Indiana Tribüne, Volume 15, Number 16, Indianapolis, Marion County, 4 October 1891 — Page 7
rj&&giS232S3SS?A
V5e ITC!
UU&tföä)Uü Fast gleichzeitig mit dem Ftünzosen Raymond und dem Italiener Sollmi wurden auch zwei Eingeborene aus Salonichi von Räuberbanden entführt und gefangen gehalten. TaZ Losegeld für diese beiden türkischen Unterthanen wurde aber nicht von der Pforte gezahlt, sondern raunte von den Verwandten der beiden Gefanzenen aufgebracht erdm. Ueber das Schicksal derselben in der Gefangenschaft roird aus Salenichi vom 30. August berichtet: Vor etwa zwei Monaten begab sich ein gewisser Juda Akoem, der Sohn eines "kohstideNdandlers, eines spanischen I zdm in Salo nichi, in die Bahnstation Gumendschje, um dort in der Umgegend von den Bauern und Cistikbesitzern, die sich mit Seidenzllcht befassen, Cocons zu kaufen. Nachts, als er in Gumendschje schlief, kamen mehrere Räuber in's Dorf und an das Haus, wo er eingekehrt war, klopften m die Thür und verlangten unter Drohungen die Oeffnung dersel ben. Nachdem dies erfolgt war, zwangen sie Juda, sich anzukleiden und ihnen in's Waldgebirge zu folgen. Der Aa führer dieser Räuberbande, der sich Capitän Vasili nannte, verlangte von Judas Vater ein Lösegeld von 5000 türkischen Goldlire. Als der Vali der Vrovinz Macedo. nie diesen frechen Ueberfall in dem stark bevölkerten bulgarischen Dorfe GuNendschje erfuhr, sendete er in die Bahnstationen der Salonichi-Uebküb. Bahn Militär, um die Rauber auszu-
forschen; die Truppen thaten ihre Pflicht, und der nemScharumtzel wurden Räuber und Soldaten verwundet. aber um die Räuber zu umzingeln und festzunehmen, waren diese Abtheilungen zu schwach, well die ersteren hoch im Gebirge hausten, das im Vardarstüß thale operirende Militär stets bcobach leten und sich in kein Gefecht einließen. Auch wechselten sie an einem und de.N' selben Tage tt zwei- bis dreimal ihre Verue, tona u stets einen mtt un durchdringlichem Dickich! umgebenen Platz wählten. Durch Kundzchaste? waren sie von den Beweaunaen des Militärs genau unterrichtet und hatten Zeit, mit den Familien lhres Ee;ange nen zu verhandeln. Juda's Vater, der auch Hauser in Salonichi besitzt, wollte sich anfangs nicht herbeilassen, 5000 türkische Lire zu bezahlen, sondern bot nur 1000 tür kische Lire (ca. 16,000 Mark). Darauf ging Capitän Vasili nicht ein und die Verhandlungen zogen sich in die Lange. Beztandig gmgen die Boten ab und zu, um das Geschäft zu Stande zu bringen; beiderseits wurde endlich nachgegeben, ms das 2öicacibnnt 15C0 türkischen Lire festgesetzt war, welche der Vater zahlte und die in der Gegend der Lii-.. r..i fci.r a . i.... 55iaiiu vDtra'gcii aogenejeri rourcen, woraus die Räuber den Juda zur Bahnstation Gewaeli begleiteten. Dienstaz, den 25 August, Abends um 9 Uhr rt" iYW t w .t i t m mitten, ram juoa mir oer Baun an. Die spanischen Juden, meistens seine Verwandten und Bekannten, hat- ' ten sich vor der Station Salonichi dersammelt, und als Jlldz aus dem Waggen stieg, wurde er von seinem greisen Vater unter Thränen umarmt, desgleichen von feinen Verwandten begrüßt und von der jüdischen Bevölkerung mit Händeklatschen und Hurrahschreien bewillkommt. Der zweite Fall betraf titren MnUrftrrenten dZ fnfrtncfoii Nnf wr w v v haufes Dreyfus, welches auf dem hiesigen Platz den Getreidehandel betreibt. Die Agenten dieses Hauses haben ihre Sitze in den Bahnstationen der Salo-nichi'UeskübMitrovitza-Bahn und bedienen sich der Unteragenten, welche sich in die Dörfer begeben und mit deuBau ern die Getreidekäufe abschließen. Vor sieben Wochen hatten sich aus der Bahnstation Temir-Kapu zwei Unter Ägentcn Türken in ein eine Stunde von Temir-Kapu entferntes Dorf bezeten und wurdezr von Räubern überfallen. Einer der Agenten wollte sich durch die Flucht retten, die Räuber schössen ihn: aber nach und tödteten ihn. Der zweite. Namens Osman, wurde gefesselt und in's Gebirge fortgeschleppt. ö!achdem die Stellung, die er inne hatte, eine untergeordnete war, so verlangten L. : . c r - ... im t vergangenen Sonntag wurde Äsman nach 4ötägiger Gefangenschaft in Freiheil gesetzt und bis zur Station Temirttapu begleitet. Während seines gezwunzenen Aufenthaltes bei der Räuberbande, die unter ihrem Hauptmann Vasili aus Griechen, Arnauten und An. gehörigen anderer Stämme zusammen gesetzt war, lebte er stets in der Angst von ihnen als verhaßter Türke um's Leben gebracht zu werden. Vor seiner Befreiung hatte er einmal Gelegenheit gehabt. Juda und Dollin! zu sehen, aber er durste mit ihnen nicht sprechen. Deutschlands Hungerpastor. Abends, wenn draußen unter den Griffen der Winterkälte das Leben erstarrt, wenn die Erde vom sestgefrorenen Schnee und das Wasser vom Eise zugedeckt sind, wenn der Himmel von lagenden Wolken, die der stoßweis heulende Sturm vor sich hertreibt, versinfiert wird, und das Sternlein, das durch eine Lücke hindurchblinkt,' strenge Und kalt herabschaut wie das Auge eines eisig.kalten grausamen WeibeS, dann muß an die Predigten unseres Hun. gerpasiorS lesen. In dem heimlichsten Gemach seines HauseS muß man sie lesen, wo ein Stück Seele d3; Bewohners an den Wanden hängt, wo man sich so sicherund geborgen suhlt, als ob me d Unruhe des LebeuS bis hierher dringen könnte. Die Lampe muß brat nen und der Ofen wohlige Warme aus strahlen; besser noch, wenn in einem Kamin ein Feuer glimmt und unter dem Knistern des HolzeS von Zeit zu Zeit ein aufflammender Gleisch, durch den Schirm von MarienglaS gedämpft, das AuLe irisst. Das jft Herechte Stinz.
oic auoer nur sunsziz lurttche G0lolire als Lösegeld, welche das Bankhaus Dreyfuß ihnen zukommen ließ. Am
I
mung. rauen d?e hxait der alur hart, kalt, yutleidslos und zerstörend. drinnen tfce kleme, rege, geschützte und warme Ktlt, erfüllt vom GemülhSleden einc einzelnen sehnenden und suhlenden Denschen. Dann versteht man den Hunger pastor. Wem jemals der Hunerpastor so recht in tie Seele gepredigt hat das Evangelium von dem geistigen Hunger, dem feineren Hunger, der mit dem leiblichen leider nur zu ost! aber auch ohne ihn ein Speise verlangendes Gemüth verzehren kann, der gehört für alle Zeiten zu seiner treuen Gemeinde. Die Apostel und Götzen und Götter mögen sich gegenseitig verdrängen, die Zeiten mögen sich ändern und mit ihnen der Geschmack, aber der Hungerpastor bleibt für jeden, der sich jemals von ihm in die Seele reuen ließ, derselbe, der er ihm anfangs war, ein Priester, Dichter und Mensch für sich, eine einzige Erscheinunz. ein Wesen besonderer Art, das sich an keinem anderen messen läßt, ein Seher und Sänger, der nicht anders sein kann als er ist, mit all seinen Son derbarkeiten, Schrullen und Bitternissen, die alle zu ihm gehören und ohne die er nicht er wäre, mit seinem grim migen und schalkhaften, seinem zum Sterben verzweifelten und zum Aufjauchen übermüthigen Humor. - An den Hungerpastor muß man glauben, oder man versteht ihn nicht, weder im Guten noch im Schlimmen. Er hat eine Gemeinde, aber keine Kritiker. Seine Gemeinde ist vielleicht nicht groß; aber sie hängt an ihm, treu und gläubig, wie der Dorfgeborene an seinen scnntlichen 5!irchglocken, wenn die Sonnejo still und beharrlich über den kalmusbestreutcn Hösen brütet, wie der verschlagene Auswanderer auf fremder Scholle an dem Liedchen, das ihm seine Mutter in früher Jugend unter dem Weibnachtsbaum y. Stille Nacht, heilige Nacht Und heute feiert der Hungerpastor stt'nen c'o. Geburtstag. Heute wird Wilhelm Raabe sechzig Jahre alt. In Vraunschweig, in der Salzdahlumerstratze, fern vom Gewühl der Stadt, sitzt er, ein friedlicher Siedler mit seiner Familie, ein halb vergessener Mann, und etn Poet, über den die Zeit hinweggegangen ist, für welchen aber die Herzen der Getreuen heute noch so warm schlagen, wie vor Jahren, als er ihnen im Hungerpastor" den tiefsten und inmgsten humoristischen Roman schenkte', den die deutsche Literatur besitzt. Raabe's persönliches Geschick gleicht dem seiner Helden. Weltflüchtig, wie sie. wie Grlllparzers Märcenpnnz in des Buches stillem Frieden sem Glück suchend, hat Naabe sich seit zwanzig Jahren in seine Heimath zurückgezogen; heute an seinem sechzigLlen Jahrestage kann er die Wahrheit .der Goethe'schen Worte an sich erfahren: Wer sich der Ein" samkeit ergiebt, ach, der ist bald allein." Zje herrschende realistische Richtung in der Literatur geberdet ,fich, als ob sie Raabe nicht kenne. Sie geht schweigend über eine unserer größten dichterischen Individualitäten hinweg. Und doch ist Raabe ein Realist ersten Ranges. Seine Beobachtungsgabe ist wunderbar. Er kennt die Menschen des deutschen Mittclstandes genauer, als irgend Jemand unter den Lebenden. Wer unter den modernen Realisten wäre im Stande, eine Individualität tieser und sicherer zu erfassen, als Raabe z. B. den Onkel Schuhmacher im Hungerpastor", oder als den Zurückgekebrten vom Mondge birge Abu Telfan" ? Aber in Raabe lebt mächtiger noch als die Erfassung der Wirklichkeit ein anderes Element, ein subjektives, tief in seinem Wesen begründetes, ein Elemcnt, das ihm seine kleine Gemeinde sichert und den Zeitgeschmack abstoßt. Das ist der stets gegenwärtige Schmerz über den Zwiespalt zwischen Wirklich keit und Ideal. Die Wirklichkeit erscheint ihm als ein starrer Felsen, an dem das seiner geartete Gemüth, der rein und doch strebende Eeist zu Grunde zehen muß. Ihm fehlt der Trotz der mächtigen Natur, die sich die Wirklichkeit unterwirst; ihm fehlt die ruhige Gefühllosigkeit, die sich mit dem Weltlauf absinket; ihm fehlt das weise lächelnde Sichergeben in das Unabweisbare. Wohin er blickt, sieht er Narrheit, die Dummheit, die Brutalität triumphiren; er schwelgt im Gefühl der Resignation gegenüber den rohen Machten der Wirklichkeit. Alles Glück ist eitel; glücklich kann sich im Reich der Dinge, die sich hart im Raume stoßen, nur der fühlen, der stumpf unter der täglichen Bürde des Lebens dahingeht, ohne sich umzusehen. Wenn Raabe d täglichen Weltlauf schildert, unter dem sich gut geartete, aber beschränkte Geister, einfältige Gemüther ohne tiefere Bedürfnisse plagen, so ist er der harmlose übermüthige Humorist, der an dem Selbstverzessen, an 'der sorglosen Thorheit, an dem köstlichen Leichtsinn seine helle Freude empsindet. So ist sein .Horacker", sein Eyrifloph Pechlin, sein Däumling, die schnür rige Geschichte der 1890er Schillerfeier in einem kleinen norddeutschen Neste. Wenn er aber den Menschen mit tiefen Gemüthsbedürfnissen, den reinen Thoren mit hochfliegendem Herzen, iu d,e Welt der heutigm Wirklichkeit yellt, dann wird er verzagt bis zur Berzweiflung, dann ist der hoffnungsloseste Pessimismus der bittere Nachgeschmack seiner Werke. Aber auch dann, venn er semer Weltbetrachtung den schärfsten Ausdruck gibt, wie in seinen drei zu sammengehörigen Romanen, den bedeutendsten Werken, die er geschaffen, dem Hungerpaftor-, .Abu Telfan- und dem Schüdderump- hört er nie auf, Dichter zu sein; er ist niemals ein Sonntagsnachmittagsprediger oder ein Düster Cyniker tr schafft stets Gestal. ten, auf die das verklärende Licht sei aes Humors fallt. Wie die Natur den Schmerzen deS Nenschen eine Grenze setzt, die sie nie itberschreitet, derart, daß, wenn die Qualen sich steigern, Stumpfheit ein:nii anstatt verschärften Schmerzes, ? :uch macht Raabe seme Menschen uu, 'mpsindlich gegen daS gehäufte Elends
Sie selbst gehen unbewußt ihrer fchwe ren Bürde durch das Leben, und nur der Leser wird in den Stand gesetzt, den stummen Jammer mitleidsvoll nachzuempfinden. Das verbreitet über die Raabe'schen Romane einen wundersamen Schimmer, gewebt aus Wehmuth und Humor, und eindrucksvoll wie die Schauer einer anderen Welt, die hinler den Erscheinungen steckt und die uns nur der echte Dichter zur Empfindung dringen kann. So schmerzvoll der Gegensatz zwischen Wirklichkeit und Ideal sein mg, diese Empfindung hat etwas Beglückendes, wie immer die Berührung mit etwas Tieferem, Ewigerem. Raabe schreibt einmal: Die Harzgebirge erhoben sich lachend im blaugrünen Glanz, über den Feldern und Wiesen" lag jenes Flimmern und Zittern, welches auch über den Werken der großen Dichter liegt und überall die Sonne zur Mutter bat." Und Wilhelm Jensen, ein GeisieS verwandter des Dichters, bemerkt dazu: ES ist sonderbar, so trüb das Licht ist, das die Trilogie Raabes (die erwähnten drei Romane) umbrettet, jeneS Flimmern und Zittern liegt doch darin, wie in der heißesten Mittagsgluth, wie in den Werken der größsteten Dichter, und bezeugt, daß es trotz allem auch die Sonne, die Wärme deS Herzens, zur Mutter hat." Die Wärme des Herzens ist von Raabe nicht gewichen, ob auch die Entfremdung von der Welt das Absonderliche und Schrullenhafte in ihm stärker hat anwachsen lassen, als selbst seinen Getreuen lieb sein dürste. Seine Schaffenskrast ist noK ungebrochen. Stopskuchen", sein neuestes Buch, ist erst wenige Wochen alt. Sein Lebenswerk ist gethan; er schuf uns den künstlerisch gestalteten humoristischen Ro man; er ist die Vollendung o Jean Paul. Wieder wird sich die Zeit wenden und Wilhelm Raabe zu neuen Ehren kommen. Seine besten Werke aber bleiben in die Herzen seiner Freunde eingezraben, die ihm am heutigen Tage einen innigen Glückwunsch zurufen. 0. NH. Das Curpfuscherthum in Lachsen. Aus Sachsen 4. Sept. Seit einigen Jabren hat sich bei uns das berussmäßige Curpfuscherthum in einer Weise entwickelt, wie nirgends im Reich. Alle Arten desselben sind vertreten und sinden ihr reichliches Brot. Kaum ein Dorf gibt es, in dem nicht ein alteS Weib oder ein kluger Bauer daS Heilgewerbe als Nebengeschäst betreibt. Hier ist vielfach noch der tollste Zauberspuk Mode. Von Beschworungen der Krankheit zu mitternächtiger Stunde auf einem Kreuzweg der Dorfmark, Be? fluchungen verderbenbrütender Hexen, Besprechungen unter sinnlosem Wort schwall, besonders aber vom Vergraben netter, runder Geldbeträge roird daS Heil für die Kranken erwartet. Etwas weniger plump verfahren andere Heilbeflissene, die aus derartigen Spuk mit unsäglicher. Verachtung herabsehen. Sie haben meistens irgend ein Hand werk gelernt, befinden sicd aber in der glücklichen Lage, dasselbe nach den Gelderfolgen ihrer Heilkünste längst an den Nagel gehängt zu haben. Sie wissen sich ein großes Ansehen zu geben; die Dummheit der Menschen erhält es ihnen und hilft ihrem Ruhm weiter auf die Beine. Sie curiren unter den merkwürdigsten Benennungen und Titeln, hüten sich aber meist, ein ärztliches Prä dicat anzunehmen, da ihnen, wie sie aus Erfahrung wissen, die Behörden scharf auf die Finger sehen. Sie besitzen daS Arcanum gegen jedes Leiden und heilen alles. Aerzte von europäischer Berühmtheit sind gegen sie Stümper. Das mephistophelische: Und wenn ihr euch nur selbst vertraut, vertrauen euch auch andere Seelen" ist ihr Grundsatz bei den schwierigsten Krank heitssällen. Sie lassend denn auch gehen, wie'S Gott gefällt-; stirbt der Kranke, macht man kein Aufhebens da von, wird er gesund dann herbei, Trompeten, Flöten und Pauken, zur gellenden Reclamemusik. So wird das Ansehen des DoctorS- in den Local blättchen aufgepufft und sein Zulaus mehrt sich. Diese Art Krankenwohlthater sind völlig wild ; was sie können, vcrdan. ken sie dem eigenen dürftigen Witz. Daher haben sie die regelrecht ausgebildeten Vaturheilkundigen zu Feinden, deren Enkel sie geschäftlich stören und deren Ansehen sie durch ihr Auftreten schmälern. . Diese Naturheilkundigen nehmen eine eigenthümliche Stellung bei uns ein. Obgleich die wissenschaftlich gebildeten Mediciner mit allem Eifer sich gegen sie und ihre Bestrebungen wenden, so gewinnen sie doch immer mehr Einfluß und gewissermaßen das Bürgerrecht auch in der guten Gesellschaft. Sie haben sich ihre Praxis" völlig wie Aerzte eingerichtet, sind vielfach mehr gesucht, als diese, und haben Einkommen, die sich bei einzelnen aus über 20,000 M. jährlich beziffern sollen. Ihre Zahl wird mtt jedem Jahr qroßer und dürste die Zahl der wissenschaftlich gebildeten Aerzte in Sachsen bereits erheblich überschreiten, jedenfalls ist sie größer, als das sächsische Landesmedicinalcollegium annimmt. Eme besondere Art Aerzte findet in DreSdm ein lohnendes Feld für ihre Thätigkeit. ES sind elegante Gentle men, die im vornehmen Viertel ihre ConsultationSstunden halten und das Einkommen eines Ministers besitzen. Eine wissenschaftliche Ausbildung haben auch sie sür ihren Heilberuf nicht mitge bracht, doch in ihrer Person ruhen wunderbare. der Wissenschaft bisher verborgene und nur ihnen offenbarte Naturkräfte, denen keine Krankheit widersteht. Auch sie sind dem läppischsten, ost mit frömmelnden Phrasen, verquickten Zauberspuk nichv abgeneigt, doch hat man ibm ein wissenschaftliches Mäntelchen übergehängt, um ihn gesellschaftsfäbia
zu machen Wnkge, dieses Herren haben Zulauf auS ganz Sachsen. Vor Hren SusernHaltendieWagen der
Geburt?- und Geldaristokratie und ihre Großthaten bilden' in den Salons den Unterhaltungsstoff ätherischer Damen. Die Bezahlung aller dieser Heilbeflissenen ist ebenso hoch, oft noch tzoher als die des wissenschaftlich durch eingehende anatomische, -physiologische und andere Studien gründlich vorgebildeten' Arztes. Bemerkenswerth ist auch, daß sei neswegS allein die Ungebildeten" in den Besuchszimmern dieser Aerzte" sitzen, sondern daß auch die feinsten und besten" Kreise v:rtreten sind, wie schon angedeutet. Oft besteht die Pra;i? nur aus .Gebildeten".
Ein Bettler der Großstadt. AuS einem Wiener Gerichtssaale wird folgender Bericht erstattet: Andreas Tiraq. ein 37jähriger Mann, wurde alS der Sohn eines verdienten höheren Mi litärbeamten geboren und ist heule ein stadt und polizeibekannter Bettler, der dieses Metier durch eine - Schachtel Streichhölzer, die er stets zum angedlichen Verkaufe mit sich führt, zu maS kiren sucht. Kürzlich wurde er aber malS von dem Civilwachtmanne Hechtl, in der Stallburggasse beanstandet und hatte sich nunmehr vor dem Bezirks gerichte zu verantworten. Tiray", erzählte Hechtl, saß aus dem Trottoir der Stallburggasse, als ich ihn bemerkte. Um den Kopf hatt? er ein grelles hochrothes Tuch gebunden, den Hut drückte er mit der Oeffnung nach oben fest zwischeu dre Füße und mit dem Kopfe nickte er fortwährend den Passanten zu, wobei er unausgesetzt mit dem Stummel feines rechten Armes wackelte. Ich trat m der unauffälligsten Weise auf ihn zu und forderte ihn auf, sich zu entfernen. Daraus sagte er: Mein Herr, diesen Standplatz habe ich mir erwählt und hier bleibe ich. Ich habe heute noch kein Geschäft gemacht und muß erst eins machen, bevor ich fortgehe. ES vergeht mir ohnedies aller Appetit, wenn ich Sie sehe, aber das hilft nichts!" Merne Aufforderung zum Fortgehen blieb unbefolgt und ich erklärte ihn da her sür arretirt. Da sing , er an zu jammern: Ach, ich armer Mann!" und eö sammelte sich ein größerer Kreis von Passanten, die, augenscheinlich gerührt, Tiray reichlich beschenkten. Um jedes Aussehen zu vermeiden, mußte ich einen Komfortable holen. Als ich den Wa genschlag öffnete, sagte Tiray laut: Mein Herr, ich bin so frei!" und stieg ein. Im Wagen zählte er das erhaltene Geld, das 2 fl. 8 kr. betrug. Da rauf sagte ich: Mir scheint, Sie haben daS ganze Aufsehen nur inscenirt, um beschenkt zu werden!" Da fing Tiray laut an zu lachen und sagte: Natür lich, wo hätte ich sonst in zwei Minuten 2 sl. 8 kr. zusammen bekommen? Das ist für mich noch viel zu wenig. Ich brauche täglich 2 fl. SO kr., um leben zu können. Anders thu' ich's nicht!" Der Bettler bezeichnet diese Allssage als unwahr. Er lebe vom ZündhSlzchen Verkauf. Richter: Warum tragen Sie dann das rothe Tuch um den Kopf? Angeklagter: Nur wegen des Zuges. Nichter: So? Warum gingen Sie nicht über die Aufforderung des Wachmannes fort? Angekl.: Ich konnte nicht ausstehen, der Schreck war mir in die Füße gefahren, als ich den Herrn sah. Nichter: Nicht schlecht! Warum hatten Sie den Hut zwischen den Füßen? Angel?.: Die Hand möchte mir ja herunterfallen, wenn ich ihn immer beim Gruße her unternehmen sollte. Richter: Wozu grüßen Sie? Angekl.: Ja, ich beziehe monatlich 8 fl. Richter: Sehen Sie, damit könnten Sie auf dem Lande, wenn Sie sich nur eine Kleinigkeit noch verdienen, ganz gut leben. Angekl. : Auf dem Lande? Ich, ein geborener Wiener! Richter: Andere sind's auch und leben fer.: von Wien! Angekl.: Ich mochte nur nach Paris, aber dazu habe ich kein Geld. Tiray, der einmal früher dem Nichter gesagt hatte, daß er lebenslustig sei und Umschau nach einer Frau halten wolle, er, hielt 1L Tage strengen Arrestes. Nüystir "tttaS. Da die in Rußland herrschende Noth ben Glauben erwecken könnte, die Väterliche Regierung habe solche verschuldet, so wird hiermit bekannt gemacht: . 1. DaS Hungern ist auf das Strengste verboten. Zuwiderhandelnde werde eingekerkert und zwar nicht bei Wasser und Brod. 2. Wer sich laut über Hunger beklagt, macht sich der Erregung von Hiß und Mißvergnüzen schuldig und wird mit Gefänznißstrafe bis zum Eintritt der nächsten guten Ernte bestraft. 3. Ein Unterthan, welcher behauptet, er habe nicht die Mittel, die erhöhten Preise für Brod zu zahlen, wird mit einer Geldstrafe von 10 Rubeln belegt! 4 Gemeinden, in denen Hungerty phuS ausbricht, haben den doppelten Betrag ihrer bisherigen Summen zu entrichten. 5. Wer nicht nach wie vor regelmäßig frühstückt, zu Mittag speist und zu Abend ißt, wird als Nihilist, der Unruhe stiften will, behandelt. 6. Die nach ärztlichen Attest wegen mangelhafter Nahrung Erkrankten, sowie Aerzte, welche derlei Atteste aus stellen, werden nach Sibirien verschickt. Von ihrem Standpunkt. Du. ich glaube, unser Musikprofessor liebt mich. Woraus schließt Du das? Wir spielten zusammen Variationen! über das Kinderlied .Fuchs, du hast die Gans gestohlen", und bei Gans" sah tt mich fo durchdringend an. jl" Anspielun g. ' Untercfsicier: Potztausend, Kerl. daS Pferd wird ja janz scheu! Zieh' er doch den Kopf lnehr zurück! Sobald der Gaul nämlich ötroh wittert, wird er empfindlich. ; , , Erkannt. Erster Student : Du, Spund, wollen wir uns Freund schaft aus Leben und Tod schworen? Zweiter Student: Ja, aber ich habe augenblicklich keinen Pfennig baareS, Geld! I
ffärft und Tänzerin" oder? Ter gefoppte Vormund".
Lustspiel in mehreren Auszügen. Die Handlung spielt in Paris, Montreux und Berlin. So könnte eS auf dem Zettel heißen, wenn sich ein witziger Komödiendichter fände, der den nach stehenden, dem wirklichen Leben ent nommenen Stoss zu'dramatisiren derstünde. An Steigerung der Effekte und scenischen Ueberraschungen fehlt es ihm nicht, wie sich davon der Leser auch aus der schlichten Prosa-Tarflellung wird Überzeugen können. Die Personen gehören sogar den höchsten" Kreisen an, was sür einen großen Theil des Public kums schon an sich einen Reiz bedeutet. Vor zehn Jahren verstarb der steinreiche Fürst C., der einem ehemals souveränen Hause in den Donausürstenihümern entstammte. Seine junge and noch immer schöne Wittwe, eine Französin, die sich sogar kaiserlicher Herkunst rühmen darf, hat sich über den Verlust längst getröstet, in Petersbürg und Paris die Freuden des Lebens genossen, und weilt ,den größten Theil der wärmeren Jahreszeit über in Nizza oder Montreux, wo sie' sich von den gesellschaftlichen Strapazen erholt und ihre Nerven zu stärken sucht. Kein Wunder, daß der jetzt 19jährige Stammhalter deö C.'schen HauseS, Fürst Alexandrowitsch Herzog von T., in Paris, wo er studirte", ein ziemlich lockeres Leben führe und seine reichlich bemessene Apanage in einer Weise durch zubringen suchte, die seinen lebemannischen Talenten alle Ehre machte. Ja, er kam nicht einmal auS mit dem Gelde, sondern machte obendrein noch tüchtig Schulden, besonders seitdem er in einem Vaudeville-Theater deS verführerischen Seine-Babel die reizende kleine Alice kennen gelernt hatte, eine Jüngerin TerpsichorenS mit lebhaften dunklen Augen, die ihren theuren Alex bald so über alle Maßen liebte, daß sie sich sogar dazu verstanden hätte, seine Gattin zu werden. Ich bin Frau Fürstin, wie stolz daS klingt!" Lei. der solch Plan nur nicht stets gelingt", könnte man in der Melodie der Operette hinsetzen. Der junge Alexander freilich war mit Allem einverstanden, ja konnte sich in seinem 19jährigen Herzen kein schöneres Glück vorstellen, als an der Seite seiner allerliebsten Alice seine Erentage hinzubringen. Ob die Mama damit einverstanden sein würde? O gewitz, sie war ja so gut, schrieb so zärt liche Briefe und schickte stets ohne Murren und Vorwurf die Summen, die zur Bezahlung der Schulden vonnöthen waren. Die Fürstin, die das Vermögen ver waltet, war in diesem Punkte wirklich sehr nachsichtig, vielleicht, weil sie wußte, daß es ihr Seliger in jungen Jahren einst gerade so getrieben, vielleicht auch, weil sie von dem .Studium" ihres Sohnes eine sehr hohe Meinung hatte und zudem die Pariser kostspieligen Verhältnisse ohne jeden Doppelsinn aus eigener Erfahrung kannte. Eine so gute, liebe Mutter verdiente, überrascht zu werden, und sie war in der That überrascht, als eineö Tages ihr aus Paris herbeigeeilter Sohn nebst einer jungen Dame ihr zu Füßen lag und ihren Segm zu dem Bunde erflehte. Aus dem Segen wurde nun freilich nichts, vielmehr schickte die Fürstin, nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatte, Mademoiselle Alice unverzüglich nach Paris zu rück und behielt ihren Sohn bei sich, um ihn tüchtig m's Gebet zu nehmen. Sie fühlte aber wohl, daß sie als schwache Frau den Unbändigen auf die Dauer doch nicht würde zügeln können, und so faßte sie den heroischen Entschluß, wieder zu heirathen. Schon lange hatte ihr Vetter, der Zrinz Roland B., ein anscheinend energischer und ernster Mann, der nicht umsonst der Seitenlinie eines ehemaligen Weltbeherrschers entstammte, ihr den Hof gemacht, er war ein stattlicher Vier ziger und jetzt wollte sie ihn'erhören um ihres Kindes willen. Gedacht, gett)an, der Prinz war mit Allem freudig einverstanden und die Hochzeit wurde bald gefeiert. Nun ging's der jungen Durchlaucht an'S Zeug, der Stiefvater war ein wahrer Cato an Sittenstrenge und erfüllte feine vormundfchaftlichen Obliegenbeiten zunächst dadurch, daß er drziviertll der Bezüge des jungen damals gerade wieder in Paris weilenden Bojaren unbarmherzig strich und ihn anwies, umgehend das heitere, verfühmische Paris zu verlassen und sich nach dem .ernten und nüchternen" Berlin zu begeber u d dort feine Studien zu vollenden. Er selbst, der Vormund, werde sich dann nach etwa vier Wochen von der Lebensweise und dem Treiben deS jun gen Fürsten in Berlin persönlich über zeugen. Nach Empfang dieser auS Nizza datirten KabinetSordre" war Alex, untröstlich. Aber was thun? Der Obeim hatte ihn als Verwalter seines Vermögens in Händen! Also der Zug nach dem Osten" mußte, wie schwer'S ; ihm auch wurde, angetreten werden. m Abend vor seiner Abreise erschien er zum letzten Male in der kleinen, Eckloge deS VaudevilleS, um sich dann nach der Vorstellung noch einmal am Herzen seiner Donna satt zu weinen. ' Während er ihr nun von dem , erhaltenen Befehl Mittheilung machte und seinem Stiefvater und Vormund ewige Rache schwur, hörte Alice plötzlich zu weinen anf, dachte, den Zeigefinger an'S Näschen haltend, eme Weile nach und sprana dann wie toll auf: . ,,, i" Alex, mein Herzens Prinz, wir sind gerettet ! 1 Eine Idee, eine grandiose Idee !" --'Mm- s' vn i - Welche? WaS hast Du vor?" : Reise Du heute Abend nur ruhig ab, lasse mir aber 1 000 Franken hier und glaube mir, ich bringe Alles : in Ordnung!" ;: ;f'K ;;;s;'i;; Der Prinz machte zwar ein etwas enttäuschtes Geficht, denn die tausend Franken kamen ihm unter gegenwartigen ' Verhältnisten hart an; als aber Alice liebkosend ihm ein Märchen iu'S
Ohr flüsterte," sprang auch er, wie von der Tarantel gestochen, empr: Bei der Jungfrau! So sein wir gerettet! So malen wirk Aber sieh' Dich nur vor, daß es gelingt!" Tann schieden , sie von einander, er um tausend Küsse, sie um tausend Iranken reicher. Fürst Alex bezog in Berlin ein sehr feines Quartier in der Hohenzollernstraße und er schien wirklich mit Eifer sich den Studien zu widmen. Von seiner Liebe zu Alice schien er geheilt, wenigstens kennte man ihn öfters in der rechten Fremdenloge des BelleallianceTheaters mit den Jockeys in Junge Deutschland zur See" kokettiren sehen. Sein Vormund, der ihn wirklich nach fünf Wochen persönlich aufsuchle, konnte beruhigt nach Montreux telegraphiren: Alles in Ordnung! In demselben Hotel nun, wo Prinz Roland B. in Berlin logirte, kam einen Tag nach ihm eine bildschöne, vornehm aussc hende Dame n, die wohl nur aus Zufall von dem Portier ein Zimmer neben dem deS Prinzen B. angewiesen erhielt. War eS nun auch ein Zufall oder war es Absicht, kurzum, tie Dame trank ihren Kaffee stets an demselben Tische wie Prinz 8 , fand sich AlwdS immer in derselben Loge wie jener ein, kurz, die Beiden wurden miteinander bekannt, und sie stellte sich als, ein Frl. Soundso auS Dingsda, durchreisende Reisemadonna, vor. Als Prinz B. drei Wochen in Berlin weilte, hatten sich aus der flüchtigen Bekanntschaft Beziehungen entwickelt, . welche inniger zu werden versprachen. Seiner in Nizza weilenden Gattin gegenüber entschuldigte Prinz B. sein langes Bleiben dadurch, daß er nur aus Liebe zum Alter und zur gründlichen Beaufsichtigung des jungen Mannes so lange in dem schrecklichen" Berlin weile, so daß die Fürstin sich nicht glücklich genug preisen konnte, einen so liebvclleil Vater sür ihren Sohn zu besitzen. Aber das Verhängniß blieb nicht aus. Eines schönen Abends, als sich Prinz B. der Vormund und Gatte, gerade so recht behzg' licb in der Gesellschaft der Diva fühlte und schon hoffte, dem höchsten Glücke nahe zu sein, öffnete sich geräuschlos eine Seitenthür deS Hotelzimmers und herein tritt der junge Fürst Alexander mit svöttisch zuckenden Kippen. Zu spat sah Roland ein, daß Alles zwischen den Beiden abgekartetes Spiel, daß er dupirt und blamirt war. Mit den Worten: Signora, man sieht wenigsten der Geschmack bleibt in der Familie!" verschwand er, während die beiden Anderen, sich vor Lachen schüttelnd, die bereits ausgekorktenChampagnerflafchen leerten. Die Fürstin C. soll von trie ser Szene nie etwas erfahren haben. Beide Theile schwiegen wohlweislich. Ja, die arme Fürstin glaubt ihren Sohn noch immer in bester Obhut. Fürst C. aber bezieht, kraft einer neuen Ordre seines Vormunds, seine ganzen RevenLen wieder und soll mit seiner ebenso klugen als schönen Alice, die er zwar nicht heirathet, sehr fröhlich leben bis wieder einmal eine neue Ordre kommt, ,d. h. wenn überhaupt noch eine kommt in den wenigen Jahren bis zur Großjährigkeit seiner Durchlaucht. Eine possenyafle Se s; hat sich Angst in der Stadt K. abgespielt, und ein Berliner Bilderhänd ler Namens Str. war es,., der dieselbe zur Ausführung gebracht hat. Str. war zu Handelszwecken" auf der Eisenbahn nach K. gefahren, woselbst er des Nachts eintraf. Auf dem Bahnhofe war der Bilderhandler mit einem Schaffner in Streit gerathen, in dessen Verlauf er dem Beamten eine schwere Beleidigung an den Kopf warf. DaS Ende vom Liede war, daß der diensthabende Stationsbeamte die Festnahme des Str. bewirkte und diesen mitsammt dem Bil derkram, den er bei sich führte, durch einen Bahnwächter unter Mitgabe einer schriftlichen Darlegung des Falles nach der in der. Stadt belegenen Polizeiwache bringen ließ. Unterwegs gerieth der heißblütige Bilderhändler mit dem Transporteur in Streit und ging nach kurzem Wortgefecht zum thätlichen Angriff über, wobei er dem Gegner mit jwer Bildern derart auf den Kopf schlug, daß die Leinwand derselben platzte und die Rahmen dem Wächter, der seinen Gefangenen nicht loslassen wollte, um .den Hals hangen blieben. So geschmückt trafen Transporteur und Gefangener vor der Polizeiwache ein. Die Pforte war indeß geschlossen, und erst nach wiederholtem starken Klingeln wurde ein Fenster aufgerissen, und aus dem Innern ertönte barsch die Frage: Was wollen Sie?" ' Nachdem der Transporteur den Sack' verhalt vorgebracht hatte, erhielt er du abweisende Antwort: IS nich zu nachtschlafender Zeit," und klirrend wurde daS Fenster geschlossen. Diesen sür ihn günstigen Umstand benützte da Bilderhändler, um sia) seinem Hüter zv entreißen und schleunigst das Weite zu suchen. Der Bahnwächter folgte ihm unter fortgesetzten Rufen: .Haltet ihn, haltet. ihn! Mit einem Mal ver stummte dieser Ruf und der Flüchtling erreichte unangefochten den Bahnhof, löste daselbst ein Billet und dampfte mit dem bald darauf eingetroffenm Nachtzuge vergnügt nach Berlin zurück. In K. verrann Stunde um Stunde, ohne daß der mit dem Verhafteten auSge sandte Bahnwächter bei seinem Borgesetzten sich meldete; endlich beim Mor gengrauen fand er sich ein, um seiuem erzürnten Auftraggeber daS erlebte Abenteuer zu berichten, das für ihn inzwischen noch einen ganz effectvollen Abschluß gefunden hatte. Bei der Verfolgung deS flüchtenden Gefangenen wurde er vegender lauten Haltrufe von einem Stadtnachtwächter angehalten und wegen ruhestörenden LärmeuS eingesperrt. Um inem naheliegenden Irrthum zu begegnen, bemerken wir, daß mit der Stadt K. das bekannte K rähwinkel" nicht gemeint ist. ' Gedankenfpähne. - Die Frau ist niemals allein, wenn ein Spiegel im Zimmer ist.
Z?ady,?orgen.
Hochverehrte Frau Anna! Ich bin m lastizes kleines Mädel, erblickte das Licht dieser schönen Welt vor dreieinhalb Monaten, bin von Pro fession ein stcrilisirtes Flaschenkind und erfreue mich wie andere glückliche Sterbliche zweier Eltern; einer mitleidigen Mama und eines rabcnväterlichen Papas. Von Natur zu beschaulicher Ruhe hinneigend, sind mir die elterlich: Meinungsdifferenzcn bezüglich meiner physischen und psychischen Erziehung ein Gräuel und zur Schlichtung obgemeldete? Differenzen möchte ich die Aeußerung ihrer unbestreitbaren Autorität erbitten. Die Sache ist die: Schon in den ersten Wochen meiner Existenz begann mein gestrenger Herr Papa die merk würdige Ansicht zu entwickeln, die Nacht hätte, außer den des Schlafens, keinen weiteren Zweck, und mir wurden allmählig meine Fläfchchen während der Nachtstunden heimtückisch unterschlagen. Zwar kickte ich gegen diese harte Maßregel mit sämmtlichen, mir von Gott verliebenen Gliedern und schrie mit wohl ausgebildeter Lunge meine Entrüstung über eine solche .Outrage" in die Welt hinaus. Doch vergebens! Selbst in meinem zarten Alter ist jedoch der Mensch schon ein GewohnheitS tbierchen, nach Verlauf weniger Wochen hatte ich mich an die nächtlichen Entbehrungen gewohnt, meine Proteste wurden von Nacht zu Nacht weniger lärmend und andauernd und schließlich verwandelte sich mein lauter Aerger kn " zwölfstündigen, ununterbrochenen Schlaf. Unter uns gelagt. verehrte Frau Unna, bin ich fast zu der Ueberzeuzung gelangt, daß die väterlichen Ideen gar nicht so merkwürdig- wa ren. Natürlich darf man aber den Männern mcht Recht geben, denn von Kindererziehung verstehen sie nun einmal nichts! Meine geliebte Mama scheint jedoch meine, durch eigene Erfahrung modifi:irten Ansichten, nicht zu theilen; sie bemitleidet mich unausgesetzt ob meines harten Schicksals, das mich ganze lange 12 Stunden dem Hunger preisgibt und spricht täglich die Befürchtung auS, daß nne solche Hungerkur, wie sie eS ennt, ganz unfehlbar schwächend luf meine Constitutioir?inwZrken müsse. Nun ist meine Mama eine sehr liebe ZNama. der ich gar zu gern jede unnöthige Sorge ersparen mochte, und wenn un Sie, meine werthe mütterliche Freundin, so zu sagen er. cathedra" (Sie sehen, ich bin trotz meiner Jugend sehr gebildet), meiner lieben Mama versichern würden, daß ein zwölfstün biger, wenn auch fläfchchenloser Schlaf zar kein so übel Ding ist, so werden Fie nickt wmig zur Beruhigung besagter Mama, nebst Großmama und sämmtlicher weiblicher Verwandtschaft ieitragen. Vielleicht sind auch Sie der Meinung zatz für uns BabieS ein wenig zu wenig siel ungefährlicher ist, als ein wenig zu ,!el. Oh, ich habe schon traurige Erfahrun;en gemacht, mit dem .Ein wenig zu ,iel" ! Bittere Medizin und andere sehr inangenehme Sachen!! Sollten Sie geneigt sein, meine Zei !en, zu Nutz und Frommen aller anderen Babies abzudrucken, zugleich mit Ihrer Beantwortung, so stelle ich Ihnen mit Freuden den ganzen Brief zur Verfügung. Das mir zukommende Honorar wollen Sie in neuen Zehncentstückchen mir übersenden, da ich meine Kapitalien in ziner .Tencent Savingsbank anlege znd daher keine anderen Münzsorten brauchen kann. Meinen vollen Namen und Adresse bitte ich Sie gütigst zu verschweigen. Der Papa liebt es gar zu sehr, schlechte Witze über schreibwüthlge Frauenzirnw zu machen. Mit bestem Gruß Ihre Gertrud. Liebe Gertrud! Du bist das vernünftigste, liebenZdürdigste Kind, das mir in meiner langjährigen Grvßmutterpraxis je be zegnet, und deshalb wundert es mich ich gar nicht, wenn Deine Mama Dir klles Gute gewähren möchte, da Du sotat die Sorgen für Dich selbst mit ihr so redlich theilst. Weil Du, in richtiger Erkenntniß meiner .Autorität in Kinberfragen" mich vertrauensvoll in Deine Intimsten Geheimnisse eingeweiht ha, . so will ich Dir auch ebenso aufrichtig intworten. Bei meinem ersten Baby war ich fast ebenso dumm, nein, wollte sagen unerfahren, wie Du selbst und Deine gute Mama, und glaubte, meinen Schreihals zu jeder ihm beliebigen nächtlichen Stunde füttern zu müssen. Später wurde ich klügerund habe meine sämmtlichen Kinder und KindeSkinder des Nachts hungern, vielmehr ruhig ; schlafen Lassen, wobei sie Alle Prächtig gediehen sind. Dies zur Beruhigung Deiner lieben Mama! Von Tnnem Vapa aber, der ja über Baby-Flafchen-zngelegenheiten eine so richtige Ansicht in haben scheint, verlange energisch, oaß er Dir mit gutem Beispiel vorangehe lund zwischen Abendessen und s?rübiiück nie EtwaS trinke: außerdem agst Du ihm in meinem Mamen dazu zratuliren, daß er trotz feiner Aversion gegen schreibwüthige Frtten in fei er nächsten Nähe unter feinem eigenen Dache eine sehr amüsante Schreiberin beherbergt, von welcher weiter nur GurM fifti tnfff :m lrt tvnft ' ütterliche Freundin Anna. Bestechung. Fritz: Unser Frosch sitzt unten im Wetterglas, unsere Landpartie wird verregnen. Käthchen: Mb ihm 'ne Fliege, vielleicht kommt er bann nach oben. Nicht erkannt. X.: Denke Sie, welches Glück ich neulich hatte Ei toller Stier rannte an mir ' vorüber, ,hne die geringste , Notiz Z von mir zu tehmen. (zerstreut): Er Hai Sie vahrscheinlich nicht erkannt. lt . X . u. Ull LLU , ,i, UU I I & :'- VLLUfe. .1 v " U & J W , I
