Indiana Tribüne, Volume 6, Number 297, Indianapolis, Marion County, 15 July 1883 — Page 6

Aus dem csleöen eines gcpy anten.

Wan Tr.Max chmid, Direktor des Zoologi schen Garten zu Frankfurt a. T!. Der alte AuSspruch- habent sua iata libelli" muß sich häufig genug ge fallen lassen, unter entsprechender Abän deruna allen mSattchen . Gegenständen angepaßt zu werden, so daß ich wohl auf allseitige Nachsicht hoffen darf, wenn ich ihn hier einmal aus Thiere anwende und ihn ,n .habent sua laia anirnalia umwandelte. Es veranlaßt mich Hierzu m. m mr0 w w oer indische Ciepyant unsres 300109t schen Gartens, die allbekannte, gemüth liche .Bethsy", welche vor jetzt gerade 20 Jahren, am 1. Juli 1863, nach einem mehrjähngen Wanderleben em verhält nißmäßig ruhiges Asyl in unserem In siitute gesunden hat, dem sie seitdem zu besonderer Zlerde gerelcht. Das was über die frühere Lausbahn diese Exem plares zu meiner Kenntniß gelangt ist, dürfte immerhin ein mehr als Lokales Interesse bieten, um hier im Zusammen hange kurz erzählt zu werden. Soweit sich nachweisen ließ, ist das Thier etwa 1857 oder 1853 auS seiner indischen Heimath nach Europa gelangt und wurde alsbald von dem Besitzer ei ner wandernden Thierbude erworben, welcher mit seinen- Pfleglingen Haupt sächlich Norddeutschland bereiste. Hier hatte das damals noch in dem kindlichen Alter von etwa 8 Jahren stehende ($f schöpf Gelegenheit, sich an die Härte des KlimaSzu gewöhnenden felbstverständ lich war es ihm nicht vergönnt, den Win ter im warmen Stalle behaglich zu ver bringen, sondern die Sorge um das täg liche Brod nöthigte den Besitzer längere Pausen auf seinen Wanderzügen mög lichst zu vermeiden. Da wurde denn bei jedesmaligen Ortswechsel während der kälteren Jahreszeit der Elephant mit Decken belegt, um ihn gegen Erkältung zu schützen und er mußte auf der Land straße dahinrotten. War aber Schnee fall eingetreten, oder hatte Thauwetter die Wege mit einer eisigen Schlamm schicht bedeckt, dann wurden dem Thiere eine Art von Stiefeln an die Füße ge steckt, mächtige, eimerartige Hüllen aus starkem Leder mit dicken sohlen, welche ihm einen nicht zu verachtenden Schutz gewährten. Leider wurde versäumt, die Ohren warm zu halten und diese tragen daher noch jetzt die Spurender Einwirkung des Frostes. Merkwürdigerweise scheint der Ele phant, welcher sich prächtig entwickelte, seinem damaligen Besitzer nicht gänzlich entsprochen zu haben, denn dieser suchte ihn bald wieder zu veräußern. Als er sich mit seiner Bude im Jahre 1859 in Braunschweig zur Messe befand, bot er ihn dem neuentstandenen Zoologischen Garten in Frankfurt zum Kaufe an, aber man hatte diesseits triftige Gründe, hie raus nicht einzugehen. . Bald darnach wechselte der Elephant seinen Gebieter, aber ohne daß dies eine wesentliche Veränderung in seiner Le bensweise bedingte, denn abermals war es eine wandernde Menagerie, welcher er einverleibt wurde. Inzwischen war der bekannte Cirkus besitze? E. Renz aus das Thier aufmerk fam geworden und zeigte sich geneigt,daS selbe zu erwerben, da dessen Gelehrigkeit und Gehorsam es zur Künstlerlaufbahn besonders geeignet erscheinen ließ. Dem Ankaus stand lndek der geforderte ver hältnißmäßig hohe Preis entgegen, aber diese Schwierlgkelt wurde in origineller Weise überwunden. Wie eö für mensch M ßM ) f fT AT A fXm M hM lUJt -31U4I UUtlil llUtlUilll4VUtt mittler, Theateragenten u. s.w. giebt, so er,istiren auch Leute, welche ein Geschäft daraus machen, den vlerfußlgen Kunst lernStellen in Neiterbuden,Affentheatern und ähnlichen Etablissemints zn verschaf fen. Ein solcher hatte sich nun für den rn Rede flehendenen Elephanten mterres sirt, wahrscheinlich aber noch mehr für den bei Abschluß eines Verkaufes desselben zu erzielenden Gewmn und suchte nun durch List eine Herabminderung des Preises zu veranlassen. Sein Vorgehen schien ihm jedenfalls weit harmloser, als es in der That war und hätte leicht recht üble Folgen fu? ihn haben können. Der Besitzer de Elephanten erhielt ei nes Tages (es mag im Jahre 1860 oder 1861 gewesen sein) ein Schreiben, worin ihm unter sehr schmeichelhaften Hinwei sen aus seine Leistungen aus dem Gebiet der Thierhaltung mitgetheilt wurde, daß er durch Beschluß des Verwaltungsra lhes des hiesigen zoologischen Gartens zu dessenDireltor ernannt worden sei und sich baldigst zum Antritt seiner neuen Stellung einsinken möge. Er erwiderte sofort mit einem Bciese voll warmer WanttLwor:?, de? hier großes Staunen . erregte, denn selbstredend war diese Nach rickt'gänzlich aus der Lust gegriffen ge- . Wesen. Man beeute sich, den armen Getäuschten hiervon zu verständigen und ihn - vor - übereilten Schritten auf Grund r: " je M m v semer angeouyen nnneuung zu warnen, aber es war bereits zu spät. Er hatte in Leipzig auf der Messe, wo er sich gerade M ! A (TTO IaCamV um i'iiuuyiuc ucunu, meyrere Kollegen getroffen, denen er in seinerHer zensfreude seine TUere zu überaus billi gen Preisen verkauste. Natürlich hatte auch der Agent die Gelegenheit benützt, unter sehr günstigen Bedingungenden Elephanten sofort zu erwerben, mit dem er schleunigst Leipzig verließ um ihn bald daraus mit erheblichem Nutzen an Renz zu verkaufen. Der getäuschte Menage rist konnte froh sein, daß eö ihm gelang, einige in der Uebereilung bewirkte Thier Verkäufe mit mäßigem Reugeld wieder rückgängig zu machen, den Elephanten war er aber mit Schaden für immer los geworden. Im Cirkus Renz erwarb sich unser Thier mdeß keine Lorbeeren, denn es hatte die, gerade für diese Art der Künst lerlausbahn sehr fatale Gewohnheit, sich durchaus nicht reiten zu lassen. Sobald Jemand auf dem Nacken des Elephanten Platz genommen hatte, begann dieser sich im Kreise zu drehen, wobei der Kopf nach außen stand und die Hinterbeine den Mittelpunkt blldeten. Diese Bewegung wurde immer schneller'und schneller, bis derReiter herabsprang, oder weggeschleu dert wurde. Alle Mittel, diese Unart dem Thiere abzugewöhnen, schlugen fehl und so war Direktor Renz schließ

lich genöthigt, dasselbe wieder zu veräu ßern. Er trat eö einem seiner entfernten Verwandten ab, der mit einer kleinen Menagerie in Süddeutschland umherzog. In diesen neuen Verhältnissen fand .Bethsy" ebenbürtige Gesellschaft in ei nem männlichen Elephanten von be trächtlicher Größe. Dieser besaß Stoß zähne von etwa einen Meter Länge, hatte aber auch das bösartige Wesen, welches ausgewachsenen männlich? Elephanten eigen zu sein pflegt. Ein dicker Englän der, der einzige Mensch dem das gewal tige Thier noch Gehorsam ' leistete, war als Wärter bei ihm, aber auch dieser hatte bereits im Umgange mit seinem Pfleglinge und durch denselben ein Bein eingebüßt und hinkte mit Hilse eines Stelzfußes und eines Stockes umher. : Ist nun schon in der Regel ein bösar tiger Elephant eine schwere Plage für seinen Besitzer, so ist eö ein Wärter, der dem Thiere unentbehrlich geworden ist und diesen Umstand gehörig auszubeuten versteht nocu weit mehr. Dies war denn auch hier der Fall. Der Engländer war jederzeit bemüht, seine Einkünste zu vermehren, indem er stets auf'S Neue Lohnerhöhung und andere Vortheile be anspruchte. Daraus entstanden denn gar häusig Verdrießlichkeiten zwischen dem Prinzipal und seinem Bediensteten, wel che Letzterer stets dadurch zu seinen Gun sten zum Austrag brachte, daß er sich halbe Tage lang inS Wirthshaus setzte und sich bei seinem Pflegling nicht sehen ließ. Dieser wurde in Folge einer so! chen Vernachlässigung unruhig und wies alle Annäherungsversuche anderer Per sonen energisch zurück. Kam nun gar die Futterzeit heran, ohne daß der gewohnte Wärter sich zeigte, so wurde das Thier

von Minute zu Minute ungeberdiger, so daß schließlich zu befürchten stand, es werde sich losreißen, die Bude zertrüm mern und sonst allerlei Unheil anstellen. In solchen Fällen blieb dann dem ge ängsteten Besitzer des Kolosses nichts An dereS übrig, als den Wärter beim Schop pen aufzusuchen und ihm gute Worte zu geben. Unter reichlichen Trankopsern kam auch stets wieder ein Vergleich zu Stande, bei dem der Engländer seinen Willen durchgesetzt hatte, worauf er sich in beträchtlich angeheitertemJustande mit dem Prinzipal zu seinem unbändigen Pflegling zurückbegab, der nunmehr sich wieder beruhigte. Auf die Dauer mußte ein solches Ver hältniß schwer auf dem Unternehmer la sten. Der Thierbestand der Menagerie wurde behufs Vereinfachung des Ge Schäfte? mehr und mehr beschränkt, bis zuletzt nur die beiden Elephanten übrig blieben. Mit diesen wurde nun von Ort zu Ort gewandert, Jahrmärkte und Mes sen besucht und da man sich den Umstän den anzupassen verstand, ging die Sache ganz leidlich. Freilich mußte mitunter von Erhebung eines Eintrittsgeldes in klingender Münze abgesehen und Na turallieserungen an dessen Stelle ange nommen werden, welche in NahrungS Mitteln für Thiere und Menschen beftan den. Die Thiere machten meist getrennte Routen und zwar wurde daS Männchen von dem Besitzer selbst begleitet, indeß das Weibchen unter der Obhut seiner Frau und Tochter sich befand. Der Transport geschah in der Weise, daß der große Elephant in einem Wagen ohne Boden cinherschrUt, welcher von Pferden gezogen wurde. Am Kopfende dieses Fuhrwerks befand sich ein Sitz für den Wärter, welcher von hier auS durch eine Klappe in der Wand mit dem Koloß ver kehren konnte. Der weiblicheElephant .Bethsy"wurde frei geführt und hatte in seinemJugend übermuth eine recht unangenehme -Ei genthümlichkeit angenommen, welche sei neswegs geeignet war,das Wandern mit ihm zu einer besonderen Annehmlichkeit zu gestalten. Sobald nämlich die Reise angetreten wurde. Pflegte er durchzuge hen und erst nachdem er mit seinen Rie senschritten eine gehörige Strecke zurück gelegt hatte, ließ er seinen Wärter he rankommen und zeigte sich geneigt dem selben zu folgen. Da nun die Reisen meist bei Nacht pattfanden, hatte die Wiedererlangung des Flüchtlings oft ihre besonderen Schwierigkeiten. Natürlich stellte das Thier bei seinen Eilmärschen nicht selten allerlei Unheil an, doch scheint es dabei stets ohne wesentliche Unfälle abgegangen zu sein. So schob es mitun ter Personen, welche auf der Straße sich befanden, ohne Weiteres bei Seite,so daß sie je nach der Oertllchkett wohl eine hohe Böschung hinabkugelten u. dgl. m. Zu semen Liebhabereien gehörte serner vas Verspeisen der noch ungebackenen Milch brödchen, welche in warmem Sommer Nächten vor den Bäckerhäusern auf Bret tern ausgelegt waren. Natürlich wurde dem nachkeuchenden Wärter die weitere Verfolgung des Flüchtlings erst geflal tet.nachdem er die annektirte oder verdor bene Waare bei Heller und Pfennig be' zahlt hatte. - Derartige kleine Kalamitäten kannten indeß dem Besitze? den sonst vortresfli chen Elephanten nicht entwerthen, wohl aber waren die Schwierigkeiten mit dem männlichen Elephanten und seinemWär ter, welche sich in der erwähnten Weise stets wiederholten, geeignet, dem Manne sein .Geschäft-gänzlich zu verleiden. Er faßte den Entschluß, die Thiere zu ver äußern uid sich ins Privatleben zurück zuziehen. Zu diesem Behufe bemühte er sich zunächst, einen Abnehmer für den weiblichen Elephanten zu finden, um nach dessen Verkauf sich auch des Männchens zu entledigen. Nöthigenfalls war er entschlössen, dasselbe tödten zu lassen, da dessen schlimme Eigenschaften eS fast werthlos machten. Immer wieder wur de dem Zoologischen Garten zu Frank furt der Elephant angeboten, aber im mer wieder scheiterte daS Geschäft an dem Preise. ' Da trat endlich eine Katastrophe ein, welche die Sache zum Abschluß brachte. Im Februar 1863 kam der große Ele phant nach Kirchheim in Kurhessen. Schon auf dem Wege dorthin war er ungeberdig geworden und hatte wieder holt versucht, mit dem Wagen sammt den davorgespannten Pferden durchzu gehen. Im Hofe des Wirthshauses, in welchem er eingestellt wurde,rannte er so fort, nachdem ausgespannt worden war. mit dem Wagen in eine Ecke und ver

suchte denselben umzustürzen, so daß man genöthigt war, das schwere Fuhr werk mit Spießen und Ketten zu besesti gen. Man brachte dem aufgeregten Thiere nun beruhigende und betäubende Arze neien in enormen Quantitäten bei (u. A. 12 Gran Digitalin), aber wie es in der artigen Fällen Regel zusein pflegt, ohne die mindeste Wirkung. Schließlich er wies sich selbst das freundliche Zureden des Wärters mit dem Stelzfuße erfolg los, ja es schien - sogar auf das Thier ausregend zu wirken und konnte sich denn der Eigenthümer nicht verhehlen, daß zur Verhütung von größeren Unfällen die Tödtung des Elephanten geboten er scheine. Es wurde demselben zu diesem Behufe in einer Semmel eine beträchtliche Ga be Strychnin verabreicht, die er auch ohne Schwierigkeit nahm.die aber ganz lich wirkungslos blieb. Man entschied sich nun für Erschießen des Thieres und brachte fünf der besten Schützen zusam men, welche, nachdem die Bretter an der Vorderseite des Wagens abgenommen waren, so daß der Kopf deö Elephanten frei wurde, auf ein gegebenes Zeichen gleichzeitig schössen. Obwohl sämmtliche Kugeln gut getroffen hatten, gab das Thier keinen 'SchmerzenLlaut von sich, machte keine bestndere Bewegung und schien überhaupt den ganzen Angriff

nicht zu beachten. Unter Uebergehung der Einzelheiten dieses grausigen Schau splels fki hier nur noch bemerkt, d'aß m kurzen Zwischenräumen fast zwei Stun den lang aus den Elephanten gefeuert wurde, blS endlich der Tod eintrat. Nachdem die gewaltige Leiche von ei nem Museum käuflich erworben worden und der englische Wärter nach seiner Hei math abgereist war, wurde es dem Be sitzer wirklich Ernst mit dem Verkauf deS weiblichen Elephanten, was denn auch jetzt seinen Ausdruck in dem Preisansa tze fand, und dem Schreiber Dieses fiel nun die Aufgabe zu, den Kauf abzu schließen. Bezüglich des dermaligen Aufenthalt tes des Thieres war nur bekannt, daß es zuletzt in Fritzlar gewesen war und ich mußte mich von dort auS auf die Suche begeben. Auf einem nicht übermäßig bequemen sog. Stuhlwagen fuhr ich an einem reizenden Sommertage 16 Juni 1863 in die freundliche Gegend hinaus, von Ort zu Ort nach dem Ele phanten fragend, den ich dann endlich am späten Nachmittag in Volkmarsen, einem Dorfe bei Kassel, erreichte. Mit ternacht war längst vorüber, als dieser in den Annalen des genannten Ortes wohl einzig dastehende Kauf nach lan ger Verhandlung zum Abschlüsse kam. Der Verkäufer hatte den Elephanten am 1. Juli im Zoologischen Garten zu Frankfurt abzuliefern, welcher Verpflich tung er pünktlichst nachgekommen ist. Natürlich hatte das lebhafte Thier noch einige Schwierigkeiten machen müssen, ehe es sich zumBetreten desEisenbahnwa gens herbeiließ, der dazu bestimmt war, es an seinen neuen Wohnort zu bringen. Auf dem Bahnhofe der Station Kirch Hain, wo die Verladung erfolgen sollte, kam dasselbe Abends nach Einbruch der Dunkelheit an, lief hier aber sofort in seiner gewohnten Weise davon und trieb sich aus den Schienengeleisen umher. Man wurde aber dieses Mal seiner sehr bald wieder habhaft und zwar auf ganz mühelose Weise, indem man alle Lichter im Bahnhof bis auf ein einziges löschte, in dessen Nähe der Wärter ruhig stehen blieb. Die Dunkelheit und Stille, na mentlich aber das Alleinsein behagte dem Elephanten so wenig, daß er sich schon nach ganz kurzer Zur bei seinem Wärter wieder einstellte. Das mächtige Geschöpf wurde gar bald der Liebling aller Besucher unseres Gartens und namentlich wußte Jeder mann seine Zahmheit zu schätzen. Mit unendlicher Geduld antwortete es stets wieder aus die ihm täglich vielhundertmal vorgelegte Frage Bethsy, hast Du hun ger?" und mit ste'.s gleicher Behutsam keit nahm es den kleinsten Kindern win zige Brod und Zuckerstückchen ab. Mit unter wiedersuhr ihm allerdings im Ge genfatze hierzu wohl einmal das Mißge schick, daß eS einen Korb oder Hut, in welchem ihm Jemand Milchbrödchen vor hielt, in dem Glauben, daß es diese ein zeln herausnehmen und verzehren werde, der Kürze halber sammt dem Inhalt ver speiste aber daS waren nur Ausnahmesälle. Auch einen Spazierstock, ein Ta schentuch, ein AktenfaScikel und andere sonst als ungenießbar geltendeDinoe ließ sich der Elephant mikunter unbedenklich schmecken, aber nur wenn die Erlangung derartiger Gegenstände besonders leicht gemacht wurde. In der ersten Zeit seines VerweilenS in unserem Garten suchten wir dem Thie re seine nunmehrige ruhige Lebensweise dadurch erträglicher zu gestalten, daß wir eS kleine Promenaden machen ließen. Es wußte die gute Absicht indeß nicht zu schätzen, sondern verfiel alsbald wieder in seinen alten Fehler, indem es sich zum Durchgehen und zu Exzessen geneigt zeigte. . Wir mußten" in Folge dessen die Spaziergänge wiedereinstellen und, so weit sich wahrnehmen ließ, wurden die selben auch von dem Thiere nicht ver mißt, sondern gewöhnte sich leicht und ohne jeden Nachtheil für seine Gesund heit an seine neuen Verhältnisse. Noch einmal wurde seine nunmehrige gleichmäßige Lebensweise durch die Ue bersiedelung in den neuen zoologischen Garten unterbrochen, doch ließen wir den Elephanten diesen Weg nicht zu Fuße zurücklegen, sondern zogen vor, den Transport zu Wagen zu bewerkstelligen. Als der Elephant bei uns anlangte, betrug seine Höhe 2,12 und seine Länge 2,45 Meter, während er jetzt, nach Ver lauf von zwanzig Jahren 2.80 Meter hoch und 3,12 Meter lang ist. Inner halb dieses Zeitraumes, welcher etwa sein vierzehntes bis vierundreißiges Le bensjahr umfaßt, ist er sonach um 68 Eentimeter in der Höhe und - 67 in der Länge gewachsen, wie er sich denn über Haupt während seines Hierseins in ge deihlichster Weise entwickelt hat. Er ist gegenwärtig eineS der größten Exempla re, welches die europäischen Thiergärten aufzuweisen haben. Die Lebensdauer der Elephanten wird gewöhnlich auf 200 Jahre geschätzt, eö scheint jedoch, daß dieselbe durch die E,e

fangenschaft erheblich verkürzt wird. In der k. Menagerie zu Schönbrunn bei Wien haben z. B. drei Elephanten ein Alter von 17, 52, resp. 20 Jahren er reicht, und davon 11, 46 und 13 Jahre in genanntem Institut zugebracht. Im Jardin des Plantes zu Paris hat ein solches Thier 31 Jahre gelebt und ist im Ganzen 35 Jahre alt geworden. . Mehr noch als die Gesangenschast an sich, verkürzt offenbar die Verwendung der Elephanten zur Arbeit selbst im heimischen Klima die Lebensdauer derselben. Brehm erwähnt auf Grund englischer Berichte, daß von 138 Ele phanten, welche die Negierung von Eey lon als Lastthiere angeschaft hatte, nach Ablauf von zwanzig fahren nur noch ein einziger lebte. Im erstenJahre star ben 72 im zweiten 14 Stück.

Vom ttöntgSdau ans der Herren. Insel im Ehicmsce. Man schreibt aus München : In das sechsteJahr hinein wird nun schon an dem 'Schlosse gearbeitet, das alle Königs schloss an Prachrund Schönheit über treffen soll. Nun das Hauptgebäude fix und sertig ist, werden wieder Erdarbei ten zu Annexbauten gemacht und dieFun damente dazu gelegt, für die unablässig DampferNemorqueures das Material herbeischleppen. Wann der ganze Bau vollendet sein wird trotzdem vom vruyjahr bis in den Spath:rbst hinein unausgesetzt fünfhundert Arbeitskräfte in Thätigkeit sind , das wissen die Götter; die fetzige Generation wird kaum das Ende erleben. Während aber neben dem fertigen Bau draußen Neubauten aus dem Grunde gehoben werden, sind der große Festsaal, der um 30 Fuß länger als der von Versailles ist, sowie andere Säle und Prunkgemächer bis auf daö letzte Stück vollkommen aus gestattet. Die Befürchtung liegt nahe, daß bis zum vollen Abschlüsse des Baues im Lause des Jahres Vergoldungen, Draperien und Möbelüberzüge viel Schaden erleiden werden. Was das Kunsthandwerk in feinen virtuosesten Meisterstücken zu leisten vermag, ist hier bis zumThürdrücker undFensterverschlus se vorhanden. Die Kunst selber kommt, wie man hört, nur zum tributären Aus druck. Die Wandund Deckengemälde halten zwar keinen Vergleich mit denen des Dogenpalastes in Venedig aus, da gegen sind Holzschnitzereien reichlich und in musterhafter Durchführung vorräthig, werden aber durch zu massigeVergoldung erdrückt. Der Marmor, de? für Säu len, zu Kaminverkleidungen und Thür stöcken in Verwendung kam, wurde von der belgischen Grenze geholt; mit diesem rivalisirt fast in sieghafter Weise der künstliche Marmor, der in allen Eolorit Spielarten die Wände Hochauf bekleidet. Der Königsban auf der Herreninsel ist beider Bahnfahrt nicht sichtbar und ent zieht sich vielleicht mitAbsicht den neugie rigen Blicken. Jedenfalls günstiger wäre eö gewesen, hätte man ihn an Stelle des jetzt zu einem Brauhause metamor phosirtenKlosters aufgesührt, von welcher Jnselhöhe er die ganze Landschaft beherrscht und seinen zauberhastenReflex im Wasserspiegel des Sees gefunden haben würde. Millionen hat der Bau bereits gekostet und damit werden noch lange nicht die Aufwandkosten erschöpft sein. Der Csardas aus In dien. Der berühmte Sanskrit'Gelehrte G. Bühler. jetzt Prosessor an der Wie ner Universität.veröffentlicht im jüngsten Hesle der Oesterreichischen Rundschau" einen Aufsatz über seine Reise durch die indische Wüste. Im Auftrage der eng lischen Regierung bereiste er mit Prof. Jacobi Indien, um alte indische Hand schristen anzukaufen. Er wurde überall mit großer Freundlichkeit empfangen, de sonders glänzend aber von dem indischen Fürsteu Maharawal - Beriaul. Das Interessanteste erzählt Prof. Bühler, war aber ein Konzert, welches uns der Leib und KammermustkuS gab während derRawal sich zurückgezogen bat. Dieser Musikus, ein brahmanischerGofuin oder Asket, war ein wirklicher Künstler, der die Sitara wunderbar spielte und die alten indischen Ragas gründlich kannte. Er spielte uns mehrere Stunden lang und gerieth schließlich,alS er sich noch von Geigen und Trommeln begleiten ließ, in eine wahre Künstlerbegeistrung. Wenn Sie mich fragen, was die Ragas sind, welche er uns spielte, so kann ich Ihnen nur antworten, daß Ihnen diese! ben meist wohl bekannt sind. Es sind dieselben Melodien, welche die Zigeuner spielen und die man gewöhnlich für un garische hält. Dem ist aber nicht so ; die Csardas oder wie die Stücke selbst heißen, sind sicher ein altes Erbgut, wel ches die Zigeuner aus ihrer indischen Heimath mitgebracht haben. DerHenker in S p a n i e n. Noch vor zwanzig Jahren herrschte, wie in spanischen Blättern zu lesen, in Spanien der Gebrauch, daß, wenn der Scharsrichter sein Amt vollzogen hatte, er sofort von Gendarmen umgeben wur de, welche ihm Handschellen anlegten und ihn in eine Gefängnißzelle führten. Einige Stunden nachher fand sich ein Gerichtsschreiber, der von dem Gerichtsdiener begleitet wurde, in dem Gefäng nisse ein. Der Scharsrichter ward vor geladen, und nun entspann sich folgende Wechselrede: Sie sind angeklagt, einen Menschen getödtet zu haben", sagte der GerichtSschreiber. .Ja, es ist die Wahrheit," lautete die Antwort des Scharfrichters. Weshalb haben Sie diesen Mord begangen?" .Um dem Gesetze zu gehorchen und den Austrag zu erfüllen, der mir von den Gerichten ge geben wurde." Run wurde sofort ein Protokoll ausgenommen, von dem Scharfrichter unterzeichnet und am fol gendeu Tage einem Richter zur Prüfung vorgelegt. Dieser erließ dann zu Gun sten des Scharsrichters ein Urtheil, wel cheö ihn freisprach, worauf derselbe so gleich in Freiheit, gesetzt wurde, nachdem man ihn 24 Stunden vie einen Ver brecher behandelt hatte. Berichtigung. Staats anvalt : .Na, zum Kukuk, weiß Er denn auch, daß Sein Signalement und Paß da falsch ist?" Angeklagter: Der Paß und das Signalement sind schon richtig, aber Ich bin falsch ! u

Wie die Frau tttrÄenräthin ihren vohn einheimste. V Studenten.Humoreöke von Fritz Thiel Zr. ' Bei der Frau Geheimrath Basewitz ist große Kasseeschlacht. Schrill tönen durcheinander die Stimmen der gelade nen Damen. Die beliebten Themata, Marktpreise und Dienstbotenmisere sind abgehandelt. Schon ist man bei den Kindern, insbesondere bei den erwachse nen Söhnen angekommen, die sich der sorgenden Hand der Mutter nicht mehr recht fügen wollen. Eine Dame namentlich erschöpfte sich in Klagen über ihren Aeltesten, der seit ein paar Monaten Jenenser Fuchs war und von haarsträubenden Heldenthaten auf Kneipe und Paukboden enthusiastische Berichte nach Hause sandte! Ach Gott, ach Gott, war nS Z ITnnTitff tnit htm itnn'n f

VM9 litt t tyj j .Ja, aber warum holen Sie ihn denn nicht zurück, da wird er schon gut thun!" unterbrach das allgemeine Weh und Ach, dem sie bis dahin überlegen zugehört hatte, mit energischem Basse, eine ehrwürdige Matrone. .Ich hab' auch mal so 'nen Rangen gehabt, ist jetzt wohlbestallter Doctor der Medicin , und hat eine nette Praxis, glaubt aber, er thät' noch heut' studiren und es zu nichts Rechtem bringen, wenn ich ihn nicht damals eigenhändig aus Tübingen weggeholt hätte." .Ach, ist's die Möglichkeit, wie haben Sie denn das angefangen? Nein, aber das müssen Sie uns erzählen, Frau Kirchenräthin!" Und .erzählen", bitte, erzählen !" er klang es von allen Seiten. .Nun denn : Als mein Seliger zur ewigen Ruhe eingegangen war, da nahm ich meinen Jungen vor und sagte zu ihn : Max", sagt' ich, derVater. Gott hab' ihn selig, hat sein Lebtag nicht an die Sammlung irdischer Güter gedacht, und ihr Kinder habt ihm ehrlich und redlich geholfen, seinen Gehalt alle Jahre klein zu kriegen und noch etwas mchr dazu. S' ist traurig, aber da beißt kei' Maus kein' Faden ab. Aber zur täglichen Nothdurst reichts noch aus und da's sein Wille war, so möcht' ich Dich such gerne studiren lassen ; wie un sere Verhältnisse liegen, siehst Du selbst, also hilf wenigstens, daß es Deiner Mutter nicht zu sauer wird !" So und ähnlich hab' ich mit ihm geredet und hab' ihn nachher in Gott's Namen nach Tübingen ziehen lassen. Zlher eh' der halbe Monat 'rum war, bekam ich einen schönen langen Brief, mitPhrasen und Redensarten auf den drei ersten Seiten, und dem Geständniß auf der vierten, daß das Geld zu Ende wäre. Na, was hab' ich machen wollen, eine Rechnungsablage war dabei, so und so viel Jmmatrlculationsgebühren, so und soviel Collegiengelder, kurz ich hab' halt in den sauren Apfel gebissen und hab' ihm wieder Geld geschickt. Ja, aber im zweiten Monat war's dieselbe Litanei. Dabei schrieb er aber stets so traurig über das theure Studium und schien sich so furchtbar einzuschränken, daß ich ihm immer schickte, was er verlangte und noch ein paar Thaler dazu, damit er hie und da mal ein Glas mehr trinken könnte. So ging das einige Monate lang, aber anstatt weniger brauchte er immer mehr. Da sitz' ich eines schönen Tages in meinem kleinen Wohnzimmer chen und denke so darüber nach, wie'S denn nun werden sollte. Ich hatte schon lange ein Zimmer abgegeben an einen Referendar, aber's wollte doch nicht zulangen; da, wie ich so rechne, stürzt auf einmal mit Thränen im Auge die alte Liese, sozusagen noch ein Inventar stück auS meines Seligen Zeiten, in's Zimmer, mit einem Brief in der Hand: Ach,gnädigeFrau, schauen Sie nur her! Unserem jungen Herrn hauen sie auch noch die Ras' aus'm Gesicht ; jetzt hat ihm schon Einer aber nein, ich kann'S nicht so verzählen, da lesen Sie selbst" und damit hält sie mir den Brief vor die Augen. Das war doch zu stark, nicht genug, daß das unverschämte Ding fremder Leute Briefe las, auch mir, der verwittweten Kirchenräthin, wollte sie zumuthen, mein Gewissen mit einer solchen That zu beflecken. Schämst Du Dich denn nicht," fuhr ich sie an, machst Du gleich, daß Du mir aus den Augen kommst. Du ehrvergessenes Frauenzimmer, und den Brief wieder hin, wo Du ihn her hast! Nein, mir so etwas zuzumuthen, eö war doch wirklich großartig, aber gewußt hätte ich doch gerne, was "in dem Brief gestanden hat. Ich mußte doch noch einmal die Liese fragen, das Unglück war ja nun geschehen und nicht zu ändern. Wer weiß, was der in Tübingen sür tolle Streiche machte! Und schließlich, was war denn dabei, wenn ich sie nun noch einmal ausfragte, meine Würde als verwittwete Kirchenräthin' hatte ich ja gewahrt und und da kam sie wie der herein, ja aber aus ihren Schluchzredsn konnte ich nicht klug werden, sie schmiß da mit Ausdrücken um sich, die meinem schwachen Menschenverstände zu hoch waren. So viel jedoch sah ich ein, da mußte ich mich genauer instruiren. Der Herr Referendar, an den der Brief gerichtet war, konnte vor ein paar Stunden nicht nach Hause kommen. Also vas thut nicht eine Mutter, wenn es sich um das Wohl ihrer Kinder hatt delt ich mußte den Brief lesen. Glauben Sie aber ja nicht, ich hätt' ihn selbst gelzsen oder auch nur lesen wollen; , nein, vor einer solchen Todsünde möge mich der Herr besah ren; denken Sie, wenn mein Seliger so etwas von da oben aus mit angesehen hätte, aber die Liese mußt' mir das Schriftstück vorlesen, ja und dastand nun, was daS für ein famoses Leben in Tübingen sei 5 daß das Geld manchmal ein bischen knapp würde, daß aber die Alte" oh, das Herz drehte sich mir im Leibe herum über diesen rohen Aus druck, die Alte", ich eine junge Wittwe damals von kaum 36 Jahr na also, daß die .Alte" sich aber immer die größtenBären ausbinden lasse. Dann erzählte er von einer großen Mensur, ich weiß nicht in welchem Wäldchen, da wär' er Schleppfuchs gewesen, oder wie das heißt und da wär' dem Grafen So und So die halbe Nase abgehauen worden und er hätt' auch was abgekriegt, denn

eine Klinge wär' gesprungen und ein Stück davon hätt' ihn am Hinterkopf getroffen, und nächstens ginge er felber los, er hinge mit dem ersten Schläger Tübingens u. s. w. in der Tonart. Da hatt' ich die Bescheerung. Ich spare mir das Essen vom Munde und der leichtsinnige Lump verjubelt's dort in dem lüderlichen Studentenney. Das mußte anders werden ! Mein Plan war rasch gesaßt : Briefe hin und her, das ist nur unnützes Gesackel,. zurück mußt' er mir und selbst wollt' ich ihn holen. Der versteinerten Liese also sag' ich, sie soll mir den Handkoffer packen, den

mem Seliger immer aus den Kirchenin spectionen mit hatte, geb' ihr die nöthi genWeisungen und mach' mich noch den selben Tag auf die-Strümpfe. Auf dem Bahnhof angekommen, schick' ich dasMädel nach Hause, sie brauchte ja nicht ge rade zu sehen, daß ich dritterKlasse fuhr, und ließ mir dann vom Condukteur ein Coupe ausmachen. Wie ich sage .dritterKlslsse",schaut er mich an,als wär ich verrückt geworden; 's war mir auch mein Lebtag noch nicht passirt,und wie ich in so ein durchrauchtes Coupe einsteigen mußte und die dicken Viehhändler sah, die nach allem Anderen dufteten, nur nicht nach Salon, da wollt' mir gar der Muth vergehen und ich wär' bei einem Haar wieder umgekehrt, aber 's wär' doch schade gewesen um das nausge schmissen Geld, und die Gesichter von der Liese und dem Reserendar und den Kindern, denen ich doch hatte sagen müs sen, daß ich auf zwei Tage verreiste nein, Courage Rosalie, sagt ich mir, hast A gesagt, mußt auch B sagen und damit saß ich drin und fort gings. Der dicke Mrtzaermeister mir zur Seite wollte gleich eine Unterhaltung mit mir anfan gen, aber sie kam nicht so recht in Fluß, denn höher, als bis zu einer Mastvieh ausstellung konnte er sich nicht ausschwin gen. Was ich da gedacht habe, auf der sechsstündigen Fahrt, war bunt genug ; was ich eigentlich wollte, wußte ich selbst nicht recht. Eben war ich in meinen Ueberlegungen zu dem Schluß gekom men, daß ich natürlich bei meinemSohne sür das eine Mal Quartier nehmen wollte, denn eine Hotelrechnung hätte die Reisekasse doch zu sehr, geschwächt, da pfiff die Locomtoive und wir kamen an. Ich sah zum Fenster hinaus, wer be schreibt meinen Schrecken : sieht da eine Rotte von Stücker sechs Corpsstudenten mit bunten Mützen und Bändern und mitten unter ihnen, an der einen Hand einen riesigen Köter, die andere im Arm eines jungen Menschen mit verbundener Nase, mein Max. Da reißt schon der Condukteur die Thuren aus: .Tübingen, ausstcigen !" wie ich mich nun aber mit meinem Handkoffer aus dem Coupe her ausarbeite, stürzt die ganze Studenten schaar auf den Zug zu. Ich seh' noch gerade, wie sie lärmend und lachend in ein Coupe erster Classe einsteigen : alles fertig" tönt der Ruf und der Zug rollt von dannen. Da hörte denn doch Verschiedenes auf! Ich, die verwittwete Kirchenräthin fahre dritter Classe, um die paar Mark zu ersparen, setze mich dem schauderhaften Qualm von einem halben Dutzend Pseifen und Cigarren stummeln aus, wo meine Nase, bei aller unserer Eingeschränktheit, denn doch noch bessere Gerüche gewohnt war, ich, die verwittwete Kirchenräthin, überwinde alle Vorurtheile, besiege meinen Stolz und unterhalte mich so gut es geht, mit einem rohen Schlächtermeister und diese nichtsnutzigen Bengel, die doch, das weiß der allgütige Gott, aus ihren Kneipen eine Luft einzuathmen pflegen, in der ein anständiger Christenmensch ersticken müßte, fahren erste Klasse, wenn'ö noch zweite wäre, aber erste, denken Sie sicherste! Na, das half aber Alles nicht; da stand ich nun und wußte nicht aus noch ein ! Zunächst gings halt nach der Wohnung meines Sohnes. Wie ich klingle, macht mir ein reizendes junges Blut die Thüre auf und fragt, zu wem ich volle, der junge Herr Studiosus wär' nicht z-j Haus, sie wich" auch gar nicht, wann er wiederkäm', aber wenn sie eine Spritze machten, da kämen sie zu allermeist erst am nächsten Morgen und dann wären sie auch den ganzen Tag nicht in der Stimmung, Besuche zu empfangen ! Na, aber ich dachte, es könnte am End' doch der liebe Herrgott ein Einsehen ha und ihn heut' srüher nachHause kommen lassen, und so sagt' ich denn, ich wär' eine entfernte Verwandte von ihm, auf der Durchreise, und hätte die Absicht ihn zu überraschen. Ich wollt' auf seinem Zimmer auf ihn warten, sie möcht' ihm also nichts davon sagen vorher. Ein we nig von der Seite hat sie mich angese hen, aber am End' hat sie mich doch 'nauf geführt. Wie wir so die Treppe in die Höhe gehen, seh' ich mir das schmucke Mädel ein wenig näher an und frag' sie auch, wie denn der junge Herr wäre. O, 's wär' ein recht guter und lieber Mensch und 's wär ganz leicht mit ihm auszukommen, nur hätt' er so eine böse Mutter zu Hause, die scheint's. nicktS Besseres zu thun wüßte, als immer er mahnende Briefe an ihn zu schreiben, und käm' so'n vierseitenlanaeS Dina. wenn er als grad' Katzenjammer hätt'. dann todte unv schimpfte er immer und dann dürst' ihm Keiner zu nahe kommen, aber eine Bitt' hätt' sie an mick. wenn ich doch mit ihm verwandt wär', und dabei wurde sie roth blS über die Ohren, ob er denn wirklich reick wär' Fas war zu viel; also dem Frauenzimnier, oem Tkuoenmaoet halt' er den Kops ver dreht, hatt' ihr wobl aar die fieiratb versprochen, und sich nickt einmal oenirt. in ihrer Gegenwart auf seine leibliche Mutter zu raisonniren. Ja, ja, 's war höchste Zeit, daß da mal vas da,wilcken suhr. Indem waren wir oben angekommen. Ein nettes Stübel hat er gehabt, mit freundlichen Fenstern, aber auLaeseben hat's drin, daß Gott erbarm ! Dalagen Pfeifen, echthandschuhe, Rappiere in wirrem Durcheinander. Ja. daS wär' auch noch eine schlimme Seite von ihm, hat die Rösel gesagt, an feinen Fecht und Rauchkram dürft' kein Frauenzim mer den Finger legen, aber sonst war Alle sauber und adrett, ja aus dem Ti sche stand sogar ein großerBlumenstrauß: Von Mir hat die Rösel gesagt und ist

dabei wieder roth geworden, wie ein ge sottener Krebs. So, da war ich denn und nun konnt's loögehen! Ich setzte mich aus einen Stuhl und träumte so vor mich hin. Ja, ja, er mußte fort aus dem Nest, fort mit mir am nächsten Tage. Wie ich so sitze und simulire, fällt' mein Auge auf sein Stehpultchen. .Muß doch mal seh'n', dacht ich, ,ob der Junge denn wirklich gar nichts arbeitet und schau' mir das Pultchen näher an. ES war verschlossen. Zu dumm. ES hätte mich doch eiaentlick interesiirt. was denn

da drm zu finden gewesen wäre. Wissen Sie. aufbrechen, ich hätt' eS ja aps. brechen können, aber daS hätt' ich nicht gelhan, nicht um Alles in der Welt, daS können Sie mir glauben. Nein sehen Sie, nur so ein wenig Probiren wollt' . ich, ob's denn auch wirklich fest verschlos sen wär', und wie ich ein bi5chen rüttle, gehl's von selbst auf. Hu, wie 's da drin aussah ! Ich hielt mir die Hand vor die Augen, das war ja schrecklich ! Ich hatte genug gesehen. Nein, nein d:'s durst' ich nicht, das war zu viel sür eine verwittwete Kirchenräthin. Ja, aber wissen mußt' ich doch, vas.es denn war, ich war doch mehr als verwittwete Kirchenräthin, ich war Mutter, als Mutter mußt' ich meinen Abscheu überwin de. Nein, wissen Sie, ich kann's Jh nen gar nicht sagen, man kann's nicht aussprechen in anständiger Gesellschaft : Photographien Waren's, Balleteusen, aber wenn sie mehr Kleider angehabt ha ben, als Adam und Eva, da sie unser Herrgott aus dem Paradies gejagt hat, soll mir die Zunge verdorren. JH schlug den Deckel zu und sank aus mei , nen Stuhl zurück. ' Oh, was muß man an seinem eigenen Fleisch und Blut erleben! So saß ich stumm da, dachte in meiner Bekümmerniß nach und schaute zum Fenster hinaus. DaS Mädchen kam und wollte die Lampe anstecken. .Lassen Sie nur V sagte ich, eS war mir lieb, daß es um mich her nicht hell war, wo eö in mir so dunkel aussah. Auf einmal hör' ich Gepolter auf der Trep pe : das mußt' er sein. Unwillkürlich dreht' ich den Kopf nach dem Fenster da geht die Thüre auf er stürzt auf mich zu und mit dem Rufe: ,Du hier, lieb Röschen, mein süßer Engels giebt mir einen stürmischen Kuß, um im nächsten Augenblick von einer schallenden Ohrfeige getroffen zurückzutaumeln. Nachdem er sich ein wenig von seinem Sckreck erbolt batte. stammelte er tn

paar Entschuldigungen, die ich kurzer . Hand abschnitt, indem ich ibm faate: . Laß'S gut sein. -Du scheinst hier nett verlumpt zu sein und da ist's ja ganz nützlich, daß wir morgen zusammen nach Hause fahren. Ion Deinen Freunden kannst Du Dich schriftlich verabschieden, das wird das Beste sein ! Ja, aber Mama wollte erm!chunterbrechen,aber ich siel ihm in's Wort: Nichts da, Deine Siebensachen werden wir heute Abend schon zusammensuchen können, Rechnun gen werden wobl nicht zu bezahlen sein, wenigstens und dabei lächelte ich iro nlsch hast Du nach Deinen Berichten Schuster. Schneider u. deral. sietS baar befriedigt, wenn nicht, fo kennen die eute vier ja meine Adresse und werden ihr Geld schon bekommen und im Uebrigen kennst Du mich! ch mache keine lange Sperenzen. Morgen fahren wir. Nach dieser Rede meinerseits sab er nun schon ein. daß eö Matthäi am Letz ten war und stumm, mit gesenktem Kopf fete er sich aus einen Stuhl mir gegenüber und ' schaute melancholisch auf die langen Kanonen hinunter, als müßt' er auch von ihnen Abschied nehmen, wie von den Genossen seines leichtsinnigen Studentenlebens. Na. ick war auü nicht mehr recht in der Stimmung Mo ralprediaien xl Ulttn und so fina ick denn von etwas Praktischem an! Ich syiafe natürlich bei Dir, Du kannst Dich Za wobl aus's Sovba leaen. für die tint

Nacht wird'S schon gehen l Mein Max wagte nicht zu widersprechen, wie ein Opfer, das man zur Schlachtbank führt, that cr Alles, was ich ihm hieß. Quer durch'S Zimmer wurde eine Schnur ge spannt, über das ich meinen Reiseshawl und eine Bettdecke hängte, so daß ich mich ungesehen entkleiden konnte. Ermüdet wie.ich war, lag ich bald in festem Schlaf. Da plötzlich es mochte gegen vier Uhr des Morgens fein, werd' ich durch einen Höllenlärm geweckt. Unter den Fenstern schien eine ganze Bande zu stehen, so johlte eö durch die Stille der Nacht : .Mach' auf. Leibsuchö, sonst schmeißen wir Dir die Fen ster ein!" hört' ich eine Stimme brül len. Auch mein Sohn war mit einem Fluche erwacht. .Um's Himmelswil len, Max,- rief ich, .laß zu, laß zu !" - Krach ! flog der erste Stein durck die Scheiben 'und lauter tönte es: .Hei liges Kanonenrohr, mach' auf oder mor gen" Da war Max am Fenster: .Was giebt's denn! Laßt einen doch schlafen!" .Ach was, Füchse haben nicht zu schla fen, so lange ihre Leibburschen noch auf den Beinen sind,Füchse haben überhaupt nicht zu schlafen. Schließ' uns 'mal die Hausthür auf, wir haben Dir vas mit gebracht. Mußt uns aber auch einen Cognac geben sür die Mühe! Na, wird's bald?" tönte eö wieder von unten. Die Haare standen mir zu Ber ge : .Um Gotteswillen, Max," rief ich, .schick' die Kerle weg. .Ich bin halbtodt vor Angst!" Max rief ein paar Worte zum Fenster hinaus. Dann brüllten und fluchten die unten durcheinander. Aus einmal hör' ich wie einer rust : .Ich Esel, ich hab ja " seinen Hausknochen!" dann drehte sich ein Schlüssel im Schloß und polternd wälzte sich der Zug die Treppe heraus ! Die Thür war verriegelt : .Leibfuchs, jetzt sperr' Dich nicht, hast wohl Einquartierung, daß Du so zimperlich bist. Mach nur auf, wir wollin ja garnicht

uorenvrmgen Wir nur ein paar schöne Ladenschilder zur Decoration Deines altenRattennesieS und vollen 'nen lütten Schutt Schnaps ttinken, von wegen weil eö draußen etwas kühle ist." So tönte es von außen zu uns hinein. Darauf suchte mein Sohn jedenfalls den Spre. cher über die Lage der Dinge aufzuklären, denn plötzlich hört ich -:m Gelächter,