Indiana Tribüne, Volume 6, Number 304, Indianapolis, Marion County, 22 July 1883 — Page 7

Das Grad des Königs, in daS ei schließlich gebettet wird, liegt meist un weit eines Flusses oder am MecreSgcstade. Als Zeichen großer Trauer verstümmeln die Leidtragenden ihre Glieder. Mancher kleine Finger oder manche Zehe wird als Zeichen des tiefen Leides abgeschnitten. Diese Verstümmelung dkr Glieder sSllt dem Fremden, der nach Fidschi kommt, sofort auf. Am Tage des Begräbnisses wird trotz alledem aber ein großes Fest, Mburura gefeiert, welches sich am vierten und am zehnten Tage nach dem ersten wieder hott. In der Zwischenzeit, während der, wie man glaubt, die Seele dem Körper entflieht, üben die Frauen ein uraltes Recht, sie . schlagen ihre Männer mit langen Peitschen, deren Schnüre scharfe Mu schein an der Spike tragen und tiefe Wunden hinterlassen. Selten findet man auf den Inseln einen Mann, der nicht über und über mit den Farbenspu ren solcher liebevollzn Züchtigungen be deckt ist. Alle Personen, die sich an den Prapariren der Leiche betheiliqt haben, wer den Übrigens in den tambu gethan,das heißt für eine gewisse Zeit aus der Ge meinschaft der Anderen ausgeschlossen. Sie müssen ihren Körper mit den Blat tern einer Pflanze (koaikoaia) eintet ben und werden während der Dauer des tambu vier bis zehn Tage, je nach demNnge des Todten mit allen Lebensrnitteln versehen, ja sogar gefüttert, da sie keinen Gegenstand berühren dür fen. Der tarnba kann jedoch von ei nem vornehmen Häuptling aufgehoben oder verkürzt werden, und reiche Geschenke werden ihm dafür geboten. Der oben beschriebene Begräbniß'Ri tuS ist auf den verschiedenen Inseln deS Jidschi'ArchipelS übrigens nicht dersel be. Hier wird daS Grab mit- einem mächtigen Stein verziert, dort wird der Leichnam im mbure beigesetzt, einem aus Pfählen gebildeten Viereck, das den Eindruck eines Schuppen? macht. M. von R.

Wie ein Geizyalß stirbt. Seit einer Reihe von Iahren, so erzählt die .Liberte, bewohnte ein gewisser Lemeneur ein Stübchen im 5. Stock, werke eines im Durchgang Laferriere in Baris aeleaenen Saufe. Vor 3 Mo naten wurde dieser Mann krank und ließ sich im Hotel'Dieu verpflegen und als er daraus entlassen wurde, war er noch in leidendem Zustande. Er hütete darauf sein immercken. in das er si& Zeden I w V w W " Tag durch den Concierge etwaS Wein, ein Stück Brod und eine Suppe bringen ließ, die er diesem bei halbgeöffneter Thür abnahm und sofort bezahlte. Ei nes TageS, als er sich ganz hergestellt glaubte, ging er wieder aus. Am drit ten Tage nachher hielt eine Kutsche vor der Thüre seiner Wohnung und Leme neur. von einem Sicherheitsbeümten un terstützt, setzte sich in der Loge des Con cierqe nieder. .Ihr Mietbsherr", begann der Polizist, .ist vor Nüchternheit vor einem Bäckerladen zusammengebro chen ; ein Vorübergehender hat ihm ein ÄrSdchen gekauft, das dieser heißhunge rig verschlang. Er wurde hierauf auf den Posten geführt und untersucht. Al lein ft'tt nrnfc war unser Erstaunen. öI5J wir 32.000 Franken bet lhm vorfanden ! Wir hielten ihn zuerst für einen Dieb ; er hat jedoch die Herkunft dieser Summe rechtfertigen können." Am 25. Mai, erzählt die .Liberte" weiter, begab sich Lemeneur, dessen Zustand sich verschlimmert hatte, zum Polizeikommissar und bat ihn, ihm eine Zulassungskarte in das Hotel'Dieu zu verschaffen. .Sie sind ja, sagte dieser Beamte zu ihm, ganz gut im Stande, einen Arzt rufen zu lassni, da sie im Besitze von 32.000 Franken sind Am folgenden Tage gelang is Lemeneur dennoch, sich wieder in das genannte Svital ausnehmen zn laffen, wo er übrigens nach Verlaus von wen! gen Tagen verschied. Da Niemand sei nen Leichnam reklamirte, so wurde der selbe im armseligsten Leichenwagen auf den Friedhos gefahren. Drel Tage daraus ließ der Richter an das Dachstüd chen des Verstorbenen die Siegel anle gen. Man stelle sich nun die Ueberra schung der Nachbarn vo. als derSchrei' der entdeckte : 1) eine Summe von 30, 000 Franken in Banknoten, die in einem alten Hute unter Lumpen versteckt wa ren; 2)50.000 Franken in Werthpas ('vieren, die zwischen zweiMatratzen staken; 3) 300,000 Franken in nommatlveu Werthen, welche man in einem Stroh sacke vorfand. Dieses hübsche Vermö gen wird nun seinen Neffen, von denen em Sjfsiwr der Ehrenlegion ist, zu fallen. Krankheit und Artt. Ich hab' eine Krankheit, lieblich Wie der junge Maientag, "Einen Arzt, der sie an Süße Fast noch überragen mag. . , Hochbeseligt von der einen. Von dem andern tief entzückt Bin ich ; war wohl je auf Erden Einer, gleich mir, so beglückt ? Hat wohl werbe! seinen Bresten Weniger, wie ich, gezuckt? Eier seines Helfers Trünklein Gieriger hinabgeschluckt? Hätt', wohl wer, wie ich, so gerne, Jn'S Unendliche gedehnt - ' - V'-l Seine Leiden und so häufig .. 1 Seinen Arzt herbeigesehnt? Geht, Ihr meint, ich sei von Sinnen ?l Nein, sag' ich, und zehnmal nein ! Meine Krankheit ist die Liebe ','-- Und mein Arzt das ist der Wein. ; ' : , ' - . : .G.W. .' . Ein Dialog. Zwei Schiffe begegnen sich in der Nordsee ans Hör. ptüt und reden sich durchs Sprachroh? folgendermaßen an : .Wo kommst $i her V .Von Hull." .Watt hest Do , loben?; .Wull!? J&t i3 de Fracht ? .Vull?- .Wie helt bei jSchipP V .John Bull .Und dk Kaptein V ßrull Da schreit de, Fragesteller wüthend zurück : .Minsch. Du bist wul dull!"

i. Für einen Pariser, der Vaterland und Vaterstadt liebte, war es zwar schmerz lich, was ich da sage, allein die Vemer kung lag mir schon seit einigen Tagen auf der Zunge, und endlich mußte sie über die Lippen. .Ja. lieber Freund, toiebufiolh ich, .Paris ist jüngst von den Deutschen zum zweiten Male erobert vorden." .Und wann daS, wenn man. fragen darf? .DaS kann ich dir nicht genau bestim men, es mub aber in den letzten zwei Jahren geschehen sein; denn vor zwei Jahren war ich zum letzten Male hier und seither ist in der Seinestadt eine ge waltige Veränderung vorgegangen. Der Eroberer, gegen den ihr Revanche pre digt und Patrioten'Vereine gründet und jeden Augenblick mit blind geladenem Pathos zu Felde zieht, der deutsche Er oberer ist wieder hier eingedrungen und hat viel weiter um sich gegriffen, als Anno 1871. Damals durste cr kaum über die Vorstadt hinaus, nur bis zu den Tuilerien ; heute hat er anz Paris Und das Schlimmste ist. diesmal spürt ihr den Feind nicht. Trefft ihr mit ihm zusammen, so haltet ihr ihn sürEu ren besten Freund, küßt ihn ab, schmatzt und schnalzt mit der Zunge und preist seine Güte mit glänzendenAngen. Höchst bedenklich lieber Freund !" Und da mich der Erschrockene auffor derte, womöglich ohne Bild zu sprechen, suhr ich fort : .Der Feind ist daS Münchener Bier . . . .das Bier überhaupt Ihr Fran zosen scheint mir in der That aus dem Wege zu sein, ein biertrinkendeS Volk zu werden und den Spruch Goethe'S um zudrehen : Ein echter sränk'fchcr Mann mag keinen Deutschen leiden, doch ihre Biere trinkt er gern Da hilft kein Leugnen, die Thatsache springt in die Augen. ' Vor dem Kriege versteckten sich die deutschen BierschSnken bescheiden in Seitengassen und Nebenstraßen, und wenn sie sich aufs Boulevard hinaus wagten, so geschah eS ohne Aussehen. Erinnerst ou Dich deS kleinen LocalS rn der Rue d'Hauteville, wo wir vor so und so viel Jahren wir vollen sie lieber nicht zählen hin und wieder unsern Durst löschten? Zwei Kammerchen zu ebener Erde, in jedem etliche Tische auS Tannenholz, ein paar Stühle, ein leder ner Divan, .mehr brauchten wir nicht. um München nach Paris zu zaubern. Jetzt, wo euch alles Deulsche so verhaßt sein soll, prangen die deutschen Bier hallen mit ihren bunten Schausenstern an allen Enden und Ecken der Welt stadt. Schlendert man an einem war men Nachmittag die Boulevards ent lang, so sieht man vor den zahllosen Kaffeehäusern und Brasserien eine bei nahe ununterbrochene Doppelreihe von Tischen, hinter welchen Bier getrunken wird, fast nichts als Bier, deutschester. Sollte da nicht Biömarck dahinter stek ken? Bedenke, waö er über die biertrin kenden Völker gesagt hat. An diesen sei Hopfen und Malz verloren. DaS Bier verfettet den Körper, verschlemmt den Geist, es raubt den Gliedern und den Gedanken die Spannkrast, die Beweg lichkeit. Mich wundert, daß noch kein Franzose darauf gekommen : euer Durst il zum Verrathe? an euch geworden, Vismarck hat sich mit ihm verbündet, um' Paris zu verdeutschen, Frankreich, auf immerdar zu lähmen. Dazu bedarf es keines Mlll'onenyeeres mehr, em paar Dutzend Münchener Brauknechte' genü gen Doch, waö meinst du? Der Nachmittag ist warm, sehr warm, wie wär'S, wenn wir em Glas Bier trinken gingen? Ich entsinne mich rncht, da mem Freund eine derartige Frage jemals ver neint hätte. Meinen Bemerkungen hatte er seme Zustimmung nicht ganz virsagen können; er gab zu, daß daS verhängniß volle jbiere de Munich an immer mehr Orten zu lesen sei und auf seine Landsleute immer verführerischer wirke. Paris klagte er, sei, wenn nicht ver deutscht, doch schon em bischen verbayert, und in diesem Bayrisch Paris schien er Weg und Steg trejflich zu kennen, denn in halb scherzhaftem, halb schmerzhaftem Tone erbot er sich als Führer zu einem Ausflug dahin. Es kam mir ganz vun derlich vor. daß ein Franzose den Deutschen durch daZ neue Bierland an der Seine geleiten sollte. Mo er mich zunächst hinbrachte, floß Spatenbräu. Man kann stch kein prunk hafter ausgestattetes Wirthshaus den ken, nirgends wohnt König Gambrinus so vornehm, wie an diesem Orte. Brau neS Deckgetäfel, die Wände ringsum mit Gobelins verhüllt. geschnitzteEichentische, Bauernstühle von gepreßtem Leder, die Fenster lauter Glaswalereien, Nürnber ger Scenen, Landsknechte und NitterS leute darstellend: mit dem bayrischen Bier ist die moderne Münchener Deco rationskunst, welche die RaihSkcllerund Trinkhallen mit mittelalterlichen Schil bereitn und biederen deutschen Neimlein schmückt, hier eingezogen. Deutsche Worte an die Wand zu malen, hatte man nicht gewagt, aber die französischen waren m deutschen Buchstaben hingepm selt, und das Biere de Munich und Ta verne Montmartre bildete in kunstvoll verschnörkelter Fractur ausgeführt, einen leidlich reinen Accord mit den deutschen Elchenti chen .und Bauernstühlett, Nach ahmung deutscher Formen und Sitten war hier Alles, was man sah; deutsch war der Stoff, den man genoß, deutsch das Glas, der yumpen m starr verjung lem-Maßstabe, aus dem man. trank. deutsch zumal der Farbendämmer, den die gemalten Scheiden hervorbrachten. Wie sonderbar, m diesem germanischen Halbdunkel, diesem künstlich präparirten deutschen Kaeiplicht 'das Pariser Leben umtreiben zu ' sehen ! Der Zeiger der deutschen Standuhr kroch zwischen vier und fünf. DaS Wirthshaus war vol ler Franzosen, die sich an dem bayrischen Getränke gütlich thaten. Viele hielten den Figaro oder La France oder die Re publlque FranJaise zwischen den Fin gern, und während sie vielleicht eine lan deSübliche Verlästerung Deutschlands lasen, schlürsten sie behaglich-den Feind hinunter und schmunzelten ob seiner Frische. Und da soll sich'S Einer ver.

ZZayrisch Far!

sagen, wiederum den Goethe zu citiren : Den Teufel spürt jeaS Völkchen nie !. . . Nachdem wir den deutschen Miniatur Humpen etliche Male geleert, gingen wir unseres WegeS vZiter. Auf der Straße vor der Taverne stand ein deutscher Bierkarren. Ja, ein echter deutscher Bierkarren, wie man deren zwischen Schwechat und Wien dutzendweise von schweren Pinzgauern gezogen, treffen kann, und auf dem mit Normannkngäu len bespannten Karren lagen schwere Fäffkk, und aus den Deckeln dieser Fäs. ser war hart über dem Spundloch das merkuürdige Wörtchen Spatenbräu ins Holz gebrannt. Gegenüber der Taverne aber flatterte ein breiter Streifen weißer Leinwand die Schauseite eines anderen Wirthshauses entlang, und auf dem Streifen stand in großen schwarzen Lei tern das nicht minder verwunderliche Wörtchen :Hückttdräu. Wie wär's, wenn wir hinübergin gen V fragte mein Pariser. Ich hütete mich meinerseits, die Frage zn verneinen, denn eine Lieb' ist die andere wertb. und bald saßen toil drüben in einem kaum minder prachtvoll auSge statteten Raume hinter einem Hümpchen,

das keinen minder freundlichen Stoff enthielt. Hier wieder lauter Franzosen, von deutschen Formen umgeben, den deutschen Feind ahnungslos in di: Kehle schüttend. Man fühlt sich beinahe versucht, den bereits ausgesprochenen Arg wohn, ob da nicht Biömarck dahinter stecke, für etwas mehr als ein Paradoxon zu halten, und jedenfalls soll man an warmen Nachmittagen nicht allzu lang bei Hackerbräu über derlei sinnen, sonst läuft man Gefahr, an helllichtem Tage Geisterspuk zu erleben: der seifte Gambrinuö, der dort über dem Schänkbur schen thront, setzt sich dann den Kops des deutschen Reichskanzlers auf, alle Kellner nehmen die weltbekannte BiSmarckmaSke vor. und ein mephistophelisches Lächeln blitzt um einen jeden Mund, so oft dur stige Gäste den selbstmörderischen Ruf ertönen lasten : (5argon, un bock ! Ach, eS war mir Ut zu viel Deutsch thum in Bayrisch Paris,' zu viel jener absichtlichen, ausdringlichen Manier, welche seik einiger Zeit die Münchener Ausstattungskunst beherrscht und mit der man jetzt sogarBierlocale unsicher macht. Gobelins und Bierseitel, stimmt das zu sammen? Deutsch? Renaissance und Sauerkraut, sind das verwandte Kate gorien? Braucht man stylisirte Leder sesiel, um Spatenbräu zu trinken, und femes Meiffener Porcellan, um Knack Würste und Salzbretzeln zu effen ? Denn auch die germanische Knackwurst und je nes eigenthümliche süddeutsche Gebäck, genannt Laugenbretzel, sind jetzt in Pa riS heimisch geworden und liegen in al len Bierhäuscrn auf den Tischen. Nein, daS Bier ist ein Plebejer und will diesen LuxuS nicht. Die nackten Trinkstübchen in der Rue d'Hauteville waren mir lie der. .Mir auch," sagte der Freund, .allem dieser falsche Prunk ist jetzt in derMode, man thut's nicht ohne Glasmalerei und geschnitztes Eichenholz. Die schlicht eingerichteten Schänken werden immer seltener. Doch giebt es noch welche.... wie wär'S, wenn wir eine solche aussuch ten?Nicht die in der Rue de Richelieu, die StammMutter von Bayrisch Paris, die kenn' ich ! Sie liegt übrigens vortrefflich, auf beinahe classischem Boden, dem Mo liereBrunnen gegenüber, in der Mitte zwischen der großen National-Bibliothek und dem Theatre FranaiS, den beiden Glanzstätten der franzöjifchen Literatur. Hütet euren berühmten Esprit, ihr alten Gallier! Der Feind hat mitten in des sen LieblingSbezirk eine Burg errichtet." .Leider mehrere Burgen. Komm' eine davon will ich dir zeigen.- "-" . - Sie lag Boulevard Bonne Nouvelle und war mit ihren Tischen US gelb ge sprenkeltem Marmor, ihren rothbraunen LederdivanS undSeffeln aus gebogenem Holz noch elegant genug. Wenigstens verschonte man uns diesmal mit gemalten Fenstern und germanischem Kneip licht. Nach der Straße hin war der Raum ganz Fenster, und daS Pariser Licht konnte in breiten Masten einströ men. Um hineinzukommen, mußte man durch einen dichten- Haufen durstiger Menschen hindurch, die theils aus Sei teln, theils aus Krügeln tranken, ganz wie in einem Wiener Biergarten. Ein altes Ehepaar, echte Pariser Bour geoisie, saß hinter seinem Tischchen, und jedes der Beiden hatte einen halben Li ter Bier vor sich stehen, .un mosm0 wie der Franzose sagt, der auch seine Bier Wörter auö dem Deutschen holt. Vor zwanzig Jahren, vor zehn, vor sünf Jahren wäre dergleichm ein unerhörtes Schauspiel gewesen. Heiliger Gambri nuS, womit soll das enden, wenn schon Monsieur und Madame Prud'homme den Feind m solchen Quantitäten ge nießen? Hinter den ergrauten Häuptern dieser Pariser Bürgersleute erglänzten auf den hohen Scheiben große goldene Buch staben, kinerseitosvOndraoii, ande rerseit: Kalvator de Munich. Wei tere Inschriften luden zum Verspeisen von Ostseehäringen,- norwegischen An schovis und BraunschweigerWürsten ein. An der Wand hinter der Comptoir dame hing daS Contersei einer unermeß lichen Brauerei mit einem Meer von Häusern, einemWald rauchenderSchlote. Oben lief ein zierlich auf Goldgrund ge malter Puttenfries unter der Decke hin: Amorinen und daö Münchener Mandel in zahllosen Exemplaren hantirten da mit Allem, was zum Bierbrauen und Biertrinken gehört, hüpften, tanzten, ritten, kutfchirten, spielten mit Schlau chen, Flaschen und Zuckerhüten, mit Pferden, Ochsen und Schweinen, bür steten, pichten, schoben die Fäster, malz ten und maischten, arbeiteten mit Darr borde, Hopfenseiher, Braupfanne und Kühlschiff, mit Bottich, Spunde und Zapfen, entrollten in lieblichem Durch einander ein recht anschauliches Bild von dem geheimen Thun jener neuestenGroß macht, welche, deutsches Bier genannt, nicht blos Paris und nicht blos Frank reich, sondern nachgerade ganz Europa erobert hat, die halbe Welt überströmt. Sie verhehlten nicht?, die rosigen Ko bolde. Sie zeigttn daö Wo und das

Wie, sie'ließen oie Schmiede sehen und lehrten, wie der Feind dort seine Was sen bereitete. Sie trieben ihr Wesen im hellen Sonnenlichte, zwischen 5 und 6 Uhr Nachmittags, und wenn einst die Franzosen ganz in de? G'walt des Feindes sich besinden, werden sie wenig stens nicht klagen können, daß er sie hinterrückS überfallen. Lkider, meinte der Freund, komme das v.ele Äier nicht allein auS MÜncktN, welches in neuester Zeit Wien und Pil sen. verdrängt habe; auch Dortmund, Ulm, Nürnberg tragen zurUeberschwem mung bei, die elsässlschen und einheimi schen Biere gar nicht zu rrchnen; es sei beispielsweise unglaublich, wie vielWie ner Bier in Sevres bei Paris gebraut werde, und die Statistik weise nach, daß gegenwärtig Frankreich fast ebensoviel Bier erzeuge und verzehre, als Oester reich. Dazu komme diese entsejliche Einsuhr. . .Ja-, ries ich. M ahne die Zeit, too ihr alle deutschen Biere werdet über euch kommen laffen, such die schlechtesten und verrufensten, neben dem Münchener Bock auch die Braunschmeiger Mumme, die Osnabrücker Buße, denErfurterSchlunz,

ven Breölauer SwopZ, den Halber städter Muss, den Wittenberger Kater, den Kottbuser KrabbelandieWand und den KyritzerMord- undTodtschlag, Unglücklicherweise versteht ihr sie nicht zu behandeln. Euer Bier wird immer durch den unvermeidlichen Druckapparat auS dem Keller herausgepumpt, und so gut es schmeckt, so stolz es glänzt, aus dem weiten Wege, den es vom Zapfen zum Mu ide machen muß, verliert eS denn doch etwas von seiner Würze.' Möglich, aber wir trinken es auch frisch vom Faß weg. Mo? Hart nebenan Offen gestanden, ich hätte nicht ge dacht, daß Bayrisch Paris in zwei kurzen Jahren sich dergestalt vergrößern könnte. Da lag wirklich hart an dem Löwenbräu eine Filiale der Psorr'schen Brauerei, in welcher der braune Trunk aus de-a Faste geradewegS in'S Glas lief. Auch hier hatten wir Mühe, unterzukommen. Lau ter durstige Pariser, bis weit hinaus aus'S Boulevard. Die jüngsten Kam merverhandlungen waren spurlos an die sen tapferen Kehlen vorübergegangen. Vergebens hatten verdrießliche Abgeord nete vor dem übermäßigen Biergenuffe gewarnt und ihren LandZleuten weiözu machen versucht, statt Gerste und Hopsen benütze man allerhand schädliche Surro gate, als da wären Kartoffelstärke, Me laste, Glycerin, Quassia, Tausendgul denkraut, Bitterklee, Belladonna, Jng wer, Tollkraut und Tors, von hundert anderen Giften zu schweigen. Doch der Pariser dachte mit dem Berliner: Bange machen gilt nicht! und ging zu Pschorc oder ließ sich Löwenbräu reichen. Nun scheinen aber die Franzosen, und das ist besonders merkwürdig, mit dem deutschen Bier auch die deutsche Gründ lichkeit einzusaugen. Ich für eine Per son war von unserer Studienreise schon ziemlich müde geworden und hätte am liebsten aufgehört, mein Freund aber meinte, was man einmal begonnen, müffe man auch durchführen, und Eini nes wolle er mir jedenfalls noch zeigen. Wir gingen daS Boulevard SaintDenis entlang, den volksthümlicherenGeschäfts vierteln zu. Ueberall Bier und Bier trinker. Gewiß, man siebt auch Turiner Wermuth in denGläsern funkeln, und der traditionelle Absynth mit dem unHeimlichen grünen Opalglanze findet noch Tausende von Liebhaber. All'in das Hauptgetränk bleibt da? Bier. Von der Madeleine bis zur Bastille, eine Stunde Wegs, leuchtet es allerorten in Seiteln und Krügeln; die Pariser Bou levards, zwischen deren Häuserreihen schon so viel Macht und Pracht sich ent faltet hat, welche so viel Weltgeschichte vorübersiuthen sahen, sie sind heute wie eine Triumphstraße des germanischen GerstenweinS. Wir bogen rechts auf dsS Boulevard Sebastopol ein und standen bald wieder vor einer, nein, vor zwei hart aneinan verstoßenden Tavernen mit gemalten Fenstern, wovon die eine Hackerbräu, die andere Culmbacher Bier ausschänkte. So tritt in dem modernen Paris immer ein Bräu dem anderen in die Pfanne. Die Concurrenz scheittt sehr heftig zu sein. München gegen Wien, Culmbach gegen München. Spatenbräu gegen Hackerbräu und Hackerbräu gegen Lö wenbräu ein förmlicher Bierkrieg wü thet durch die Gaffen der Seinestadt, und nur im Kampfe gegen die Franzosen sind alle diese Gegner einig. Ich will nicht daraus schwören, aber mir schien's wirklich manchmal, als wäre der Fran zosen Witz bereits träger geworden, als wären in gkuissen Dingen ihre Jrrthü' mer und Vorurtheile dergestalt in ein ander vetsizt, daß kein Mensch mehr den Wirrwarr schlichten kann. Trotz aller Zureden ließ ich mich nicht mehr bewegen, einzutreten und den Pa riser Tag durch bunte Scherben zu be trachten. Ich hatte mich an dem Luxus satt getrunken, ich sehnte mich nach einer einfachen Kneip!. Ob wohl das elsäs fische Bierhau?, am oberen Ende des Faubourg Saint'Denis, wo wir' gleich falls einst so manchen Abend bei einem leidlicben Trunke verplaudert, noch be stand? Gewiß," versicherte der Freund, .und ganz unverändert." Wir bestiegen einen Wagen, um ra scher hinzukommen. Der Ort hatte in der That sein früheres Gestcht bewahrt. Es waren die alten einfachen Lederbänke und Marmortische, die alten kahlen, schmucklosen Wände ; derBoden war wie ehedem mit gelbem Sand bestreut, und in der Ecke dort, dem Tische gegenüber, hockten noch immer einige spießbürger liche Gestalten und tarockten mit uner schütterlicher Stammqastruhe. als spiel ten sie seit zwanzig Jahren an derselben Partie. Der Ort schien von der vor beistürmenden Zelt übersehen worden zu sein, hier hatte sich wirklich nichts verän dert. Doch! Dies und daS ist anders geworden. Das BierhauS, das früher schlechthin Lrasseris alsacienne bieß, nennt stch jetzt la brasserie do PEsnerance und man trinkt hart Neuancke. j ja biere de l'Esperance. Diese pa

triotische Flüssigkeit mundet nicht so gut als früher das harmlose Elsäffer Bier. DaS Bier zur guten Hoffnung ist sogar trotz der löblichen Tendenz herzlich schlecht, namentlich wenn man kurz zuvor Hackerbrau gekostet hat. , .Wie wär'S 5" fragte mein Pariser, ollein ich fiel ihm m'S Wort und schloß ihm den Mund. k ' ES war mir in der That unmöglich, die Reise sortMeu. .Wir hatten zwar nicht die HSIste, nicht den zehnten Theil dessen gesehen, waö ein gründlicher Bier forscher in Bayrisch PariS sehen müßte, doch daS Wenige genügte mir. Ich staunte nur über daS fabelbast entwickelte Fassungsvermögen des Freundes. Er hatte gewaltige Fortschritte gemacht und konnte als lebendiges Beispiel besten gelten, waS Münchener Bock vermag, wenn er in die rechte Kehle kommt. Der Franzose blieb so nüchtern wie eine di plomatische Depesche, indeß die Phanta sie des Deutschen bereits Sprünge zu machen ansing. Ein paar GlaS mehr, und ich Hütte gesehen, wie die rosigen Vierkobolde ihrem Friese entflatttttkN, die schweren Fässer Spatenbräu bestiegen und in allerliebster wilder Jagd durch VariS ritten, befehligt von Biömarck. GambrinuS, gefolgt von den bösen Gei' stern Mumme, Muff. Schöps. Schrunz. Buße, Kater. Zu solcher Tollheit kam es zum Glück nicht. Allein heimkehrend dachte ich ernstlich darüber nach, ob nicht dieser gesteigerte Genuß deutschen Bieres diese Invasion eines reizenden Feindes mit der Zei den französischen National geist umgestalten, die französische VolkZseele ganz und gar aus dem Gleichge wicht bringen könnte. Die Münchener

Bierschänken sind in Paris stets über- i sullt, die elsässtsche mit dem erbärmlichen Hostnungsbier schien mir sehr .leer zu sein. . Der Pariser trinkt nicht gerne matte Hoffnung aus dem elsässischen Faste, trinkt liebe? frische Verzweiflung vom bayrischen Zapfen. Hier liegt die Gesahr. nicht in den 50.000 Deutschen, die nach den Klagen der PatriotenLiga wieder in Paris, und den 400.000, die wieder in der Provinz leben sollen. Ich fürchte, die Stadt verdeutscht sich immer mehr, und einst wird kommen der Tag. wo man die Seine' für einen Nebenfluß der Jsar hält und das große Paris nur noch ein Klein. München ist. H. Wnn. Ire geyeimnißvosse Sinrkchtung. Am 7.' Mai 1777 wurde der Scharf. richt zu Colmar gesänglich eingezogen, weil er ohne Erlaubniß der Obrigkeit seinenAufenthaltsort verlosten hatte. Er wurde von Magistratöpersonen in'öVer hör genommer: und er erzählte hierauf, wie die .Neckar.Ztg." mittheilt, was ihm begegnet sei: . Eines Abends gegen Ende April- be fand er sich ganz allein in seiner Behausung, seine Frau und seine Gehilfen wa ren ausgegangen. Er war mit dem Ausbessern von Handschellen oder ähn lichen Dingen, die zu seinem traurigen Geschäft gehörten, beschäftigt, als an seine Thür geklopft wurde. Er zögerte nicht, zu öffnen. Der Henker ist eben nicht furchtsam; er empfängt selten Besuche und außer den Vollstreckern des Gesetzes naht sich N'emand seinem ge ächteten Hause. Drei in Mäntel gehüllte Männer traten ihm entgegen, in einiger Entfernung bemerkte er einen Wagen, umgeben von fünf oder sechs anderen Personen, der sich langsam nä herte. Der Scharfrichter sah dies Al les; er war darüber verwundert, aber es erschreckte ihn nicht weiter. .Sind Sie selbst der Scharfrichter?fragte einer der Fremden. Ja, mein Herr." .Sind Sie allein ?" Wir haben unter vier Augen mit Ihnen zu reden." Ich bin ganz allein, treten Sie nä her, meine Herren Er hielt sie für die Abgeordneten benachbarter Städte. Aber kaum hatte er seine Worte auSge sprachen, als die Männer sich auf ihn stürzten, ihm Arme und Füße banden und ein Tuch in den Mund stecklcn, um seine Hülferufe zu ersticken. So trugen sie ihn in den bereit stehenden Wagen, in welchem auch sie nach ihm einstiegen. Die Wagenthüren wurden geschloffen, die übrigen Männer warfen sich auf ihre Pferde und im Galopp ging es vor wärts. So lange man noch in der Stadt war, herrschte das tiefste Schweigen; doch als der Wagen auf der Landstraße weiter rollte, ergriff derjenige von den Männern, welcher seither immer das Wort geführt, den Arm des Scharfrich terö. .Höre mich an," sagte er. .und fürchte nichts; eö wird Dir kein Leid geschehen, denn Du bist nur zu dem Zwecke ent sührt worden, um einen wichtigen Akt der Gerechtigkeit zu Vollstrecker.. Diese Versicherung wird Dir gegeben, sobald Du nicht den Versuch wagst, zu entflie den. oder ein Geheimniß ergründen zu wollen, daS Dir unbekannt bleiben soll. Man wird auf keine Deiner Fragen antworten; man wnd Dir Alles geben. waS Du bedarsst; an riird Dich in Deine Wohnung zurückbringen. Du hast dann Deine Schuldigkeit gethan und wirst für Deine Mühe, und weil man Dich in Deinen Beschäftigungen gestört hat, zweihundert Louiöd'or erhalten. Der Scharsrichter athmete freier. Man wollte ihm nicht anS Leben gehen, und das beruhigte ihn. Doch wünschte er, daß man ihm wieder den freien Ge brauch seiner Glieder und seiner Zunge geben möchte, was denn auch sosort geschah. .Man wird Dich Deiner Bande ent ledigen"', fuhr dieselbe Stimme fort, .man wird Dir selbst während der Nacht die Binde von den Augen nehmen, doch nur unter der Bedingung, daß Du Dich unseren Befehlen gehorsam zeigst uno kein Wort sprichst; Dein erster Schrei würde auch Dein letzter sein." Er kühlte zwei Pistolenläufe und die Spitze' eines Dolches auf seiner Brust und sah nun wohl ein, daß hier keine andere Wahl blieb, als sich zu unterwer fen.. Nachdem man ihn von seinen Fes seln besreit hatte, ließ man ihn unter al len nur möglichen Formen schwören, stch in Alles, was man von ihm fordern würde, fügen zu wollen. .Gut, Du hast letzt nichts mehr zu

fürchten," hieß es hieraus. Von diesem Augenblick an wurde kein lautes Wort mehr gesprochen. Der Wagen rollte ohne Unterbrechung weiter. Man wech selte ost die Pserde, die schon immer be reit standen, und wie der Scharsrichter zu bemerken glaubte, ' niemals an be wohnten Orten. Die Wagensenster blieben fest geschloffen; desten ungeachtet wurden dem Gefangenen, sobald der Tag anbrach, die Augen aus's Neue ver bunden und die srühitttt DrohllNgkN wiederholt, sobald er es wagen wollte, die Binde zu lüften. Im Uebrigen be handelte man ihn gut. Die Wagen koffer enthielten gute Weine und vor trejfliche Lebensmittel, von denen er sei nen Antheil so gut wie die Anderen be kam. Den Wagen verließ er nur im Walde oder an einsamen Orten, die ihm keine Erinnerungszeichen darboten. An einem derselben, schien eS ihm, als habe man den Rhein passtrt, und führe nun über Berge. Am Abend des zweiten Ta ges hielt der Wagen vor einer Psorte und er vernahm das schrillende Gekreisch einer berabsallenden Auabrücke ; einen

Augenblick daraus fuhr man über einen tiefen Graben, was er aus dem dumpfen Ton der Räder schloß. Obgleich es stockdunkel war, verband man ihm aus'S .eue die Augen. Die Pserde lenkten in einen weiten Hos ein, die Wagen thür wurde geöffnet, zwei Männer rr griffen die Arme deS Scharfrichters und ließen ihn einige Stufen in die Höhe steigen ; rings um sick hörte er das Nie verfallen von Gewehrkolben. .Lassen Sie sich führen !" sagte eine unbekannte Stimme, als er zögerte, we! ter zu gehen. .Erinnere Dich Deiner Versprechen!fügte fein Reisegesührte hinzu, .wir wer den die unserigen halten." Es schien ihm, als träte er nun in eine große Vorhalle, darauf durchschritt er mehrere weite und, wie ihm vorkam, hochgewölbte Orte; endlich führte man ihn in einen geräumigen Saal und hier erst nahm man ihm seine Binde von den Augen ab. Dieser Saal war von oben bis unten schwargauSgeschlagen und von einigen Fakeln schwach erhellt. In ei nem feierlichen Halbkreis saßen Männer im richterlichen Kostüm; sie trugen keine Maöken, allein die Beleuchtung war so schwach, daß es ihm unmöglich wurde, in der Entfernung, in welcher er sich von ihnen befand, ihre Züge zu erkennen. Kaum war der Scharsrichter eingetre ten, als von der anderen Seite eine der fchleierte Dame hereingesührt wurde. Sie war groß, schlank und gewiß noch mng. Em langes Gewand von violet tem Sammt, nach Art wie eS die Nonnen tragen gemacht, bedeckte sie gänzlich. Sie blieb in der Mitte deö Krei eS un beweglich stehen, die Arme in die weiten Aermel gesteckt, den Kopf stolz emporze richtet. Der Vorstände der Versamm lung erhob sich von seinem Sitze. - .Wir haben Dich H-j!? lasten," sagte er in deutscher Sprache, die der Scharfrichte?, wie alle Elsässer. verstand, wir haben Dich holen lasten, um einen Ur theilSspruch an dies:r Frau im Gehe! men und im Dunkel und in der Stille der Nacht zu vollstrecken, damit ihre Strafe vor den Augen der Welt verbor gen bleibe, wie das Verbrechen, das sie begangen hat. Du wirst thun, was Deines Amtes ist; Du wirst diese Kreatur, die menschliche Gesetze nicht erreichen, konnten, und die dennoch ein unver gleichlicheS Verbrechen begangen hat, entbaupten." Der Scharsrichter, obgleich er nur ein Henker war, fühlte dennoch ein Gewissen in seiner Brust; er tödtete nach gzfälltem Richterspruch aus die mit großem Siegel versehene schriftliche Ordre des Königs. Hier war aber ein anderer Fall; eö handelte stch um einen Meuchelmord, zu dem er seinen Arm leihen sollte.' Welche Macht jene Fremden, deren Gestcht. er nicht einmal erkennen konnte, über ihr Opfer hatten, war ihm unbekannt, er raffte daher seinen ganzen Muth zusam men und erwiderte dann in einem festen Tone: .Das werde ich nicht thun." ' ' Ein Degengeklirr ließ sich rings um ihn vernehmen, und gab ihm zu bedea ken, daß die Roben der Richter nicht so friedlich waren, als sie es zu sein schie nen. Er blickte auf die Verurtheilte, die unbeweglich blieb, a!S wenn sie dieser Streit gar nicht berührte. .Du hast versprochen zu gehorchen wiederholte die Stimme Desjenigen, de? ihn entsührt hatte, .und hast Dich unserer Rache unterworsen, sobald Du Dein Wort zurücknehmen würdest." .Ich habe geglaubt, daß eö sich hier um einen geheimen, aber gesetzmäßigen Richterspruch handle. Ich bin kein Meuchelmörder, meine Herren, und ich widersetze mich jetzt Ihrem Befehl ; ich werde dieser Frau kein Haar krümmen. Uebrigens was hat sie verbrochen V :.. Der Präsident schien seine Kollegen mit einem Blick zu befragen, daraus er hob er sich lebhast und rief mit einer Donnerstimme : v .Du sragst, was diese Weib verbro" chen hat? Ich kann eS Dir sagen und wenn Da es hörst, dann werden die Haare aus Deinem Haupte stch vor Ent setzen sträuben und Du wirst nicht län ger zögern, daS Werkzeug unseres Rich tersprucheS zu erden, so höre denn .Genug," unterbrach ihn die Frau, indem sie mit ihrem vorgestreckten Arm ihm Schweigen gebot .genug ! Ihr könnt mich hinrichten lasten, aber ' Ihr könnt, Ihr sollt nicht einem Menschen seiner Art enthüllen, was Eure Ohren gehört haben. Bin ich strafbar, so straft mich ; ich unterwerfe mich, das ist mehr, alS Ihr das Recht habt, zu fordern." ' .Tiefes Schweigen folgte ihren Wor ten, ein feierliches eisiges Schweigen, das nur durch das Geräusch einer un sichtbaren Wcnduhr, die plötzlich Eis schlug, unterbrochen wurde. - .Es ist kein Augenblick mehr zu ver' lieren . begann der Vorsitzende wieder, indem er sich zu dem Scharsrichter wandte und ihm mit donnernder Stimme zurief: .Gehorche!" Man reichte ihm hierauf auch sofort ein sehr breites, scharf geschliffenes Schwert. , jfltin". , wiederholte er .nein, thut es selbst; wenn Ihr verurtheilt, ohne daß Ihr daS Recht dazu besitzt, so vollstreckt auch Euren Urtheilsspruch mit eigener Hand."

DaS Opfer blieb nach wie vor unbe ueglich. .Höre" wandte man sich aus'S Neue an ihn, .ist Dir Dein Leben lieb V .Ja, meiner Frau und meines KindeS wegen, die, wenn ich Ihnen entristen werde, keine Stütze mehr auf der Welt haben würden," jagte der Henker klein laut. .Run, so wähle; wenn die Wanduhr ein Viertel schlägt, und dieses Weib nicht von Deiner Hand enthauptet vor den, so schiebt die meinige Dich nieder". ließ mit alle? Ruhe der Vorsitzende stch vernehmen, indem er tmt Pistole her "vorzog und dann vor sich auf den Tisch legte. ' .Run, weshalb tödtet Ihr sie denn nicht selbst, wenn Ihr doch entschlossen seid, ein Meuchelmörder werden zu wol len?' rief der Scharfrichter fast außer sich. Der Richter erbebte sichtlich einenMo ment unter seiner Robe, dann fuhr er fort: Du hast hier zu wählen, nicht zu sra '

gen. Der Scharfttchter sträubte stä, so lange ihui noch ein Mittel blieb; dann bemächtigte sich seiner nach und nach die L.Joesangst, denn mehr und ehr - entsetzte er sich vor seinen Verfolgern. Im mer weiter' schritt der Zeiger der Uhr vor; jeder Schlag hallte wieder in den Herzen der Unglücklichen, der jetzt afcri tqen Tod und verbrechen eme Wahl treffen sollte. Eine Todtenstille herrschte in dem Saale; Alle waren unbeweglich, besonder? Diejenige, die der Hauptge genstand dleser entsehllchen Scene war. Der Henker betete; er flehte dieJungfrau und die Heiligen an, daS Resultat seineS Gebetes war, daß er ausrief : .So ermordet mich denn, ich werde nicht gehorchen!" ' .Dir bleiben noch zehn Minuten, Dich zu entscheiden entgegnete gelösten der Richter, indem er nach der Uhr wie?, die mit gleichmäßigen Takte ein Viertel nach Elf entgegen ging. Dasselbe Schweigen herrschte wieder, immer nur unterbrochen von dem un barmherzigen Ticken der Uhr, welche das Leben eines Jeden mißt, des Glücklichen, wie desElenden. Es war eine entsetzenS volle Lage. Die Frau gab kein Lebens zeichen; als das Viertel schlug, dieser Gloöenschlag, de: ihrem Leben ein Ende setzen sollte, sie erhob nicht einmal den Kopf. War sie unschuldig oder war ihr Herz verhärtet? Auf ein Zeichen der ir sten Person näherten sich zwei Untergebene dem Scharsrichte? und reichten ihm daö Schwert. Er schüttelte den Kops und stieß eS mit der Hand zurück, unver mögend zu sprechen. Der Präsident spannte den Hahn seiner Pistole und bei diesem Anblicke schwankte und erbleichte der Henker. Mein Gott, dachte e?, soll ich eine Wittwe und eine Waise zurücklasten ? . Er rang die'HSnde in Verzweiflung und gebadet im Schweiß. .Willst Du?' fragte der Vorsitzende, .eder willst Du nicht " und hierbei hob er die Pistole. Diese nur leise und mit erstickter Stimme gesprochenen Worte durchdran gen dennoch schauerlich und furchtbar den Saal. Der Gefragte nahm das Schwert und erprobte dessen Schärfe mit dem Daumen ; dann trat er zwei Schritte vor, die Verurtheilte kniete nicht nieder. .Giebt man ihr denn nicht einen Geistlichen V sagte er plötzlich inne haltend. .Thue, was Deines Amtes ist und kümmere Dich um weiter nichts erhielt er zur Antwort. ' .So kann ich mein Amt nicht verrich ten, die Dame muß gebunden werden sagte er. .Gründen, ich? rief diese mit einen unbeschreiblichen Stolze. .Bindet dem Weibe die Hände!" sagte die unbeugsame Stimme deö Rich terS. . Zwei Männer näherten sich ihr; sie richtete sich in ihrer ganzen Höhe auf, indem sie schrie: ; .Wagt eS nicht!" Bei diesen Worten wichen die Männer, welche diese Handlung verrichten sollten, zurück. ; .Mir habt Ihr zu gehorchen!" nahm der Präsident daS Wort. .Und noch einmal befehle ich Euch, bindet sie." . In einigen Sekunden war die Frau an einen Block, den man herbeigeschafft hatte, gebunden; ihr Schleier wurde vom Halse genommen; als sie sich überwältigt sah, leistete sie keinen Widerstand mehr und wurde unbeweglich. .Kmnit zur Sache ! oder' fuhr der Richter s::! und nahm aus' Reue die Pistole zur Hand. Eine A?t Schwindel bemächtigte sich des Henkttö; war eS Liebe zum Leben, war es Furcht oder vielleicht jener Rausch, er, oie man sagt, bei ungewöhnlichen Ereignissen die Männer beherrschen soll, cr erhob mit verzweiflungövoller Hand die Mordwaffe und trennte mit einem Schlage das Haupt vom Rumpse. Dann ließ er das Schwert sinken und er, der Mann von Eisen, an Blut gewöhnt, der seit zwanzig Jahren für Irdische Gerechtigkeit daö Henkerbeil führte, siel jetzt ohnmächtig neben den Opser, das geschlachtet hatte, nieder. AIS er wieder zur Besinnung kam, befand er sich auss Reue im Wagen, die Binde über den Augen und in einem Mantel gehüllt, der seine beschmutzten Kleider bedeckte. .Hier Deine Belohnung sagte Derjenige, der ihn auS seiner Wohnung geführt hatte, .man hat sie verdoppelt, weil Du ein Ehienmann bist." Die Rückreise wurde in der nämlichen Weise wie die Hinreise ausgeführt. Am Abend deS vierten Tages langte er wieder in seiner Behausung an. Nur ließ man ihn in einiger Entfernung von seiner Wohnung auösteigen. Er fand seine Frau in großer Besorgniß und den Magistrat wüthend. , Was hier erzählt worden, ist sast wörtlich der Aussage deS Scharfrichters entlehnt. DaS Gericht zu Colmar stellte die sorgfältigsten Nachforschungen an, entdeckte aber nichts ; und so ist daS zu jener Zelt verübte Verbrechen in ein tiejesvie es scheint, unerforschlicheS Dunkel gehüllt geblieben.