Indiana Tribüne, Volume 15, Number 321, Indianapolis, Marion County, 7 August 1892 — Page 2

Kkareey über die deutsche Sprache. Tie CsseJschaft deZ Theatra fran aise" wurde auf ihrer Gastreisc nach Wien u. A. auch von Sarcey begleitet. Ter berühmte Kunstkritiker gibt in den Ännales Politiques" seine Reisebe vbachtungen zum Besten, denen wir nach der' .Muen Freien Presse" Fo!zendes entnehmen: ' Ich kenne die deutsche Sprache nicht. In meiner Jugend lehrte man diese Sprache noch nicht in den Lyceen. Es gab da roohl deutsche und englische Professoren, aber es galt für im ständig, sich mit einer dem Französischen nicht ebenbürtigen Sprache zu beschäfligen. Ter Drrector that nichts, um oi'cseZ Vorurtheil zu zerstreuen, ja. er gab unZ zu verstehen, daß es für uns nützliche? sei, wenn wir unsere ganze Aufmerksamkeit dem Lateinischen und Griechischen zuwendeten, statt unsere Zeit dem lächerlichen Studium einer lebenden Sprache zu opfern. Ich er innere mich noch lebhaft eines guten Teutschen, welcher wahrscheinlich in der Grammatik satelfest war, aber mit feinen Zöglingen nicht umzugehen wußte; Alles machte sich luftig über seinen ungeschlachten Accent und Jeder hielt sich verpflichtet, ihm einen Scha bernack zu spielen. Dem Director konnte dies Alles nicht verborgen Wi ben; aber er bekümmerte sich grundsätz lich nicht um einen Unterricht, welcher in feinen Augen vollständig Nebenfach lich war. Die damaligen Schüler sind zu Män nern herangereift; sie Alle waren das

Opfer dieses lücherllchen Vorurtheils. Einige unter ihnen, welche das Glück hatten, reiche-Eltern zu besitzen, hatten dielleicht Gelegenheit, in späteren Iah. ren die Lücke auszufüllen; aber die mei sten von uns blieben für ihr Lebenlang bezüglich der fremden Sprachen die alten Ignoranten. Das Vorurtheil, von welchem ich spreae, war so fest ein gewurzelt, daß eZ aus den Lyceen fast nicht auszurotten war. CZ ist ein Fortschritt zu verzeichnen ; aber ein äußerst langsamer, fast unmcrklicher. Noch heute läßt man es ruhig gefche hen, daß die Zöglinge und Schüler sich über die Eigenheiten und ungewohnten Laute des fremden Idioms lustig ma chen, als cb die französische Sprache mit ihren Nasenlauten nicht ebenso viele Gelegenheit zur Bespöttelung böte! Ich fand in Wien sofort Zutritt zu der zuten Gesellschaft. An Einkadunqen fehlte es nicht. Aber Sie stellen sich kaum vor, wie unwiffertd ich mir vor kam in Gesellschaft von acht oder zehn Personen deutscher Nation, welche alle aus Courtoisie gegenüber mir, dem Un wissenden. Französisch sprachen. Ich schämte mich meines Landes und meiner Unwissenheit. Alle ohne Ausnahme sprachen Fran zösifch; Einige sogar mit bemerkenZwer ther Reinheit und Leichtigkeit. Und auch diejenigen, welche sich etwas schwer fällig ausdrückten, verstanden mich doch. Und ich, ich sitze da und kenne kein deutsches Wort! Ich bin nicht ein mal im Stands auf der Straße um irgend eine Auskunft zu bitten; meine Eollcgen wissen das und müssen sich dazu bequemen, mich in mein Hotel zu begleiten. Alle Tage bringen die Zeitungen Berichte über die VorsteLun gen der Eomedie Francaise; ich und öie französischen Künstler möchten allzu gerne lesen, welche Beurtheilung die GeseUsHaft und ihre Mitglieder durch die Wiener Presse erfährt. ' Aber wir stehen vor Hieroglyphen; es bleibt uns nichts Anderes übrig, als uns gemeinsam über unsere Unwiffen heit zu ärgern. Wie oft haben wir doch auf unserer Reise wiederholt über dieses Mißgeschick gewettert. Wie dumm ist man doch, wenn man nicht Teutsch kann! Warum hat man uys denn diese Sprache nicht gelehrt? Die Kinder bil sen sich ein, und nur zu oft glauben es die Eltern selbst, daß solches Studium unnütz fei. Ist denn Teutschland fo xerit entfernt? Als ob es heute noch .'ntfernte Länder gäbe! Ein Franzose, Welcher nur seine Muttersprache spricht, ist, wie der Volksmund sich ausdrückt, :in im Topfe Begrabener. Darum, Ihr Eltern, dringt darauf, daß Eure Söhne mit allem Fleiße die fremden sprachen studiren. Aber das ist noch aicht genug. Was man in den Lyceen lernen kann, ist unbedeutend. Schickt darum Euer Kind in das Land, desien Sprache es erlernen soll, wenn Ihr wollt, daß es diefe Sprache wirklich be herrsche. Ich sehe die Zeit kommen, in welcher jeder junge Mann, der nicht Deutsch und Englisch kann, seiner Auf. ;abe nicht gewachsen ist. Die junge Königin Wil yelmine von Holland lebte eine Zeit lang in beständiger Fehde mit ihrer englischen Gouvernante, über deren Strenge sie sich oft beklagte. Eines Tages, nachdem die sirenge g0Yrnes3 ihrem königlichen Zögling einen Ver weis ertheilt, gab sie der klemm Maje stat als Aufgabe, die Karte Europas zu zeichnen. Die Königin Wilbelmine letzte sich gehorsam an den Arbeiistifch und überreichte nach einer halben Stunde zie gewünschte Karte. Alles war tox tut gezeichnet, nur in den rfifecndimmsionen hatte der Rachedurst der Zungen Königin sich geäußert, .und die Gouvernante siel beinahe in Ohnmacht, als sie übe? einem übermäßig groß ge rathenen Holland eine kleine, winzige Insel erblickte, dessen Conturcn deutlich England bezeichneten. Ter Fall wurde der KöniginNeg?ntin unterbreitet, sie lachte und verzieh der guten Ausfüh kung der Zeichnung wegen . Schreckliches Malheur, kl.: Jenem dort ist die Gattin von säubern entführt worden und diese zerlangen 5000 Gulden Löfcgcld. v V.: Ist er denn bei ihnen geweim und $at er das Geld mitgenommen? A.: Ja. Aber er hat es den Räubern nur znter der Bedingung gegeben, daß sie feine Frau für immer behalten!

Betrogen.

Ton Karl Reutex erger. Äuf dem schmalen Fuhrweg, web cher sich zu den hügeligen Feldern em porwand, schritten zwei junge Männer. Die steinhartgefrorcnen Schollen flan gen hohl unter ihren hastigen Tritten. Graue Wolken, wie festgefroren im eisigen Aether, überspannten die fahlk Landschaft. Höre 'mal. Fred, daö ist ja abscheu. lich kalt." sprach Jack, der Aeltere, zu seinem Gefährten, im wünschte blos, es singe gehörig an zu schneien, dann könnten wir heimgehen." Rreti nrttfcistrtMe nickt. Sie erreich. U - --7 jr ten jetzt den Saum eines weiten MaisA feldes. .Aus den lyrer Kolden beraub' ten Stengeln ragten lange grade Reihen junger Obstbäume empor. Die Stämme derselben mußten mit Maisstroh um hüllt werden zum Schutze gegen die Hasen, welche, wenn Alles mit Schnee bedeckt ist, vom Hunger getrieben die zarte Rinde abnagen. Schneidend kalt fegte der Nordwind über das offene Feld, pfiff und heulte durch die vereinzelt emporragenden ho hen kahlen Hikorybäume, und rauschte melancholisch zwischen den dürren Korn stcngeln. Die Beiden versuchten ihr möglichfies, ihr Blut in Wallung zu bringen schlugen sich mit den Händen um die Rippen und legten die Zwischenräume von einem Baum zum andern in schar fem Trabe zurück. Trotzdem wurden die roth und blauaefleckten Hände immer steifer, und kaum noch vermochten die Finger die Fäden fest zu knüpfen. Endlich ließ sich ein fernes Stollen vernehmen, hinter dem dämmerigen Waldsaum am Fuße des Hügels flat. terten die weißen Dampfwoltcn eines Zuges empor, welcher dfti jungen Männern die Mittagsstunden vertunbete: In einer Niederuna zwischen Hasel nußgesträuchen und halbqermoderten Baumstämmen machten sie sich ein großes Feuer an. Ter Lunch" in den Blechkannen war hartgefroren, und mußte aufgethaut werden. Nachdem sie gegessen hatten, thauten auch die Zungen auf. Ihr Gefpräch bestätigte du Wahrheit des Sprichwortes: ..Wo von das Herz voll ist, davon geht der Mund über'; es drehte sich nun MXi, die Tochter ihres Brodherrn. Ich will Dkr mal was sagen, Fred," begann Jack nach einer Pause, ..warum sollen w,r uns emander was vormachen? Du liebst die Lise, und ich ebenfalls! Einer kann sie aber nur haben. Tu .bist am längsten hier, Dir verdanke ich die Stelle beim Köhler, also will ich Dir die erste , Chance" geben. Wirb um Lise! Erhört t Dlch. gut. dann trete ich zurück; wenn nicht na, dann kannst Tu nichts dagegen haben, wenn ich es versuche, sie zu gewinnen. In keinem Falle aber brauchen nur da rum Feinde zu werden, nicht wahr f Schlag ein!" Fred starrte eine Weüe m die flak kernde Gluth. Ueber sein hübsches, et was blaMs Gesicht flog nne dunkle Ro tbe. Dann ergriff er die ihm dargebotene Rechte und sprach: Tu halt recht, Jack! So lst es am besten ! Dies Hangen und Bangen muß aufhören! Entweder Oder! Also Tu gibst mir die erste Chance" ich danke Dir. Ich hatte mit schon einen Plan zurecht gelegt. In drei Wochen ist Weihnachten. Dann überreiche ich Lise ein kleines Geschenk mit meiner schriftlichen Erklärung. Ihr mündlich meine Gefühle mitzutheilen, fehlt es mir an Muth. Bin ich der Glückliche, so hoffe ich. Du wirst mir den Sonnenschein gönnen, der nach langen Stürmen mit freundlichem Schimmer auf meinem Lebenspfad fallen wird. Hat ihr Herz aber an ders gewählt, so ihre Entscheidung ist unser Schicksalsspruch. Du mußt mir aber versprechen, daß Du bis Weih nachten nichts unternehmen, mir nichts in den Weg legen willst!" Das verspreche ich Dir, hier, meine Hand darauf!" jt Es waren noch zwei Tage bis We'h nachten. Fred war in Kansas City qcwefen. und hatte kleine Geschenke eingekauft für die Kinder und für Lise. Jetzt faß er beim Lampenlichte auf fernem Schlaf zimmer, und las zum dritten Mal den Brief über, worin er mit glühenden Worten der schönen Farmerstochter feine Gefühle gestand. Dann legte er den Brief m cm zierliches Autograph Album, und wickelte dasselbe in einen Bogen wc,yes Papier ein. Darauf schrieb er: Für 2it." Er stand auf und starrte in das trübe Lampenlicht. Es war kalt; an den Fenster chclben bildeten sick, feder förmige Cisblumcn; trotzdem fühlte er eine seltsame Schwüle, seine Augen und Wangen brannten. Hoffnung und Zweifel schürten und dämpften abwechselnd die Liebcsflamme in seiner Brust. Er trat an's Fenster und preßte die heiße Stirne gegen die kalte cycive. Draußen ruhte die Erde todt nnd stille unter schimmernder Schneedecke. und darüber hing nne ein dunkler Schleier die sierncnlosc Nacht. Aü dem hmter dem Garten aufsteigenden Hügel zeichneten sich die Baumstämme wie schwarze Gefpcnster auf dem fahl weißen Hintergrund ab. ' , ': Was war das? Bewegte sich einer von den Baumstämmen?, Nein, es war eine Gestalt, die sich langsam, zwischen den Bäumen fortbewegte, oder vielmehr waren es zwei nahe zusammengehende Gestalten. Fftd wüßte, daß Listen einem Nachbatn auf Besuch gegangen war, fie .rauBic es fein, uns lyr alciter war ihr Bruder. ' ' . ,,y 'li ' Doch warum gingen sie so langsam ; und blieben so oft stehen? .; .:'', t. Fred drehte d:e Lampe auZ, dam: er von draußen am Fc:r nicht gesehen werden lounie.

Die Beiden kamen näher. Plötzlich zuckte der Beobachter ani ' Fenster zusammen. Die Gestalt, wo ran Lise sich eng angeschmiegt hatte, war nicht ihr Bruder, es war Jack; er erkannte ihn an seiner Gestalt und Kleidung. Ein langer Holzschuppen entzog sie seinen Blicken. Er trat vom Fenster zurück. Ein höhnisch-schmcrzlichcs Lächeln gellte durch den finsteren Raum. Als er nach einer Weile die Lampe wieder anzündete, fiel ihr Lichtschein auf ein todten blasses Antlitz. Wie abwesend starrte Fred eint Weile auf das weiße Packetchen, ergriff es hastig, umwickelte es mit ZeitungsPapier, und eilte die Treppe hinunter zum Wohnzimmer.

Der Farmer saß am Ofen und rauchte feine Pfeife, feine Frau strickte Strümpfe, Harry, der ohn des au es, und John, emer der Knechte, spiel en Karten, wobei ihnen statt des Gel des, eine Anzayi Hofentnöpfe dienten. Fred trat an den glühenden Ofen. öffnete die quiekende Thür und warf das Backet hinein. Ein Puff, ein Säuseln und Knistern Asche, Asche auch seine Hoffnung, sein Liebestraum. Willst Du mitspielen, Fred?" fragte John. Wxr iBist Du krank, Fred?" fragte Frau Köhler besorgt, Du siehst ja. so blaß aus?" Nern!" Von draußen Erscholl das Geräusch schneestampfender Füße. Fred ent ernte sich eiligst. Im Rahmen der geöffneten Thür erchien Lise. Ihre blauen Augen leucheten in feuchtem Schimmer, rosig erglühte das schöne Antlitz. Hinter hr tauchte das lächelnde Glicht Jacks auf. Komm mal einen Augenblick herauf, Jack." tönte eS nach einer Weile von oben. Das all right von unten klang rwas zögernd. Was willst Du denn?" fragte Jack kurz, und versuchte seine Befangenheit hinter einem ärgerlichen Ton zu ver bergen. Fred antwortete nicht sogleich. Seine Augen hafteten glühend auf seinem Ge zenübcr. Dann lachte er rauh und verächtlich auf. Was ich will? Dir fagen. dan ich inen Menschen, der fein Wort und versprechen gibt, nur um es zu brechen, für einen Heuchler und Schurken halte!" .Wen meinst Du damit?" .Ach, wie unschuldig! Mich täuschest Du aber nicht. Gib mir doch Deine band darauf, daß Tu es nicht warst, der vorhin Arm in Arm mit Life den Hügel herabkam!" Ha, ha, ha, also das war es!" Jack lachte aus vollem Halse, aber es klang gezwungen. Also Du hieltest mem Versprechen wirklich für ernst? Nein, das ist aber doch zu komisch! Mensch, weißt Tu denn nicht, daß im Kriege und in der Liebe jede List erlaubt ist?" Fred konnte nicht gleich antworten. Die Adern an feiner Stirn schwollen sn, feine Augen glühten, seine Hände bebten Geh', Schurke," kam es endlich keu. chend von seinen Lippen, geh', sag ich Dir oder bei Gott es gibt ein Un zlück!" Obschon Jack feinem jüngeren Mit" arbeite? bedeutend an Körperkraft über legen war, hielt er es doch für gerathen, die Aufforderung zu befolgen, und ver schwand schleunigst. Am Sylvesteräbend nach dem Suppcr saß Mister Köhler mit seiner Frau allein in der Stube. Lise und die Kin der waren in der Küche beschäftigt, Harry, Jack und John fütterten die Pferde und Fred war nach dem nahen. Städtchen gegangen. Weiß der Kukuk", sprach der Farmer ans eine vorhergehende Bemerkung seiner Frau, was mit den Beiden los ist. Seit Weihnachten reden sie kein Wort zusammen. Dabei ist der Jack immer lustig; aber der Fred macht ein Gesicht, als ob er Hufnägel verschluckt hätte, und wenn er den Jack blos von Weitem sieht, sollte man meinen, er wollte diesem mit seinen Augen Löcher in den Hut bohren. Und ' denk Dir nur, als ich gestern Abend von der Stadt wiederkomme, steht der verrückte Mensch an einem Telegraphcnpfahl gö lehnt im Schnee, undschaui m die Luft ?mpor. Als ich ihn fragte, ob er die Sterne zähle, antwortete er, sie seien rille untergegangen. Bei dem ist em Schraube los, sag' ich Dir." Hier wurde er durch das Oeffnen der Thür unterbrochen und Fred trat her !in. Ohne ein Wort zu sagen, ging tr die Treppe hinauf. Eine Weile saß er, in tiefem Sinnen verloren, bei der trübbrennenden Lampe. Dann trat er zum. Kleiderschränk zog sich seinen Ueberrock an, packte die übrigen Garderobcstücke in einen Koffer, verschloß denselben und Verließ das Zimmer. - Unten war, außer Jack und Lise, die ganze Familie versammelt. Ich möchte gern meinen Lohn ha ben", sprach Fred m dem Farmer, ich will mir in der Stadt, etwas kausen!" Miste? Kohler machte ein erstauntes Gesicht, sagte' aber nichts, holte das Geld und zählte es bedächtig auf , den 1 d Nieder. ; Gehst Dn mit zum Store, John?" iragre nrco., , Iis : Well yes! Warte, ich ziehe eben m?rttf n4 nnl mviiiwt vivu un. ,. : - .. , 5,..-!jii,p.-rs Noch einen langen, seltsamen Blick warf Fred durch das Zimmer und über die Anwesenden und schritt ' langsam ' - . J - ymaus. oonn folgte iym. (sie, ka mcn durch die Küche. Die an der Wand hängende Lampe war ganz kleiii gedreht. n der di hinter dem großen Kochofen aß ?Uck Und dickt an i&N atfAmimi ' "slf ' " ' ; . ..:!": : ' I w ' ' -v

Fred blieb stehen. Seine Augen glühten durch die Dämmerung zu den Bcidm hinüber. Dann wandte er sich hastig um und eilte hinaus in 's Freie. John!" begann er, als sie den durch den Schnee jährenden Spuren zum Städtchen folgten, Du warst immer ein guter Freund zu mir; willst Du mix einen Gefallen erweisen?" Gewiß. Junge, baller mal los!" John ich gehe fort von hier!" Was?" Ich reise ab mit dem neun Uhr Zug!" Ach, mach keinen Unsinn!" Es ist mein Ernst!" Aber, Menschenlind, wo willst Du denn hin so plötzlich?" Vorläufig nach Topeka. Ob ich dort bleibe oder weiter westlich reise, weiß ich nicht. Ich werde Dir schreiben und was ich Dich bitten wollte, nicht wahr. Du schickst mir dann meinen Koffer nach?Gewiß! Aber die Geschichte kommt mir ungeheuer spanisch vor!" Mir auch," versuchte Fred zu scher-

;en, oocy oas verncvfl nian. in meinem Brief werde ich Dir die Sache erklären. Es ist nicht nöthig, dav Tu noch weiter durch den kalten Schnee mit läuft; lebe wohl, alter Junge!" GoOd bye, Fred; verd es thut mir leid, daß Du fortgehst, es war doch so gemüthlich; ich kann wirklich nicht begreifen Schon gut, John, spater wirst Du Alles erfahren. Gute Nacht!" Well gute Nacht, Fred ; wün. sche Dir ein recht glückliches neues Jahrk' Danke möge das Deine glucklicher werden!" Noch ein Händcdruck und der Eine schritt langsam dem Hause zu. Der Andere aber lehnte sich an den Stamm eines Baumes und starrte nach dem dunkeln Farmhause hinüber in den hel len Lichtschein, der durch die Fenster fallend einen mattglitzernden Streifen auf den Schnee malte. Auf einmal spürte er in feinen Augen etwas Heißes, Nasfes, die lichten Fcnstervierecke ver schwammen zu ruthenförmigen Strahlen. Mit voller Wucht überkam ihn das Gefühl gänzlicher Berlaffenhcit, getäuschter Hoffnung, betrogenen Glückes. Ein dumpfes Schluchzen entrang sich seiner Brust und er weinte, als müsse ihm das Herz zerspringen. Groe Schneeflocken schwebten sachte nieder, schmolzen auf seinen heißen Wangen und vermischten sich mit seinen Thrä N5N. Er spürte es nicht. Erst als in der Ferne der Zug heranrollte, erwachte er wie aus einer dumpfen Betäubung, rieb sich das Gesicht hastig mit einem Taschentuche und rannte der nahen Station zu. Fünf Jahre sind seitdem verflossen. Es ist im schönen Monat Mai. Eben hat der Zug nach Osten die Stadt Lawrence passirt und rollt zwischen grünen Bäumen und Feldern dahin, zur Nechten sanfte Hügelwellcn, mit herrlichen Wäldern bekleidet, zur Linken das fruchtbare Kanfas River-Thal, von vem blinkenden Flusse durchschnitten. In einem Puttman-Schlafwagen auf weichen Polstern ruht Fred. Seine Kleidung ist von feinem Schnitt und Stoff, an seine? Hand funkelt ein Dia mantring. Gespannt blickte er hinaus. Jetzt eine Lichtung gewährte ihm freien Blick über das Thal bis zu den 'enscitigen Hügeln. Hinter blühenden bstöäumen ragt dort das graue Schindeldach eines Farmhauses empor Eine leise Nöthe stieg in seine Wangen. Tort lag das Haus, unter dessen Dache er einst als heimathloser Wanderer eine Heimath gefunden, wo er den Traum seiner ersten Liebe geträumt und das er wieder in Nacht und Schnee verlassen hatte, unglücklich, mit Verzweiflung im Herzen, verlaffener denn je zuvor. Füns Jahre waren seitdem verflossen. doch war es ihm. als lägen Jahrzehnte zwischen jener düstern, kalten Nacht und diesem sonnigen Fruhungsmorgen. Vieles hatte er seitdem erlebt. Vieles veraesscn. gelernt und errungen. Die grüne Waldmauer verbarg ihm wieder die Landschaft. Er lehnte sein Haupt zurück, schloß , feine Augen halb Und träumte. Als er damals endlich die bittereTäuschung überwunden, hatte sich semer eme trotzige Energie bcmach tigt, ihn zu unermüdlichem Streben angespornt. Anfangs zwar entsprang dieser rastlose Fleiß hauptsächlich dem Wunsche nach Vergessen, doch bald ko stete er das schöne Gefühl, welches im Bewußtsein treuer Pflichterfüllung und des Erfolges liegt. In Topeka hatte er sich nur einige Tage aufgehalten und war dann nach EoUfornicn gereist. Dort hatte er in San Francisco in einer großen Wem Handlung Arbeit gefunden. Sein unermüdlicher Fleiß, seine Gewissenhaf. tigkeit und Intelligenz hatten bald die Aufmerksamkeit seines Chefs auf ihn gelenkt, dessen Scharfblick bald erkannte, welch' ein bedeutendes Talent er in dem jungen Manne besaß und er gab ihm Mittel und Gelegenheit,, seine Kennt nisse zu vervollkommnen, sich das Maw gelnde anzueignen. Nach drei Jahren war Fred der vertraute Gehilfe sclneZ Principals und. feit einem Iahn Hauptvcrtreter scmer Firma. Jetz hatte er im Interesse seines Hauses der. Nordwcstcn bereist, Kansas City sollu die letzte Station fem, dann wollte ei wieder nach seinem schönen Califorirler zurückkehren. Noch etwas Anderes war es, das ihn mit Macht zurückzog Maja, seim kciNaencote Maia. , Sie war die Tochter eines Professors, schön an Körper und Geist und besaf jene warme Hcrzensgüte, welche dei unvergängliche, Schmuck edler Frauer ist Wenn ihre seelenvollen, dunkler. Augensterne ihm tief in'S Herz strahl ten, überkam ihn " ein berauschende! Gefühl glücklichen Friedens, und of war es ihm, als müsse er zu, ihren Fu ven niedersinken, zu ihr, emporblicke

wie zu eine? Gottheit und ausrufen!

Du bist mein Gluck, meine Heimaty. mein Alles!" Zehn Tage noch, danll sollte er sie wiedersehen, wie eine Ewig keit dünkte ihm die Zeit. Aber herrlich war der Lohn, sie sollte dann sein wer, den sür s ganze Leben, sein Weib. Eine warme Blutwelle strömte in lerne Wangen, es war ihm, als hätte er ein solches Glück gar nicht verdient. Ein schrilles Preise der Lokomotive und das Borübcrrasscln langer Wagen reihen weckte ihn aus feinen Träumen. Vor seinen erstaunten Blicken tauchten die rauchum flatterten Kamine von Armstrong und Armourdale auf und dahinter die dämmerigen Häuscrkämme der junqen Riesenstadt am Missouri. Schon nach dr.'i Tagen hatte Fred seine Geschäfte erledigt. Da der California Erprezug erst um sechs Uhr Abends den Bahnhof ver ließ, hatte er noch zwei Stunden freie Zeit. Nachsinnend, wie er diese ausfüllen sollte, schlenderte er die Straße entlang. Da fiel sein Blick auf das child eines LokaleZ, in welchem er früher viel verkehrt hatte und welches das Absteigequartier des alten Köhler und iciner Leute war. Tort kehrte er ein. Ter Wirth war nicht anwesend und der Barkceper ihm fremd. Er bestellte sich ein Glas Wein. nippte daran, bezahlte und wollte sich wieder entfernen, als er die Gestalt eines jungen Farmers gewahrte, el cher in einer Zeitung blätternd an emem Tische saß. Der Mann kam ihm be kannt vor. Um das Gesicht deutlicher zu sehen, trat er einige Schritte vor und eilte mit dem freudigen Rufe: John, alter Junge ! wie geht's zu dem Ueberraschten. John starrte den elegant gekleideten Herrn verblüfft an, dann flog ein hel les Lachen über sein gutmüthiges, drei tes Gencht. er sprang aus, ergriss die dargebotene Rechte und drückte sie kräf tig. Ist's denn möglich? Fred? Junge, Du hast Dich aber verdammt fein her ausgemacht !" Fred bestellte eme Flasche Wem ; die Glüser klangen zusammen und dann sprach er: Nun erzähle mal, John in bist doch noch bei Köhlers V You bet übrigens könntest Du schon längst Alles wissen, wenn Du öfters als einmal geschrieben hättest !" Ich wein es, John, es war Uurccht von mir, aber Du mußt entschuldigen, ich wollte vergessen, was hinter mir lag. In meinem Bnef habe ich d:r damals den Grund meines plötzlichen Fortgchens ausführlich mitgetheilt doch nun erzähle, was macht Jack und Lise? Kannst es mir getrost sagen, die Beiden sind mir völlig fremde Men schcn." Well sie sind ungefähr fünf Jahre verhcirathct, die Hochzeit war gleich nach Ostern, die Geschichte hatte nämlich Eile und jetzt haben sie schon vier Mnder!" So so und leben sie recht glück lich zusammen?" I ohn lachte. .Jawohl wie Hund und Katze!" Nicht möglich diese sanfte, blonde Life?" - Ja, ja, es gibt auch sanfte Tcu. fel. Das heißt, allein trägt sie die Schuld nicht. Ter Jack hatte dem Al ten vorgeschwindelt, er hätte noch 5000 Mark aus Teutschland zu kriegen. Er zlaubte, wenn das Mädchen erst seine Frau fei. würde Papa Köhler schon herausrücke, hatte sich aber gewaltig geirrt. Jener sagte ihm ganz trocken: .Arbeite, mein Sohn, wie ich es ebenfalls habe thun müssen, selbst wenn Deine 5000 Mark kommen, und wenn ich mal den letzten Schnaufer thue, kommt Dir das- Erbtheil meiner Tochter immer noch zu statten." Da die 5000 Mark aber ausblieben und der Jack keiner von Denen ist, die das Ar besten erfunden haben, so ging der Spektakel bald los. Lise wollte keine Diensknagd spielen und er keinen Knecht. Dann fing er auch noch heimlich an zu trinken. Schon fünf Mal ist sie von ihm gelaufen, aber immer wieder zurückgekehrt. Ich sage Dir, wenn sich jemals zwei Menschen einan der das Leben verbittert haben, so sind es diese Beiden." Fred blickte sinnend in sein Glas und schüttelte bedauernd sein Haupt. Merkwürdig, wie sich Alles röcht mich wollte er um mein Lebcnsglück bc trügen und hat sich selbst um das seine betrogen. Nun ein Jeder erntet, was er säet. Stoß an, Freund, es lebe die wahre, echte Liebe!" Als der Zug am Abend in westlicher Richtung am Kanfas N'.ver entlang brauste.' saß Fred wieder am Fenster eines Pullman Schlafwagens. Doch feine Augen suchten diesmal nicht das Dach des Farmhauscs hinter dem Blü? thcnschnee,dcr Dbstbäume, schnsuchts voll hingen seine Blicke an den Herr lichen Gewöllen, die fern im Westen rosigglühend in der wunderrcinen Bläue des Acthers schwammen und von seinen Lippen tönte es leise: Maja!" In einem , Dorfe nähr öei Husum verlobte sich ein junger Mann, welcher als zweiter" Sohn keine Aussicht hatte, den väterlichen Hof zu erben, mit der ältesten Tochter eines 'Bauern, der keine Söhne besaß. Etwa eine Woche vor dem für die Hochzeit festgesetzten Tage, als schon die ganze Aussteuer besorgt war, fragte der Bauer den Verlobten seiner Tochter: Na, wo wöt ji denn hintrcklcn?" i I. lautete die Antwort ick har dacht, ick tun mi hier infrien (einheirathcn)." Nee, min Stell kann ick nich afgeben." Na, denn ,,kann vor ja wu'll nir ut wardn." , Sprachs, ging mit aller , Gemüthsruhe, feiner Wege und mit dr Verlobung wars vor bei. : Z Passende Verwendung. Passen Sie auf, ich werde Ihnen jetzt einen Witz erzählen, über den sich Jeder halbtodt lacht ! Erzählen Sie ihn roeimal meiner Schwiegermutter!

Feuerprobe.

ENjze von Franc!? Wolf. Es ist bald sieben Uhr, der Zuschauer räum des überaus freundlichen Thca ters beginnt sich zu füllen. Die Galle ncn sind schon dicht besetzt, Parkets und Logen noch ziemlich leer. Die Musiker stimmen ihre Instrumente und mit den durcheinander klingenden Tönen vermischt sich das Klappern der Sitze, die Stimme des die Plätze anweisenden Billeteurs und das undeutliche Gemurmel auf der Gallcrie. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt, welche den Orchesterraum vom Publikum trennt, steht ein Herr. Die hohe, elegante Gestalt trägt einen stark prosilirtcu Kopf, dessen Gesichtszüge auf ungewöhnliche Charakterfestigkeit deuten. Kühl und gleichgiltig schweift der Blick über die Menge, dennoch sagt das schöne dunkle Auge, daß die Ruhe. welche in der ganzen Erscheinung sich ausdrückt, nicht Mangel an Temperament, sondern ein Prodnct jahrelang geübter Selbstbeherrschung ist. Er hat manchem Gruß zu danken, gegen manche Loge verbindlich sich zu vernei gen. Es ist Ulrich von Paldberg. Sein Geschlecht hauste seit alten Zeiten im Lande. Ein energischer, ehrcnhastcr Zug hatte sich von dem Ahnherrn bis auf den Letzten seines Stammes ver erbt. Ulrichs Vorfahren waren stets sparfam gewesen, hatten beinahe immer reiche Frauen gefreit, und so kam es, daß ihr Nachkomme über ein schier mär chenhaftes Vermögen gebot. Ulrich, der schon in seiner Kindheit Vater und Mutter verloren, benutzte seinen Reichthum, um nach vollendetem Studium der Philosophie und abgelegtem Docto rat Reisen in allergrößtem Stile zu unternehmen. Man hatte ihn einen Sonderling genannt. Philosophie stu dieren man fand das weder enio, noch praktisch. Entweder hätte er Ossi cier oder Diplomat werden sollen, meinte man. Ulrich kümmerte sich um die Meinung Anderer niemals, studirte, ritt und focht und begab sich dann mit tels einer ' eigens dazu ausgerüsteten Vacht auf Reisen. Dies that den Müttern und Töchtern der Gesellschaft sehr leid; den Muttern, denn er war Herr so vieler prächtiger, ertragZföhigcr Besitzungen, den Töchtern, denn er versprach außerdem, ein schöner Mann zu werden. Er hielt auch dieses Versprechen wie jedes andere, das er gab. Nach mehre ren Jahren kam er zurück und galt bin nen Kurzem für einen noch ärgeren Sonderling, als in seinem Jünglings alter. Die Sportswclt begriff nicht, daß er keine Rennpferde hielt, und die Schöngeister ärgerten sich über seine vollkommene Gleichgiltigkeit gegen Vir tuosen und Antiquitäten. Nichtsdestoweniger fand er auf schönen und nicht schönen Lippen immer ein süßes Lächeln, in feurigen und schmachtenden Augen verheißungsvolle Blicke. Aber bald schalt ein Theil der Gesell, schast ihn unerträglich: er hatte um keine der vielen weißen Hände angehal ten; und ebenfalls beschäftigte sich die oiironius soanäalsuss sehr ausgiebig mit ihm. Er solle heirathen, meinten einige seiner Standesgenossen. O ja, warum nicht? Im Grunde genommen war ihm sein fahrendes Ritterthum selbst schon zuwider geworden; die GarczoN' Wirthschaft behagte ihm nicht mehr, seinem Hause, seinen Schlössern fehlte der Mittelpunkt. Aber keine unter den vielen Damen der Gesellschaft genügte ihm. Gegen Häßlichkeit hatte er eine ebenso grße Abneigung wie gegen Dummheit. Vor Allem' haßte er' schwache Nerven und Feigheit. Die Frauen meiner Ahnherren," sagte er, waren allekräftig und mit thig. Sie fielen nicht in Ohnmacht, wußten nichts von Nerven und wichen weder dem körperlichen noch dem secli schcn Schmerze aus, wenn es galt, Tüchtiges zu leisten. Meine Frau muß mir zugleich Kamerad sein!" Und unsere Damen reiten und ge hen auf die Jagd," cntgegnete man ihm. Ah. so war es nicht gemeint!" Man bemühte sich nicht mehr, ihn zu verstehen, und der Sonderling sprach varüber nicht wieder. . . . Ulrich steht im Theater und betrach tet das Publikum. Nun haftet sein Blick auf einer jungen Dame, die in dcrfelbcn Reihe mit ihm ihren Sitz hat. Em interessanter Kopf," denkt er. und dabei fällt ihm, dem Kenner, die anspruchslofe Vornehmheit der lässig ruhmdcn Gestalt auf. Jetzt ertönt das Zeichen, die Musik beginnt die Overture. Ulrich setzt sich. Der Vorhang geht in die Höhe und der erste Akt spielt sich ab. Im Zufchaucrraume herrscht tiefe Stille, als es mit einem Male unruhig wird. Ein brandiger Geruch hat sich verbreit, und plötzlich, sieht man auf der Bühne einen lichten Schein. Feuer!" schreit entsetzt eine Stimme,, und damit ist das Losungswort zu einer ungeheuren Panik gegeben. Die Schauspieler eilen von der Bühne, die Musiker flüchten aus dem Orchesterraume, das Publikum drangt mit wahnsinniger Hast den Ausgängcxt zu. Ein .Stoßen, Drücken, Kreischen, Jammern entsteht, vor den wenigen Thüren ballt sich die Menge, tobend und sinntos vor ' Angst, in wirrem Knauel. : Einige stürzen, die Anderen., in blindem, rücksichtslosem, brutalem Selbsterhaltungstriebe, treten , über sie hinweg. Ans der Bühne greifen die Flammcn mit rasender Schnelligkeit um sicb, erstickender Rauch, wehrt den Athem s da rasselt die eiserne Kourtine herab. , Ulrich ist auf seinem Platze geblicben.' Umsonst hat er versucht, die Menge zu beruhigen, Rings um ihn her izt es leer. Nur , wenige, Schritie

ven ihm entfernt steht die, junge Dame die vorhin seine Aufmerksamkeit erregi hatte. Ihr Antlitz ist blaß, doch ruhig, die schlanke Gestalt bebt nicht. Ulrich nähert sich ihr. Su fliehen nicht? fragt er. Sie deutet auf die Menge. Soll ich mich drangen, wie sic'f Ueber Andere hinweg mein Leben rtU ten? Nein'." " Er bleibt neben ihr stehen und sieht sich nach Rettung um. Alle Thüren find durch die 'Menschen versperrt. Einige erklettern die Logenbrüstungen, Andere stürzen dem Orchesterraum zi und übersteigen die Wand. Auch hier denkt Jeder nur an sich, stößt unbarm herzig den Schwächeren zur Seite. Un sanft prallt Einer an Ulrichs Gefahr tin, daß sie taumelt. Schützend legt Ulrich den Arm um ihre Schulter.' Von außen hört man verworrenen Lärm, der aber fast übertönt wird von den wilden Schmerzen ''lauten derer, dik noch immer dem todtbringenden Raume nicht entronnen sind. Plötzlich ertönt ein gellend?? Schrei? Die Gallerie brennt!" Ulrich hat dem Tode oftmals furchd los ins grause Auge geblickt. Aber es ist anders, ihn in der' nächsten Sekunde zu erwarten, und anders, in unbercchen barer Zeit ihn langsam auf sich.zukom mcn zu seben. Die Gestalt in seinem Arm ist zusammengezuckt, und er blick! hinab in ihr großes, klares Auge. .Es heißt sterben, nicht wahr? Der starke Mann vermag nicht antworten. Meine armen, armen Eltern! flüsterte sie, und er zieht sie, fast unbe wußt, lähcr an sich. Unterdessen brennt es auf der rechte:? Seite der Gallcrie und gierig verbreiten sich die züngelnden Flammen: ersticken der Rauch erfüllt den Raum. Ulrichs Blick irrt. JZettung suchend, an den Wänden umher. Da durchzuckk ihn ein Gedanke. Vor der Loge des Intendanten, die er manchmal betreten hat, führt in das Parket ein Gang, der durch eine Tapetenthür geschlossen ist. Ulrich eilt, feine Gefährtin mit sichziehend, zur Wand und sein scharfeAuge entdeckt den in einer Verzierung verborgenen Knopf. Dem Drucke weicht die Thür und tiefaufathmend stehen sie in dem dunklen Gange. Er reicht ihr den Arm. und ruhig, aber wortlos verlassen sie das brennende Gebäude. An der bewegten Menge von Schuhleuten. Militär' und Lösch, männcrn vorüber, geleitet er sie in eine stille Gasse. Sie blicken zurück. Aus dem Dache . jüngeln die Flammen; das Theater ist unrettbar verloren. Nun durchbebt ein Schauer die Ge rettete und im Bewußtsein deßen. dem sie entronnen, erstickt Schluchzen ihre Stimme, während sie ihr Haupt an seiner Schulter birgt. Leise küßt er ihr Haar. Als sie sich aufgerichtet hat. führt tt sie zu einem Wagen. Sie reicht ihm Sie Hand, die er festhält. Dabei um faßt sein Blick nochmals die Gestalt, die in der Ecsahr sich so tapfer gehalten hatte. Der Wagen rollt davon. Ulrich sieht ihm lange nach. Er veiß. daß er feinen Kameraden gefunöen hat.

5tzescheiduttgsstal!stik. Man ist geneigt, die von Jahr zrx Jahr zunehmende Zahl der Eheschei sungen als ein Zeichen der Zeit und )cr zunehmenden sittlichen Entartung )er Menschheit 'anzusehen. Mag darin :twas Wahres liegen, so muß indessen ?in nicht unwesentlicher Einfluß darauf auch den Ehcfcheidungsgesetzen der neueren Zeit zugeschrieben werden. Sobald die Ehescheidung erleichtert ist werden sich naturgemäß diejenigen Ehen sofort auch der Form nach lösen, wo die Ehegatten in Zcrwiirsniß schon ge--trennt von einander lebten. Dies hat sich auch thatsächlich in allen Ländern nach dem Inkrafttreten neuer Eheschei dnngsgesetze ereignet, während einige Zeit darauf die Zahl der Schädlingen wieder erheblich niedriger war. Seitdem ist dieselbe wieder beständig gewachsen. Im preußischen Staat ist nun' nach der ..Statistischen Esrrespondenz seit dem Jahre 1680 unter Berücksichti. zung gleichzeitigen Anwachsens der Be volkcrung eine nicht sehr erhebliche Zunahme der Ehescheidungen eingetreten, deren Zahl 1890 I907 betrug. Frank, reich hatte in demselben Jahr 535? und Sie Vereinigten Staaten von Nordamerika geschiedene Chen. Hier wie in Frankreich haben nach. Frleichtcrung die Ehescheidungen b? ständig und me! stärker als die Volkszahl zugenommen. Ein richtigeres Bild nx Häufigkeit der Ehescheidungen, als cren Vergleich mit der jeweiligen Volkszahl liefert die Vergleichung mit. )cr :Zhl der stehender, Ehen. Auf c 100,000 stehende Ehen kamen irr Frankreich 1885 57. 1890 71 EhescheiZungen; in den Ver. .' Staaten,! vorr Amerika wurden im Durchschnitte jährlich von derselben Zahl stehende Ehen während des Jahrzehnts , 1877 bis 80, 218 Ehen geschieden. In Preußen fanden auf je 100,000 stehende Ehcn von: 50 im Jahre, 1881 ansteigend bis auf 77 Ehescheidungen im Jahre 1890 ftrtTt "I '1: 'I fi k'-i P t i.:'Si äi f "iii: I f 9 jiUll. (f. ,Jir ,i!; : ;'i J. f ,)! )'! !,!:' !, ip In den Ver. Staaten siad demnach, in jüngster Zeit Ehescheidungen ungesähr dreimal so häusig wie in Preußen' und Frankreich vorgekommen; in Preu zcn waren dieselben häufiger als irr Frankreich, was sich aus der verschiedeuen Verkeilung der Bevölkerung beider Länder nach dem Religiousbe jenntnisse erklärt. Jn den protestantischen Kantoncr der Schweiz kommen :benfalls Eh?zch.'idungen häufiger vor. als in den katholischen Kantonen. Auf 1000 Eyeschlicßunzen kemen in Franks ieich 19,8 Preußen 15.9 Scheidnn zen. '