Indiana Tribüne, Volume 12, Number 352, Indianapolis, Marion County, 8 September 1889 — Page 2

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Bit Bewohner von Kreta.

Die Insel Kreta, von der gegenwärtig . wieder, anläßlich der dortigen Unruhen, in den europäischen Telegraphenberichten häusig gesprochen wird, ist eine der schönsten und fruchtbarsten des mittels ländischen Meeres ; indeß hat die türtische Wirthschaft vermocht, sie dem , Verderben zuzuführen. Längst ist die Insel mit den hundert Städten" von ihrer einstigen Höhe herabgcsunken. 'i Ihrer Lage nach müßte 'sie ein Haupt- ' stapelplatz des Welthandels sein, statt , dessen liegt sie vereinsamt und ebgeschlössen vom Festlande; nur- einmal wöchentlich kommt ein Dampfer von v Griechenland herüber. Trotz seiner fruchtbaren,, Thäler , bringt Creta wenig Getreide hervor; die alte Sage, daß die Göttin Ceres daselbst den Plutus auf einer Garbe zur Welt brachte, hat heute ; ,, keinen Sinn mehr für die Insel, da die ,! Bewohner in Faulheit und Schmutz un- ,'. tergehen. Im Alterthum dagegen be- ,'; . herrschte sie das Meer. Bekanntlich hat die europäische Diplomatie in ihrer unergründlichen Weisheit Creta der Türkei ! überlassen, während die Inseln des Archi- . pels Griechenland zugetheilt wurden. Dadurch verwandeln sie es in einem Revolutionsherd, welcher der hohen Pforte nicht wenig zu schaffen macht, denn es ist unmöglich, die Sphakioten in ihren Bergen anzugreifen, welche das Rückgrat der Insel darstellen, und deren felsige , Wände steil abfallen und weite Schluch- ' ten bilden. Die Insel mit ihren rund 200,000 Einwohnern ist rein griechisch trotzdem ein Drittel der Einwohner Mdhamedaner sind. Auch diese staNnnen von , Griechen ab und verstehen kein Wort Türkisch. Freilich hassen sie nach der allgemein giltigen Nenegatenregel ihre , i christlichen Brüder bis aufs Blut, aber ;,' daS macht sie noch nicht zu Türken. Wie ihre Väter einst von ihrem Glauben abgefallen sind, so würden sie bei veränderter Sachlage zum Christenthum zurück- . kehren, oder der Haß dürfte zum minde- : sten aufhören. Jene Einigkeit freilich, ' ,, wie sie in Albanien besteht, wo die Mo1 'i hamedaner die christlichen Feste mitfeiern, V könnte sich nie einbürgern. Der hervorstechendste Charakterzug des cretifchen Bauers ist seine unnatürl i ch q r o ß e Faulheit, die nur noch t v n von der yelen leoe zum Branntwein übertreffen wirb. Das ganze Jahr hindurch thut der Mann nichts, und kommt endlich die Zeit heran, wo man die Oliven einernten muß, die der liebe Gott, in seiner unverdienten Güte hat wachsen lassen, so müssen die , Frauen hinaus in den Wald, um die Oelfrüchte hereinzubringen, die so wild wachsen, wie bei uns die Bucheckern und Eicheln. Der Mann dagegen lungert herum oder sitzt im Kaffeehause, daß in jedem Dorfe nothwendiger scheint als die Kirche. Ein Dorf ohne Kaffeehaus würde den Spott fämmtlicher 200,000 Kreter über sich ergehen lassen müssen. Dieses träge Volk der Tiefebene trägt auch nicht die geringste Schuld daran, daß die cretische Frage zu einer stehenden Nummer auf dem europäischenPi ogramm geworden ist. Die H o ch l a n d e r sind es, jener Palikarenstamm aus Ephakia, die feit Menfchengedenken das europäische Concert aus dem Takt bringen. Immer wieder lehnen sich die Sphakioten auf, und in Ermangelung eines Bessern lassen sie ihren Thatendrang an den Vrüdern der Tiefebene aus. Sphakiot oder Palikare ist gleichbedeutend mit Dieb, Räuber, und die hochgewachsenen, breite schulterigen, blonden Manner machen ihrem Naram so viel Ehre, als man es nur von einer zügellosen Räuberbande verlangen kann. Und dabei sind sie fromme Christen, und zwar aus Berechnung, denn mit strengen Fasten wähnen sie Alles wieder gut zu machen; selbst unschuldig vergossenes Blut wird durch Enthaltsamkeit aus dem Schuldbuche des Moroers getilgt. Wie die Männer, sind auch dieFrauen herrlich gewachsen, das Ebenmaß ihrer Glieder, die Harmonie ihrer Bewegungen sucht ihresgleichen unter den Griechensiämmen. ,Jhr Gesicht ist freilich bäurisch, grob,' dafür sind sie aber siktlicher, als ihre Schwestern vom Festlande, und auch arbeitsamer. Ihnen haben es - die Männer zu verdanken, daß sie nicht Hungers sterben und ihren unstillbaren Durst pflegen können. Die Frau steht noch auf der tiefen Stufe eines Last- und Arbeitsthieres, und fast möchte man daran verzweifeln, daß die Zeit je Wandel schaffen werde. Zur Sanftmuth der Frauen bildet die Heftigkeit der Männer einen lebhaften Gegensatz. Auch im Angriff sind diese ungestüm, aber sie besitzen keine Ausdäuer; ist der Angriff abgeschlagen so verlieren sie ihr Selbstvertrauen. Wie zur Zeit der Jiomer, wo sie als Bogenschützen verwendet wurden, lieben sie es auch heute, aus der Ferne auf den Feind zu schießen; einem Handgemenge weichen sie aus, wohl, nicht aus Muth. Ihren Bergen haben sie es zu verdanken, daß sie nicht schon längst vernichtet worden sind. Der Cändiote der Tiefebene ist dagegen ganz anders geartet ; als abgesagter Femd des Waffenhandwerks läßt er der Welt ihren Lauf, wenn nur der Schnaps rinnt und die Oehlmühle klappert. In der That war der Osten der stufet fast bei keinem euuiaen Aufstande betheiligt; nur dadurch machten sich die yalvewoyner nuyucy, oay ne lyren kriegerischen Brüdern einen Unterschlupf in Zeiten der Noth gewährten. Der Ostas. 21 erzählt: Eines Abends, als die schone Si, Tochter eines mächtigen Mandarinen, dem aronen Sinenscben Latsrnenfeste beiwohnte,' wurde sie derart von der Hitze belästigt, daß sie nicht umhin konnte, ihre Maske vom Gesicht zu nehmen. Dieses jedoch den Blicken der xrofauen" Menge preisgegeben, galt für einen Vcrstoß gegen das herrschende Gesetz. So , hielt sie denn die Maske dicht vor ihr , Antlitz und bewegte sie dabeihin und her, um sich 'Kühlung zu verschaffen. Die ' anderen anwesenden Damen bemerkten , diese kühne aber reizende Ersindung, ahmten sie nach und sofort fächelten zehntausend Hände mit zehntausend Masken. 1 So ward der Fächer erfunden und nahm fortan die Stelle der Maske in China n.

Ainverkrankhetteni

D t e Augenentzündung der Neugeborenen. Trostlose, unheilbare Blindheit ist das Schicksal der armen Kleinen, welche in ihren ersten Lebenstagen von Augcnentzündung befallen werden und deren Erkrankung vernachlässigt wird oder unbemerkt bleibt. Und dabei wäre es doch so leicht, ihnen zu helfen und sie vor dem entsetzlichen Geschicke deL völligen Erblindens zu bewahren! Denn diese Augenentzündung hellt stets und unter allen Umständen, wenn sie richtig und vor allen Dingen, wenn sie rechtzeitig behandelt wird. Es ist eine traurige Thatsache, daß eS um die Aufmerksamkeit, welche man den Neugeborenen im Allgemeinen und ihren Augen im Besonderen schenken soll, noch immer sehr, sehr schlimm bestellt ist. ES wird ja versucht, hierin Wandel zu schassen, aber nichtsdestoweniger verlieren immer noch eine vcrhättnißmäßig große Anzabl von Kindern ihr Augenlicht durch diese Erkrankung, zumal auf dem flachen Lande, wo mit der vollendeten Entbindung auch gewohnlich der fachverständige Beirath ein Ende hat und die in den folgenden Tagen sich entwickelnde Augenentzündung alsdann vernachlässigt wird, bis es zu spät, ist. Nicht weniger als der dritte Theil sammtlicher vorhandener Blinden hat auf diese Weise die Seykraft eingebüßt, und es ist diese Thatsache um so furchtbarer, wenn man bedenkt, daß dies einzig und allein durch die Schuld und die Nachlässigkeit ihrer Umgebung geschehen ist, ohne welche ihnen sicherlich daS Augenlicht erhalten geblieben wäre. Denn wie schon erwähnt, heilt diese Form der Augenentzündung unter sachverständiger und rechtzeitiger Behandlung stets. Aber auch nur.unter einer rechtzeitigen und sachverständigen Behandlung; und darum werden wir in Folgendem nicht etwa eine Anleitung zur selbstständigen Behandlung dieser Äugenentzündung geben, sondern nur auf die Anzeichen und Merkmale einer Entwickelung derselben aufmerksam machen und die ersten nothwendigen Maßnahmen bis zur Ankunft des Arztes besprechen, der stets sofort zu rufen ist und dessen Hilfe gerade bei dieser Erkrankung nicht entbehrt oder durch den Rath irgend einer weisen Frau tu setzt werden kann.' Ueberhaupt ist es durchaus nicht etwa der Zweck dieser Betrachtungcn, den Rath des Arztes überflüssig zu machen, sondern im Gegentheil darauf hinzuweisen, wann und' wo derselbe schleunigst eingeholt werden muß und eine Verzögerung oder Vernachläs. sigung dieser Vorsicht verhangnißooll werden kann. Das Erste und Wichtigste nun bei der Augenentzündung, wie bei jeder anderen Krankheit, ist, derselben vorzubeugen, es erst gar nicht zum Ausbruch der Erkrankung kommen zu lassen. Gerade bei der uns hier beschäftigenden Augenentzündung ist dies ein leichtes. Besondere Untersuchungen, auf die ihrer Eigenart wegen an dieser Stelle nicht des Genauereu eingegangen werden kann, haben gezeigt, daß diese Erkrankung stets ihre Ursache bei einem gewissen Leiden der Mutter hat. welches bei dieser nicht gerade als ein ernstes bezeichnet werden kann, vielen Frauen gemeinsam ist und erndj nicht sonderlich unangenehme Erfcheinungen macht; wird dasselbe jedoch auf das neugeborene Kind übertragen und die Ansteckung findet dann stets im Augenblick der Geburt selbst statt so wird es wegen des nunmehrigen wichtigen Sitzes der Erkrankung, eben der Augen, wichtig und nicht selten verhängnißooll. Da nur nun aber in dem Sublimat ein Mittel besitzen, das den Ansteckungsstoff sicher und ohne Gefahr für daS Auge ablöstet, natürlich in der entsprechenden Verdünnung angewandt, so ist es naheliegend und zweckmäßig, von vornherein bei jedem neugeborenen Kinde anzunehmcn, daß seine Augen während der Geburt mit dem Ansteckungsstosf in Berührung gekommen sind und demgemäß auf alle Fälle zu desinsiciren, d. h'. mit Sublimat auszuwaschcn, ein Versahrett, das sorgfältig in allen Entbindungsanstalten geübt wird. Natürlich gehört zu diesem Auswaschen Sachkenntniß und Ersahrung und darf dasselbe nur vom Arzte oder der Hebamme vorgenommen werden, weshalb auch die Stärke der Sublimatlo'jung hier nicht angegeben werden mag ; doch sollte eine jede Mutter daraufachten, daß diese einfache und doch so wichtige Vorsichtsmaßregel nicht vernachlässigt werde. Ist dies nun aber doch geschehen, oder ist die Desinfektion keine vollkommene gewesen, so kann sich die Augenentzündung entwickeln. Es muß daher gerade den Augen des Säuglings in den ersten Lebenstagen eine außerordentlich sorgsältige und regelmäßige Beachtung geschenkt werden. Taglich muß man sich wiederholt davon überzeugen, ob er leicht und in gewohnter Weise die Augen zu ösfnen und u schließen vermag, und wo dies nicht völlig bequem vor sich zu gehen scheint, muß sofort eine genauere Untersuchung vorgenommen werden. 'Im Allgemeinen besteht das ziemlich verbreitete Vorurtheil, daß es für kleine Kinder schädlich fei, sie dem Lichte auszusetzen. Grelles Sonnenlicht oder eine anßergewöhnlich helle künstliche Beleuchtung darf die Augen allerdings nicht treffen, aber Helles Tageslicht öderem gewöhnllches Lampen- oder Kerzenlicht ist für die Äugen ganz unschädlich, besonders wenn dasselbe nur vorübergehend und kurze Zeit einwirkt. Die Betrachtung der Uugen muß im Hellen sorasaltig geschehen. Man wird oft sinken, daß dem ge schlossenen Auge äußerlich nichts besom deres anzusehen ist, daß die Lider gut aussehen, die Ränder derselben dagegen durch eine zähe, klebrige Masse mit einander verklebt sind, so daß das Auge nicht geöffnet werden kann. In diesem Falle muß- diese Klebemasse aufgelöst und entfernt werden, was am besten mit lauwarmem Wasser und mit Hilfe eines sauberenWattebäuschchens geschieht. Das recht ergiebig angefeuchtete und von der Flüssigkeit durchsogene Wattestückchen wird unter snstem Druck mehrfach oberhalb, sow.'e unterhalb der geschlossenen Wimpcrreihe hin- und hergeführt, wobei man jedesmal ein wenig Flüssigkeit aus- )

drückt und auf das Auge fließen läßt Oeffnen sich danach die kleinen Augen von selber in üblicher Weise und ohne Anstrengung, so hat man dem Weißen' im Auge seine Aufmerksamkeit zu schen-.' ?en und festzustellen, ob sich hier irgend! eine unnatürliche Röthung zeigt; Um gänzlichen Feblen einer solchen mag man. nur ganz ruhig sein, der Vorgang hat. alsdann gar nichts zu bedeuten und ei solches Verklebtsein der kindlichen Augen ist an sich gänzlich , harmlos. Nur auf peinlichste Sauberkeit ist dabei zu achten und überall da, wo die Augen eine derartige Neigung zeigen, diesen klebrigen Stoff abzuzondcrn, Muß das AuSwaschen der Augen in der eben geschilderten Weise mehrere Male des Tages vorgenommen werden, auch ohne daß es zu einem Zukleben der Augenlider gekommen ist In einigermaßen ausgesprochenen Fallen würde dieses Auswaschen sogar allstündlich stattzufinden haben. Nichtsdestoweniger hat man allen Grund, den Augen weiter strengste Aufmerkfamkeit zu schenken und darf nicht glauben, daß nuu fchon alles in Ordnung sei. Sind die Augen nach zwei Tagen bei Jnnehaltung der nothwendigen Sauberkeit und .sorgsamster AusWaschungen immer noch verklebt, so hat man zum Arzte zu schicken. Der Verdacht einer sich entwickelnden Entzündung gewinnt alsdann an Wahrscheinlichkeit In noch weit höherem Maße wird dies der Fall sein, wenn das Zubacken der Augenlider eher zugenommen hat, wenn ein siarkes Thränen der Augen eintritt und sich hierzu Lichtscheu gesellt, die sehr bald einen ausgesprochenen Character annehmen kann, so daß der Sanglingin ein verdunkeltes Zimmer gebracht werden muß. Das Auge selber ist jetzt immer mehr oder weniger gerathet und entzündet. In die größte Gesahr jedoch geräth öas Auge.. wenn die Tränenslüssigkeit, welche schließlich in außerordentlich reicher Menge abgesondert wird, nicht klar bleibt, sondern kleine weißliche Flecken, Faden, Pünktchen wie Fetzen enthalt. Jetzt kann jeder Ausschub verhängnißvoll werden, und es muß nunmehr, falls man es noch nicht gethan haben sollte, sofort und unter allen Umständen der Rath eines Arztes eingeholt werden. Ein Zögern kann den gänzlichen Verlust des Sehens zur Folge haben. Die erwähnten Fäden und Flecken zeigen sich nicht nur in der abgesonderten Thränenflüssigkcit, sondern auch an der inneren Fläche der Augenlider, welche selbst stark geröthet erscheint und einen aufgelockerten und unebenen Eindruck macht im Gegensatz zu ihrer sonst glatten Oberfläche. Auch die Lider selbst sßeinen nunmehr geröthet und sind auch in geringerem Maße angeHwollen. So ist das Auge in der größten Gefahr und geht in der überwiegendsten Mehrzahl der Fälle zu Grunde, wenn nicht schnell und entsprecheud eingeschritten wird. Von den Vorsichtsmaßregeln zur Verhütung dieser Entzündung ist bereits gesprechen werden. Es werde deshalb nur noch einmal besonders betont, daß bei einem jeden Kind, welches beim Abwaschen die Augen nicht von selber offnet, die Lider vorsichtig nach oben und unten gezogen werden müssen, um zu erkennen, ob das Auge sich in natürlichem und gesunden Znstande besindct oder nicht, und daß die peinlichste Sauberkeit und Reinhaltung der Augen dringend geboten ist, besonders wenn die Lider sich verklebt zelgen. Bemerkt man eine Anschwellung und Röthung der Augenlider, so wird der Arzt unbedingt sofort geholt. Man fährt alsdann, bis zum Eintreffen desselben, in der gründlichen Reinigung der Augenlider fort, indem man sie alle Stunde auSwascht, und bedeckt zwischendurch die Augen mit nassen Leinwandläppchcn, aus sauberer, weicher Leinwand bestehend, mehrere Male zusammengelegt und mit möglichst kaltem Wasser, wenn vorhanden sigar Eiswaffer, tüchtig durchfeuchtet. Dieselben müssen febr häusig, längstens alle fünf Minuten gewechselt werden, wobei vxan gut thut, eine kleine Attiabl davon vorznbereitci und in der

l Schüssel mit dem kalten Wasser liegen zu laszen, so dasz ie ordentlich durchziehen. - Zum Auswaschen der Augen nimmt man am besten Watte oder weiche Leinewand, welche man nach dem Gebrauche sofort wegwerfen kaun; verwendet man Schivämmchen. so müssen dieselben von recht weicher Beschaffenheit sein und sind ie nach einem jeden Gebrauche sofort in kochendem Wasser auf daö Sorgfältigste anszuwaschen. Diese Vorsichtsmaßregeln sind durchaus nothwendig, denn die von derartig erkrankten Augen abgesonderte Flüssigkeit ist im höchsten Maße anstekkend und erzeugt, wenn sie unglücklicherweise auf die Oberfläche eines gcsunden . Auges übertragen wird, unfchl bar dieselbe heftige und gefährliche Entzündung, bei Erwachsenen sowohl wie bei Kindern. Dabei muß man sich auch stets gegenwärtig halten, daß eme solche Uebertragung und Ansteckung auch bei dem erkrankten Kinde selbst, stattsinben kann, die Entzündung etwa nur das eine Auge befallen hat und nun auch das gesunde mit den Fingern, den Läppchen, hem Wasser, welches in Berührung mit dem erkrankten Auge war, zusammenkommt. Daß man sich nach jedem Handgriff, nach dem Auswaschen wie nach dem Auflegen der Umschläge, die Hände sorgsältig zu reinicien hat. ist selbst verständlich und bedarf kerner Erwäh nung. ,. Noch eines Vorurtheils, das ziemlich verbreitet ist, sei gedacht und vor demjelden gewarnt: daß die Augenentzündung der Nengcbormkn in Zusnnimenhaug stehe mit der Gelbsucht, welche dieselben oft nach der Geburt befällt und welche nach kurzer Zeit von selbst wieder heilt. Viele meinen, daß damit auch dann die Augenentzündung, von selbst wieder gnt wird. ,;; Das ist durchaus nicht der Fall. Die beiden Erkrankungen sind durchaus verschttoennMMUIld haben nicht das Geringste mit einander zn thun, und die Hoffnnn g, ! Laß'tltt'ö solche Augenentzün-. dung ganz ohne Zuthun günstig verlausen werde was ja schließlich nicht ganz in das ötelch der Unmöglichkeit gehört,, wenn es auch höchst selten vorkommt darf niemals dazu Veranlassung geben, mit der Hinzuziehung sachverständiger Aerzte zu zögern. .

Der Amerikaner von Schmäe lingen. tf. . D. Karaa.

Die Geschichte hat den Vorzug vor vielen anderen Geschichten, daß sie sich wirklich zugetragen hat. Ob sie jemals gedruckt zu lesen gewesen, weiß ich nicht. Mir ist sie vor längeren Jahren erzählt worden und ich gtaube, daß sie den Lesern um ihrcö gefunden HumorS willen gut gefallen wird. Die Stamen der handelnden Personen sind nicht die wahren, auch der Ortsname ist ein wenig verändert, an der Geschichte selbst ist aber nichts erfunden. Sie spielt auf beiden Seiten des Oceans, drüben in einem kleinen badischen Oertchcn, hüben in der Weltstadt New S)ork. Und nun zur Sache. Anfangs der vierziger Jahre galt im Großherzoathum Baden, wie im übrigen Deutschland, der Satz, daß Nuhe die erste Bürgerpflicht sei, im vollsten Umfange und in ganzer Kraft. Ucberall waltete tiefer Friede, besonders ruhig ging es auf dem Lande zn. Auch in Schmälingcn wurde die ländliche Stille selten unterbrochen und der Gemeindevorstand, das heißt, der Herr Bürgermeistcr und die Gemeindcräthe waren durch die Ausübung der obersten Polizeigewalt nicht sehr in Anspruch genommen. Die vollziehende Polizeibehörde von Schniälingcn bestand aus dem Bürgermeister und einem Polizeidiencr, dem in außerordentlichen Fällen der Gensdarm Beistand leistete, zu dessen Amtsbezirk auch der Schauplatz unserer Geschichte gehörte. Es kam ja häusig genug vor, daß unter den jungen Buychcn beim Tanz oder irgend einem Feste Raufereien entstanden 'oder daß. beim Kartenspielen im Wirkhshause Zank und Streit ausbrach und in elne Schlägerei ausartete, aber nur selten brauchte da die hohe Obrigkeit einzuschreiten, um Verhaftungen vorznnehznen und Strafen aufzuerlegen. Wurde dies wirklich einmal nöthig, dann gab eS durchaus keine langen Proceßverhandlungen die Beteiligten und die Zeugen wurden verHort, Einer und der Andere wanderte auf ein paar Tage in's Loch oder mußte eine kleine Strafe zahlen und damit war die Sache abgethan. Ein ähnliches schnelles Verfahren ward in Anwendung gebracht gegenüber Handwerksburschcn, die es beim Fechten Zn arg gemacht hatten oder deren Wanderbnch nicht in Ordnung war. Nur ein einziger Mensch im ganzen Orte machte dem Herrn Büra.erineister und seinem getreuen FamuluS oft großen Verdruß. Das war der lange Hemrich, der obendrein ein Schmalinger Kind war. Derselbe mochte zu Anfang deS Jahrhnnderls geboren worden, also nahezu vierzig Jahre alt sein zu der Zeit, in welcher diese Geschichte spielt. Er war ein sehr gutmüthiger Kerl und hatte sein ganzes Leben lang nur einen einzigen Feind: das war die Arbeit. Schon als Kind in der Schule war seine Faulheit Ursache sehr vieler Prügel gewesen, die der Vertretcr der Pädagogik in Schmäkingen, der Schulmeister, ihm verabreicht hatte. Aber alle Schläge halfen nichts, der Junge war und blieb ein Faulenzer. Als einziger Sohn war er von seiner Mutter der Vater war seit Jahren todt obendrein noch verzogen, und als er ein junger Bursche geworden war, hatte er weder etwas Ordentliches gelernt, noch die geriilgste Lust zum Arbeiten. Die Mühle, das Eigenthum seiner Mutter, war arg verschuldet und kam eines Tages unter den Hammer; sie wurde vom Hauptgläubiger erkauft, und der Ueberschnß über die darauf haftende Hypothek war fehr gering. Der Gram rasste die alte Frau bald hin, und nun begann für Heinrich eine harte Zeit. Der nene Besitzer der Mühle behielt ihn zwar aus Gnade und Barmherzigkeit bei sich, es hielt aber sehr schwer den langen Heinrich an regelmäßige Arbeit zu gewöhnen. Und selbst wenn er einmal einen Anlauf nahm und einige Wochen lang ziemlich fleißig schasste, lobald der Quartalstag kam und der Müller ihm seinen Lohn auszahlte, war kein Halten mehr da ging es ln's Wirthshaus, und wenn der lange Heinrich erst einmal an'S Trinken kam. da härte er nicht eher auf, als bis der letzte Heller verjubelt war. Im 5!ausche pflegte er dann anch Händel anzufangen ; wer ihm beim Trinken nicht Bescheid thun wollte, oder wer ihn nicht zum Trinken einlud, den ließ er die Wucht seiner Fäuste sühlen, worauf er entweder an die Luft gesetzt oder gar vom Polizeidicner hinter Schloß und Riegel gebracht wurde. Der Bürgermeister hatte daher seine liebe Noth mit ihm. Und dennoch bereitete, ihm der lange Heinrich bei Weitem nicht so viel Vcr druß, als ciu anderes Schmälinger Kind. Das war der Sohn des verstorbenen Ferstinspektors Bogen. Der junge Vogen, dessen Mutter und Schwestern nach des Vaters Ablebm im Orte verblieben waren, studirte in' Heidelberg Medizin und brachte die Universitätsserien regeb Mäßig bei seiner Familie zu. Er war ein äußerst lebenslustiger junger Mensch und erhielt während der Ferien stets Besuche von anderen Studenten. Diese quartierten sich gewöhnlich sur ein paar Wochen in dem einzigen Gasthause des Ortes ein und kehrten dort nicht nur das Oberste zu Unterst, sondern erklärten auch daö übrige Schmalingen fozusagen für vogelfrei, d. h. sie thaten gerade, waS imien beliebte und in den Sinn kam und ' vollführten allerlei Allotria, über welche den wackern SchmaUngern und in fonderheit'dem Bürger meister gar ost die Haare zu Berge stan. den. - ? - .; Daß am Morgen über der Thüre der Apotheke daö Schild des Sch:näling?r Flickschneiders und bei diesem das Schild des Schuhmachers hing, während am Hause des Letzteren das Schild des Apotyekers prangt das gehörte zu den kleinen unschädlichen Späßen, die der junge Bogen und seine Freunde sich zu machen pflegten. Eineö Abends hatten sie ' in aller! Heimlichkeit ;tm, den Kirchthürm allerlei Feuerwerk befestigt, das sie nach Eintreten völliger,, Dunkelheit mittelst eines langen Zündfadens in Brand steckten. Als der Nachtwächter die sprühenden Garben aufstiegen , sah, , stieß , er natürlich in's Horn und gab den vorgeschriebenen Feueralarm, der ganz Schmälingen auf die Beine brachte, um am

uächstenTage von den jungen Mediziner und Cumpanen weidlich ausgelacht zu werden. Diesmal aber ließ der Bürger meister die Sache nicht so ohne Weiteres hingehen. Das vierblättrige Studentenkleeblatt wurde wegen öffentlichen Unfugs und Störung der nachtlichen Ruhe zu verfchiedenen Gulden Strafe verurtheilt, und außerdem hielt der Gestrenge ihnen eine derbe Strafpredigt. f Die nächtliche Ruhe der guten Schmä linger wurde trotzdem noch gar oft ge' stört. So wurde mit Zuziehung einiger weiterer Commilltonen aus dem nahen Heidelberg dem städtischen Oberhaupt eine Serenade gebracht, über die der damit Beehrte zeitlebens im Zweifel blieb, ob es nicht eigentlich eine Katzenmusik gewesen und ein ander Mal waren die Fensterläden an des Bürgermeisters Wohnung am Morgen so fest zusammengeleimt daß der eiligst herbeigeholte Schreiner nach. vielen vergeblichen Versuchen feierlichst erklärte, et könnte sie nu, mittelst der Säge wieder auseinanderbringen. Zu seinem großen Bedauern konnte der Bürgermeister in diesem Fallt die Thäter nicht zur Rechenschaft ziehen, da alle Beweise für deren Schuld fehlten. Jedesmal, wenn sich der Sommer xn mit ihm die Zeit der Universitätsserien nahte, graute es dem Bürgermeister und nicht Nlmder dem Polizeidiener vor den Dingen, die ihnen nach Ankunft der Herren Studiosen bevorstanden, und Beide athmeten förmlich auf, als nach vier Sommern der junge Herr Vosien mit dem Divlom eines Boctors der Medicin in der Tasche nach Hanse gekommen und nach kurzem Verweilen nach einer größeren Stadt in Norddeutschlaud übergesiedelt war, wo er hinfort seine Praris aus üben wollte. Aöer selbst bei diesem kurzen Besuche seiner Vaterstadt hatte der Bürgermeister seinen alten Groll gegen ihn nicht unterdrücken sönnen ; als der junge Arzt ihm in aller Höflichkeit seinen Abschiedsbesuch machen wollte, hatte er ihm in grober Weise die Thür gewiesen ! j Ein paar Jahre waren seitdem verstrichen. Das Jahr 1818 war herangekommen und auch der junge Arzt hatte an der Bewegung jener Zeit so thätigen Antheil genommeu, daß er es, als die reaktionäre Luft wieder tavi zu wehen begann, für gerathen hielt, Deutschland zu verlassen nnd über dem Ocean eine neue Heimath zu suchen. Er ging nach New Zork und fand dort überraschend schnell ein ergicbiges Feld für feine Thätigkeit. Damals gab es noch nicht viele deutsche Aerzte in Amerika, und die wenigen, welche in den Jahren '43 und '49 herüberkamen, waren sofern sie eben Tüchtiges leisteten bald sehr gesucht. Dem Doktor Bogen ging es in kurzer Zeit sehr gut; er bekam sehr viel zu thun, hatte glückliche Erfolge aufznweisen und daher alle Ursache, mit seiner Uebersiedlung nach diesem Lande zufrieden u fein, wenn sich auch zuweilen ein recht tiefes Heimweh nach dem geliebt ten Vaterland? und Mutter und Schwester und Freunden geltend machte. An den Bürgermeister von Schmälingcn dachte er dagegen höchst felten oder nie und vielleicht hatte auch der Herr Vürgermcisier seiner jetzt endlich vergessen. Schmältngen hatte die unruhigen Zeiten des basischen Aufstavdes glücklich überlebt und war in sein conseroatioes Geleise zurückgekehrt, ans welchem es überhaupt nicht sehr weit herausgetreten war. Weniger erfolgreich als der Revolution gegenüber erwies sich die bürgermeistcrliche Autorität in Bezug auf den langen Heinrich. Der machte dem Gemeindevorstand argen Verdruß. Er war ein Branntweinsösscl geworden und trieb sich arbeitsschen und nicht selten obdachlos herum. Die Leute, die seine braven Eltern gekannt hatten, ließen ihn zwar keine Noth leiden und gaben ihm zu essen, ss oft er darum ansprach, allein er war doch eine Last für die Gemeinde und man hätte es sehr gern gesehen, wenn man ihn hätt loswerden können ! Da kam dem Polizeidiener ein Gedanke! Er bestand in nichts Geringerem, als in dem Vorschlage, den langen Heinrich nach Amerika zu spedircn. Der Plan fand vollen Beifall, ja er gefiel dem Bürgermeister sogar :n solchem Maße, daß er ihn bald nachher in einer geheimen Sitzung des Gemeinderaths diesem als von ihm selbst stammend unterbreitete. Die Herren Gemeindcräthe erklärten sich auf der Stelle mit dem Colonisationsprojekt, das den langen Heinrich auf amerikanischen Boden verpflanzen sollte, einverstanden. Es handelte sich dabei nur um zweierlei : erstens um die Kosten, zweitens darum, ob der lange Heinrich mit seiner unfreiwilligen Ueber siedelung nach den Ver. Staaten zufrieden sein würde. Der Kostenpunkt war Nebensache; der Bürgermeister erklärte sich bereit, einen Theil des UeberfahrtsgeldeS aus feiner Tasche zu bestreitcn; ,ern paar andere Nathsmitglieder meinten, es solle, ihnen für diesen guten Zweck auf fünf oder selbst zehn Gulden nicht ankommen, und was dann noch sehle. müsse die Gemeindekasse tragen. Die Geldfrage war demnach.als erledigt anzusehen, unb es kam nun nur noch darauf an, ob der lange Heinrich Schmälingcn verlassen wolle, oder nicht., , Einer von den Gemeinderäthcn, , der mit dem langen Hnrich stets sehr viel Nachsicht geübt und ihm oft aus der Patsche geholfen hatte, übernahm den schwierigen Austrag, demselbeniden Auswanderungsplan plausibel, zu machen, und es gelang ihm über alles Erwarten. Heinrich ging ohne Weiteres darauf ein, in Amerika sein Glück zu versuchen. Niemand war froher darüber, als der Bürgermeister. t Jetzt werden wir den Lump doch endlich einmal für immer lo5 werden ! sagte er mit strahlendem Gesichte in der Gemeinderathssitzuuq, in welcher das Geld für Heinrichs Reize nach New Jork zufammengeschossen wurde. Der Tag der Abreise war herangekommen Daß Heinrich, trotz alledem viele gute Freunde in seinem Vaterorte besaß, das zeigte sich bei der Gelegenheit. Dieser und Jener hatte ihn mit allerlei Kleidungsstücken ausgestattet, mehrere HauSsrauen hatten ihn reichlich mitWäsche versorgt und die ziemlich große Kiste, in welche seine Habseligkeiten gepackt waren, enthielt auch so viel Schinken und Würste und Obst, daß er keine Noth gelitten hatte, selbst wenn das Segelschiff, daö

ihn von Rotterdam nach Ne Jork brin gen sollte, ein paär Monate unterwegs gewesen wäre. , Ob Heinrich vor Freude über d! Würste und den Schinken, oder vor Schmerz über das Scheiden 'aus der Heimath Thränen vergoß, mag dahingestellt bleiben; jedenfalls hat er bitterlich geweint, als er vom Bürgermeister und dessen Gattin und vielen Andern, die ihn von Jugend auf gekannt hatten, Abschied nahm. Und auch manchem Schmälinger wurde es weich ums Herz, als er ihm die Hand zum Abschied gab, denn eS war doch eine ehrliche, brave Seele, die da in die weite Ferne über's Weltmeer zog. . Nach einer Fahrt von ungesähr fünj Wochen hatte das Schiff New York erreicht. Schon während der Neise waren in Heinrich gewaltige Bedenken darüber aufgestiegen, ob er nicht eine großk Dummheit begangen habe, daß er sich fe mir nichts dir nichts über den Ocean hatte schicken lassen. Es war doch se schön gewesen in Schmalingen, wo ihn jedes Kind und wo er jeden Menschen gekannt hatte und nun sollte er unter lauter, ihm fremden Leuten leben! Je näher er seinem Reiseziel gekommen war, desto größer war seine Nathlosigkeit geworden und als er Castle Garden hinter sich hatte und das Gewühl der Weltstadt am Hudson rings um sich sah, verließ ihn auch der letzte Funken Muth. Noch hatte er die 20 Gulden unangetastet in der Tasche, die ihm der Bürgermeister als Zehrpfennig nach der Ankunft in New Aork mitgegeben hatte, aber wik lange würden die ausreichen?. . . . In dem Kosthanse, in das ihn ein, Einwandererfamilie mitgenommen hatte, wurde allerdings nur deutsch gesprochen, aber auf der Straße horte er 'nur selten seine Mnttersprache. Die Leute sprachen alle englisch und davon verstand er ja kein Wort. Drei Tage war er nun schon in Amerika nnd mit jedem Tage gesiel es ihm schlechter. - Er wanderte in nicht zn großer Entfernung von seinem Kosthause die 'Straßen auf und ab, ohne zu wissen, was er anfangen uud wie er es anfangen solle, um seinen Unterhalt zu verdienen. Denn daß er in Amerika ohne zu arbeiten hungern müsse, das sing ihm bereits an klar zu werden. Es war am Morgen des vierten TageZ nach seiner Ankunft, als ihm bei seine, Straßenmandernng der Blick auf ein. 'Haus siel, an welchem mit großen Buch? staben zu lesen war : Deutsches Dispensarium fü, unbemittelte Kranke. Er wuß:e freilich, nicht was ein Dis' pcnsarium sei nnd blieb nur aus Neugier vor .dem Hause stehen. Zu versäumen hatte er ja nichts. Da hellte sich plötzlich sein Blick wie in höchster Freude auf aus der Thür des Hauses war ein Herr getreten, den er sosort erkannt hatte. ES war kein anderer als sein LandSmann, der Doctor Bogen aus Schmälingen. Und auch der Doctor hatte den vor Aufregung zitternden langen Heinrich erblickt und auf der Stelle erkannt. Es war ein eigenthümliches Wiedersehen und beide Theile schienen gleich große Freudt daran zu haben. Der Arzt ging mit ihm in das Haus zurück und führte lhn in ein kleines Zimuker, wo sie unter vier Augen waren. Eine volle Stnnde lang mußte Heinrich erzählen zuerst natürlich von des Doctors Mutter und Schwestern, dann vom Bürgermeister und den übngen Schmalingern. den Polizeidiener uicht zu vergessen, der den Doctor, als er noch Student war, gar manchmal aufö Nathhaus vorgeladen hatte. Dann aber kam feine eigene Geschichte an die Reihe; wie es ihm die Zeit h'er ergangen und wie und weshalb er nach Amenk gekommen sei. Und der lange Heinrich berichtete wahrheitsgemäß, wie sich Alles zugetragen und brach, als er ffrtig war mit seiner Erzählung, in 'lautes Schluchzen aus. Den Grund Dieser Rührung konnte sich Doctor Bogen sehr leicht zusammenreimen der lange Heinrich sah sich vorder Nothwendigkeit, seinen Unterhalt durch Arbeit zu verdieuen. Es war die Furcht, arbeiten zu müssen, die jene Thränen verursuchte. Und da kam dem Doctor der nämliche Gedanke, der ein paar Monate vorher dem Polizeidiener von Schmälingcn durch den Sinn gefahren war. Wie. wenn er den langen Heinrich wieder nach Hause und dem Bürgexmeister über den Hals schickte? Eine glänzendere Rache an dem Tyrannen von Schmälingen würde es nimmermehr geben. Gedacht, gethan. Möchtest denn wieder nactz Haus?, fragte er den betrübt dreinschauenden Menschen. Wen ich nur konnt, antwortete Heini f . " rlch. ' Können soll'st wohl schon, meinte der Doctor. Das werd' ich schon Alles besorgen. Komm' nur heut' Abend nach meiner Wohnung hier hast Du die Straße und Hausnummer oa wird.sich das Weitere schon finden. ' Neun Wochen waren verflössen, seitdem der lange Heinrich thränenden Auges die Heimath verlassen hatte, als der Polizeidicner von Schmälingen athemlos aus das Nathhaus und in die Amtsstube des Bürgermeisters gestürzt kam mit der Meldung: Der lange Heinrich ist wieder da, Herr 'Bürgermeister; eben ist er beim Wirthshaus vorgefahren! , Schwatz' keinen Unsinn, herrschte ihn oer, Gestrenge an, das ist ja gar nicht möglich. Aber im nächsten Augenblicke stockte auch dem Bürgermeister der Athem, denn eben ging die Thür auf und herein trat der lange Heinrich, wenig verändert, nur mit etwas von der Seeluft rötheres Backen nnd in einem nagelneuen, in New Iork gekauften Anzüge. Mit dem freundlichsten Gesicht von der Welt trat,, er auf den Bürgermeister zu und sagte: Eine schone Empfehlung von Herrn Doctor Bogen in New York, er läßt Sie vielmals grüßen und schickt Ihnen hier diesen Brief mit. ' ! Der Brief war sehr kurz. Der Doc tor hatte nur Folgendes geschrieben: ' Lieber Herr Bürgermeister! Den langen Heinrich schicke ich Ihnen hierbei zurück. Behalten Sie dergleichen Lumpen hübsch bei sich. Nach Amerika

wandern nur ordentliche Leute vzt Schmälingen au?. Ergeben st Dr. Bogen, 68 Houston Str., Nv York. Der Bürgermeister hat den Schrecken überlebt, ja, er hat sogar nach Jahr und Tag dem Doctor Bogen geschrieben, der Witz sei so gut gewesen, daß er ihm nicht länger grollen könne. Den langen Heinrich aber haben sie in Schmälingen bis an sein Lbensende nur noch denÄmerikancr genannt.

Der bronzene Selbstmörder. Von Emem, der mit dabei gewesen", wird folgender übermüthige Studentenulk erzählt: Es mochte 1 Uhr nach Mitternacht sein, als eine fröhliche Schaar jugendlicher Zecher in sichtlich animirtcr Stimmung eines der besuchtesten Vierlokale in einer süddeutschen Residenzstadt verließ. Die Gesellschaft schien sich in einer erheblichen MeinungsVerschiedenheit zu befinden, denn aus der stellenweise überlaut geführten Unterhalt tung konnte Jedermann, der sich für deren Inhalt interessirte, entnehmen, daß es sich darum handelte, ob man ruhig nach Haufe gehen oder noch einen Ulk" ausführen sollte. Während die eine Hälfte mehr sich nach gesundem Schlumwer zu fehnen schien, brannte die andere offenbar von einem Thatendurst, der vor den kühnsten Wagnissen nicht zurückschreckte. Wer wird es wunderbar sinden, daß die laute Debatte bald alle Nachtwächter und Schutzmänner aus den passirten Straßen nnd ihrer Umgebung heranzog und sie veranlaßte, inachtungsvoller Entfernung der Schaar zu folgen und die weitere Entwickelung der Dinge abzuwarten? So mochten nach einer halbstündigen Wanderung sich wohl alle Jünger der heiligen Heruundad im Bezirke dem artungsvollen Gefolge der zwiespältigen Zechgesellschaft angcschlossen haben, da machte die letztere Halt, um sich endlich zu trennen ; die ruhebedürftige Hälfte, um ruhig nach Hause zu gehen", die thatenlüzterne. um im Gefchwindschritt nach dem offenbar in ganz entgcge,kA:schte? Richtung gelegenen Schauplatz des beabsichtigten Schels meustreicheS zu eilen natürlich gefolgt von den gefsmmtcn jetzt doppelt gespannten Wächtern der Nacht und des Gesetzes. Aber merkwürdig! kaum sind 10 Minuten verflossen, so treffen wir in dem freilich jeyr gänzlich von Organen der öffentlichen Ordnung entblößten Bezirk die ruheliebcude" Hälfte der Gesell- -schaft bei stiller, aber emsiger Thätigkeit. Bor einem öffentlichen Garten, der auch Nachts offen bleibt, steht einer von ihnen Wache; gedämpfte Rufe schallen hin und wieder, dan:, tauchten aus dem Dunkel der Baumgruppm die Uebrigcn ans, die ächzend, aber hurtigen Schrittes eine schwere Last schleppen. Der gcheimnißs volle Thorhüter schließt sich ihnen an, und mit der nur in gehobenster Ulkstim mung oder verzweifelter Verbrecherangst vorhandenen unermüdlichen, fast übernatürlichen Elastizität und Ausdauer eilt der unheimliche Zug behend durch die Straßen. Jetzt ist er auf dem Marktplatz angelangt, ein behutsames Umher spähen ringsum Tvdtenstille. Noch ein paar Schritte, und man ist an dem tiesen Bassin des dort befindlichen Nöh renbrunnens ; die schwere Last wird mit vereinten Kräften gehoben und versinkt mit gurgelndem Geräusch in den Tiefen des Brunnenbassins. Nun verschwinden alle Thcilnehmer des Abenteuers schnell nach allen Seiten; aber nein! nach ein paar Minuten erscheint fchon wieder Einer und legt etwas vor dem Brunnen nieder, das eine verdachtige Aehnlichke.it mit ein Paar Stiefeln hat, ein Zweiter bringt anscheinend einen Stock, em Dritter einen Hut. Dann liegt der Platz wieder so ruhig, wie kurz zuvor. Beim erstell strahl der Msrgenfonne öffnet sich die Thür eines der umliegenr den Häufer und heraus tritt des Hauses tüchtige Schafsncrin, um Wasser zu holen. Gleichgiltig, halbverschlafcn nh hert sie sich dein Brunnen, da stutzt sie: was is dann des?" Stock, Hut und Stiesel? Sie beugt sich über den Brunncnrand, und markerschütternd gellt ihr Schrei über den Platz. In den benachbarten Häusern wird es lebendig. Was iS dann tos? Weä r heischt dann so? Ei kommt. doch! Ei kommt doch! Ach was sein ich eäsch' ocke ! Do kickt aanä im Wassa!" Im Nu drängt sich die Menge um die Brunnenmauer; kein Zweifel, man unterscheidet deutlich die. Umrisse einer menschlichen Gestalt. Mit Blitzesschnelle fliegt die Kunde Im Makkb'hunne lickt aanä!" durch den ganzen Bezirk, die Polizei erscheint und mit ihr vier städtische Arbeiter, die mit langen Hakenstangcn und einer Tragbahre versehen sind. Geb! Owacht! Alleweil kommt die Bollezei!" Man macht Platz und rüstet sich mit gruselnder Neuzier auf den schaurigen 'Moment, wenn der leblose triefende Körper todtblassen Angesichts an die Oberflache gehoben wird. Die Männer setzen die Stangen an, einmal, zweimal, dreimal. Jetzt endlich haben sie ihn. Uft! Donnawedda, dra is awma schwea! Noch einmal! gleich! Alles macht lange -Hälse - jetzt! - Ahh!!! - Fast hätten die Arbeiter vor Bestürmung ihren Fang wieder fallen lassen. Denn daS, was sie im Schweiß ihres Angesichts heraufgezogen hatten, war kein Wunsch, sondern eine Bronzestatue. Die allerversiedensten Stimmungen machten I sich : jetzt bei der erregten Menge Lust. " NeiM awwa so wasj Des is ja an D'hiedon (Triton) aus em Hä'nngadde. Daö also war die schlvere Last gewesen) mit der die nächtliche Gesellschaft sich geschleppt hatte! Aergerlich und lachend zerstreute sich die Menge und diesen Tag über sprach man fast von nichts als vbii' dem bronzenen Selbstmörder". Die Sache ist längst verjährt und kann des-1 halb heute anstandZlos erzählt werden. Reis ift$äxiM - 'MUr$ w!e können, Sie in Rom binnen zwei Tagen Alles gesehen haben wollen?" Ja, Vir reisen doch zu drei ; meine Frau besucht die Kirchen, meine Tochter die, Gallericn und ich die Restaurants und EafSs. Abends kommen wir zusammen, erzählen uns gegenseitig veS Erlebte und so sind wir von Allem unterrichtet!"

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