Indiana Tribüne, Volume 13, Number 46, Indianapolis, Marion County, 3 November 1889 — Page 3

Aie arme Schneiderin. OriFwal.ruuz auZ d?ur Verlier AlltagSKien.

on lrtyur vsu (2. Fortsetzung.) , Die bunten, glänzenden Flicken fügten sich für sie zu Monumentalgegenständen jusammen, an denen sie ihre einfache, dunkle Eristenz wie in einem Tagebuche ablesen und fich zurückerinnern konnte. Die Sachen besaßen ja übrigens auch einen relativen Werth, z. A. zu einer andern Zeit, namentlich im Winter, würde manche reiche, mitleidige Kundin von der bedürftigen : Else gern gegen hohe Bezahlung dies oder jenes für sich selbst zum eigenen Gebrauch erstanden haben, wobei die Mappen, Tischchen, Ständer und Kisien selbst in der allerprächtigsten, vornehmen Einrichtung einer Gräfin noch eine gute 3!olle gespielt haben würden. Doch augenblicklich, in der Stunde der Noth, war ja eben Niemand" anwesend n Berlin, und wenn Else sich cuspsändcn lassen ulußte, wenn des Executors unromautische Hand die schönen Sachen nahm und dieselben auf amtlich vorgcschricbcncm Wege verkaufte, dann kam voraussichtlich fast Nichts ein. Ein derartiges Verfahren würde nur eine grausame Beraubung mit dem denkbar unfruchtbarsten Resultat dargestellt haben. Und doch konnte sich Else mit bekleminender Gewißheit ausrechnen, wann dieser fatale Termin zu erwarten war! Bis Mitte Juni reichte noch der Ueberschuß ihres bisherigen Verdienstes als Schneiderin. Dann schon mußte sie die wenigen ärmlichen Werthfachen versetzen, welche sie entweder noch vou ihren guten Eltern geerbt, oder als Pathengeschenke erhalten hatte. Das Dutzend silberne Eßlössel, eine alte Uhr nebst massiver Erbskette, ein niedlicher Kinderbecher und ein vergoldetes Besteck wurden alljährlich zur nützlichen Hypothek, worauf das kreditlose Mädchen doch noch vonStaatswegen etwas baares Geld geborgt erhielt. Sonst war Elfe aber erst im August zum königlichen Leihhause gegangen, diesmal mußte sie leider diesen traurigen Weg schon in vierzehn Tagen antreten! Was sie dort bekam, wußte sie ja aus Ersahrung, nämlich eine Summe, von welcher sie ungefähr sechs Wochen lang Miethe und Kost bcstreiten konnte. Stets blieb aber in ihrer heutigen Rechnung ein ganzer Monat übiig, eine schlimme Lücke, in der sie absolut nichts zu leben hatte, selbst wenn ihr sanguinischer Sinn die günstigeren Conjunkturen glanzend mit ueranschlagte, welche der Herbst und mit ihm eine vergrößerte Kundschaft allenfalls noch bringen konnten! ... . Herrisches Pochen an der Thür unterbrach die Stille' des Gemaches. Auf Elses schüchternes Herein" erschien Frau Zubern, die Portiersgattin, auf der Schwelle und brachte auf einem Anrichtbrett, mit einer Serviette zugedeckt, das Mittagsessen für die junge Schneiderin heraus. Frau Zubern befaß eine grobknochige, fettleibige Gestalt und ein abgemagertes gelbes Gesicht. Diesen unliebsamen Gegensah in ihrer Erscheinung gab sie felbst dem feuchten Keller, den ihr Mann als Portirrwohnung im Vorderhause inne hatte, und einer ansehnlichen Kiuderfchaar schuld, doch Andere behaupteten, derselbe sei ausschließlich ihrer bösen Galle und giftigen Zunge zuzuschreiben. Die Portiersgattin war für die Vewohner beider Hauser eine höchst einflußreiche, stellenweis " gefährliche Person, us dem Grunde, weil ihr Mann da der Eigenthümer in einer ferngelegenen Straße wohnte neben seinem PorticrPosten auch das, Amt eines Vicewirths zu verschen hatte und dabei persönlich eine Null war. Neigung und Nothwendigkcit sympathisch verknüpfend, hatte deshalb j'eine energische Ehehälfte sich die Hosen angezogen und regierte in ihrem Ober- und Unterreich mit strengem Negiment und grober Willkür, die namentlich den Hinterhäuslern gegenüber zuweilen bis zur Grausamkeit ausartete. Elfe hatte glücklicherweise einen Stein im Vrett bei dem allgebietenden Hauseist. Die Willenlosigkeit des jungen Äädchens behagte der herrschsüchtigen Frau und feine Naivetät schmeichelte ihr. Denn die unerfahrene und leichtgläubige Else legte natürlich keinen kritischen Maßstab an ihre Umgebung, und sie faßte den Menschen genau so auf, wie er sich ihr darstellte. Wenn also des prahlerischen Weibes Mund von Selbstlob überfloß, so glaubte ihm Else auf'S Wort, und hielt die Portiersgattin ernst, lich für ebenso vortrefflich, aufopfernd und über jeden Eigennntz erhaben, wie sich dieselbe schilderte. Das passirte aber Frau Zubern nicht häusig, und deshalb war sie instinktiv der jungen Schneiderin dankbar. Außerdem war noch ein Hauptmotio ausschlaggebend für Elses Stelluna. Die Zubern liebte es nämlich, möglichst ausfällig, die Tugend und die qrnr Sitte in den ihr unterstellten Hausern zu beschützen. Das war ja eigentlich an sich lobenswerth, doch geschah es meist in sehr unduldsamer, wenig verföhnlicher Weise. Wer aber solche Zwecke verfolgte, für den war es unumgänglich, c?:ch der kleinen Schneiderin lobend zu erwähnen. Denn diese hatte sich stets geradezu musterhast aufgeführt, so lange man sie kannte; ihr Ruf glänzte so stahlblank, wie man ihn einst für des Easars Gattin forderte, und in Frankreich würde sie wahrscheinlich die Tugendrose erhalten haben. Die Zubern ermüdete denn also auch nicht. Elfe immer wieder als leuchtendes Beispiel den übrigen Hausgenossen vorzuhalten ! Trotzdem jedoch vermochte die kalte Seele der Frau nicht völlig, die angeborene Geringschatzung zu überwinden, mit der gewohnlich die Starken auf die Schwachen, die Glücklichen auf die Unglücklichen, ganz besonders aber die Realisten auf die Idealisten herabblickcn. Die Zubern fühlte den Unterschied zwischen sich und Else, und legte denselben ohne Weiteres zum eigenen Vortheil aus. Sie begriff nicht, weshalb die junge Schneiderin nicht besser vorMnkam mit ihrer Arbeit und in ihren Geldoerhaltnisscn, denn die unfeine Frau hatte eben keine Ahnung eines Verständnisses für ElseS leidenSfähige Eigenart, in der ftch so seltsam Vortrefflich keit und UnzulanAlichkeit mischten. Die Portiersgattin hlelt das

?"" r;;np,":-;t;:iti'Tr;'-p-Tr'-;-:i;-r"';rV"''T''':''' ;:?;;t:s;;:ir3trt'':-;pr;rp-"; ,rr;'r!;?' 'B'TTffgf!''1 "!;' "BÜ'i!:!: ;';J!?l'?'".i!!WiW"BW,W!B-'

WWYL junge Mädchen einfach für grenzenlos unpraktisch und quälte cS unaushorlich mit ihren guten Rathschlägen, wobei öfter die beiderseitige Freundschaft in's Schwanken gerieth, wenn Else nicht sofort den Willen ihrer gestrengen Hofmei j sterin genau befolgte. Das war aber i leider säst immer ganz unmöglich, deun ' einmal kann kein Mensch ganz genau die Verhältnisse des anderen beurtheilen und j zweitens versteht nur die wahre Liebe j wirklich brauchbare Rathschläge zu ge- j ben, uird die besaß ja eben die Zubern nicht. Seit einiger Zeit nahm Else von der Porkiersgattin das Mittagsessen. Diese hatte sie dazu überredet, denn d''e schlaue Frau steckte mit Vergnügen die paar Groschen Kostgeld ein, welche sie von der jungen Schneiderin empfing, ohne deshalb das Mindeste mehr zu kochen, als sie ohnehin tagtäglich für Mann und Kinder bereiten mußte. Else war damit ja auch ganz zufrieden, und was außerdem ötcdensarten zu thun vermögen, das gab die Zubern reichlich dazu. Namentlich behauptete sie unter Hinweisung auf die Huttgerhäppchen", welche sich sonst Else allein hergestellt hatte, daß aus einem großen Topfe" alles viel besser schmeckte und weit gesünder sei eine Ausstellung, die ja vielleicht etwas Richtiges beanspruchen konnte. Se ließen sich ja jarnlch unten bei mich blicken? Ick kann Ihnen det scheen; Sonntagscssen nich länger in de Röhre warm halten. . . . So bringe ick et nu also man selbstens oben, un erlaube mir dabei, mich nach Ihr hohes Befinden zu erknndigen?" sagte die Zubern spitzig, nachdem sie eingetreten war. Else streifte hastig das Kleid von ihrem Schooße und warf es schnell über die nächste Stuhllehne. Dann sprang sie auf, stotterte eine Entschuldigung und nahm der Ueberbringerin eiligst das Gebrachte ab, wobei sie ungesähr einen Aufstand entwickelte, als wäre nicht die Poptiersgattin, fondern eine Fürstin zu ihr heraufgestiegen, welche gleich drei Kleider auf einmal bestellen wollte. Die bedingungslose Unterwürfigkeit des jungen Mädchens besänftigte merkwürdig die Zubern. Ueberdies sah ihr geübtes Auge gleich, wie hier oben die Sachen standen, da sie Else beschäftigt fand, ein abgenutz.es altes Kleid, welches sie täglich trug, für den Psingstsonntag zu reinigen und auszuflicken. Die unpraktische Kleine hatte also wieder einmal keine Seide gesponnen, und steckte in Sorgen. . . . und zwar in großen ! Denn nach der Empfindung einer richtigen Berlinerin aus dem Volke ist ein junges Mädchen ohne neues Psingstkleid ein so starker Widerspruch, daß denselben nur der kläglichste Geldmangel hervorrufen kann. Nun, der Stand von Elses Finanzen war der Zubern ja eigentlich glcichgiltig, wenn dieselbe nur ihr Essen und ihre Miethe pünktlich bezahlte! Aber in der Portiersfrau steckte noch ein gewisses Etwas, das sich immer freute, wenn es Anderen schlecht ging. Darum schnitt sie auch Elses Entschuldigungen, daß diese nicht rechtzeitig das Essen geholt hatte, kurz ab, und äußerte mit jener falschen Freundlichkeit, die ihr im Verkehr mit den eingeschüchterten Bewohnern des Hinterhauses schon zur zweiten Natur geworden war. Et ist doch schade jcwesen, det Se det jutjemeinte Anerbieten von die Mariechen Dackel un ihren Kunstichlozser Ntch anjenommen haben, nämlich mit des Brautpaar 'ne Landpartie in die Umjegend von Potsdam und Wannsee zumachen! Nu haben Se vor heute wohl ooch nich det kleenste Verjüngen tu Aussicht V" Ich werde nach dem Essen ein Bischen in die Hofjägerallee gehen und mich dort auf eine Bank niedersetzen. Das kostet nichts, und ich kann mir einbilden, in einem 'Walde zu sein, sehe die Eichkätzchm kle.tern und höre die Nachtigall singen," antwortete Else sanft. Nee, so 'ne Vernunft un Bescheiden heil müßte wahrhaftig unser Herrjott im Himmel janz apart segnen!" rief die Zubern beinahe aufrichtig gerührt, indem sie Else förmlich bewundernd anstaunte. Dann jedoch schien ein plötzlicher Verdacht ihr Hirn zu durchkreuzen. Sie runzelte die Stirn und meinte tastend: Aber Elschcn. . ..det freut mich nu eigentlich doch nich, denn et is keineswegs natürlich, datz so'n junges Mädchen wie Sie, in die Einsamkeit flieht! . . . Ick fürchte, ick fürchte . . . . toe haben noch immer den schönen Kleisterfritzen" ii'n Kopp, ihren jewesenen Brautegam, den interessanten Buchbinderjesellen mit die feinen Manieren un des bezaubernde schwarze Lockenhaar, der Ihnen so ewig lange damals an die Nase rumsezogen hat! He? .... Bin ick nanu uf die richtije Fährte? .... Das harte kurze Nein", welches diefer unerwartete Ausfall Elfe's bebenden Lippen entlockte, ihr energisches Kopfschütteln, ihr peinliches Erröthen waren so beredt, daß selbst die gefühllose Porticrsfrau sich überzeugte, einen Irrthum genährt zu haben. Sie meinte einlenkend: Det freut mich vor Ihnen, Kind, denn 'ne unjlückliche Liebe paßt ooch nich in Ihre Verhältnisse! . . . . Det is man bloß wat vor die Vornehmen, die nischt Anderes zu dhun haben," entgegnete die Zubern. Dann knisf sie plötzlich ihre kleinen mattgrauen, schräggeschlitzten Aeugelein zusammen, indem ein mephistophelisches Licht in ihnen ausleuchtete, und der Ausdruck ihres ganzen Gesichtes -veränderte sich derartig, daß er einen ' strikten Gegensatz zu demjenigen Geiste . bildete, den die Portiersgattin ossiciell mit so großer Ostentation vertrat. Sie ! spitzte ihren breiten Mund wie Jemand, , der von etwas Süßem und Unanständi- ' gem zugleich redet, ihre Stimme senkte sich herab zu einem lüsternen Flüsterton und sie sagte: Min Zuckerpüxpkcn .... denn könnten Se sich aber doch nu man jetzt tnt neuen Schatz nehmen!" Bitte, bitte. Frau Zubern!" antwartete Else gereizt. Ach, lassen Se et man jut sind, Klecne, auf so was steht doch de janze irdische luckseligkett! Eenen Schatz muß der Mensch hinicden haben, entweder 'nen leibhaftigen, den er ins Herze trägt, oder eenen von baare Münze in l fcie Tasche!" "'""""" " " i i i i siri iiiiii.iiwinmiw

"P-w g J f .lf

333

h Ich werde wohl zeitlebens zu Keinem von Beiden mehr gelangen," bemerkt; Elfe in tiefster Bitterkeit, aber doch mit . elnem naiven Bedauern, welches deutlich verrieth, wie hoch sie die beiden bezeich: neten Schätze" stellte, nnd wie schön si vielleicht unbewußt den Besitz derselben sich dachte. Det kann man doch nu ooch noch nich fo janz jcnau wissen, Se sind ja noch jung, Elseckcn!" fuhr die Portiersgattin guavig fort. Freilich, de liebliche Rolenzeit hat den schlimmen Fehler, det se rasch verseht. Wie alt sind Se denn z. B. eigentlich letzlhin jewordcn, als Se Ihren Ieburtstag feierten? Ick meene, noch 'n paar Jahre, un Se wandern och schonst uf dle Schattenseite von die Zwanziger, un denn seht et reißend bergab, Kind! Se müssen sich wahrhastig sputen, dct Se bald unter de Haube t'onlmen ! Se könnten aber ooch 'n Bisken selber dazu dhun, nich de Hände so in 'n Schooß legen, man soll immer 'n Löchelkcn vor det Glück offen lassen! Es sieht Se ja keen Maisch nich, sehn Se doch mal öfter aus ! ...... Spendiren Se sich doch mal 'n Entrecbillet in 'n Zoologischen, zu Auggenhagcn, oder sonst in ' seinen Kaffeejarten, wenn Se ooch woll streng jcnommen sonst Ihren Jroschen vor das tägliche Brod sparen müssen un keenen Pfennig nich vor dct blooße Verjnügen übrig haben! Aber det schad' heute nischt, zuweilen darf man schon 'n bisckcn leichtsinnig sind 1 Un det Se jerade kcene Staatsrobe nich anzuziehen haben, macht ooch nischt, denn det Mannsoolk wenigstens was de Juten un Ernsten davon sind det kann de Putzdocken justement nich ausstehen. Also, Elscckcn, man immer den Kopp oben behalten, de stillen Veilchen jefallen oft am Besten! . . .... . . Jehn Se getrost aus, un feiern Se Ihrcn P singst sonn tag vcrjnügt mit de Andern. . . . Vielleicht machen Se jerade heute 'ne Eroberung, un finden 'ne fühlende Seele, die sich nich scheut, un Ehre un Courage genug im Leibe hat, nur en jaz armes Mädchen von 'm Fleck weg zu heirathcn!" Obgleich Fran Zubern im völligen Ernst sprach, und einer so wohlwollenden Erregung erlag, wie sie ihr selten kam, so konnte sie es doch nicht lassen, ElseS lieblich graziöse Erscheinung, die sich übrigens, wie schon gesagt, äugenblicklich am wenigsten vortheilhaft ausnahm, und überhaupt dem ordinären Geschmack der Porkiersgattin noch um ein Bedeutendes dürftiger und reizloser erschien, als sie eS thatsächlich war, mit einem rasch tarnenden Blick zu überfliegen, in dem sich die beruhigende Erwar? tung deutlich abspiegelte, daß auch, falls das junge Mädchen dem ertheilten Rath wirklich entspräche, doch das in Aussicht gestellte Resultat wohl schwerlich eintreffen würde! Dann klopfte die Zubern Elfe gönnerhaft auf die Schulter und empfahl sich, fest überzeugt, sehr herablassend sich benommen und nur Gutes und Angenehmes geredet zu haben. Während ihre wuchtigen Schritte auf der Treppe verhallten, zog sich Elfe das Essen näher, deckte die Schüsseln ab, und begann die dunkle unklare Suppe zu verzehren. Leise tropften ihre Thranen hinein. . . .immer rascher plötzlich warf sie den Löffel fort und brach in hysterischeS Schluchzen aus. Mit grausamer Geschlcklichkeit hatte Frau Zubern den wundesten Punkt in ihrer Seele getroffen. Die kleinen 5cadelstiche über angeblich schon verschwindende Jugend und über den Nichtbesitz eines neuen Kleides zu Psingsten waren natürlich nebensächlich gewesen. Ach, Else wußte ja, daß man in der allerneuesten, modernsten und bestbezahltesten Robe und wäre sie selbst aus Himmel blauem Virginie-Stosf gefertigt, und mit lachsfarbener Seide besetzt den Tod im Kerzen fühlen konnte! Sie besaß nämltch doch noch ein Kleid, in der dunkelsten Schrankecke hängend, welches sie aber um keinen Preis jemals wieder anzuziehen sich verschworen hatte, ganz abgesehen davon, daß es fast für jeden Zweck viel zu elegant war, und überHaupt gar nicht für eine einfache Arbeiterin patzte! Else hatte sich einst dasselbe angefertigt, den schönen Stoff und die theuren Zuthaten mit dem Gelde gekauft, welches sie sich am Munde abdarbte, aus demselben Beweggründe, wie die eitle leidenschaftverblendete Weltdame ihr letzteS Capital angreift, oder nöthigenfallS selbst Schulden macht, um nur alle Segel entfalten zu können, und den schwan kenden Geliebten mit Satansgewalt zursickzu erobern ! Iffök junge Schneiderin hatte sich der Folie eines schönen Gewandes bedienen wollen, ja auch, wenn möglich, mittelst desselben etwas Sand in die Augen der Welt zu streuen gewünscht über angeblich verbesserte Verhaltnisse, um ihren bereitS im Abfall begriffenen Buchbinderschätz, den schonenKleistersritz", in neue Fesseln zu schlagen. Das aber war auf? Jämmeichste mißglückt ! . . . .Dem Aufand von Leidenschaft und Koketterie, von Liebe und Geld, wozu die arme Else sich hatte hinreißen lassen, ward durch die ärgste Demüthigung gelohnt! Es niederholte sich heute gerade der Jahrestag, wenn auch nicht dem Datum nach, nämlich es war am Pfingstsonntag des letztverflosienen Frühlings gewesen, wo sie ihre letzte Schlacht im Zoologischen Garten wagte und verlor, als sie den Abtrünnigen beim Nachmittagsconcert und mit der verführerischen Himmelblauen Robe angethan, sich zurückcrkämpsen wollte! Zwischen den Walzerklängen, inmitten einer geputzten, lustwandelnden Menge, da war ihr armes, kleines Herz zerbrochen, und sie wurde sammt ihrer Liebe wie eine lästige Klette abgestreift. Von Anfang an hatten freilich die Menschen behauptet, Else wäre die stärker Aufflammende, um nicht zu sagen, vielleicht die allein Liebende in diesem Verhältniß gewesen. Aber darin that man ihr bitteres Unrecht, denn man ?,atte zu rasch vergessen, wie sehr der chöne Klcistcrfritz" ihr im Beginn hub digte und sie umschmeichelte. Der junge Buchbindergesell glich genan der hübschen Wacüspuppe im Frifeurladen. mit schwarzen Bärtchen, feinen krausen Locken und seinen rothen Wangen, er war so recht der Mann, der jungen Mädchen außerordentlich gefällt. UeberdieS besaß Isis I'liiift '"" '' 1 y-j'i iiiii ife 'ifcüjjil.j'i liii.iüiiV'lii i" Uü , hui im

er einige Bildung, merkwürdig gute Manieren, stellte eigentlich eine etwas konventionelle Natur dar, wie man sie öfter im Salon als unter dem Volke sindet. rv . . i.nr: X. e r rrrr

vrs war nur zu inruca, vag er tit and sie ihn bezauberte, denn das Feine, was Beide vor ihrer Umgebung auszeichnete, führte sie fast unwiderstehlich zusammen. Daß sie sich fanden und auch schließlich banden, dürfte füglich Niemand in Erstaunen setzen. Es fehlte dem Pärchen durchaus nicht an Liebe, sondern nur an Geld. Doch in der schönen Jugend hofft und wartet man ja so gern, mithin machten der Kleisterfritz und die Schneiderclse" ihre fraglos sehr übereilte Verlobung sorglos in den Zeitungen bekannt. Der Bräutigam war dann allerdings leider der Erste, der aus dem Taumel der Leidenschaft völlig nüchlern erwachte. Seinem vorsichtigen, leicht verzagend? Sinn stellten sich bald all die ernsten und berechtigten Bedenken thurmhoch entgegen, welche der Gründung einer Familie hindernd sind, wenn die Betheiligten kein Vermögen und nur einen sehr beschränkten täglichen Verdienst haben. Er hatte namentlich das Letztere sowohl bei sich selbst, wie auch an Else bedeutend überschätzt. Im Lause der Zeit sah er erst, wie langsam selbst der geschickteste und sollbeste Buchbindcrgeselle vorankommt, und die ärmlichen Verhaltnisse der Braut, besonders ihre Kränklichkeit, entmuthigtcn ihn ebenfalls, obwohl er diese letztere Kalamität eigentlich selbst mitverursachte. Denn Else's zarter Gesundheitszustand litt entsetzlich während der Ebbe und Fluth ihrer Verlobungszeit, ihre schwachen Nerven datirten eigentlich Hauptsächlich nur daher. Ein unerstickbarer Rest von Neigung schien nämlich doch noch immer in' seinem kühlen Herzen für die arme Braut fortzuglühen, was wesentlich den Proceß erschwerte, denn neun der wankelmüthige Gesell sich oft schon eine Zeit lang von Else zurückgezogen hatte, so kehrte er doch schließlich immer wieder zu ihr zurück. Vielleicht wäre das Pärchen dennoch zusammen gekommen! Aber just in dieser kritischen Periode mischte sich unheilbringend die Welt ein. Dieselbe behauptete, Else klammerte sich mit Gewalt an den Bräutigam, und nur der unweibliche Grad ihrer Verliebtheit brächte den jungen Buchbinder zu der Schwäche", das aussichtslose Verlöbniß nicht radikal abzubrechen. Man redete ihm das so lange vor, bis er es zuletzt selbst glaubte! Und zu viel Liebe kann kein Mann vertragen, einerlei, ob er den Arbeiterkittel, den Galasrack oder eine Uniform trägt ! Der Druck des geknüpften Bandes wurde dein schließlich ganz und gar wider Wunsch Gebundenen fast synonym mit der Lästigkeit einer aufdringlichen Liebe. Die Stimme des Gewissens vermischte und verwechselte sich mir derjenigen der keimenden Abneigung in einer Art, daß Beides kaum noch von einander zu unterscheiden war und Alles wurde übertönt von dem immer lauter werdenden Ruf nach Freiheit in der Seele des jungen Mannes. Er riß sich endgiltig los, und zwar leider in einer ganz abscheulich unzarten, verhöhnenden Weise, nachdem er fünf Jahre mit Elfe Katze und Maus gespielt hatte, die in dieser Zeit etwa ebenso häusig wie die genannte Zahl der Jahre mit ihm ver- und entlobt gewesen war. Als der schone Kleisterfritz seine Freiheit wieder errungen hatte, fand er bald das, was er suchte, nämlich ein flotte gehendes Bucübinderei-Geschäft und eine zunge reiche Braut, die Tochzer des derzeitigen Besitzers. Zu Weihnachten schon war er verheirathet und des Schwiegervaters Kommis und Geselle in einer Person. Zufällig wohnte er an Else's nächster Straßenecke, und die kleine Schneiderin begegnete ihm hausig frühmorgens, wenn ste sich zu ihren fi....: r. . c . r. ;t jiuuviuuui ücyuu, uyue jeuou, vag Herz darob schneller geschlagen hatte. Der einstige Verlobte war todt für sie, denn Else besaß zwar wohl ein anhangliches Gemüth und ein liebevolles Herz, aber sie war doch weder eine sentimentale Thörin noch ein perfe:ter Charakter, und einem verheiratheten Manne strebten ihre Wünsche nicht nach. Sie hatte gestritten bis zum letzten Augenblick, nun aber die Sache gegen sie entschieden war, legte sie bedingungslos die Waffen aus her Hand. Natürlich aber blieb die mißglückte Verlobungsangelegenheit und die Erinnerung an den treulosen Buchbindergesellen doch der wunde Punkt in ihrem Leben. Sie mochte weder daran denken noch davon reden. Eine Anspielung aber, daß sie gar den ehemaligen Verlobten noch insgeheim lieben sollte, durfte sie mit Fug und Recht außer sich bringen, denn ein derartiger Verdacht enthielt eine Verleumdung und eine Bosheit zugleich. Auch konnte sie es vorläusig noch nicht über sich gewinnen, die Zeugin fremden brautlichen Glückes zu sein, und deshalb hauptsächlich hatte Else Mariechen Jäckek's freundliche Einladung zu deren psingstfestlicher Landpartie ausgeschlagen. Mit einem zärtlichen Brautpaar den ganzen Tag umherzumandern, das war für sie doch wirklich zu trübe und zu langweilig, umsomehr, als das brave Mariechen seinen treuen Kunstschlosser genau zur selbigen Zeit kennen gelernt hatte, wie Else ihren unzuverlässigen Buchbinder. Dort war Heil und Segen aus dem geschlossenen Bunde entsprossen, denn dieses Pärchen stand bereits dicht vor der Hochzeit. Und nur darum ging es denen da so gut, weil der Mann, welchen die kleine Putzmacherin für sich aus der Schicksalsurne gewann, kein Feigling und kein Egoist, sondern ein pflichttreuer, ; warmherziger Mensch gewesen war, der ! sich nicht scheute, tapfer den Kampf des Lebens zu wagen. Ein solcher Charak- , ter bedeutet das große Loos im Mädchen leben, wahrend die arme Else leider ein rrt i p- . Ältere zieyen mußte. 3. Capitel. Ungefähr eine Stunde nachdem Frau Zubern die junge Schneiderin verlassen hatte, begegnen wir der letzteren in der HofjSger-Allee. Else war den Rathschlagen der Portiersgattin nicht gefolgt, obgleich dieselben ja allerdings ein Körnlein Lebenseisheit enthielten. Aber die entlobte Braut war zu hart gewitzigt worden, um "!

tmjaajaieaj!i

son ihren Eroberungskünsten eine beson-' ders hohe Meinung zu hegen, und um j noch viel von einem unvorhergesehenen ' ST t ws m CW ' , t ' y)inat zu eryossen. Man yatte sie dort kalt Verschmäht, wo sie ihr Heiligstes, ihre Liebe und ihr frauenhaftes Selbst mit in die Wagschale geworfen, jetzt hielt ihre beste Ueberzeugung sie von allen Äerzuchen fern, die irgendwie mit einer Anspannung und Ausdietung der eigenen Persönlichkeit verknüpft waren. Das köstlichste Psingstwetter begünstigte ihren Ausgang. TagS zuvor hatte es geregnet und heute gab es weder Staub noch heiße brennende Sonne, es war warme, bedeckte Lust, Jörn- des darncs, sagt der Franzose. Else hatte Necht gehabt, wenn sie den Thiergarten lobte. Es gibt nicht zum zweiten Mal ein so schönes, urwüchsiges, großartiges und doch civilisirtes Institut dicht bei einer Weltstadt. Je nach der Stelle, wo man umherwandelt, bietet der Berliner Thiergarten einen echten Wald, einen wundervollen Park oder einen entzückenden Blumengarten dar. Besonders an der Hottager-Allee und gerade die Baumeremplare hervorragend schön und alt, unter ihrem Schatten ritten und fuhren schon Friedrich Wilhelm III. und Königin Louise dahin, damals als das kleine Jagerhauschen noch stand, welches der prächtigen Allee den Namen gegeben hat, und die Puppen" sich noch vor den altfränkisch geschorenen Hecken dc großen Sterns befanden, welche Friedrich der Große dort aufstellen ließ. Das erhöht eben wesentlich den Reiz des Thiergarlens, daß er neben den Vorzügen einer herrlichen Vegetation und seines großen Flächenraumes auch eine interessante Geschichte hat. Heute rollten die Wagenketten vierfach im breiten Mittelweg der Hofsäger-Allee, nnd an den Pfaden die sie kreuzten, ward des wanderlustigen Publikums Geduld hart geprüft, denn es mußte oft recht lange warten, ehe die unaufhörlich sieb folgenden Equipagen voll geputzter Infassen die Möglichkeit zuließen, gefahrlos den Damm zu überschreiten. Ein Platz auf der Ban? schien vorläusig durchaus nicht zu haben zu fein. Sämmtliche Sitze, die zur Erholung der Spaziergan? ger auf den Seitenstegen unter den Baumen angebracht sind, zeigten sich dicht beseht. Nun, Else hatte ja Zeit, und promenirte, geduldig wartend, auf und nieder. Mit ihrer zarten kleinen Gestalt und in ihrem dürftigen schwarzen Kleidchen bildete sie eine recht unscheinbare Figur unter all' den vielen mehr oder minder aufgeputzten Psingstoergnüglern, die hier die Blldflache belebten. Das einzige Ausfällige und Distinauirte an ihr war ein Buch, welches sie in der Hand trug. Mit dergleichen befaßten sich hier heut' natürlich die Wenigsten, denn Bücher läßt das deutsche Publikum gar zu gern zu Hause, wenn es sich amüsiren will. Und doch sieht ein Buch in Damenhand gar sinnig und verheißungsvoll aus! Der Band in Elsas Rechte zeigte eine leuchtende rothe Maroquinschale nnd darauf stand mit großen Goldlettern gedruckt: Neues : Buch der Lieder. . . . Von Noderich." Es war dies eine Gedichtsammlung, die Elses stete Begleiterin und Trösterin geworden war, solange sie dieselbe besaß. Einst hatte sie das Buch bei einer Kundin gesnnden, deren Bruder Recensent war. Anfangs schrieb sich die junge Schneiderin heimlich die einzelnen Strophen ab, die ihr hauptsächlichstes Wohlgefallen erregten. Als man das bemerkte, schenkte man ihr den Band. . . . mit lächelnder Miene und einem Achselgucken, das sür feinen Inhalt nicht schmeichelhaft war. Jetzt befand sich das Bucö schon seit Jahren in Elses Besitz und sein Anblick hätte den Autor rühren, ja entzücken müssen. Denn es trug die deutlichsten Spuren des Vlelgelesenselns. Zwar war die rothe Schale noch hübsch und wohler halten, weil Ekse stets zu Hause sorglich einen Umschlag darüber legte, doch inwendig zeigten die Seiten zahlreiche defecte Stellen, vielfache Kniffe und sögenannte Eselsohren . Bleistiftsstriche, Ausrufungszeichcn, ja eingehende Bemerkungen, welche auf den Rand geschrieben waren, markirten diejenigen Gedichte, welche offenbar die meiste Würdigung erfahren hatten. Es war nämlich wunderbar, Else. das einfache, unschuldige Kid, welches in seinem Heim unter Frau Zubernö Argusäugen wie in einem Glaskasten lebte, das die rauhe Wirklichkeit erbarmungslos auf das Stachelbrctt der Sorge nagelte, dies kleine, vom Schicksal gemaßregelte Ding unterhielt schen seit geraumer Zeit ein geistiges Verhältniß mit einer Mannsperson. . . .die zwar allerdings nur vorläusig eine Phantasiegestalt war! Aber wenn es wahr ist, daß die Unocrmählten stets einen Traum, eine HerzenSbeschästigung haben müssen, so bestätigte Else das einmal wieder vollauf. Was manchem hoch berühmten Autor kaum gelingt, nämlich eineMenschenseele ganz zu bezaubern, das war dem unbekannten Verfasser dieser Gedichtsammlung widerfahren, er hatte Else mit seinem Geiste völlig erfüllt! Ja, das Neue Buch der Lieder" war neben der eingeborenen Dulderfähigkeit ihres liebeoerlangenden HerzenS, eine starke Mitveranlassung gewesen, daß die junge Schneiderin einst so hartnäckig an ihrem ungetreuen Buchbinder festgehalten hatte! Stets auf's Neue berauschte sich Elses Gemüth bei der Lectüre dieser Gedichte und steigerte ihre Eraltationsfähigkeit durch den Dithyrambus der Liebe und Treue, der ihr daraus in beredter Weise entgegenblühte. Sie bediente sich der glänzenden Floskeln der romantischen Leidenschaft, der pathetischen Rede und der farbenprächtigen Schilderung, mit denen sich der Autor des Büchleins einen ständigen Platz auf dem Parnaß zu erkämpfen getrachtet hatte, und schmückte in derem Sinn ihr jugendliches, schwarzlockiaes Idol aus, so daß sie dessen kaltegoistische Eigenart, dessen nüchtern prossijche Natur kaum eher bemerkte, als bis es zum Aeußcrsten damit kam. Dann aber machte sie eS gerade umgekebrt. Als nach geschehenem Bruche ,mt dem feiqherzigen Verlobten und nach dem ersten Schrecken und der unvermeidlichen Trauer über daS vermeintlich verlorene Glück jene Abspannung und Herzensöde über Elfe kamen, die meist ver-

lorener Liebesmüh" nachfolgen, da laö sie abermals, Trost und Zerstreuung suchend, in den Gedichten, und nun kam ihr zum ersten Maleder Gedanke, daß dieselben ja doch wohl höchst wahrscheinlich einen Verfasser ' haben müßten! . . ? Roderich" stand auf dem Titelblatt war das ein wirklich cristirc::?cr Name oder ein Pseudonym? Wenn vielleicht gar eine Dame dahinter steckte? Nein, unmöglich, denn so wie Rodcrich" konnte nur ein Mann dichten und denken ! Immer mehr beschäjligie sich Elfe mit diesem Noderich", er wuchs sür sie

zu einer kreisbarcn Persönlichkeit empor, n . .". t . n . , . . . .. e - ' jic netz lyn yeur: rentier, morgen oc-. amtcr, uoermorgcn gar Lieutenant sein. Und da selbst Phantasiegestalten eines Aeueren bevuren, so nahm das junge Mädchen, welches ja nicht allzuviele Herren kannte, einfach das Beste, was der verflossene Bräutigam besessen hatle, nämlich dessen Jugend und auffällig schönes Lockenhaar, nnd stattete damit ihr Wahnbild aus. Dasselbe genau nach Vorschrift wirklich im Leben einmal zu treffen und keinien zn lernen, wurve fcrran eine der angenehmsten Hoffnuttgen ihrcö DaseinS. Da.... da wurde der Eckplatz auf einer Bank leer! Hrtlg wie ein Neh lief Elfe hin und bemächtigte sich seiner. Indem sie sich niedersetzte, bemerkte sie da man ja doch uinvillkürlich bei so naher Distanz seine Nachbarn mustert die hier übrigens hauptsächlich aus Frauen und Kindern bestanden daß aus dem andern Eckplatz der Bank sich ein Bekannter niedergelassen hatte, d. h. es war ein Herr, den sie so kannte, wie man ost in Berlin die Menschen kennt, nämlich nnr vom Ansehen, durch häusiges Begegnen auf der Straße. Berlin ist nämlich in dieser Veziehnng überraschend kleinstädtisch, ein Jeder, der dort länger lebt, wird die Bemerkung machen, daß man im Großen und Ganzen überall denselben Personen begegnet, sei es auf der Straße, im Theater oder bei anderen Lsfentlichen Gelegenheiten. Besitzen nun diese Menschen irgend etwas Typisches und Hervorstechendes, so prägt sich dieses Bild ihrer Erscheinung ein, und man erkennt sie schließlich auch an anderen Orten und zu anderen Zeiten stets wieder. So erging cS Elfe mit diesem Herrn. Früher, etwa vor zwei bis drei Jahren, war'sie ihm beinahe tagtäglich begegnet, entweder wenn sie fortging, oder wenn sie heimkam. Sie wußte auch, daß er eine Vuchhalterstelle bekleidete in einem der großartigsten Holz- und Kohlengcschaste Berlins, welches sich damals in der unmittelbaren Näh ihrer Wohnung befand. Daß er lcdigen Standes war, hatte sie zufällig auch erfahron, ihm jedoch trotzdem kein besonderes Interesse gewidmet. Elschcns Geschmack war noch der eines richtigen jungen Mädchens, bei ihr gesicl nur, was jung, glatt und hübsch war. Der Buchhalter gehörte schon damals zu den gesetzten Leuten und mochte jetzt dem Schwabenalter nicht mehr fern stehen. Sein gänzlich bartloses Gesicht war zwar angenehm und fast bedeutend, sogar nicht ganz ohne Schönheit und Nundung der Form, jedoch entstellte ihn große Kurzsichtigkeit und die goldene Brille, welche er fortwährend tragen mußte, sowie die umfangreiche Glatze, welche sogar noch unter dem Hut hervorguckte, waren ebenfalls nicht geeignet, sein Aussehen zu verbessern. Beides aber, eine Brille und eine Glatze, mochte Elfe ganz besonders nicht leiden ! Außerdem war die Art und Weise, wie man über den BuchHalter in ihrer Gegenwart gesprochen hatte, keineswegs geeignet gewesen, ihn in den Augen der rasch aburtheilenden Jugend zn verklären. Er schien zu jenen Gestalten zu gehören, denen man freilich die höchste Achtung nicht wohl versagen kann, denen jedoch stets ein leises Lächeln folat. weil sie Sonderlinge, wenn auch harmlose, sind. Else z. V., die nicht einmal des Buchhalters bürgerlichen Namen erfahren hatte, entsann sich doch mehrerer Spottnamen, die man ihm einst gegeben hatte. Er war entweder d Unverstandene" oder der Dichterling aenannt worden, aus welchem Grunde, darüber hatte die junge Schneiderin nicht weiter nachacdacht. Später war dann das große Holz- und Kohlengeschaft in eine andere, ferne Stadtgegend verlegt worden und mit ihm der Dlchterlmg aus Elfes Umkreis verschwunden. Doch erinnerte sie stch, nachher noch allerlel Romantisches über ihn vernommen zu haben, unter Anderem sollte lhm plotzlu s r r r r . e . rt . . t ' . e,ne arone rv aan zugefallen ein, un man sagte auch, daß er sich um eine wunderschöne junge Wittwe bewürbe, die überdies viel vornehmeren Standes sei, als er. Ob er nun mittlerweile diese Wittwe geheirathet hatte, oder ob sie ihm eine Korb gegeben, konnte ihm Else leider nicht ansehen. Im Ganzen aber machte de? Unverstandene" nicht den Eindruck eines speciell von Gott Amor Begunjttg ten. Im Gegentheil, er schien krank qc wefen zu sein, und saß so klaglich verdrietzlich auf seinem Platze, daß er der gutmüthigen Elle leid that. Daaeaen constatirte ihr feiner Frauen blick sofort, daß es mit der Erbschaft wahrschanlich seine Nichtigkeit hatte. Der Dtchtcrllng" trug das feinste Zommercivil, die theuersten Handschuhe, und an seiner bewunderungswürdigen Wäsche blitzten echte Diamantknopfe. (Fortsetzung folgt.) Bi ttere Wahrheit. Einem Landmann starb einst eine Kuh, der er bittere Thränen nachweinte. Kurze Z?it darauf starb seine Frau, welcher Verlust ihn aber auffallend kaltließ. Von feinen Nachbarn darüber zur Nede gestellt, entgegnete der kluge Bauer: Das wußte ich im Vorhinein, wenn mir die Frau stirbt, da kommen gleich zehn Leirte und bieten mir eine andere an ; aber wie mir die Kuh gestorben ist, da kam Niemand, um mir eine neue zu geben. Mißglückte? Versuch. Aber, Mann, was soll das nur werden? Erst kommst Du immer um zwei, dann um drei, um vier, und jetzt gar erst um fünf Uhr nach Haufe!" I,' siehst?, Alte, kam i ich um Zwei 3 da da hast De ge gebrummt, kam ich um Drei, hast De ooch gebrummt, um Vier hast De ooch gebrummt nu' wollt' ich blos 'mal fehen, ob Du Du ooch um Fünf brummst!"

Die deutsche Schutztruppe in OK asrlka.

In der Straßb. Post gibt ein ,Wißmann - Ofsicier" eine interessante Schilderung der deutschen ostafri konischen Schutztruppe. Der größte Theil derielbcn besteht auö Sulus, einem Men ich.'nschlagc von ziemlich gleichmäßiger Große. Da dieselben mit Europäern bis jetzt wenig zusammengekommen sind ssie stammen aus dem portugiesischen Östafrika, aus dem Hinterlande von Jnhambane), so sind sie auch natürlich noch in keiner Weife von der eurcpäischen Kultur beleckt worden und zeigen noch kille die angenehmen und unangenehmen Eigenschaften eines echten Naturvolkes. Zu letzteren geHort in erster Linie ihre Grausamkeit, vor Allem gegen Gefangene und Verwundete. Das Verstttiittncln dcrselbett durch Abschneiden der mänulichcn Glie'dmaßcn z. B. ist eine allgemein unter den Sulus (wie auch unter Somalis, Gallas, Abeffyniern und anderen Bewohnern Afrikas) verbreitete Gewohnheit. Dieselbe hat ihren Grund in dem Glauben, daß die Mannbarkeit bcs auf d:se Weise Ermordeten auf den Mörder übergeht. Es wird Jedem ein leuchten, daß die weißen Ofstcicre und llntcrotsiclere der vschulkompagnten kein ,tH w w rv teicyics mr yaoen, Ntcyrnur zolcye 'oorkommnisse zu verhüten, sondern auch dle Sulus von der Ungehörigkcit derselben zu überzeugen. Es ist merkwürdig, daß Diese grausamen Leute den weißen Vorgesetzten eine fast kindliche Autraulich keit entgegen tragen. Da sie für ihr Leben gern rauchen, so passirt es wohl, daß der !öeiße von einem Sulu in halb kämeradschaftllchem, halb schmeichelndem Tone um eine Cigarre oder Eigarette angebettelt wird. Hat er eine Giftnudel" erhalten, dann wird sie auch sofort angezündet und der Füer fretende Düvel verkehrt, d. h. mit dem brennenden Ende in den Mund gesteckt. Ich beschreibe damit nicht etwa eine Ausnahme, sondern thatsachlich eine Stammesangewohnyett. Nach ryrer Angabe , st diese Zlrt Itauchen sparsamer. Eine gleiche Liebe lassen sie dem Trinken zu' Theil werden. Allerdings war Vaqamoyo bisber nicht gerade der Ort, wo sie den zur Aefriedigung ihres äquatorialen" Durstes nöthigen Stoss stets in genügender Menge erhalten konnten. Allein ein kleines Tröpfchen" war doch meistens oorhanden. Die Sulus sind Meister des Gesanges, zu einer wirklich melodischen stimme gesellt sich ne ganz hervor ragende technische Fertigkeit. Bei ihren Gesängen, welche sammtllch EanonS sind, überspringt wohl eine der Gesangsiibthcilunczcn einen halben oder Vierteltakt und leht dann das Canon, mit diesem veränderten klappenden Takt, mit zroßer Sicherheit bis zu Ende fort. lleberauS komisch wirken ihre Kriegstanze. Wird auf dem Marsche eine kleine grast gemacht, dann springt plötzlich der Vortänzcr der Compagnie mit blankem Lcesscr auf einen der Ofsiciere, am liebsten den Eompagniechef zu und stößt, von kinem Vein auf das andere hüpfend und dem betresftndm Herrn mit dem Mcffsr dicht unter der Nase herumfuchtelnd, mehrmals schnell hintereinander die Worte aus: Soll ich ihn todten, soll' ich ihn todten?" Unterdessen hat auch die abrige Compagnie angefangen zu hüpfen und antwortet prompt: Ia, du mußt ihn todten, ja, du mußt ihn todten!" Dieses harmlose Spiel wird fortgesetzt, bis das Signal zum Weitermarsch ertönt. Entschieden der vornehmste Theil der Truppe sind die Somalis. Bei einer chocoladebrauneu Hautfarbe zeigen dieselben einen herrlich gebauten, sehnigen and schlanken Körper. Die Nase ist klein und spit?. die Augen blicken feurig and stolz und die Lippen, zwischen denen zwei Reihen blendend weiter Zahne erscheinen, sind schmal und fein gebaut und nicht wulstig und unförmlich, wie die Negcrlixpen 1 Die Somalis find ein ungewöhnlich j schöner Menschenschlag. Ein Bootsmann aus Dares-Salaam, der 18jährige Ali, war das Jveal eines schönen Jünglings. Trotz feiner fchwarzcn Hautfarbe hatte er in unseren Damensalons jedenfalls das allergrößte Aufsehen erregt. Die Somalis sind fanatische Muhamedaner ; dazu kommt ein äusgeprägtcs Selbstgefühl, ein herrischer Stolz und eine uugezähmte Wildheit. , Diese Eigenschaften erschweren den Verkehr mit den Somalis in großem Maße, und es war ibnen gegenüber die höchste Lorsicht geboten. Die Nichtachtung ihrer religiösen Gefühle, die geringste körperliche Züchtigung würde nteiner Ansicht nach die sofortige Ermordung des betrellsenden Europäers zur Folge habend Im Wiener P rater müssen jetzt nicht nur die Hunde, sondern such die Indianer sn de? Leine geführt werden, eine polizeiliche Verfügung, die der Siour-Jndianer Mister Good aus der Wild-Amerika"-Trupxe des Dr. Earver auf dem Gewissen hat. Er ging jüngst des Nachts, nachdem feine Rolle als blutiger Leichnam in der Prairie mit gewohntem Erfolg dem staunenden Publikum vorgeführt, ein wenig aus Erholung" aus, trat zn ein PraterWirthshaus nnd ließ sich ein Glaö Bier geben ; es schmeckte ihm. 4,Verj good" meinte Mr. Good, ließ sich ein zweites, ein drittes Gläschen reichen und trat dann in heiterster Stimmung eine kleine Bierreise durch mehrere Prater-Wirths-hauser an. Der Sohn des Westens wurde immer susgelassener, plötzlich befand er sich gegen einen Kellner auf dem Kriegspfade. Da der geschätzte Wildölmerikaner glücklicherweise seinen Spa-zier-Tomahawk nicht bei sich halte, so begnügte er sich damit, den Kellner bloß zur Erde zu legen", ohne ihn zu skalpiren, und dann ein derartiges Gebrüll anzufangen, daß die ältesten Bäume im Prater wackelten. Selbstverständlich war die Polizei rasch zur Hand, verhaftete das ungeschlachte Naturkmd und aeisährte ihm eine mehrstündige strafweise Unkerkunft im Pslizei'.Wigwam" im Prater. Das verdruckte Abendroth. (Aus einem Romans: Die Sonne neigte sich zum Untergänge, langsam tauchte der glühende Ball in bk ferne Fluch. Edwin saß neben Emma in der Laube ; die Hände der Glückliche hatten sich gesunden und ein herrliches Aöenddroth verklärte ihre Züge. ijlSiirsZiihigRi?,!

- s ,i':!'il

S

-VPiiij! .', tut JU-rsüK ia,:,..s,.;:;.ii;.i;rir i-s i 5i t, . m ,,p, s1si;sii,äiii;N:lhi.. . . - ;-,,, ,,,,, i , J"" ZMM; , Ijijijf!