Indiana Tribüne, Volume 15, Number 335, Indianapolis, Marion County, 21 August 1892 — Page 7
Marokkanisches Militär.
Ueber die Militär-Verhältnisse Ma. rottos, daZ neuerdings John Bull die Stirn geboten hat. giebt ein langerei Aufsah der Frank'. Ztg." Mittheilungen, aus denen wir Fslgcndcherausheben. .: Das Heer Marokkos besteht aus eZ. BochjZri. c!-Macha;niyah, cl-Askar. elTobvfchiyah, el-Badariyah, cl-Harkah. 1 iiaxi und ein bereits im Jahre 167!) vom Sultan Manla Jsrnail gegründetes Reiterforps, das. fast ausschließlich aus Negern zusam mengefcZü, gewöhnlich unter dem Na men ver schwarzen Garde" aufgeführt Wird. Tiejcs Korps, welches zu ve?. fchiedencn Zeiten eine verschiedene Starke hatte, das, bis auf 50,00C Mann gestiegen, dieselbe Rolle zu spieIm begann, wie die Prätoriancr in Rom und die Jamtscharm in Konftan tinopck, ist gegenwärtig kaum :500C Pferde starL Unter dem Großvate, dcs jetzigen Sultans zählte es noch 16,000 Mann. Maulä sinail versammelte seiner zeit alle geeigneten Neger, die sich in feinem Lande' vorfanden, theilte sie in Regimenter und ließ sie sorgfältig Dril len. Seine Bochari zeichneten sich ebenso sehr durch (Grausamkeit wie durct wilde Tapferkeit aus; mit ihnen eroberte i uu i;üuu .nnuj ms uuy ruuyiu v t i: x. o ..w n.,..n. und dehnte seine Herrschaft sogar bil Timöukia aus. Zum Unterhalte wies er ihnen Ländereien -an, vorzüglich in der Nähe seiner Residenz Mknas. Wu damals begleiten noch jetzt die Vochari den Sultan auf allen seinen Zügen, im Frieden wie im Kriege. I Ist er in Fes, so ist stets ein Kommando der Vochari bei ihm; die übrigen kehren nach der Gegend zurück, n?o sie belehnt sind. Im Wesentlichen sind gegenwärtig von den Bochari die Machazniyah kaum verschieden. Nach Landessitte tragen sie den weißen Burnus und sind mit Flinten, nahezu geraden Säbeln unL AatagLNs (kurzen krummen Dolchen), selten mit Pistolen bewaffnet. Lanzen führen sie nicht. Sie greisen in gestrcckter Carriere an, schießen ihre Flintcn ab uns kehren langsam zurück, um wieder zu laden. Nur wenn der Feind weicht und in Unordnung geräth, dringen sie weiter vor und kämpfen mit Säbel und )atagan. Der Ausdruck Machazini kommt von dem in allen europäischen Sprachen gebräuchlichen Worte Magazin her. Er bezeichnete ursprünglich den Ort. wo der Sultan seine Schale aufbewahrt, und die Wächter dieser Magazine wurden dann Machazini genannt. Sie sind gleich falls Reiter und mit Lündcrcien be lehnt, von. d.'rcn Ertrag sie leben und ihre Pferde unterhalten. Hat ein Machaziniyah. auch Tscheisch genannt, moh-rere Söhne, so können sie alle Heeres? olge leisten; wenn sie kein Pferd besitzen, zu Fuß; dann werden sie Thiraö genannt. Den Marokko be suchenden europäischen Reisenden fallen die Machazini am ersten auf. toie tragen unter dem üblichen weißen Burnus einen ziegelrothen Kastan und ebensolche Hosen, eine hohe rothe Kappe; gewöhnlich führen sie einen langen Le derriemcn mit sich, der zur Strafvoll' streckung in den Gefängnissen dient, wc die Prügelstrafe, in dem ausgedehntesten Maße Anwendung findet. Lochari und Machazini. d. h. also Reiter, giebt es zur Zeit 1012.000 beim Sultan und den verschiedenen Gouverneuren im Lande. Im Kriege soll sich die Kavallerie auf 30,000 .Mann stellen. Mit dem türkischen Worte askiar Soldat) bezeichnen die Marokkaner eine Infanterie, welche der Sultan Äcaula Äbderrhaman infolge des Sine ges mit Frankreich nach demMusterdtt französischen Zuaven und Turkos einrichtete. Sie besteht nur aus 400C Mann, welche stets den Sultan bcglei. tm. Man nennt sie jcht die allen Askcr, da der Sultan Muley Hassan neue Bataillone derselben Art gegrün dct hat. Er hob zu diesem Zwecke, meist unter Anwendung von Gewalt, Rekruten aus. im Ganzen 63(0 Mann. Die Städte konnten dem Verlangen des Sultans keinen Widerstand leisten, der Stämmen wurde die Gestcäunz eine, bestimmten Anzahl von Rekruten als Strafe auferlegt, nachdem sie von den Truppen der Regierung besiegt worden waren. Der Sultan hat die Stammeßgenos' sen bei einander gelassen und aus jedem Kontingent einen mehr oder weniger groüen taktischen Körper gebildet. Da! größte hatte die frübere Residenz War rakesch (g:Wöhulich Marokko genannt) mit 1000 Mann gestellt. Sie sind nach Art der Znaven mit europäischen Gewehren bewaffnet und einem Bajon net. welches in der Scheide getragen Nird. Jbre Uniform ist brennend roth mit arünen. schmalen Aufschlägen. ';, Der Dienst ist lebenslänglich, urchcil "l bare Kranke werden indessen nach ihrer HHeimath entlassen. Trotz der europäi Äschen Instruktionsossiziere, die neuer dings berufen sind, fehlt doch diesen 'regulären Truppen Alles, was nach unseren Begriffen dazu gehört. . Schon der Unterschied des Alter unter den ,Soldaien ist im höchsten Grade der gu isn Ausbildung hinderlich; man sieh! eine Menge ganz junger, noch nicht ausgewachsener Burschen, die kaum das Gewehr tragen können, und ebenso zahllose graubärtige alte Männer. Disciplin und Achtung vor den Ossizie . ren ist natürlich auch 'mangelhast, und die Uebungen auf den Erercierpläßen wirken auf den Europäer durchaus komisch. M'-Tle Artilleristen sind die el-Tobdschi. ! s tjal?. Seit alter Zeit gibt es in den festen Städten der Küste, nicht unisor mirte Artilleristen, deren ganzer Dienst gegenwärtig darin besteht, mit den wenigen noch mit Lasteten versehenen kleineren Geschützen gelegentlich die fremden Kriegsschiffe, zu salutiren und an den muhamedanischen Festen, im Fastenmonat zu den Gcbetzeitm und zvenn ein Streiken des Sultans onent'
lich verlesen wird, die übliche Anzahl von Kanonenschüssen zu lösen. Sie sind größtenteils Handwerker und gehen " außer Dienst ihrem Gewerbe nach. Solcher Tobdschiyah sind im Ganzen 840 Mann. Ihr Dienst ist erblich, sie und abgabenfrei, aber nicht mit Land belehnt. Außer ihnen verfügt Marokko nur noch über ein in neuerer Zeit aus, der, regulären, Jnfan terie (Aslar) entnommenes Tctachemcnt von 351 Mann, welche dieselbe Uniform tragen und gleichen Sold empfan gen, wie jene, ic bedienen dicwenigen Feldgeschütze, welche der Sultan auf seinen Zügen mit sich führt. Die Befestigungen der marokkanischen Staötc sind fast' alle in Verfall, die Mauern könnten einer europäischen Artillerie nicht widerstehen. Bor Iahren '.haben englische Unternehmer dem Sultan eingeredet, er müne Tanger neu befestigen, um es gegen einen Handstreich eine? europäischen Sc'e macht zu schüfen; er hat sich auch ver leiten lassen, einige große Kanonen mit übermäßigen Kosten kommen zu lassen: )ahrc lang war man nüt der Ausstel lung der Geschütze beschäftigt, aber die Mehrzahl liegt vergraben im Sande und wird wohl auch da liegen bleiben. Die Seeleute el-Bahariyah. 900 Mann, sind die Ueberreste der Veman nung der marokkanischen Flotte. Line marokkanische Kriegsflotte existirt nicht mehr, überhaupt ist die ganze Schiff fahrt dieses Landes so gut wie zu Grunde gegangen. Selbst die Rif Piraten scheinen seit dem letzten Kriege mit Spanien 185900 ihr Gewerbe eingestellt zu haben. Sie beschranken sich jeht darauf, mit ihren kleinen fla chen Fahrzeugen das Bauholz ihrer Wälder längs der Küste nach Tanger und einigen Häfen am Atlantischen Ocean zu bringen. Der Sultan besitzt nur noch einige Leichtcrfahrzeuge in den verschiedenen Hafenpläyen. welche für seine Rechnung arbeiten, und auf ihnen werden im Frieden die Baharinah als Matrofen verwendet. Im Kriege sind sie ver pflichtet, als Landfoldatcn zu dienen. Als letzter Truppentheil sei der Landstürm aufgeführt, genannt Harkah. wörtlich die Bewegung. Die Harkah besteht aus allen waffenfähigen Man ncrn des Landes. Der Sultan bietet sie auf. so oft er ihrer bedarf. Sie kämpfen zu Fuß oder zu Pferd, je nach ihren Mitteln, sind aber in beiden Fäl len mit den landesüblichen langen Flin ten und dem Vtagan bewaffnet, manche Reiter unter ihnen führen kurze Wurfspieße. Die lange Lanze, die Hauptwaffe der Beduinen des Orients, scheint in Marokko unbekannt zu fein. Da die Gestellung der Harkah fast frei willig ist, so laßt sich ihre Starke schwer angeben. In Kriegen für die rwtio nale Unabhängigkeit aber würde ihre Zahl sehr groß sein. Wenn man in Betracht zieht, daß jeder Bewaffnete vom Knaben bis zum Greisenalter zur Harkah gehört, und duß Jedermann bewaffnet ist, so ist die Schätzung mancher Schriftsteller, welche sie auf 3 bis 400,000 Mann angeben, vielleicht nicht übertriel,n. Der Sultan von Marokko verfügt demnach im Falle eines Krieges mit einer europaischen Macht über folgende Streitkrastc: 1) Bochari (schwarze Garde) 5000 Reiter; 2) Tscheisch (Ma ckazinyah) 25.000 Reiter: 3) Askar 0300 Mann Infanterie; 4) Tobdsch yal, 000 Mann Infanterie; 0) Harkah (Aufgebot aller waffenfähigen Mann schast) 300.000 Reiter und Fußtrup pen. So unzuverlässig diese Truppen sein mögen, wenn sie der Sultan zur Dämpfung von Ausständen im Innern verwenden will, so würden sie doch in einem Kriege mit einer christlichen
Macht, besonders wenn man ihnen ein redet, der Islam sei in Gefahr, eine nicht zu unterschätzende Macht bilden. Freilich könnten sie nirgends in offener Fcldschlacht gegenüber einer wohlaus gerüsteten und wohldisziplinirten euro päifchen Truppe Erfolge erringen, aber ihre Vertrautheit mit dem Lande, ihr wilder Fanatismus lassen sie doch als einen Gegner erscheinen, der einen be deutenden Aufwand von Truppen zu seiner Niederwerfung erfordern würde. Prüderie. Ehe wir auf dieses Thema näher ein gehen, fragen wir uns: Was ist Prü derie?" Unter Prüderie versteht man zumeist eine übertriebene Feinfühligkeit, eine erkünstcltcSchicklichkcitscmpsindelei, vielleicht sogar eine unwahre Tugend Heuchelei. Und doch ist dieselbe Prüderie nur das äußerste Ertrem einer an und für sich sehr schätzenswerthen, edlen weiblichen Eigenschaft und zwar der Cchamhaftigkeit. Die Schamhaftigkeit sowohl wie die ihr entstammende Vrü derie werden zwar von vielen Menschen verhöhnt und bespöttelt, aber ich glaube kaum, daß dieselben Spötter sich mit dem Gegentheil der Schamhaftig keit, nämlich der Schamlosigkeit und Unverschämtheit einverstanden erklären würden. Wie in allen übrigen Tin gen, so ist auch hier die goldene Mittel straße, das Richtige, man muß also stets bemüht sein, sich von beiden Er tremen möglichst fern zu halten. Und es gibt eine solche Prüderie, welche die goldene Mmelflraße emzuhalten ver steht, eine Prüderie, die keine Tugend Heuchelei ist und sie auch niemals zu sein braucht, die aus wirklicher Zart heit und Feinheit des Gefühles hervor geht, und jede Entblößung selbst in Worten ängstlich meitet. Diese Prü derie könnten wir im Gegensatz zu der erkünstelten, falschen, die wahre, echte rnoerie nennen. Wir betrachten es z. B. als wahre Prüderie, wenn Damen in Gesellschaft von Herren es vermelden, überall das jenige zu reden, was wir vor den Au am unserer Mitmenschen verbergen denn sprechen ist fast so gut oder so viel wie zeigen. Und ebenso wie wir es für durchaus unschicklich halten, un bekleidet zu gehen, für ebenso unschick " !' . 3 i -.t.: - . " 1 13 eraien nn UAruoe rauen
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in Gesellschaft von ihrem Körper oder dessen intimer Bekleidung zu sprechen. Denn jedes dctaillirte Eingehen auf Toilettengegenstande zwingt die Phantasie zu Vorstellungen sehr körperlicher Art. und diese sind es eben, welchen wir gerne aus dem Wege gehen möchten. Weiter betrachten wir es als wahre echte Prüdere!, wenn heranwachsende, keusche Mädchen in der Wahl ihrer Toilette auf möglichste Verhüllung der erblühenden Formen bedacht sind, eine Prüderei. die leider bei den reifen Damen so gänzlich verloren geht, daß sie in dem Bestreben zu zeigen, was ihnen die fürsorgliche Mutter Natur verliehen, die Grenze der Schicklichkcit weit über schreiten. Und doch sind es die prüden jungen Mädchen, die in ihrer reinen Unschuld das Richtige treffen, und jene Mütter sind zu verdammen, welche solch edle Regungen als dumme Prüde rie zu unterdrücken suchen, und so die Töchter förmlich zu Koketten hcranbilden, die stets einzig und allein darauf ausgehen, durch ihre Gestalt, ihre Schönheit, ihre Formen zu wirken. Allerdings ist nach der Ansicht dieser klugen Mütter und fluch gar mancher andererWeisen. dieSchcnlze'it die stärkste, die wirksamste Waffe, mit der die Natur das schwache Weib für den Daseins kämpf ausgerüstet hat. Aber die mo dernen Frauen des neunzehnten JahrHunderts fechten die Wahrheit dieses Satzes energisch an. Mit besonderem Geschick thut es die bekannte österreichische Romanschriststellerin Bertha von Suttner, sie treibt ihre echte wahre Prüderie in diesen Dingen so weit, daß sie sich im Namen einer höheren als der landläufigen Moral dagegen aufbäumt, daß man in dem Weibe nur ein schönes, reizvolles Geschöpf erblickt. In ihrem geistreichen Buche Das Maschinen Zeitalter", worin sie als radicale Vor kämpferin der Frauenemancipation auf tritt, zieht die Dichterin gegen jene No manfchriftsteller los, welche so ost sie eine schöne Frau vorführen, nicht ver fehlen, auf den Schwung und die Fülle ihrer Formen hinzuweisen: Das sei empörend! Das sei im Grunde ganz jene orientalische Anschauung, die im Weibe nur das animalische Weibchen, ja ferneliV. nur ein Genußobject er blicke und darnach auch abschätze. Und das Traurigste hierbei wäre, daß die Frauen selbst nicht fühlen, welche Be lcidigung für sie eine derartige minu tiose Schilderung ihrer Reize in sich berge!" Ja wohl, es läßt sich nicht leugnen, da die Frauen thaisächlich keine Em pfindung für eine derartige Beleidi gung mehr übrig hbcn, denn würden sie etwas mehr echte Prüderie in solchen Dingen besitzen, sie würden mit etwas weniger zufriedenem Lächeln, gewisse noch so feine, galante Complimente Über die Vorzüge ihrer Gestalt von fremden Männern anhören, und solche Impertinenzen mit lauter überzeugen der Entrüstung zurückweisen. Diesel ben Frauen würden es aber empörend sinden und ganz arg über den bösen Schopenhauer losziehen, wenn sie hören oder gar lesen würden, mit welcher philosophischen Ruhe er in seiner Meta Physik der Gefchlechtsliebe die Gestalt des WeibeS sondirend erklärt: Der tiefe Ernst, mit welchem wir die Ge stalt des Weibes prüfend betrachten, die kritische Skrupulosität, mit der wir ein Weib, das uns zn gefallen anfangt, mustern, die gespannte Aufmerksamkeit, womit der Bräutigam die Braut bcob achtet, seine Behutsamkeit, um in keincm Theile getäuscht zu werden, und der große Werth, den er auf jedes Mehr oder weniger in den wesentlichen Thei len legt, all' dies ist der Wichtigkeit des Zweckes angemessen, denn das Wshl der zukünftig! Generation steht hierbei aus dem Spiele." Sicherlich Schopenüauer hat Recht, wenn er behauptet, das Wohl der zu tünftigen Generation stünde auf dem Spiele, wenn die Frau ihrer einstigen Bestimmung körperlich nicht gewachsen sei. Aber ebensoviel steht auf dem Spiele, wenn sie seelisch nicht ausreicht, wenn ihr die unumgäuglich nöthige wahre, echte Prüderie fehlt. Die Ehe ist als die diskreteste Form der männ llch-weiblichen Beziehungen eine Nothwendigkcit sür den Fortschritt der Ra' sen. aber man kann diese Beziehungen nicht diskret und heilig genug gestaltet Und wer wie die nichtprüdcn Frauen es zu thun Pflegen, aus Frivolität oder Stumpfsinn dies heilige Gebiet durch Men oder Handlungen hinaus auf die Gasse zerrt, der begeht ein Vergehen an der höheren Entwicklung der ganzen Menschheit. Wo die Beziehungen zwi scheu Man und Frau zum Gegen stand schamloser Witze gemocht wer)en, und wo namentlich die Frauen sich an Zweideutigkeiten ergötzen und das Allerintimste mit Be hagcn in das Gespräch hineinziehen, da ist die Ehe selbst gefährd?!. Eine Frau, ser echte, wahre Prüderie abgeht, verliert unendlich in dcrz Augen des Man aeS, welcher, fei, er selbst auch etwas frei, eine in Gespräch wie im Empsin)en keusche, prüde Frau stets tausend mal, höher stellt, als die Lüsterne, die mir deshalb scheinbar anständig geblieben. weil glückliche Verhältnisse sie vor zem Falle bewahrt haben, die an Ge i?üth und Gesinnung aber nicht höher fleht, als das vnlorene Geschöpf, au! welches sie von ihr angeblich reinen Höhe herabzusehen sich berechtigt glaubt. Lassen wir also unsere Da men nur lieber prüde Und zimperl! er scheinen; ein Zuviel schadet uns hierin weniger als ein Zuwenig, und unsere Gesellschaft, selbst die sogenannte gute, ebenso wie das reine Familienleben könnten nur gewinnen, wenn es darin recht viele Damen und Mütter gäbe. welche die wahre, echte Prüderie aut ihre Fahne schreiben würden. Ein junges 'Mädchen im Schatzamt in Washington zählt täglich 75.000 Geldstücke und erkennt ,, 'jede falsche Münze am Gefühl, ohne die. jelcnjustz...
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Frauenlevctt am Hofe Pctcrö deö Großen. ' 15 oa Bernhard . Zar Alexe,' Michailowitsch.der Auf geklärte, der Vater PeterS des Großen, that in der ersten Hälste seiner Regie rung gar nichts für die Milderung des Frauenloscs. das im damaligen Rußland zu Ende des 17. Jahrhunderts schlimmer war als im ganzen übn gen Orient. Man hielt das weibliche Geschlecht so abgeschieden von der Welt und insbesondere von dem Umgang mit Männern, daß selbst der ausgetlärte" Alexei den Arzt nur im dunkeln Zim mer zu der Zarin Maria, der ersten Gemahlin des genannten Fürsten, trc ten ließ, und ehe er ihr den Puls süh len durste, mußte die Hand mit einem feiuen Seidenzeug verhüllt werden, da mit die unmittelbare Berührung durch einen fremden Mann vermieden würde. Erst in den letzten Lebensjahren des Zaren Alerei traten etwas freiere VerHältnisse ein. Der wesentlichste Antheil dieses Umschwungs gebührt der zweiten Gemahlin Alereis. Die Zarin Maria war gestorben unl im Jahre 1669 beschloß Alexei. wieder eine junge Gattin in feinen Palast an der Moskwa zu führen. In früheren Jahrhunderten, zur Zeit der Theil fürsten. wählten die Herrscher ihre Frauen vorzugsweise aus regierenden russischen, aber auch ausländischen Hö sen, besonder aus Griechenland oder Polen, einmal auch aus dem Polowzen Khanat. Die Großfürsten von Moskau befolgten dieselbe Regel, bis Wassili Jwanowitsch zuerst von ihr abwich, in dem er sich eine Braut aus dem Stande feiner Uterthanen wählte. Seinem Beispiele folgten seine Nachkommen und auch die ersten Zaren aus dem Hause Romanow. Als nun Zar Alexei Mi chailowitsch zum zweitenmale zu heira then beschlossen, wurden aus allen En den und Winkeln des Reiches 70 schön heitstrahlende Jungfrauen, nicht nur aus den Häusern der Vornehmen und Reichen, fondern auch aus den Hütten der Armen, nach der Kremlstadt .gebracht, wie es ähnlich ja jetzt noch in China geschieht. Die zarische Oberhofmeisterin nahm die Mädchen in Empfang und unter ihre Aufsicht und wies einer jeglichen ein besonderes Zimmer im zarifchen Schlosse an. Doch speisten alle Braut candidaten zusammen an einer großen Tafel. Reichlich hatte der Zar Gele ;enheit. die Jungfrauen zu sehen. Manchmal verkleidete er sich und war tcte den Fräulein als schlichter Speisenträger auf. um unerkannt die Manie ren einer jeden studiren zu können. Allerdings blieb dies den junzen Damen nicht verborgen, und gar sehr nah men sie sich in acht, daß sie bei Tische recht nett und lieb waren. Anders war es jedoch, wenn der Zar die Bräute" durch Ritzen und Löcher in den einzel neu Zimmerwänden beobachtete. Da konnte er eher das wahre Wesen der Frauen erkennen, von denen sich jede in der Hoffnung wiegte, Zarin des moskowitischen Riescnreichcs zu werden. Aber auch nachdem er schon gewählt hatte, erfuhr kein Menfch das zarte Ge heim nist, bis die Stunde der Vertündi gung schlug. Eines Tage? rief Alexei die Oberhof. meisterin und befahl ihr: Laß für 69 der Jungfrauen prächtige Kleider ver fertigen, das prächtigste aber, das Brautkleid, sür die siebzigste, deren Namen du am Wahltage crsahrcn wirst. Denn gewählt habe ich aus dem wundcrsamcn Kranze die köstlichste Blume. ?ccunzchn Mal habe ich die Frauengemacher durchwandert. Tage und Wochen hindurch habe ich das Wesen einer jeglichen beobachtet, aber keine übertraf die eine, die nun der Wunsch meines Herzens ist." Und als der Morgen des 17. Fe. bruar 1009 die Kuppeln des Kremls vergoldete und die Oberhofmeisterin mit dem Brautkleide vordem Zaren er schien und fragte, wem sie es bringen solle, da erwiderte Alexei: Gel, zu Natalia. der Tochter des Kyrill Naryfchkin, und huldige ihr. deiner Zarin." Und wenige Stunden später ward die Auscrwählie feierlich mit Alcxci getraut: die anderen 09 Jungfrauen aber zogen, reich beschenkt, heim in ihre Häuser nnd Hütten. Natalia Kvrillowna Narvichkina. die über Nacht zur Zarin gewzrdcn. war die Tochter eines einfachen Reitcrofficicrs und emer Ausländerin, einer ge dornen Hamilton. Aus Schottland war unter einem der früheren Zaren ein Hamilton nach Rußland gekonr men und seine Nachkommen lebten als Dicnstleute der Krone in der deutschen Sloboda bei Moskau. Der Oberst des Reiterregiments, in welchem Kyrill Naryschkin diente. Namens Matwc jew. heirathcte eine Hamilton ; deren Richte wieder vermählte sich mit Narysch kin. Dieser, wie auch Matwejcw war, beide niederer Herkunft. Sclbstver ständlich erschien es den Russen, daß der Zar eine niedriggeborene Landcstochker heiralhen konnte: denn ein Zar braucht weder Reichthum noch eine große Verwandtschaft, sondern nur ein schönes und tugendhaftes Gemahlaber greulich war ihnen die Heirath selbst des niedrigsten Russen mit der vornehmsten Fremden, einer Genossin des heidnischen römischen oder gar !A thcrischcn Glaubens, und a der Sache änderte der Uebertritt der Braut zur orthodoxen Kirche nur wenig. Mal wcjew und Naryschkin wurden ob ihrer Heirath recht scheel angesehen, aber sie ließen sich ihre Wahl nicht verdrießen und lebten recht' glücklich. Ja, Mal wejew erreichte sogar einen gewissen Wahlftand. der es ihm gestattete, die Tochterg dcs Kyrill in sein Hauz zu nehmen, um sie hier besser zu erziehen, als e sonst in der Sitte der Zeit lag. MatwcjcwS HauS war anders als die Häuser der übrigen Russen.
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Die nahende Aufklärungszeit wars ihre ersten Lichter über seine Familie, Kier herrschte europäische Art und Weise, Hier war ein Mittelpunkt für alle Frem den, hier fanden sich die Gesandten dei Staaten Europas als willkommen! Gäste ein und die aufgeklärten Geister" der Zeit was man damals so nannt hielten hier ihre Versammlungen; die Frauen nahmen Theil an oen Un terhaltungcn der Männer und pflogcr mit ihnen einen freieren, beinahe un gezwungenen Verkehr. Natalia Ky' rillowna sah andere Sitten als Muste, vor ihren Augen als die übrigen russi schen Mädchen jener Epoche, und iw folge dessen eignete sie sich schönere Umgangsformen an, die den Zaren wohl bestricken konnten So geschah es merkwürdiges Schicksal ! , daß di Tochter .des ..abtrünnigen" KyriL Naryschrln und der heidnischen" Frem den zur Zarin von Moskau emporstieg und die Mutter Peters des Großen ward. Sie hatte allerdings einen schweren Stand, da aber der Zar si ousrichtig liebte, hielt er treu und inniß an ihr sest. sodaß sie es wagen durfte, der Aufklärung eine Gasse zu bahnev eine ganz kleine, schmale Gasse. T'e schöne Zeit ging schnell vorüber, mit AlexciS 1670 ersolgtem Tode wai sie zu Ende und die Verhältnisse bei Frauen wurden schlimmer als je zuvor. Die armen Geschöpfe durften selten an derswohin als ins Bad, in die Kirchen und Klöster und zu ihren Verwandten, und auch dann nur völlig verhüllt und in wohlzugemachten Wagen oderSchlit ten. Selbst bei den Mahlzeiten im eigenen Hause durften sie. wenn Fremde anwesend waren, nicht erscheinen. Nur in seltenen Fällen, wenn der Hausberr einem Gaste besondere Ehre erwcksen wollte, rief er vor der Tafel seine Gat tin oder seine Töchter, damit sie dem Fremden einen Kuß und ein Schälchen Schnaps schenkten; dann aber mußten .sie sofort wieder ihren Poklon ohne Ablchicd nehmen und sich zurück, ehen. Plötzlich trat ein Umschwung ein; in dem Lande, wo die Frauen die Sklavin nen ihrer Männer waren, riß eine Frau die Alleinherrschaft an sich die Za rewna Sophia Alcxejewna. Zwar währte ihre Herrschaft nur kurz, aber ihr Stiefbruder Peter schlug, was die Emancipation betraf, die von der Schwester vorgezeichneten Wege ein. Kaum hatte Peter der Große die AlleinHerrschaft übernommen, so zerriß er die drückenden Fesseln, die auf dem weib lichcn Geschlecht Rußlands lasteten. Er befahl, daß die russischen Frauen zunächst äußerlich den ausländischen gleichgestellt würden, und ließ sür sie deutsche, französische, englische und holländijche Kleider kommen. Die Modefragen erhielten damals eine Bcdeu tung. wie sie eine solche weder vorher noch nachher und in keinem Zeitalter besessen haben. Die Mode brachte eine Umwälzung hervor, welcher weltge schichtliche Bedeutung beizumessen ist. Die neumodisch Gekleideten wurden mit Ehren und Vorrechten überschüttet und galten als vornehme und große Menschen. Daß die Frauen sich nicht lange bitten ließen, neue Moden anzunehmen, versteht sich umsomehr, da diejeni gen, die nach neuen Moden gekleidet waren, freien Zutritt zn allen Gesellschalten haben sollten. Neue Wege eröffneten sich sür die, welche bloße Sklavinncn gewesen, und freudig folgten die meisten dem Wunsche des Zaren. Doch soll es auch vorgekommen sein, daß sich manche vor dem Zorn des rechtgläubigen Ehemanne's gefürchtet, und Peter mußte dann die betreffende mit Polizei zum Balle holen lassen! Um die Geselligkeit unter den Beamten seines Hofes und den Bürgern der Residenz und um den zwanglosen Verkehr zwischen Männern und Frauen zu besöroern. führte Peter Vergnügungsgescüschaftcn ein. denen er den Namen Asscmblec" gab. Auf diesen Assem blecs ging es 'recht lustig zu. es wurde geraucht, getanzt, gesungen und die Frauen hielten mit den Männern gleichen Schritt. Neben den Assemblers gingen theatralische Vorstellungen. Peters Schwester, die Prinzessin Natalia Alexe; ewna, schrieb sür dieses Theater die Schauspiele in russischer Sprache, wozu sie die Stoffe theils der Bibel, theils weltlichen Chroniken entnahm. Schauspieler und Musiker waren Rufsen. Drr Komiker, ein Ofsicier, mischte gewöhnlich seine eigenen Späße, die mit dem Stück in gar keinem Zusammenhang standen. 'hinein. Zum Schluß trat ein Redner auf. der die Moral de Geschichte erzählte. Der durch die Neuerungen erfolgte jähe Umschlag hatte bald üble Wirkungen, und der plötzliche, ungeahnt enge Verkehr zwischen Männern" und Wei bern. der dazu hätte dienen sollen, die Rohhnt und Trunkenheit der Männer zu müßigen, erweckte häusig die größte Unsittlichkeit. die keine Grenzen kannte, keine Gesetze achtete. Die Frauen wnßten gar nicht ihre Freiheit zu fassen. Sie glaubten, daß Unsitte und rohes Betrogen Zeichen, der Freiheit seien. Je schamloser man war, für je höher, emancipirter hielt man sich. Ein Rc! sender jener Zeit jammert bei einer Schilderung der russischen Frauen immerfort über deren Sittenlosigkeil und stößt dann folgenden Seufzer aus: Die Frauenspersonen sind sehr unverschämt und ausgelassen. Es ist in Rußland nichts seltenes, daß junge Weiber, wenn sie baden wollen, sich unter freiem Himmel ausziehen und ans dem Bade nackt wieder herauslaufen. Vierzig, fünfzig und mehr Frauen und Mädchen tanzen und springen ohne Schäm und Ehrbarkett, so wie sie Gott erschaffen hat. herum und scheuen sich auch nicht vor den Fremden.,, dr vorübergehen.. A Eine andere, siitengeschichtlich interessante Neuerung PeterS des, Großen betraf die Aufhebung des Chezwanges. Die Eltern allein hatten bisher über das Schicksal ihrer Kinder zu entschei den? gehabt. War eine Tochter er
wachsen, so kamen die Eltern derjelden '
zu einem Junggelellen und boten lym , oder wenn er mit semem Jawort nicht gleich herausrücken wollte seinen Eltern das Mädchen an und machten nach Art der Marktschreier eine vor theilhafte Beschreibung des Braut schatzes. Waren nun die Eltern mit einander eins geworden, so wurde du Hochzeit sofort vollzogen, ohne daß sich das Brautpaar jemals gesehen hatte. Wer Bräutigam und dessen Freunde begaben sich mit dem Popen in Procession zur Braut, welche ihren ..Auserwählten" in Gesellschaft ihrer Gespie. linnen mit einem Kuß und einer Schalt Schnaps, als Zeichen ihrer Einwilli' gung, empsing. Dann verschleierte sik sich und blieb bis nach der Trauung verhüllt. Nachdem die Eltern der Bei' den die Trauringe miteinander gewech felt, fuhr zunächst der Bräutigam in die Kirche. Hierauf folgte die Braut in einem verdeckten Schlitten, den ein mit Fuchsschwänzen über und über bedecktes Pserd zog. Nach vollzogene: Trauung brachte der Priester dem jun aen Paar ein geräumiges Glas mit Schnaps dar, das er, nachdem die Neu vermählten ihm daraus dreimal ordent lich Bescheid gethan, auf die Erde warf, worauf es von der Braut, zertreten wurde, mit dem Wunsche: Allen wünsche ich gleiche Zerschmetterung, dik zwischen Acann und Frau Feindschast und Widerwillen hervorzurufen sich unterstehen werden. Nunmehr trat der Vater der Braut hinzu, zeigte ihr eine Birkenruthe, gab ihr damit einige Streiche und fagte: Sieh?, meine liebe Tochter, das sind die letzten Schläge, die du von meiner Hand bekommst. Ich entlasse dich aus der väterlichen Gewalt und übergebe dich der deines Gatten. Erweisest du ihm jemals nicht den gebührenden Ge horsam. so möge er dich an meiner Statt durch diese Ruthe an deine Schuldigkeit erinnern." Mit diesen Worten übergab der Vater der Tochter das Zweiglein, das bei den allrussischen Frauen gleiches Ansehen genoß wie der Trauring. Nach dieser schönen Einleitung der Ehe wurde die Braut in das Haus des Bräutigams geführt. Wie konnten so geschlossene Bündnisse gedeihen? Nicht genug, daß kctne Liebe zwischen den Ehegatten erwachsen konnte, war das Weib dem Manne so Unterthan, daß es den Herrn hassen mußte. Für die schlechte Behandlung cüchte es sich, wo es konnte, mit ehelicher Untreue. Dafür wieder strafte der Mann dieFrau mit schweren Miß Handlungen, ja. oft mit dem Tode. Peter wollte das Elend der Frauen mildern und betrachtete die Aushebung des Ehezwanges als großen Schritt da zu. Er befahl, daß keine Ehe ohne freie Einwilligung des jungen Paares a.eschlosM werde und daß die Verlobten sich wenigstens sechs Wochen vor der Hochzeit sollten sehen dürfen. DaZ waren die Anfange der russischem Frauen-Emancipation. Nach dem einstimmigen Urtheil aller Reisenden des siebzehnten und achtzehn ten Jahrhunderts waren die russischen Frauen zener Zeit ganz hübsche Ge schöpfe. Nur hielten sie sich nicht für schön, wenn sie nicht ziemlich roth im Gesichte waren. Wollten die Russen damals eine schöne Frau beschreiben..so sagt? sie: sie hat eine lebhaste Röthe, vas das höchste Lob für ein russisches Frauenzimmer war. Und wenn die Mtur sie nicht mit solcher Zierde versehen hatte, so unterließen die Russin nen es nicht, sie sich durch die Kunst zu verschaffen, denn sie schminkten sich un erträglich. Die Baucrndirncn auf der Landstraße, die Bettlerinnen in der Stadt bettelten nicht um Brot, sondern um ein paar Kopeken zur Schminke. Auch Beleibtheit galt als großer, beneidenswerther Vorzug. Sehr in Mode waren schwarze Zähne und Schönheits Pflaster in allerhand Figuren, als: Blumen, Bäume, Wagen, Pferde oder andere Thiere. Die Jungfern flochten ihr Haar zumeist in zwei, auf den Rücken berunterbänaende 5Zövfe. an denen am Ende große bunte Quasten befestigt waren. Die verhciratheten Frauen aber trugen ihr Haar unter einer Haube. Als nun die Frauen von Stande sich auf Peters Befehl nach ausländischer Mode kleiden mußten, kam es häufig vor, daß manche sich nicht drein zu sin den verstanden, nnd man begegnete wohl einer vornehmen rufsifchenDame, die nach deutscher oder französischer Sitte auss prächtigste in Damast gekleidet und mit Tressen, Spitzen und Bändern geziert war, dabei aber bar fuß ging und ihre Pantoffeln verlegen in der Hand trug, weil sie nichts damit anzufangen wußte. Selbst dieGemah lin des Zaren, Katharina I., die aller dings aus der Hese des Volkes hervor gegangen war und nicht einmal zu lesen oder auch nur ihren Namen zu unterschreiben verstand, selbst Katharina machte in Bezug auf ihre Tracht oft die gröbsten Schnitzer und brachte den Zaren in die schlimmste Verlegen heit, so als sie in September 1717 den Berliner Hof besuchten. Die Markgrafin : von Bayreuth, die Schwester Friedrichs des Großen, schildert als Augenzeugin in ihren Memoiren wahre Schaudcrdinge von Katharinas Unma mer. Deren erstes Beginnen nach der Zlnlunst war, der Königin demüthig die Hand zu küssen. Das Auftreten der Zarin hatte etwas Lächerliches. Ihrem Ausputze nach mußte man sie für eine Komödiantin halten. Ihr Kleid schien auf dem Trö dclmartt gekaust zu sein, es war ganz altmodisch und mit Silber und Mc tallschaum überladen. Das Vordertheil ihres Leibchens war mit Edelstes nen geschmückt. Sonderbar war die Anordnung der Juwelen. Sie stellten einen Doppeladler vor. dessen Flügel mit den kleinsten, sehr schlecht gefaßten Brillanten garnirt waren. , Orden, Heiligenbilder.! Talismane und Reli llMN hingen zu Duzenden upd durch
einander längs des Aufschlages ihreZ Kleides, und wenn sie ging, klapperte alles fürchterlich zusammen. Nicht so sehr wie die Städtcbcwch' nerinnen fühlten die Weiber aus dem Lande die eingetretene Veränderung. Sie kamen selten aus der Stube, dlic ben zumeist bei ihren alten Sitten und Unsitten, gingen nach wie vor barfuß oder zogen plumpe Schuhe an wie die Männer. Aus dem Leibe hatten sie im Som mer nur einen langen dünnen Kittel von blauem Linen ohne Aermel. den sie mit einem Gürtel befestigten ; des Winters aber zogen sie einen Schafpelz dar über. Den Hals zierteitösie mit einer Schnur Glasperlen, die Ohren mit großen, dreifach untereinanderhängen den Ohrgehängen. Auf der Brust hat ten sie schließlich ein kleines bleiernes Kreuz, das sie fast niemals ablegten. Solches Kreuzlein trugen auch die Männer ' Man hielt es für so heilig und fürinen Russen nothwendig, daß man keinen Todten feierlich begrub, den man ohne dieses Kreuzchen fand.
Tie Perrlickc. Seit wann die Perrücke existirt. dar. über gibt uns eine ältere französische Zeitung folgenden Aufschluß: Philipp der Gute, Herzog von Burgund, hatte seine Haare während einer längeren Krankheit sast ganzlich verloren. Es konnte für ihn nichts BetrübcndcreS ge ben. denn er ging auf Freiers Füßen, er wollte nicht nur die Hand, sondern auch das Herz der schönen Jsabella von Portugal erobern. Um seine Kablheit wenigstens theilweise zu. verdecken, be schloß Philipp ein Käppchcn von schwar Zcm Sammt (Ealotte) zu trogen. Sein ganzer Hof beeilte sich natürlich, dieses nachzuahmen, und so reiste man mit dieser seltsamen Kopsbedeckung nach Brügge, wo die rafirten Köpse und die Sammtkäppchen die Belgier höchlich überrafchten; aber die Burgunder suchten sie zu überreden, daß sie zu ihrem Nation alkoftüm gehöre. Die Feste nahmen ihren AnfanA. Philipp entwickelte den ganzen Glaüz d.'s damaligen fürstlichen Luxus; er hoffte, hierdurch erzielen zu können, was er durch seine Persönlichkeit zu ge winnen etwa nicht im Stande sei. Dies muß ihm auch gelungen fein, denn der Tag sür die Hochzcitsseier ward bald festgesetzt. ÄmAbend vordem entscheidendcnTage hatte der Herzog Gelegenheit zn einem zärtlichen tsts-a-tst mit seiner Braut. Als er licbebetheucrnd zu ihren Füßen sank, wollte es sein Unstern, daß in folge einer ungestümen Handbcwcgung mit ihm sein Käppchen vor der tugeNdhasten Jsabella auf dem Boden lag. Beim Anblick dieses ehrwürdigen Hau ptcs. so ganz entblößt von feinem na türlichen Schmucke, konnte sich die Prin zessin eines unauslöschlichen Gelächters nicht enthalten. Der Herzog war ver steinert; aber Jsabella lachte immerfort und tief beschämt und verlegen verließ er das Gemach, während ihn das Ge lächter der Dame noch auf dem Vorplatz verfolgte. Des andern Tages ward dennoch die Hochzeit gefeiert; aus des Herzogs Antlitz war ftöoch kein Zug von Freudigkeit sichtbar. Der Abbe Jzftred? wagte es endlich, dem Herzog zu sagen: .Monseigneur. Alles ist betrübt über cn Ernst Eurer Hoheit; läge e? wohl in unserer Macht, Euren Kummer zu stillen?" Unmöglich. Es gibt kein Mittel sür mein Leiden, die Prinzessin liebt mich nicht!" Aber Monseigneur, die Prinzeß müßte doch blind sein, für " Um diese Ealotte, die höllische Ca lottc nicht zu sehen, nicht wahr? Kein einziges Haar darunter! Mein Herzog thumUir derr Kops voll Haare!" Joff rcdy konnte seinen Herrn nicht länger leiden sehen; er setzte einen großen Preis aus für den. der im Stande war, künst lich eine täuschende Haarbedeckung zu oerfcrtigcn. In Kurzem erbat sich ein Mann Audienz bei dem Günstling des Herzogs und zeigte diesem eine Art von Ealotte, aber eine mit wirklichen Haaren besetzte. ' Beim Anblick dieses Kunstwerkes stieß der Höfling einen Schrei des Entzückens aus. Dein Name!" rief der Abbe, den Mann um armend. Pierre Larchant, Barbier zu Dijon!" Noch am selben Abend gab Philipp der Gute in Brügge ein prachtvolles Fest, auf dem er. mit einer schönen blonden Perrücke geschmückt, er schien, und schon einige'Tage darauf hatten fünfhundert Edelleute es dem Herzog nachgethan. Die Geschichte er zählt nicht, ob Jsabella von da ab ihren Gemahl mehr liebte, jedenfalls aber kvar der Erfinder der Perrückc von jetzt ZN ein gemachter Mann! Schrecklich! a Mann von Geist war Herr Müller. Des ganzen Geschlechtes Zier; Da gab er plötzlich den Geist auf Und uähm eine Frau dafür. O. Storff. Unglaubliches Verlan itn. Wirth (eines Badchotels zum mllner): Was bringen Sie denn da zurück?" Kellner: Ein Steak, der Sast will'S nicht, es ist ihm zu hart!" Wirth; DaI wird ja immer besser! Sagen Sie dem Gast, wir nehmen'S nicht mehr zurück, nachdem er es so ver bogen hat!" Aufrichtig. Herr: Sie wei nen. theures Fräulein? Habe ich Sie sielleicht mit meinem Hcirathsantrag gekränkt? Fräulein: Ach nein, ich Deine vor Freude. Meine Mutter sagte noch heute Morgen: Dich dumme GanS wird nicht einmal ein Ochs zur Frau nehmen." Und doch sind Sie gekommen, und haben um mich ange halten! ? Mißverstündniß. Gast: Beben Sie mir einen Kalbsbraten. Kellner:' Mit Vergnügen! Gast: un. mit Salas! '
