann sprang Paulette plötzlich empor. Horch! Was ist das?" sagte sie. Was denn?" fragte er. Ich hörte Schritte." Ohne Zweifel! Es ist ein Wunder, daß irgend Jemand im Hause bleibt in einer solchen Nacht." Aber es war hier hinter unZ neben diesen Weinreben!" Der Wind, Aschenbrödel, oder ein aufgescheuchter Pirol." Sie warf einen ?ischrockenen Blick über ihre Schulter. Als sie dies that, plötzlich theilte sich das Gezweige ge rauschlos und ein Äesicht blickte hin durch' auf sie. Das Eesicht eines Man

nes, aber keines von den fröhlichen Masken dieses Abends. Wie gelähmt starrte sie es an. Der Mann trug einen Hut, der einen tiefen Schatten auf sein Gesicht warf.Aus diesem beschatteten Antlitze leuchteten zwei Augen wie glühende Kohlen. Es dauerte nur einen Moment, dann fügten sich die Zweige wieder geräuschlos zusammen und die Vision war verschwunden. Sieh' Arthur!" stieß sie, mühsam nach Athem ringend, hervor. Er that es, aber es war zu spät. Paulettes Gesicht bedeckte Leichenblässe. Was haben Sie gesehen?" fragte er erstaunt. Es war nur ein? Vision." stammelte sie und schauene in der Luft. Lassen Sie uns hineingehen; es muß nahe an Mitternacht fein!" Sie legte ihre La:ve an und ergriff seinen Arm mit nervöser Hast. Der erste Schlag der zwölften Stunde ertönte eben, als sie in die weite Halle eintraten. Die Gäste standen bereit, bei dem letzten Glockenschlage sich zu demaskiren und in den Speisesaal zum Souper zu gehen. Aschenbrödel, inmitten derGesellschaft stehend, fühlte sich an der Schulter berührt und sich umwendend, sah sie die Fledermaus. Die Stunde ist gekommen," sagte diese in spöttischem Grabestone. Empfangen Sie den Zauber fr!" Und sie schwang ihre schwarzen Flügel über ihr, von denen ein Streifen Papier herabsiel und Pauletten in die Hand flatterte. Ihre Finger schlössen sich mechanisch darüber. Der letzte Schlag der Mitternachtssiunde ertönte und siehe! Aschenbrödels Pracht siel von ihr ab wie durch einen Zauber und sie stand da in dem Eostüm eines armen LandMädchens, ihrem Herrn und Gebieter huldigend, und dann verschwand sie durch die nächste Thür und ließ nur einen ihrer kleinen Pantoffel zurück, den Arthur rasch aufhob und ihn noch warm fand von dem. Drucke ihres Fußcs. Auf ihrem Wege sah sie sich nach der Fledermaus um, aber diese war nirgends mebr zu sehen. Als sie ihre Hand von dem ZUme des Prinzen abzog, ließ sie unversehens den Papierstreifen fallen. Arthur hob ihn auf. Was ist das?" sagte er leichthin. Ein u.'iwiderstehlicher Impuls trieb sie an, das Papier rasch wieder zu erfassen. Es war sorgfältig gefaltet. Sie öffnete es und da, inmitten der freudigen Gescllschaft, während ArthursAugen auf sie gerichtet :i.iren, während die Musik noch ertönte und die Luft erfüllt war von fröhlichen stimmen und Lachen, sah sie eine verängnißvolleHandfchrift. die sie sehr wo'zl kannte, und las die folgenden Wort: Meine Gattin! Ich bin zurückgekommen ich erwarte Dich in dem lleinen Pavillon im Parke. Komm' zu mir, sobald euer Fest vorüber ist. Vergib' das Ver.ngcne vergiß Alles, was ich U: unserem traurigen Scheiden gesagt! Ich habe Dir großesUnrccht gethan. Ich weiß, jetzt, daß Du unschuldig warst. Ich bin wieder ' Dein St. John." Konnte sie ihren Augen trauen? Wachte oder träumte sie? St. John! Lebend! Er war zurückgekommen wartete auf sie! Entsetzen! Einen Moment drehte sich da? Zimmer mit ihr die ganze fröhliche Gesellschaft erschien ihren wilden, weitgeöffnetn Augen wie ein Carneval von Dämonen! Gewiß sie konnte nicht recht gelesen haben! Sie überflog die fürchterlichen Worte noch einmal, eines nach dem anderen, und während dessen stand Arthur neben ihr und betrachtete sie mit geduldigen aber erstaunten Blicken. Paulette! Güfei Himmel! WaS gibt es? Was hast Du da?" flüsterte er. Sie zerknitterte das Papier in ihrer Hand. Ihr Gesicht to;? aschfarben und starr wie das eine'.- Reiche. Es ist nichts," sagte sie schwerathmend ein einfältiger Scherz. Ich bin krank lassen Sie mich gehen, Arthur, ehe diese Leute auf mich sehen!" Das Erstaunen auf seinem schönen Gesichte veränderte sich in wirklicheBestürzung., Wie bleich Sie sind! Ja, gewiß sind Sie krank. Lassen Sie mich Hilda ru fen oder die Dienerin". Nein, nein, halten Sie mich nicht auf, beachten Sie es nicht denken Sie niemals wieder an mich, Arthur!" rief sie unzusammenhängend und riß sich mit wirklicher Gewalt von ihm los Und war fort im Augenblick über die Halle und die Stiege empor. Sie schloß die Tbure ihres Zimmers

und sank in die Knir. Hatte das Grab einen seiner Todten herausgegeben. oder war es, wie sie zu Arthur gesagt hatte, wirklich nur ein, freilich fürchterlicher Scherz? Unmöglich! Bisher wußte nicht eine Person etwas von ihrer Heirath. Er mußte zurückgekommen sein! Sie war nicht frei, wie sie gedacht, sondern gebunden gebunden sie, die Arthur liebte für deren nahe Hochzeit der General bereits Vordemtungen traf sie war das Weib eines Anderen! Sie kniet? regungslos, fast athemlos, ihr bleich?.? Antlitz auf ihre Hände gebeugt. Sie rar zermalmt, vernichtet. Nur Eines dlieb klar in ihrem wirren Gehirn. Sie mußte mit ihm zusammentreffen, sie muß ihn sehen von Angesicht zu Angesicht dieses Unglücksgespenst, das aus dem Grabe erstanden war und das in der Höhe ih res Glückes zwischen sie und den Mann trat, den sie liebte. Die Fröhlichkeit und die Musik begannen unten aufL Neue. Niemals hatten solche Töne so fürchterlich ihre Ohren beleidigt. Jetzt klopfte eine Dienerin an die Thüre. Dr General bat sie, ihn wissen zu lassen, oö sie sich be sser befinde und ob sie nicht hinabkom men werde rrr

Nein, nein!" antwortete Paulette verwirrt, sage ihm, daß ich mich für cicfe Nacht zurückgezogen sage ihm, baß ich krank bin todt!" Dann ließ sich Hildas Stimme durch das Schlüsselloch hören. MeineTheure, wie traurig! Arthur ist sehr bekümmert. Sind Sie so sehr krank?" schnurrte sie. Sehr unangenehm! Die Leute werden gewiß Bemerkungen machen. Haben Sie und Arthur Streit zehabt?" Gehen Sie fo?t!" rief Paulette. Sie ging. Das unglückliche Wesen lauschte auf ihre schritte, bis sie in der Entfernung unhörbar wurden.Das ist eine," sagte sie zu sich selbst, .die bei meinem Elend in die Hände klatschen wird. O, wird denn diesesFest niemals enden werden denn dieLeute da unten niemals gehen?" Der erste Wagen rollte fort. Athemlos lauschte sie, als bald darauf einer dem anderen folgte. Dke Musik hörte auf wie die fröhlichen Stimmen das alte Haus wurde still. Paulette erhob sich von den Knieen, unter Schauern und Seufzen. Sie nahm einen Wasserdichten Regenmantel aus ihrer Garderobe und hüllte sich darein. Es war nicht schwer, das Haus unentdeckt zu verlassen, bei ihrer Kenntniß aller Käume und bei derFinsterniß derNacht. Sobald alles still war, schloß sie ihre Thüre auf, trat hinaus auf den Corridor und stahl sich hinab in denSpeisesaal. Sie schritt unterhalb der Porträts der Weißenthurns mit ihren ernsten Gesichtern vorüber vorüber an oem schönen Don Carlos, von dem sie ihre Augen bange abwendete, dann kam sie an das französische, bis auf denBoden reichendeFenster, öffnete dieses und trat durch dasselbe hinaus. Die Düst:rheit der Nacht hatte etwas, nachgelassen. Einige Sterne flimmerten durch die gebrochenen schwarzen Wolkenmassen. Die Stille, die späteStunde, der Gedanke an ein Stelldichein mit Einem, den sie lange für todt gehalten, trafen Paulettcns Herz wie ein Winterlicher Schauer. Sie stand einen Moment. an allen Gliedern zitternd, nahe daran, zu Boden zu sinken; dann, all' ihre Kraft sammelnd, lief sie wie rasend über die dunkle Grasfläche nach dem Pavillon. Derjenige, welcher seit mehr als einer Stunde hier gewartet hatte, hörte die raschen Schritte und trat ihr aus dem Schatten.'entgegen. Die Lichter im Parke waren alle verlöscht sie sah den Mann nicht, bis er plötzlich eine Hand ausstreckte und sie erfaßte. Paulette!" Ein wilder Schrei brach von ihren Lippen. Still!" flüsterte er, willst Du das Haus olarmiren? Paulette, meinWeib, kennst Du mich nicht? Sie fühlte, wie er ihre Hände erfaßte und küßte, sie entriß ihm diese. Ach, diese Stimme! Sie dran?, ihr in's Herz wie ein zweischneidiges Schwert. Ich kann Sie nicht sehen!" keuchte sie. Nein, ich kenne Sie nicht in dieser Finsterniß!" Er fuhr mit einem Zündhölzchen über einen Gartensitz und zündete die Lampe an, welche im Pavillon hing. Klar, voll enthüllte das Licht ihr die große, mit einem Mantel umhllllteGestilt, welche sie nur zu wohl kannte das dunkle, zornmurhige Gesicht, mit einem langen Schnurrbarte über dem spöttischen Munde, nur noch mehr markirt durch Lilien d?3 Kummers und wüsten Lebens. Er hatte sich nur wenig verändert war etwas gealtert, aber das schien Alles. Ja, es war St. John, lebend und athmend es war derAuferstandent! Starr und bleich stand sie da und sah ihn an mit großen, entsetzensvollen Augen, und ihre Lippen schienen blutleer. . Paulette!" wiederholte er mit flehende? Stimme und trat ibr einen Schritt näher, aber sie prallte zurück. Bange und schmerzhaft sah sie aus im Lichte der Lampe, in ihrem unordentlichen Anzüge, noch die wilden Rosen zerknittert in ihrem geben Haar. Pauleite!" rief er und diesmal mit Ungeduld. Gütiger Himmel, willst Du nicht sprechen mit mir? Du siehst mich an, als mn ich ein Gorgoncnhaupt. Du erinnerst Dich unseres letzten Zusammenscins Du hast mir noch nicht verziehen ist es so, mein armes, tiefgekränktes Weib!" Ein Schauer durchschüttelte sie. als er sie so nannte. O," stöhnte sie, ,.das ist ein fürchterlicher Traum ich kann es nicht glauben! St. John starb in Karlsbad." Er sah ein wenig verwirrt aus bei dieser Entgegnung. That er das? Wirklich?" sagte er dann, beinahe spöttisch. Ich wußte es wohl, fcaü er dort krank war, aber ich Hörte niemals et-

was von seinem Tode. Die Krankheit war es, Paulette, die mich bezüglich Deiner zur Vernunft brachte. Das Gewissen, das unter solchen Umständen sich stärker regt, übte seinen Zauber auf mich. J6) fühlte mich überzeugt, daß ich Dir Unrecht gethan daß Du Varneck niemals geliebt und ich komme setzt zuDir, Paulette, um auf meinenKnieen mir Verzeihung für die Vergangenheit zu erflehen!" Er würde sie in feine Arme genommen haben, aber sie wich zurück und wurde blässer und blässer. Die Vergangenheit!" lispelte sie schaudernd. Ja. ich vergebe Alles ich wollte, ich könnte es für ewio. aus meinem Gedächtnisse reißen! Wke haben Sie mich hier gefunden?" Durch einen glücklichen Zufall. Wäre es nicht besser, wenn ich die Lampe auslöschen würde? Die Leute im Hause sind lange aufgeblieben und es könnte noch Jemand wachen. Ich stieß auf Megrim, und von ibr erfuhr ich Alles, was geschehen, seit ich Dich verlassen. Sie sagte mir, daß Du daS Geheimniß unserer Ehe vor diesem Ge

neral bewahrt daher meine Vorsicht, als ich Dich bat. allein in der Nacht hierher zu kommen." Sie stand wie ein: Statue. Nur ihr Athem war hörbar. . Und jetzt," sagte sie, was wollen Sie von ;;iir?" Was ich v?n Dir will?" wiederholte St. John, und seine Augen begannen zornig zu leuchten. Wahrhaftig, nach unserer langen Trennung ist dies nicht die Begrüßung, die ich erwartete. Paulettc. Ist denn dock etwas Wahres an dem abscheulichen Gerüchte, das ich von Megrim hörte daß Du einen Liebhaber hast, hier?" Sie rang die Hände. Ihre Mienen zuckten krampfhaft. Aber sie antwortete nicht. Die Eifersucht sprach, wie einst, aus seinem dunklen Gesichte. Warum sprichst Du nicht?" rief er, sie rauh erfassend. Ist es wahr oder falsch?" Sie konnte seine Berührung nicht ertragen sie riß sich los. Ich sage Ihnen," rief sie verzweifelt daß ich Sie für todt hielt!" Ja; aber dieseNachricht konnte Dich erst vor einigen Wochen erreichen. Und Du hattest bereits einen Geliebten, den, der diese Nacht mit Dir hier war, an demselben Platze. Wahrhaftig, Du

warst eine untröstliche Wittwe!" Ihre Erstarrung wich plötzlich von ihr. Sie stampfte leidenschaftlich auf den Fußboden des Pavillons. Ich habeSie niemals geliebt!" rief sie. Sie machten sich zu meinem Herrn meinem schwachen Willen gegenüber ich fürchtete Sie aber ich liebte Sie nicht!" Und Dich erfüllte mein Tod ohne Zweifel mit großer Beruhigung Du warst nur froh, frei zu sein. Ich sah den Mann diese Nacht mit Dir ich sah die Blicke, die er auf Dich richtete ich konnte mich kaum zurückhalten, ihn zu erwürgen!" Es war der alte St. John, wie sonst. Paulette füllte ihr Herz wie Blei in ihrem Busen sinken. Sprechen Sie nicht von Ihm!" rief sie mit einer Geberde unerträglichen Schmerzes. Was wollen Si? thun was wollen Sie von mir? Lassen Sie uns nur von uns selber reden!" Einverstanden; aber zuerst muß ich Dich klar verstehen. Ich i:;te mich einmal bezüglich Varnecks und diese Thorheit war genug für eine Lebenszeit. Ich frage Dich freimüthig, liebst Du Arthur Weißenthurn?" Ja," antwortete sie; ich liebe ihn!" Er hatte ein so ehrliches Geständniß offenbar nicht erwartet. Ein Fluch kam von seinen Lippen. Du bist wenigstens aufrichtig." sagte er bitter. Du liebst ibn! Dann kannst Du nicht besonders zärtlich für mich fühlen. Es wäre vielleicht besser, wenn ich fortgeblieben und Dich Deinem schönen Anbeter ungestört überlassen hätte. Euer Verständniß scheint ein sehr angenehmes. Es scheint ein sehr glücklicher Tag sürDich gewesen zu sein, als Dein armer Teufel von Gatte Dich Dir selbst überlassen mußte." Sie sagten mir: ich solleSie vergessen", rief sie. Sie verboten es mir, je wieder an Sie zu denken, und ich gehorchte." Er nickte. Wahr! Aber ich war wahnsinnig vop Eifersucht. D': mußtest es auch damals wissen, daß ich kein Wort von dem, was ich sagte, ernst meinen konnte." Ich wußte nichts derart," antwortete sie. Sie überließen mich demTode, und ich wäre auch wahrhaftig gestorben ohne den General!" Sage ich Dir nicht, daß ich die Vergangenheit bereue?" rief St. John. Sieh mich an. Wie ein Verlorener wurde ich Jahre lang in der Welt umhergeworfen. Du aber bist lieblicher als je. Du wurdest wohl gepflegt und warst glücklich. Nun, das ist Alles wie es sein sollte; aber wollte der Himmel, Paulette. meine Liebe hätte mit unserem Scheiden geendet! Es geschah nicht, obwohl ich mich bemühte, sie in mir zu tödten; sie lebt! Ich liebe Dich in diesem Augenblicke glüheilder, als jemals. Ich liebe Dich ja, und bei dem Himmel über uns. Du sollst mein sein!" Unter diesem letzten, wilden Ausruf stürzte er leidenschaftlich auf sie zu. Berühre Du mich nicht!" schrie sie, jetzt wieder das Wort Du" gebrauchend und ihr aufgelöstes Haar aus dem Gesichte zurückdrängend und einen Arm zur Abwehr gegen ihn ausstreckend. Du mich noch lieben? O, nein, nein! Das kannst Du nicht, das darf nicht sein!" Ich liebe Dich!" wiederholte er, wild erhitzt, und diese Leute sollen keinen Theil an Dir haben. Es ist Zeit, daß unser Geheimniß bekannt werde hohe Zeit, daß ich meine Ansprüche auf mein Weib erhebe. Ich bedaure, sagen zu müssen, daß Du schon zu lange bei diesen Leuten gewesen zu sein scheinst. Jetzt mußt Du sie verlassen, Paulette, und mit mir kommen." Sie sah im voll in seine brennenden Augen. Ich würde eher sterben!" sagte sie geradezu. Ein Moment bedrohlichen Schweigens folgte. Regentropfen begannen auf das Dach des Pavillons zu fallen. Hüte Dich, mich herauszufordern, Paulette!" sagte Si. John, mit den Zähnen knirschend. Die menschliche Geduld hat eine Grenze und ich habe sie beinahe erreicht; Du bist mein Weib und ich lktbe Dich und Du sollst mein sein! Warum soll ich nicht hingehen And das Haus wachrufen und die Wahrheit noch in dieserStunde bekannt machen, sowohl dem alten Manne als auch seinem Erben? Ich kann es jetzt so gut, wie zu jeder andern Zeit Es schien, als wolle er sie ergreifen. Mit einem Schreckensrufe fprang sie zurück von ihm. . .Wilhelm! O, um der Lieb: GotteZ

willen, e:n. nein! Gw mir Jett, mir mir zu Rathe zu gehen. Du hast keine Leweise. Ich habe den Eehecontract tu genhändig vernichtet. Ich werde Alles leugnen Alles!" Er sah sie düster und triumphirend an. Willst Du wirklich? Ich bewundere Deinen Muth, aber Deine Voraussetzung ist falsch." Ich denke, ich werde genug Beweise finden, wenn ich meine Ansprüche auf Dich darthun will." Ich zähle auf die Gnade des Generals." sagte Paulette erregt. Er wird mich retten und beschützen. O, warum kamst Du zurück? Warum kamst Du hierher?" Während Du so glücklich warst mit Arthur von Weißenthurn!" setzte er bitter hinzu. Weil ich dachte, Du würdest, während Dein Gatte noch lebt, nicht einen Anderen heirathen. Es scheint, daß ich wenig Dank ernte für dieses Vertrauen in Deine moralischen Grundsätze. Komm, komm! wir wollen Eines das Andere nicht zu Extremen treiben. Laß uns ruhig und vernünftig sein!" Ihr Gesicht behielt das bleiche, traurige Ausseben. Was willst Du. daß ich thun soll?" fragte sie wieder. Es ist nach Mitternacht. Ich will hier nicht länger bleiben." Du bist verlobt, wie ich höre?" sagte St. John.' cv ;a. Zuerst rathe ich Dir, diese Verlobung aufzuheben." Weiter?" Und ich wiederhole, daß ich, weil ich Dich liebe, Dich nicht aufgeben will. Dir gefällt ohne Zweifel die schöne Heimath, der Luxus und die Ruhe, die Du hier genießest. Natürlich wünschest Du das nicht aufzugeben, um mit mir eine Art Zigeunerleben zu führen. Komm' morgen Nachts wieder hierher, wenn es finster wird im Parke. wir wollen uns dann entscheiden, was geschehen soll." Wieder mit Dir zusammentreffen?" protestirte sie. Ich will nicht!" Wirklich?" rief er, dann gehe ich zu den Weißenthurns und lege ihnen eine Generalbeichte ab. Sie sollen den Betrug kennen lernen, den Du ihnen seit Jahren gespielt. Dein Held, dieser Arthur, soll hören, daß sein Liebchen wenig mehr ist, als eine gewöhnliche Abenteuerin eine Gattin bereits, von ihrem gesetzlichen Gatten getrennt, in Folge einer Liebesaffaire, die sich jetzt weigert, ihn eines Anderen wegez? anzuerkennen." Das bisher bleiche, stolze Gesicht wurde hochroth. Halt!" rief sie, mit einer Handbe wegung, Ich werde kommen." Das klingt vernünftiger," sagteSt. John. Auf diese Weise werden wir in deß Zeit gewinnen, über unsere Lage nachzudenken, die, um das Geringste zu sagen, ernst genug ist und Nachdenken erfordert. Morgen' Abend dann, Du wirst nicht fehlen!" Sie wendete sich ihm plötzlich zu. Wer war die Person, durch welchl Du diese Nacht das Blatt Papier schick. test?" Eine Maske, die ich zufällig im Parke traf. Ich bin ihr zu Danke ver pflichtet. Und jetzt, willst Du mir nichl die Hand reichen zum Abschiede, Pau lette?" Sie wich mit Abscheu zurück. Du leichteste Berührung von ihm schien iht jetzt schlimmer als der Tod. Er trat ebenfalls zurück. Sehr wohl," sagte er gereizt. Abei erinnere Dich, morgen Abends!" Sie wendete sich von ihm ab und eilte wie ein gejagtes Reh über die Ra senplätze dem Hause zu. Als sie dit Piazza erreichte, hielt si: an und lauschte mit verhaltenem Athem; abez Alles war stille, wie das Grab, nurRe. gentropfen fielen und raschelten hie und da in dem Blätterwerk. Paulette ösf nete das hohe Fenster und trat in den Speisesaal. Als sie dies that, wurde die Thüie, welche von der Halle in den Saal führte, plötzlich geöffnet und auf der Schwelle erschien, das Haar inPa pier-Papilloten gedreht und eine Kerzt in der Hand, Hilda. Sie fuhr zurück, hielt ihr Licht empor und starrte auf die Eescheinung im Fenstc? auf die liebliche Gestalt in ihrem '.-gewöhnlichen Anzüge und mil dem .'igen Haar, das lang und von Regentropfen schimmern über ihri Schultern herabhing. Gnädiger Himmel!" rief .Hilda; darf ich meinen Sinnen trauen? Sie. Sie kommen aus dem Parke und in dieser Stunde der Nacht?" Und dann ließ sie das Licht sinken und lä chelte in beleidigender Weise. Athem! Nun. gewiß, ich bin sroh, daß ihrr. plötzliche Krankheit so schnell vorüber ging! Wie weiß und sonderbar Sii aussehen! Ich höre es regnen. Fanden Sie es nicht etwas feucht da draußen'? Eine Zornesröthe flog über Pau lettens Gesicht. Sie trat in den Salon und schloß das Fenster hinter sich. Es war ein höchst unglückliches Zusammen treffen! Ich bin außen gewesen, um etwaZ frische Luft zu schöpfen," antwortet! sie unbefangen, nach diesem heißen, erstickenden Feste. Ich sehe übrigens, daß auch Ihr Schlaf gestört wurde." Jch," sagte Hilda. habe das Kreuz von meinem Rosenkranze verloren und kam, es zu suchen, allerdings war ick auf ein Zusammentreffen, wie dieses nicht gefaßt. Es wäre doch sehr fand.? bar, wenn Sie diese Stunde der Nach!, oder vielmehr schon des Morgens, w('d len würden, um in dem nassen, einsa men Garten zu promeniren." 'PauletteS dunkle Augen schleudw

tenBlltze. lFortsetzung folgt.)

nytyopyagie.

Eine neue Krankheit. Was zu albern ist, um gesprochen zu werden, das singt man, und für einen Begriff, welchen der moderne Kultur mensch nicht in seiner Muttersprache ausdrücken mag, stellt die Wissenschaft mit größter Bereitwilligkeit ein griechisches Wort zur Verfügung. Önychopliagie oder: das Nägelbeißen an und für sich wer von uns hätte noch vor Kurzem an die Möglichkeit ge glaubt, daß man durch eine dieser weitverbreiteten Schülerkrankheit gewidmete Abhandlung das lebhafteste Interesse der größten Gelehrten unserer Zeit erwecken könnte! Dem Pa riser Arzte Dr. Edgar Berillon gebührt der Ruhm, die Onychophazologie glanzvoll in den Tempel der Wissenschaft eingeführt zu haben. In einer denkwürdigen Sitzung des Kongresses für allgemeinen Kulturfortschritt zu Vesancon entwickelte Dr. Berillon eine geradezu verblüffende neue Theorie, jede seiner Behauptungen durch statistische Daten erhärtend, was sich bei einem modernen Spezialistin von selbst versteht. Das Nägelbeißen erklärte Berillon der mit verhaltenem Athem lauschenden Versammlung ist nicht etwa eine jener abscheulichen Unarten, welche sich die schlimmen Buben und Mädchen früher oder später abgewöh nen o nein, meine gewissenhaften Forschungen ergaben, daß männliche sowohl wie weibliche Onychophagen körperlich und geistig degenerirende, physisch und Psychisch minderwerthige Geschöpfe sind. Charakter, Jntelligenz, Auffassung, Gedächtniß, Hand fertrgkeit kurz, die ganze Zukunft des Menschen, sein Beruf und Lebens ' glück erscheinen bedenklich gefährdet, sobald lvi dem bedauernswerthen ju gendlichen Individuum die erstenSpuren dieser furchtbaren Krankheit sich offenbaren. Berillon hat hundert und hundert Schulkataloge mit Eifer und Fleiß studirt, in Städten und Dörfern, in öffentlichen Lyceen und Pri vatinstituten. Er fand überall, daß Finger mit Zickzacknägel die miserabelsten Kompositionen liefern und daß dem Gehege nägelbenagender Zähne kaum einmal im Schuljahre eine leid lich befriedigende Antwort zu entbrin gen t. Die Sitten der Onychophagen. insbesondere aber der Mädchen, sind die denkbar schlechtesten. In Neu kalcdonien" (wie man in französischen Schulen die Schandbank nennt) kann man sicher sein, neunzig Prozent Nä gelbeißer zu finden." Daß der Prozentsatz dieser Kran ken" in Paris weit größer ist, als in der Provinz und insbesondere in den Dorfschulen, könnte auf den ersten Blick befremden, da die Schuljugend der Hauptstadt doch ohne Zweifel frü her und energischer zu guter Lebensari angehalten wird, als deren Altersge nossen dort draußen". Das sollte man glauben. Berillon aber behauptet apodiktisch, die Onychophagie entwicklk sich, von Beispiel und Erziehung unab hängig. durch einen gehcimnißvollen Trieb, welcher mit gewissen sinnlichen Ausschreitungen der dämmernden Ju gend" Manches gemein hat. Das Na gelbeißen, meint der grundgelehrte Herr, sei nichts Anderes, als eine dci vielen Formen von Nervenzerrüttung der nachwachsenden Generation. Einige Ziffern. Von 203 Schi! lern einer Pariser Kommunalschule, welche Berillon im April dieses Jahres inspicirte. waren 63 Nägclbeißer, in einer Knabendorffchule (?)onne) nui drei vom hundert. Eine Knaben- und Mädchenschule in derselben Gegend wies 20 Prozent männliche und 52 Nrozent weibliche Patienten auf. In Bezug auf Genäschigkeit". versichert der ungalante Doktor, behaupten die Mädchen immer den Vorrang; ja selbst in einer höheren Töchterschule (Departement Seine et Marne) will der ungemüthliche Spezialist IG von 52 jungen Damen bei dem Genusse jener unverdaulichen Gourmandise in flagranti" ertappt haben.) Glauben Sie aber ja nicht," fügte der böse Mann hinzu, daß die übrigen 36 Fräulein völlig frei von nervösen Zahnarbeiten" waren. Ich ließ mir nach der gemeinsamen Schulaufgabe das, gesammte Schreibmaterial vorlegen und was fand ich? Fünfunddrei ßig Federstiele trugen die auch dem Laienauge deutlich wahrnehmbaren Spuren einer systematisch fortgesetzten rattenhasten Zerstörung. Eine einzige Elevin anscheinend gesund. Eine einzige von Aweiundfünfzig!" Nur der Hypnotismus, die Suggestion vermögen sagt Dr. Berillon in solchen schweren Fällen radikal ZU helfen. Der Wille muß durch diese Methode gestählt, die Willenskraft gewissermaßen neu erzogen" werden. Im hypnotischen Zustande muß der Onychophag erschaudernd alle die schrecklichen Konsequenzen seinerKrankheit sehen; den Mädchen insbesondere müsse suggerirt werden, daß eineHand mit schrecklich verkümmerten Nägeln frei" bleiben werde für alle Zeiten... Mildernder Umstand'. Richter: Sie geben also zu. daß Sie den Anzug gestohlen! Haben Sie noch etwas zu Ihrer Entschuldigung anzuführen?" Angeklagter: Jawohl! Ich habe ihn erst noch ändern lassen müssen, ehe ich ihn tragen konnte!" Zweck. Onkel (auf der Pro menade zur Nichte): Den SchopenHauer liest Du? Verstehst Du denn Philosophie? Nichte: Nein, aber mit was soll ich denn den Herren impo viren?! Druckfehlerteufel. Aus einem Roman): .... Fröhlich trillerte Elvira ihr Morgenlied gleich einer Leiche (Lerche) in die duf tige Frühlingswft chinaus!