Indiana Tribüne, Volume 13, Number 114, Indianapolis, Marion County, 12 January 1890 — Page 7
Der Seiltanz.
cn Tignor Taltarius. Die Entstehung der Kunst auf dem Skile im Equilidre allerhand Sachen auszuführen, läßt sich mit gutem Recht bis ins graue Alterthum zurückführen, bis Jahrtausende vor der Geburt Christi, Umi schon die alten Griechen belustigten sich bei den Festen, die zu Ehren des BacchuZ gefeiert wurden, mit geschlosseneu Füßen auf einen gefüllten Schlauch zuspringen und dann oben zu balancin. DieZ mix der Anfang der Seiltanzkunst, in welcher es die Griechen spater zur großen Fertigkeit brachten. Sie schwangen sich um daS Seil, wie ein Nad um seine Achse sich bewegt, glitten, auf dem Bauche liegend. Arme und Beine seitwärts streckend, pfeilgeschwind auf dem Seile hinab und machten allerhand sonstige KunstZtücke mit oder ohneAalancirstange, auf schlaffem oder straffem Seil. Unter den Völkern des Alterthums wurden die Knzckener (Bewohner von Ky;eken in Kleinasiens als sehr geschickte Echcenoöatcn angeführt. Der Alterthums forscher Spon hat, eine Medaille beschrieben, die zu Ehren des Caracalla geschlagen wurde und auf deren einer Seite der Kopf des Kaisers, aus der anderen Männer auf schrägem Seile dargestellt sind, welcher jener Archäolog für Seiltänzer hält. Dieses Volk", sagt er, trnd seine Nachbarn waren so geschickt im Springen und Tanzen, daß sie darin alle anderen Völker übertrafen und sich rühmten, sowohl die Erfinder wie auch die ersten Meister in dieser Kunst zu fein." Caracalla mußte also wohl an solchen Uebungen oUr enigstenS am Anblick derselben Gefallen finden, da ein Volk seines Reiches ihm zu Ehren eine Denknl?!lze mit dergleichen Sinnbildern ptägte. Ohne Zweifel wollten'die Kyzekener seinem Geschmack schmeicheln, indem sie ihm eine Probe von ihrer Fertigkeit gaben. Und in der That waren die Ltomer leidenschaftlich eingenommen für solche Belustigung, die sich bei ihnen feit der Errichtung der scenischen Spiele herschrieb und anfänglich in offenen Räumen, spater auf dem Theater stattfand. Die öiömer, die den Griechen immer an Anmuth und Leichtigkeit nachstanden, hatten von ihnen den Ausdruck chsenobntcs' entlehnt und bedienten sich desselben so lange, bis ein kühner Neuerungssüchtiger die Aenderung funanibuli vorschlug, was übrigens ganz dasselbe bedeutet. Der Seiltanz wurde ein Lieblingsvergnügen des ersten Volkes der Welt, welches ein solches Beispiel allen edleren und feineren Genüssen der Kunst und Wissenschaft vorzog. Man kennt das Mißgeschick des komischen Dichters Terenrius. Hecyra sollte gegeben werden, als sich das Gerücht verbreitete, 'daß Seiltänzer angekommen seien; sogleich liefen d:e Zuzchaucr schaarenwerse fort, denn sie zogen solche Gaukeleien einem Gemälde von Ebarakieren und Leidenfchastcn vor. Die Seiltänzer in dlom wachten ihre Künste auf hundertfach verschieden Weise, wie man an einer Reihe in Herkulanum aufgefundener Gemälde steht. Diese Bilder stellen Bacchanten, Satirtänze und andere Auftritte vor. Man steht Tänzer mit dem Thyrsns, dessen sie sich vielleicht als Ba'lancirstange bedienten ; dabei ist zu bemerken, daß alle diese Artisten lederne Kappen trugen, ohne Zweifel deshalb, um bei einem eventuellen Fall ihren Kopf zu schuhen. ES 'war der philosophische Kaiser Marcus AureliuS, der, nachdem er ein Kino hatte fallen sehen, Matratzen unter das Seil zu legen befahl. Späterhin spannte man Jcetze darunter aus, ritt Gebrauch, der, wie uns die lateinischen Autoren mittheilen, noch unter Diocletian bestand. Aber die Römer waren nicht zufrieden damit, Menschen ans das gespannte Seil steigen 'zu lassen; ste richteten sogar Thiere zu solchen Kunstleistungen ab. Unter Tiberius sah man bei den Spielen zu (zhren der Flora ein ganz besonderes Schauspiel: Elefanten gingen aus dem Seil ! Unter Nero ritt 'ein' N'tter auf einem Elefanten auf solch schwankendem Pfade entlang, ohne zu fallen. PliniuS erzahlt von Gladiatorenkämpfen, in welchen Elefanten erfchienen, die eine Menge Kunststücke machten, Schwerter in die Luft warfen und 'wieder singen, selbst wie Gladiatoren kämpften und den pyrehischen Tanz aufführten, auf dem Seile vor- und rückwärts gingen." All dicfe Erzählungen darf man selbstredend nicht wZrtlich nehmen. DaS Seil", aus welchem die Thiere gingen, wird ein yalbirter und mit Hanf umsponnener Baumstamm gewesen sein, wie sie noch heute dieKunstreiter benutzen, die ihre Pferde über daS Seil gehen lassen. E ist dies ein gar nicht so arg schwerer Dresslntric, und undankbar deshalb, weil das Publikum ein wirklich schwankendes Seil sehen will ; man gibt sich also auch keine Mühe mehr, die Pferde Blondin anzulernen", wendet vielmehr seine Aufmerksamkeit auf f sei nere Thiere, auf Katzen, Hunde, Tauben und Mäuse, deren Produktionen auf dem Seile ungleich amüsanter und lohnender sind. Nach Einführung des Christenthums lehnten sich die Kirchenväter gegen solch gesährlichcs Spiel auf. Die.Seiltänzer svannten ober auch ihre Seile bis zu einer unerhörten Höhe, indem man denselben eine schiefe Richtung gab. Man konnte sich darauf nur auf- und abwärts steigend bewegen", sagt der beilige Johann Chnzsostomus an einer Stelle, die Kt gelehrte Benediktiner Bernhard von Montfaucon in einer Uebersetzung anführt, wie uns wiederum der Franzose Guillanme Depping mittheilt ein unsicherer Blick, ein Versehen war hin reichend, daß der Seiltänzer ins Orchester stürzte." Die Sei! 'änzer welche ' die Griechen zur Zeit THeodosius des Großen ergötzten, ware7. in ihrer Kunst gleichfalls zehr geübt. . Einige von ihmit," fügt der fromme Bernhard von Moutsaucon hinzu, nach em sie auf den Saal gestiegen waren, kle:.eten sich selbst aus und an, als ob sie in ihrem Vette waren. Viele konnten VitUl Schauspiel nicht ansehen z Andere zitte r; :n beim Anblick eines ftlchen Wagestücks" , ; ' Mit dem Untergänge des römischen Neichcs ging auch die Technik. des Seil-
tanzes zu Grunde, und der Gefchichtskundige findet denselben erst wieder bei den Franzosen, wo er auf großen Markten und Messen producirt wird. Diese Seiltänzer kamen immer in Gesellschaft von Menageriebesitzern oder markkschreienden Arzneikrämern. Beim feierlichen Einzug der Prinzessin Jsaöella von Vaiern, -Gemahlin des Königs Karl VI. von Frankreich, in ihre gute Stadt Paris, lieh ein Genueser die Bürger von Paris Wunderdinge sehen. Ungefähr einen Monat vor Ankunft der Königin batte dieser sinnreiche Ersinder" ein Seil, ,, sehr hoch und über die Häuser weg", nie Froissart sagt, von Lem Thurme Notrc Harne bis zum höchsten Giebel an der St. Michaelitbrücke gespannt. Als die Königin mit ihren Damen ihren Weg durch die Notre Dame-Strae nahm, verließ der kühne Artist das auf dem Thurme errichtete Gerüst und ging singend auf dem Seile über die ganze Straße, welche der Zug xasftrte. es schon zu dunkeln begann, so hielt er zwei Fackeln in den Händen, die er während des Laufens schwenkte. Männer und Frauen verwunderten sich darob, er aber trug seine brennenden Kerzen, die man in ganz Paris und noch zwei oder drei französische Meilen in der Umgegend sehen konnte, und machte allerhand 5?unststücke, daß man seine Geschicklichkeit und Gewandtheit Nicht genug rühmen konnte. Es wurde nun Mode, dergleichen Schauspiele beim Einzüge sürstlichcr Persönlichkeiten auszuführen. Es wird erzählt, daß Eduard VI. von England, als er bei seiner Krönung (1547) dnrch die Altstadt von London zog, vor dem St. Paulskirchhofe anhielt. Hier", so berichtet die Arcbaeologica Ilritannica, war ein Seil von der Dicke eines Schisfstanes nach den Zinnen der St. Paulö:Kirche hinaufgejpannt und nnten mittels eines Aukels befestigt. Als Se. Mazeüät sich der sogenaniinten Dechantenthür näherte, rutschte ein Aragonier, auf dem Bauche liegend, den Kopf voran, die Arme nnd Füße seitwärts streckend, pfeilschnell vom Thurme bis auf die Erde hinab; dann erhob er sich, trat auf den König zu, küßte ihm den Fuß und richtete einige Worte an ihn. Hierauf verabfchiedete er sich, ging wieder auf das Seil, und zwar bis zur Mitte des Kirchhofeö. wo er alleryand Sprünge und Kunststücke aus einem kurzen Seile ausführte. Dieses Seil knüpfte er dann an das große Tan, befestigte es an feinem rechten Bein und ließ sich einige Leit herabhängen. Dann richtete er sich auf, löste daS Seil vom Fuße und stieg wieder herab. Der Monarch und fein Gefolg? verweilten lange Zeit als Zuschauer." Wie eS scheint, wurden bei jedem Volke diese Produktionen am liebsten von freutden Künstlern gesehen. Balv ist es ein Genueser, der sich den Parisern zeigt, bald zeigt sich ein Aragonier den Äc-
wohncrn von London, bald em Portngiese den Italienern. Genau so ist es ja auch heute noch: der Thurmseilläuser Lehmann aus Berlin wurde absolut nicht imponircn, er nennt sich daher Mr. Gcrtiny und macht als Italiener seine Kunststücke. In der Nenaissance-Zeit gerieth der Seiltanz mehr nnd mehr in Verfall. Nur von einem geschickten Türken meldet man aus der Zeit Heinrich's II., welcher auf zwei übereinander aufgespannten Seilen auftrat, von einem auf das andere sprang und dabei daö Tambonrin schlug. Man könnte übrigens die Frage aufwerfen, ob jener Türke wirklich echt gewesen sei. In damaliger Zeit traten eine Menge Türken in öffentlichen Schauspielen auf, die niemals daö strich der Ottomanen gesehen. Vereinigte er in sich nun alle Eigenschasten jenes Türken von reinem Blute, von dem Bonnet in seiner Geschichte des Tanzes erzahlt ? Der Verfasser hatte ihn in Neapel getroffen, wo er auf einem Seile, welches füns Stockwerk hoch über eine breite Straße gespannt war, ohne Balaucirstange tanzte. Denjenigen, die ihn von der Straße aus betrachteten, erschien er nur von der Größe eines Kindes. Zu feiner Sicherheit hatte er die ganze Straße entlang Matratzen auf das Pflaster legen lassen. Und jener andere' Türke, den derselbe Chronist t - gegen nusgang des großen zayryunderts auf der Messe zu SaintGcrmain zu sehen Gelegenheit hatte? Dies war ein äußerst geschickter Mensch, der die toll kühnsten Trics" vollführte und später auf der Acesse zu Troyes sein Leben einbüßte. Einer seiner Eollegen, ein Engländer und ebenfalls ein berühmter Seil tänzer, hatte böswillig das Tanzseil mit Fett beschmiert, und der Artist stürzte herab und brach den Hals. .Es ist nicht ungewöhnlich", sügt Bonnet ernst t: - c -r. -v- : ... r t r. . yllizli, oatf irjenicjrn, wele NO) lN den Künsten . auszeichnen, einander in solcher Weise nach dem Leben trachten; die Geschichte liefert uns eine Menge Beispiele, namentlich in der Mälerei und Bildhauerei." . - ' Die Türken hielten sich noch lange als beliebte Gaukler. , Unter.derNegicrnna rzi - T T rr r ? r t ' - Georgs ix. neu na; in iionoon ein iuine sehen, der ohite Balancirstanae auf dem Seile tanzte und dabei ' mit Oranacn jonglirte. Die Begeisterung' kühlte sich' aver merklich av, wie trntt erzahlt, als eine Apfelsine hcrabsiel und man sich überzeugte, daß es eine angemalte Bleikugel war. Selbstredend war die Malerei von geringer Bedeutung, die Kunstfertigkeit lag eben in der Jonglerie auf hohem Thurmseil. Doch England hatte nicht nöthig, in die SeiltZnzkunst bei der Türkei eine Anleihe m machen. So entzückte fr. A. während der Neaieruna Karl 11. ein Seiltänzer Namens Zacov Hau durch feine Künste ganz London. Sein Bildniß wurde iXdie Grangcrschule Sammlung aufgenommen. Hall wär einer ?der schönsten Manner, seiner Zeit, von I . . . : t eleganter, anmmyiqerigur uno veroano die Arazie eines Adonis mit der Muskel kraft eines Herkules: : Dieser Künstler hatte überall Glück, sogar auch be' Hofe.- , . , m Frankreich blieb nicht hinter England zurück, und daS Jahrhundert Lndwias XIV., würde nicht vollständig' gewesen lein, wenn der, eiltanr unter denlanderen , glanzverbreitendcn Künsten 1 gefehlt hatte. Dieje sterblichen aber, die in .' den Lüsten zu schweben vermochten, mach
ten auch Ansprüche. Sie wollten den
gleichen Nang wie die Schauspieler, die m W . m t T Vtrkucyen uomooianlen, yaven, uus diese erhoben, gerade wie heute, Widerspruch dagegen. Dnrch Vcrordnunqcn, die oft erneuert werden mußten, wurden den Seiltänzern ihre Vorstellungen auf offener trazze untcrzagt, man verwies sie damit auf die Märkte. Wirklich steht man sie dann auch mehr als früher auf den Messen von Saint Germain, Ooidiuö und LaurentkuS, namentlich auf der erttercn erscheinen eS ub aber nicht mehr einzelne Personen, welche selbstständig und für eigene Itechnung auftreten, fondern es macht sicheine neue Einrichtung. eine Gemeinschastlichkeit geltend. Die Seiltänzer sind engaairt und stehen im Solde eines Ditcctors. Es bilden sich Truppen, und man verfällt daraus, die Menschenkraft auch aus dem Seile zu Gunsten anderer Personen auözubeuten. Unter den leyten einzeln auftretenden Künstlern dieser Gattung nenne ich Trtvelin, der erste, welcher in Paris ohne Balan:irstange auf dem Seile tanzte, zu Anfang des 'siebzehnten Jahrhunderts; aus dem Jahre lGli) einen Künstler, der kopfüber in die Seine stürzte, als er von dein Thurme von NeSle nach deut Thurme Grand Proot ' ging. ' Vielleicht", meint Victor Fonrnal. vergaß er vor der Production jene Wurzel zu kauen, welche feine Verufsgcuossen vor Schwindel sicherte. Er hatte aber wenigstcnS die Vorsicht gebraucht, die ihm nicht leid that, nämlich sein Seil über den Fluß zu spannen." Auch Vonnct spricht von jenem Wunderkraut? und behauptet sogar, daß die Gemsen nnd Steinbocke die Blätter desselben kauen, bevor sie die Gipfel der Gebirge erklettern. Während uns also über den Seiltanz und seine Jünger in Frankreich nnd England mehrere Chronisten berichten, fehlen über Deutschland in dieser Beziehung Nachrichten vollständig,' wenn eö auch unzweifelhaft feststeht, daß bei den Pruukfesten welche die deutschen Fürsten, besonders August der Starke, gaben, die Ascenstonistcn" nicht fehlten. Diese Vagabonden waren überall, wo es etwas zu verdienen gab, sie werden also daö Feld ihrer Thätigkeit nicht allein a f England und Frankreich beschränkt haben. Eine authentische Nachricht über das Vorhandensein der Seiltänzer in Deutschland d giebt uns Goethe in seinem Wi U Helm Meister". Im vierten Capitel des ersten Vnches läst er Wilhelm von einer großen Gesellschaft Seiltänzer, Springer und Gaukler erzählen, die aus dem Marktplatze Vorstellungen gaben. Die Hauptpersonen der Gesell scüa st waren jji lonlieur ?carcis; und Demokselle Landrinctte, ein junges, schönes Seiltäuzcr paar. Wie Goethe erzählt, mußten zuerst die Kinder eines nach dem andern das Seil besteigen, nnd zwar di Lehrlinge zuerst, damit sie durch ihre Productionen die Vorstellungen verlängerten und die Schwierigkeit ihrer Kunst in'ö rechte Licht sehen. Sodann erschienen in buntem Flitterstaat Narciß und Laudrinette, er ein mnntcrer Bursche mit schwarzen Augen, sie ein schlankes wohlgebautes hübsches Mädchen. Veide zeigten sich nacheinander mit leichten Äewegnngen, Sprüngen und seltsamen Positureu. Ihre Leichtigkeit, seine Vcrwegenhcit, die Genauigkeit, .womit Beide ihre Kunststücke ausführten, erhöhten mit jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergnügen. Der Anstand, womit sie sich betrugen, die anscheinenden Vemühungen der Anderen um sie, gaben ihnen das Ansehen, als wenn sie Herr und Meister der ganzen Truppe wären, und Jedcrman hielt sie des Nanges werth. Nach Beendigung der Vorstellung liefzen sich Narciß und Landrinette aus den Schultern der Uebrigen dnrch die vornchmsten Straßen der Stadt unter lautem Freudeugeschrci des Volkes tragen. Mftn warf ihnen Aändcr, Blumen und seidene Tücher zu und drängte sich, sie in'ö Gesicht zu fasten und von ihnen eines AlickeS gewüidigt zu werden." Wie man also sieht, wurden die Gaukler Mitte dcS vorigen JahrhunderiS ungcmein gefeiert. Heule haben die Sreigbügel-Prinzefsin-neu der Eircuffe die Seiltänze? in der Gunst des Publikums verdrängt.
Während der Dkapoleonischen Kriege verschwinden in Deutschland die Seiltänzer. , Aber nach den Freiheitskriegen taucht der Altmeister der deutschen Thurmseiltänzrr auf. Ztolter, der sich eine ungeheure Popularität errang, dadurch, daß er in Aachen 18 i 7 wahrend des F-irsteiicougresses hoch auf dem Seile über einen ihm entgegenkommenden rnsfischen College hinwegsprang. Kolter, welcher Ende der siebziger Jahre in hohem Alker in einem Leipziger Hospitale starb, war das Prototyp eines echten kühnen Vagabunden; unzählig sind die Geschichten von ihm, die noch heute fo wohl in Artisten- wie auch Bürgcrkreiscn kursiren. 'Ein Zeitgenosse des Kolter war eine Frau, die Saqni, die durch ihre Kühnheit und Gewandtheit das Kaiserreich entzückte. Und nicht nur die Vagabondentraditkon allein, sondern von anderer Seite stammende schriftliche und mündliche Ueberlieferungen bezeuge, dast dem Kaiser der Franzosen ein Gefühl wie das der Eifersucht nicht fremd war, wenn er von der Saqui sprechen horte, deren grandiose Leistungen ihm übrigens gerade so imponirtcn wie dem übrigen Paris.- Aber Napoleon konnte es nicht ertragen, daß dieses Paris einen Tag, fast eine Woche lang, einen anderen Namen als den seinen mit Prädikaten wie groß, buhmreich, tollkühn, herrisch, göttergleich in Verbilldung dringe. , Und dieß war der Fall, als Madame Saqui sich dazu verstieg, iu ihrem Costüm a 5a Göttin derVernunst aus einem zwischen den, beiden Thürmen der Xotr Damv'Kirche gespannten Seiles Entrechäts zu tänzelt und Pirouetten zu schlagen. Noch hcuteledt in einem Winkel von Paris eine schier hundertjährige Jkalienerin, welche für die' Seele der vom Teufel' besessen gewesenen Saqu! in der Xotre Vamo-Kirche Messen lesen ' läßt. Die alte Dame hat die sire Idee, daß die sreche Frevlerin.'nach ihrem Tode verurtheilt morden s zweihundert Jahre au f der Hohe des Regenbogens zn schweben aber unsichtbar, damit die sündige Welt nicht applaudire. !5'?TßksHß
Eine Concurrentin der Saqni war die Mlaga, eine junge Person mtt angenehmen träumerischen Gesichtszügen", sagt Fournel, eme Seiltänzerin ans der metaphysischen Schule, voll Ausdruck und Poesie, die mit den Flügeln einer Sylphide und der keuschen Grazie.welche Horaz besnngen hat, auf dem Seil erschien. Die Malaga hatte eine Tochter, die auf dem Seil eher als ans der Erde laufen lernte und sich im Jahre 1814 zu Versailles vor einem Parterre von Königen sehe ließ. Es geschah zu Ehren der verbündeten Monarchen, daß sie bis ;n einer Hohe on iOO Fuß aus das Seil stieg. Neben den Frauen dürfen wir aber auch die Künstler männlichen Geschlechts nicht vergessen, wie den Furioso, der auch zu Anfang dieses Jahrhunderts lebte, den berühmten Furioso, den bewundernswerthesten Springer, der jemals gesehen worden ist; Der Tanz des Furioso entsprach seinem Namen j er war stürmisch, a'afend, diabolisch. Man kann sich vorstellen, wie er wüthend wurde als zwei Neulinge ihn im Saale Monteusier, auf dem Schauplätze feiner Heldcnthatkn übertrafen Man. sürchtete fast, er wurde sich mit seiner Valancirstange aus Verzweiflung den Leib durchstoßen. DaS Publicum beruhigte sich jedoch bald wieder, als es crsuhr, daß Furioso am nächsten Napolconsfeste auf dem Seile die Seine, und zwar vom Pont de la Concorde bis znm Pont Itoyal überschreiten werde. Dieses Wagestück erschien doch zu gesährlich, und die Polizei verbot es. Welch' ungehenrer Forrschrit? ist seitdem geschehen! Die Niagarasälle mit ihren furchtbaren Wassernüssen wurden überschritten, und zwar von Blondin, dem großen Klassiker deö Seiles. Sein Niagaraübergang wurde feiner Zeit als? die dreizehnte Arbeit des Herknles gepriesen, und Emil Gravelet, so heißt Blondin mit seinem bürgerlichen Namen) fühlte sich zu der Zeit, da die beiden Hemifphären feines Ruhmes voll waren, Königen und Prinzen gleich, ja er hatte fogar die Kühnheit, dem Prinzen von Wales, welcher nach dem 3!iagara gekommen war, um Blondin auf dem Seile eine Eierspeise kochen und essen zu sehen, zuzurnuthe'n, daß sich der Thronfolger Englands von dem Seiltänzer vor aller Welt Huckepack über das Wässerchen tragen lasse. Von seinem Gange über den Niagara erzählt Blondin in seinen Memoiren, die Ende vorigen JahrcS im Magazine Lippincott" erschienen, selbst: Ich befand mich etwa' 150 Fuß oberhalb des Falles und hatte einen Weg von nahezu 1200 Fuß zurückzulegen. Beider ersten Vorstellung war die Aufregung keine geringe. Alle Eisenbahnen ließen Sonderzüge gehen nnd auf jedem Ufer waren Schaubühnen von beinahe einer halben englischen Meile Länge errichtet,' in 'welchen stch die Menge drängte. Ich setzte meine Produktionen sort bis 1S0O, in welchem Jahre ich vor dem Prinzen von Wales aus Stelzen über daö Seil ging. Ich bin anßerdem in einen leinenen Sack über dieses Seil gewandelt, habe einen Schubkarren auf demselben gefahren, Purzelbäume geschlagen, auf demfelben gekocht und einen Mann darüber gctragen. Welche Antwort der Prinz von Wales auf das erwähnte Erfuchen des KünstlerS gegeben hat, ist nicht bekannt gewerden, aber wie geistreich sich in ähn'licher Situation der französische Earrieatnrist Eham aus der Afsaire zog, verdient Erwähnung. Eham befand sich vor einer Production Blondins inmitten des an der Seine aufgestellten Publikuins. Er war ae kommen, um für sein Blatt das Gchaufpicl zu skiiziren. Kaum war Blondin des Zeichmtö ansichtia aeworocn, als er
ihm den Antrag stellte, die Partie sofort mitzumachen, dann werde er wenigstens etwas Ordentliches zu berichten haben. Eham antwortete, ohne eine Miene zu verziehen: Bin augenblicklich dabei, lieber Meister, nur knüpfe ich an mein frisches flöh lichcs Ja die kleine Bedingung, daß nicht Sie mich über die Seine traaen. sondern daß Sie sich von mir hinübertragen lassen." Aber das kann ja Ihr Ernst nicht sein. Herr Eham," antwortete Blondin. Nun sehen Sie, wer von uns Beiden hat mehr Eourage?i Sie waren Derjenige, welcher die Partie abaelehnt hat." Und Eham hatte die Lacher, Blondin freilich die Bewunderer auf feiner Seite. Vor zwei Jahren traf ich Blondin znm letzten Male in einer westdentfchen Stadt. Er war schon hoch in den sechszlgcr Jahren und trug sich mit der Absicht, seiner Kunst Valct zn saaen. Es sei mit dem Thurmseillaus nichts mehr .zu verdienen, meinte er, und um etwas Neues zu kirnen, sei er zn alt. In Blondins Gesellschaft befand sich auch jener verrückte Engländer, auch schon ein alter D!ann, der nun schon feit dreißig Iahten dem Seilkünstler überall hin folgt, denn er hat sich geschworen, Vlondin doch endlich einmal den HalS brechen zu sehen. Der spleenige-Herr dürsie um diese kleine Freude kommen, denn nach dem vor einem halben Jahr, erfolgten Tode der Madame Blondin will der kühne Tänzer nicht mehr daS Seil bezeigen. Mit Blondin scheidet der letzte hervorragende Vertreter der Asccnsion ans dem Artistenstande. Was noch übrig bleibt, sind kleine Künstler, dlenur noch in kleineu Städten und Dörfern arbeiten und ein kümmerliches Lcb:n fristen, wenn auch jeder von ihnen ganz wie Blondin den Niagara mit Lcichtizkett überschreiten würde. Von den momentan ihren Beruf noch ausübenden Sejlkün stiern verdienen Erwähnung die Gebrüder Molodzosf, zwei Nüssen, d'e mit brennenden Lampen auf dem Kopfe das Seil überschreiten, A. Gettiny, ein sehr kühner Kü. "Her, der aus Berlin stammt, und der- :uhcre Glascrmcister Joses Brunner auS'Lien, welcher sich besonders in der österreichischen Lcaiscrstadt einer großen Popularität ersrent. - Eine, Abart des Selltanzes , sind die Pro'ductirnen auf demTelegraphendraht, welche man jetzt mehr oder weniger gut euögeiührt , in jedem Eircus und' l auf jeder Specilitätenbühne sehen kann und zwar , auf Schlapp- und Stclfdraht. etztereArbeit ist die schmierigere. Auf
dem schlappen Draht wird hauptsächlich jonlirt, . geschaukelt und 'das bekannte Spiel mit' den dressirtcn Tauben ausgeführt. Auf dem Steifdraht, dagegen dreht man einfache und Doppelpirouetten letzterer Tric ist ungeheuer schwer und wird nur von zwei jungen Künstlerinnen, Adele Delbosq und Ada Ibrahim gemacht ; schlägt Saltomortale, geht gestiefelt und gespornt, im Walzer- und Polkaschritt darüber hinweg, legt ein Brett. auf den Draht und. überschreitet dann dasselbe, und' waö der Kunststücke noch mehr sind. Mit dem Steistraht' dürste die Kunst des, Seiltanzes das Aeußerste erreicht haben und ein Mehr nicht möglich sein.
Der Sonntagssöiaufler In einem der vornehmsten Institute .Wiens, in welchem nur Sprößlinge aristokratischcr Familien ihre Ausbildung erhalten, und Bürgerssöhne nur unter ganz besonderen Umständen Aufnahme finden können in diesem Institute saßen unlängst im traulichen Stübchcn ein paar juriztischc Eollegen in heiterster Laune beisammen. Sie besprachen die Ereignisse der letzten Tage, unterhielten sich über dies und das, und selbstvcrstündlich kam das Gespräch auch aus die Witterungsverhältnisse, auf den überaus starken Schneefall, den der Himmel Wien bescheerte und der so viele rüstige Hände in Bewegung setzte. Während nun ein jugendlicher Fürst die Aeußerung that, dnl; er selbst, wenn, man ihm hundert tausend Gulden niederlegen würde, auch nicht einen Tag die Arbeit eines Schneeschauslers Verrichten würde, erklärte ein Eollega, daß er es viel billiger thäte. So gab denn ein Wort das andere und schließlich wurde folgende Wette vereinbart: Der Zunge Baron N. verpflichtete sich, den ganzen Sonntag von früh Morgens bis zur hereinbrechenden Dunkelheit Schnee zuschaufeln; sollte er in dieser Arbeit nicht aushalten können, so wolle er einen früher vereinbarten Betrag zah len. Im entgegengesetzten Falle müsse ihm die Summe ausgezahlt werden ; es handelte sich hier, was ganz besonders erwähnt werdeirfoll, um einige tausend Gulden. Am Sonntag Morgen gegen acht Uhr verließ Baron N. das Institut, verschaffte sich alte Kleider, gab sich das Ansehen eines bedürftigen Menschen, stellte sich in einem der Wcrbebureaus der Transportgefellfchaft als Arbeiter vor und bat um Beschäftigung, hinzu- , fügend, daß er eigeutlich vermöge seiner 'Erziehung zu etwas Besserem tauglich sei, daß er aber trotz aller Miihe bislang keine entsprechende Beschäftigung gefunden habe. Der Aufseher der Transportgescllschast gab ihm die Schaufel in die Hand und um halb neun Uhr stand Baron N. bereits an der Arbeit. Er schausclte tüchtig daraus los, keiner der Arbeiter that eö ihm an Fleiß gleich und er schaufelte mit nur einer Stuude Unterbrechung bis gegen süns Uhr Abends fort. Während er bei der Arbeit war, spazierten seine Eollegen bei ihm vorbei, überwachten ihn und ergötzten sich, als sie sahen, wie kameradschaftlich Baron N. mit den Schauflern verkehrte. Der Baron blieb übrigens auch von den Pafsanten nicht ganz unbemerkt. Er halte nämlich und das mit aller Absicht sich mit einem keineswegs alten Cylinder versehen, der im auffallenden Contraste ,ut seiner sonstigen Kleidung stand, und deshalb zog er natürlich mehr die Aufmerksamkcit auf sich, als die anderen Arbeiler, d'e gleich jhm das Tageswcrk vollbrachten. Einige dieser Passanten rührte der arme Mensch, der nach etwas Besserem aussah, derart, daß sie ihn mit kleinen Münzen beschenkten und im Laufe dcS Taeö erhielt Baron N. auf diese Art vierzig Kreuzer. Der Präfect des obcnbezeichneten Instituts hatte diescn armeu Schaufler" ebenfalls gesehen und bedauert, ihn aber glücklicherweise als seinen Zögling nicht wieder erkannt. Nur Eines fiel ihm do.'d auf, daß er da vor der Franz Jofcf-Kascrue, wo eben Baron N. als Schnceschaufler postirt war. so vielen Jnstitütszöglingen bcgegnete. Er traf den Sprößling eines ehemals mächtigen österreichischen Ministers, den jungen Baron H., Sohn eiucL Feld-marscha'll-Lieutenants, und noch einige Andere, und. c? koitnte sich gar nicht erklären, warum denn alle, diese ihren Spaziergang vor der Franz Joscf-Caserne machten.' Um fünf Uhr war, wie gesagt, die Arbeit zn Ende nnd die Ausbezahlung erfolgte. Als die Reihe an die freiwilligen Schneeschaufler kam, wurde dieser von dem Ausseher ganz besonders belobt. und zwar mit den Worten: Sie haben brav gearbeitet, Sie können morgen wiedcrkommen." , Danke schön," erwiederte darauf Baron N., ich bin nur ein Sonntogsschaufler." Er lüftete hierauf seine , Maske, sagte, wer er ci und, indem er den 'Ausseher noch reichlich beschenkte, erbat er sich von ihm die Schaufcl zum ewigen Angedenken." Ein Fiaker brachte ihn nach Hause. In dem traulichen Siüöchen des Instituts harrten seiner seine Eollegen ; sie hatten ihm einen warmen. Thee bereitet, er aber konnte nichts genießen, müd' und matt, mit förmlich gekrümmtem Rücken,, warf er sich ins Bett. Die Wette hat er gewonnen, nach der Wiederholung einer gleichen dürfte es ihm wohl schwerlich gelüsten. , Bruderpflicht Der Lehren hat mit seinen Schülern über das Verhältniß des Menschen zu seinem Nächsten gesprochen. - Ansbesondere bemerkt er von den Brüdern, daß sie Leid und Freud mit einander tragen sollten. Beim Abfragen ruft er den Jochen auf, der unterdessen'gespielt hat und nun nicht zu antworten weiß. Erzürnt . gibt ihm .der Lehrer eine Ohrfeige, welche 'Jochen sofort auch seinem Bruder appli.irt. Warum schlägst Du Deinen Bruder?" ruft erstaunt der, Lehrer. Weil ich Alles mit ihm theilen soll!" antwortete Jochen prompt. , . . . 1 Ausnahme. . A.: Sind Sie kiblich?- B.: Jn der Ncgel, ja!" A.: Das heißt also, Sie machen Ausnahinen? 1 B.: Allerdings, wenn mir z. B. Eine? mit Dollars unter die Arme greilti",
Der Fall HedrichMeibncr ot wieder einmal den Schleier von der geheimen Mitarbeiterschaft unbekannter Leute an den Werken berühmter Dichter und Schriststeller gezogen. Eme solche Mitarbeiterschaft ist nicht so selten, wie man im allgemeinen glauben mag. Vor wenigen Jahren starb in Berlin ein Schriststeller im Elend, welcher Jahrzehnte lang beliebten Lustspieldichtcrn die Entwürfe zu ihren heiteren Vühnenwerken qeliefert hat. Der Mann war zur
Ausführung seiner Scenerien unfähig; aber in Sachen der Composition war er ein großes Talent. In Wieu lebt ein unorlhographischer Herr sehr angenehm von dem Ertrage der Skizzen, welche er seit Jahrzehnte!: den verschicdcnsteii Verfassern von Operetten-Tertbüchern liefert; er ist ein literarischer Schatzgräber, wohl bewandert im Nepcrtoir der alten französischen und italienischen Opern. In unseren Tagen dürste vielleicht Frankreich das einzige Land sein, wo die geheime Mitarbeucrschast nicht mehr, oder nur in beschränktem Maße eristirt. Die Franzosen sind jetzt eben klug genug, auch den unbedeutendsten Mitarbeiter öffentlich zu nennen. In Deutschland wird eS noch immer als etwas Enlwürdigci!ves angesehen, einen Mitarbeiter zu nennen. Der arme Alsred MciLncr glaubte, wie aus seinen eigenen Geständnissen hervorgeht, sein ganzer Ruhm werde in Rauch aufgehen, wenn man erführt, daß ihm Franz Hedrich, gleichviel in welchem Maße, bei seinen literarischen Arbeiten geholfen habe. Welcher Irrthum ! Der Ruhm Meißners knüpft sich an seinen Ziska-, an seine Gedichte-, an jene seiner Dramen, mit welchen Hedrich nichts zn thun hat. Wäre Franz Hedrich als ?titversasser der Romane genannt worden, er wäre heute mit diesen vergessen. Jeder Handlanger hält sich sür ein Genie, wenn ihn ein Dichter gewähren und den Nohstoss herbeischleppen läßt, den er braucht. Schon der alte Dumas, so erzählt Hugo Klein sehr interessant in der Münchener Allgemeinen Zeitung-, hatte die denkbar größten Unanuchmlichkeiten mit seinen Ntitarbeitcrn, die seine Verdienste um den Bühnenerfolg ihrer Werke nicht immer anerkannten. Gail--lardet behauptete, der'ousschlicßlicheVcrfasser der Trni? lc 5,o!o" zn sein, der unter Dumas' Marke erschien hat aber der Herr dieses unbekannten Namens bewiesen, daß ernoch ein anderes Stück als dieses allein zu Stande bringen könne? Die Zahl der Mitarbeiter Eugöne Scribeö war noch größer, als die Alexandcr Dumas'. Legouve, Bayard, Mölesville, Dupin, Ärazicr, Varner, Jtoger, Deövcrgers, Vanderburg, Lemoinne, Masson, Dumanoir, Saintine, Carmouche sind nur einige der Autoren, die dein Verfasser von mehr als vierhundert Stücken, der fünf Pariser Theater jederzeit mit seinen dramatischen Arbeiten versorgte, wcrkthätig zur Seite standen. Aber auch von den Mitarbeitern ScribeS haben es höchstens drei bis vier zn selbstständigen Erfolgen gebracht. Es ist wenig bekannt, aber unzweifelhaft bewiesen, daß sich Mirabcau einen Theil seiner sensationellen Reden von anderen Leuten verfassen jließ. Es eristiren Briefe von seiner Hand, welche diese Thatsache unleugbar feststellen. In einer dieser Episteln schreibt er seinem anonnmen Mitarbeiter, er übermittle ihm alle die Complimente, welche er für die großartige Rede empfangen habe, die er ihm entworfen. Aber darnm war doch Mirabeau das große Talent, der große Redner, dessen mächtige Improvisationen die Hörerschaft hinreißen und der sich nur manchmal, wenn ihm selbst die cit oder die Lust znm Entwurf sachlicher Ausführungen fehlte, die eine gewisse Vorbereitung erforderten, fremder Hilfe bediente. Ernest Legouvö ha.t in einer Denkrede mf Scribe einige gelungene Anekdoten erzählt, welche zu dem Capitel der anonymen Mitarbeiterschaft gehören und von denen eine besonders charakteristisch ist. Eines Tages besuchte ein Schriftsteller den berühmten Dramatiker, um seine Meinung über ein sehr tragisches, fünfactigeö Drama einzuholen. Der Autor las das Stück vor, und Scribe hörte geduldig zu. Je düsterer die Handlung wurde, je schrecklicher sich die Eonflicte häuften, desto heiterer wurde die Miene Scribe's. Der arme Autor war über die seltfame Wirkung, welche sein Trauerspiel hervorrief, peinlich berührt, er beJann zu stottern und gerieth in AerwirrUNg, bis Scribe plötzlich aussprang und in ein schallendes Gelächter ausbra. Das ist von einer hinreißenden Lustigkeit!" rief er aus. Genug! Genug, Meister! " sagte der unglückliche Dichter mit gekränkter Miene. Jch sehe wohl, mein Stück ist schlecht." Wie?" rief Scribe, schlecht? Sagen Sie ausgezeichnet, charmant! Eö giebt da Wirkungen von unwiderstehlicher Komik. Fcrville wird ebenso amüfant fein wie Arnal!" Bei dem Namen der beiden beliebten Komiker erhob sich der Lerfafser entrüstet. Er glaubte, Scribe habe kein Wort von seiner Tragödie gehört. Doch er irrte sich. Scribe hat das Stück nlcht blos angehört, sondern auch im Geiste bereits umgearbeitet; in dem Maße, als es immer, düsterer wurde, übertrug er es in Vauoeville - Scenen, und als die Vorlesung beendet war, erschien Zsas große, schwere Melodrama in fünf Acten in eine zierliche, entzückende Bluette: Die Aebtlssin", umgewandelt. Eine gleich hübsche Anccdote liegt der Entstehung eines anderen Scribe'fche'u Einacters zu Grunde. Der Dieter verbrachte den Herbst einmal her einem Freunde auf dem Lande, wo man sich die Abende mit der Lectüre englischer Nomanc vertrieb. Die Vorlesung besorgte eine arme Lehrerin, welche während einer Ruhe pause einmal sagte: AH, wenn ich je meinen Traum erfüllt sehen, könnte!" Ich möchte einmal, in sehr serner Zeit, zwolshllttdert Francs Nente hclbcn, die im? die Unabhängigkeit und die dhit sichern würden." Nach einiger Zeit sagte Scribe, 'als die Vorleserin gerade mit dem letzten Eapitel eines recht nnbedeus tenden ,L!oman3 fertig geworden war: Wissen Sie, dast,in dein Nomane ein sehr hübscher,, Siosf zu einem elnactigen Lustspiele steckt? Sie haben mir dcusetden geliefert wollen Sie, daft wir daS Slück zujamü'.en machen?" Sie, nahm tiktürllch' a.MU!HMWD
Drei Tage später erschien Scribe mit feiner fertigen Komödie im Salon und drei Monate jvater wurde ihre erste Aufführuug angekündigt. Am Morgen derselben suchte Scribe feinen TheaterÄgenten auf. Heute sagte er, wird ein Stück von mir gegeben, bei dem ich eine Mitarbeiterin hübe. Ich weikz nicht, welchen Erfolg die Kleitt!n.keit haben wird ; was ich aber weist, ist, daß der Einacter meiner Mitarbeiterin zeitlebens zwölfhundcrt Francs jährlich sichern soll. Nichten Sie es so ein, das; die Geschichte natürlich erscheine." Unv die gZücklsche Vorleserin hat Scribe später nLch im dankbar genannt, weil er trotz des schönen Ersclges des ersten keine weiteren Stücke mit ihr schreiben wollte. ?i Wohlthäter der Menschheit. Eines der interessantesten Blatter in der Culturgeschichte der Menschheit ist die Geschichte der Jrrenheilkunde, welche in diesem gegenwärtigen Jahre ein denk würdiges Jubiläum felcrn kann. Es find nämlich jetzt gerade 100 Jahre seit ihrer Begründung verflossen. Es war eine der traurigsten Lerirrnngen des menschlichen Geistes in vergangenen Jahrhunderten, daß er Geistesgestörte nicht alü solche erkannte, sondern sie sür Behexte- nnd Bezauberte, vom Tenfe! Besessene u. dgl. 'hielt; die Eesellschast betrachtete den Geisteskranker, als einen geistig todien, entmenschten, rerthiertcn Auswürfling der Menschheit, und da siz naturgcmäs; diese Unglücklichen nicht nur sür linhcübar hielt, sondern anch als eine Last und Gefahr ansah, so warf man die Geisteskranken in die Gesangnisse, sperrte sie dort mit den gemcittstm Verbrechern zusammen, ezab sie dem Xltt verstand und der Nohheit eines Kerker meisters preis, der die Sprache der Un glücklichen nicht verstand und erbar mungsloS über sie die Peitsche schwang. Kau' dach hat unS a von diesen Narrenund Tollhäusern ein so drastisches Bild hinterlassen. Endlich brach auch sür jene verkannten nnd verstoßenen Wcnfchcn, kindcr die Morgenröthe an. Es war ciil junger 'franzosischer Arzt, Philippe Pincl, der die Niescnthat vollbrachte, daß er jenes seit Jahrhunderten im Volksbewußtscin tief eingewurzelte Vorurtheil über die Geistesgestörten auS der Welt schasste, die Irren wieder in die Reihe der Äkenschen stellte und ihnen eine mcnjchwürdige Behandlung für alle Zeiten zusicherte. Wenn man von Wohlthätern der Menschheit spricht, verdient Pinel in erster Reihe diese Auszeichnung. Pinel beschäftigte sich als junger Arzt mit anatomischen Studien, ba wurde er durch daS Schicksal cincS wahnsinnig ge, wordenen Freundes so ergrissen, daß er sich eifrig dem Sind iuin der Geisteskrank hciten widmete und in Bälde so große Kenntnisse darin erlangte, daß er als Arzt am Vicetre zu Paris angestelll wurde. In dieser Stellung drang er beständig auf .eine menschlichere Bchauds lunc der Irren und schließlich ertretzte er mit persönlicher Gefahr von einem Mitglicd des EonventcS die Erlaubniß, die mit den Verbrechern zufammengesperrten Geisteskranken aus den Kerkern zu be-
freien und ärztlicher Fürsorge zu über weisen. Mit dieser That wurde eine Jrrenheilkunde im eigentlichen Sinne dcS Wortes begründet ; man betrachtete fort an die Inen als Kranke, welche eine Be? handluug nothig haben und durch recht zeitige und richtige Behandlung auch heilbar sind. Was uns t)euke so selbstoerständlich erscheint, daz; Geistesstörung der Ausdruck eiucr Hirnerkrankung ist, daö war die mühsam errungene Erkenntniß der ärztlichen Wissenschaft des chr, zehnten Jahrhunderts. Anständig ! Die beiden Gymnasts llehrer Dr Hslz j wurm und Kisslhubcr besuchen zu Weihs 'I nachten ihren gemeinschaftlichen Freund, D den in einer kleinen Landstadt wohnenden, jungverhcirathcten Pastor Wagcnöold. Letzterer hat schon das ganze Haus voll WeihnachtS - Besuche und ist untröstlich darüber, daß die beiden freunde im nahen X Gasthof legiren müssen. Die Wcihnachtsfeiertage vergehen wie im Fluge am Abend des zweiten wird noch eineH solenne ?lbschicdsrowle geleert, und Dr.A. Holzwurm und Kisslhuber begeben sich reichlich angcheitertdurch den Trennnngs-,, schmerz, aber doch relativ früh in ihren Gasthof, da sie andern Tages schön beiinZß Morgengrauen abzureisen gedenken. H Schon sind sie auf ihrem gcn!emHaftlii,F chen Zimmer mit der mühevollen, nicht ungcföhrlichcn Arbeit des StiesclanIziehens beschäftigt, da lallt HslzÄMkH Du, es ist eiaciUlich nicht mehr als an-, . ' ' y standkgdan wir hier zn unzcrm ccfi auch etwas verzehren, wir haben ja dcm Wirthe sonst blcs das Sch!asg?!d zuf zahlen." V-F Ja, aber ich bringe nichts mehr hinH' unter," hickopt Kisslhubcr rathlos. ; Ach waZ, zieh' dich nur wieder anl und komm mit," entscheidet Hol?wrm, und so geschieht's. Man bestellt nach langer Neberlegung eine Flasche Schaumwein und ein Dutzend Austern, welche sich zufällig nach dem Städtchen verirrN haben. .Der Wirth wird eingeladen mitzutrinken, und so leert man noch eine zweite Flasche und vertilgt zur Abwehr lies kommenden Jammers einige Ea?:arbrotchcn. Schwer bezechtMmnkt'lan) ein Stündchen später zur LagelZlatte. Andern Morgens früh um vier l'ür erwacht man vom Klcvscn des rücksichtsvollen Hausknechts mit" hämmernden Schläfen. Eilends sährt man in die Kleider, denn der Weg zum Bahnhes i?t ungefähr ebenso weit, wie die Zcü der Zugabfahrt bahc ist. Herr :r!;, bitte schnell v.m unsere Rechnung." i ; ,,Vedaure, meine Herrett,HexfPMör : Wagenüold i?ar gestern Aöend ltx 'pch hier und hat alles in OxdnilNZIcMM" Holzwurm verfärbt sich 'irnstMert : :: Auch die Zeche von gcsternHDtzz,,,. ,,Anch diese'" lächelt 'LerstanduoOll der Wirth. - r '., ,DaS 'hast' Dä' VönDemWAttstä n - zigkeit," ki:;;;n;t Kisslhuber, als in an cillige M:nu:cn später rachcdrütcnd der Heimalh zusanst ' ; fs , Äst el e Leute fassen sich, wenn sie sich nicht fass:n kSnnen, init den Hän, den an den Kovf; sie thun dicS ohl, um'nicdk den llovf u verlieren.
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