Indiana Tribüne, Volume 13, Number 282, Indianapolis, Marion County, 29 June 1890 — Page 6
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'fc2S2!E2S222S Ei Tag inSamarkand. VouBernyrd Stern. I In den Jahren, wo, andere den Homer st zu lesen beginnen, habe ich die von An tiX(ts(K nXj.. st.. 7 v rr -
unut ivuutuu. ves jCviCU9 bereits erleb!, und gleich diesem ward ich von lelllamen Schicksalen in tausenderlei
Mühen und Gefahren getrieben. Einen iquitn Theil der bewohnten Erde habe ich , ' u Wasser und zu Land durchzogen. Zu meinen schönsten Reffe-Erinnerunge gef hört die an einen kurzen, aber nnvergeglichen Aufenthalt in Samarkand, dem ( allen Mmakanda der Makedynicr.
iur a&s yarmioier itounii lonimeiqj '':.':!' i.Li 'jr.i st r t . . .
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' öi4ji; mtyi, ms vjmcgner, oer von unstillbarem Wissensdurst getrieben in die '.fernsten Reiche der Welt aufsucht; nicht , ' m!S Jünger Mereurs, der mit gefülltem Miesenbeutel Lander und Meere hurch!z''eht, um erotische Geschäftsverbindungen i, Anzuknüpfen nein, als ein müder, todt- ' 0 gehetzter irrer Flüchtling trete ich in die Mauern der Wunderstadt, um in ihnen s kurze Rast nach namenlosen Leiden zu csuchen. ' Wie in ein Märchenland glaube ich " mich versetzt, da ich nach langer, trostlos der Wüstenreife die fruchtreiche, von Y. r. . oi.-.-j. n . . . r - . Q
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erasZWan mti ver vunrerviume voa markano vor mir liegen sehe. Ein Schimmer nahender Morgen dämmerung wallte um die Ränder deö Himmels. Schlaftrunken schütteln die ' Mächte des Dunkels ihr Haupt und ziehen sich allmählich in ihre düstern ; Hohlen zurück. Der Morgenstern hebt tiU fiThtm (Z2trfTn1fiftiiW fcn 5Nr
; hang, welcher den Osten bedeckt und jähling's zuckt ein feuriger Glanz am Himmel auf und überströmt Wolken, Berge und Oase mit goldigrother Flukh, i , eläer sich alles wollustooll badet. i,1,, Mein Auge ist geblendet von all der Pracht. Noch gestern durchzog ich die rotte Steppe. Mit verzehrender Gluth senkte die Sonne ihre Strahlen auf mich hernieder und die erstickende, von fchweV m sandigen Körnern erfüllte Wüsten- ; , lust machte meine Glieder erfchlaffen Und mm! Plötzlich ist alles j verwandelt ! ... Ich ruhe im kühlen
i. uttf bHv wiHituunv vvt -wv Schatten blühender Baume. Die Oede st einem frisch pulsirenden Leben geroichen. Auf Wiesen tummeln sich fleifctat Männer und arbeitsfrohe Frauen.
i i Dicker grenzt an Acker, soweit ich schaue. n Kein Fleckchen Land ist unbebaut. An i' 'üppige Bedäkraulwiesen reihen sich Baumwollpflanzungen und viereckige - Felder mit Tabak, türkischem Weizen, , Reis, Arbusen, Melonen. Bäche spru-
deln srrzch und befruchtend cahtn. An v xtn Usern locken dichte Baumreihen. Eine endlose Menge von Gärtm zeigt isich dem Auge ; sie sind alle mit niedrii ; en Lehmmauern umgrenzt, über welche " bald schlanke Pappeln mit silbergrauen gezähnten Blättern, bald dunkle KaraSatschen mit runden ballonförmigen , 1 1 t?rrtttn str1?s wrw fnSUnmv
W.V. WV tHtVHUUiV '. Aepfel und Birnen, Psirsichen und Apricosen neckisch winkend herüberlzuen. . . . i lnd all dies verdankt der Mensch seinem Fleiß, feiner Kunst. Die Äkatur i& :.t-tKv h! V ifkt. Isita TrirttS
ttt. uv tyu iittia yitiv jjivvtiif ', nicht einmal einen quten Boden. Sandzunaen durchueben das aan:e Land und
s reichen selbst bis in die unmittelbare JRa'it von Samarkand. Inmitten von ''7 Eulturstätten. von bebauten Gegenden r?FTt ntstti üftrn vifürhe ftimhfnsrttit
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dauern uo nocy vor wenigen ayryunf 1 Krtt"i3:iTfrTT mnrn Tt Rrrtms i VVtW SJV -W VIV vvtijwvt' len nördlich und füdlich vom Serasschan ' sind mit einem fetten Lehmboden bedeckt, welcher bei der starken Hitze und Trockenhcit des Sommers eine Menge Wasser braucht, um überhaupt nur irgendwelches Pflanzenleben zu erzeugen. Und sehr reich an Wasser ist das Land keineswegs. Aber die Bewohner dieses Landes verstanden es schon von früh her, das , Vorhandene gut zu benutzen und mit ihm aus einer dürren, trostlosen Steppe eines de?,blüheudstcn Thäler der Welt zu schassen. Ein sich in verschiedeneu Winjungen kreuzendes Netz von Eanalen ertheilt das Waffer sporadisch und vereinigt es wieder in wunderbarer Weise; V es fließt durch alle Aecker und befruchtet j jeden Garten ' das kleinste wie das gröhte erhält seinen Antheil. Dieses Kunstwerk haben hier einfache Landleute 1 1 schon vor ' vielen Jahrhunderten ohne alle Hilfsmittel der Wissenschaften uwternommen und zustande gebracht. Ss kommt eS, daß die Fruchtbarkeit , dil-feS Thales fchon bei den Alten berühmt war. Die Griechen priesen es hoch und die Araber nannten es ein reines hellglänzendes, irdisches Paradies" und stelltcn es in eine Reihe mit dem Biwan in " Fars, dem Ghawta bei Damaskus und d?m Obullah. Freilich heute kann Samarkand nicht mehr so entzücken! Aber der AbZglanz der früheren poesievollen Schon- , hcit "dieser Wunderstadt ist doch noch strahlend genug, um denjenigen, der zum erstenmal feinen Fuß in ihren sagenumölühten Kreis setzt, zu bezaubern und hinzureißen ll t , Durch das Gewirr der dunkelgrünen Pflanzenschlingen, die von der Wurzel bis zur Krone die Aeste ineinander inden, leuchten in lieblichem Eontrast die hellen Moscheen und Wtinarets mit ihren . bunten Kuppeln und Thürmen. - Von seltsamem Schauer erfüllt nähere iö mich den Thoren. Ist doch daß Capi'tel von Samarkands Geschichte emes der interessantesten, aber auch am wenigsien bekannten in der ganzen Weltqe fchichtc! Auf den meisten Blattern dieses Capitels liegt ein Schleier, welcher vieles theilweise, vieles ganz verhüllt. Während in der Neuheit unermüdliche Gelehrte die geheimnißsollen Hierogluphen des Pharaonenreichcß ebenso klar entzifferten tote die Runen der Skandinavier und ,die räthselhajten Inschriften und Bilder in' den Tempeln der Azteken und Inkas ; während kein Land im Osten und Westen, im Süden und Norden dem Forfcherauge verjchlossen blieb und, der
europäische Wlljensgelft die innersten . Winkel Indiens und Chinas, America und Australiens, des centralen Afrikaund des nördlichen PolarmeereS aufsto! berte blieb Ssmarkand im tiessten Dunkel und war bis noch vsr wenigen Jahrzehnten selbst dem bloßen Besuche ! Fremder unzugänglich. i i 5n den abrtausenden deö Daseins
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dieser Stadt kamen ihre Bewohner nur zwei Mal in unmittelbare Berührung mit den Volkern des europäischen Welttheils: zur Zeit Alexanders des Großen und unter dem weltstürmenden 'Tatareu Timur. Sonst aber lebten sie von der übrigen Welt abgeschlossener als selbst die Chinesen, und es war ihnen um so leichter, als hier die Natur weit stärkere Umzäurningen gebaut hat, als jene künstliche Riesenmauer des heiligen Blumenreiches der Mitte. Endlose Wüsten und Salzstepxen umschlossen das Thal des goldstreuenden" Sirafschan nach der europäischen Richtung ,hm, von den andern Seiten begrenzten es riesenhafte Berge, und kein Ocean öffnete zu ihm eine Verbindungsstraße.... Aber heute' braust durch dieses Thal die russische Locomotive, und Samarfand, die einzige Stadt der alten Welt, welche noch bis in unsere Tage mit dem romantischen Zauber mittelalterlicher Kriegswunder umhüllt war, öffnet weit seine Thore, und dort, roo Fremde früher niemals hatten weilen dürfen, wo jene, die trotz der strengen Verbote in das Weichbild der heiligen Stadt zu dringen gewagt, mit den fürchterlichsten Qualen und Martern und mit dem Tode bestrast worden: dort dürfen Europäer jetzt nicht nur leben dort herrschen sie sogar! In das melancholische Rusen der Muezzins von der Spitze der Minarete tönt das laute häßliche Glockengebimmel der russischen Kathedrale wie bitterer Hohn. Auf den heiligen Straßen, durch deren Schmutz sich einstmals kein Ungläubiger hatte Bahn brechen dürfen, watschelt nun der verhaßte dicke Pope betrunken dahin und lallt seine Hymnen undFlüche dem gedemüthigten Jslambekenner in's Gesicht. An Stelle der mohamedanischen Veamten, die früher in blutgieriger Weise das Mark des Volkes ausgesaugt, besorgen, jetzt russische Bureaukraten dies Geschäft, und im stolzen Palast des weltstürmenden Timur, vor dessen Anprall einst die Kremlstadt an der Moskwa in ihren Grundmauern erzittert, schallt keute das übermüthige Gelächter der Ofsiciere des roeitzen Zaren. Ja noch mehr! . . . .Nach jener Stadt, die durch lange 'Jahrhunderte verschollen gewesen, führt von dem Ostufer desKaspischen Sees eine wunderbare Bahn, die ihresgleichen auf dem ganzen Erdenrund nicht hat, die durch rvasserlose Steppen, durch fchier endlose Wüsten, den steten Sandsturmen und den furchtbarsten Naturhindernissen zum Trotz, sich ihren Schienenweg bahnt; aus welchem der Dampf, in eisernes Joch geschirrt. Leute aller Länder mit schwindelnder Eile dahinträgt. Und der Zeitpunkt ist nicht fern, wo aeckenbaste Touristen, mit dem Binocle und dem Bädeker bewaffnet, statt nach der Schweiz und Italien, nach den mittelastauschcn Wüsten Ausflüge" unternehmen werden. Ich sehe im Geiste fchon die Tage kommen, wo die antiken, märchenumwooenen Bauten des alten Samarkand von neugierigen Engländern, Amerikanern und Deutschen belagert sind, welche die Sehenswürdigkeiten mit den Sternchen" aufsuchen. Zu den ge- ... r ..i! r. . n..st...f. ...fc i woynllHen wuireicn wrro oann eiwa folgende Tour gehören: Von Paris mit dem Orient- Schnellzug nach Constantinopel, über das Schwarze Meer nach Batum, quer durch den Kaukasus, über Baku und den Kaspisee nach Ufunadda, mit der Transkaspi- Bahn nach Samar kand, und dann über Indien oder China nach San Francisco, quer durch die Ver. Staaten nach New Fork und über den Atlantischen Ocean wieder nach Europa zurück ! Lio tempora mutauwr! Fast wie im Traume schaue ich von. Minaret der Ulug:Beg-Medresse über die Dächer und Kuppeln der altehrwürvigen himmlischen Timuridenresidenz. Noch ruhen die Schleier der ersten Morgemöthe auf der Wunderstadt. Im Norden heben sich die dichtbewaldeten Ufer des goldstreuenden" Serafschan empor, winzig erscheint im Nordosten der Tfchappan-Ättaberg, von welchem die ?culnen der SchahSindehMoschee und diejenigen der Medresse-uChanym liezm; im Osten zucken die Sonncnstrahlen leise über den Erdenteppich und zeigen in flüchtigen Linien die Straßen nach Pendaschkent und Urgut; roende ich den Blick nach Westen, fo sehe ich dort einen seltsamen Riesenbau in die Lüste ragen die Citadelle der früheren Emire ; ihr gegenüber findet sich der neue russische Stadttheil mit seinen fächerartig ausgebreiteten Straßen, mit dem stolzen Palast des Gouverneurs, dem öffentlichen Park und der schattigen Promenade; im Süden fchließlich bemerke ich' den Dom der Gur-Emir-Mofchee und hinter diesem das'Chodfcha'Achrar-Thor. Licht und lichter wnd es. Da steige ich langsam herab, um mich in datz Straßengewirr zu verlieren, und lanlos durckstreife ich die Markthallen, oje Plätze, dle engen Gassen der Eingeborenen und die "breiten der Europaer, die Gärten, Alleen und Bazare. Noch ist alles todt kein Laut stört hie Morgenstille. Aber vlötzlich tönt von den Mmaretcn der Moscheen der eintönikze Ruf der Muezzins, welche die Gläubigen ans Gebet mahnen und sie versichern: Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohamed ist fein Prophet!" Und da und dort öffnet sich hastig die Pforte eines unheimlich still daliegenden einförmigen Haufes und in phantastischem Gewand huschen halb angekleidete Menscheu hervor und stürzen fchmutzig, zerraufte schreiend über die Straßen in di Moscheen. Tag heller Tag liegt jetzt über der Stadt. Jäh. wie von mächtiger Zauöerhand zerrissen, sielen die Schleier der Dämmerung. Das Sonnenlicht überstuthet mit seinem blendenden Strahlen regen d!e heilige Stadt, gießt zitternden Glanz über die bunten Kuppeln und Thürme, auf die glatten Dächer, in die engen schmutzigen Hofe. Mit lautem Geheul fpringen die häßlichen Hunde von ihren ; Lagerstätten auf den , Gassen empor. Und die Wächter ecken ' mit schrillen Rufen oder kräftigen Stockhieben die Bettler, welche die Nacht im Freien geruht; verschlckfe erheben sich diese und schnüren ihre Bündel und wanken scheltend und Hymnen stammelnd da vonHH,,MHA ,,, DaS Leben der Stadt,, das noch vor einer Stunde keinen Laut von sich gege-
ZTZEZ
ben, wogt nun in mächtigen Strömen durch die Adern derselben' dahin, und dröhnendes Geschrei ersüllt die Wege und Plätze. Durch die Thore ziehen in Schaarcn Gäste aus der Ferne ein, uv& Kaufleute bringen auf Eseln und Kameen len allerlei Waaren, Holz und Getreide, Gras und Mtlch. Der Melderuf dcZ Verkäufers mischt sich in das Ange, bot des Käufers, der Trubel der Menschen wetteifert mit dem Brüllen der Thiere, welche sich in den engen, knim ine Gassen nicht durchzuzwängen ver.' mögen und von ihren ungeduldigen Treibern grausam gestoßen und geprü gelt werden. Durch die wild dahinwo genden Massen laufen Männer in bun ten Trachten, beladen mit zahllosen Päcken und Päckchen, mit Stangen und Stöckchcn: da sind die Kleinkrämer, welche allabendlich ihr tranZportnblcs Magazin zusammenschlagen und sammt den Waaren nach Hause schleppen, um eS baun am andern Morgen an bestimm.tem oder beliebigen Orte wieder auszujteUen. Das reichste und originellste Leben entfaltet sich in den Vazaren. Alle Nationen, die in Samarkand leben, treffen sich hier. Da sind die stolzen Oczbegen, die früheren Herren deö Landes, auL deren Reihen die Khane und Veziere und alle höheren Beamten gewählt wurden ; dann die fleißigen cwerdtreibendcn Tadschiks, welche gleichsam daZ gute Vürgerthum vertreten ; die Kirgisen, Kalmücken und Kuraminzen, die Chinesen, Tartaren und Afghanen, die Perser, Hindus, Juden und Russen. Der Buntheit der Nationen entspricht die Mannigfaltigkeit der Kleidungen. Vorherrschend ijt die plumpe Form des Chalats, welcher bis an die Fersen reicht, um den 'Leib trägt man einen Shawl gegurtet, von die? sem hängt der Koschbag herun ter ein Stück Leder, an dem alles mögliche befestigt ist: Theesack und Zuckerpack, Zahnreiniger, Geldtasche, manchmal ein Schreibzeug und noch ahnliche Kleinigkeiten, die man im täglichen Leben braucht. Die Form der Kleidung ist je nach der Mode" Veränderungen in Schnitt, Aermel und Kragen untermorsen allerdings wechseln diese Moden nicht so oft wie bei uns, aber von den Samarkander Gigerln" werden sie doch gehörig beachtet und befolgt. Denn Gigerl gibt es auch in Samarkand! Im Bazar und auf den Höfen der Moscheen oder sonst auf 'beleblen Plätzen und Straßen trifft man oft Leute, deren eigenartig geschraubte Stutzcrmanicren und grelle Kleider gleich auffallen müssen: das sind die Samarkander Gigerl! Mühsam schleichen diese Leute dahin, obgleich sie augenscheinlich noch sehr jung sind; ihre Beine scheinen jeden Augenblick einknirenzu wollen, ihre Ruckeifsind gebückt, ihre Köpfe müde vorgeneigt. Der trottelnde und wackelnde Gang, welchen sie annehmen, wird von ihnen u:rnachahn'.lich schon gefunden, und sie vergleichen ihn sogar mit den Schwankungen der vom Zephyr bewegten Eypressen". Der Reisende Vambery aber betrachtet diesen Gigerlgang- nicht so poetisch, vielmehr bezeichnet er ihn alg den Gang fetter Gänse, die watschelnd vom Feld nach Hause gehen" Frauen sieht man in Samarkant felten, da sie hie? sehr streng gehalten sind, fast noch strenger, als es bei anderen mohamedanischen Völkern der Fall ist. Sie müssen meist zu Hause bleiben und die Wirthschaft führen. Wenn sie einmal ausgehen, sind sie gezwungen, sich aufs abscheulichste zu vermummen. Das Gesicht bedecke dann ein grober und so dicker Schleier, daß eine Europäerin un ter demselben unbedingt ersticken müßte. Doch verstehen sie es, wenn sie sich von ihrem Gatten und seinen Spionen unbe achtet wissen, durch' Lüsten dieses Schleiers eine Art Koketterie zu üben, und es soll bei ihnen eine Schleierspräche" geben wie bei uns eine Fächerspräche". Wenn die Fraueir ausgehen, müssen sie ferner schwere, plunrpe Schuhe tragen und, falls sie jung sind, den Gang ängstlich verändern, ihn schlürfend und "fchwerfällig machen, den Fiücken beugen, den Kopf matt herabhängend halten und dies alles, damit die Vor übergehenden denken, sie seien alt und häßlich. Und doch glaube ich. daß es in nur wenigen Städten des Orients soviel Sittenlosigkeit gibt als hier im heiligen, frömmelnden samarkand. Das Hauvtleben ulsirt am Vormittag. Da sind die Bazare ersüllt von langen Neihen von Kameelen, welche die Erzeugnisse Samarkands und Centralasiens nach Rußland und Indien, Persien und Afghanistan zu bringen bestimmt sind. Dort wieder kommt eine Karawane, von Wüstenstaub noch nicht bedeckt, eben aus jenen Ländern an, und schon wird sie von kaufgierigm Handlern förmlich überfallen, die Waaren werden herabgerissen und fast unbesehen abgehandelt. Im wirren Durcheinander, im lauten Gebrüll der Käufer und Verkäufer .behält nur der Kirghise seine Ruhe. Er, der eben aus der Wüste ßekommen und zum ersten Mal in cme Stadt getreten ist, er steht ganz entsetzt und erstarrt da und weiß nicht, was mit ihm geschieht, was er beginnen, wohin er sich wenden soll, und er begreift nicht das Hasten und Drangen und Toben der andern und bcundert die, märchenhafte Pracht der Lehmhütten, die wunderbare Kleidung der Städter, ihre Macht und ihren Reichthum. Abseits von de ; lärmerfüllten Straße im offenen Höschen voll schattiger Kühle und Ruhe, beschäftigen sich Seidenweber und Schuharbeiter, Kleidermacher und Goldhändler. In langen Hallen liegen Reihen von WeizensLcken und Weinschlauche. Seitdem Einzug der Russen - erzengen die Samarkander viel Wein und Schnaps sie haben ein haldes Dutzend Spiritusfabriken, .gewiß ein mächtiger Fortschritt der Eioilisation !!...., Auf den Straßen üben Taschenspieler ihre Künste, und Barbiere rasiren . ihren Kunden !n freier Lust Kinn und, Schädel. Ein wandernder Buchhändler verkauft FirdusiSMustcm" ; das Werk ist in Bombay gedruckt, illustrirt und enthält Skizzen, , wie Nustem mittels Eisenbahn und Dampfschiff auf seine Heldenabenteuer auszieht! !,..... Schlangenzähmer wechseln ab mit Wunderthätcrn, Krämer preisen mit poe: L'.r x. ... etr . . . err ' i Hieven sollen , axt paaren an un schimpfen in gröbster Prosa, xsenn di
Käufer ihnen zü weniq bieten.... Und recht in der Mitte all des Geschreis und Streitens und Drängens befindet sich auf offener Estrade eine Kinderfchule, wo die Lehrer nicht die Schüler lmd die Schuler nicht die Lehrer verstehen und die Stöcke der letztern deshalb haustz auf unglückliche, unschuldige, kleine Köpfe und schwache Schüttern saufend niederfallen.... Aehnlich wie in den Bazaren geht h in den Höfen der Moscheen zu. Die rei senden Gärten in den Vethäusern und um dieselben, mit Wasserbehältern und schattigen Alleen ausgestattet, sind ein angenehm lockender Slufenkhast. Hier sinden sich Handelsleute ein, um wichtige Ge schäste zu erledigen ; dort ruht ein Kreis von Männern uichtsthuend im Grase; andere schwatzen lebhaft und laut, wieder andere verzehren fröhlich ihr Mahl aus Brot und Früchten. Die Menge wogt rastlos hin und her und man würde kaum glauben, daß man sich im Hofe eines Gotteshauses befinde, wenn man nicht hin und wieder über einen Beter stolperte, welcher ohne Acht auf das Geräusch rings umher andachtsvoll auf seinem Teppich kniet Gegen Mittag tritt im öffentlichen Leben etwas Ruh? ein. An den Ufern der Siraßencanäl: und an den schattigen Wasserbehältern der Moscheen lagern sich die Gläubigen zu den heiligen Waschungen ihrer schmutzigen Füße und nicht minder schmutzigen Hände; und dasselbe Wasser benutzen gleich darauf andere Gläubige zum Ausspülen des Mundes oder gar als Erquickung spendende Trunk wshl bekomms ihnen ! Der Nachmittag ist nicht so wildbewegl wie der Vormittag. Denn die Mohame daner arbeiten nicht gern viel und machen schon zu möglichst früher Stunde Feierabend; nur die Juden und Hindus Uth ben fleißig in ihren Geschäften, bis der Abend anbricht. Ich benutze den Nachmittag zu einer Wanderung durch die russischen Straßen. Im Gegensatz zu der Dumpfheit und Enge, welche in den Stadttheilen der Eingeborenen Herz und Sinn bedrücken, macht sich hier eine freie Lust fühlbar und die araden, von Alleen beschatteten Wege erfreuen das Auge. Ich bemerk eine Apotheke und große, schöne, reim liche Krankenhäuser, Schulen, Kirchen und Casernen, ein Ofsiciercasino, den reizenden Palast des Gouverneurs, ein Menge heiterer Privatgebäude, Fabriken, Werkstätten und Webereien. Die Ge sammtzahl der Häuser in Samarkand beträgt nach meiner oberflächlichen Schätzung mindestens 5000, von denen etwa 500 neu sind und den Europäern gehören. Es ist unterdessen Abend geworden. In der Stadt der Timuriden wird es, sobald die Sonne ihr das Licht entzogen hat, stockfinster, denn die künstliche Erhelluug de? Nacht ist hier noch nicht bedeutend. Das stürmische Leben des Tages verrauscht ebenso jäh, wie es in der Frühe begonnen, und wenn das Abendgebet vorüber, der letzte Ton vom Minaret in der stillen Luft verhallt ist, legt sich eine seltsame Ruhe über die Straßen. Nur hier und da eilt ein Nachtschwärmer m hie Theestuben; die meisten aber ziehen sich in ihre Wöhnungen zurück, lagern sich auf ihren Teppich und verzehren das fette, schwere Reisgericht, den Pillaw, um gleich darauf einzuschlafen. Und dranßert in den Straßen, über welche einst siegestrunkene Mongolen und Tsrtarenhorden, vor denen die ganze .Welt zitterte, dahingezogen, vernimmt man nur das Flüstern des Zephyrs oder das Schnarchen de? Nachtwächters....
Der englische JuristHslk, öer im Jahre 170 Lord-Oberriater an dem Gerichtshofe King's Bench rn London war, hat sich um die englische Rechtspflege dadurch unsterbliche Verdienste erworben, daß er die Hexenprocesse als ungerecht und thöricht angrisf; er hatte endlich die Genugthuung, daß keine Here mehr in England angeklagt wurde. Einst so-erzahlt die Deutsche Nomanztg." aus dem Anfang , seiner bahnbrechenden Thätigkeit brachte ein wüthender Volkshaufe ein altes Löeib von ausgesuchter Häßlichkeit, das Urbild einer echten Hexe, vor seinen! Ittchterstuhl, indem mehrere Zeugen versicherten, haß sie mit eigenen Augen gesehen hatten, wie dieselbe auf dem Kopfe durch's Feld gelaufen sei. Holt, der die Wuth des Pöbels bemerkte und einsaht .daß es ihm mit Vernunftgründen nicht möglich sein würde, den erregten Haufen von seiner thörichten Anklage abzubringen, setzte eine sehr grimmige Miene auf und donnerte die zitternde Matrone an, ob sie in England geboren und erzogen sei. Die Zauberin bejahte es. .Nun, da mögt Ihr Euch freuen," fuhrder brave Nichter fort, denn bei uns in England ist nur das nicht erlaubt, was die Gesetze verbieten ; da ich aber kein englisches Gesetz kenne, das dem Engländer verbietet, auf dem Kopf durch das Feld zu gehen, so ist es Euer Glück. Ich kann also Euch leider nicht an den Leib, wie Ihr es eigentlich für ''Euer Kapitalverbrechen verdientet. Scheert Euch also schnell nach Hause und bessert Euch 1 4 Dann wandte sich Holt zu der' ihn sehr verblüfft anstarrenden Menget Ma, ja, Leute!' Dankt Gott und unserem guten Könige, daß Jeder in Alt-England seine Freiheit hat. um zu thun und? lassen, was er will, wenn es nicht das Gesetz ausdrücklich verbietet. Will also Einer on Euch durchaus sich das Vergnügen machen, auf dem Kopfe zu ' gehen, so kann ihn kein Mensch darin hindern. Es lebe die Freiheit Alt - Englands!" Hurrah!? schrie der ganze Haufe, die Freiheit von Alt-England und der Nichter Holt!" , Vr"" Aus der Jnstruktionsstnnde. Unterossizier: Der Soldat hat unter allen Umständen die vorschriftsmäßigen Honneurs auszuführen. : Müller, wenn Sie mit Ihrer Braut am Ann einem Unters fsizier begegnen, was haben Sie dann zu thun? Müller: Dann habe ich daraus, zu echten,,, daß meine Braut sich nicht ,n den Herrn Un MoHiegÄ Geld und Eb re. Bankier: 13, i, Herr Lieutenant, so is halt auf I der Welt: Mir bab'n das Keld mri ! Sie hab'n .Die .
Ungarisches Magnaten-Leben. Lcn Tr. s. Sonnenfels ()ast).
Stolz wehende Neiherbüsche an den mit schimmernden Agraffen 'geschmückten Kalpags, farbenprächtige Gewänder, deren tostbare Stosse an die Glanzepochm reneiianischer Größe gemahnen, geben dem ungarischen Aristokraten schon äußerlich ein eigenartiges Gepräge im mitten der Einförmigkeit moderner europäischer Trachten, welche die Maler um serer Tage zu gelinder Verzweiflung bringen. Diesem schimmerndem Glänze der Erscheinung entspricht auch das rauschende Leben, das die ungarische Aristokratie führt und das ihren Hauptoertres tern fast den Charakter klnner Dynastjen des vorigen Jahrhunderts verletln. Wie sie da unten die machtige Via trmrnphalis, genannt AndrassystraZze, entlang mit ihren prächtig aufgeschirrten Vicrerzügen dahinjagen, um den Nennen den eigentlichen Glanz zu geben, und die Tausende der neugierigen Menge, ein lebendiges Spalier bildend, sie begaffen, zeigen sie uns ein Bild der lange noch ungelösten socialen, soll heißen: gesellfchaftlichen, Frage. Von meiner hochgelegenen Arbeitöstube aus kann ich das dunte Treiben aus einmal überblicken, und so sehr ich über die staunende ö!eugier von meiner hohen Warte aus lächeln mag, finde ich sie doch menschlich begreiflich, weil uns ja allen der Trieb innewohnt, das Fremdartige zu bewundern, an das schwer Nahbart uns hinanzudrängen. Und auch für die deutschen Leser wird es wohl von Interesse sein, das Leben dieser großen Herren, von denen mehr als Einer Ländcreiett vonder Ausdehnung kleiner Staaten besitzt, ein wenig näher kennen zu lernen, Einblick zu gewinnen in das Thun und Lassen des ungarischen Hochadels. Ohnehin hat die deutsche Dichtung seit Nicolaus Lenau und Karl Beck die ungarischen Motive, die in deutschen Klängen solch packenden Zauber gewannen, fast gänzlich fallen laen, und brächten nicht unsere Maler in ihren Sittendils dern manche frische, originelle ungarische Figur zur Darstellung," die noch unvcrfälschten Züge unseres nationalen Lebens kämen in Deutschland gar nicht mehr in Betracht. Lassen Sie mich also aus's Gerathen wohl einige charakteristische Typen herausareisen und in ihnen eine Schilderung des ungarischen Magnatenlebcns versuchen. Bequemer denn jetzt könnte ich ohnehin die großen Herren zu Augenblicksausnahmen kaum haben. Der Farbenglanz, den sie bei festlichen Anlässen entsalten, fehlt natürlich jetzt, da sie auf den Nasen hinausjagen, um mit den besten Thieren ihrer Ncnnställe Triumphe zu erringen, aber Wagen und Jtosse verkünden den Nuhm der vielzackigen Wappenkronen. Jener tief in den Grund der Karrosse gelehnte schmächtige Mann mit dem ins Nöth liche schimmernden blonde Backenbärtchen, dem der tief ins Gesicht gedrückte weiche Filzhut den hohen Scheitel bedeckt, ist Fürst Paul Eterhaw, der Obergesxan des Oedenburger Komitates. Trotzdem die neunundneunzig Niesenbesitzunqen der Familie durch die Verschwendungen des früheren Fürsten unter Pfand sind, hat Fürst Paul doch noch ein Jahreseinkommen, das für den Bedarf manches kleinen Landes genügen würde. Wer einmal an der fürstlichen Tafel gespeist hat, kann sich ungefähr einen Begriff von den Kosten dieses Haushaltes machen, dessen Glanz an den Prunk- längst vergangener Z iten gemahnt. Von dem Neichthum des Tischgeräthes, der Kostbarkeit der Tafelaussätze, der Kunstvollendung dc? silbernen und goldenen Becher um Humpen befonderö zu sprechen, ist wohl überflüssig, weiß ja alle Welt, daß anläßlich der vor einigen Jahren veranstalteten Gold-schmiedekunst-Ausstcllung das fürstliche Haus EßterhaM allein eine ganze Schatzkammer einschickte. Da gab es silberne Tische und Lehnstühle feinster getriebener Arbeit, Wunder von Emaille, wie sie einst in Siebenbürgen, wo bmanttNllche Arbeiter diese Kunst heimisch gemacht, verfertigt wur den, mtt Edelsteinen besetzte Schabraken, Toledanerklingen mit Goldgriffen und sonstlge erlesene iemode. Doch uicht der verblüffende Prunk der TafelgerSthe allein blendet den Gast sondern auch die reiche Dkenerschaa?, die bei Tische auswartet. Außer den befrackten Tafelmeistern, die mit seidenen Strümpfen und Kniehöschen getreu nach der Art der französischen Königszeit die Gaste bedienen, leisten die Leibhusaren des Fürsten in reichverfchnürter altungarischer Haiduckengala bei Tische Paradedienst, indem sie hmter den wtuylcn der speisenden starr aufgepflanzt Wache halten. Dabei gemahnen die in den Farben des Hauses gehaltenen enßen Beinkleider an Trachten ans der Nenaissancezeit. Der mittelgroße Eavalier mit dem Kurzen, bereits ins ' Graue spielenden Schnnrrbart und dem frischen vollen Gesichte, der ein feuriges Zweigespann auf dcnTurf hinausbringt, ist ein Vetter und Äcamensbruder des vorigen, der Gewinner des diesjährigen Derby: Graf Nikolaus Eßterhazy, der reiche Schloßherr zu Totis. Graf Niki, wie seine Freunde ihn mit dem Kosenamen nennen, ist Ha? gestoly, ein Förderer aller edlen Sportgattungcn und der Bühnenkunst. Sein Nennstall in dem schonen, durch einen herrlichen See mit lauem Wasser beson: ders interessanten Städtchen, einst berühmt als Erzeugn! ß statte ungarischer Fayencen bildet eine Sehenswürdigkeit für sich und die edlen Thiere, die hier herangezogen werden, erhalten eine Pflege, um die manches Menschenkind sie beneiden dürste. Doch der eigentliche Stolz deö Grafen ist fein Hausttzcater, ein mit aroßen Kosten errichteter reizender Bau, ein wahres Juwel deS Liococostuls. Schon im vorigen Jahrhundert hatten d!e Eßterhazvs sich durch ihre Liebe zur Kunst ausgezeichnet und ein Eßterhazy war's, der Josef Haydn zu seinem KapellMeister nach Eisenstadt berief ; in unseren Tagen hält Graf Nikolaus die Ueberlieferung der Familie in Ehren. Er läßt auf feine Kosten eine ganze Schaar ju; ger Künstler am Wiener Conservatorium ttudiren und die Uebungsstätte ist das Totiser Theater, das seinen eigenen Direktor, seine eigene Kapelle, ja, selbst feinen eigenen Dichter hat,: dem der
Graf, der in stillen Stunden auch den Musen huldigt, manchmal selbst ein hübsches Lustspielchen zusendet. Das' kleine Theater wurde im letzten Herbst vollendet und wäre vielleicht nie : erbaut worden, hätte nicht die Fürstin Pauline Metternich, die cinmal einer Vorstellung im früheren, ebensallS ziemlich stattlichen Theaterchen anwohnte, über das schimmlige" Haus eine abfällige Bemerkung fallen lassen. In der Zeit der Totiser Vorstellungen, die zumeist im Herbst und im Frühling stattsinden, vermag das geräumige Schloß die Zahl der Gäste von Nah und Fern nicht zu fassen. Da kommen Erzherzöge, Fürsten, Grafen, hohe Militärs, Künstler und fonstige Berühmtheiten und alle werden wie Kinder deS Hauses behandelt. Eine Prächtige Kneipe in deutschem Styl, Graf Nikolaus stammt mütterlicherfeits von einer Deutschen und besitzt in Westphalcn ein herrliches Schloß wo man alles, was die beste Küche und der reichste Keller bieten können, zu jeder Stunne des Tageö und der Nacht haben kann, ist der Sammelplatz der sröhlichen Gesellschaft, in welcher Prinzen sich mit der Ungezwungenheit anderer Sterblichen bei Hellem Becher- und Geigenklzng bewegen. Hier lernt man gar bald eine Reihe von schönen Tagen leicht ertragen ; denn der freundliche Schloßhcrr hat die liebenswürdige Devise, jeden Gast nach seiner Faoon sich unterhalten zu lassen und Niemandem irgend einen Zwang der Etikette aufzulegen. Da sieht man denn früh Borgens hier eine lustige Eavalcade auf den edlen Pferden aus den gräflichen Stallungen, dort eine zahlreiche Jagdgescllschaft auf die Pürfch fahren, andere wieder in Kähnen auf dem See rudern, bis man bis zur bestimmten Stunde vereint zur Tafelrunde erscheint, bei der dralle feueräugige ungarische Mädchen die noch feurigeren Weine kredenzen. Auch das jugendliche Eorps der Schauspiclerinnen und Sängerinnen erhöht die Lebensfreudigkeit der Gesellschaft, die stets schweren Herzens von Schloß Totis scheidet. Helle Trompetenstöße wecken mich aus meinen Erinnerungen, an die schönen im Hause des Grafen Eßterhazy verlebten Stunden. Ich blicke auf die Straße hinunter, ein echter englischer Gesellschaftswagen mit zwei Lakaien auf dem Rücksitz dringt dle Mitglieder -der Familie Karolyi auf den Wettrenplatz. Die Grafen Karolyi bilden eine Dynastie für sich. Ihre in den reichsten Gegenden Ungarns gelegenen Besitzungen gehören zu den größten und bestcingerichtetcn des Landes. Auchsind die Grafen tüchtige Sparmeister und gehören nicht zu den Vermögenszerstörern, fondcrn zu Mehrern. Die Väter waren von freigebigerer Art. Graf Georg hatte während des Freiheitskampfcs auf eigene Kosten ein Husarenrcgiment in's Feld gestellt, Gras Stefan war ein wirklicher Mären, an dessen Hose die Künstler stets eine freundliche Heimstätte fanden. Er hat das schöne Kirchlein in Futh von dem Wiener Maler Karl Vlaas mit Freske ausschmücken lassen, auf seine Kosten unternahm der ungarische Landschafter Anton Ligeti der vor Kurzem, tiefbetrauert gestorben ist große Studienreisen. Die Söhne sind, wie gesagt, tüchtige Dirthe und wissen das ererbte Gm zu erhalten. Da sie trotzdem allen Glanz entfalten, den ihr Name ihnen auferlegt, versteht sich von selbst, und daß sie hohe Gäste zu empfangen wissen, bewies der Vefuch, den Kronprinz Nudolf einst beim Grafen Stefan, welcher den tonangebenden Nang in der Familie einnimmt, einige Tage hindurch abstattete. Auch mit dem Prinzen von Wales ist Graf Pista auf bestem, kordialstem Fuße und es ist noch allen erinnerlich, wie der englische Thronfolger sich vor einigen Iahren mit einem lautgerufenen Good bye, Pista der Name ist der ungarische Kosenamen für Stefan vom Grafen Karolyi verabschiedete. In der Politik gehören die meisten Mitglieder dieses g äflichen Hauses der Opposition an, ziner Graf Gabriel sogar der äußersten Linken. Dieser spielt sich auch sonst auf den Demokraten hinaus und ist eine eigenartige Erscheinung in der aristokratischen Welt. Wer all' die Träger der stolzen ungarischen Magnatcnnamen: die. Andrüssy, Szochenyi, Batthyany u. s. w. an einem Brennpunkte versammelt sehen will, muß sich ins Nationalkasino einführen lassen.
Dort sind dieHerren ungestört unter sich, dort werden oft politische Vescklüsse von großer Tragweite erwogen, doch auch fröhliche Symposien, und wie Fama zu erzählen weiß hohe Spiele veranstaltet, bei denen während weniger Nachtstunden manches kleine Vermögen' wechfelt. -Möglich, daß dies nur während der Anwesenheit hoher Gäste geschieht, die vom Auslande her an die Nie fen einsätze gewohnt sind, die Thatsache wird verbürgt, daß mancher Prinz, (Wales, Ferdinand etc.) auf den eine Krone wartet, hier Summen gewonnen oder auch verloren hat, bei deren Scennung es uns einfachen Staubgeborenen kalt über den Rücken läuft. Doch muß man es dem Nationalkasino auch nachrühmen, daß es eine's gewählt reichhaltige Bücherei sein Eigen nennt, wie nur wenige ahnliche Vereine und daß die Bücher auch fleißig gelesen werden von den nichtaristokratischen Mitgliedern des Kasinos. f. " -., m , : . .... Flttterfrenden. . ' in Eine drastische Scene spielte sich am Abend des dritten Psina.st-F:iertages auf dem Lchrter Stadlbahnhofe in Berlin ab. Am Billetschalter erschien eine Frau aus dem Volke in Begleitung eines Mannes und verlangte zwei Billets nach Rlrdorf. Das Paar,, machte gercisses Aufsehen. , Die Kleider.der Frau waren zerrissen, ,im Gesicht hatte sie blaue Flecke und ' die Haare hingen ihr wirr vom Kopfe herunter; , , dem , sie begleitenden Manne war der Shlips vom Halse, das Chemisett aufgerissen und der altmodische Cylinder den er trug, zeigte deutliche Spuren einer energischen Antrcibung. Augenscheinlich waren Beide auch im höchsten Grade, erregt. , Die Billetverkäuserin am Schalter bemerkte, daß der letzte Nordringzug die Station bereits passirt habe und daher keine Verbindung mehr nach R'cksdorf wäre.
Na sieh sie, Schlager ThomaZ, nun können wir heute nicht mehr nach Nirdorf fahren, meinte die Frau, r.nd ker meinem Ma.e kann ich doch nicht schlafen ! Denken Sie sich. Fräulein, so wandte sie sich kn die Schalterdame heute Nachmittag um drei Uhr habe ich mich mit meinem Manne trauen lassen und jetzt hat er mich schon verhauen I Sehen Sie "mal, wie ich aussehe ! Ich hab' mich zwar derbe gewehrt, aber es nutzte nifcht. Sein Schwager hier, der Thomas, wollte mir helfen, aber er kriegte och Keile! Und das MeS bei der Hochzeit! Nich wahr? Bei so 'nem Manne kann ich doch keine Nacht bleiben? Aber ich hab'S 'm eingetränkt ! Ich hab' einem Soldaten, 75 Pfennig gegeben, daß er meinen Mann, der uns bis auf'n Bahnhof nachkam, orntlich verhaun sollte. Der Soldate hatte si das Geld auch ehrlich verdient und meinen Mann hier oben auf der Invalidensiraße windelwecch geprügelt! ,Aber, Schwager TbomaS. was mi&ai wir
O?nn nu!" iscywagcr yomss zume unschlüssig mit den Schultern. Nii weefte 'was, Schwager? Wir fahren bis zum Schles'schen Vahnhof,von da loofen wir nach Nicksdorf, Du gehst mit und bleibst bei mix über Nacht! Fräulein, zwei Billets nach'n Schlesschen BahnKof!" Der Schwager Thomas nickte, sie faßte ihn unter den Arm, uabm die BilletSund trollte sich mit ihrem Schwager Thomas" unter dem bisher verhaltenen. jetzt aber voll ausbrechenden Lachen der Schalterbeamten. Ans dem Leben Sir Moses Mon tesiores. Die längst erwarteten Tagebücher Sir ' Moses Montesiores sind soeben in Londsn erschienen. Sie umfassen den Zeitraun von 18121883 und enthalten eine Fülle interessanten Stoffes, da der berühmte Philantrop' und feine Gattin mit großer Genauigkeit alle Ereignisse -ihres dem Wohlthun geweihten Lebens -verzeichnet haben. Moses Monteffore wurde im Jahre 1784 zu Leghorn ge- ' boren, von wo seine Familie nach dem Ausbruche der französischen Neoc'lution nach London übersiedelte. Der spätere Millionär begann seine Laufbahn, mit sehr geringen Mitteln; er mußte noch um Mitternacht die Briefe des GeschäftsHauses, in welchem er angestellt war, zur Post tragen und dann beim fürchterlichstcn Wetter in feine außerhalb der Stadt gelegene Wohnung nach Kenmngs ton wandern. Doch schon damals war es sein Grundsatz, jeden Tag dea Ar men etwas zu schenken, und seine Lebensmarime lautete : Arbeite selbst so schwer du kannst, damit du der Anderen Loos- erleichterst." Als er durch feine Heirath mit dem Hause Nothschild in nahe Verwandtschaft kam. ward er bald Theilnehmer an großen Geschäften und , ein reicher Mann. Allsonntäglich machte er dann mit feiner jungen Frau, dle ebenso wohlthatig war wie er, einen Ausflug auf's Land, und da mußten die Diener Kannen voll trefflichen Seines nachtragen, damit die des Weges kommenden Armen erquickt werden. Guter -und reiner Wein, pflegte er zu sagen, erfreut des Menschen Herz und bewegt ihn, Gott für seine Güte zu danken." , Von der ersten Reise nach Alerandrien I und Palästina wissen die Tagebücher vieles zu erzählen. Die dortigen Juden meinten, die Ankunft Montcsiores werhe sie nicht nur von allen religiösen Drangsalen, sondern auch von aller materiellen Noth befreien und waren unzufrieden, cls die' aehoffte Erlösung nicht sofort erfolgte. Ihr Verhalten erpreßte dem sonst 1 geduldigen Montesiore folgenden. ; Schmerzcnsruf: Niemand wird je den Auszug ans Egypten mit inbrünstigerer, Andacht lesen, als ich, roenn es der Vor-. sehung gefällt, mich in mein Vaterland zurückzuführen und mich mit meiner theuren Frau aus dirfem furchtbaren Landc des Elends und der Plage zu befreien, auf dem die Hand Gottes noch I nmer lastet." In Jerusalem wollte , Montesiore einen Baugrund für ein Hospital kaufen. Er war der erste Eng-, länder, dem die Pforte erlaubte, in Pa lastina Grund und Boden zu erwerben , Als'er Hittihe Scheikh um den Preis deS Baugrundes sragte, sagte dieser: Du bist mein Freund, mein Bruder,, mein Augapfel, nimm den Grund in Besitz. Ich habe dieses Land als Erbschaft von meinen Vorfahren erhalten, ich würde eS ' keinem Menschen selbst nicht für Taufende von Pfunden überlassen,. Dir aber will i'sumfonst geben." Als die Sache : gänzlich in Ordnung gebracht war, sagte der Scheikh zu Montcsiores Secrctär: ! jr V?. ' .ns. i jc r:- evnT.L. a i-i .
pVsage, 19 nie 19, ccni vsir jyipjes,., er möge mir ein Andenken von tausendU Pfund Sterling geben." D!e BemÜ-lK hungen Montcsiores in dem bekannten f' ;r
Mortarajall" und in Vamastus finden ebenfalls eingehende Erwähnung in den Aufzeichnungen". , W? In Damaskus war es am tchwerzten die Karmelitermonche zur Entfernung "1! 5 llfci jener Gedenktafel zu bewegen, welche sie an der Front ihrer Kirche angebracht hatten und in welcher den Juden die Schuld, an der Ermorduzrg eines der MonKMujZ Geschrieben wurde. Als Montesiore nach London zurückkam, erzählte er seinen Freunden, daß auch in' der englischen Hauptstadt ein Täfelchen lange Ze:t feine Ruhe und seinen Schlaf gestört habe; das war die in Guildhall angebrachte Ta'el Judensteg. Auf fein Änfuchetr entfernte der Lordmar)or dieselbe und gab sie Montesiore zum Geschenk. Dieser überschickte die Tafel an das jüdische theologische Collegium in Namsgate. wo dieselbe als Erinnerung an die einstigcnTage der Unduldsamkeit aufbewahrt wird. Voll Lebendigkeit sind in den Tagebüchern die Tage des Aufenthaltes Monte nores in Bukarest geschildert, wo der Pöbel ihn im Hotel bedrohte, bis Mcntcsiore die Fenster aufriß und hinunter rief, wer etwas gegen ihn habe, möge nur heraufkommen.' Der Tumult ließ nun nach, und Montesior 1 fuhr , bald darauf im offenen Wagen unbehelligt durch die Stadt. ' 1 r;l; ,, , Viele- Gedanken sind nur , deshalb zollfrei weil sie Muster ohneMerthsindch, Armuth ist die einzige Last, die schwerer wird, je Mehr' daran WgjJlffiA
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