Indiana Tribüne, Volume 16, Number 311, Indianapolis, Marion County, 30 July 1893 — Page 3
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ns MuZtertttn Solfiroman von lavtx "lls. (1. Fortsetzung.) Sie erhob sich hastig und Don cineni Kleiderhaken, der sich hinier der Thüre befand, einen altenriesock, der ihrem Gatten gehörte. Diesen tvarf sie um sich, so daß er ihr Haupt bedeckte, dann trat sie an das Bett, ergriff das verlassene Kin'v. und nachdem sie es unter dem Kleidungsstücke verborgen, floh sie damit hinaus in die Nacht. Sie nahm den Weg nach dem Meeresufer. Es war die Zeit, in welcher die Ebb: endet und die Fluth beginnt. 'Der Wind blies in deftigen Stöben durch die Finsterniß. Sie kletterte die schwarzen Felsen hinab, und scheu um sich blickend, sah sie einen Streifen Sand, den die zurückweisenden Geroässer trocken gelassen, der abe? eine halbe Stunde später wieder von dem Meere überfluthet sein mußte. Hier, durch einen hohen Felsen vor dsm Winde geschützt, stand das Weib unter dem Nachthimmel, an dem sich kein einziger Stern zeigte, der sie anklagen konnte, und hier legle sie das verlassene Kind nieder; atemlos blieb sie darüber gebeugt einen Moment stehen und lauschte auf die Meereswogen, die n'aher und näher kamen, und dann wendete sie sich ab und flc) zurück nach dem Hause. Sie schloß die Thüre mit zitternder Hand, dann schaffte sie das Geld und die Juwelen bei Seite und stärkte sich mit einem neuen Zuge aus der Flasche, worauf sie ihr Lager aufsuchte, um zu schlafen. Vergebens! Es schien ihr, als ob das Wehklagen des Kindes durch den Kamin zu ihr dränge sie hörte es an oen Fenstern, in allen Winkeln desHauses. An allen Gliedrn zitternd, mit taltem Schweiße bedeckt, erhob sich das Weib noch einmal und nahm denFriesrock ihres Mannes wieder von dem Nagel herab. Die alte Wanduhr schlug eben Zwölf. Mit zuckenden Händen zog sie den Riegel an der Hausthüre zurück, und als ob sie von tausend Dämonen verfolgt würde, jagte sie keuchend nach dem verhängnisvollen Ufer. Sie taumelte den Felfen hinab, und nach jedem Schritte brauste die schäurnende Brandung ihr lauter in dieOhren. Jetzt erhob sich eine große Woge vor ihr in der Finsterniß und brach schäumend vor ihr nieder, so daß sie athemlos und vom Wasser triefend, zurückschreckte. Ein Schrei drang über die Lippen des Weibes. Siehe dieFluth raste wild und schneeweiß über die Sandbank, auf der sie das Kind niedergelegt hatte höher und höher stieg der weiße Gischt, und sie stand, auf eima Felsen geflüchtet, und lauschte bange und zitternd und starrte hinab auf die verhängnißvolle Stelle, mit weitgeofsneten Augen und blutlosen Sippen. ?me Mörderin! Gerade ein Jahr nzch dieser v:rhängnißvollen Nacht, in der Dämmerung eines windigen Frühlingstages, kam ein Wagen über die einsame Straße berangerollt und hielt vor dem von Wind und Wetter heimgesuchten Hause, das an dem Wege nahe der See stand. Aus dem Wagen stieg eine Dame, tief verschleiert und in tiefes Schwarz geZleivet. und pochte an die Thüre um Einlaß. Sie erhielt keine Antwort. Das Haus erschien finster und schweigsam wie ein Grab. Die Besucher'in drückte auf die Thürklinke. Diese gab unter ihrer Hand nach. Die Dame öffnete die Thüre und glitt unangemeldet in Frau Christophs Wohnstube. Auch da herrschte Finsterniß; es brannte weder eine Kerze, noch gab es Feuer im Kamine, aber als die Schritte der Fremden auf dem Fußboden sich hörbar machten, rief von dem Bette in der Zimmerecke eine Stimme mit zitterndem Tone: ..Wer ist da?" Wie Jemand, der mit der Oertlichseit vertraut ist. ging die Besucherin zu dem Kamingesimse und tastete nach einem Zündhölzchen. Sogleich durchbrach der schwache Lichtschimmer einer Talgkerze die Finsterniß der Stube. Er beleuchtete das Bett in der Stubenecke, und darauf ausgestereckt lag. wie ein Gespenst und sterbend, das alteFischerweib. Wer ist da? kreischte sie wieder, und erhob ihr graues Haupt von den Kissen und starrte auf die schwarze Gestalt, die jetzt rasch an ihrer S:ite stand. Die Besucherin warf ihren Schleier zurück und neigte sich über das Bett mit einem bleichen, aber lichtvollen Antlitz. Ich bin zurückgekommen!" rief sie mit klarer, bewegter Stimme. Seht mich an! Kennt Ihr mich? Wo ist mein Kind?" Der Kranken gespenstisches Gesicht wurde aschfarben. Mit hohlen Augen starrte sie auf ihren Besuch, aber von ihren zuckenden Lippen kam kein Laut keine Antwort. Mein Kind!" wiederholte die Andere und ein Zittern ging über ihre ganze Gestalt und mit fieberhaftemEifer sah sie sich in der Stube um das ich Euch und Doktor Walter vor einem Jahre des Nachts zurückließ. So sprecht doch! Ist es hier oder bei ihm?" Frau Christoph stieß einen wilden, entsetzlichen Schrei aus. Dann sank sie unter furchtbaren Zuckungen auf ihr Bett zurück. Ihr!" keuchte sie. Ihr seid um den Balq gekommen! O Herr des Himrnels!" Die schwarzgekleidete Frau erfaßte sie an einem Arme. Ihr ganzes Aussehen deutete auf stürmische Ungeduld. Habe ich Euch nicht geschrieben, daß ich kommen würde? Was habt Ihr gethan mit dem Kinde? Ist es da, frage ich, oder bei dem Doktor?" Die Kranke hielt mit beiden auSste-
streckten Händen, welche Geiersklauen glichen, ihre Besucherin von sich ab. Hier? Nein! Nein! O Gott. Nein! Christoph und die Jungen liegen auf dem Meeresboden, sie kommen nie wieder zurück. Und ich liege sterbend hier allein. Ist das nicht genug? Geht fort geht fort in Gottes Namen!" Ich werde es sagt mir nur was mit dem Kinde geschehen ist," antwortete die schwarze Gestalt, und sie kam näher und neigte sich über das Bett, wie eine bleiche Madonna. Zurück!" schrie das Weib. Ich habe es nicht erhalten, sage ich! Warum quälet Ihr mich? Haltet Euch zurück! Horch, hört Ihr das Geräusch in dem Kamin?" Sie schnellte wie ein Ball von dem Bette empor. Ueber ihr zuckendes Antlitz ergoß sich ein Ausdruck finsterer Reue und verzweiflungsvoller Furcht, so schrecklich, daß de schwarze Dame, die an dem Bette stand, instinctiv zurückprallte. Horcht! Da in dem Kamin und dort, am Fenster! Hört Ihr es denn nicht?" Ich höre nichts als den Wind,antwortete die Frau in Schwarz. Was meinet Ihr? Lauschet: Es kreischt, es wimmert! Es ist um mich gekommen! Gott! Gott! Halt es ab von mir und ich will Alles sagen! Halte es ab von mir!" Mit einem Schrei, der das ganze Haus durchdrang, streckte sie ihre fleischlosen Arme vor sich hin. Ein Krampf erfaßte und schüttelte sie einen Moment. Dann fiel sie auf das Bett. In demselben Augenblicke wurde die Thür geöffnet und ein Mann trat ein. Es war Doktor Philipp Walter. Was? Ist der Patient schlechter?" sagte er und eilte vorwärts, wobei er die Gestalt in Schwarz sanft zur Seite drängte. Ich bin froh, einmal dochJemand hier bei ihr zu finden. Die Nachbarn kommen so selten." Er neigte sich über Frau Christoph, betrachtete sie, fuhr zurück, erfaßte dann eine ihrer zusammengeballten Hände, und ließ sie wieder fallen. Ist sie todt?" fragte die Frau in Schwarz. Sie ist todt," wiederholte Doktor Walter, etwas überrascht von einer Stimme, die so verschieden war von denen, die er in dieser Gegend zu hören gewohnt war. Sie trat einen Schritt vorwärts und stand ihm gegenüber. Sie richtete ihre großen, flammenden Augen auf ilm und sagte: Doktor Walter, wo ist mein Kind?" Er sah sie erstaunt an. Er erinnerte sich nicht dieses Antlitzes., von so sei tener Schönheit es auch war. Madame?" Das Kind, vor einemJahre hker geboren," rief sie, indem sie ihre mit feinen Handschuhen bekleideten kleinen Hände zusammenschlug und ihre ganze Gestalt erbebte das Kind, welches ich Ihrer Obhut und der dieses Weibes anvertraute. das Kind, welches nicht hier ist und demgemäß bei Ihnen sein muß." Ein schwaches Wiedererkennen dämmerte in den ruhigen, dunklen Augen des Doktors an, aber es wich sogleich dem lebhaftesten Erstaunen. , Sie sind von irgend einem Irrthume befangen." sagte er freundlich. Ich erinnere mich Ihres Gesichtes ich erinnere mich auch der etwas seltsamen Umstände Ihrer Erkrankung hier, aber ein Kind Ihr Kind und mir anvertraut? Das ist mir eine Neuigseit! Ich bekenne, daß ich davon nicht das Geringste verstehe." Sie stand wie in Stein verwandelt. Bor einem Jahre ließ ich es hier des Nachts für Sie und für dieses Weib. Ich hatte eine Aufgabe zu lösen, die mich nicht anders handeln ließ ich hatte viele Meilen zu reisen. Warum foltern Sie mich nun? Es ist nicht gütig! Nicht großmüthig! Sie verstehen mich gewiß und das Kind befindet sich bei Ihnen, oder Sie wissen wenigstens, wo es ist." Der Ausdruck des Erstaunens auf dem Gesichte des Doktors wurde lebhifter. Es war eine seltsame Scene die elende Stube außen der düster dahinsterbende Tag, im Bette die Leiche des alten Weibes und an ihrer Seite die beiden Personen, der rüstige Landarzt mit seinem ruhigen, aber überraschten Gesichte, und die eleganteDame in ihrer reichen Trauerkleidung mit flammenden Augen und todtenbleich in ihrer schrecklichen Erregung. Ich habe Ihr Kind nach meinem letzten Besuche bei Ihnen niemals gesehen." sagte Doktor Walter. Ich habe niemals gewußt, daß Sie es meinerObHut. noch der eines Anderen überlassen. Wollen Sie mir nicht glauben?" Sie taumelte, wie von einem Schlage getroffen. Er wollte ihr beistehen, aber sie wies ihn von sich. Sind Sie während des letzten Iahres in diesem Hause gewesen?" fragte sie. Niemals bis gestern, als ich zuerst von Frau Christophs Krankheit hörte und kam, um ihr zu helfen." Sie blickte wild auf ihn.dann erhob sie ihre Hände und rang sie schm:rzbewegt. Hat sie niemals denken Sie nach ich bitte Sie. nachzudenken, ehe Sie mir das Herz brechen hat sie niemals von dem Kinde gegen Sie Erwähnung gethan?" Niemals!" antwortete DoktorWalter. Sie richtete sich ernst vor ihm auf, sah ihn scharf an und blickte auf seine gewöhnliche, etwas abgetragene Kleidung und auf den abgenützten Hut. den er in einer Hand hielt. Dann warf sie sich mit einer plötzlichen Bewegung zu seinen Füßen nieder. O. ich weiß es," rief sie. ich verstehe jetzt Alle-! Sie sind von meinen Feinden mit Gold erkauft worden von den Feinden meines Kindes Sie
haben es ihnen dahingegeben um mich für immer davon zu trennen! Sehen Sie: Ich knie vor Jhnen!Sagen Sie mir! Ist es nicht so?" Madame. Sie sind außer sich," rief der Doktor, der sich beunruhigt zu fühlen begann. Ich bitte, fassen Sie sich, Ihre Feinde? Bedenken Sie doch, daß Sie mir ganz fremd sind. Ihr wahrer Name ist mir sogar unbekannt. WaS kann ich von Ihren Feinden wissen?" Sie kennen dieselben!" schrie sie. Sie kennen sie, denn sie sind hier geWesen, haben sich Ihnen entdeckt und Sie haben ihnen mein Kind ausgeliefert. Thörin, die ich war, es an einem Orte, wie dieser für sicher zu halten: Nun, was haben Sie gethan mit dem armen Wesen?" Stehen Sie auf!" sagte der Doktor sanft, denn er glaubte in seinem Herzen, daß dieses schöne Geschöpf eine Wahnsinnige sein müsse. Wie kann ich Ihnen das sagen, was ich selbst nicht weiß? Wie könnte ich irgend Jemandem etwas überliefert haben, das ich selber gar niemals besaß?" Sie hielt seine Kniee noch mit ihren konvulsivisch zuckenden Armen umfaßt. Sie wissen es und nur Sie. Hören Sie auf, mein Herz zu zerreißen! Haben Sie kein Weib kein eigenes Kind, das Sie empfinden heißt, was ich empfinde? Ich habe in der ganzen Welt nichts, als dieses Kind. Wo hat man es verborgen? Sagen Sie es mir! Sagen Sie es! Ich bin auch reich und auch ich kann Sie belohnen!" Gnädiger Himmel!" rief der Doktor, wache ich, oder träume ich? Ich bitte Sie, sich zu erheben und sich zu beruhigen. Wollen Sie mir denn nicht glauben?" Sie sprang empor; ihre Blicke schleUbetten Blitze. Ich kann nicht ich werde es nicht, bis Sie mir sagen, wo meinKind ist!" Dann," sagte der Doktor ruhig, lassen Sie uns diese Zusammenkunft beendigen. Ihre Fortdauer kann für uns Beide nur qualvoll sein. Ich wiederhole. daß Sie sich unter dem Eindrucke einer seltsamen Täuschung befinden. Leben Sie wohl. Madame! Ich muß gehen, um für diese Todte eine Wache zu finden. Wenn ich Ihnen sonst in irgend einer Art dienen kann, befehlen Sie über mich." Sie trat ihm mit einem Blicke entgegen, der bestimmt schien, ihm bis an seinen Sterbetag imGedächtniß zu haften. NochJahre nachher sah er im Wa.chen und im Schlafe diese schwarz gekleidete Gestalt, wie sie da stand in dem ärmlichen Todtengemach, wie ihr weißes Antlitz schimmerte in dem düsteren Lichte ihr weißes und doch so rächeerfülltes Antlitz mit den drohenden Augen, die finster auf ihn gerichtet waren. Noch einmal," zischte sie durch ihre Zähne, wollen Sie mir sagen, wo ich mein Kind finden kann?" Mit Freuden würde ich es thun, wenn ich könnte," erwiderte er. Ich will nicht diefe Antwort haben. Ich frage Sie nur um eine Silbe ja oder nein?" Dann muß ich Nein sagen," entgegnete der Doktor. Sie wendete sich ab von ihm und schritt nach der Thüre. Erinnern Sie sich, daß wir uns wieder treffen," sagte sie, dann eilte sie in den Wagen, der außen auf sie wartete. Doktor Walter horte diesen in der Dunkelheit fortfahren. Er stand allein bei der Leiche des Fischerweibes, und an dem bisher heiteren Horizonte seines Lebens hatte sich plötzlich eineWolke erhoben, nicht größer als die Hand eines Menschen. Doktor ' Walter erwähnte die Sache nicht gegen Aennchen. Einige Tage nach Frau Christophs Tode kam er eines Abends müde und erschöpft heim und trat mit leisem Schritte in das weiße Häuschen, worauf er immer vor einer halbgeöffneten Thüre anhielt und hineinblickte. Das anmuthige Wohnzimmer war voll Licht und Wärme. Ein runder Theetisch, mit fleckenlosem Damast bedeckt, stand in der Mitte des Raumes. Der Duft gerösteten Brodes und Thees regte die Lebensgeister an. Der Stuhl des Doktors nur mit Zitz bedeckt und von ganz gewöhnlicher Art, denn der gute Medicus besaß wenig wartete auf ihn in der wärmsten Zimmerecke und sein Schlasrock war dau'.be? ausgebreitet. Das Schönste der Scene wa? aber eine Frau. die. fröhlich wie ein Kind, am Kamine saß. Ein mädchenhaftes Wesen mit Grübchen im Kinn und Zwangen und wohlgerundet, wie ein K-Ind voll blühender Gesundbeit. Eine leuchtende Fülle langen, goldblonden Haares eroß sich auf ihre schönen Schultern und dieses Haar schien ein Leben für sich zu haben, so wallte e?. so hob und senkte es sich schimmernd, denn das zwei Jahre zählende Kindchen der kleinen Mutter spielte mit dieser Verfleckens hinter den prachtvollen Wellen. Doktor Walter hi?lt seinen Athem an. und im Schatten der Thüre stehend bewachte er das schöne Bild. Das lachende Kind tauchte in die goldgelben Schlingen voll Licht und Glanz und sah dann wieder daraus hervor, und sein Enelsantlitz war wie von einer Aureole umgeben. Sanft!" warnte Aennchen. sanft Herzchen! Wenn Du mir Haare raubst, geh' ich nach des Doktors Pillen schachte!!" Und das kleine Gcsichtchen fuhr zurück, es verschwand in der Glorie. Die Mutter bedeckte es mit Küssen. Dann nahm sie das Kleine auf ihre Arme, erhob sich schäkernd, lief mit demselben, und die Beiden liefen geradezu demVater in die Arme. Der kleine Liebling wurde nach einem väterlichen Kusse sofort auf den Boden gesetzt und er lief und holte die
Pantoffeln des Vaters' Nachdem dieS gchehen war. nahm er auf den Knien des Papa Platz und schaukelte seine kleinen weißen Füßchen. Mein liebes Männchen ist wohl recht ermüdet heute Abend," seufzte Aennchen, indem sie neben dem mit Zitz bedeckten Lehnstuhle niederkniete, und da zwischen seinen Augen gibt es einige böse Falten. Ach. wie häßlich ist cs doch, arm zu sein!" Nichts von alledem. Du thörichte? Aennchen sagte der Doktor. Ich hasse Undankbarkeit. Ich fühle mich so glücklich wie Adam vor dem Falle. Da! Sieh in meine Augen! Bist Du es müde, meine Armuth zu theilen?" Sie erhob ihre langen Wimpern und sah zu ihm empor. Ich denke, das brauche ich nicht zu beantworten," sagte sie; mein liebes Männchen weiß cs. Aber Geld ist ein sehr artiges Ding, Philipp. Man wird es doch zuweilen müde, sich zu quälen und abzuplagen und zu sehen, wie der Gatte Falten bekömmt und grau wird vor der Zeit. Ich wäre froh, wenn ich reich wäre, nicht so sehr meinethalben, als Deines und unseres Kindes willen." Sein -ermüdetes Antlitz nahm jetzt einen solchen Ausdruck von Kummer an, dcrß sie einen Augenblick wegen ihrer Worte besorgt war. Er erhob sich mit dem Kinde auf dem Arme und schritt einige Male durch das Zimmer, das Kleine zärtlich an die Brust drückend. Aennchen, mein theures, kleines Weibchen," sagte er jetzt eifrig und hastig. sprich nicht so! Thu' es nicht! Du weckst einen Dämon in mir ich werde von ihm zu Etwas versucht, das ich nicht thun kann, nicht thun will das nicht zu thun ich geschworen habe feierlich geschworen! Du verstehst mich nicht, und es ist mir auch lieber so. Laß es vorüber gehen; aber mein Liebling muß zufrieden sein mit den Gütern, die ihm Gott bescheerte sie muß mich hinnehmen wie ich bin und das Beste aus mir machen einen armen, arbeitsamen Doktor, der für sie arbeiten, für sie leben und für sie sterben will, wenn es nöthig ist!" Sie ging zu ihm hin, und da sie die Kleinere von Beiden war, drückte sie einige Finger in ein Knopfloch seines Schlafrockes und blickte empor in sein Gesicht. Philipp, Du verbirgst etwas vor mir!" Er veränderte die Farbe, aber nur für einen Augenblick. .Es ist wahr mein Verlangen nach dem Nachtmahle. Verzeihe mir, aber ich denke, das geröstete Brod wird kalt." Ich habe in Wirklichkeit diesen Ver. dacht schon länger als seit heute." Ich liebe dieses Wort nicht, mein Schatz!"antwortete er ernst. Verdacht! Vertraue und glaube mir. Ich werde Dir niemals etwas vorenthalten, das zu Wissen Dich glücklicher macht. Dessen sei versichert, jetzt und immerdar." Sie setzten sich dann zum Thee nieder. Das Mahl ging vorüber, daS Kleine wurde zu Bette gebracht, und Doktor Walter zündete eine auf dem Kamingesimfe stehende Lampe an. 0," rief Aennchen, jetzt setzest Du dich wieder zu Deinen abscheulichen Büchern und Niemand soll Dich stören, wenigstens bis Mitternacht!" Bleibe nicht auf um meinetwillen antwortete er. Späte Nachtstunden mögen so einem orauen Burschen nicht schaden, wie ich es bin, aber Augen und Wangengrübchen, wie die Deinigen sind, leiden darunter." Er nahm die Lampe und begab sich in sein Studirzimmer, welches an der anderen Seic der Vorhalle lag. Es war ein kleines, gewöhnliches Zlmmer, das dieselbe strengt Einfachheit zeigte, wie der ganze Haushalt des Doktors. Er zündete sich selber ein Feuer an, nahm Bücher von den Brettern, stellte seine Lampe auf tvitn mit grünem Flanell bedeckten Tisch inmitten des Zimmers und setzte sick nieder zu seinen ermüdenden Nachtjrudien. Er war ein starker, geduldiger, überarbeiteter Mann! Jetzt, da er allein war, machte sich der Ausddruck derErmüdung auf seinem Antlitze deutlicher sichtbar. Er seizte tief, als er ftineBücher öffnete, und in seinen dunklen Augen der einzigen Schönheit in seinem scharfgeschnitt?.nen, nervösen Gesichte war ein Kn.r.rner, der seine Gedanken in weite Ferne zu führen schien. Eine oder zwei Stunden vollkommener Ruhe folgten. Das Studirzimmer war todtenstille. nur die Kohlen tnisterten auf dem Feuerrost und die Blätter
I der Bücher raschelten unter den Fingern des Doktors. Dieses schweigen ; wurde endlich durch den scharfen Ton der Thurglocke unterbrochen. Es war mehr als wahrschcinlich.daß Walter nun die einzige wache Person i im Hause war. Er erhob sich demzu- , folge von dem Tische und öffnete die I Thüre deS Hauses. Auf der Schwelle stand in der finsteren Frühlingsnacht ein Mann. Ein Wort mit Euch!" sag!: er kurz. I So viel, als Euch beliebt," antwortete Doktor Walter. Wollt Ihr hineinkommen?" ! Er ging voran nach seinem Studirzimmer. De? späle Besucher folgte. Walter setzte einen Stuhl nahe an das Feuer. Der Andere nahm den Sitz schweigend ein. Der Doktor sah ihn scharf an. Der Angekommene war ein junger, fremder Mann, in Schwarz gekleidet, und sein dunkles Gesicht war zur Hälfte von einem Barte bedeckt. Seltsam genug, zog er seinen Hut nicht, als er eintrat. ' Ich bin in dies?? Nacht hierher ge' sandt worden." begann er in einer wohl wodulirten Stimme, um mich mit
Ihnen über eineSache von großerWich tigkeit zu berathen." Betrifft es Sie selbst oder Jemand Anderen?" fragte der Doktor. Jemand Anderen." Sie haben eine foäfe Stunde gewählt." sagte der Doktor Walter; aber sprechen Sie." Seien Sie aufmerksam, aber wollen Sie mir ehrlich antworten?" Gewiß so weit ich es kann.". Der Fremde fuhr empor und seinen Stuhl mit Gehalt zurückstoßend, sah er dem Arzte in die Augen. Wo ist dasKind?" fragte er, und jedes Wort kam mit besonderem Nachdruck von seinen Lippen. Doktor Walter starrte den Frager betroffen an. aber er fammelle sich rasch wieder. Was soll das?" rief Doktor Walter. Ist dies irgend ein stupiderScherz, oder wird mir in nüchternem Ernste eine Frag: vorgelegt, die zu absurd ist, um sie nur einen Moment zu beachten? Zuerst wer sind Sie?" Ich bin von der Mutter des Kindes hierher gesendet," antwortete der An dere, der wie eine Statue in der Zimmerecke neben dem Kohlenfeuer stand. Mein Name hat für Sie nichts zu bedeuten man hat noch nicht die Abficht. Namen zu nennen. Aber dieFrage ist kein Scherz; sie wird Ihnen im Ernste gestellt in schrecklichem, gefahrdrohendem Ernste wo ist das Kind?" Dann," sagte Doktor Walter, muß ich jetzt antworten, wie ich vor einer Woche antwortete! Ich weiß nichts, abd'dt nichts von dem, was Sie fragen und Diejenige, welche Sie hierher gesendet, ist entweder das Opfer eines Mißverständnisses, oder eine Wahnsinnige." Keines von Beiden; aber eine Mutter, welcher Dasjenige geraubt worden ist, was sie entschlossen ist, auf jede Gefahr hin wieder zu gewinnen auch mit der Aufopferung ihres Vermögens. Sie. Herr, sind ein armerMann." Sein Blick glitt bei diesen Worten über das ärmliche Meublement des Studirzimmers hin. Gehen Sie," sagte der Doktor. Diese Sache fängt an, unglaublich lächerlich zu werden!" Und es hat noch nie ein armer Mnnn gelebt, dem derGedanke anGold nicht süß war. Doktor Walter, lassen Sie uns einen schönen Tausch machen. Ich halte hier eine volle Börse; Sie besitzen ein Wissen, das doch seinen Preis haben muß. Ich nenne für den Anfang zehntausend Thaler." Danke!" sagte der Doktor trocken; zu viel, ich versichere Sie!" Dann Zwanzigtausend;" Noch schlechter!" Fünfzigtausend!" Sie schmeicheln mir sehr. Ist mir denn das Wort Schurke so deutlich in das Gesicht geschrieben? Müssen Sie denn glauben, obwohl ich Ihnen das Gegentheil schwöre, daß ich einer Mutter ihr Kind vorenthalte seinen Aufenthalt vor ihr geheim halte, blos daß Sie mir eine Summe nennen, die groß genug ist, mich zu versuchen, es ihr zurückzustellen?" Hunderttausend Thaler?" sagte der Andere, als ob der Doktor nicht gesprochen hätte. Walter schritt zu der Thür und öffnete sie. Gehen Sie!" rief er mi einer Donnerstimme. Der Fremde näherte sich derSchwelle. Geld kann also Ihre Lippen nicht öffnen?" Hören Sie nicht?" schrie der Doktor. indem er in die finstere Nacht hinaus zeigte. Sie wollen nichts sagen?" Weil ich nichts weiß! Diese lächerliehe Thorheit deutet entweder aufBosheit oder auf Wahnsinn. Wenn die Mutter des Kindes ihre Feinde inVerdacht hat, im Besitze desselben zu sein, dann soll sie es bei Ihnen suchen." Sie hat es bereits gethan. Dort ist es nicht. Sie sind zu schlau, es dort zu lassen, wo sie es sehen oder hören kann. Noch hat sie irgend einen Beweis, um eine Anklage bei Gericht zu machen, außer, wenn man Sie, Herr Doktor, zum Sprechen bringen kann." . . Der Himmel bewahre meine Geduld!" rief der Doktor. Wer ist sie und wer sind ihre Feinde? Wie soll irgend ein vernünftiger Mensch in einer so namenlosen, unfaßbaren Angelegenheit unterhandeln!" Das verlangt man nicht von Ihnen," erwiderte der Andere hochmllthig. Sie sollen nur die Frage beantWorten, die ich Ihnen gleich Anfangs
! vorgelegt. Ihre vorgeschützte UnwissenI heit täuscht mich nicht im Geringsten. Der Mann und diese Frau haben Sie nicht für ihre Interessen gewonnen und blieben Ihnen immer unbekannt." Meine Zeit ist zu kostbar, um sie länger zu verschwenden. Gehen Sie, oder ich muß Sie über Hals und Kopf hinauswerfen!" Der Andere machte ihm eine tiefe Verbeugung, i Der Maulesel, der nicht gestreichelt ' sein will, kann bisweilen angetrieben werden." sagte, er. Gute Nacht. Herr Doktor Walter." Und damit ging er seiner Wege. Doktor Walter kehrte nach seinem Studirzimmer zurück, stellte die Bücher wieder auf ihre Bretter, sah auf seine Taschenuhr und fand, daß nur noch eine Swnde auf Mitternacht fehlte. Dann nahm er seine Lampe und stieg hinauf nach dem Zimmer feiner Gattin. Sie lag auf ihren Kissen in tiefem, süßem Scklafe, mit gerötheten Wangen und glücklich wie ein Kind, ihr schönes Haar war- um sie ausgestreut und einen Arm hatte sie über ihren Kopf erhoben. In der Nähe, in einem Bettchen von Rosenholz, schlummerte der kleine Liebling. Der Doktor beschattete die
Lampe mit seiner Hand und sah auf sie hinab. Sein Antlitz zeigte eine lebhafte Bewegung. Er erfaßte .eine Handvoll von Aennchens goldblondem Haare und drückte es an seine Lippen. MeineTheuren!" flüsterte er, meine kostbaren Schätze! Was gibt es noch, das ich euch zu Liebe nicht thun könnte? Alles, aber das das? Niemals! So wahr mir Gott helfe!" Er löschte die Lampe aus, sank aus einen Stuhl am Fenster, zu Häupten des Bettes, preßte sein sorgengefurchtes Antlitz an eine Scheibe und starrte gedankenvoll hinaus in die Nacht. So saß er bis an den Morgen. Man stand früh auf in dem Hause des Doktors, aber Aennchen sah nichts von ihrem Gatten, bis die Frühstücksglocke ertönte. Dann sah sie ihn ruhig und lächelnd von einem zeitigen Spaziergange am Meeresufer zurückkehren. Wie hager und blaß Du aussiehst!" rief sie. Diese fürchterlichen Nachtstudien reiben Dich auf, Philipp. Ich will es wirklich nicht haben. Du gewissenloses Männchen!" Ich kenne Ihre Schlauheiten, Madame," erwiderte er. Das Alles wird nur gesagt, um mir Complimente zur Erwiderung abzulocken. Du wünschest nur, daß ich Dir sage. Du seiest rosig wie das Morgenroth und zweimal so rosig. Ich schlief nicht gut letzte Nach! ich wurde von schlechten Träumen beunruhigt." Bald darauf ging er zu seinen Patienten und überließ es der Gattin und dem Kinde, fröhlich sich um das kleine Haus und durch den bescheidenenGarten nach ihrem eigenen Willen zu bewegen. Es war ein lieblicher Frühlingstag. Ach, wie schmerzte Aennchens Herz später die Erinnerung an dessen Sonnenschein, an die singenden Vögel und an die sich öffnenden Knospen. Nach dem Mittagsmahle versank das Kindchen auf der Matte vor der Thüre in Schlaf und es wurde von den weißen Armen der liebevollen Mutter emporgehoben und nach dem Wohnzimmer gebracht, um in dessen Stille und Halbdunkel das Schläfchen ungestöri zu beendigen. Störe sie nicht Kathi," sagte die kleine Mutter zu ihrem Mädchen. Die Arme ist müde. Wenn Jemand kommt, führe ihn in das Studirzimmer. Ich habe einen Gang zu machen." So war das Haus der Dienerin und dem Kinde überlassen. Niemand kam und Kathi hielt sich von dem Wohnzimmer ferne, das jetzt nur dem Schlafe des kleinen Lieblings geweiht war. Der Nachmittag ging in die Dämmerung .über. Dann erschienen der Doktor und Aennchen miteinander an dem Thore in der häßlichen, altmodischen. Küche. Wo ist unser kleines Herzchen?" war die erste Frage der Mutter, als sich ihr schönes, lachendes Gesicht an derThüre der Vorhalle zeigte. Sie schläft wie ein Engel. Madame," antwortete Kathi. Ich habe keinen Laut von ihr gehört, seit Sie fortgingen." Ist es möglich!" rief Aennchen in spottendem Tone, eilte in das Wohnzimmer und zu dem Sopha, auf das sie ihren Liebling gebettet hatte. Zu ihrer Ueberraschung fand sie das Fenster, das nach einer mit Weinlaub beHangenen Veranda hinaussah, weit offen. Nur der Fenstervorhang war herabgelassen. Sie zog ihn empor und das letzte Licht des Sonnenunterganges strömte in das Zimmer. Sie wandte sich wieder dem Sopha zu. Ein wilder Schrei brach von ihren Lippen! Die weißen Polster lagen alle da, noch war derEindruck des kleinen Lockenhauptes auf ihnen zu sehen, aber das Krnd war fort. Philipp!" schrie Aennchen und stürzte entsetzt und bleich dem Doktor entgegen, der eben in die Thüre trat. Wo ist sie, Philipp?" Wer? Was? Meinst Du unser theures Kind?" Sie ist fort!" schrie die Mutter, wie wahnsinnig und überwältigt von Entsetzen und Angst. Mein Kind!" Sie stürzte nochmals zu dem Sopha, warf die weißen Polster auseinander und Todtenblässe überzog ihr Antlitz. Sie wird in ein anderes Zimmer gelaufen sein!" stammelte er, in's Studirzimmer. vielleicht in die Küche. Kathi! Durchsucht das Haus mein Gott! Was ist das?" Er beugte sich nieder und hob von dem Fußboden neben dem Sopha einen feuchten Wasserschwamm auf. Aennchen erfaßte diesen. Ein Beiden bekannter Geruch machte sich bemerkbar. Der Schwamm war mit Chloroform getränkt. Jetzt starrten sie einander an mit bleichen, entsetzten Gesichtern. Philipp!" rief sie keuchend, wer kann das gethan haben? Ach, mein Herzchen! Mein einziges süßes Kindchen!" Und sie erhob ihre Arme mit einem wilden Aufschrei und stürzte dann bewußtlos zu Boden. Der arme Doktor Philipp Walter! Er durchsuchte jeden Winkel des Hauses. er setzte alle Nachbarn in Bewegung. die ganzeUmgegend wurde durchpreist; es war vergebens. (Fortsetzung folgt.)
Sie: Diese reizende lanschigeWald Partie halten wir wohl nicht entdeckt, wenn wir uns nicht verirrt hätten! Er: Durch eine kleine Vcrirrung kommt man oft zu der schönsten Partie! Unterredungen wie die folgende sind in Ehicag.o eine ganz gewöhnliche ?ciche. Arbcitgcber: Eie wünschen ich also um die Stelle als Tnpcwritcrin u bewerben? Sind Sie vcrhcirathet? Bewerberin: Ja. Arbeitgeber: Be,auere. Ich ziehe eine ledige Dame ior. Bewerberin: C. wenn es nur ,os ist, halten Sie die Stelle für mich ssen. Bis moraen werde iÄ eine Äckei ung erwirkt haben.
Der Neifrolk.
Dem Reifrock widmet Direktor HanZ Voesch in der Frlf. Ztg.- eine ge schichtliche Studie. Dieses Gestell war 5ine spanische Erfindung: von seiner Entstehung erzählt man, daß eine magere Tuenna dem einen ursprünglich unter der Taille befestigten hölzernen Zkeisen mehrere folgen ließ, die unteren stets größer als die oberen und mit schnüren an diesen befestigt. Bald ward dieses Möbel, von dessenjUrsprung Sebastian Münster in seiner 1543 zum ersten Male erschienenen Kosmographie sagte : Die spanischen Weiber schlagen auch um ilzren Bauch einen hölzernen Reif und werfen Kleider darüber, da mit sie prächtiger einhergehen", auch von Fischbein, steifem Filze, Draht- und Eisenreifcn gefertigt. Damals glich der Reifrock einer Glocke oder einem umgekehrten Pokale und es währte auch nicht lange, bis er als Vorlage für Trinkgeschirre, die umgestürzt die Gestalt einer Dame im Reifrock hatten, benutzt wurde. In den Museen finden sich noch manche dieser originellen Becher. die in neuerer Zeit irgend Jemand Brautbecher getauft hat. Bon Spa nien aus verbreitete sich die neue Mode in die. übrigen Länder, die sie jedoch meist nicht blindlings nachahmten, sondern ihrem Geschmacke in freier Weise anpaßten. In Frankreich nahm der Reisrock an Umfang zu, so daß sich ftarl IX. 1561 genöthigt sah. die Hüftweite auf zwei Ellen zu beschrän ken. Nach Teutschland gelangte die spanische Mode erst später; sie kam nur allmählig zur Annahme und bewegte sich zunächst in bescheidenen Formen. Die Moralisten jener Zeit gingen daher ziemlich glimpflich mit dieser neuesten Modethorheit um. In Joachim Westphals Schrift Wider den Hof. fahrtsteufel" (15(3) wird ihrer nur mit den Worten gedacht: Es ist gar ein neuer Fund, das; man die Weiber rocke unten in Schweifen mit alten Feigentörben. ja mit Draht starrend gemacht, welches vornhin mit Filz geschehen ist". Und Andreas Osiander bemerkt über den Reifrock: Ferner haben wir noch eine Hoffart aus fremden Landen gebracht, nämlich die Reis unten an den Weibskleidern, die haben diesen Nutz und Zierlichkeit: Wann ein Weibsbild nahe an einem Tisch steht, oder aber niedersitzen will, so stehen die obersten Kleider von wegen des Reife, über sich, eines Schuhes hoch, also daß man darunter die andern geringen und nachgiltigen Kleider sehen kann." Die Auswüchse dieser Mode kann man am besten in der Kostümgalerie des (Zermanischen Museums studiren. Um 1000 herum begnügte man sich nicht mebr mit dem in bescheidenen Grenzen sich bewegenden glockensörmi gen Reifrock: e? kam vielmehr der tonncnförmige auf, der von der Taille auS wagrecht 1 bis 2 Fuß hinausging, um dann senkrecht herabzufallen: man hätte ihn a la Bierfaß heißen können. Auch hier gab cs wieder vielerlii Aöwandelungen. So finden sich tonnenartige Reiiröcke. bei denen die TaiUenschcibe nicht wagrecht war, sondern am Rande noch etwas in die Höhe stand, und an dere, bei denen die Scheibe sogar noch über den abfallenden Rock hinaus stand. Der niedersächsische Dichter Johann Lauremberg spottet in seinem Scherz gedicht van alm odischer Kledcrdrachtüber diese Form des Bertugadin". auch t!achkdastard" genannt, findet sie aber ganz praktisch, da man die Arme darauf ausruhen lassen konnte und Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs wie Schnupftuch, Handschuhe. Geld bcutel, Scheere, Nadelkissen u. s. w. wie auf einem Tisch ihren Platz fanden. Im ersten Viertel des siebzehnten JahrHunderts kam das Ungethüm fast über all wieder aus der Mode; nur die Spanier konnten sich gar nicht von ihrer großartigen Erfindung trennen. Ganz starb diese Thorheit indessen nicht aus. Und unter Luowig XIV. er wachte sie zn neuem Leben. Selbst verständlich auch wieder in Teutsch land. Wie sagte doch ein die Ber welschung Teutschlands geißelnder Satiriker: sollt ein Franzos es wagen. Die Sporen auf dem Hut. chuh an der Hand zu tragen. Die Stiesel aus dem Kopf, ja Schellen vor dem Bauch, Anstatt des Nestelwcrls: ter Deutsche that es auch!" Und dann nach mancherlei Umwäl Zungen in der Geschichte der Staaten und Sitten kam unter Frau EugenieS Regime der Reifrock als Krinoline zur Herrschaft. Nicht lange freilich dauerte diese Herrlichkeit. Wann wird sie unserem Kulturlebcn wieder erstehen. Der älteste Lehrer der Schweiz schreibt der Bund" Co lumban Russi in Andermatt, fängt an zu reisen. Bor fünf Jahren fuhr er zum erstenmal in der Eisenbahn, um an der Lanzesgemeinde gegen die neue , Berfassuna und für die alten Rechte sei- ! ner .Sl uüinder- zu stimmen. Und letzthin hal er es ogar gewagt, eine Bergnügungs uud Wallsayrt nach Elnstedeln zu unternehmen und dabei zum eriicnmale in seinem Leben das Dampfschiff nach Brunnen zu be steigen. Der nun im 8J. Jahre stehende Greis fand früher keine Zeit für das Vergnügen. Mit 13 fahren über- ' nahm er die rgel. mit 15 Jahren die Schule von Andermatt und da saß er fest. 75 bczw. 73 Jahre, bis er voriges Jahr in den längst verdienten Ruhe stand trat. Triumph der Malerei. Maler Schmierleins Tropengemälde sind o rcanztizch gemalt, das schon mancher Kritiker, der zu lange vor den Bildern verweilte, vom Sonnenstiche befallen wurde! ' Pech. Dame (Mutter vieler Töchter): Drei Viertr! Jahre lang hab ich jetzt o:ii Nesereridar bearbeitet, bis ich ihn so weit hatte, daß er sich ent I schloß zu hcirathen. nun heirathet er Ober t:ir.: rer meinen Tvchlcrn!"
