Indiana Tribüne, Volume 13, Number 205, Indianapolis, Marion County, 13 April 1890 — Page 6

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WWk???,i' :r,iBflÄrW"ll'!WS'"l"'flW H7I, 7,Umi 'iisi i.iwnii.i'Li..ii tmi&iJm&jLE!!m& Die Muttersprache. fi3 Bortrsz den LudwiA ZZulba ISctIiii. Der Gegen stand, von dem ich sprechen ? n t - i-i . . F cnu, ,11 einer ccr eroaoen ren unier anen Gegenständen Menschlicher Betrachtung, j Die Muttersprache, d. h. oe Sprache unserer Mutter, die Sprache unsercS mütterlichen Landes und Volkes, die geheiligte AuSdruckSsorm unseres ganzen Geisteslebens vom ersten StLmmeln Nndlichen Wollcns biZ zum letzten Worte männlich reifer Gedanken, das Saitenspiel unserer Liebe und der Donner unfereö Zorns, die. Leier. unserer Dichter und die Glocken unserer Weisen, die Laut klänge, mit, denen unsere Ahnen das Leben begrüßt und von ihm Abschied .genLinkuen haben, die mt von ihnen ererbt haben, um sie den Enkeln zu hinterlassen. Ein uraltes kostbares Vermächtnis dem sede Generation neu erworbene Schätze hinzusügt, eine Quelle unabsehbarer Freuden -für den Glücklichen .und eiü Zxo welcher. dem Elendesten .bewahrt bleibt, ein Besitz, der die Menschen von. den Thieren unterscheidet und sie den Götlern ähnlich macht. Aber es geht auch damit, roie mit an--deren ererbten oder mühelos errungenen Gütern. Wir halten sie für selbstverstündlich und wissen ihren Werth nicht zu würdigen. Wir freuen uns ihrer nicht mehr, als der täglich wiederkehrenden Senne, als der uns umgebenden Lust. Weil wir uns ein Dasein ohne Luft und Licht nicht zu denken vermögen, eben deshalb denken wir so selten daran, was sie uns bedeuten. Wir sind undankbar gerade gegen die allergrößten Wohlthaten, weN ihr Genuß uns niemals bedroht erscheint. Wir nehmen sie hin mit noch geringerer Bewegung, als der Gläubiger die fällige Schuld einstreicht, und wir begeistern uns vielleicht im ganzen Leben nicht ein einziges Mal für Dinge, deren Verlust uns namenlos unglüSlich machen würde. Ein Leben ohae Sprache ! Wer vermag diesen Geoanken ruinj zu fassen, und wen macht er nicht schaudern, wenn tx ihn zu Ende denkt ? Man nehme die Sprache fort, und die ganze menschliche Cultur mit ihren tausend Segnungen, ihren tausend Errungenschaften ist mit einem Male vertilgt und ausgelöscht. Alle Ersindungen, alle Einrichtungen und Vor theile des öffentlichen und Hauslichcn Lebens konnten fortbestehen und wären dennoch cntwerthet und zwecklos, denn sie alle sind nur möglich durch tv Zusammenwirken, und es giebt kein Zujammenwirken ohne Verständigung. Wir konnten uns nicht mehr verständigen, und wir könnten nicht mehr lernen. Es gebe kein Mittel mehr, die Gedanken Anderer in uns aufzunehmen ; ja, es gebe überhaupt keine Gedanken mehr. Man kann emxfmden ohne Worte; aber ein Denken ohne Worte ist unmöglich, weil das Wort überhaupt erst Begriffe abgrenzt und das ChaoS unserer Sinneseindrücke schöpferisch ordnet. Wer nicht zu denken vermag, der vermag auch nicht vorauszudenken ; für den giebt es keine Zukunft. Und noch weniger hätten wir ohne Sprache eine Ahnung von der Vernangenheit. Alles, was vor uns war, alles, was wir Geschichte nennen im roeitesten Sinn, alles Groize und Herrliche, was unperbllch durch die JahrHunderte geht, aller geistige Besitz, den zahllose Generationen für uns aufgehäuft haben, würde für uns nicht bestehen, denn es wäre unmöglich, Etwas davon zu erfahren. Wir wären ganz und gar auf ein Augenblicksleben ringewiesen, auf eine dumpfe Gegenwart, wie das Thier. Ja, wir würden sogar unttx die höhere Thierwelt hinabsinken. Denn auch diese besitzt eine Art vor. Sprache, Laute, durch welche sie zwar nicht Gedanken, aber doch Empsindungen .. '.c. jvn'ii. njr. . uszusruüen weit", ein svtinti, jiaj mi ihresgleichen zu verständigen. Wir kennen Volksstämme, die nach ihrer Jntclligenz und Cultur nur sehr wenig von seiner organisirtcn Thieren unterscheiden ; aber einen VolkSstamm ohne Sprache kennen wir nicht. Und so darf man beHäupten: Es ist die Sprache ganz ausschließlich die Sprache, welche den Menschen zum Menschen erhebt und die Entwicklung der Menschheit crmöglicht. Unter der Sprache im natürlichen Sinn ist was kaum betont werden braucht immer die Muttersprache zu rerstchen. Der Naturmeiksch ist einsprachig. Er weiß nichts von fremden Sprachen, und wenn er etwas davon Weih, besitzt er weder das Interesse noch die Fähigkeit, sie zu erlernen. Erst auf eine? sehr hohen Stufe der Cultur stellt sich das Bödürsmß zum' Studium fremder Sprachen ein. Dies Bedürfniß ?st entweder ein praktisches, insofern es dem gesteigerten Weltverkehr .entspringt, oder ein wissenschaftliches, insofern es der ethnologischen, literarischen und linguich i jk it! tf k -f i j V 4 l a f Ä j m jitiujia jiiuiui yicm. viuiiiUi! nun ist dies Bedürfniß ein natlrllcheS. Was .uns die Muttersprache ist, ckann -eine fremde Sprache imö niemals sein, und noch wenig kann sie dieselbe ersetzen. Ttif ?stt5kknnt".H nr.n Wtritr sirth N i. ""r" r j UU , .-4 Ka i Vt 00 Ui fc. hfe WVU V IV 4 Wy. II rV k scheu, welche schon i frühem Kindesalts aus einem Sprachbereich in emen anderm rersetzt Morden imo, werden unter .dieser Umpflanzung nicht zu leidenchaben . nr- . j. r-"i.- rv.. - v . er vec ir ifmcicv a3uücuü gar in reisen 5va5?resausandert. wr den kenn das Jüiom sewer neuen Heit Jri'i!r-...t-f- x IHflig yscynen, eine vtcituuuctifiBoc werdend Und dcese wird -die wahre Muttersprache in ebenso seltenn Fällen arz rrseenwke die Stiefmutter die natkrliche Mutter. Rech ueit .selten kommeS vor, dazi Jemand zr-ei verschobene Sprachen mit gleiche? Sicherheit beherrscht m beiden gleich mübelcs denkt, ipricht und schreibt. Dazu gehört eine ganz außergewöhnliche Begabung, ein Sprachgenie, wie eö alle hundert Jahre einmal vorkomuU. So irr man z. V. vott Alerandcr vöHuWi,boldt, daß er des Deutschen und Franzsischm in demselben Ersde mächtig war. Viele Andere jedoch sind einem solche Beispiele nicht unZesicast gefolgt ; deuu sie verloren über der vollendeten BeHerrschung der fremden Sprache die Sicherheit in ihrer eigenen. Von dleserGefahr legt ein großer deutscher Dichter unfreiVilliges Zeugniß ab; einDichter, den die Zustande deö Vaterlandes in dem sranzösljchm Enl festhielten. Heinrich Heines

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25C2 spätere Schristen wimmeln von GaUicis' men. Ganz zu geschweige von jenen glücklicherweise der Vergangenheit anehörenden Professoren, welche ein cla,si' schcs Latein schrieben, daß ihr Deutsch ein schauderhaftes Kauderwelsch war. Ich wiederhole also: Es ist fast möglich, zwei oder gar mehrere Sprachen gleichmäßig zu beherrschen. Wenn ich von Sprachbeherrschung rede, meine ich allerdings nicht die vielsprachigkeit der5ttllner, also die Geläusiakeit einiaer Phrasen, die man.zur Noth auch talentvollen Papaaeien beibrinaen könnte. Und ebensowenig meine ich das leichte Gevlauder des Weltmanns, der in verschiedenen Zungen einer Dame etwas Verbindliches zu sagen weiß. Conversation machen, !)eißt noch, nicht sprechen. Ich habe ausgeführt, daß ein Leben ohne Sprache unmöglich ist. Ich kann nun hinzufügen: Auch ein Leben ohne Muttersprache ist unmöglich, wenigstens ein, geistiges Leben. ES sind ja nicht nur andere Laute, welche die fremde Sprache aus aufdrängt, sondern mich eine ganz andere 5kultur. Von dem Augenblick an, wo wir die ersten kindlichenWorte lallen, saugen wir mit allen Poren nicht nur die Sprache, sondern auch die Bildung unseres Vaterlandes ein. Das Wiegenlied, mit dem uns die Amme in den Schlaf singt, der Kindcrrcim, den sie uns so lange vorspricht, bis wir ihn nachstammeln, die Gebetsprüchlein, die uns die Mutter lehrt, die ersten Märchen, mit denen sie unsere eben erwachende Einbildungskrast sättigt, die Fibeln und Bilderbücher, welche unsere frühesten literarischen Eindrücke hervorrufen dasAlles ist nicht Gemeingut der Menschheit, das ist das Vermächtniß unserer Heimath und unseres Volkes, das ist geschöpft aus dem großen Nationalschah der vaterländischen Bildung. Und so führt jeder Schritt, den wlr vorwärts gehen auf dem Weg.e geistiger Entwicklung tieser hinein in da3 Ällerheiligste nationaler Cultur. Das erste Lesestück, das wir mühsam zusammenbuchstabiren, das erste Gedicht, das wir auswendig lernen, das erjte Theaterspiel, dem mir mit staunender Seele wie einem lebendig gewordenen Märchen folgen, daS sind Alles die Werke unserer heimathlichen Dichter. An ihren Feucrworten begeistert sich die jugendliche Seele zum ersten Mal; die Wundcrwelt ihrer Gestalten laßt das Kinderhcrz das große Mysterimn vorausahnen und vorausgenießen, welches wir Leben nennen. So bringt uns in langen Lehrjahren jeder neue Tag eine neue Gabe aus der tausendjährigen Werkstatt unseres Volkes. Die heimathliche Kunst, die heimathliche Wissenschaft, die Geschichte der heimathlichen Vergangenheit, dringen mit den Lauten der Muttersprache an unser Ohr und in nnser Herz. Und wenn endlich die Lehrjahre vorüber sind, dann mögen uns die Wanderjahre immer hlnauSsuhren bis an s Ende der Welt, wir bleiben doch mit allem inneren Besitz an die Heimath festgekeilet. Die Muttersprache ist daS mächtige, unzerreißbare Band, mit welchem sie uns umschlingt, an welchem sie unS zurückzieht. Rauhe Männer, die auf vorgeschobenem Posten ferner Ländcr ihr Gluck gesucht haben, brechen in Thränen des Httmwehs aus. wenn sie nach Jahren den geliebten Klang wieder vernehmen. Feindliche Streiter versöhnen sich, wenn der Zauberlant ihnen offenbart, daß sie Brüser sind und Söhne derselben Erde. Und dies vereinigende Band wirkt auch in der Heimath selbst mit unwiderftchlicher Gewalt. Die Mutter, spräche ist der Fels der Einheit, andem alle rohe Macht und alle Staatskunst schließlich scheitern muß. In heißen unermüölichen Kämpfen ringen die geschicdenen Kinder derselben Sprache nach dem Ziel, eine Nation. Wenn im Mittel -alttr die Völker um ihre Ns!ii;ion striiten, heute streiten sie fast mit demselben FznatisknuZ um ihre Sprache. Denn neben gemeinsamem Glauben gibt es feine Kette in der Welt, die so stark ist, wie gemeinsame Sprache und gemeinsame Bildung. Nach alledcm sollte man gle.uben, eö müßte das vornehmste Streben und der edelste Berns jedes Menschen sein, oder doch jedes gebildeten Menschen, die beste Kraft seines Fleißes der Muttersprache zu widmen, mit ihr täglich vertrauter zu werden, ihr täglich mehr in daS Herz zu schauen. Man sollte glauben, daß auch der Staat als der höchste Wächter des tttionalctt Gutes nicht genug thun rSnnte, um die vaterländische Sprache zu pstegeu, ihr Studium zu fördern und sie zum" wichtigsten Gegenstand der Volkserzkehung zn erheben. Aber dem ist leivcr nicht so. Die spralkche Ausbildnng, k man uns in den Schulen engebethen läßt, steht noch keineswegs auf der Höhe ikrer Ausgabe, und darüber hinaus geschieht nur sehr etwas von jenen Verernzelten. wrlche sich auch ohne die Zuchtrntye dcS Schulmeisters noch ein Lernen denken können, welche über ihren segc nannten Beruf nicht ihren eigentlichen und natürlichen Beruf vergessen, den Beruf, Menjch zu sein. Und wenn ich tt die Frage auswerfe : Wer kennt seine Mutlersorache! Dann wird das lau) läufige Unheil schnell bereit sein n:it der Antwort:. Jedermann! Die richtige Antwort aber lautet: sehr, sehr Wenige, genau genomnien, Niemand! "Daß diese Antwort die richtige ist, will ich versuchen, zu beweisen. Denn uf Nichts so gut. wie auf die Sprache läßt sich das liessinnige Goethe'sche Wort anwenden:' Was dn ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen! Wir muffen zunächst ganz im Allgemeinen feststellen, was cö heißt: seine Sprache kenn.?, oder genauer, feine Sprache beherrschen. Nut selten macht mit cs sich gWz klar, da eß zwei sehr Verschiedene Arte der Sprach beherrsch ung göt. eine pasäve und eine aktive. 'Die meisten Menschen sind überzeugt, eine Sprache, dsnn zu kennen, wenn sie sie Verstehen, d. h. wenn sie kein Wort derselben hören oder lesen, dessen Sinn ihnen verborgen bliebe. Dies jedoch iit nur die xassi?e Sprschbeherrfchnng; die aktive, welche bei Weitem schwieriger ist,' verlangt nicht atleiy, daß wir alle Worte verstehen, fondern daß sie uns auch geläusig sind, daß wir sie gegenwärtig haben, rsen:i wir sie brauchen, daß sie uns auf der Zunge liegen und in die Feder fließen, mit einem Wort, daß sie auf

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unserem Sprachrepertoire stehen. Unser Sprachrepertoire, unser lebendiger Besitz an Worten, ist fast immer nur ein kleincr BrnÄtheil unseres Sprachoerständnisies. Am deutlichsten wird sich diese Thalsüchc uns vergegenwärtigen, wenn wir an unsere Erfahrungen bei der Erlcrnung und Anwendung einer sremden Sprache uns erinnern. Wir werden vcrhaltuißmäßig leicht da.zu gelangen, dieselbe, wenn sie gesprochen wird, zu verstehen, oder sie zu lesen; dagegen wird cs uns unendlich viel schwerer fallen. sie selbst zu sprechen oder gar zu 'chreiben. In jedem Satz werden mir irgend eine Lokabel brauchen, die wir zwar passiv kennen, aber aktiv nicht besitzen. Derselbe Ausdruck, den wir vielleicht schon hundertmal gehört und gelesen haben, will uns um Alles in der Welt nicht einfallen. Und das ist durchaus kein Zufall, auch nicht eine momentane Gedachtuißschwäche. ' Dieser Ausdruck steht eben nicht auf unf?rcm Sprachrepertoire; wir kennen ihn nur ss weit, wie der Schauspiel er eine Rolle iu einem Stücke kennt, das er mehrmals gelesen, aber nicht studirt hat. Er weiß es sehr wohl, um was es sich handelt, wenn man davon spricht; er beherrscht die Rolle passiv, aber nicht aktiv; sie steht nicht auf seinem Repertoire, und er kann sie nicht spielen. Dasselbe Verhältniß, welches ttnS also bei dem Studium der fremden Sprache ganz selbstverständlich vorkommt, gilt auch vo der Muttersprache, nur daß "eS hier nicht fo klar in unser Bewußtsein tritt. Machen wir einmal die Probe! Lesen wir eine Seite in irgend einem deutschen Buch oder auch nur einem Zeitungsartikel daraufhin durch .! , uno s ragen wir uns ver leocni cin$ciin Wort: Habe ich wohl, so lange ich lebe, dieses Wort schon gesprochen oder geschrieben? Ware dies Wort mir eingefallen, wenn ich denselben Gedanken hätte ansdrückcn wollen?" Bei vielen Worten wird die Antwort bejahend ausfallen und bei manchen verneinend. Wenn wir nun gar einen sprachgewalti: gen Dichter lesen, dann werden wir ir noch viel augenfälligerer Weise unser eigene Spracharmuth gewahr. Und sollte auch dieser unö noch nicht ganz überzeugt haben von unserer Unzulänglich keit, dann brauchen wir nur das großartige W rk aufzuschlagen, welches sich die Aufgabe gestellt hat, den gefammten deutschen Sprachschatz mit mistenschaftlich.'r Vollständigkeit zu sammeln und zu ordnen: das den! che ULorter buch der Gebrüder Grimm. Vor fünfunddreißig Jahren ist der erste Band des Werkes erichrenen; dre aroen Gelchr ten. die es begründeten, sind über der Arbeit gestorben, und rüstige Nachfolger schaffen noch heute mit unablässigem Fleiß an der Vollendung dieses NationaldenkmalS. Ais letzt sind acht Nlezcnbände davon vorhanden, und sünf oder sechs werden noch nokhtg jern, bis daS Gam.e unter Dach gekommen ist. Gerade die gelehrten Forscher, welche an der Arbeit sind, geben sich am wenigsten der Illusion hin, als lväre selbst diese gigantische Wortcrsammlung lückenlos. Ergänzungen und Nachtröge werden fortwährend hinzukommen und weitere Bande füllen. Hier sinden wir.fast auf jeder Seite nicht allein Worte, die wir nicht besitzen, sondern sogar solche, die wir nicht verstehen, die wir nie gehört haben. Wir können uns aber einigermaßen trösten in dem Gedanken, daß cs niemals einen Menschen gegeben hat und niemals einen geben wird, der diesen gesammten.von den Vätern überkommenen Schatz in der kurzen Frist eines Lebens erwarben könnte, um ihn zu besitzen. Nimmt man also die Frage: wer bcherrscht seine Muttersprache? in, idealsten Sinn.dann darf man solchem unerschöxslichen Reichthum gegenüber mit ruhigem Gewissen antworten: Niemand! Das Jöeal der Sprachbeherrschung ist unerreichbar, wie jedes Ideal. Aber deshalb ist sein Werth nicht minder groß ; deshalb sind wir nicht ininder verpflichtet, ihm mit allen Kräften nachzustreben. Ein unzugängliches Ziel kann häufig der Wegweiser sein sür einen gangbaren Weg. Wer nach Norden will, der folgt a:n sichersten dem Polarstern, und wer unablässig der Sonne zustrebt, der kommt wenigstens um die Erde herum. Die Vollkommenheit ist in allen mensch-, lichen Dingen ausgeschlossen; aber es gil t ser scrichiedene Slusen der Annäherung, und nur nm diese handelt eS sich auch in unserem Falle. Je größer unser Wortjchatz, je reicher unzere Kenntmy der Muttersprache wird, desto klarer und vielseitiger unsere Anschauung der Welt. Denn jedes neue Wort ist ja zugleich die geprägte Form eines neuen Begriffes. Während die Spracharmuth sich begnügen muß. ihr Dekiken in den Formen blaffer Allgemeinheit zn halten und gleichsam um die Sache herum zu sprechen, trifft die Sprachbeherrschung den Nagel aus den Kopf und findet jedesmal, wie ein schlagender Ausdruck sagt, das erlösende Wort. Hausig liegt es nur am rechten Worte, damit eine dunkle Empsinduna, ein verworrenes Gefähl sich im hellsten Son? nenlichte des Gedankens kläre. Das ist die Wohlthat, die Denker und Dichter uns so oft erweisen; - daS ist die Wohlthat, die wir uns selbst erweisen könnten, wenn wir uns erziehen wollten in unserer Muttersprache. , Bildung kann doch nichts Anders bedeuten, als unser Dasein icht im wachen Traum. , sondern im sonnigen Bewußtsein zu verbringen, uns Rechenschaft abnilegen von der bunten Welt, in deren Mitte wir gestellt sind, und allen Erscheinungen den Namen zu l geben, an dem wir sie erkennen. Und deshalb im) wir ni;t jeder Berncherung unseres Sprachschatzes gebildeter g'worden. Iu, England ist ?r Kurzem eine statistische Ausstellung gemacht worden, der Zufolge ein englischer Kohlenarbeitkr in seinem ganzen jZeben mit 2000 Worten vollständig auskommt, während Shakespeare in seinen Werken über den königlichen Ncichthnm, von 10,00 verfügt., Wer die Zeit dazn aufbringen konnte, um in Deutschland ähnliche Be rechnungen vorzunehmen, der würde ohne Zmeisel zuaanz analogen .Ergebnissen gelangen. Ein deutscher Arbeiter oder Bauer, hat ebenfalls nur über ein paar hundert Werte zu gebieten, während der Sprachschatz Goethes denjenigen Shake?

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speare sicher noch übertrifft. Zwischen diesen beiden äußersten Enden liegen ." r . . .... .TCT!a. ?ll . nuiurgemun. nocy ganz uiij w stusungen. Ich glaube jedoch, daß es geboten ist, vier hauptsächliche Grade in der Aeherrichunq der WMtierzpracyk an- . V 7 t "t r. . X .. Sv ..fr. zuneymen, uno meze vrcr vymvc ivuut wir in Kürze der Reihe nach betrachten. Auf der niedrigsten Stufe jteht, der Ungebildete, der beklagenswerthe Mensch, dem die harte Hand der Nothwendigkeit das Thor verrieaelt hat, durch welches man eingeht zum Paradiese des Wissens. . , . . ..4. .lJLia Er hat nichts lernen können und nichts lernen dürfen, als was eben jene Nothcuendigkeit von ihm erheifcht. Der ganze Inhalt seines Lebens ist bestimmt durch den Zwang, sich und die Seinigen zu erhalten. Für ihn bleibt die Sprache in recht trübem Sinne ewig die Mutterspräche; denn vielmehr, als die Mutter ihm beigebracht, wird er nie davon ersah, ren. Und feine Mutter redete nicht wie die Gebildeten, sendern wie das Volk. Deshalb ist trotz des Elementarunterrichts die gebildete Sprache sür ihn ja st ein fremdes Idiom, das er nur mühsam und fehlerhaft schreibt, das er schwer verstehen und ganz und gar nicht sprechen kann. Durch diese Bildungsklust wird Anglücklicherweise die eine und einzige Muttersprache in zwei Theile gerisien: in die Schriftsprache und die Volksspräche. Der Mann des Volkes redet im Dialekt, und schon deshalb steht er der ganzen auf litterarischer Grundlage aufgerichteten Kultur kalt und fremd ge genüb?r. Dieser Zwiespalt ist aber sei ,mswegs natürlich, sondern entsteht erst alö eines der nothwendigen Uebel, welche die fortschreitende Civilisation im GeMae hat. Ein Naturvolk besitzt keine Schriftsprache ; diese entwickelt sich, wie das Wort besagt, aus ver WchNst, aus der Litteratur. Und zwar läßt sich ihr Urspruna jedesmal darauf zurückführen, .daß ein bestimmter, bevorzugter Dialekt Äbe? alle anderen Dialekte den Sieg da!vonträgt und die Herrschast ergreift. In Italien sowohl wie in Deutschland ist dieser Sie durch ein einziges machtvoll wirkendes litterarisches Werk entschieden worden: in Italien durch Dantes Gott .liche Komödie", in Demschland durch Luthers Bibelübersetzung. Dante erhob den tcskanljchcn Dialekt zur rtallemzchen 'Schriftsprache, Luther der Hauptfache inach den thüringischen zur deutschen Schnstsprache. Vor Luther chneb se Ziemlich jeder Deutsche, auch jeder, der dichterrich thätig war, den Dialekt seine? -Hcimath. Nach ihm jeder das neu ent'standene Hochdeutsch, und nur das Volkslud blieb der Muttersprache treu. Trotzdem nun die Schriftsprache im Laus der Jahrhunderte ein immer groLe res Ansehen und eine immer ausschließli chere Herrschaft gewann, blühten die Volksdialekte neben und unter ihr fort, und cs ist keine Gefahr, daß sie jemals aussterben werden. Häusig begegne! man bei solchen Leuten, welche auf ihr bischen Hochdeutsch übertrieben stolz sind, cf r e .i - ver Linzuzauung, ais yalre oie Vcurli.l! spräche das richtige Deutsch und der Dialekt, daS falsche oder verderbte. Diest Anschauung ist im höchsten Grade irrig. Denn das Urfprünglichc kann niemals das Verderbte sein. Ja, im Gegentheil: in sehr vielen Fallen, wo Schriftsprache und Volkssprache von einander abwei6)en, tjt daö Recht auf Settcder letzteren, hat sie die altere und reinere Form be wahrt. Sie hält mit treuer Zähigkeit an Löorlbtegungen, Ausdrucken uns Wendungen fest, welche die künstlich ab geschlissene und abgegrenzte Schristsprach entweder von sich ausaeschlosscn oder ver loren hat. - Der Lolksdialett schöpft aus der Quelle selbst, wahrend der Herrfchcnde Litcraturdialekt nur noch aus der Wasserleitung schöpfen kann. In unserem Jahrhundert haben Gelehrte uno Dichter dies im,ner deutlicher einsehen gelernt und haben ferner jedem BildungSdünkel die Volkssprache studirt und die "Schriftsprache aus ihr zu bereichern gesucht. Aber damit nicht genug, der Dialekt ist selbst wieder zur Schriftspräche erhoben worden durch die DialektPoesie. Nicht aLein in Deutschland.aüch in allen anderen Cultmländern hat eine nach Lebendigkeit und Wahrheit ringende Kunst das Leben des Volkes auch in der Sprache des Volkes wiederzu spiegeln gestrebt. Es giebt jetzt wohl keinen einzigen deutschen Volködialekl mehr, welcher nicht von Neuem literaturfähig geworden wäre. Die zwei großen Klassiker der Dialektdichtung. Johann Peter Hebel der Alemanne, und Fritz Reuter der Plattdeutsche, haben unzählige Jünger und Nachfolger gefunden. Ja, derbayrifche Dialekt hat sogar mit unerwartete Glück die deutsche Buhne erobert. Welch' ein Aufwand im 15. Jahrhundert gemacht wurde, mag aus Folgendem erhellen. Im Jahre 1473 kam Kaiser Friedrich III. mit dem stolzen Herzoge Karl vo,r Burgund in Trier zusammen. Der Kaiser kam von 2SV0 Mann begleitet. Herzog Karl so erzählt der Ehrenspiegel kam mit 3000 wohlgeputzten Kürassiere, 5000 Reisigen und C000 Schätzen zu Fuß. in Sammet. Damast und Seide, mit Edelsteinen. Gold, Silber und Perlen. Cr selbst trug über dem vergoldeten Kuraß ein köstliches Mäntlein von klarem gezogenen Golde, welches mit Diamanten, Rubinen und Smaragden besetzt war und das auf 20U,0v0 Dukaten geschätzt wurde. Die Rosse warm mit durchsichs tigen Goldtüchern behängen, an diesen befände,! sich ebenfalls wcrthvolle Glöckchen und Steine. Kaiser Friedrich trug ein l'lbernes Kreuz mit gar köstlicheu Steinen, wie sie noch niemals vereint getragen worden, ihr Werth wurde dem eines Fürflenthumö gleich erachtet. Der tägliche Aufwand für die Tafel des HerzogS wurde auf 800 G.nlden berechnet. Am Wahltag. Xantippe : ,Sehen Sie nur, Herr Schwager. wie oergnügt heute mein Mann ist!? Schwager: Wundert Sie das. Frau Schwägerin heute am Wahltag?! Der gute Mensch freut sich, auch einmaf 'ine Stimme zu haben!" , "' ; G tt MMtlU Junger Arzt: Sie kennen wohl diese Gegend -glauben Sie. daH sich hier ein jünger Arzt niederlassen-, kann ?5 Bauer: Niederlassen kann er sich schon, aber aufkommen lassen ihn die andern zwe) net!"

gaSECTg Aus dem Todtenhauö Sibirien. Dostoiewski's Meinoiren aus einem Todtenhaus erschienen gerade rechtzeitig in deutscher Übersetzung, um die Schilderungen über die entsetzliche Behandlung -.viiif r. t.r t. .n .-j. . poimjt8$x csangenen, raercge jungsr aus Sibirien zu uns drangen, zu vervollständigen. Dostojewski hat bekanntlich felber als Verbannter in Sibirien gelebt und seine Beschreibung des Lebens im Ostroa" ist jedenfalls treu ; wir wollen einige Blätter daraus wiedergeben. Etwa 200 Sträflinge lebten in den drei engen niedrigen Kasernen des Ostrog. Diese wurden zweimal im Jahre wie eine Viehhecrde zum Bade aetrieben. Als wir die Thüre zum Bade össneten so schreibt der ruistjche Äeaturalrst wörtlich dachte ich, wir träten in die Hölle. Man stelle nch einen Raum von zwölf Schritt Länge und gleicher Breite vor, in welchem vielleicht an hundert Menfchm zusamlnengepfercht sind oder doch wenig-1 .""i . r" . c l n . t liens aazrz'g, oa ore Ärreanicn rn ore beiden Abtheilungen getrennt, wir aber im Ganzen an zweihundert Mann ins Bad ruarfchirt waren. Ein Dampf, der die Blicke umnebelte, ein Qualm und Schmutz, eine Enge, die fo groß war, daß man den Fuß nicht zu setzen wußte, herrschten hier. Ich erschrak und wollte zurück, aber Petrosf ermuthigte mich sogleich. Mit größter Anstrengung drängten wir uns bis zu den Bänken zwischen den Köpfen der auf dem Boden sitzenden Menschen hindurch, die wir gebeten hatten, sich zu krümmen, damit es uns möglich werde, durchzukommen. Aber die Plätze auf den Bänken waren alle befetzt. Petroff erklärte mir, daß man einen solchen Platz sausen müsse, und begann sogleich mit einem der Sträflinge zu feilschen, die sich an dem kleinen Fenster einquartiert hatten. Für eine Kopeke überließ uns Einer seinen Platz und empsing sofort von Petrosf das Geld, welches dieser schon in der Faust vorsorglich mit rn's Bad genommen hatte, worauf der Mann unrer die Bank huschte, gerade unter meinen Platz, wo eS dunkel und schmutzig war und eine klebrige Flüssigkeit fast einen halben Finger dick überall hittunterfloß. Aber auch die Plätze unter den Bänken waren sämmtlich befetzt; auch dort war die Besucherschaft zusammengepreßt. Auf dem ganzen Boden -war kein Oertchen, auch nur eine Hand breit srei.wo nicht zusammengekrümmte Sträflinae gesessen hätten, die sich aus ihren Schaiken besprengten. Andere standen aufrecht dazwischen und hielten ihre Schaiken in der Hand, sich im Stehen walchcnd; das jchmutztge Wajser slon von ihnen herab gerade aus die geschore nen Köpfe der unten Sitzenden. Auf der Schwltzvank uud auf allen Wcauer absätzen, die zu derselben führten, saßen Menichcn zusammengedruckt und gepreßt. die sich wufchen. Wohl fünfzig Badebesen hoben sich auf der Schwitzbank und sielen rm Takte nieder, man schlug sich c ..rf .f!..'l 019 zur ennnungsroiigreir. Von Zeit zu Zeit wurde Dampf gegeben, aber das war nicht mehr Dampr, sondern ein höllischer Odem. Alles brüllte und schnatterte durcheinander beim Klirren von hundert Ketten, die auf dem Boden hennngezerrt wurden. Eitrige, die durchzupassircn suchten, verwickelten sich in fremde Ztetten und stießen dadnrch auf die Köpfe der unten Sitzenden, sielen, schimpften und zerrten die Gestoßenen mit sich. Der Schmutz floß überall, alles bcsaud sich wie in einem Rausche, einer gewissen inneren Aufrcgung. Die geschorenen Köpfe und die vom Dampf gerothetenKorper der Straflinge erschienen jetzt noch ungeheuersicher, als sonst. Auf den vom heißen Bade angequollenen Rücke traten jetzt scharf die Narben hervor, die von früher erhaltenen Stockhreben und pleßruthen entstanden waren, fo daß jetzt diese Rücken wie aus's Neue wund erschienen. Und waS für furchtbare Narben waren das ! Mir v es kalt über den Nucken, als ich sie fah. ..." Als Gegenstück mag die Schilderung einer Theatervorstellung dienen, welche die Sträflinge veranstalteten. Wie?! wird der Leser fragen. Eine TheaterVorstellung?! In Sibirien?! Im Ostrog?! Jawohl eine Theatervorstellang Sie wurde am Weihnachtstage abgehalten und gestattete ihre Veranstaltung den Sträflingen unter der Vedlttgung, daß sie sich in dieser Woche, in welcher die Disciplin etwas locker gehandhabt wurde, anständig aufführten. Sie gaben ihr Wort darauf, waren stolz, daß man ihnen die Ehre schenkte, an ihr Wort zu glauben, und hielten darauf, es anständig einzulösen. Ein wahres Fieber hatte sich des ganzen Ostrog bei den Vorbereitungen zü dieser Vorstellung be mächtigt, welche auch von den Borgefetzten 'der Sträflinge und vielen Äetuchern aus der Stadt der Theilnahme gewürdigt wurde, denn es gar hi der Stadt kein Theater und die Sträflinge galten als vorzügliche Schauspieler. Das waren sie auch, einige konnten sogar Künstler genannt werden, welche ihre Rollen brillant spielten. Petrosf, welcher, der Himmel weiß, wie viele Morde aus dem Gewissen hatte, war emcr der drolligsten Komiker. Naturlich war es eiue Cornrnedia del arte. Die Stücke waren nnr in großen Umrisjeu vorhanden und die Schauspieler in Ketten dichteten den Dialog aus dem Stegreif dazu. Sie stellten sogar ein Orchester zusammen, welches die sröhlichsten Tanzweism vorzüglich spielte. Einer der Güitarrensvieler, ein, Vatermorder, beljaldelte sein Instrument in geradezu virtroser ei'e. Die AufsühiuyS ' war " ein wahres Fest: Welcher selljame Widerschein kindlicher Freude, Feinen Vergnügens glänzte auf diesen Mrfe,Kzii,chneten Stirnen und Wattgen, in den Bllckeft dieser Leute, '.blr bis dahin huster und mürrisch gewelen in diesen Augen, die bisweilen in furch tbaf er Gluth 'all sfunkelteii !" ' - Mehrere Kavltel der Memoiren 'aus einem Todtenhause" sind den Prügelsnen. gewidmet, welche sich im Ostroa abäV!;.r l! !f"N'':i 4' 'W, ' r1 :i -.vj L spielten. Denn die Sträflinge, wurden für jedes Vergehen körperlich gezüchtigt, ' A.rll'';i"'i!:r-'it rir Vif ' ' Krvrii--erkuelten Stockhtebe und mußten Spteruthen läusen.,Wcan 'MitixWitinmu$ ,ir':i5ii!;ivi';i' ' w : , ':K-i'- ' it '''y.' - , ' '. send, zweltauzend, dreltrausend Htebe und noch mehr. Sie büßten die Strafe dann in mehreren Raten ab. Manche der

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ese Sträflinge ertrugen tausend bis fünfzehnhundert Stockhiebe auf einmal, von Rmhenhieben kaum die Halste. Wenn der Arzt erklärte, daß der Delinquent ohne Lebensgesahr .nicht mehr Hiebe er halten rönne, brachte man rhn mit dem zerfleischten Rücken in das Hospital, wo er gepflegt wurde.bis die Wunden heilten, um dann den Rest der Strafe applizirt zu erhalten. Viele starben an den barbauschen Strafen, Andere überstanden sie. Einer der Sträflinge aus der besonderen Abtheilung," ein getaufter Kalmück, ein seltsanrer, durchtriebener und furchtlozer, aber zugleich auch enr sehr gutmüthiger Men ich, erzählte, da er seine viertausend Streiche ausgehalten habe, und lachte und scherzte dabei, versicherte zugleich aber auch ernsthakt, da er diese viertausend Streiche jedenfalls nicht ausgehalten hätte, wenn er nicht von der ersten, zartesten Kindheit an unter der Peitsche aufgewachsen wäre, von wel cher die Narben aus tcnicm Rucken tm ganzes Leben lang nicht verschwanden. . . Man hat mich nur geprügelt," sagte er einst, sür Alles und Nichts, was'auch uorsallen mochte, gab eö fünfzehn Hlebe, seit dem Tage, da ich denken kann, und jeden Tag mehrere Male. ES schlug, wer nur immer wollte, so daß ich zuletzt schon völlig daran gewöhnt war...." Er tränmte sogar nur von Schlägen, hatte keine anderen Traume . Die hochgeehrte Obrigkeit ergötzte sich natürlich am Prügeln. Der Lieutenant Scherebjatnikosf z. B. freute sich des Knutens und Spießrutenlaufens leidenschaftlich, wenn' er zum Erecutor designirt worden war. Selbst die Sträflinge, die schon manches erfahren hatten, detrachteten ihn als Ungehener. Er ließ sich mit den Deliquenten stets in ein lentjeliges Gespräch ein und überredete sie, sich nicht an die Flintenkolben gebunden durch die grüne Gasse" schleifen zu lassen, sondern allein zu lausen. Der Sträfling lief nun aus voller Kraft, kam aber natürlich nicht weit ; die Stöcke fallen wie im Trommelwirbel, blitzschnell, mit'einem Schlage, auf ihn nieder und der Arme stürzt mit einem Schrei zusammen. Scherebjatnikosf, welcher wohl wußte, wie es koiirmen würde, schüttelt sich vor Lachen und läßt nun den Unglückseligen an die Flintenkolben binden. Der Lieutenant Swelakoff hat wieder einen anderen Spaß. Wenn er die Leute auf die Bank legen läßt, überredet er sie, das Aarernnser zu beten. Sie kennen den alten Witz ihres Henkers, aber sie .wagen cs nicht, ihm die Freude zu verderben. Sie beten also das Vaterunser. Bei der Stelle: und im Himmel" rust der Lieutenant laut: Halt!" Und dann zu den die Ruthe bereits hochhaltenden Soldaten: Geb's dem Lümmel!" Er bricht dabei rn ein unbändiges Gelächter ans. Es ist aber auch gar zu schön und er hat es selbst ausgedacht: Und im Himmel gieb's dem Lümmel!" und noch dazu im öZhythmus ! So behandelte man die Sträflinge in Sibirien vor drei Jahrzehnten und eute wie cs scheint noch schlimmer." Kritische Neisebriefe. (berliner TlAcba G orli tz. Eine richtige Grenzstadt: liegt an der Grenze von Böhmen, Sachsen und Schlesien ; an der Grenze von Flach- und Gebirgsland; an der Grenze der Mit-tcl-und Großstadt, und in seinen Bauwerken grenzen Mittelalter und Nenbci: aneinander. Das schmückende Beiwort Gartenstadt" trägt Görlitz zu Stecht, und wenn cs außerdem noch die preußische Pensionopolis genannt wird, so ist auch das in gewissem Maße noch richtig ; nur muß es heute, wo sür die preußischen Pensionäre die Verpflichtung aufgehört hat, ihr Ruhegehalt innerhalb der schwarzweißen Psähle zu verzehren, diesen Vorzug sofern cs einer ist mit dem lebhafteren Dresden und denr milseren Wiesbaden theilen. Nach Görliy ziehen heute besonders kleinere und sparsam veranlagte Pensionäre, sodann fruhere Gutsbesitzer. Apotheker, Kaufleute - der ruhebedürftige Mittelstand. , Man würde aber einen Fehlschuß thun, wenn man dieser Nuhestadt etwa geistige oder industrielle Regsamkeit absprechen wollte. Im Gegentheil, Gorlitz ist eine der geistig regsamsten und Wissenschaftlichst, veranlagten Städte unter hunderttausend Einwohnern. Das ganze Vereinswesm hat einen loissenschaftlichett Anstrich; von der GelehrtcnRepublik Obcrlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften", deren eigenes Haus eine Bibliothek von etwa 0.000 Bänden, sowie reiche Sammlungen aller Art enthält, ganz abgesehen,, nimmt hier die Naturjorschcnde Gesellschaft" rmt ihren mehr denn 500 Mitgliedern schon rein gesellschastlich den ersten Rang ein, und Juristen und Aerzte, Lehrer und Ossiriere, Mroßkauflcute und Kunsthanswerker gehören zu ihren Mitgliedern. Das ist eine Eigenart, die garnicht nach Schlesien aussieht, wie denn Gorlitz 'überhaupt, obschon mit seinen mehr als 60,l)00 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Schlesiens, von der schlesischcn Lebenslust und flotten Art wenig abbekommen bat. Hier riecht es förmlich nach Solidität und Ehrbarkeit, und am tollen Faschingsdienstag, den hier zu verleben ich das Vergnügen oder nchtiger die Ehre hatte, verlief Alles so fein säuberlich und ruhig, als ob Bußtag wäpe. Der einzige Erceß bestand im musikbegleiketen Ausschaut eigengebau ten Weines im Wiener Cafe am Postvlatz; Görlitzer Ausbruch" schlesischer Bergwein- verflucht und zugenäht" da ist die Trauerstimmung wohl erklärlich. ;! Aber.eS muß auch solche Weine und solche Fastnächte geben, und Görlitz hat andere Vorzüge genug, um auf den einer Lebestadt frohen Herzens verzichten zu können. Das Wachsthum und die Vcrschonerung der Stadt stehen fast beispiellos da:' beider Volkszählung im Jahre 1846 zählte Görlitz 10,000 Einwohner, und h eure da s ' V ierfa ch e, und wenn auch nicht eingetreten ist, : was Friedrich Wilhelm IV. bei seinem Besuche des nahen Basaltkegels die . Landeskrone" , nach einem sehr reichlichen Diner dem damals zum Oberbürgermeister ernannten hochverdienten Dcmiani als Wunsch und

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Hil j'j Tiföjfffg jftfrProphezeiung übermittelte, daß die Lattdeskrone" eines Tages der Mittelxunkt der Stadt Görlitz sein werde, so hat die rührige, prächtig ins Grüne gebettete Stadt ihre Glieder doch nach allen Seiten gereckt und an die originelle Altstadt eine gesunde und moderne Neustadt angeschlossen, die überall mit Ehren genannt wird. Der Wasserlauf der Neisse und das coupirte Terrain haben gesundheitlich und landschaftlich die Neustadt gefördert und die Anlage so reizender oisentlicher Parks' gestaltet, wie wenig Städte sie auf;uwzisen haben. Auch hat die Wissenschaftliche Vereinsthatigkeit hier reichen praktischen Nutzen gestiftet, und die Anlage und fortgesetzte Pflege des wunderbarezr Stadtparks steht im engsten SusamMcnhang mit den Bestrebungen der Naturforschenden Gesellschaft". Der werthvolle botanische Garten, ein Theil des öffentlichen Parks, verdankt seine Gedcutung zum größten Theil dem früheren Dircctor dcS Museums der genannten Gesellschaft, Peck, Ehrendoctor der IhiU versität Breslau und Glied einer durch t L r t -r o. uno ourcy voramzMN Kamille, en Schriftenaustausch, den die Oberlausitzi'sche Gesellschaft der Wissenschaften" mit gelehrten Corporationrn des ganzen Erdballs pflegt und die persönlichen Beziehungen der wirklichen und der' EhrenMitglieder zur Stadt fördern und heben das geistige Leben ganz ungewöhulich; populär -wissenschaftlich: Votträge in zahlreiche anderen Vereinen, sodann eine Reihe trefflicher Schulen uud Unterrichts anstaltm umgeben die Stadt mit der Gloriole der Witsenschaftlichkeit und veranlassen Zahlreiche, namentlich kindergesegnete Familien, hier ihre Zelte aufzufchlagen. Dazu kommt der Vorzug des billigen Lebens,. Eine rege Bautätigkeit halt Wohnungsnoth ferne, und wenn auch geklagt wird, daß die zahlreichen Spekulationsbauten der siebziger Jahre sich als richtige Schwindelhäufer mit endloser Reparaturbedürftig keit erweisen, so baut man dafür im letzten Lustrum um so solider. Auch das Stilgerechte, Gefällige, Anmut hkge kommt zu seinem Recht, und der Charakter der Gartenstadt wird, ws es irgend angeht, in den neuen Straßenzögen gewahrt. Um billig und doch gut zu leben, hat der praktische Görlihee das Konsum-VereinSwesen in geradezu gcnialer Weise ausgebildet, derart genial, daß die Detaillisten fast aller Branchen die zwei großen Konsunr-Vereine, von denen der eine kürzlich gar Aktiengesellschaft geworden ist und im größten Stile arbeitet, in Grund und Boden hinein verfluchen. Thatsächlich können Händler mit Lebens- und Gcnußmittetn oder Gegcr.ständen dcS Hausgebrauchs in Görlitz absolut nicht eristircn die Konsum-Vereine verschlingen All? 3. In Görlitz kaust man nicht nur Zucker und Kaffee, Brod und Gemüse, Fleisch und Wurst, sondern auch Staubbesen und Kucheugeschirr, Cigarren und Wein, Regenschirme und Briefpapier, Eorscts und Rcisedccken, Waschständer und Aktendeckel kurz Alles und Jedes im Eonsunwercin. Auch seine eigene ?luSschänke hat dieser Verein, so daß er sogar den Wirthen Eoncurrcnz macht; feine eigenen Einkäufer hat er. so daß Reii sende.besonderS der Lebens- und Genußmittelbranch, grundsätzlich nicht mehr nuch Görlitz gehen und dadurch wieder die Hoteliers sich geschädigt fühlen; mit i'h'.em Wort: die Eonsumvercine haben den ganzen Detailhandel der Stadt in Händen. Das mag für Geschästslcnte aller Art sehr bitter sein, abcr das große Publikum befindet sich wohl dabei, und das scheint mir die Hauptsache zu sein. Görlitz hat üörigenS auch Großhindel und bedeutende Jndustrieen, und wcnn sein Handel auch durch die Zollpolitik schwer gelitten, so ist der Waarenserkchr immer noch sehr erheblich. Sehr alt ist hier die Tuchinbustrie. Die Zeit licFt noch nicht sehr weit, da die türkische und die ilslicnische Aru:ee in Görlitzer Tuch gekleidet waren. Die Italiener haben sich aber neucstens durch Gründung ciacncr Fabriken vom Auslande unabhängig gemacht, und die Türken thaten, was jo türkischer Geschäftsbrauch, sie punkptcn, ohne ans Bezahlen zu denken. Vom letzten russisch - lürkischeu Kriege stehen noch mächtige nubeglichen Posten, und so lange die nicht bezahlt sind, hntcn sich natürlich die Gor.itzer. weiter zu liefern. So kann man um den schönen Posten eines kaiscrlich ottomanischcn ArMttliefrrattkn Um mm. Blühend ist zur Zeit die Fabrikation von Gloriaseide und ähnlichen Schirmstosfen und die Eisengießerei ; sehr beträchtlich die E i sen b a h nw a c; q o n - Fabrikation; besonders nach tem Ölten, nach Rumänien, Bulgarien und Rußland, wird das rollende Material aus Görlitz geliefert. Ein Görlitzer Original ist die Mu-schcl-Minna" auf dem Postplay. ein Zierbrunnen aus Bronzeguß. ein üppiges, eine wasserspendende Muschel über htm Haupt haltendes Weib als Hauptsizur. An diesem mit einem Aufwand von 150,000 Mark unter Beihilfe von Staat, Stadt. Vereinen und Puratlcuten kürzlich errichteten Kunstwerk üben die braven Görlitzer ihren Witz. Der Umstand, daß das Bassin ersinderisch ungeschickt angelegt ist, so daß beim Betrachten der Figur schon unterschiedlkche Ahnungslose in daS Wasserbecken siclm, und die etwas eigenartigen Prcpcrlionen des Bronzewcibcs erleichtern die Witzübnnz ungcmein. . . f Mt. . r.:. AJuia ciqcn un$iuxQimiiizn viii ihre Künste zeigen; im Sommer Wird dort die Operette kulnvirt. Die Bedeutung von Görlitz als Musikstadr, namentlich !s Heimstätte der großen Schlesischcn Mußkfeste", ist cta:t. m, i... I I 'nm , , "'' i , " " " ' Wie ei n e ! n d 1 sche H ntm g mittheilt, wird in'ber nächsten Zeit- ein mohamedamschcr Missionarnach England reisen um den Vntten die Vorzüglichkeit der Lehre MühamedsHarzulegm. Der Unjuman Ahbab von Bombay reranstaltet schon eine Sammlung zur BestreitnnA der Kosten dieser dtitji, Ob er mehr Erfolg erzielcnwird, als die eng lischm Missionare in Indien aufzuweije haben?

ich vom Theater cogelemmen. Mmi hat noch eine zweite Bühne, das neu erbaute und sehr hübsch außgestattete WilHelmtheater, in dem jetzt Spenal'ttStkN