Indiana Tribüne, Volume 13, Number 11, Indianapolis, Marion County, 29 September 1889 — Page 6

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Vom Wein.

Wenn man mit dem Damxsschiss von OßmannZhausen bis Vlebrich fährt, so hat man linker Hand die grünen rebcnumsponnenen Verge mit den besten, den .hcchfeineN" Lagen. Aßmannshausen und Nüdesheim, Geifenheim, Johannisberg, Stemberg, Markobrunnen und Rauenthal klangvolle Ruhmesnamen des RheingauS ! Mit dem traulichsten Kneipnest am ganzen Nheinstrom U ginnt die Reihe, mit Aßmannshausen, daS so verborgen und heimlich am Fuße dcS Niederwalds hervorlugt, und in dessen welnlaubumranktcr Krone der Rothe verschenkt wird, ein stolzer, mannhasttr, fast mandelbittere? Äem, von dem einst Emil Nitterhaus gesungen: deutschen Nheine grün umlaubt, Da ist ein lustig Leben, Es tragt der Wein aus seinem Hauvt Ein Diadem von Neben. Ei lustig Leben ist amNhein, Ich fing mit Hellem Tone: ES ist der AsmannshSuser Wein Nttbin der Rheines kröne." Dann, nur wenige Minuten weiter, ans der anderen Seite des ragenden NiederksaldZ, liegt das betriebsame Stadtchcn Nüdesheim, aus dem die Zahnradbahn zum Denkmal emporsteigt. Ningsumher erheben die Weinberge ihre Häupier, die edlen Nüdesheimer Berge. Der Boden ist der köstlichste, den der Weinbauer sich wünscht, alter, verwitterter Schiefer, in den die Sonne mit ihrer ganzen Kraft zu dringen vermag. Das ist der beste Grund für den Weinbau. Dort, wo der Boden schwer und fest und erst wenig durch Dunger kultioirt und durchwärmt ist, da ist's weniger gut.hausen. Dort wachsen die ganz schweren Weine, denn die Schwere des Bodens ledittgt die Schwere des Saftes, wie die Fettigkeit die Süße und Süfsigkeit bedingt. Auf den ausgcVihnten Rüdesheimer Bergen gibt es natürlich auch Lagen von verschiedenem Werth. Wodurch der Werth eimS Weinberges eigentlich bedingt wird und was Alles dazu gehört, um einen untadeligen Wein zu erzielen, darüber sind weder die Theoretiker, noch die Praktiker sich bisher forecht ewig gewerden. Gute Lage mitten im Sonnenbrand, guter Boden, gute Pflege, das sind fo die ersten Bedingungen. Aber auch die Luftströmungen unter der Erde kommen mit in Betracht und sind mit ausschlaggebend für die Güte der Frucht. Aber vor allen Dingen brauch tder Weinbau eins: dreizehn gute Monate in jedem Jahr das. ist die Hauptbedingung! Am Nüdesheimer Berg ist die Oberseldslage sehr bevorzugt. Die scheidet sich dann wieder in Hinterhaus", No!tlandund Engerweg". drei höchst fürtresstiche Brzirke. Berühmt ist die sogenannte Orleanstraube. Der Nüdesheimer Wein ist ein blumiges, kräftiges Weinlein, mit einem vollen Fruchtgesckmack, der mitunter dem Psirsichgeschmack ähnelt. Daran hat sich schon manch edler Zecher gütlich gethan, und die Nheinwandcrer, die vor lauter Weingenuß anfangs gar nichts von der schönen Natur erblickt haben, trösten sich damit, das; sie nachher zum Ersatz Alles doppelt zu sehen bekommen. Hoch vom rebenumschlungenen Berg heraö gncht das alte Schloß Johannisderg den Nheinfahrer. Die guten Leute irren sich ja alle hier oben sitzt die wahre Jungfrau Lorelen, sie hat sich das Doldhaar mit Weiylaub durchwoben und singt den Schiffern' ein Lied, davon in die Kopse eine ganz seltsame Verwirrung fahrt. Das ist das berühmte Lied der Loreleu, aber nicht das, welches der niFenfelige Heinrich Heine gedichtet. Das Schloß steht nun schon an die -achthundert Jahre hier zwischen diesen goldhaltigen Nebenzcilen, und es ist wirklich zu verwundern, daß der alte Thurm noch so kerzengerade und nüchtern inmitten all dieser Herrlichkeit emporragt. Hier im Schlöffe haben einst die Venedictiner gehanst, und die klugen Mönche, denen der ganze Nheingau so viel verdankt, haben die Weincultur ganz vortrefflich betrieben. Im Jahre 2607 hat Napoleon I. das Schloß und den Weinberg dem Marschall Kellermann. Herzoq von Valmy, eschenst, und 1810 belehnte der Kaiser von Oesterreich. damit den Fürsten MettelNlch, deen Nachkommen jetzt also Besitzer des berühmten Berges sind, dieser 00 Morgen Land, auf denen der Johannisbcrger emporschießt. Unter den Hallen de5 Schlosses, da wlöt sich hoch und breit der stattliche Keller, nicht allzu ausgedehnt, ber Prächtig in seiner stolzen Wölbung und ganz in den Fels des Verses hineingehauen. Dort lagert in dickbäuchigen Fassern der gute Johannisberger Wein. Hier und da hängt eine alteithümliche metallene Lichtkrone von der Decke herab, deren Kerzen das Dunkel matt erleuchten. Und tritt man dann hinaus ns dem Halbdunkel des Kellers, hinaus auf die hschgebaute SHloßterraffe, so Überblickt man das ganze yerrliche Rheinpanorama von Mainz bis Vingen hin, und die Sonne spinnt ihren goldigen, durchsichtigen Schleier darüber. Dicht unter der Terasse aber klettern die schnurgeraden grünen Nebenzellen em? xor. lange, regelmäßige Linien. Der Johannisberger ist ein stattlicher Wein ; er ist süß und doch dabei fäuerlich, er hat etwas kräftiges, ist nicht so mild, zart und duftig, wie der Nauenthaler, sondern mehr herb, männlich und trotzig. Aber er unterscheidet sich auch Wieder bedeutsam von dem bekannten Geisenheimc? Rothenber, der noch volIer. llumpiaer. schwerer ist. Die Frucht hangt hier, wie fast im A ' . ... i...rr; je ganzen myemgau, zur i ooruqju. Äamentlick. was die Qualität anUt langt. Älber auch quantitativ gibt es, tarnt das Wetter nur einigermaßen günstig bleibt, zum Mindesten daS, was der Wtinbamr einen halben Herbst nennt. D:e Quantität würde noch mehr belttediam. wenn die Voqel nicht waren und wenn der Sauerwurm nicht auch ein Wortchen mitspräche ein Wurm, der gaaz unverschämt m jede Beere hineinNicht und so die ganie Frucht verdirbt. Es bereist übrigens jetzt gerade ein ReblausiProzeor, den lit vteglerung geschickt hat, den Gau und untersucht die Stocke, aber die Bauern schütteln die Köxse dazu, sie haben sich nsch im

s nicht zur Gelehrsamkeit bekehren mö-

gen. In feiner Jsolirtheit und Abgeschlosfenheit ist dem Johannisberg der berühmte Steinberg zu vergleichen. Marschirt man aber von Oestrich aus oder von Hattenheim in den Gau hinein, rechts vorüber an dem freundlichen Dorflein Hallgarten, so sieht man ihn in feiner nicht allzu bedeutsamen Breite liegen, von einer Steinmauer umschlossen. Der ganze Steinberg gehört der Do mäne, er soll etwa 100 Morgen groß sein. Zwar wächst nicht auf diesen ganzen 100 Morgen der vollwerthige Kabinetswein, doch wird auch das Mmdejcwerthige hoch bezahlt. Die hohen Preise, welche bei den Versteigerungen die Domäne versteigert alljährlich ihre Weine, erzielt werden, gelten zum großen Theil der Seltenheit des Gewächses, das eben nur von der Domäne zu erlangen ist. Der Steinberger ist ein rassiger, durchgehender, imponirender Wein, ein herrisches Traubenblut, mit dem nicht zu spaßen ist. Jenseits des Berges, zwischen hochbewaldeten Hügelwändeu, liegt das alte Kloster Eberdach, in welchem die Tomäne ihr Hauptquartier im Nheingau aufgeschlagen hat. Erzbisch of Adaldert von Mainz hat vor gut 750 Jahren diese frommen Hallen erbaut, und Bernbard v. Elairoeur hat sie dann zum Kloster erhoben. Die Augustiner, Benediktiner und Eisterzienser haben hier nach einander im Gebet das Heil und im Weine die Wahrheit gesucht. Sie haben zuerst den Steinberg angepflanzt und noch manch' anderes menjchensreundliches Werk gethan. Aber einmal kamen die Mönchlein in gar arge Bedrängnis;. Das war im Bauernkriege, im tollen Jahre 1525, als die Bauern vor's Kloster zogen und nun auch einmal sangen: eäite bibite !" oder doch ein ähnliches Lied, wie man's nun damals an weinfrohen Tagen gesungen haben mag. Da sollen die Aufrührerischen draußen vor dem Kloster aus der Wachholder Haide ein großes Gelage veranstaltet und 80 Stückfa Wein ausgetrunken haben. O, über dies gottvergeßne. heillose Bauernvolk ! Die Mönche haben nun das schöne, weindustige Kloster auch schon langst verlassen müssen. Im Jahre 1803 ward das Kloster ausgehoben, und jetzt hat dort die Domäne ihre Lager und Verwaltnngsräume. Die hohen Seitengebände sind zu einem Gefängniß verwendet worden, und es muß wohl eine besondere Verschärfung der Strafe sein, dort oben zu sitzen, mit dem Blick auf die geheiligten Räume, darinnen der alte Nebensait schläft und träumt, und immer durstig bei Wasser und dicker Grütze! Die Gefängnißbeamten sind übrigens gegen den, der nicht als Klient zn ihnen kommt, recht liebe Leute. Sie schreiten mit dem rasselnden Schlüsselbund voran Über den breiten Gefängnißhos, hinüber zu dem eigentlichen Kloster, lassen den Fremden in den prächtigen, säulengetragenen Kapitelsaal mit seinen gothischen Bogernvölbungen hineinschauen, in das Refektorium, woselbst alliahilich die Weinverfteigerungen der Domane stattfinden, rn die erst unlängst restaunrte Klosterkirche und in die mächtige KelterHalle, wo rings an den Wanden die hoben, klobiaen Keltern stehen. Aus dem Kelterhause aber führt eine niedrige Thür hinab in den Gährkeller, und von dort geht's dann weiter in jenes sidele Gesangnlß. wo, von gewaltrgen zernen Reifen umschlossen, die stolzen Gefangenen ruhen, dicht bei einander, auf den Tag harrend, da sie hinausziehen dürfen in dre werte Welt, um rhre euerlehren zu verkünden. In der Mitte des Kellers ist rings um einen der Pfeiler ein breiter Tifch gebaut, ein wundersamer Platz, einer der schönsten im ganzen Nheingau. Dicht am Einganysthor des Klosters aber ist eine fröhliche Kneipstube mit einer luftigen Veranda aufgebaut. Und an der Veranda sinden sich allerhand sinnreiche Sprüche und Verse, die in der verständigen Sentenz gipfeln: ,Ein Mund nicht zu groß und ein Glas nicht zu klein, Wie kann es wohl schöner und herrlicher sein!" Es ist selbstverständlich, daß diese Verse erst nach dem Auszug der Mönche hier erstanden. So ungefähr in einer Linie mit dem Steinberg, nur näher dem Rheinufer fit, nahe bei dem Wemdörslein Hattenheim, entspringt ein lustiger Bergltuell: der Markobrunnen. Und dicht über ihm erhebt sich der Berg, der in seinem Schooße ein so holdes Kindlein gebiert. Zu welchen Ehren ein ganz gewöhnlicher Bergquell nicht gelangen kann man sollte es kaum glauben 1 Er, ein Bürschlein von reinstem Wasser, hat der lieblichsten Jungfer den Namen geben dürfen! Der Markobrunne? ist ein lieblicher Wein, mild und ziemlich süß, dabei elegant und fein und rund. Der Berg ist nur acht Morgen groß, aber was er trägt, ist vollwerthig. Hier und in vielen anderen Bezirken wird noch wacker gearbeitet. Männer und Frauen schreiten mit Messern die Zeilen entlang und gipfeln die Stöcke. Das ist das dritte und letzte Stadium der Arbeit. Die hohen Sommertriebe werden gegipfelt d. h.abgeschnitten,dann in kleine Bündel zusammengebunden und zum Dörren aus die Stöcke gehängt. Wenn die Sonne sie ganz ausgetrocknet hat, so daß sie braun und verdorrt ausschauen, so gelten sie als ein ausgezeichs netes und sehr gesuchtes Kuhsutter. Das Gipfeln der Stöcke ist eine sehr weise Maßregel, denn indem man die Nebe beschneidet, verhindert man, daß der ganze Sast nach oben in die Spitzen schießt und verloren geht. Nun ist bald auch überall gegipfelt, und dann wird Weinbergsschluß gemacht. $st der Schluß verhängt, so darf Niemand mehr die Berge betreten: selbst dem Besitzer ist der Zutritt aufs Strengste Untersagt, denn da auf vielen Weinbergen die Gebiete der kleinen Weinbauern eng aneinander grenzen, so ist es oft vorgekommen, daß dieser und jener von den nun allmälig reifenden Trauben nahm, ohne recht darauf zu achten, daß sie in Um Besitzstand seines Nachbars liegen. Alle Arbeit ruht nun, man giebt der Traube Muße, vöSig auszureifen. Nur

die Schützen sind an' der Arbeit. " und schon jetzt, hört man sie in den Bergen knallen, um daS freche Volk der Staare zu verjagen, das leider auH zn den Weinkennern gehört. Im Nheingau giebt es keine Berufs-, sondern nur Ebrenichühen Schützen, deren Thätigkeit als ein Ehrenamt betrachtet wird. Sie sind die Einzigen, welche von den Behörden Erlaubnlßkarten zum Betreten der Berge erhalten. Hattenheim ist ein freundliches Weinvors, das just lo ausschaut wie alle anderen Weindorfer im ganzen Gau. Weiße, saubere Häuschen mit schwarzen Schieser oder rothen Ziegeldächern, winklige miserabel gepflasterte Straßen, in der Mitte die kleine Kirche und an allen vier Ecken je ein Wirthshaus. Hattenheim ist eins der Hauptquartiere, für den großen Weinhandel. Dort haben der Graf Schonborn und das Hans Wilhelms ihre Lager keller, und auch oer Prinz Albrecht, der gleichfalls zn thx bedeutenden Weingutsbesitzern am Rhein zählt, befaß dort bis vor Kurzem ein Verwaltungsgebäude. Die bei Weitem ausgedehnteste der Hattenheimer Kellereien ist die Wilhelmjsche, in welcher nicht weniger als 100 Stück ä 1200 Liter lagern. Das ist ein Labyrinth von Gängen, in das man, mit Lichtfackeln bewaffnet, hinabsteigt. Vorbei an den dunklen, dickbäuchigen Gesellen, die je ein weißes Talglicht auf ihrem Scheite tragen. In endlosen Reihen liegen sie still und stumm und verschlafen da, und darüber flackern und flimmern die kleinen Kerzenflammen. Was ein rastloser Sammlergeist im Laufe langer Jahrzehnte erworben, das liegt dort träumend bei , einander. Da sind Weine, die eine lange, stolze Geschichte haben, und die Geburtszahlen der Fässer gehen bis Anno 1624 zurück. Da lagert das Weinlein, von dem einst die baierische Pfalz dem jungen König Ludwig It. zwei Faß als Hochzeitsgeschenk senden wollte, und das dann, als die königliche Verlobung ganz unoermuthet zurückging, anderweitig verkauft werden mußte nd nach Hattenheim kam. Da lagert das Beste, was Rauenthal, Marcobrunnen, Aßmannshausen, Nüdesheim und Hochheim in den großen und kleinen Jahren erzeugt haben. Und hinter dem Gährkeller erhebt sich stolz und herrschergewaltic; das mächtige, über acht Meter hohe ötie'zcnfaß, daß das gute Maß von 64,009 Nheinweinflaschen enthält und bis zum Rand gefüllt ist. Es wurde aus dem vortresflichen Holze, das s. Z. auf der Wiener Weltausstellung pramiirt wurde, gefertigt und ist nicht nur das größte Faß am Rhein, sondern wohl das größte gesüllte Weinfaß der Welt. Denn das berühmte Heidel-

berger Faß, das übrigens nur um ein Weniges größer ist, ist bekanntlich innen ausgemauert und niemals gefüllt gewcsen. Am 22. August 1870 zausten bei j Gelegenheit des in Wiesbaden tagenden und in Hattenheim trinkenden XI. deutschen Journalistentages Emil Rittershaus und H. Dickmann mit kernigen Liedern und Sprüchen dies mächtige Hattenheimer Faß. Das Wort vom kühlen Keller" ist sehr berechtigt, denn zie Temperatur wird hier auf 8 bis 10 Grad erhalten. Ein guter Keller muß vor Allem lustig sein. Auch müssen alle Einwirkungen der Temperatur von außen her ferngehalten werden ; deshalb versperrt man die Fenstcr mit Stroh oder Asche und bepflanzt auch gern den Boden über den Kellerräumen mit Buschwerk, das die Sonnenstrahlen abwehrt. Vor Allem braucht aber der Gährkeller eine einheitliche, gleichmäßige Temperatur nicht unter 16 Grad. Wird es im Gährkeller zu kalt, so stockt der Wein in der Gährung, und im nächsten Jahre kommt die Nachgährung, mit der kein Kellermeister einverstanden ist. Wenn die Trauben im Herbst gelümmelt sind, so kommen sie in die Traubenmühle, welche die Beeren mitsammt den Kämmen oder Rappen dem Stielgestecht, an welchem die einzelnen Beeren hängen zerdrückt. Dann bleiben sie einige Tage lang stehen, wodurch sie bedeutend an Vouquet gewinnen. In der Kelter werden sie sodann abgepreßt, und der erzielte Saft fließt durch Schläuche in die Fässer, in denen er der Gährung überlassen bleibt. Etwa im Februar erfolgt der erste Abstich eine Umsüllung in'andere Fässer, um die Hefe, die sich im Lause der Monate auf den Boden gesetzt hat, aus dem Wein zu entfernen. Das ist so in kurzen Zügen das Versahren der Weingewinnung. Aber der ganz edle Wein bedarf noch größerer, sorgfältigerer Arbeit. Wenn auf den alten, graubestaubten Flaschen das verheißungsvolle Etikett Auslese oder gar Trockenbeer-Auslese" steht, dann ist das Verfahren nicht so einfach gewesen. Dann lat eö noch mehr Mühe, noch mehr Schweiß gekostet,, aber dann hat auch der Lohn nicht gefehlt. Auslesen giebt es nur in den guten Jahren. Der Weinzüchter unterscheidet drei Stusen on wiederum sehr verschiedenem Werth. Er wählt zunächst in seinen Bergen die bochreifen, gelben Trauben aus; es sind das diejenigen, die nach der Sonnenseite zu hängen und hie begünstigter sind als die rückwärts hangenden Beeren. Sie sind schon recht zuckerhaltig und geben einen sehr bouquetreichen, feinen Wein. Aber in ganz guten Jahren erzielt man noch bessere Auslesen. Da wartet man, bis die Beere eine Ueberreife erreicht hat, und wählt dann die edel-fauZen Beeren aus, die ganz süß sind, und in deren angefaulter Hülse daS köstlichste Bouauet sich birgt. Nur in sortgesetzt heißem und zugleich feuchtem Wetter erreicht die Traube diese Ueberreife, Doch auch das ist noch nicht die Krone des Weinbaues. Die Trockenbeer-Auslcse, die man frei lich seit dem Jahre 1868 nicht' mehr er zielt hat. steht noch höher im Werth. Da läßt man die edel-faule Beere völlig zur Rosin? zusammenschrumpfen, dabei geht der wässerige Bestandtheil fort, und nur ein markiger Saft bleibt zurück, der zum feinsten Und kostbarsten . Weine wird. Auch auf den Höhen rings um Hattenheim wächst trinkbares Traubenblut, und der sogenannte Engelmannsb'erg.der Domänen gut ist,wird sogar sehr hoch bezahlt. Aber was ist das AlleS gegen den Wein von Rauenthal, den liebenswürdigsten, edelrein steil Wein, das kostbarste Gewachs, das je durch eine durstige Trinkerkehle geflosten ist! Süß und schnei-

isi: - ii '.-i mit einem Duftder die Fülle der Frucht und die Lieblichkeit der Blüthe hat, so wachst dieser köstlichste Wein oben auf den breitbehäbigen, fonnenumflutheten, steilen Nauenthaler Bergen. Er muß den nüchternsten Menschen zum Poeten machen, und die soziale Frage wäre im Nu gelöst, wenn Nauenthaler genug wüchse, um den Durst der ganzen Welt zu stillen. Denn dann müßte die gesammte Menschheit selig werden. Gefährliche Vertheidigung. Ein Bildhauer aus Genua- war im Jahre 1776 nach Venedig' berufen worden, um dort in einer Kirche einige schadhafte Bildsäulen auszubessern und durch einige neue zu verschönern. Während seiner Arbeit traten zwei Franzosen in die Kirche. Nachdem sie sich mit dem Bildhauer in ein Gesprach, seine 5?unst betressend, eingelassen und seine Arbeiten bewundert hatten, lenkten sie das Gespräch auf die venetianifche Negierungsform und äußerten sich unumwunden über den Senat der damaligen Republik. Der Genuefe, weit entfernt, in ihren sarkastischen Tadel einzustimmen, suchte vielmehr den Vertheidiger des Senats und der Verfassung Venedigs herauszukehren, doch eben nicht mit dem besten Erfolge. Den 'nächstfolgenden Tag wurde der Genuefe vor die Staats-Jnquisition geladen und jtellte sich, obgleich er sich keiner Schuld bewußt war, doch mit Furcht und Zittern. Beim Eintritt in den Versammlungssaal legte man ihm sogleich die Frage vor, wer die beiden Franzosen gewesen, mit denen er gestern in der Kirche gesprochen habe. Er versicherte, er kenne sie weder dem Namen noch dem Stande nach, sie wären nur zufällig in die Kirche gekommen, um dieselbe zn besichtigen. Werdet Ihr sie wohl wieder erkennen?" fuhr man fort. Vielleicht, doch mit meiner Arbeit beschaftigt habe ich sie nicht genau betrachtet. Haben, sie nicht mit Euch üker die Negierungs form der Republik gesprochen?" Das kann ich nicht bestreiten, aber ich kann es mit einem feierlichen Eide bekräftigen, daß ich mir kein unziemliches Urtheil erlaubt, vielmehr ihrer mit dem größten Lobe gedacht habe." Nach diesem Verhör wurde der Genuese in einen Hof geführt, wo die beiden Franzosen aufgeknüpft hingen. Ein kalter Todesschauer überlief ihn bei diesem schrecklichen Anblick, er glaubte, auch seine Todesstunde habe geschlagen. Nach einer halben Stunde, die der Künstler in der peinlichsten Todesfurcht zugebracht hatte, wurde er wieder vor die Schranken des Jnquisitionsgerichts gesührt. Der Präsident desselben empsing ihn mit den Worten : Nünftig hütet Euch und vergeßt nicht, daß unsere öcepublik keinen Vertheidiger, wie Ihr seid, nothig hat." Man entließ ihn und er hatte nichts Eiligeres zu thun, als seine Sachen zu packen und einen Freistaat zu verlassen, wo es selbst lebensgefährlich war, seine Einrichtungen zu vertheidigen und zu loben. Mann und Frau. Mit Bitten herrscht die Frau und mit Befehl der Mann ; Die Eine, wenn sie will, der Andere wenn er kann. Die Rache der Verschmäht en so könnte man die kleine . Komödie" betiteln, die unter 'der Nachbarschaft einesHauses inderKottbuserstraße zu 'Berlin viel von sich reden macht. Genanntes Hans gehört einem bis vor Kurzem unverheiratheten Herrn, der sich von einer Wirth schasterin sein Hauswesen leiten ließ. Wie das häusig zu geschehen pflegt, lebte auch diese Wirthschasterin der angenehmen Hoffnung, daß der Hausherr aus Dank für ibre ausopfernde Sorgfalt sie heirathen werde. Aber auf andere Pfade führte Amor den ledigen Mann, und eines Tages hieß es im ganzen Hause und bald auch in der Nachbarschaft, morgen hat unser Hauswirth Hochzeit." Die enttäuschte Wirthschasterin sann auf Nache. Während die Hausbewohner die Thüren mit Kränzen unv mrtanven jcymuaten, um das junge Paar bei der Rückkehr vom Hochzeitsschmause würdig zu empfangen, schnürte die Wirthschaften ihr Bündel, um sich ganz plötzlich und unvorbereitet Von der Stätte ihrer langjährigen Wirkfamkeit und getauschter Liebeshofsnung zn entfernen. Um 1 Uhr Morgens kam das neuvermählte Paar in fröhlichster Laune naH Hause, aber wer beschreibt das beiderseitige Erstaunen, als trotz unaushörlichen KlingelnS nicht geöffnet wird. Endlich entschließt sich das hochzeitlich geschmückte Paar, über den Hof zu gehen, um durch die Küche den Eingang in die Wohnung zu ermöglichen. Und siehe dsl: die Küchenthür 'ist nur' leicht angelehnt, die junge Frau betritt ihr neues Heim. Kaum hat der HausHerr ein Licht angezündet, als sein Blick auf einen auf dem Tisch liegenden Zettelfällt. Da stehen die Worte zu lesen: Sämmtliche Schlüssel sind mir in die Senkgrube gefallen, wo sie noch liegen. Louise." Das letztere Wort genügte zur Aufklärung der ganzen Situation: Louise hieß die verschmähte Wirthlchafterin, ihre Stäche waihr gelungen. All Thüren waren geschlossen, kein Schlosser war mitten in der Nacht aufzutrciben, seine Miether in solcher Lage um ein Obdach zu bitten, 'war dem Hanswirth zu peinlich, auch fürchtete er die Schadensreude der spottlustigen Menschen. Sa blieb denn dem Wirth und der Frau Wirthin nichts anderes übrig, als in der Küche zu bleiben und aus zwei Holzstählen im vollen Hochzeitsstaat zu campiren, bis endlich in der siebenten Morgenstunde ein Schlosser zur Oessnuna der tubenthüren schritt und hierdurch" das junge Ehepaar aus seiner Pein erlöste. Fal s ch v erstanden. Vater: Sie haben soeben, um die Hand meiner Tochter angehattea, junger Mann! Ich müßte zunächst d,ch etwas über, Ihre Verhältnisse erfahren. Freier" (mit sanftem Vorwurs): Aber die habe ich tz,ch sämmtlich abgeschafft, Herr Müller!

öelnd. nicht vt schtts. noch zu schwer.

interessanter Goldfund. Im Nationalmuseum von Budapest befindet sich seit wenigen Tagen ein Lochst interessanter Goldfund, den man tn Szilagy - Somlyo ansgeqraben. Er gehört in das Gebiet zur Sett der Kunstrechnik der Völkerwanderung und übertrifft alle früheren Fuude dieser Art in Bas ad (Ungarn) und Pctrofa (Numänien) noch mehr als durch feine künstlerische Schönheit, durch seinen Reichthnm. Das germanische Element,welches sich in des Kaisers Trajan Gebiet Dacien seitdem Jahre 260 n Chr. eingebürgert, fand dort so große Reichthümer und die Bergwerke lieferten so bedeut tende Schätze, daß man berechtigt ist. dieses Dacien das Calisornien der VölkerWanderung zu nennen, und die verfchwenderische Verwendung des Goldes bei allen Funden erheben das KaukaLand" (das jetzige Siebenbürgen) zu einem Barbarenstaat in seiner Blüthezeit. Der neueste Fund läßt auf den ersten Blick erkennen., daß er den Schatz eines prunkliebendcn gothischen Fürsten repräsentirt, denn alle seine Objecte sind Frauenschmnck, und er mag vergraben worden sein, als die Bewohner vor Attila flüchteten, und in der Hoffnung einer baldigen Wiederkehr. Es wurden im Ganzen 24 große Schmucksachen und 2 Bruchstücke von solchen gefunden, Fibeln (Broschen), ein Armband und drei prächtige schalensörmige Schmuckschreine. An drel der Fibeln sieht man das Svmbol des gothischen Christenthums, das arianische Kreuz, zwischen Ornamenten, die mit Granaten markirt sind ; zwei von ihnen stellen äußerst kunstreich construirte Löwen dar, Die Größe der Fibeln ist sehr verschieden ; die meiste Bewunderung erregt ein Eremplar in Gestalt einer Schildkröte in gediegenem Gold; künstlerisch steht es tief unter den übrigen, es fällt aber dnrch seine mächtigen Edelsteine aus und dürste die Bestimmung gehabt haben, das Kleid an den Schultttn zusammenzuhalten. Ein großes goldenes Bracelett hat wahrscheinlich den Arm unter dem Äermel des Gewandes geschmückt. . Die künstlerische Region, welche alle diese Gegenstände schuf, beschäftigt übrigens die Fachkreise sehr lebhaft; diese Kreise nennen die betreffende Kunst, weil ihre Technik, von der Volga angefangen, in westlicher Richtung sich in allen Gebieten sindet, die von der Völkerwanderung berührt wurden, die Kunst der Völkerwanderung." Ihr Hauptcharacterzug ist die überaus reiche Verschwendung des Goldes, die cassettirte Fassung der Edelsteine und das Vorkommen von Thiergestalten, die an Skandinavien, an die altai'schen Fuude des Wolgagebietes und an Persien erinnern. Die Fachwissenschaft'ist noch nicht so weit gelangt, um in derartigen Fünden die individuellen Züge der einzelnen Völkerstämme zu erkennen, und selbst in Betreff des bekannten Szent - Mikloser Fundes (des Schatzes Attlla's") hat man die Stam mesfactoren, die seinen Character bestimmen, noch nicht feststellen können. Man hält es indeß für wahrscheinlich, daß eine spätere Forschung in dieser Kunstströmung, in der sich die bnzantinische und die südrussische barbarische Kunst vermischt, eine sehr frühe Blüthezeit der altaifchen Völker constatiren wird und gerade der Szilagv-Somlyoer Fnnd dürfte die Erkenntniß des Kunstgewerbes in der Zeit der Völkerwanderung bedeutend fördern. Fahrende Leute. Einen traurigen Einblick in die Geheimnisse der fuhrenden Leute gewährt eine Entdeckung, die in den letz: ten Tagen in Ossegg bei Teplitz gemacht wmdr. Der im Städtchen stationine österreichische Gendarmerie-Postcnführcr Thaute erfuhr von einem Fleischerburschen, daß eine in der dortigen Kozka'schen Schanbude ausgestellte Rlesendame" gewaltsam ihrer Freiheit beraubt worden sei und auf wirklich unmenschliche Art behandelt werde. Gendarm Thaute begab sich sofort in die genannte Schaubude und verlangte die Riesendame zu sehen. Zn der That bot sich ibm ein äußerst abschreckender Anblick dar. In Lumpen gehüllt, mit einer dürftigen Decke überwarfen, fand er ein junges, hübsches, körperlich schwaches Mädchen, das, Riesendame ausstaffirt, übermenschliche Kraftleistungen vollführen und auf Kosten ihrer Gesundheit das Publikum amüsiren mußte. So wurden beispielöweise bei jeder Vorstellung, welche den ganzen Tag hindurch stattfanden, dem armen Mädchen Bretter auf die Brust gelegt und diese mit einer schweren Menge großer Steine belastet, was das Mädchen Alles, one nur murren zu dürfen, erdulden mußte. Die Behandlung, welche sie erfuhr, war äußerst roh, sie wurde öfters von einem Czaslaner Burschen, welcher sich als Indianer producirte und lebende Kaninchen und Tauben vor den Augen der Zuschauer in Stücke riß und dieselben roh verzehrte, welchen Unsug die Gendärmerie auch sofort abstellte, geschlagen und bekam nur die dürftigste Kost, die kaum hinreichte, ihr Leben zu fristen. Hatte sie sich den ganzen Tag abgemüht, dann erhielt sie als Lohn für treu geleistete Dienste zehn Kreuzer. Thaute forderte den Prinzipal Kozka energisch auf, das

Mädchen josort srelzuHeven, was vieler aber entschieden verweigerte. Daraus wurde das Mädchen unter Anwendung von Gewalt die Gendarmen mußten die Bretter ihres engen Käsigs aufreißen

aus lhrem Kerker vesreu. ')ie ycleute Kozka wurden sofort verhaftet und dem Bezkrtsgerichte eingeliefert. Thaute brachte die Papiere des Mädchens ' sich, und es stellte sich heraus, daß die Arme Anna Ledwinka heißt und nach Pilsen zuständig ist. Befragt, wie sie zu der sauberen Gesellschaft gestoßen sei, antwortete sie, sie wollte sich in Prag einen Dienst suchen, und , Kozka habe ihr einen solchen angeboten. , Sie sei aber seit ihrem vor vler Monaten er folgten Ein tritt nicht Whr freigelassen worden und habe die ganze Zeit über in engster Zelle schmachten müssen.' . Denker und T h i e r e haben allein den Vorzug, , daß sie niemals Langweile emvsinden. ' . . ' - ,.: ' , ii. . . : i j ;; ! iij a , ?' ;, : ... '- ;it i, ' , ,..,'1, .; , - ,;' :,.H

Tolftok über Ltven. Von rofc Tas neue philosophische Werk Telstais Kleber das Leben" ist gleich nach seinem Erscheinen ins Französische und nunmehr auch ins Deutsche übertragen worden, ein Beweis, daß die Ideen des Mannes, den man noch urr Knrzzm als einen Verrückten hinzustellen pflegte und den man noch jetzt häusig als einen unklaren Phantasten und Mystiker auffaßt, daß diese einfachen und schlichten Jdnn doch von vielen Menschen für interessant oder wichtig gehalten werden. Die wesentlichen Gedanken des VucheS sind schon in früheren Schriften ent-. halten, vorzüglich in Mein Glaube" ; der Hauptuntcrfchied .des neuen Werkes ist der höhere Grad von Abstraktion und, damit zusammenhängend, die klarere und durchsichtigere Gruppirung derJdeeu um ihren eigentlichen Mittelpunkt. Die Grundlaqe der Tolstoischen Philosophie ist das Streben nach Glück. Tolstois Lehre ist eine Glrckseligkeitslehre; und so ist auch in Ueber das Leben" die Frage: wie werde ich glücklich? diejenige, um welche sich alles dreht. Jeder Mensch lebt nur darum, daß es ihm gut gehe, um seines Wohles willen." DaS Leben empfindet der Mensch nur in sich, in seiner Persönlichkeit, seines Ich. Indem er aber dieses anstrebt, findet er erstens, daß er gegen andere Persönlichkeiten ankämpfen muß, die dasselbe für sich erstreben; in den meisten Fällen wird er in diesem Kampf unterliegen und also das Wohl seines Ich, den Zweck seines Lebens nicht erlangen. Und selbst wenn er siegt, so wird er zweitens finden, daß er doch kein Wohl errungen hat ; denn was cr dafür hielt, wird ihm durch Langeweile und Uebersättigung ungenießbar gemacht. Drittens bemerkt cr dann auch noch, daI sein 'Ich, in welchem er nach seiner Auffassung allein genießen kann, mit jeder Stunde sich dem Verfall, dem Tode nähert. Seine Persönlichkeit, sein Ich geht zu Gruude, während jene Welt gegen ihn kämpfender und sich gegenseitig ablösenderPersönlichkeiten bestehen bleibt. Dieser Widerspruch des Lebens ist von der Menschheit feit den ältesten Zeiten anerkannt; Eonfucius, die Vrahmanen, Buddha, Lao-tse, die hebräische Weisheit, die Stoiker, Ehristus, alle haben anerkannt, daß das Leben deö Menschen als einer blos nach seinem Wohle strebenden Persönlichkeit inmitten eben solcher einander vernichtender Persönlichkeiten unmöglich ist. Die Erleuchte? der Menschheit haben den Widerspruch gelost und befriedigende Erklärungen des Lebens gegeben; allein die SÄriftgelchr? ten" und die Pharisäer" haben diese Erklärungen vor den Menschen verborgen; die Pharisäer ersetzen sie durch Lehren über ein zukünftiges Leben und machen zu gleicher Zeit die wahren Lehren durch grobe Mißdeutungen in ihrem Sinne unzugänglich; sie sind die Gläubigen" der Gegenwart; die Schrifrgclehrten, die Vertreter des modernen gebildeten Bewußtseins, verstehen unter dem Begriff des gesammten Lebens die sichtbaren Erscheinungen des thierischen Lebens des Menschen und schließen von ihnen aus auf den Zweck des Lebens, als welchen sie die Erhaltung der Persönlichkeit, der Art, und den Kampf ums Dasein finden. Aber die beiden Guttungen von Verdunklern der Wahrheit können doch nicht verhüten, daß die Leute nicht den Widerspruch ihres Lebens empfinden und eine wirkliche Losung zu erreichen suchen. Diese Lösung ist einfach die, daß in Wirklichkeit gar kein Widerspruch existirt,.daß er nur erzeugt wird durch eine Verwechslung, und zwar durch die Verwechslung des thierischen Lebens mit dein menschlichen. Das thierische Leben ist das Leben der Persönlichkeit, des Ich; es ist nicht das wahreLeben; das menschliche ist das Leben der Vernunft". Die Vernunft ist jene alleinige Grundlage, worauf die Lebenden vereint sind, daS Gesetz, wonach sich das menschliche Leben vollzieht, ein eben solches Gesetz, wie das Gesetz sür das Thier, wonach es sich crnährt und fortpflanzt. Das thierische Leben unterliegt den Bedingungen von Zeit und Raum ; das vernünftige Leben ist frei von ihnen, wenngleich es in Z:it und Raum zum Ausdruck kommt. Dieser Gedanke konnte leicht der Annahme verführen, daß Tolstoi an eine intelligible Welt glaubt, an ein Roumes non, das hinter den Phänomenen steht; allein hier leiten die gewählten Worte irre; Tolstoi sagt nichts, als daß sür das moralische Leben Zeit und Raum nicht eristiren, die Zwischenräume der Zeit, ob eine Minute oder fünfzigtausend Jahre, sind ihm vottkoinmen gleichgiltig." Das menschliche Leben, das Leben des vernünftigen Vewußlseins, verlangt nun zweierlei. Erstens, negativ, Entsagen dem Wohle der thierischen Persönlichkeit ; die thierische Persönlichkeit ist überhaupt nur ein Werkzeug des wahren Lebens, die Schaufel, die dem vernünftigen Wesen gegeben ist, damit es mit ihr graben und sie beim Graben abnutzen, aber nicht sie anfbewahren soll! Zweitens, verlangt daö menschliche Leben, daß das Ich die andern Wesen mehr lieben soll, als sich selbst. Das thierische Leben verlangte Wohl für sich selbst; ein solches W-Hl wäre nur möglich, wenn Alle jenes eine Ich liebten; das kann aber nur in einem Zustand erfüllt werden, nämlich wenn alle Wesen für das Wohl der anderen leben und die andern mehr lieben, als sich selbst. Jetzt lost sich mit einem Male der ganze Widerspruch. Die auf das Wohl des Ich gerichtete Thätigkeit, welche einen Kampf Aller gegen Alle bedingte weicht einem Handeln, welches daS größtmögliche Wohl des Ich und der ganzen Welt ereicht; die trügerischen, mit Langeweile und Uebersättigung verbundenen Genüsse werden ersetzt durch die beglückenden Genusse, deMMaKWöhlerMenschheit gerichteten Thätigkeit; die Furcht vor dem Tode endlich verschwindet, wenn der Mensch sein Leben nicht in; seiner thieri

schen Personllchkelt sucht, sondern m dem Wohle der änderen Menschen, deren Zahl sich beständig erneuert. ! 1 Wenn man sagt, daß eine solche,! Lehre Verleugnung der Persönlichkeit verlange, daß diese Verleugnung und damit die . in "i!h'V':J'iEt ? ..ii1';!: ;. : 1 1 i i H !: . : i i i : i : i l jiis- - i lii'i -si-i -HH"" ' !:. - - "

j - .Tr":Tj-J" "" ganze Lehre unmöglich sei, so ist das unrichtig; nicht Vei'lellgnunq. sondern U. terwerfung der Persönlichkeit unter ib vernünftiges Bewußtsein wird verlangt. Die Lehre will nur, daß man die Per sönlichkeit richtig aufsaßt als Bedingung des Lebens, und nicht aU das Leben selbst, wie schon Christus sagt: Wer fein Leben erhalten will, n wird es verlieren, und wer sein Lewn verlieret mn meinetwillen, der wird es langen." Indem Tolstoi die umfassende Liebe zu? ganzen Menschheit predigt, venvirft er zugleich die besondere Liebe zum Weibe, zur Familie, Freunden, demVatedande, denn die Bedingungen uin Wohle, welches man diesen geliebten MenHen wünscht, sind derartig mit den andren Bedingungen der ganzen Menschheit verbunden, daß jede siebende Tbätigkit it ihrem Wohle das Wohl der'übrigcn Menschheit fchäditzt. Auch Christus war ja ein Gegner diejer beschränkten Liebe ; diese Liebe gehört eben, nach dem Ausdruck Tolstoi's, zu dem Wohle der thierischm Persönlichkeit; man liebt nicht die andern, sondern sich felb in den andern. Wenn der Mensch zu der allgemeinen Liebe durchgedrungen ist, so verschwindet für die philosophische Betrachtunz daS Individuum ; das Individuum hat nur noch einen praktischen Werth; sür die moralische Untersuchung ist nur die Menschheit da, in deren ewiger Bewegnng das Leben des Einzelnen als Welle auftaucht. Zu einer Ausmalung dieser Welt kommt es nicht; das Bedürfniß, das Tolstoi von allem Anfang zu seinem Denken trieb, treibt ihn auch jetzt, am Schlüsse seiner Denkbarkeit, immer wieder auf Ein Problem zurück ; auf das Problem des Todes. Die Frage: Wie werde ich glücklich? hatte ihn zu seiner Philosophie gedrängt; in den glücklichen äußeren Verhältnissen Tolstois war es hauptsächlich der Gedanke an den Tod gewesen, der ihn gequält hatte, und deshalb kehrt der Gedanke an den Tod immer wieder in dieser Philosophie, die ja rein personlichen Charakters ist. Trotz der Losung,, die er bereits durch seine ganze AuZeinandersetznng gegeben hat, sucht er noch andere Gedanken auf, die ihn beruhigen sollen. Er ergreift die skeptische Lehre, welche die Identität des Ich anzweifelt z. er weist die Jncontinuität des Bewußtseins aus ; nur um triumphirend behaupten zu kön? nen, daß der Tod gar nichts so Seltsames ist, daß der Mensch in Wirklichkeit millionenmal stirbt und Millionenmal aufersteht, und daß die Furcht vor dem,,Tode daher rührt, daß die Menschen für ihr Leben halten, was nur ein kleiner, durch ihre falsche Vorstellung abgezweigte? Theil des Lebens ist. Die körperlichen Leiden aber, welche neben dem Gedanken an den Tod die Menschen quälen, haben einen guten und richtigen Zweck, sie sind die Bedingungen des Wohles, da ohne sie der Menjch nicht auf die ihm drohenden Gefahren aufmerken würde. So ist der Schluß, daß kein Widersprnch mstirt; das Leben des Menschen ist das Streben nach dem Wohle; und er hat das Leben, das kein Tod fein kann, und das Wohl, das kein Uebel sein kann." Es wäre eine müßige Aufgabe, kleine Widersprüche in diesem Gedankensstem auszuweisen; der Werth der Philoso phicn überhaupt, besonders aber einer derartigen Moraltheorie, liegt nicht in ihrer Logik. Aber ein Grundfehler ist vorhanden, der allerdings fast die ganze Arbeit vergeblich macht; Tolstoi mutz für sein System einen sittlichen Jdealiömus in der heutigen Menschheit voraussetzen, der in ihr sich unmöglich sinden kann, weil ihre ganzen Lebenäbedingun gen sie nach der entgegengesetzten Stich? tung treiben. Erst unter anderen matenellen Bedingungen würden sittliche Menschen ihr Glück in der Befolgung der Lehren Tolstois sinden. Neben den Gatten Saratz Bern yardt'S.

Ueber die Ursachen der jahrelangen beiden und des frühzeitigen Todes-Jac-ques Damala's ist man' jetzt völlig in: Klaren. Morphium und Cocain haben den Mann, der arah Bernhardt getödtet, nachdem sie ihn zeitweise in Naserei, seine Umgebung in Verzweiflung gesetzt hatten. Louis Äesson, ein intimer Freund des Verstorbenen, giebt im Figaro" traurige Aufschlüsse über dle Verhält nisie, unter denen der Unglückliche in leh ter Zeit gelebt hat. Man hatte versucht, ihm das Gift Vorzuenthalten, ihn zu überwachen ; eines Tages gelingt es ihm, sich der sorgsamen Aufmerksamkeit zu entziehen und er stürzt, fast nackt, nur' mit einem Mantel bekleidet, aus die Straße, um sich bei einem Apotheker die beliebte Einspritzung zu verschaffen. Die Dienerschaft eilt ihm nach und erreicht ihn: aber er vertheidigt sich mit Händen und Fußen und es entspinnt sich aus dem Boulevard eine regelrechte Prügelei, ehe er . zur Umkehr veranlaßt werden kann. Den liebevollen Vorwürfen gegenüber giebt er seine Zustimmung, sich in eine Heilanstalt einschließen zu'laffen. Man bringt ihn nach Neuilly. doch nach drei Tagen entweicht er von dort, undseit dieser Zeit gab es keinen Halt nuhr, war kein Ueberwachm, ja keine Begrenzung seiner Leidenschaft mehr möglich. Fehlte ibm das Gift, war er sinster oder verdrießlich erschien er vergnügt, frisch und liebenswürdig, so. hatte er sicher eben erst eine Injektion vorgenommen. Bald stellten sich SkaZereien ein: er litt am Vcrsolgungswahn. Ueberall sah er Spione: Freunde und Vcrn?andte lauerten ihm aus, und mit ihnen englische Detcctives, die man ans London verschrieben und die ihm aus allen Ecken seiner Wohnung zuriesm: Morphium, Morphium!" Gegen solche Gespenster og er dann mit geladenem Pistole zu Felde, und alle Welt war gezwungen, dem Wüchenden auszuweichen. Dann ging es zu Ende! Als cr gestorben, sand jich aus seiner Haut kein Fleckchen, mehr, wo noch sür neue selbstmörderische Einspritzungen Raum sich geboten hätte. Wohl sand man in allen Ecken Vorräthe deö verrathcrischen Giftes und dieMittel, sich lcheszen! zu bedienkNMAus , dcn sorgsam angelegten Verstecken wurden nicht weniger als jünszehn Flaschen Morphium, fünfzig Gramm Cocain : und dreiund; zwanzig Spritzen zu Tage gefordert.

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