Indiana Tribüne, Volume 9, Number 208, Indianapolis, Marion County, 18 April 1886 — Page 3
per Herr von Veißer. (lins mehr od weniger wahrhafte Geschichte von ZOyaltt vom Brühl.)
Hat cs Wohl einen vollendeteren Gentleman gegeben, als wie den Herrn von Aeiöer ? Sah man je einen Schöneren im Glänze und in der Kraft der Jugend auf dem schlechten Pflaster einer kleinfürstlichen Residenz umherwandeln ? Schwerlich ! denn Herr von Beißer war das Non plus ultra eines jungen Adeligen. Nicht nur die Mädchen guckten ihm nach, wenn er bedächtigen, doch eleganten Schrittes die Straßen dahinschritt, auch die Männerwelt gönnte ihm bewundernde Blicke, und während ihn vielleicht ein flaumwa'.'giger Jüngling ob seines prächtigen, stolz abstehenden Bartes beneidete, wünschte sich ein Zahnloser sein herrlich schimmerndes, blen dend Weißes Gebiß, mit-welchem er gern zu kokettiren schien. Auch das Feuer und der Glanz seiner treuen, braunen Augen verkündeten, danHerr von Veißer stolz Brille oder Kneifer verschmähen, daß er mit sreiem, scharfem Blicke in die Welt gucken konnte. Weil nun alle Welt diesen Herrlichen bewunderte, ehrte und umschmeichelte, mußte es um so größeres Wunder nehrnen, daß der. Landesfürst bisher von der Eristenz des Herrn von Beißer keine Notiz genommen hatte, er, der es sonst als seine heiligste Jegcntenpflicht betrachtete, alle Adligen, Ausländer und Leute vom Stande, die je in der kleinen Residenz auftauchten, zu Hofe zu laden und mit Liebenswürdigkeiten zu überhäufen. Der Held dieser Geschichte machte sich übrigens aus der Nichtachtung seiner Person von Seiten des Hofes gar nichts und ignorirte ihn ebenso, wie jener ihn ignorirte. Will man nun 'eine Erklärung dafür . haben, weshalb dem jungen Adligen die Einladungen ins fürstliche Schloß versagt blieben, so kann man nur die sinden, da der edle Herr von Beißer ein Hund war, ein Hund aus dem uralten Geschlecht derBernhardsberger. Unter dem simpeln, wenn auch bezeichnenden Namen Beißer war er vor 22 Jahren an der Seite eines jungen Malers in der Ilesident eingewandert und war, wie sein Herr, bald eifriger Stammgast in der fioelen Kneipe: Zur beklerten Palette". Dort war nämlich das Hauptlaaer des jungen Künstlervölkchens der Residenz ; dort wurde mancher Ulk ausgefrcsien und noch mehr Bier ausaetrunien. Bier zu trmken hatte sich auch Beißer angewöhnt und nicht zum wenigsten dieser lobwürdigen Eigenschaft we'gen wurde er bald zum Liebling der . r r. l. r unuzunger. an er joia? ioeaien um gana.es würdig war und mit Leib und Seele zu der Stammgesellschaft in der beklerten Palette" gehörte, bewies er bald auf das Nachdrücklichste. Waren da eines Tages auch ein Dut und Studenten einer benachbarten Universität in die 3!esidenz gekommen und in der Künstlerkneipe eingefallen, um einen Schoppen oder mehrere zu trinken, n dieser edlen Abncht setzten sie sich an el nen Tisch im besagten Lokale nieder, be stellten sich .'Stoss und sahen mißgünstigen Blicks auf eine Anzahl junger Kunstler, die an einem andern Tische zechten und die ihre Spottlust reizten. Bald flogen Sticheleien herüber und hinüber von Tisch zu Tisch, dann flogen ein Paar leere Bierseidel mit und endlich begann eine solenne Prügelei. Fast schien es, als sollten die Kunstjünger, die in der Minderzahl waren, aus ihrem Stammlocal hinausgehauen und geworfen werden, als plötzlich der Netter erschien. Beißer nämlich, der bis dabin ruhig unter einem Tische geschlafen, kroch, durch den Spektakel aufmerksam gemacht, hervor und übersah nicht sobald die kritische Situation seines Herrn und seiner Freunde, als er thätlich in den Kampf eingriff, und das mit solchem Erfolg, daß in kürzester Frist die streitlustigen Studenten aus -dem Local flüchten mußten. Bis zum Ausgange verfolgte sie der kampfesmuthige Kämpe und setzte seinen Heldenthaten noch dadurch die Krone auf, daß er zum Schluß dem Rädelsführer noch einen solchen Denkzettel gab, daß jener, allen Passanten ' zum Gaudium, mit einer schmählich bloßgelegten Stelle seiner Rückseite über die Straße rannte und in das nächste Haus flüchtete, um dort solch' fatalen Schaden nach Möglichkeit zu kuriren. Die Maler triumphirten. Beißendes Tages stolzer Held, wurde zunächst durch Stiftung einiger Würste und mehrerer Gläser Bieres belohnt. Um ihn aber nachhaltiger zu ehren, beschlossen die übermüthigen jungen Leute, den bis dahin nur einfach bürgerlichen Necken in den wohlverdienten Nitterstand zu erheben und ihm fortan die Würde und den Titel eines wirklichen Herrn von Veißer zu verleihen. Eine weitere Auszeichnung, welche dem neugebackenen Adligen widerfuhr, war die feierliche Aufnahme seines Porträts in Oelfarben, von einem talentvollen Thiermaler säuberlich ausgeführt. Der geniale junge Mann hatte dem Herrn von Beißer einen feinen Frack mit einem prachtvollen Ordenbstern angemalt, desgleichen dem würdevoll Dreinblickenden einen schönen, rothen Fez aufzesttzt. Um dies Vilbnitz wurde von allen künstlerischen Stammtischgenossen in der beklexten Palette" ein feiner Nahmen mit der eingravirten Devise : Ehre wem Ehre gebührt ! gestiftet und das ganze Kunstwerk, allen sichtbar!ich und wohlbeleuchtet, an die Wand plaeirt. So kam cö denn, daß der edle Herr von Beißer unter dem Stammtisch schnarchte, wäbrend sein Eonterfei in Frack und Fez Mit kühlem Anstand auf die übermüthige Knapgesellschast medersah. Inzwischen hatte unser Heli seinen Herrn mehrmals gewechselt. Künstler sind selten seßhaft und einen gros en, stets zum Fressen grneigten Hund m.t in der Welt umherzuschleppen, ist ebeit so kostspielig, wie umständlich. So hitte Beißer's erster Herr einem Freunde den lideln überlassen, dieser verschenkte ihn bei seinem Fortgehen 'an eine?! Dritten und schließlich gelangte er in 'en Besitz eines Musikers und Dichters der am fürstlichen Eonservatormm ere Lehrer-
stellung bekleidete. Bei diesem jungen Manne, der ihm aufrichtig zugethan war.
campirte Herr von Becher des Nachts, dejeunirte er und fraß die Kalbsfüße und das Pferdefleisch, welches er zu semes Leibes Nahrung bedürfte. Im Uebrigen aber laa er als em auter Edelmann und Kneipgenosse den ganzen lieben Tag in der Künstlerstammkneipe und spielte mit Würde und Gejchm die wichtige 2Uoue eines Corpshundes. Das ging einige Jahre so, bis einst bei irgend einer Gelegenheit die kleine Künstlercolonie eine Fete unter sich feierte, deren Gipfelpunkt in einem frugalen Festmahl, in Bocksbraten mit Klößen, bestand. In Anbetracht dessen, daß junge Künstler zumeist einen guten ApPetit entwickeln, hatte man den Wirth zur beklexten Palette" veranlaßt, eine große Menge jenes mitteldeutschen Nationalgerichts zu bereiten. Als nun das feierliche Essen stattfand, erwies es sich, daß die Künstler ihren Mägen zu viel zugetraut hatten und daß ansehnliche Portionen hätten stehen bleiben müssen, wenn sich Herr von Beißer derselben nicht freundlichst angenommen hätte. Bedächtig stand er da und aß und fraß. Und immer neue Ueberbleibsel wurden ihm vorgesetzt und immer weiter fraß und aß Herr von Beißer, mit dem Anstand, den er hatte", bis nichts mehr übrig war. Watschelnd, stöhnend, mit aufgetriedenen, Bauche, schlich er spät in der Nacht neben seinem ebenfalls bedenklich wankenden, stöhnenden Herrn dahin und legte sich, im trauten Heim angekom men, gewohntermaßen auf den Teppich vor dem Bette des Künstlers. Dort lag Herr von Veißer am andern Morgen noch, aber todt, kalt und steif, ein trauriges Opfer des allzureichlich genossenen Bocksbratens mit Klößen. Am zweiten Morgen nach dem betrüblichen Ende des edlen Herrn von Beißer ließen sich Seine Durchlaucht, der Fürst, in Dero Arbeitszimmer von Ihrem Gebeimsekretär Vortrag halten, das heißt, Sereniimus informirte sich, wie allmorgentlich, über die internenAngelegenheiten feiner 3!esidenz, indem er sich den Jnseratentheil der in der Hauptstadt erscheinenden Zeitung für Stadt und Land," von Ignoranten das Wurstblatt" benannt, vorlesen ließ. Die glückliche Entbindung meiner lieben Ehefrau Johanna von munteren Zwillingen (Knaben) zeigt hocherfreut an Hofkleidermacher Wüunlein " las der Sekretär. Ei, ei, sieh da !" siel Se. Durchlaucht ein, das Würmlein muß doch schon ein ziemlich alter Kerl sein. Wie alt schätzen Sie ihn, Reiher?" Er ist 71 Jahre, !) Monate und 4 Tage alt und steht im 47. Jahre seiner heiligen Ehe," entgegnen ohne Zaudern der phantastevolle Secretär. So, so, merkwürdig, höchst merkwürdig! Doch lesen Sie weiter." Ich warne hiermit Jedermann, meiner Frau Karlina auf meinen Namen irgend etwas zu verabfolgen oder zu borgen, da ich für nichts haste. Fritz Werner, Hofbäckermeister' Was ist das mal wiede für eine Scandalgeschichte, Reiher? Was wissen Sie über die Frau des dicken Bäckers V Sie heißt mit ihrem Mädchennamen Earoline, Gabriele, Emilie Schnuppermann und ist gegenwärtig ... 31 Jahre . . . ja wohl, 31 Jahre, 7 Monate und 5 Tage alt," log der Secretär, der bisher von der Existenz der Bäckersfrau keine Ahnung hatte. Schon als Mädchen zeichnete sie sich durch leichte Sinnesart aus. Ihrem Manne, dem Herrn Hofbäckermeister, hat sie vier Kinder geschenkt, von denen ihm eins entfernt ähnlich sehen soll." Schon gut, schon gut, Reiher," entgegnete seine Durchlaucht lächelnd. Ja) sehe, Sie sind gut informirt über die Angelegenheiten meiner Residenz, ganz wie ich es liebe. Doch lesen Sie weiter." Aber Reiher las nicht weiter, sondern starrte in die Zeitung, als läge in den Zeilen ein unlösbares Räthsel verbop gen. So lesen Sie doch ! Was sind das für Verse V frug der Fürst, der dem Secretär über die Schulter geblickt hatte, und jener las etwas zaghaft, was dort in sauberen Reimen, wie folgt, gedruckt stand : Nachruf aus den Tod des allzufrüh verblichenen Herrn von B e i ß e r. Du gingst dahin in's dunkle Reich der Schatten, Von dannen keine frohe Wiederkehr. Gebrochen ist dein Aug', verstummt die Lippe. Und ach, dein treues Herze schlägt nicht mehr. Verwaist und einsam stehen wir, die Genossen. Mit nassem Blick an deines Grabes Rand. O, werden wir dereinst dich wiederfinden In jenem weiten, unbekannten Land ? Treu wollen deiner wir hinfort gedenken. O Edler du, von echtem Schrot und Korn! Ja, edel warst du, wenn die Gläser klinkten. Und edel selbst im hehren Kampfeszorn. So ruh' denn. Treuer, aus am Waldessäume, Wo wir den todten Leib gegraben ein. Schlaf wohl, schlaf wohl, du edelster Genosse. Die Erde möge weich und leicht dir sein. Deine tiefbetrübten Freunde. Was ist dieser Herr von Veißer, der in meiner Residenz lebt, der in meiner Residenz stirbt und von dem mir Keiner Mittheilung macht ?" frug der Fürst mit i . au melaenoem unwmen. Der Secretär zuckte verlegen die Achr i l r r i . . . r - r em uno ucyie veigeoens nacy emem Auswea. Die Herren von Beißer sind meines Wiiiens cm altes schwäbisches 3!itteroe schlecht, das schon zu? Zeit der Krcuzzüge slorirte. Einem Mitglied der Familie,
dem Reichsritter Balderich von Beißer, wurde anno 1098 vor Odessa durch einen heidnischen Pfeil die Nase gespalten," log Herr Reiher, ohne jedoch dem zornigen Fürsten jetzt durch seine genealogischen Kenntnisse zu imponncn.
Vielmehr schnauzten Durchlaucht seinen Geheimen an : Will ich jetzt nicht wissen ; weiß sel ber, daß die Beißer ein uraltes Geschlecht sind. Um so schlimmer, daß einem Sproß derselben in meiner Residenz nicht die nöthige Aufmerksamkeit - zu Theil ward. Keine Einladung zu Hcfe hat dieser würdige Mann erhalten, dieser Edle von echtem Schrot und Korn, wie ihn seine Freunde nennen. Schändlich, schändlich ! Und Sie wissen doch, Reiher, daß ich von der Anwesenheit jeder beachtenswerthen Persönlichkeit stets unverzüglich in Kenntniß gesetzt sein will. Man scheint die Ausführung meiner Befehle sehr leicht zu nehmen, ja sehr leicht, Herr von Reiher !" Ganz geknickt stand der Secretär vor seinem zornigen Potentaten und flüsterte nur verlegen etwas wie : unbegreiflich, daß der schärfsten Aufmerksamkeit dieser Edelmann entgangen ist. Aufgeregt ging der Fürst im Gemache auf und nieder, aö und zu einen vernichtend'en Blick auf den ergebenen Diener werfend. Gehen Sie jetzt, Reiher", befahl er endlich ungnädig und kurz. In einer Stunde hören Sie : in einer Stunde Wünsche ich über Leben und Tod des Herrn von Beißer, in meiner Residenzstadt auf das Genaueste informirt zu sein. Desgleichen soll sofort ein Kranz für das Grab des so vernachlässigten Edelmannes angefertigt werden. Verstanden V Herr von Reiher kratzfußte sich aus dem Gemach. -1 Jetzt begann ein großes Nennen und Jagen in der Stadt. Ein Dutzend Lakaien waren auf dem Trab und kein Passant der Straße war davor sicher, um Auskunft über einen gewissen, vor einigen Tagen verstorbenen Herrn von Beißer ersucht zu werden. Der Geheimsekretär war der eifrigste bei diesen hochwichtigen Nachforschungen. Mit beschwingten Sohlen rannte erwach der Redaction der Zeuung für Stadt und Land", um die Einsender des poetischen 3cachruss zu erMitteln: doch mit Würde erklärte der Nebakteur dem Unwissenden, aß er, der Redacteur, als solcher mit dem Inseratentheil des Blattes Nichts zu thun habe, das sel ledialich Sache der Erpedition. : Herr von Reiher stürmte nun oie Treppe hinab nach dem Schalter der Expedition, die aebühren dermaßen unter der Redaction lag. Dort wurde er auf die richtige bahrte aeleitet. Der Kellner des Restaurants wr oe Hexten Palette" habe das Inserat gebracht und zwar im Auftraqe einer Stammtisch-Gesellschaft, die auch die Insernonslosten getragen habe, hiev es. Herr von Kleiber setzte sich nun wieder rn Galopp und betrat bald das Restau rant zur beklexten Palette", welches er nach kurzer Zelt wieder verließ, um nun, wie beflügelt, zum Zkendenzschlosse zurück zuschießen. Gleich darauf stand er, noch keuchend. vor dem Ängencht des pursten. vcun i" fragte dleser gespannt. Der Herr von Beißer, Euer Durchlaucht, der Herr von Belßer ist ein Hund, ein großer Hund," entgegnete der ecretar, mit emem trmmphlrenden Lacheln kampsend. Wa a s ? Der Herr von Veißer em Hund Bieter Edelmann von ech tem cyro: und sioxn, vieser Herr von altem Adel ein Hund?" sprach der Fürst gedehnt. Bedenken Sie wohl, daß ich für jede Beleidigung des vornehmen Todten strengste Sühne fordere." Ich spreche die Wahrheit, Euer Durchlaucht. Der Herr von Veißer ist c . v r r. i ein wiriiicyer uno roayryasliger Hund, em großer Bernyardsberger, so eme Art r i St .. M. M Vlammyuno in oer nunttlerlneipe zur beklexten Palette". Wle übermüthlqen jungen Leute haben ihm den Adelstitel zugelegt, weil Beißer (diesen Namen trug er früher) bet elnem Streite, den die caier mll luoentpn yauen, emem Gegner die Rückseite des Beinkleides zerriß. Vorgestrige Nacht nun ist der Hund crepirt, wie es heißt, weil er sich an Bocksbraten und Klößen den Magen überlud. Die leichtfertigen Künstler haben das Thier dann spät Abends auf einen Schubkarren geladen und in feierlicher m . r t. 1 - rocemon vel oen langen emer Guttar re und einer Maultrommel draußen nach dem Waldrande geschafft und dort bestattet. Auch soll eine Leichenrede am Grabe gehalten worden sem." Nein, diese Schändlichkeit ! Mit solch ernsten, heiligen Dingen Scherz zu treir et l r i r , . m r . " u . - ven: raucy vno Tttie, irce ipect und Ehr furcht zu verletzen und zu verböhnen! Ja, P P CVTs J mm . . oie e UN ller, vttje Acaler : Äle uno em Nagel zu meinem Sarge!- schrie der Fürst m zorniger Erregung. Wer ist der Verfasser des schändlichen Nachrufs V frug er, nachdem er eine Welle wüthend auf und rneder gerannt war. Der derzeitige Besitzer des Hundes, der Schriftsteller Wilbert, gegenwärtig auch .cusiklehrer an Ew. Durchlaucht Eonservatorulm. So ! Ein schöner Lehrer das, dieser Wilbert ! Da scheint es mir doch sehr angebracht zu sein, dieser Hundegeschichte einen tragischen Schluk zu verleihen," meinte der zornige Monarch. Gewiß, es muß ein Exempel statuirt werden, damit diese jungen Leute merken, daß ich nicht ungestraft solche Späße in den Mauern meiner Residenzstadt dulde. Hören Sie Wohl, Reiher 5 Schreiben Sie so gleich an den Director des Eonservatoriums, es sel unser Wllle, dan der Musiklehrerund Schriftsteller Wilbert sofort seines Amtes entlassen sei. Das Gehalt soll ihm auf ein Vierteljahr vorausbezahlt werden. Zur Begründung der Entlassung möge ihm mitgetheilt werden,daß wir die Ansicht hegten, ein Mann, der mit ernsten Dmgen, mt mit Adel, Tod und Begräbnis solchen Spott treibe,quaf r p lmclre na) mcm ferner zum ceyrer ln unsern Landen. " So wurde denn der arme Wilber zum .Dank für seinen weihevollen Nachruf
um Teufel aeiaat. Er nabm ebne son-
derliche Betrübniß das vorausbezahlte u-t-n. rz ir rx.-.ii.ri, t.- -.t: iicicm in viiiiiaiig, iiuucuc, utuuutc Gläubiger hinterlassend, den Staub seiner Füße über die Residenzstadt und zog in die erne. Inzwischen ist er ein bekannter, anaesebener Dickter in deutschen Landen geworden. Se. Durchlaucht ist aber der kleine, unbedeutende Duodezfürst geblieben und wlrd es brnoen sem noen lang. Icr vierte Stand. Eine Zlint aus dem italienischen Volksleben. Jetzt war sie alt und fettige Kleider umhingen ihre lange, hagere Gestalt, aber sie hatte sich das Lächeln und die Zähne der Jugend bewahrt. Als Mäd chen arbeitete sie m der Elgarrensabrik und brächte ihren Lohn der alteren Schwester, die unglücklich verheirathet war und ein Rudel Kinder hatte. Ein deutscher Maler sah sie einst beim Heimqanq. Die hohe, ebenmäßige Gestalt, die unendliche Güte, welche aus dem schönen Genchte der Zwanzigjährigen sprach, entzündeten seine Phantasie. Es war nicht leicht, Giovanna zum Modell zu bekommen, denn blsher hatte sie noch Niemandem gesessen. Die Noth der Schwester, das biedere Wesen des Deutschen, die leckeren Näschereien, welche er zum Knuspern brachte, besiegten die Skrupel. Er malte Gwvanna am Meeresufer im weißen, flatternden Gewände, das Haar aufgelöst, den geschmeidigen Körper weit zurückgebogen, die Arme emvorgehoben, um stch vor dem blendenden Lichte der aufgehenden Sonne zu schüz zen. Er hatte seine Freude an dem Werke, das ihm nachträglich zur Berühmtheit verhalf und schenkte dem Madchen m uneigennützigster Weise, was er damals selbst noch wenig mit Glücksgütern gesegnet entbehren konnte. Doch zu einem zweiten Bilde stand sie ihm nicht mehr. Sie hatte die Bekanntschaft eines Arsenalarbeiters gemacht, der täglich vier Lire verdiente, und henathete ihn nach kurzem Brautstände zum Jubel der Ihrigen. Hinterber stellte es sich heraus, daß er ern Quartalsäufer war und im Rausche jedesmal einen Exzeß begmg. Bei alledem wuchsen ihre Kmder zu strammen, prächtigen Gestalten heran, und die Mutter, welche jetzt am frühen Morgen das Haus verließ, um als Aushilfsmagd da und dort em paar Eentesimi auszuschnappen, und ein Papier voll Speisenabfalle für ihre Kinder heimzutragen, lächelte noch immer, als wandle sie auf Rosen und nicht aus den glühen den Scharren, welche ihr das Geschick unter die Füße geschoben. Das ganze Sestiere kannte die lächelnde Giovanna und lächelte ihr zu, wenn üe im langen, schmutzgeränderten Rocke hoheitsvoll durch die Gassen schleifte. Zuweilen trug sie Beulen an der Stirne, blaue Flecken unterm Auge, den Arm in der Schlinge, aber kein Mensch erfuhr aus ihrem Munde, wo und wie sie zu diesen Kriegstrophaen gekommen war. Ueocrhaupt sprach sie wenig, sie lächelte blos wie auf dem Bilde, wo sie den leuchtenden Morgen begrüßte, das war Alles. Aber dle Leute wußten doch, wem sie all' das Ungemach zu danken hatte. Endlich nahm auch das ein Ende. Sebastians starb unerwartet schnell, am Säuferwahnsinn, und hinterließ seinem Weibe zwei Söhne und zwei Töchter. Alle, mit Ausnahme der Jüngsten, hatten sie des Vaters Eigenschasten geerbt. Wie er, waren auch sie zungenfertige, händelsüchtige Leute, die einen gewissen Stolz in ihr heftiges Temperament setzten. Die Tochter, welche ihr Mann als kleines Kind zum Fenster hinauswerfen wollte, verliebte sich in einen Neger, den ein Peninsular-Dampfer" nach Venedig gebracht hatte, bekehrte ihn zum Christenthum und beschenkte ihn kurz nach der Hochzeit mit einem nahezu ganz schwarzen Kinde. Dutzende von alten Weibern umstanden die Kirchenthüre, als man das kleine Wesen zur Taufe trug und bekreuzigten sich entsetzt bei dem ungewohnten Anblick. Giovanna welche den gläsernen Kasten hielt, in dem man zu Venedig die Kinder zur Kirche bringt, mußte manches harte Wort über sich ergehen lassen, allein sie lächelte auch dazu blos versöhnlich, während ihre Tochter, die Frau des 3!egers, dem Blute der Zanghetti gemäß flammende Zornesworte vom Fenster hinab rief, und der Mohr, den spiegelglatten Zylinder auf dem Kopfe, der Szene, die sich auf Ponte delle Pazienze abspielte, vergnüglich zusah, als handle es sich um eine obligate Zeremonie. Jetzt kam der älteste Sohn vom Militärdienste zurück, ein reckenhafter Bursche von sechs Fuß Höhe ohne Schuhe. Auf ihn hatte sich das Krakehlertemperament des Vaters am ausgesprochensten vererbt. Sobald er die Heirath der Schwester gehört, kam es zu einem fürchterlichen Zusammenstoß zwischen diesen beiden gewaltthatigen Naturen. Der Anprall war ein so heftiger, daß er auf Augenblicke selbst das Lächeln von den Lippen der ewig gleichmäßig heiteren Giovanna scheuchte, wiewohl sie selbst dann noch, die Prise zwischen Daumen und Zeigesinaer, mit unerschütterlicher ?kuhe ausrief: Da hilft Nichts er hat das Blut seines Vaters." Die unerbittliche Schwester aber ließ den Bruder wegen Störung des Hausrechts vor Gericht ? c ri r r- , zuiren uno er oume leinen rausch uno die daraus erwachsenen Folgen mit sechs Wochen Arrests. Die jüngere Tochter, blond und ruhig, war das Ebenbild ihrer Mutter und hatte nur das Lustre des Gaumens von dieser geerbt, ohne sich eines gleich ausgezeichneten Mäzens zu erfreuen. Sie heirathete den Volpi-Verkäufer von San Pantaleone und hatte ohne Unterlaßt mit Wochenbetten und Indigestionen zu kämpfen. Die Folge davon war, daß lbre prolinge gleichfalls an Glovan nas langen Rücken hingen, wenn sie durch die Straßen fegte, um der endlosen Mühsal gerecht zu werden, dle jeder neue Tag über sie verhängte. Jetzt hatte auch ihr Jüngster, ihr Lieblinassohn, das zwanzigste Jahr erreicht. Wie wohl auch dieser an Lunge nlchts zu wünschen f.. f. r. . . C . r . " rv uorig ilen, Ivuroe er oocy vom tilikar dienste ausgeschlossen. Er sei nicht kräftig genug, hieß es ;
diesmal lächelte Giovanna nicht mehr, sondern sie strahlte und funkelte geradezu von innerer Glückseligkeit. Der lange Junge aber, mit dem .dichten Kraushaar und dem schiefen Käppi, auf welchen sie, als auf den letzten Hort ihres Alters gerechnet hatte, zog es vor, ein schwarzäugiges Mädchen vom Fleck weg zu heira then. Die Schone, welche im Sommer Ä!aulbeeren feilbot und im Winter mit gekochtem Ceci singend durch die Straßen zog, stand nicht im besten 3!ufe. Egidio sollte seine voreilige Wahl schon nach Monaten bereuen. Giovanna aber hatte jetzt vier Haushaltungen zu überwachen, denn ihre Kinder wußten keines allein fertig zu werden. Bald sah man sie mit einem schmutzigen blonden, bald mit einem Negerkinde am Arme, bald hastete sie, mit langem Prügelholz beladen, heim, um die Polenta zn kochen, bald trug sie zumeist Montag den Ehering ihres Aeltesten, oder die Ohrringe ihrer blonden Tochter auf' den Monte Pio, die Zwischenpausen nützte sie, um fremder armer Leute Geschirre aufzuwaschen und abermals Botengänge zu verrichten. Eines schönen Morgens, als Giovanna um die Ecke von Calle Toletta, unfern der Akademie, bog und eben im Begriffe stand, auszurechnen, wie sie es anstellen müsse, um von den erübrigten fünfundzwanzig Centesimi dem Jüngsten des Hauses die weihnachtliche Ä08taräa di l'rutti o Mandorlatta zu kaufen, welche bei Rialto zu mächtigen Bergen aufgethürmt die Käufer anlockte, blieb ein älterer, elegant gekleideter Herr vor ihr stehen. Er betrachtete sie lange und aufmerksam. Sie war etwas verblüfft, endlich aber lächelt auch sie ihn mit ibrem gewohnten zufriedenen Lächeln an und er rief mit unverkennbar fremdem Accent : So ist sie es doch !" Gleichzeitig schritt er auf die Fünfzigjährige zu, welche er als zwanzigjähriges Mädchen gemalt hatte. Kint Ihr mich noch, Giovanna?" Ja, ja, Signor, mir scheint" und sie erröthete unter ihrem Schmutze. Aerm-
ste, es scheint Euch nicht zum Besten zu gehen V' sprach der Maler, und er prüfte traurigen Blickes die Veränderungen, welche die Zeit an seinem Modell vorgenommen hatte. ,.O doch, Signor, es geht mir recht gut, wir sind nur unser Viele," und wieder lächelte sie wie emst, wo ihn dieses Lächeln bezauberte. Was sie noch für prächtige Zähne hat, merkwürdig" sprach er vor sich hin. Doch ich will Euch nicht aufhalten, Giovanna, ich sehe, Ihr habt Eile M und er wies auf das Bündel Holz, welches sie unter dem Arme trug : dabel druckte er lhr dle schwielige, rußige Hand und ließ em Zwanzig - Franks - tua daremgleuen. Bleibt gesund, es hat mich gefreut. Euch wiederzusehen!" Mich auch, Signor; aber es ist ja Alles zu viel Al les zu viel nach so langen Jahren . Doch er hörte sie nicht mehr, er war schon fort. Abends saßen Alle m gehobener Stlmmung um den langen eichenen Tisch. Der Lorbeerstrauch loderte am Herde, dle aol denen Ohrgehänge, welche Giovanna mit dem Gelde des fremden Malers ausge löst hatte, baumelten an den Ohren ih rer Lieblingstochter, der Tombolo-Sack stand ln Bereitschaft, die Aaljuppe duf tete von ferne nach all' den appetitlichen Jnaredlenuen, als da sind : Oel, Knob lauch, vlosmarin, Pfeffer, Lvrbeer und Zimmt, und das lange Prügelholz knisterte auf dem Feuerplatze. Streu' Salz d rauf,das bedeutet Berdruß !" rief die ältere Schwiegertochter Giovanna zu. und diese, immer bereit, jedem Wunsche nachzukommen, trat mit dem schwarzen Kinde am Arme zum Feuer und streute grobes Meersalz darüber. Die blos zugelehnte Hausthüre wurde mit Geräusch ausgerissen und schwer ms schloß zurückgeworfen. Egidio," murmelte Gio vanna uud sah nach dem jungen Weibe mit den schwarzen, funkelnden Augen hlnüber, welches das seinige war. Gigia zog die Unterlippe abwärts und rührte sich Nicht. Jetzt gmg die Thüre auf und Egidio stürmte in die Küche, wo Alle versammelt waren, und direkt auf Gigia zu. Mein Kind will ich, hörst Du ! Mein Kind, ich lae es Dir nicht länger. Du Du " Egldw " mahnte die Mut ter. Egidio!" schrien die Uebrigen und sprangen von ihren Sitzen empor. Bist Du toll!" Wißt Ihr, was sie nur gethan bat !" Egldlo!" belanf tiqte Giovanna. Sie hat mir Nachts, als ich schlief, das Geld aus der Tasche gestohlen, die letzten Centesimi, welche ich hatte, und ist ins Marionetten-Theatcr gelaufen, mit mit " Ein unwilli ges Gemurmel begleitete seine Rede. Mit ihrem früheren Liebhaber, mit Lulgmo so, und jetzt hattet mich rnch länger, ich will mein Kind " Das Weib nahm bei diesen Worten Reißaus und flog mit dem Kinde die Treppe hinab. Cgidlo, der sich kaum aus den n ßen halten konnte, bemerkte ihren Ab . i . . .. gang ern, als vle Hauslyure zufiel, n ohnmächtiger Wuth stürzte er gegen das geschlossene Fenster und mit der geballten Faust muten durch das Glas Ein gellender Schrei ! Egidio taumclte zurück, die Hand war mit Blut überströmt. Die Mutter riß ihn vom Fenster zurück. Pit! Lau' uns nach der Apotheke eilen!" Es wird nichts sein, bleibt sitzen und esset !" beschwichtlgte Glvvanna und schob zuternd und bleich den Willenlosen zur Thür hinaus. Das Blut strömte immer heftiger aus der durchschnittenen Ader der Apotheker klebte ein Cerotto darauf und hieß die Beiden ohne Verzug ins Spital gehen. Giovanna stützte den Sohn und so wankten sie, immer wieder stehen bleibend, um Kraft zu sammeln, dem Spitale zu. Die Mutter übergab ihren Liebling den Aerzten. Sie bat um Unterkunft. Morgen, morgen" hieß es jedenfalls ist die Sache bedenklich es sitzt Glas darin Ader durchschnitten" Egidio war nun vollkommen nüchtern geworden, er litt furchtbar und stöhnte : Mein Kind mein Kind muß ich haben !" Diesmal trat Giovanna gesenkten Hauptes den Rückweg an, das gewohnte Lächeln war von den Lippen geschwunden. Sie ging nicht nach Hause, sondern dorthin, wo sie Gigia mit Recht vermuthete. Gieb mir das Kind" sagte sie zu dem treulosen Weibe er will
es." Es ist nicht das seinige, und so braucht er es nicht. Auch ich bleibe hier
-sag's ihm!" Das Wem und sem Liebster lachten und stießen Giovanna die Thür auf die Nase. Sie kehrte in's Spital zurück und blieb auf der telnbank davor sitzen, bis eö Tag wurde und der erste Wächter heraustrat. Er kannte le und brachte ihr Nachcht von dem Kranken. Schlimm steht es, wird aber wieder gut werden." Ihr altes Lächeln rat noch einmal aus die Lippen. Hungernd und frierend, zu Tode erschöpft, schleppte sie sich nach Hause. Alles schlief und schnarchte. Sie trank em balbes Glas Wem, das auf dem langen Tische zurückgeblieben war, und knusperte ein Stück Brod dazu. Dann warf sie sich angekleidet hin und' schlief ein paar Stunden. Um zehn Ubr erbat sie sich in dem Hauie, wo sie Waner trug und Teller aufwusch, die Erlaubniß, in's Spital gehen zu dürfen. Um Zwölf war sie wieder zu Hause. Ein Gehirnschlag hatte dem Leben lhreö Lieblings em Ende gemacht Henry Prre. Averglaube. Bezüglich des unter den Fischern, na mentlich den englischen, herrschenden Aberglaubens erzählten die Times" von den Fischern emcs Dorfes an den Usern von Iorkshire, daß es daselbst bis m die neueite Seit für em snscherboot als ein Unglück gelte, wenn cs seine Netze verlöre oder keine Fische fange. Die Matrosen dieses Schiffes und die grauen der Befehlshaber desselben hätUn dann die Gewohnheit, sich um Mitternacht zu vereinigen, eine Taube zu tödten, ihr das Herz auszureißen, dasselbe mit 'Nadeln zu bestechen und es dann auf einem Kohlenfcuer zu braten. Diese Operation ziehe die böswillige Zauberin, welche über das Schiff alles Unhell heraufzubeschwören suche, heran. Wenn dann die Zauberin gekommen sei, mache man ihr Geschenke, eins immer schöner als das andere. Wenn ein Fahrzeug während mehrerer Tage keine Fische fängt, so muß der erste Fisch, der in seine Netze geht, bei der Rückkehr als Huldigung der Schicksalsgöttin verbrannt werden. Alle vicrfüßigen Thiere bedeuten Unglück, und unter ihnen ist das Schwein am meisten verrufen. Sein Name ist so in Ungunst, daß, wenn derselbe beim Einschiffen oder beim Netzauswerfen ausgesprochen wird, die Arbeit sofort eingestellt wird, um der unglücklichen Vorbedeutung zu entgehen. Manchmal wird sogar das Hinausgehen auf das M? sur den ganzen Tag em gestellt. Wenn der Fischer einen Hund oder ci. ne todte Katze antrisst, indem er in sein Fahrzeug steigen will, so bleibt er den ganzen Tag zu Hause, und wenn er, im Begriff sich einzuschisten, seine Leinen und seine Netze trägt, und er begegnet irgend einer Frau, so hält er dies für ein schlechtes Vorzeichen ; selbst dann, wenn es seine eigene Frau oder Tochter wäre. Auch haben die grauen deshalb die Gewohnheit, schon in der Entfernung sich abzuwenden und dem Fischer den Stücken zuzukehren, um ihm den ungünstigen Eindruck zu ersparen. Wenn ein Fischer seinen Sohn nach seinen Wasserstiefeln schickt,so muß sie derselbe unter dem Arm tragen. Trägt er sie auf der Schulter, so würde der Vater unter keinen Umständen an dem Tage in See gehen. Uebrigens gelten nicht blos Menschen und Thiere als von schlechter Vorbedeutung. Selbst Gegenstände sind Unglücksboten. Man nennt deshalb ein Ei nur Runde. Endlich, trotz aller Courage und aller Gewöhnung an die Gefahren des Meeres unter den englischen Fischern, war es, wie die Times" erzählt, einem ihrer Correspondenten unmöglich, einen Fischer zu bewegen, nach dem drei Kilometer entfernt gelegenen Dorfe in der Mitternacht zu gehen, obgleich er ihm dafür 50 Francs bot. So groß ist der Aberglaube unter den Bewohnern und die Furcht vor Poltergeistern und anderer Teufelei. Dieser letzte Aberglaube, m:int das Blatt, dem wir diese Mitthdlung entnehmen, hat viel Ähnlichkeit mit demjenigen, der in gewissen Gegend den Frankreichs herrscht, besonders in der Bretagne, und man wlrd eine Vesserung nur erwarten können von der fortschreitenden Bildung. Das half. Ein etwas ältli ches junges Mädchen", welches stark Jagd auf einen Bräutigam machte und dabei die verschiedensten Kunstkniffe anwandte, hatte es in einer Gesellschaft auf den Komiker V., einen hübschen ledigen jungen Mann abgesehen. Verschieden Mittel hatte sie schon vergebens versucht, als ihr plötzlich sie war gerade mit dem Herrn in einem Nebenzimmer allein mit dem Anschauen eines Gemäldes beschäftigt einfiel, ohnmächtig zu werden. Der Herr mußte sie auffangen und vielleicht ließe sich aus der Situation, in der die Gesellschaft sie so sinken mußte, etwas machen. So schnell wie der Gedanke gekommen, ließ sie auch die That folgen, mit einem lauten Schrei sank sie zusammen die Gesellschaft stürzte er schreckt herbei mit dem Ruf Mutter, Amtier, Mutter" sank sie jetzt langsam B. in die Arme. Doch dieser, der sie durchschaut, sang, als das dritte Mutter" verklungen, mit lauter StimI mi rn . l rr me ,Mutter, oer 'cann mu oen oaies ist da." Schallendes Gelächter der Gesellschaft und entrüstetes Aufspringen der Ohnmächtigen. An B. bat sie sich nie wieder versucht. Auch eine Adresse. An Herrn Ludwig Grasbuber, Zuchthausgefangener Wohlgeboren in Zwickau. Aus der Schule. Lehrer : Schon standen sich die beiden Heere in Schlachtordnung gegenüber, da ertönte der Schreckensruf (absetzend.) Wer wirft denn da mit Papierkuge'N ? En passant. Erster Gauner : Wo hast den schönen Rock gekaust? Zweiter Gauner : Hab die Firma nicht lesen können, 's ging zu rasch ! Im Seebade. Seemeur: Aber, Herr Professor, Sie werden doch nicht mit der Brille baden wollen ? Pr)fessor (zum ersten Male im Scebade) : Aber bester Mann, so ganz nackt mag ich nicht gehn.
Auö dem Londoner High-Lise. Man schreibt aus London: DaS beste Mittel, einige Kenntniß über das Leben und Treiben der besseren Stände zu erhalten, besteht noch ' immer im Durchlesen der Polizeiberichte und gelegentlicher Enthüllungen vor den Krimi nalhöfen, vor denen sich der Lord, sowie der Schuhflicker für ihre Uebertretungen des Gesetzes zu verantworten haben. Diese Einblicke in das englische IlighLise sind nicht immer erbaulich, wie der vom Staatsanwalt gegen Lord Hinton wegen Betrug und Verschwörung ange strengte Prozeß bezeugt. Lord Hinton nämlich ist der Sohn, oder gilt als der Sohn des Earl Poulett. Dieses ehrbare Mitglied des Oberhauses verheirathete sich nämlich mit einer Dirne, und war nicht wenig erstaunt und gewaltig aufgebracht, als ihn diese etwa 5 Mo nate nach der Heirath mit einem Sohn beschenkte, dem gegenwärtigen Lord Hin-ton.-Der Graf hatte nichts Eiligeres zu thun, als diesen Sohn zu enterben, indem er den Fidei-Kommiß-Vertrag abändern ließ, der seinen männlichen Erben den Besitz der Familiengüter zusagte. Allein der Sohn selbst ließ sich so leicht Xi t.p ? t ... l , nn
mc?i veiemgen ; als er oas lannes alter erreicht hatte, steifte er sich auf seine edle (!) Abstammung, und da ihm sein Bater keinen Heller gab, trieb er sich in allen möglichen Stellen umher, mischte sich unter die schlimmste Gesellschaft und einige Zeit lang konnte man allabendlich den Sprößling eines der ältesten gräflichen Häuser Englands auf den Brettern eines transpontinischen Tingel-Tangel den Elown spielen sehen. Eine gute Vorbereitung für den Beruf eines erblichen Gesetzgebers, nicht wahr? Eine bessere fand sich im Laufe der letzten Jahre. Der Lord hatte die Bekanntschaft zweier Spitzbuben, Alcock und Wright, gemacht, Diese verfielen auf den Gedanken, den adeligen Titel ihres Spießgesellen zu benutzen, um sich Geld u verschaffen. Der Plan war sehr einfach. Lord Hinton miethete ein Lustschloß in Zorkshire, etwa 3 Meilen von der Eisenbahnstation Lavesbam entfernt. Er selbst bewohnte dasselbe nicht, aber Alcock und Wright bestellten in seinem Na men (und sie trugen Sorge, daß der Bestellzettel mit dem Wappenschild des Lordgeziert war), in Birmingham, Edinburg, London, kurzum rechts und links Möbeln, Hausgeräthe, Gewehre und sonstige Waaren, die ein Eountrygentleman braucht. Diese wurden auch richtig abgeliefert und in das leere Haus gestellt. aber nie bezahlt. Das Meiste wanderte bald wieder zurück zum Pfandleiher. Diesen Schwindel trieben die Betrüger einige Jahre lang, da kam ein schlauer Geschäftsmann, der zufälliger Weise die Antecedentien des Lord Hinton kannte, auf den Gedanken, die von Alcock und Wright vorgewiesene Vollmacht zu prüfen, und der Betrug kam an's Licht.' Den Spießgesellen wurde der Prozeß gemacht; zum Schein trat die Staatsanwaltschaft als Kläger auf, thatsächlich steckt jedoch hinter ihr der edle Graf Poullet, der alle Mittel anwendet, um seinen Sohn zu ruiniren. Alcock und Wright wurden je zu 18 und 15 Monaten Zuchthaus verurtheilt, Lord Hinton erhielt 12, weil gegen ihn kein Betrug nachweisbar war. Als das Urtheil ausgesprochen wurde, hörte man in derGallerie einen durchdringenden Schrei, und eine junge Frau, anscheinend dem Volk angehörig, wurde ohnmächtig hinausgetragen. Es soll Lord Hinton's Frau geWesen sein. Dieses Abenteuer wird ihn jedoch nicht verhindern, nach Earl Poulett's Tod in's Oberhaus als erblicher Gesetzgeber einzutreten. (Ein offener Brief des Earl Poulett an die Times" berichtigt einige Punkte dieses Berichts : Sir Ich finde, daß es in Ihrem Bericht über die jüngste Verhandlung vor der Old Bailey in Bezug auf die Person, welche sich selbst Viscount Hinton nennt, so klingt, als ob ich den Fidei-Eommiß Vertrag hätte abändern lassen, Während es doch mein Vorbesitzer, der verstorbene Earl war, der 1853 mit seinem damals lebenden Sohn durch Vertrag die Wiedereinsetzung des Erbbesitzrechts vollzogn wozu er das Recht und die Macht hatte. Aus Gründen, welche ich hier nicht nöthig habe, zu erklären, entrechteten sie die Person, welche sich jetzt Viecount Hinton nennt, von jeder Erbberechtigung auf den Grundbesitz. An diesen Bertrag halte ich mich und nach meinem Tode gehen die Güter auf meinen Sohn dritter Ehe, William John Lydston Poulett, geboren am 11. September 1883, über, und im Falle er nicht das 21. Jahr erreichen sollte, gehen sie an die männlichen Erben soder deren männlichen Kinder) des verstorbenen Eolonel Poulett Somersett, B. B., über') Der Druckfehlerteufel spielt den Kritikern oft einen verwünschten Streich. Hier nur einige Beispiele von grausam entstellten kritischen Stellen : Der verehrte Gast, Herr Friedmann aus Berlin, spielte den türkischen Mohren Hassan mit großer Virtuosität. (Aus dem tückischen ist hier ein türkischer geworden.) Die Stimme des Fräulein A. hatte schon in der ersten Arie die Spuren einer Indigestion. (Soll wohl Indisposition heißen). Seit die treffliche Koloratursängerin, Fraulein H. zum ersten Male unsere. Bühne betrat, hat. sie an Beleibtheit zugenommen. (Lin besonders boshafter Zufall hat die Beliebtheit in ein vermehrtes Embonpoint um gewandelt). Frau G., die für immer von unserem Theaterpublikum Abschied nahm, mußte immer wieder vorder Nam pe erscheinen und das Publikum rief unaushörlich Niederkommen !" (Anstatt Wiederkommen.) Was wir von einer Sangerm erwarten, das ist : Schmalz der Stimme. (Der geehrte Rezensent hatte ohne Zweifel das Verlangen nach einer schmelzenden Stimme.) Die gestrige Valletvorstellung war wieder mäßig besucht. Im Parquet sah nan fast nur alte Nanen. (Der tiefsinnige Kobold des Setzkastens hat aus den alten Herren gar Narren gemacht.) Der Schwerenöther. Aber lieber Stritzow, sind ja im Gesicht schwarz und' blau geschlagen ! Auf der Alm gewesen ; hat Kuhdirn en Vielen mit mich geschäkert !
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