Indiana Tribüne, Volume 8, Number 288, Indianapolis, Marion County, 5 July 1885 — Page 6

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Iie unbekannte Wirihschasterin Herr Samuel Moritz Bär, fünfundVierzig Jahre alt, unvcrheirathet, reich, sehr reich, Millionär." ,So, und Qizi" Gebrecht Lhristopher, Aufwärter bei Herrn Bärsechzig Jahre alt und Wittwer, keine Kinder." Weiter Nianand?" Vor der Hand nicht, aber wir bekomlncn eine Haushälterin, oder Köchin oder sonstwas, den Koch haben wir gestern fortgeschickt,weil er Tabak kaute und beim Pästetenteigeinrühren spuckte." Und Eue.r Essen?" Wir speisen einstweilen inTelmonico's, macht uns nicht viel aus, wir sind an's Hotellcben gewöhnt, haben erst seit einem Virtelahr unseren eigenen Haushalt und sind noch nicht ganz vollständig cingerichtet.ich weiß selbst nicht, woran es liegt. Na, Eoodbye." Goodbyc." Beide hatten es eilig, obwohl Beide nichts versäumten. Deralte Christopher ging in die grojze,elegante,stille Wohnung des Herrn Bär, der nicht zu Hause war, und der Herr Agent ging in seine Office und wanete auf Miethsleutc, die nicht unter tausend Dollars' jährlich zahlten, die aber nicht kommen wollten. Herr Sarnuel Moritz Bär besäst mehrere Prachtvolle Häuser in den besten Stadttheilen von New Iork, dennoch wohnte er selbst zur Miethe in einem hocheleganten franzöfischen Flat im zweiten Stockwerk eines großen prunkrollen Hauses. Seine Wohnung wäre geräumig genug gewesen für eine Familie von sechs Personen, er war auch- nur einem plötzlichen Einfall gefolgt, als erste gegen seine bequemen Hotehimmer umtauschte. Obiv-rbl er sich Alles verschaffen konnte und Alles besaß, so fehlte iyin doch immer noch etwas, manchmal schmeckte das Essen nicht und manchmal gab es Aerger über die fremden Hotelbedicnten und manchmal empfand er so erbärmliche Laugweile. Hciratben'" fragte der alte Cristopher erstaunt. ' Ch nein, eigene Wohnung renten", antwortete Herr Bär," selber Koch halten, selber wirthschaften,bessereBequemlichkeiten, gesündere Mahlzeiten." Das sage ich euch," versetzte der AufWärter und nickte mit dem weißen Kopfe. Die Einrichtung der neuen Wohnung hatte fünftausend Dollars gekostet. In den vorderen Zimmern hauste der Herr Bär mit Beihilfe seines Aufwärters, der ihm Alles was er brauchte, herbeibringen mußte; in den hinteren Räumen wurde gewirthfchaftct und seit eine weibliche Person nach Abdankung deS tabakkauenden Kochs dort eingezogen war, setzte Herr Bär niemals mehr seinen Fuß über die Schwelle der Glasthüre, welche den vorderen von dem hinteren Raum trennte. Der alte Eristopber war der Vermittler, er beförderte dre Befehle des Gebieters und holte die zubereiteten Speisen ab, von ihm erfuhr Herr Bär auch, daß die Haushälterin eine ganz appetitliche Person" sei und ihre Sache mache. Kochen kann sie," sagte der Millionär, das Encn schmeckt meist immer beer als im otel und r auch meine Freunde, die manchmal mit mir speisen, lohen die Kocherei. Wir wollen uns die Person erhalten, lieber ein paar Dollars mehr bezahlen, damit sie bleibt. ,Die bleibt schon, ist ja ein leichter Platz und die Gräten kommt alle Tage und bilst," sagte der alte Christophe?. , Wer ist die Gräten fragte der Gebieter, indem er sich zum Ausgehen rüstete. Das ist die respektabelste Wittwe, die ich kenne, eine kreuzbrave Frau; sie thut so allerhand, um ihr Leben zu machen, hat früher auch bessere Tage gesehen." Gut, dann wollen wir uns die Gräten auch erhalten, wollen ihr auch ein paar Dollars zulegen," sagte Herr Bär. Ach was, die wird von der Hausterin bezahlt," entgegnete der Alte,in vr seinem Herrn voran lief, dieThüünachte und dem Elevatorbuben 'aLstedamit sein Herr nicht nn die ahrgelerpfcen Xc aselbst Der ReichjCfix eine ebenso natürliche, orrtsfio Vrn Muss Qiti ' -7 v ivv vu uhv vtd viele Geld, welches ihm geS&ox für ihn eine GewohnbeitsiiK., u wui in uk.m .viuaupen auraejo ' v I'f.r. aen worden, dan Kavital nnb fvfr l?in - " - r j "'"j" " - wj v w mt und dasselbe sei; je mehr Geld, desto mehr ist Einer werth, wenig Geld ist Wenig Ehre und gar kein Geld ist ein werthloses Dasein, so gut wie eine Lumperel. Aber Leute, die es fertig gebracht, sich aus RecMl)um zu gelange, wie es mit seinen Borfahren der Fall gewesen, das sind die wahren Helden ihres Zeit- , alias, denen man Denkmäler errichten sollte. Bei diesen Grundsätzen mußte Herr Bär eine sehr hohe Meinung von sich haben, er hatte sie auch, war aber doch niemals ganz zufrieden mit seinem Loose. Die Haushälterin, welche der alte Christopher eine appetitliche Person genannt hatte, athmete jedesmal erleichtert auf, wenn sie merkte, daß ihr Herr die - Wohnung verlassen hatte. Nur in seiner Abwesenheit betrat sie seine fürstlich eingerichteten Zimmer und brachte dieselben in Ordnung, was eigentlich die Arbeit des alten Christophe? sein sollte, sie aber freiwillig auf sich genommen und sich damit die Gunst des alten Mannes gesichert hatte. Sie war eine sehr angenehme Erscheinung mit einem edelgeformten, sinnenden Gesichte und einer überaus schonen Gestalt. Sie war fünfundzwanziz Jahre alt, nannte sich Nellie, hatte deutsche Eltern, war in einer Westlichen Stadt Amerikas geboren und gehörte zu den 'achtungswerthen jungen Personen, die sich muthig der Arbeit widmen, um dadurch sich eine gewisse Selbstständigkeit zn sichern. Schlimm hatte sie es bei Hrn. Bär nicht getroffen, sie bekam'ein hohes Gehalt, hatte leichte Arbeit, die ihrer Neigung ganz angemes-

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sen war, und Niemand mischte sich tadelnd oder befehlend in ihre Geschäfte. Aber wirklich wohl und behaglich fühlte sie sich trotzdem nicht, sie war nun schon vier Wochen da und hatte ihren Herrn noch nicht zu Gesicht bekommen was für ein schrecklich wunderlicher, geldstolzer alter Junggeselle derselbe wohl sein mochte ! Frühmorgens kam der Aufwärter, besprach mit ihr, was gekocht werden sollte, sagte ob Tischgäste erwartet wurden und wie viele und gab ihr Geld zu den Einkäufen, welche besorgt werden mußten. Dem alten Christopher legte sie dann Rechnung ab und durch ihn erhielt sie allwöchentlich ihren Lohn, von welchem sie einen kleinen Theil an die Frau Gräten abgab, die täglich kam, die Schüsseln Wunsch, das Gemüse putzte und den Fußboden der Küche reinigte, sich selbst Eine deutsche Frau von altem Schrot und Korn" nannte. Sehr alt,wie Herr Bär. Zuweilen des Abends und des Sonntags saßen die beiden Frauen zusammen in NellicS Stübchen neben der Küche und erzählten sich etwas, die Frau Gräten hatte ein gutes Mundwerk und kannte alle Welt und der alte Christophe?, der sich auch gern mit dazu setzte, half ihren Berichten nach, wo ihr Gedächtniß, oder ihre Erfindungsgabe sie verlassen hatte. So ging es eine ganze Zeit, den Spätsommer und den Herbst hindurch bis in den Winter hinein. Herr Bär meinte zuweilcn,daß er es doch eigentlich gut getroffen hätte ; er besaß nun seinen eigenen Haushalt. Alles Wurde gut besorgt und sein unabhängiges Junggesellenleben erlitt keinerlei Störung. Nellie meinte auch zuweilen, daß sie es eiaentlich gut hätte. Niemand

belästigte sie, und sie erhielt eine so hohe Bezahlung, aber dennoch es war doch ein leeres Dasein. Eines Nachmittags, die Tage begannen schon kurz zu werden, betrat Herr Bär mit dreien seiner Freunde den Elevator, um sich in s.'inen Flat hinauf bringen zu lassen,wo im yellerleuchteten Speisezimmer bereits ein wohlgedecktcr und elegant arrangirter Tisch seiner und seiner Gäste harrte. Im Fahrstuhl stand schon die äußerst einfach gekleidete Frau Gräten mit einem Handkörbchen am Arm, die zu seiner Verwunderung und zu seinem Aerger sich zuerst herausdrängte, als bei seiner Wohnung angehalten wurde. Er kannte sie nicht, hatte sie nie gesehen und fand es unerhört, daß sie that, als ob sie hier zu Hause sei. Seine Freunde lachten spöttisch und er fragte in ungewöhnlich heftigem Tone: Was wollen Sie hicr" Die kleine Frau wandte sich um, sah ihm dreist in daszornzeröthete Anlitz und rief ärgerlich, halb spöttisch: Na, kennen Sie mich nicht, Herr Bär, ich bin ja immerfort da, habe noch etwas geholt, was wir zum Essen brauchen, bin in Eile, wünsche gesegnete Mahlzeit,Herr Bär." Die Freunde lachten laut und machten allerlei Bemerkungen. Sie brauchen mich nicht auszulachen". sagte die Gräten, welche schon den Griff der Glasthür erfaßt hatte, um sich in die Küche begeben, wenn ich auch keine reiche Dame bin, wir Menschen sind uns vor Gott alle gleich und mein Man war ein guter Mann, ein guter Sozialdcmokrat war er und ich bin das Nämliche. Die Freunde lachten noch lauter, doch Herr V.ir lachte nicht, er sprach auch kein Wort, ruhig ließ er seine Gäste in das Speisezimmer eintreten und that, als ob nichts vorgefallen wäre. Innerlich wurmte es ihn aber, daß seine vermeintliche Haushälterin, welche er heute zum erstenmal von Angesicht zu Angesicht gesehen, eine so vorlaute Person war. Die Gerichte, welche Ehristopher nach und nach auftruq, waren wie immer ausaczeichnet zubereitet und die Gäste ergingen sich in Lobpreisungen und versicherten, das die kleine schnippische Person doch eine ganze Köchin sein müsse. Dem Herrn Bär selbst wollte es aber nicht recht schmecken und der Gedanke, mit einer so. unangenehmen Kreatur die Wohnung zu theilen, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen und . die Bedürfnisse seines Gaumens und Magens gewissermaßen in ihre Hände zu geben, peinigte ihn förmlich. Auf das, was sie herausgepoltert, vermochte er sich nicht zu besinnen, er hatte kaum darauf gehört, aber das Wort Sozialdemokrat war in seinen Ohren hangen geblieben! Das fehlte ibmnoch! Dyna mit vielleicht ? Er war kein harter Mann vollte es nicht sein, er gab reichlich, zu milden Zwecken gesammelt wurde und achtbare Leute, denen zu trauen war, an der Spitze der Sammler standen. Aber für die Elenden in den Straßen, für die Hungernden, Frierenden, Bezweifelnden, die sich den Augen Vorübergehender darboten, hatte er kein Verständniss. sie waren für ihn nichts weiter als das Ungeziefer der menschlichen Gesellschaft. So waren für ihn auch die Schilderungen von Armuth und Noth, welche die Zeitungen zur harten Winterzeit zuweilen brachten, nichts als lästiges Gewäsch. Wenn er mit seiner vermeintlichen Haushälterin allein zusammengetroffen und es nicht gerade in der Gesellschuft seiner Freunde gewesen wäre, dann würde sein Aerger wohl bald verraucht sein, aber die Zeugenschaft der Andern ließ ihn nicht so leicht darüber hinaus kommen. Mit ihr noch einmal sprechen, sie zur Nede setzen ? keine Idee, auch mit Ehristopher darüber zu verhandeln, hielt er als unter seiner Würde, diese Dienstboten hängen ja stets zusammen und nehmen gegen die Herrschaft Partei. Nein, sie muß abgelohnt werden, sie muß aus dem Hause. Aber erst muß eine Andere gefunden werden, eine ebenso geschickte Wirthschaften, aber nicht eine so schnippische, revolutionäre Person. Der nächste Tag war ein Sonntag, Herr Bär blieb den Bormittag daheim und machte sich's bequem am prasselnden Kaminfeuer. Christopher brachte eine Ladung Morg:nzeitungen und öffnete für seinen Herrn ein Kistchen Cigarren, etwas ganz Extrafeines. Nun faß er da, ganz allein in seinem schönen Zimmer und rauchte und las. Die 'New Iorker World", welche ihm zuerst in die Hände kam, zeichnet sich besonders durch ihre fabelhafte Reichhaltigkeit an Anzeigen der verschiedensten Art aus, und diejenigen derselben, welche sie unter der Rubrik Personal" bringt, erinnern schon deutlich an ein Heirathsvermittlungs-Vureau. Bei alledem sind sie amüsant zu lesen, und selbst ein alter Junggeselle wie Herr Bär kann so manches Körnchen, das seine

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Sinne ergötzt, daraus aufpicken. Diesen Morgen las er sie mit besonderer Andacht, während allerlei ernste und schwermüthige Gedanken durch sein Gehirn zogen. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei," sprach es hier aus jeder Zeile, und so mancher Seufzer nach einem Herzen, das uns versteht" mochte da mit hinein geschrieben worden sein. Freilich, wenn man verheirathet wäre, brauchte man sich nicht mit Dienstboten zu quälen, die stünden dann unter der lady of the house," man könnte sich

.ganz anders einrichten. Alles Hätte ei- . . i -, . rt ? r i nen anoern siria?, es waren vieueicyi sogar Kinder da, von welchen man Papa gerufen würde, und eine Mama, welche den Papa mit allem Fug und Recht lieber Mann" anspräche. Lieber Mann," lieber Samuel," murmelte Herr Bär, indem er sinnend in die glühenden Kohlen blickte. Es wäre etwas o ja, es wäre etwas, aber es soll nicht sein. Trotz alledem, wer hätte es gedacht, geschah etwas etwas das Niemand sich träumen ließ. Einige Tage später trat eines Abends die Gräten mit gerötheten Wangen und blitzenden Augen in die Küche und zog ein Zeitungsblatt aus ihrem Busen, das sie vor Nellies fragenden Blicken auseinander faltete. Miß NeHie, mein Herzchen, Sie müssen etwas für mich thun", hob sie nach Athem schnappend an, Sie sind ein so gutes, gescheites Mädchen, ich halte aus Sie so viel,a!s auf meine leibliche Schwester, Sie haben ein Herz für eine verlassene arme Wittwe und Sie Werden's für mich thun." ' Gewiß, Frau Gräten, gewiß, wenn ich's thun kann, warum denn nicht. Sie Werden nichts Unrechtes von mir verlangen, das weiß ich. Aber wir wollen nur erst unsere Arbeit thun, der Herr wird bald hier sein und Christopher war schon zweimal da, um nachzusehen, wie Weit wir sind." Der alte Esel," murrte die Frau Gräten, indem sie das Zeitungsblatt in 9!ellies Stübchen legte. Sehen Sie Miß 'Nellie, ich kann gut englisch schwätzen und lesen, sehr gut für eine deutsche Frau, das muß ich selbst sagen, aber ich kann nicht gut schreiben, das narrt einsn ja so mit dem Englischen, alles wird anders geschrieben als man's ausspricht." Wollen Sie noch Schreibunterricht nehmen, Frau Gräten,' bei mir viel leicht V fragte die hübsche Haushälterin lächelnd. Das gerade nicht, ich will Sie bitten einen Brief für mich in meinem Namen zu schreiben." Nun da brauchten Sie nicht so weit auszuholen, das ist ja eine Kleinigkeit," antwortete Nellie, wir wollen gleich darnach daran gehen, Sie brauchen mir nur zu lagen, was Sle m den Brief hm ein geschrieben haben wollen. Er soll jedensalls an y;re verwandten m Baltimore gerichtet werden, an wen auch sonst r D behüte Gott, an die nicht, meine liebe Miß Nellie, an die schreibe ich selbe? deutsch, wie der Gans die Feder gewachsen ist, nein, der Brief ist an jemand ganz Anders der ist ich will Ihnen was sagen die kleine -rau erhob sich auf die Fußspitzen, um das rosige Ohr des schlanken schönen Mädchens erreichen zu können und rannte hinein : Der ist an emen Heirathskandidaten, emen wirklichen." Was?" fragte Nellie staunend und der silberne Fischlöffel, mit welchem sie soeben hanUrte, entglitt ihren Fingern. Wollen le wirklich wieder heurathen, Frau Gräten, aber einen Liebesbrief, ich weiß nicht Cristopher, der in die Küche trat, un terbrach die Unterredung, die erst wied.er ausgenommen wurde, als die velden Frauen nach geschehenem Tagewerk beisammen in Nellles Stübchen saßen und vor dem alten Aufwärtcr ucher waren. Die Gräten nahm mit feierlicher Miene das Zeitungsblatt wieder auf, welches sie vorhin hercingeworfen, legte es vor ihrer jungen Freundin auf den Tisch und deutete mit dem Zeiaefinaer auf eine Stelle. Das ist nämlich die New Jorler World" erklärte ste wichtig und h:er sucht Einer, ein sehr guter, verständiger nn f..... . reifer imann ein erz von cmem mann mun er scm der sucht eme Le bensgefährtin zwischen 20 und 45 Iahren, Jungfrau oder Wittwe, nach Geld wird nicht gestrebt, da er wahrscheinlich selbst genug hat, aber gut erzogen muß sie sein, hübsch, fein und häuslich und ein Herz für ihren Mann muß sie haben sehen Sie, hier steht's. Und nun dachte ich, so etwas wäre doch niAt gleich so von der Hand zu weisen, und wenn man noch einmal eine so gute Partie machen könnte, man hat doch nichts ver brechen in dieser Welt und der liebe GoU könnte vielleicht einmal ein Einsehen haben mit einer armen Wittwe und könnte seinen Segen geben, er hält ja die Herzen alle an einem Zwirnfädchen. Man weiß manchmal nicht wenn Sie nun vielleicht so gut wäre und einen Brief, einen recht schönen, gefühlvollen, schrei ben und wir schickten ihn hier unter der Adresse ab, sehen Sie: Millionär, Worldofsice", vielleicht hilft es etwas." Miß Nellie hatte indeffen das Heirathsgesuch gelesen und der Sprecherin köpfnickend beigestimmt. Ein feines lächeln breitete sich über ihre Züge. Welche von Evas Töchtern nimmt nicht ein lebhaftes Jntereffe an Heirathsplänen? Sie für ihre Person würde sich allerdings niemals durch eine Zeitungsnummer an den Mann bringen laffen, aber die Frau Gräten wenn sie es so wollte, warum denn nicht? Ihren Namen setzen wir aber nicht dazu, Frau Gräten," sagte Nellie nachdenkend, damit hat es Zeit bis später, es wden sich vielleicht Viele melden und man weiß doch nicht genau, ob eine reelle Antwort darauf erfolgt." Ja, wenn Sie einen Ausweg wissen, meine gute Miß Nellie" Wir schreiben irgend einen Namen und laffen die Antwort an die HauptpostOffice adressiren." Nun, gut, meme liebe Miß Nellie, so wollen wir's machen." Und die beiden Frauen steckten - die Köpfe dichter zusammen und besprachen miteinander, was sie schreiben wollten. Nellie besaß das, was zu einem guten Briefverfaffer gehört, sie konnte sich mit l ihrem Verstand und ihrem Herzen in den

Gegenstand vertiefen, schrieb einen gewählten und doch natürlichen Styl und eine sehr feine Hand. So kam ein aller-

llevjter Brief zustande, in welchem das einsame, so vielen Mißhelligkeiten ausgesetzte Leben einer kinderlosen Wittwe von 33 Jahren, die einst beffere Tage gesehen, und die gewiß einem .ehrenhaften Manr.e eine treue, liebende Gattin sein würd;, die aber jetzt von ihrer Hände Arbeit leben müffe, geschildert wurde. Als Nellie ihr Schreiben de? Freundin vorlas, liefen derselben die hellen yranen über die runden Wangen, und ihre fetten Arbeitshände zusammenfaltend, rief sie einmal über das andere: So ist es, gerade so ist es ! Ach, meine liebe Miß Nellie, wenn ich noch einmal aus diesem Elend erlöst würde und einen reichen Mann bekäme Sie sollten s dann auch gut haben, ' Sie wären meine Schwester im Glück, sowie Sie bisher meine Freundin in der Noth gewesen sind." Einige Schwierigkeit macyte nur noch die Unterschrift, endlich einigte man sich dabuk, daß der Borname der Frau Gräten es sein sollte, sie hieß Hennette Pauline und damit war auch diese Frage crlcdlgt. Der Brief wurde noch an demsclben Abend abgeschickt und die beiden Frauen hatten nun ein Geheimniß, an ü.'elchem die Frau Gräten ihrerseits beinahe zur somnambule wurde, so süßen r.ivmn nnU f? stA flirt slrt fiir 5slrt Vk.lltV j V I r " rr rm y wanderte sie nach der Hauptpcst und fragte nach einen: Brief für Henrictte anitne, aver es verging erne ganze Woche, bis sie endlich endlich einen solchen cilnelt. Es war ein schöner, stattlicher Brief in einem großen quadratförmigen Eouvert, die Adresse zeigte cine feste vännerhandschrift und das Schreiben selbst in Nellies Stübchen, hinter der verriegelten Thüre wurde dasselbe gemeinschaftlich gelesen. Als sie cö entfalteten, siel ein Thcatcrticket heraus, es war zu einer Borstellung im Thaliatheater, wo gerade ein berühmter deütschösterreichischer Künstler als hochgefeierter Gast sein Erscheinen machte. Der Brief war nicht lang, er enthielt die Mittheilung, daß der Empfänger unter hundert und zwanzig Antworten auf sein Heirathsgesuch, nur Dieses eine behalten und einer Entgegnung gewürdigt habe. Es liege etwas in diesem Briefe, das ihn ungemein fessele und sein Herz bewege, er wisse selbst nicht wie es zugehe. Bon dem Neunen und der Schreibweise schließe er darauf, daß die Schreiberin von deutscher Abkunft sei, dasselbe sei auch er und er wünsche von Herzen mit der Dame bekannt zu werden, welche seine Gedanken bereits so lebhaft bejchästige. Er bäte, daß sie beifolgendes Ticket benutzen und bei dieser Gelegenheit ein Bouquet rother Nelken vorn an ihrem Kleide tragen möchte. Er selbst würde sich mit einer rothen Nelke verschen und mit diesem Erkennungszeichen nn Knopfloch vor dein Tbalia-Theater auf ihre Ankunft warten, und sie würden während des Genusses, einen großen 5lünstler auf den Brettern zu sehen, zugleich Gelegenheit sinken, einander kennen nx lernen. Ein Strauß rother Nelken," das war Alles,was die Gräten für's Erste herausbrachte. Lassen Sie's gut sein," versetzte Nellie lebhaft, ich schaffe die Nclken und ich putze Sie heraus, er soll in Ihnen eine Henriette Pauline sehen, die ihres Gleichen nicht hat." Wie nennt sich denn mein zweiter Mann eigentlich ?" fragte jetzt die Wittwe mit vor Erregung zitternder Stimme. Hier steht weiter nichts, als Ihr getreuer S. Moritz. Finanzier." Moritz Mistreß Moritz Finanziersgattin. Ich habe wirklich das große LooS gezogen," bemerkte die Frau Gräten außer sich vor Glück. Vielleicht haben Sie," stimmte Nellie gutmüthig bei. Und der bedeutungsvolle Abend kam heran. Ich weiß nicht," brummte der alte Ehrlttopher, bei dem Herrn Bar riecht's beute Abend so gut nach Blumen, sonst riecht's gewöhnlich nur nach guten Cigarren, was ich nn Ganzen mehr csti mire, aber Blumen um diese Zeit bei ei nem einzelnen Mannsbild muß etwas Besonderes auf sich haben." Wenn er in cellies Stubchen hatte eintreten dürfen, wii'.de er denselben Blumenduft m noch viel stärkerem Maße und noch manches andere Staunenswerthe angetroffen vaben, aber dieses kleine Paradies war für uN verschlossen und er kam sich fast wie fefvtViAv VrFrtiift Vinr. sei er so?nen Herrn in frinsreL Gesellschaftstoilette fortgehen sah und die beiden Frauenzimmer ymter verschlossenen )yuren schwatzen und kichern hörte. In seiner Verlegenheit flüchtete er sich zu Thomas und rutschte ein paarmal mit nach dem ober sten Stockwerk hinauf und in den Keller hinab, es war doch eine kleine Ableitung. Eine halbe Stunde später fuhr vor dem Thaliatheater eine derneumodischen,zierlichen Lohnkutschen vor und hielt an. Eine kleine rundeDame, ganz in schwarze Seide gekleidet, stieg mit ängstlicher Hast heraus und sah sich ungewiß in der Menge um, welche hier auf und ab wogte. Es war die Frau Gräten und sie trug ein großes Nelken-.Bouquet vorn an ihrem Dolman, und ihr rundes Ge sicht leuchtete fast ebenso roth als die Nelken unter einem zierlichen SpitzenBonnet hervor, das eigentlich für Miß Nellie's reizendes Köpfchen aus die Welt gekommen war. Bor sich hielt sie krampfhaft einen weißen Fächer, dessen Behandlung ihr offenbar nicht recht ge läusig war. Ungewiß was sie thun sollte, stand sie da, als ein Herr auf sie zutrat und ihr mit einer Verbeugung den Arm bot. Sie heftete die Augen auf die Knopflöcher seines Rockes, in einem derselben steckte eine rothe Nelke man zu, daö ist der Rechte" sagte sie zu sich selbst und folgte ihm muthig in das Innere des Theatergebäudes. Er führte sie in eine Loge und dort nahmen sie neben einander Platz, nicht so ganz vorn, ein wenig zurück nach der zweiten Reihe. Hell war es hier und prachtvoll, das Orchester ließ sich bereits hören und das geräumige Theater war bis auf den letzten Platz mit Zuschauern angefüllt. ,), hier ist's wunderschön !" seufzte überglücklich die geputzte Frau Gräten in sich hinein, nicht ahnend, daß der Blick ihres Begleiters mehr forschend als wohlgefüllig auf ihr ruhte. Sie hatten noch kein Gespräch zusammen begonnenes ließ sich auch bei der rauschenden Vtusit nicht viel sagen, aber ansehen mußte .. sie ihren

künfltizen zweiten Mann mm doch einmal. Daß er von kräftiger Gestalt und ziemlich hoch gewachsen war, hatte sie bereits bemerkt, aber bis in sein Gesicht hinauf hatte sich ihr verwirrter Blick noch nicht gewagt. Aber nun 0 du mein Gott und Bater, es ist ja der Herr Bär!" kreischte sie plötzlich auf und hielt Fächer und Taschentuch zugleich vor ihr Gesicht. , Ja", sagte er, kennen Sie. mich!" Und er beugte sich näher zu ihr herab, um ihre Antwort zu vernehmen, denn die Ouvertüre glich gerade jetzt einem stummbewegten Meere,daß jeden Laut verschlingt. Ach Gott, nehmen Sie's ja nicht übel, Herr Bär" doch nein, fürchten wollte sie sich noch lange, lange nicht, sie mußte anders anfangen. Beherzt ließ sie Taschentuch und Fächer von ihrem Antlitz herab sinken und sah ihm mit ihren kleinen Augen muthig in das nicht sehr freundliche Angesicht. Herr Bär, der liebe Gott, der die Wc'.t regiert, hat uns hier durch die World" . zusammengewürfelt, ich kann es nicht äneern, aber an Sie hätte ich am wenigsten gedacht. Sie hätte ich für einen viel zu verbohrten, alten" weiter kam sie nicht. Denn der Borhang rollte empor und das Spiel begann. Als der berühmte und gefeierte Künstler auftrat, erhob sich ein Orkan von Beifa'lsrufen ünd Freudenausbrüchen. Was jeder Zuschauer einzeln an Enthusiasmus bringen konnte, das brachte er dar und wie ein Riesenstrom mächtiq. wie Eham-

pagner berauschend, so floß die Begeisterung der Menge dem Elnz:zen entgegen, der sie zu entzünden verstanden. Das Stück, welches gegeben wurde, h:en Kean". Der große Schauspieler vertrat selbst die Titelrolle und wahrend er seiner Aufgabe in seiner eigenartig genialen Weise gerecht wurde, und Aller Blicke an ihm hingen, vergaß jeder Einzelne seine eigenen kleinen Leiden und gab sich ganz dem Zauber hin, de? ihn mit wunderbarer Vtacht in die Atmosphäre wahrer Kunst hineinzog. Erst wenn der Borbana zwischen den einzelnen Akten sank, fühlte man sich einigermaßen in die Wirklichkeit zurückversetzt und Einer neigte sich dem Anderen zu. um emlge Worte mit ihm zu wechseln. Da Sie mich so genau kennen," wandte lich özerr Bär an seine Gefahrtin, so könnten Sie meinem Gedächtniß wohl auch ein wenig nachhelfen, ich leugne nicht, daß Sie mir nicht ganz unbekannt vorkommen, aber dennoch - ich weiß nicht recht, wie ich Sie nennen soll." Nun, der Brief hat Sie nicht belogen, Herr Bär, alles was darinnen steht. ist wahr, und ich heiße so gewiß Henriette Pauline, wie Sie Samuel Moritz," versetzte die Frau Gräten, deren Herz wahrend des lunttteri)chen owgenunes, der ihr zu Theil geworden, bedeutend an Acuty aewonnen hatte. ?!un. und weiter V fragte ungedul dig der Bankier, haben Sie auch wirklich und wahrhaftig jenen Brief selbst geschrieben, den Inhalt selbst empsunden V Es folgte ein Augenblick tiefen Schweigens. ?!ein," hob die ehrliche kleine Wittwe hierauf an, wir Sozialdemokraten sind keine Lügner und Schwindler, alles was wahr ist, Hcrr Bär, ich will mich nicht klüger und besser machen, als ich bin, den Brief habe ich nicht geschrieben, der stammt von Ihrer Haushälterin" Bon der Gräten!" fuhr Herr Bär auf, und' es war, als ob ihn eine Wespe gestochen hätte, sodaß seine geputzten Nachbarinnen, welche die Plätze vor ih. nen inne hatten, die Köpfe wendeten. Die' Gräten", kam es kleinlaut zurück, die Gräten bin ich doch, Herr Bär!" Ja ja ja ich erinnere mich, es ist dieselbe grelle Stimme, dassselbe vorlaute Gebühren, Sie sind die Gräten." Und nun war es, als ob eine hohe Backsteinmauer zwischen den Beiden in die Höhe wächst und Keines darüber hinweg nach dem Anderen sehen könnte. Die Musik verkündete den nächsten Akt, der alsbald seinen Verlauf nahm. Einmal lehnte sich die Frau Gräten über die Backsteinmauer hinüber und raunte dem reservirten Zuschauer auf der anderen Seite. zu : Sehen Sie nur, wie er gut ist, der große Künstler, er hat gewiß ein weiches Gemüthe, ein mcnschenfreundliches Herz. Der ist ein Socialdemokrat, ich wette. Herr Bär versetzte nichts. Die Gräten hatte die Augen voll Thränen und er weinte mit dem Herzen. Ja, die Macht dieses Kean da unten war überwältigend. Herr Bär war nicht ungehalten auf die Gräten, er ärgerte sich an diesem Abend keineswegs, aber erfühlte sich bedrückt, niedergeschlagen, er hätte gerade nun so gern die Schreiberin jenes Briefes, der es ihm angethan, kennen gelernt, aber an die Frau neben ihm auch nur noch eine einzige Frage zu richten, dazu fehlte ihm jede Spur einer Neigung. Endlich, als die Äorstellung schon bald zu Ende war, rückte plötzlich die kleine Wittwe ganz dicht an ihn heran, berührte seinen Arm, zog ihn förmlich zu sich herab und flüsterte ihm zu Herr Bär, wollen Sie diejenige sehen, welche den Brief geschrieben hat, den Sie von mir erhalten haben?." Ja" antwortete er. Dann gucken Sie dort hinüber, rmmcr an, Jyrer Nase entlang und dann drei Personen rechts, neben der Dame in dem rothen Kleide, die wie eine Siegellackstange aussieht, haben Sie die?" Ja". Nun gucken Sie die dritte Person rechts an das Mädchen in dem blauen Hütchen mit der schwarzen Feder ach Gott, ich habe ja ihr neues Spitzenbonnet auf meinem alten Schädek haben Sie die?." Ja." Das ist Ihre Haushälterin, die Miß Nellie, die hat den Brief geschrieben." und ich habe dieselbe noch nie gesehen und dachte, meine Haushälterin hieße Gräten." , So sagte er nicht, so dachte er nur, während sein Blick an dem feinen,klugen Gesicht der jungen Dame hing, deren ganze- Erscheinung ihm so ungemein wohlthat. Es war sonderbar, wie eine frische, wundervolle Lebenswärme kam es über ihn, wie Sonnenglanz nach langer Wintemacht während er den Blick nicht von ihr abzuziehen vermochte. DaS Herz wurde ihm weich und ein Gefühl von Dankbarkeit für die verachtete kleine Socialdemokratin an seiner Seite, die

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ihm nun doch den Lichtstrahl gezeigt, der vielleicht seinen Lebcnspsad erhellen sollte, erfüllte ibn. Er nahm ihr.Hand, drückte sie und flüsterte ihr einige freundliche Worte zu. Nach der Borjtcllung sollte die Frau Gräten ihn persönlich mit de? jungen Dame, die seine Haushälterin sein sollte, bekannt machen. O ja, Herr Bär, gewiß, das wollen wir schon zurecht kriegen," nickte die gutmüthige Wittwe. Nellie ihrerseits hatte der alteren Freundin nichts davon gesagt, daß sie sich im Geheimen ein Thcaterbillet ;u hohem Preis erworben und in verzeihlicher 3ceugier und herzlicher Theilnahme zu beodachten wünschte,wledle beiden Harathslustigen sich treffen und mit einander ihrem Ziele zusteuern würden. Ihr su chendcs Auge hatte langst die lleme rette Dame und deren großen stattlichen Begleiter entdeckt und Letzterer schien ibr in der That einige Aehnlichkeit mit Herrn Bär zu haben, den sie nur hinter der Glasthür :m Borbeieilen von seiner Ztückseite gesehen hatte ; aber daß er es wirklich wäre, glaubte sie . nicht : wie würde er ein Heirathsgesuch erlassen, er, der versauerte, in Goldstücken verhärtete alte JunggescllelWährend der Borstellung wendete sich ihr ganzes inneres Denken und Fühlen den Leistungen des großen Künstlers zu,in ihrem Herzen war kein Raum mehr für irgend etwas Anderes, sie wärmte sich förmlich im Sonnenglänze der Alles bezwingenden Kunst. Und als nach dem Ende der Vorstcllung die kleine Frau Gräten wirklich trotz des Menschengedränges dazu kam, ihre junge Freundin dem Herrn Bär vorzustellen, da blitzte es in zwei Auacnpaaren auf, als wäre cs ein Widerschein der innersten Begeisterung und die zwei Hände, welche auf einen Moment ineinander ruhten, schienen sich zu verstehen zu geben, dan sie endlich den Platz gefunden, wohin sie gekörten. Alle Drei fuh ren gemeinsam zu Hause und Christophe? wunderte nch nicht wenig, als ne mitern ander ankamen. Wissen Sie was. Miß Nellie," sagte die Frau Gräten schalkhaft, ich werde hnen memen ilceltenstrauß abtreten. mir riecht er zu starr." Was weiter geschah ? Die Gräten ist jetzt Haushälterin bei Herrn Bär und Nellie ist bei ihren Eltern und bereitet sich auf ihre Hochzeit mit Herrn Bär vor. i m Ein bek anntcr Tbeaterl e i t e r, hatte sich eines Abends in der Kneipe mit einem seiner ersten Tarsteller gezankt. Beide waren bereits in ein:m etwas zu heiteren Zustaiid, so daß M. der Schauspieler, immer heftiger wurde und zuletzt die Gelegenheit beim Schöpfe faßte, dem Direktor einmal gründlich seme Mnmrna zu saaen. Beraeblich gaben sich die übrigen Anwesenden die größte Ulcuhe, den Streit beizuleqen. !.N. verlangte seine sofortige Entlassung no erylell ie aua;. ucatimta; inupte anderen Tages das wieder rückgängig v m . gemacht werden. M., die Stutze des Theaters, durfte nicht gehen, deswegen beschlossen die College, die Beiden wieder in derselben Weinstube zusammenzuführen, ohne daß sie etwasdarum gewußt hätten. Der Direktor erschien zuerst. Kommt M. heute?" war seine erste Frage. Nein," lautete die Antwort. Nun, ich hätte Wohl erwartet, daß er heute zu mir gekommen wäre und sich entschuldigt hätte. Er hat mir gestern Dinge gesagt, die ich mir doch als sein Direktor von ihm nicht sagen lassen durfte." Die Anwesenden versuchten nun, den Direktor zu einer etwas versöhnlichcren Auffassung der Sachlage zu bringen, und es gelang ihnen denn auch, ihn glauben zu machen, M. habe gar nicht gewußt, was er gethan, und habe in berauschtem Zustande die Beleidigung ausgestoßen. Nun dann," erwiderte der Direktor, so will ich mir wenigstens die Satisfaction nehmen und ihm in's Gesicht sagen, daß er unmöglich bei vollem Berstande gewesen sein kann." Da öffnete sich die T'hüre, und M. tritt ein. Dieser, seines Direktors ansichtig werdend, will Kehrt machen, aber schon ist ihm der entgegengesprungen und reicht ihm zur Versöhnung die Hand, die M. zögernd ergreift. Lieber M.", begann nun der Direktor, Sie haben mich in Gegenwart dieses Herrn schwer beleidigt. Aber ich will Ihnen das vergessen, denn Sie waren stark angetrunken, und ein Betrunkener weiß bekanntlich nicht, was er spricht. In 'mo veiitas, sagt schon der Lateiner, also noch einmal, ich verzeihe Ihnen." Ein schallendes Gelächter, das dieser klassischen Redewendung folgte entwaffnete auch M., und der Direktor, der durchaus nichts von seinem Fauxpas merkte, war äußerst zufrieden mit seinem Erfolge und . gab sofort etliche Flaschen Sekt zum Besten. Der berühmte Biolinvirtuofe August Wilhelmj besuchte auf seiner letzten Eoncerttournee in Scandinavien, nachdem er in Stockholm und Christiania wahre Triumphs gefeiert hatte, die Stadt Gothenburg. Obgleich der Enthusiasmus der musikliebenden Bewohner sehr groß war, so entsprach der Besuch der Concerte doch nicht den ErWartungen des Künstlers. Als er am nächsten Abend Gothenburg verließ, um nach Kopenhagen zu reisen, war der Perron der Eisenbahn von einer großen Menge Menschen erfüllt, um von dem großen Künstler Abschied zu nehmen. Als der Zug sich endlich in Bewegung setzte, sagte er zu einem Freund : Wenn ich das nächste Mal nach Gothenburg komme, werde ich mein Eoncert auf dem Perron geben ! EineungeschminkteWahrheit. Als der französische Gesandte am Hofe des Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen von den Toilettengeheim nissen am Pariser Hofe erzählte und auch der Schminke, als eines für das weibliche Geschlecht unentbehrlichen Schönheitsmittels, erwähnte, sagte der König mit einem strengen Blicke auf einige ' der Hofdamen der Königin,' die einen für ihr Alter 'auffallend blendenden Teint zeigten : ,Keine Frau sollte sich schminken, als die, welche nicht mehr enöthet."' . ' Schlagfertig. Kellner ! Kellner! ! Kellner ! ! ! haben Sie denn keine Ohren ! ' Ja Wohl, mein Herr, Schweinsohren mit dicken Erbsen. '

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Die Memoiren des vor zwei Jahren verstorbenen, berühmten, russischen Chirurgen Pirogow enthalten unter vielen anderen sebatzenswerthen Aufzeichnungen auch manch köstliches Gcschichtchen aus seiner Studienzeit in Dorpat. Die kleine Geschichte, welche wir vier wiedergeben, dann aus den dreißiger fahren. Der Z. vielgenannte, russische Journalist Thaddäus Bulgarin war nach Dorpat gekommen und dort freundlich aufgenonimcn worden. Während eines Diners bei einem deutschen Gutsbesitzer, hatte Bulgarin gar zu sehr dem guten Wein zugesprochen und begann nun, die gcsammte Tischge . st e 1 ' . . r . ' w. leuzcyasr curcy ein evenw ungereimtes, wie tactloscs Geschwätz ui ennuviren. Wartet nur, riefer schließlich Ihr erlebt eö noch, daß die russischen Fahnen 4. t - r i ' ' an oen Usern des y:ln wehen!" Die Gesellschaft war drauf und dran, r . . ernstlich voie zu werden ; viut des Unwillens wurden bereits laut. Bulgarin a-ber schien sehr besriedigt, cs den Deutjchen gehörig gegeben zu haben. Da ließ sich plötzlich die ruhige Stimme des Uni versitäts- Rektors Moier vcrnebmen: Das, meine Herren, ist in der'Tbat möglich; die russische Armee kann den Rhein erobern. Aber wissen Sie, Thaddäus Wcncdiktowitsch, wandte er sich speciell an Bulgarrn was die Folge sein Würde?" Bulgarin, der nach den ersten Worten Moicrs schon glaubte, in diesem einen Bundesgcnoen gefunden zu haben, fand keine rechte Antwort. Ich will cs Ihnen sagen", fuhr der Rektor fort die Weinreben am Rhein die würden verdorren und an ihre Stelle Zwiebeln gepflanzt werden!" 5 Bulgarin darauf etwas erwiderte, erzählt Pirogow nicht. Er selbst aber fügt hinzu : Jeder unparteiische Russe wird zugeben, daß Moier Recht hat." (i inreicherSpießbürger, der eine mehr lebenslustige als intclligente Gesellschaft um sich zu versammeln pflegt, brüstet sich noch nach Monaten mit einem geschlossenen Ball, um dessen Arrangement er sich große Bcrdicnste erworben, und hebt hervor, daß derselbe auch den Vortheil eines freien Büffets geboten. Ein Freund nickt zustimmend, bemerkt dann aber boshaft: Weißt Du, darin hat sich eben Dein Ball von anderen unterschieden." Gewöhnlich ist die Konvcrsativn frei und das Büffet beschränkt, bei Dir war aber das Büffet srci, hingegen die Konversation beschränkt." HerrZ'. hat ein sehrhübschcö Frauchen, die sehr viel auf hübsche Toilette hält. Da ihr der grausame Gatte aber nicht alle ihre Ertravaganzcn bczahlen will, so verfällt sie auf den Ausweg, an der Börse auf eigene Faust zu spekuliren. Leider aber war ihr hier das Glück nicht so günstig, als in den Salons, und sie hatte innerhalb weniger Tage eine Dincrenzcnschuld von 15,000 Mark kontrahirt. Natürlich wagte sie selbst es nicht, ihrem Manne davon Mittheilung zu machen. Aber . dieser erfubr'cs doch und zwar von einem guten Freunde der Familie. Was," rief der Gatte erstaunt aus, meine Frau hat fünfzehntausend Mark verloren, dann bin ich ja ruinirt, unglücklich! Wo soll ich die her-' nehmen?" Ja, mein Freund, Tu bist aber noch viel unglücklicher , als Du denkst." Warum das'" Deine Frau hat das Geld auch schon bezahlt." Wenn man- ein Noth s ch ild ist, darf man sich kostspielige Passionen erlauben, namentlich wenn man, wie Baron Nathaniel Rothschild in Wien, unverheirathe't geblieben und kaum im Stande ist, seine Zinsen zu ver zehren. Baron Nathaniel besitzt in I. in Niederösterreich ein Gut, zu dem eine Reihe Häuser gehört, darunter eines, das j von derGemeindevertretung als baufällig bezeichnn wurde, dieses Haus muß demolirt werden," sagte die Gemeinde Vertretung. Ich will nicht," sagte der Baron. Aber die Gerechtigkeit siegte über die Million und Freiherr von Rothschild mußte sich fügen. Er demolirte also das Haus, aber anstatt an dessen Stelle ein neues errichten zu lassen, ordnete er an, daß aus den Ziegeln eine Pyramide errichtet werde. Er verzichtet darauf, den Baugrund zu verwerthen (seine Mittel erlauben ihm das), und mitten in I. erhebt sich nun die seltsame Zierde des Ortes. Baron Rothschild glaubte sich chikanirt und hat Rache genommen. Zu den berühmten Pyrami den des Cheops, des Chefren u. f. w. gesellt sich nun die neue Rotbschild-Pyra-mide. - I n einetri lirerärischen Kreise ist von einem reichen Schrift steller die Rede, der mehr Vermögen als Talent besitzt und dem die Gabe eigen. Freunde zu gewinnen. Ein solcher Hauösreund versucht es, den ziemlich bornirten Autor als besonders geistvoll hinzustellen. Ich denke selbst," bemerkt ein College boshaft, daß er viel Geist besitzen muß, ba er sparsamer Weise nie welchen ausgiebt." Humor für Damen. Wenn man mit einer Dame von unbestimmbarem Alter streitet und alle Bernunft gründe nicht verfangen, so braucht man nur zu sagen: Siebes Fräulein, über diese Sache hatte ich mir bereits ein Urtheil gebildet, als Sie noch gar nicht auf der Wel. waren," und sie wird geschmei ,fisf fiftooirtay fr VYvvim. Wer sieht am schuldbewußtesten aus ? Jemand der eines Ber brechers angeklagt ist, das er nicht begange hat ; und ein junges Ehepaar, das sich stellt, als wäre es wer weiß wie lange verheirathet. Warum haben Familien Väter lieber Jungen als Mädchen? Weil die Jungen schon mit 5 Jahren auf und davon laufen, die Mädchen dagegen oft mit 30 Jahren noch sitzen blei ben. Ein Prahlhans erzählt in einer Gesellschast eine ganz unwahr scheinliche Geschichte und wendet sich schließlich an eine Dame mit der Frage: Nun, gnädige Frau, was halten Sie von diesem Erlebnin?" Ich denke," erwidert die Schöne spöttisch, daß gleich nach diesem Abenteuer der Hahn gekräht hat und Sie erwacht sind." - - Um unsterblich zu werden, muß'wan vor-allen Dingen-gestorben iem. j