Indiana Tribüne, Volume 6, Number 193, Indianapolis, Marion County, 1 April 1883 — Page 6

fr I

?er juiiste Ooelge.

ES ist eine ganz irrtpc und durch alle Littrarhistor,k:r mit Unrecht vertretene und verbreitete Ansicht, dak es nur einen jungen Gorthe in der Welt gegeben habe. Im Gegentheil, die jungcnGoethe's lau sen alle Tage zuDutzenden aus den Straßen umher und sind ganz typische Figuren in allen Fzmilienkränzch:n und Le severeinen namentlich kleinerer Städte. Sie alle aber haben das Unglück, nur junge Goethe's zu sein, während nur ein Einziger, eben jener bekannte Wolfgang Goelhe, es dazu gebracht hat, auch ein alter Goelhe zu werd:n. Auch wir in unserm kleinen oflpreußischen Städtchen, "das zwar nicht PosemuZel hieß, aber doch so hätte heißen können und in dem ich mehrere glückliche Jahre meines Lebens zugebracht habe, waren in dem behagli chen Besitz eines jungen Goethe. Er führte den ehrenwerthen Namen Egon Schlichtemeyer und sein Bater war der reichste Weinhändler nicht nur in der Stadt, sondern auch aus mindestens zehn Meilen im Umkreise. Seine Mutter war eine sehr brave Frau, die in srüheren Jahren gern in ungefaßten Hand' büchern der poetischen Nationalliteratur geblättert hatte und deshalb den ausge sprochenen Beruf zur Dichtermutter in sich spürte, noch ehe ihr das erste und lei der das einzige Kind geboren wurde. Als dieses nun zur Welt kam und sich ein Büblein herausstellte, wer es der Mutter nächste Fürsorge, dem wenig klangvollen Namen Schlichtemeyer we nigstens durch einen recht pottischen Vor namen aufzuhelfen, da sie sehr wohl wußte, daß man bei berühmten Dichtern stets beide Namen zusammen zu nennen pflegt. Sie taufte ihren Sohn daher Egon, trotz des vaterlichen Einspruchs, der seinen Erstgebornen gern, nach dem G:oßvater. Anton benamset hätte, Hatte die liebe Mutter in den ersten Monaten von Egons irdischer Lausbahn noch einige Zmeifel hegen können, ob ihre ins geheim genährten Wünsche einer glücklichen Erfüllung zureifen n ürden, so wurden diese Zweifel bereits nach einem Jahre glänzend zerstreut. Um diesen Zeitpunkt nämlich schwang sich der kleine Egon zu den ersten artikulirten Lauten auf, und wer beschreibt das Erstaunen und die Freude der MuH:?, als sie die noch ungeübten Lippen des Kleinen den ersten Reim finden hörte, als sie deutlich vernahm, wie ihr Egon die beiden kurz:n Verszeilen : .Da, da, Mama", lispelte. Sobald sie durch diese Thatsache die be seligende Gewißheit erhalten hatte, daß ihr Sohn zum Dichter berufen, zweisel' te sie auch nicht länger, das ein kleiner Goethe-in ihm steckte. Sie war in den nächsten Jahren nun'nicht allein bedacht, ihrem Egon eine möglichst sorgfältige, auf idealen Prinzipien beruhende Erziehung zu Theil werden zu lassen, son dern sie suchte auch sich selbst alle einer Dichlermutter gebührenden Eigenschaften anzueignen. Sie hatte oft gelesen, wie wichtig der Einfluß der Mutter auf die bedeutendstenDichter eingewirkt habe, und wie vor Allen der junge Goethe für seine Mutter, die Frau Nathsein Leben lang so innig geschwärmt hatte. Auch ihr 'junger Goethe sollte vereinst mit Ehren vzr seiner Mutter schwärmen können, aber sie durste dann nicht blos Frau Schlichtemcyer heißen, das klang doch gar zu prosaisch. So war es denn beschlossene Sache bei ihr, auch eine Frau Rath zu werden. Ihren lebhaften und unablässig' Bemühungen gelang es denn auch schließlich, den Ehrgeiz des wackeren Herrn Schlichtemeyer so weit aufzustacheln, daß derselbe sich eines schö nen Tages um die sreigewordene Stelle eines unbeoldeten Stadtraths bewarb. Da Herr Schlichtemeyer ein durchaus ehrenwerlhcr Mnn war und seine Weine von allen besoldeten Magistratsmitglie . dern mit Vorliebe getrunken wurden, so stand seiner Wahl nichts im Wege und Frau Schlichtemeyer hatte nun auch be gründete Ansprüche auf . den Ehrentitel einer Frau Natb. Um diese Zeit war Egon fünfzehn Jahre alt geworden. Als bravrs ttind war er zur Freude seiner Eltern kerangewachsen, hatte nie üder die Schnur gehauen und sich als gefügiges Väumchen stets am Bande gefügt, mildem msn ihn an einem geraden Stückchen sich emporranken lieb. Auch in Bezug auf seinen Beruf als Dichter hatte er stets den besten Willen gezeigt, dem Wunsche seiner Mutter so viel als möglieh gerecht zu werden. Er schmiedete seinen Vers wie der bist: Gelegenheitdichter und schon mit dreizehn Jahren verstand er es, ganz lorrelte lateinische Hcxzmeter zu sabriciren. An seinem sünfzehntenGeburtstage mächte ihn seine Mutter darauf aufmertsüm. dak es nun die höchste Zeit sei, eine größere Arbeit zu beginnen, eme Tragödie etwa, die spä ter, als verloren gegangeneSJugendwerk, in seine gesammelten Schuften natürlich nicht aufgenommen zu werden brauchte. Als gehorsamer Sohn machte sich Egon sofort an's We k und v:rfaße, wie Das jeder Dramatiker von Beruf thut, in weniger a!s.sechs Wochen eine Iambentragöoie Barbarossa. Diese Trauer' spiel, das man, abgesrhen von tfoti Bänochen lyrischer Gedichte, in der That als das Erstlingswerk des jungen Dichters betrachten dulsle. wurde im Schlichtemkyer'schen Hause in einer größeren, eigens dazu geladenen Abendgesellschaft von dem Verfasser selbst vorgelesen und wenige Tage darauf wußte daö ganze Städtchen, welch' Genie in seinen Mauern weile. Egon'S Lehrer, die j?ner G.sellschast auch beigewohnt und dabei den vortrefflichen Weinen deS alten Schlichtem'yer tüchtig zugesprochen hat ten, begannen ihrem Zözling, den sie auch schon vorher mit Äusmerksamkeit und Sorgfalt behandelt hatten, nunmehr mit wahrer Hochachtung entgegenzuommen, damit nicht etwa ein späterer Literarhistoriker den Fluch der Nachwelt auf die unwürdigen Lehrer eines großen föe nies herabbeschwören könne. So begann Egon Schlichtemeyer ein berühmter Mann zu werden. Aus das Drängen der Mutter entschloß sich der alte Schlichtemeyrr für ein paar Tausend Mark die beiden Bändchen lyrischer &t Richte seines Sohnes drucken und schön in Goldschnitt binden zu lassen, und so hatte die Frau Nach denn endlich die erste Stoffel der L'itec zur Unsterblichkeit ihres Sohnes erstiegen : ihr Egon war

bereits ein .gedruckter Dichter". Aber dabei dinfte es nicht sein Bewenden haben. Egon selbst hatte nach glücklicher Vollendung des .Barbarossa" erkannt, das; er nicht zum Lyriker, sondern zum Dramatiker geboren sei. Die bekanntesten Stoffe wütheten ihn wie neue an was ja bei berufenen Dramatikern oft vorkommen fall und er konnte kaum die Zeit erwarten, bis er sein zweites Trauerspiel, .Konradin, der letzte der Hohen staufen" beendet hatte. Beschkiden, wie Egon war, hatte er bisher wirklich noch nicht daran gedacht, daß eines seiner Stücke jemals das Licht der Lampen erblicken würde, er hatte sich mit dem beseligenden Gefühle begnügt, welches die Vollendung eines selbstgeschasfenen Kunstwerkes jedem Jdeal'ften gewährt. In kurzen Zwischenräumen ertönten in den beiden einzigen Lokalblättchen un seres Städtchens erregte Stimmen aus dem Publikum, welche dem Direktor des städtischen Theaters in unverblümten Worten den Vorwurf machten, daß er der Prooultion der Gegenwart die Pforten seiner Bühne eigensinnig derschließe und daß er ejanj überflüssiger Weise in die Ferne schweife, wo das Gute doch so überaus nahe liege. Diese Einsendungen, in welchen in nicht mißzuverstehender Weise auf die drama tische Produktion des jungen Egon Schlichtemeyer hingewiesen wurde, mach ten zuerst auf den Direktor des The aters keinen Eindruck, da derselbe eine heilige Scheu vor kostspieligen Novitäten und besonders vor Tragödien hegte. Troi) der planmäßigen und unermüdlichen Agitation, die nunmehr von der .Frau Nath- und all' ihren Anverwandten in Scene gesetzt wurde, leistete der hartnäckige Thcaterdirektor zwei Winter hindurch erfolgreichen Widerstand. End lich mußte er nachgeben, weil er selbst etwas von den städtischen Kollegien, in denen die Schlichtemcyer's einen tiefgehenden Einfluß gewonnen hatten, zu erreichen hoffte. Er acceptirte die ungefährlichste der beiden Tragödien, den .Barbarossa", und Egon der inzwischen die Universiiüt bezogen hatte, wurde von der Mutter sofort zu rückoerufen, um die Vorbereitungen und die Jnscenirung zu überwachen. .Die Frau Rath" stand am Ziele ihrer Wün sche, ihr Sohn sollte in Valde nicht nur ein gedruckter, sondern auch ein aufge sührter Dichter werden. Im Haufe der Schlichtemeyers herrschte eine sieberhaste Ausregung. Der Direk' tor des Theaters, der sich in das Unvermeidliche allmälig mit Würde gefügt hatte, war Haussreund bei Schlichtemey ers geworden und auch das Völkchen der Künstler, die sür die Familie des ehrsa' men Weinhändlers'jktzt wichtigePersonen waren, verkehrten dort als gerne gesehe ne Gäste. Egon fühlte sich wie in einer neuen Welt. Er war der Dichter, er warder gefeierte Mittelpunkt dieses ganzen Kreises von liebelswürdigen und braven Menschen, die ihn alle mit tiefem pfundenenLobfprücken überschütteten und mit den edlen Weinen des Vaters kräftig anstießen auf des Sohne? glän zende Zukunft als Dichter. Was Wunder, daß Eaon, der es seit achtzehn

Jahren von der Mutter, tn allen Tonarten gehört hatte, welch ein genialer Mensch er sei,allmälig wirklich die Ueber zeugung faßte, das er kein Dummkopf wäre. Aus den Prolen, die er natürlich sämmtlich mitmachte, begann er jetzt sei - nenffopf mildem wallenden Dichlerhaar höher zu tragen und stellte sogar einige selbstfländige Anforderungen an die Schauspieler, mit denen er aber auf den trockenen Proben wenig Glück hatte. Der erste Held namentlich, der den Kaiser Friedrich spielen. sollte, war ein starrköpfizer Bursche. Noch aus der vorletzten Probe kannte er zur größten Verzwnf lung Egons kaum ein Wort seiner Nolle und einige Theaterarbeiter wollten sogar gehört baden, wie er in der letztün Eou lisse düster murmelnd die freventliche Aeußerung gethan, daß er sür zwei Auf führungen, die solch ein Schmarren ja doch nur erlebe, auch keine Silbe zu ter nen gedenk?. Davon erfuhr Egon nun freilich nichts, eben so wenig wie von der stillen aber energischen Thätigkeit seine Mutter in d.eserZcit zu entfalten wußte. Auf ihren Antrieb hatte der alte Schlich leinener eine kleine Konferenz mit dem Theaterdirektor gehabt, welche zur großen Besriedigung lcs letzteren erschlossen und nach welcher die .Frau Rath" plötzlich mit ungeahnter Freigebigkeit ungezählte Pzrquelbillets zuderbeviitstehendenPremiere unter die ausgebreitete Verwand schast und Anhängerjchast zu vertheilen begann, während in den Kreisen der Dicnstmänner ein kolossales Angebot von Gallerieplätzen die Preise in erschreck licher Weise herabdrückte. So nahte der Abend der ersten Auffähruna heran. Das Haus war dicht besetzt und auf allen Plätzen sah min Bekannte der Schlich emey:r mit gespanntenG:sich!ern; der Dichter selbst hatte in einer Lage dicht an ?) Bühne Platz genommen, hier ruhten in einer Ecke zwei große Lorbeer kränze und hier nahm die überglückliche Frau Rath- die Gratulationen der intimeren Freunde des Hauses entgegen. Alles war Freude uns Wohlbehagen, nur der alte Schlichtemeyer konnte sich in seine ehrenvolle Stellung als Dichter vater noch nicht mit der gebührenden Würde fügen und brachte einen kleinen Mißton in die fröhlich: Stimmung. Sein Bruder, ein jovialer Junggeselle, gratulirte ihm zu seinem talentvollen Sohne und fügte scherzend hinzu : Du wirst nun ein reicher Mann, Schlichte mly:r. Du könntest mir eigentlich die Hälfte der .Tantiemen von dem Stücke Deines Sohnes schenken." Der alte Schlichtemeyer rückte unruhig auf seinem Fauteuil hin und her und sagte achsel zuckend : Du sollst sie haben, Bruder, wenn Du mir die Hälste der Kosten be zahlst.- Ein vernichtender Blick der Gattin belehrte ihn sofort von der un passenden Verwe,flichkeit seiner Aeußer ung; er sprach fortan kein Wort mehr und lächelte nur zuweilen süß'sauer.wenn das stürmische Klatschen an sein Ohr tönte. DaS Stück hatte begonnen und fand riesigen Beifall, der sich bis zum Schluß fort und fort steigerte. Als schließlich .Kaiser Rothbart lobesar die propdetischen Worte gesprochen hatte, daß Deutschland einst groß und einig sein würde man schrieb gerade die Iah

reszahl 1872 da wollte der Jubel der überraschten Zuhörer gar kein En de nehmen und Egon Schlichtemeyer mußle vor der Nampe erscheinen, um als Dichter den Dank des Publikums und die zwei Lordeerkcänze der Mutter in Empfang zu nehmen. Es war doch ein erhebenderMoment für den alten Schlich temeyer, als er seinen Namen so von al ler Lippen erklingen hörte, und als sein Egon einige Minuten später in die Loge der Eltern trat, da umarmte erden thcu ren Sohn in inniger Rührung und küßte ihn auf beide Wangen. Abends war großes Souper im ersten Hotel deö Städtchens, wozu der Tbeater direktor, sämmtliche mitwirkendeKünpler, die sonstigen Freunde deö Hauses und auch die beiden Kritiker der beiden Localblättchen geladen waren, vondenen jedoch der Eine, sehr kurz hatte absagen lassen. Es ginq hoch her bei diesem Souper; das (5ss:n war vorzüglich und der alte Schlichtemeyer hatte zu dem Ehrentage seines SobneS die besten Marken aus seinem Heller herbeigeschafft. Reden wurden gehalten über Alles und Jedes, Toaste wurden ausgebracht auf den jungen Dichter, auf die Nationalliteratur, aus die Frau Rath-, auf den Vater und die übrigen Verwandten des jungen, neu erstandenen Genies. Ein redegewandter Eharalterspieler faßt schließlich die Mei nungen aller zusammen, indem er den jungenSchlichtemeyer wirklich und wahrhastig mit dem jungen Goethe verglich und seine Rede mit den inhaltreichen Worten schloß: Unser Schlichtemeyer soll leben, damit wir stolz dereinst in alle Welt es rufen dürfen : Denn er war unser!" Diese treffende und geistvolle An spräche versetzte den alten Schlichtemeyer in eine solche Ekstase, daß er stehenden Fußes die ganz? Gesellschaft, wie sie da versammelt war, gleich noch einmal cus den morgenden Abend zu einer großen Soiree in seinem Hause einlud. Selbst verständlich wurde diese Einladung mit Akklamation angenommen. Am solgenden Abend war im Hause der Schlichtemeyer Alles in festlichster Stimmung, nur Egon ging nachsinnend umher und wartete auf die Kritiken über sein Stück. Offen gestand er das natürlich nicht ein, denn er sah, wie alle schöpferischen und bahnbrechenden Ge nien, mit souveräner Verachtung auf die Kritik herab, aber innerlich war er doch sehr aespa' nk, was die gedruckte ösfent-

tiche Meinung zu seinem Stücke sagen würde. Endlich begann es zu dunkeln, die Gastzimmer wurden hell erleuchtet und mit den ersten Gästen erschienen auch die Blätter. Als allererster Gast stellte sich der eine Krittler ein, der sein Blättchen noch druckseucht selbst überreichte. Die Kritik, die ein Lobeshym nus aus das neuerstandene Genie war, wurde sofort laut vorgelesen und der Kritiker erhielt bei der Tafel den Ehrenplatz neben der Frau Rath". W; eine Bombe siel jedoch in diese gehobene Stimmung die Nummer der größeren Zeitung.des Ortes, welche die Tragödie Egon's als unreife, talentlose Anfängerarbeit verurtheilte und dem Versass den wohlaemeinten Rath gab, lieber in das Geschäft seines Vaters zu treten, als noch länger aus Iamben und anderen Versfüßen mühsam meiterzuhinken. Der Mutter stiegen die Thränen in ie Augen, der Vater machte ein bedenklich mißver gnügtes Gesicht und Egon selbst lachte kurz und höhnisch auf, biß aber doch ar gerltch die Zähne zusammen. Es drohte schwül zu werden in der zahlreichen Ge scllschast, doch sand auch jctzt wieder der redegewandte Charakterspieler das erlö sende und bcsreiende Wort. Er ergriff sein las, erhob sich und sprach : Las sen Sie sich nicht beirren, mein werther junger Freund, durch das gehässige Ge kläff eines talentlosen Kritikasters, dem die Nachwelt das Brandmal der Lächerlichkcit auf die feile Stirn drücken wird, wenn das kommende Jahrhundert der kommenden Generation Egon Schlichte-mcy.-r im Urtheile seiner Zeitgencssenzeigen wird. Die verständige und ein sichtsvolle Kritik haben Sie auch heut? schon auf Ihrer Seite, lassen Sie sich daher nicht hemmen und stören, sondern schreiten Sie rüstig fort aus dem Wege zur Unsterblichkeit !" Brausender Ju bei folgte den Worten des Redners, Egon lächelte geschmeichelt, Frau Aath trocknete ihre Thränen und Papa Schlich!emcy:r gab dem Diener den leisen Auftrag, noch einen Korb Eham pagner au3 dcmKeller heraufzuholen. In ungetrübter Heiterkeit ging der Abend zu Ende und einige Tage darauf reisteEgon nach dec UnioersUäl zurück, um zu neuen dichterischen Thaten zu rüsten. Auch ich verlikß bald daraus das Städtchen für immer und habe seitdem nie wieoer et was von Egon Schlichtemeyer gehört. Daß auch aus diesem jungen Goethe ein aller Goethe geworden ist oder dereinst noch werden w:rd, glaube ich daher nicht mlt Unrecht bezweifeln zu dürsen. Max Schoenau. Eine drolligkomplizirte Straßensc?ne berichten Wiener Blätter. Die Verwickelung begann damit, daß in der Taborstraße eine Magd einen Hund im Spiel zum Fenster hinausstieß. Der Hund siel auf den Ezako eines eben vorübergebenden Jnsanteristen, wodurch dem Marösohne die Kopsbedeckung so tief übel's Gesicht gedrückt wurde, daß von diesem nur das Kinn zu sehen war. Der Hund war schon längst mit heilen Knochen wieder in die Wohnung seines Herrn hinausgeeilt, als Kopf und Antlitz des VaterlandsvertheidigerS durch einen gutherzigen Passanten vom Ezako endlich befreit wurden, worauf der Soldat seinem humanen Helfer, zunächst eine Ohrfeige opplizirte. K verdammtes, warum hast mir Ezako aufgetrie ben?- Der freundliche Paffant war natürlich ob solchen Dankes für seine Mühe ganz perplex. Der Soldat aber, als er von der mittlerweile angesammel ten Menschenmenge belehrt wurde, daß nicht der Paffant, sondern ein herabge stürtu Hund ihm den Czako in's Ge sicht gedrückt habe, verlor auch jetzt nicht seine Schlagfertigkeit, indem er dem mit so üblem Danke belohnten Manne zu rief : .Wann haben'S Hunde! fallen fe hen auf kaiserliche Czako, warum ha den's nit liebe Handel auffingte mit 5)änd'." Wandte sich um und ging polz seiner Wege.

Gorilla üver vie Descenvenzleyre.

Auöji'.g auZ tVitm .in der öffenll chen Affen-Versammlung gehaltenen Lottrig. Meine verehrten Freunde ! Nicht etwa, um bloß nachzuäffen, er greife ich das Wort in dieser mir per sönlich besonders afflösen Frage. Wie von den Zmeihändern. so ist sie auch von uns ost genug in Erwägung gezogen worden, ohne daß es aucb uns gelungen ist, zueinem dcsinitiven Resultate zu gelangen. Die Frage ist eine offene geblieben und wird dies wohl auch vor lSusig bleiben. Wenn sie aber von den Zmeihändern besprochen wird, dann ge schieht das I.ienals ohne Affco.1t sür uns, (hört ! Hört !) und daher sehe ich mich nttleris volen3 gezwungen, von Zeit zu Zeit mich wieder mit diesem Ge genstande zu beschäftigen. Denn nicht ernst und nicht häusig gk' nug können wir gegen die Annahme pro testiren, daß die Menschen von uns ab stammen! (Lebhafter Beifall.) Durch diese Annahme wäre zugegeben, daß wir uns nichr eben zu unserm Vortheil ver ändert hätten. (Erneuerter Beifall.) Wer die Menschen kennt, wird dies be stätigen. (Ein Schimpanse: Sehr richtig !) wir aber haben keine Lust, als Ur menschen zu gelten, so lange wlr uns der Ueberzeugung nicht zu verschließen vermögen, daß unsere Nachkommen nach so vielen Seiten hin aus der Art geschlagen sind. (Bravo !) Weshalb ich persönlich keinen der Uq seren an den Menschen gesrelsen habe, das will ich in kurzen Worten darthun, um gleichzeitig zu zeigen, daß ich nicht etwa durch gekränkte Eitelkeit zu meem Protest geführt werde. Die Menschen sind mir eben nicht sympathisch, weil sie die Pietät nicht kennen, das ist Alles. Sie lachen über uns, über uns, die ste doch für ihre Vorfahren halten. (Nufe : Pfui!) Goethe spricht mit Mißachtung von uns, indem er an irgend einerStelle sagt : Bewunderung von Kindern und Aff.n," und den Ersteren, wird heute noch eine Strophe eingepaukt, welche lautet: Der Affe gar possirlich ist. Zumal, wenn er vom Apfel frißt:" (Unruhe.) Weshalb wir besonders possirlich sind, wenn wir uns dem Apfelqenuß hingeben, daß weiß ich nicht. Ich kann mir richt denken, daß Adam possirlich ausgesehen hat, als er .vom Apsel oß ich will das häßliche Fremdwort freffen" hinunterschlucken, und dann sind wir doch ebensowenig gar possirlich". Ferner nennen sie ihre Vetrunkenheit kurzweg Affe. (Ein Pavian : Lächerlich!) Ja, das ist daö richtige Wort. D-nn wer hätte schon einen be trunkenen Affen gesehen? Würde einer von uns auf einen grünen Zweig kommen, w?nn er betrunken wäre? Der Affe, der betrunken wäre, siele wahrlich nicht weit vom Stamme ! ('Sehr wahr! Beifall.) So viel über meinen Standpunkt gegenüber den Menschen, welche von uns abzustammen behaupten und doch ihre Urväter pielälslos beschimpfen. (Sehr gut!) Aber ich könnte mich mit äffen mäßiger Geschwindigkeit darüber hin wegschwingen. wenn ich in den Menschen heute noch eine Spur von unserem .in ersten Wesen entdeckte. Denn an dem Äusrechtgehen und an der quantitativen Differenz des Gehirns liegt es doch wahrlich nicht. (Zustimmung.) Es giebt Gorillas, sagt Virchow sehr richtig, bei denen der Schädelinhalt beinahe 600 Cubikcentimeter erreicht, (ftörj! Hört !)1 Der Charakter entscheldet. (Rauschender Beifall.) Meine verehrten Freunde, man spricht von Menschenliebe und von Menfchenhaß, aber nur von Affenliebe. Es giebt keinen Affcnhaß. (Sehr gut!) Der Haß ist eine Charaltereigenthümlichkeit der Menschen. Die Menschen lieben den Hah. (Gelächter.) Sehen Sie sich die Menschen an, wie sie sich betrügen und belügen, wie sie sich vor Eitelkeit und Eigennutz verzehren, wie sie ihren ganzen Witz auf die Eksiichung von Mordinstrumenten lenken ! So tief es mich schmerzt, daß die Menschen in ihren zoologischen Gärten, und ähnlichen In stituten Kerker, angefüllt mit den lieben Unserigen, unterhalten, fo ist eS mir doch auch lieb, daß sie damit ein Bild der Eintracht, welch: unter denAffcn herrscht, vor sich haben, ein sie bcschämendesBild, denn da finden sie keine Spur von Haß und Verfolgung, sondern nur harmloses zärtliches Beisammensein, häufig sogar ein allzu zärtliches. (Heiterkeit.) Ich will letzteres nicht billigen. (Oho! Un ruhe) aber gerne will ich es gelten lassen, denn mir scheint ein Zuviel erfreulich, wo das Zuwenig unter den Menschen schon Verfolgung und Jeindschast bedeutet. Aber, meine verehrten Brüder, wenn die persönlichen Beziehungen der Men schen zu einander derartige sind, daß sie in keinem Punkte die Berechtigung ha ben, von uns abstammen zu wollen, so spricht gegen dieselbe ihr übriges Gebah ren nur noch lauter und deutlicher. Ich bin ein alterAff?, aber noch ist mir weder ein Pavian, noch ein Gibbon weder ein Orang-Utang, noch ein Makak vorge kommen, der sich mit allen Vieren gegen die Freiheit gesträubt hätte. (Rauschen der Beifall ) Ich will Ihnen nicht wün schen, jemals unter die Menschen zu ge rathen, aber wenn dies geschähe, so wür den Sie mit Schrecken wahrnehmen, wie diese sogenannten Herren der Schö pfung heute bei dem bloßen Schall der Worte .Freih:it und Fortschritt" in Bestürzung gerathen. (Sensation.) Und diese Herren wollen von uns abstammen? Es ist geradezu keck, aufdringlich, empö rend, eine Menschenschande ! (Langan haltender Beifall. Mehrere Affen eilen fort, fangen Salamander und reiben ste zu Ehren des geehrten Redners.) Doktor-WeiSbeit. Na, wie geht'S mit dem Husten, ha ben meine Tropfen gewirkt?- Mit'n Husten geht's mir schon gut, aber die Tropfen nehm' i' nimma ; mir hat die Nachbarin einen Thee angerathen, und der hat mich ganz hergestellt.- Waffen Sie seh'n..... das ist ja Kramperlthe Unsinn ! Den hätt' ich Ihnen auch verschreiben können, wenn S' mir g'sagt hätten, daß er Ihnen hilft

Galerie berüymter Thore oer, , Naturwlsse schaft, entworfen sin Verein der Antigelehrten.

Archimedes aus SyrakuS. Hatte die sixz Idee, die Bestimmung des specifischen Gewichts und das Hebelgesetz ent deckt zu haben, und wurde dieserhalb vermuthlich im dritten Jahrhundert vor Christi Geburt wegen groben U.lsugS gebührend bestrast. Galilei. Besas; schon in seiner Ja gend einen sch:vach?n Kopf, vertrottelte späterhin immer mehr und verkam mit der Zeit derart, deß er sich schließlich gänzlich mit Pendelberoegungen beschäf ligte und Jupitermonde entdeckte. Torricelli. - Ein beschaftigungSlofer Querkopf, stellte den ersten Barometer her und bewies dadurch das alte Sprich, wort : Müßiggang ist aller physikalischen Constructionen Anfang. Kepler. Stellte die nach ihm benann ten Planetengkfetz: aus, wie man an nimmt in einem Moment, als er von feinem Wärter ohne Aussicht geloffen war. Otto von Guericke. Eine alte Zi geunersrau prophezeite ihm einst, er würde in seinem Leben zwei coloffalc Dummheiten begehen. In der That baute er bald darauf die erste Lustpumpe und die erste Elektrisirmaschine. Olaf Römer. Hatte den curiosen Einfall, die Fortpflanzunqsgeschwindigkeit des Lichtcö zu bestimmen und wurde in Folge desien zum Ehrenmit glied des Vereins speculativer Crelins ernannt. Jsaak Newton. Zog sich durch un ordentlichen Lebenswandel eine Gehirn erweichung zu, welche mit der Ausstellung des Gravitationsgesktzss und der prismatlschen Zerlegung des Liäztstrahls endete. dAlembert. Erwies sich als voll kommen unfähig zur Erlernung irgend eines bürgerlichen oder militärischen Be ruses, so baß ihm Nichts übrig blieb, a'.s die analytische Mechanik durch etliche Futtdamentalsätze zu vervollkommnen. F anklin. Hatte den sonderbaren Ehrgeiz, eine der komischsten Figuren der Weltgeschichte werden zu wollenund erfand, um zu diesem Ziel zu gelangen, den Blitzableiter. , Montgo:sier. Erbaute, wahrscheinlich als Antwort auf die humortslljchzPreis srage einer Carnevalsgesellschast, den ersten Luftballon. Galvani. Soll angeblich din Gal vaniZmus entdeckt haben. Mit großer'em Recht dürfte ihm die Eisindung der Pappnasen zugeschrieben werden. (Kann fortgefetzt werden.) Künstlerische Niitexhandlungen. Agent: Könnte ich das werth? Schwein mal sehen? Dircctor: Der Künstler schläft noch, und ich darf ihn nicht stören, bevor ich ihn grunzen höre. Die gestrige Vorstellung hat ihn angegriffen, er mußte etliche Nummern wiederholen. Der Wärter meldete, der Künstler habe ganz kalte Füße. Agent: Wir nennen dies Eisbeine, die wir mit Sauerkohl als eine Delica tcffe genießen. Dircctor : Sie scheinen den Künstler unter die gewöhnlichen Schweine zu rangircn. Ich habe dies bereits ungern bemerkt, als Sie ihn Schwein nannten. Wenn Sie nicht Lust haben, ihn Künstler das ist er ! zu nennen, so sagen Sie wenigstens Lus. So heißt das Thier lateinisch. Agent: Wann also wäre unser S113 zu einem Gastspiel zu haben ? irector: Er ist sehr begehrt, man reißt sich förmlich um ihn. So hat er denn eine lange Tourroe vor sich, aber ich denke, daß er in Herbst auf einige Abende frei ist. Agent: Wenn ich also im October das Schwein haben könnte Dircctor: Sie sprechen schon wieder das häßliche Wort aus. Agent: Ich bitte um Vergebung, Schweln heißt bei uns Glück, und man trägt deßhatb das Thier in' kostbarem Metall als Berloque. Dircctor: Ein philosophisches Volk, das deutsche! Also im October wird der Bo-stenkünstler zu Ihrer Versügung sein. 5)ier seine Photographie, sie stellt ihn aus den Hinterbeinen nachdenkend vor. Ich höre ihn grunzen, entschuldi gen Sie mich gefälligst. Agent.: Adieu also, empfehlen Sie mich dem Künstler, und ich wünsche ihm eine trichinenfrcie Zukunft. D er Gartn e r-V o gek. Der fabelhafte Vogel auf Neuguinea, von deffen Treiben schon viele Reisende be richteten, ist neuerdings von dem Jtalie ner Boccari . beobachtet worden. Der Vogel hat ein ausgesprochenes Talent zur Gärtnerei und müssen seine Leistungen auf diescmGebiUe als zu dcmAußir orentllchstm gehörig bezeichnet werden, was von ArbeitsThieren- bis jetzt bk kannt geworden ist. Die Eingebornen nennen den Vogel TutzanKoban-, das heißt Gärtner-Vogel, und Boccari be richtet Folgendes, über seine Thätigkeit : Der Tutzan Koban, der sehr selten ist, sucht sich im Urwald eine Lichtung aus, in deren Mitte sich ein kleines Gestrüpp befindet. Daffelbe dient ihm zumMittel punkt seiner Kolonie. Rings um das Gestrüpp legt er kleine, rundliche bie nenkorbjörmige Hütten, welche ihm zum Nisten dienen, an, die eine Ocffnung haben, durch welche er bequem aus und eingehen kann. Wie die Schwalbe zum Baue ihres Nestes, so tragtauch er Erde herbei, aber er breitet dieselbe vor seiner Hütte aus und reinigt sie sorgfältig von Steinen, so daß die Erde sich bald mit grünem Rasen bedeckt. In die sem Nasen legt er die Samenkörner der Garcinia und jene des rosigen Vacciniuiii. Die heranwachsenden Pflanzen erneuert er, so oft sie abblühen. Der Reisende gelangt nur selten dazu, eine solche merkwürdige Kolonie im Wald zu beobachten ; aber an der Wahrheit der obigen Angaben kann nicht gezweifelt werden. Vor einiger Zeit hatte man auf NeuGuinea zwei junge Gärtner-Vögel emgefangen und nach Frankreich an den Tardin d'Accliraatisation gesendet;, dieselben starben leider während des Transports.

Alte Achtundvierziger

Ein WikNkr Straß:nblld ak ter Llärzmoche 1SS3 von Friedrich Lch özie. Sie hatten sich wieder einmal eingefunden. Fast vollzählig kamen sie und stellten sich auf die gemeinsamen Sammelplähe. Sie fclgten keinem nament liehen Ausruf, keiner allgemeinen Ver abredung in spontaner Herzer.sregung trieb es sie nach den Orten, wo man sich selbstverständlich treffen mußte, wo man sich nach Jahren wieder sah und sich stumm begrüßte und bewegt die Hände reichte. Ohne Kommando erschienen sie, aber trotzdem pünktlich und gewiffenhast: Sonntags aus dem Schmelzer Fnedhofe vor dem Grabe der larzopter, und Montags am Sarge Füster's. Ein sehenswerther Anblick diele E'vilvetera nen, die letzten lebenden Ukberbleibsel aus der glorretchenSturm undDrang Periode!" Schon früh Morgens konnte man am ersten Fest und Trauertage markante Gestalten bemerken, die uns das Jahr über gar nicht auffallig und die erst da wieder Beveutuna bekamen, durch die Bedeutung des Tages. Meist grau haarig, eilten oder trippelten und hum pelten sie vorwärts. Alle nach einem und demselben Ziele. Ein herber, eiskalter Orkan strich über den weiten Plan, aber die Unbill des Wetters hinderte sie nicht. oen harten Marsch zu machen, aus fernen Vorstädten von den entlegensten Punkten. Manchem siel's sichtbar schwer und schier mrt Mühsal und Anstrengung schleppte er sich sort, aber dabei sein mußte er. und so achtete er nicht der bru talen Witterungs-Launen, die sich ihm entgegenstellten, und daß es ihm bei jedem Schritt den Athem verlegte. War man einmal draußen, so vergaß man gleich die Strapazen und stand mit er hobener Bast vor dem imposantenDcnk' male. Ein beredtes Bild! Wortlos die Menge, doch ie Ehrfurcht spricht cs 'aus ihren Mienen. Die Zeugen jenes Tagcs entblößten das Haupt, sie falten die Hände, ihre Lippen bewegen sich und sie lispeln ein kurzes Gebet. Feuchten Auges nehmen sie dann Abschied und kehren heim zu den Ihren und erzählen den Söhnen und Enkeln von jenen großenlHeschehniffen, wie das arg verlästerte Wien sür ganz Deutschland das Zeichen zur Erhebung gab. welche Männer mit zweifelloser Todesverachtung die hehrsten Menschenrechle uns eroberten und mit welchem Heldenmuthe die wackere Jugend Allen voranstürmte ! Die Goldjungen"! Am nächsten Tage umstanden ihre Erben einen todten Mann, der einst das lebendigste Sym bol begeisterter Freiheitsliebe war! Wer da aus den Stuscn der Karlskirche Heer schau hielt über die tausendköpsige Schaar edelster ffortschrittskämpfer, und sah. wie ste mit flammenden Blicken und gerö'thetcn Wangen den empfundenen Worten lauschten, die ein treugeblubener und bewährter Streiter von .damal at$ mit vor Erregung zitternder Stimme sprach, der konnte den Glauben an die Zukunft nicht verlieren und athmete völlig erleichtert aus. Noch gibt es eine Jugend," sagten sich die Greise, die der Todtenfeier beiwohnten, .ste wird das von uns Errungene bewahren!" Ver nahmst Du, den sie unter Lorbeer- und Jmmortellenkränzen begruben, diesen Trostesspruch? Blumen gab man Dir mit aus die trübselige Fahrt, bleiche Schneeglöckchen und duslige Märzveil chen als Scheidegrüße und zugleich als Lenzboten, als Erstlinge des erwachenden neuen Lebens ! Gerührt sahen di? Alten dem Wagen nach, der fo reich mit Blumenspenden behängen, gerührt und erschüttert, und sie murmelten so etwas vor sich hm, das klang wie eine bittere Klage : Wieder Einer ! Bald sind's ihrer Alle!" Dann lrennte man sich und sagte sich ein ernstgemeintes Lebewohl, sür lange Zeit, vielleicht zum letzten Mal und sür immer. Gerührt und erschüttert, aber nicht in unmännl ch?s Schluchzen ausgelöst. Manche dlicklen sogar stolz und erlab ten sich an ihren Erinnerungen. Waren sie doch stets dabei, wo Gefahr drohte und wo es heiß herging ! Der unterschrieb schon am 6. März die Arthaber' sche Bürger Petition, Jencr tat Schriftsteller-, Dieser die. Studente7..Aörksse. Ter Eine war am 1. März in der Her rengasse, als die erste Todessalre krachte. der Andere hob einen Redner auf die Schullcr, der das System und seinen Repräsentanten stürzte. Uebcrall gab's zu thun und man legte Hand an in selbstloser, aufopfernder Hingebung. Welch' eine Zeit! Welch' Frühjahr, welch' Sommer, welch' fürchterlicher Herbst und schließlich welch' ein entsetz licher Winter! Ging's doch Einigen nachmals auch recht schlecht und ver seufzten sie die Jahre in dumpfen Kse matten oder auf ruheloser Flucht, unab käisig verfolgt und wie ein Wild gehetzt von der blutgierigen Meute der Spione und Angeber! Müde und gebrochen kehrten sie später in die Heimalh zurück, nichts mit sich bringend, als die alte Liede im Öerzen, die Liebe zur Sache", die sie einst hieß, wenn'Z sein sollte, auch in den Tod zu gehen. - Die alten Achtundvierziger! Sind's doch ohnehin ihrer nicht mehr allzu Viele! Längst deckt die Meisten die Ec de; hier und dort, in weiter Ferne scharrte mau sie ein, fremd unter Frem den schloffen sie ihre Augen, aber gewiß noch einmal des Tages gedenkend, an dem die Menschenwürde ihre Auserste hung fand. Das Häuflein, das sich noch erhielt und seinen Schwüren treu blieb, das schlüpft jedoch bei solchen An lösten aus seinem Kämmerlein hervor und steigt hinab auf die Straße und hält Umschau nach Jenen, die ebenfalls pflichttreu daherkommen. Eine Kon troll'Versammlung, eine Ehren-Parade von Gesinnungsgenoffen ! Man theilt sich in kleine Gruppen und plaudert von entschwundenen Zeiten. DaS eine Pär chen saß in der Reitschule und berieth die Grundrechte.das andere tagte im Sicher heitsAusschuffe und machte die fatale Exkursion nach Innsbruck und die riskante und gesahrvolle nach Prag mit. Täglich neue Kämpfe, Slraßenschlachten und Hinrichtungen u. s. w. Sie hatten viel erstrebt, zu viel verloren und zu viel

I gelitten, um die gewalligen EinzelnheiI if n5 hnfmiirhinfti lnfira 5 tor

llll Vil W W V V V " w y v V geffen zu können. Wie eine Fata mora:ia dämmert's nun in ih-em Ge dächtniffe auf und zaubert ihnen die tragischesten Ereigniffe wieder vor Au gen. Ehret doch, ihr blühenden Junaens von heute, die Vorkämpfer eures Streben?, die Vertheidiger von Licht und Recht und Wahrheit ! - u Ich spreche immer nur von Jenen, die sich unter allen Umständen und Verhältnisten und in allen Lebenslagen als ächtfarbig- bezeigten und es heute noch sind, von Jenen, von denen A.Grün singt: Wem ihren Strahl die Freiheit einmal durch's Herz gegoffen. Abfällt der nie und nimmer, trotz sond' rer Kampfgenoffen !" DON Jenen, an denen jede Versuchung scheiterte, sie in's andere Lager zu brin gen, die Armuth. Nolh und Entbehrung tltten und jktzt och leiden und den schnö den Judaslohn zurückwiesen, den ihnen gewisse Söldlinge anboten, wenn sie sich herbeiließen, zu Venäthern zu werden an der heiligen Sache. Ich sp'kche nicht von jenen feilen Seelen, die einst groß gethan mit ihrem Hcldenlhum und dann Jedem zu Füßen krochen, der ihnen einen Brocken zuwarf. Ich spreche, wie ich sie schon genannt, von den .Treuqebliebe nen", nicht von den Ueberläusern und GlücksSpkkulanten, ich spreche von der allerdings stark zusammengeschmolzenen Garde der wahren und richtigen AchN undvierzigcr", die ihren Glauben nie verleugneten und die in ihrem Glauben sterben. Ja. auch diese Garde stirbt, alzer sie ergibt sich nicht ! Es wurde in letzter Zeit, als die G'ücksjägerei in alle Schichten der Ge sellschast drang und ihre Prl.selylen wachte, sast schon Mode, über einen un beugsamen .AchtundOlerzigel" zu spötteln und über die damallcie Bemegung und ihre Anhänger faule Witze zu reißen. Nam:nllich der .Idealismus- dieser gu ten Leute wurde stark in's Zeug genom mn und acl al)5uräum getührt. Der Idealismus! Wie lächerlich erscheint er den psissigen, verschinitzken, gksingel' ten Praktikern ! Nun, diefe läppischen Idealisten erkämpften damals die Um gestaltung der staatlichen Organisation und begnügten sich mehrcnlhkils mit dem Kampsesbewußtscin ; daß an dem Ge zinne später andere parllzlplrtcn, kum me te sie nicht. Sie ebneten die Wege; deß sich auf dem ousgercutelen Naume mitunter das bedenklichste Gücht dann breit machte, war nicht ihre Schuld, sie selbst drängten sich nicht herbei, von- ihrer- Saat zu ern ten. Das thaten die sogenannten Klu gen, welche sich den Teufel darum scheer ten, wem sie es eigentlich zu danken ha ben, daß sie an so reicter und wohlge füllter Krippe ihr täglich Futter finden. Wenn die Neuzeit so Manchen aus's Ucppigste nährt, denkt er daran, wer diese Neuzeit schaffen hals? Die ehrlich sten Gründer-, und wie höhnte man dieselben ! Die allen Achtundvierziger! Bewegt reichte mir vor dem Monolith Einer die Hand, mit d m ich vor einunddreißig Jahren im Hose des Landhauses stand, der in den Oktobertagen mir und mei nem jungen Weibchen mit brennender Fackel den Weg über die Barrikaden zeigte und der dann aus meinen Augen' entschwand. Jetzt traf ich ihn wieder. Die Jahre und das Exil haben ihm das Haar gebleicht und Furchen in die Wan gen gezogen, aber die Augen blitzten noch immer. Lächelnd erinnerte er mich an unser bescheidenes Kneipenlebeu im frü esten Vormärz, wle wir da etne lleme l iui.lmirihrtnni tlKA. . . . . ... vlilUityulllUUIlU UtlUCltll UHU UUL jU einer Göttin schwuren : zur gebenedeiten Freiheit! Der holden Dame dursten wir jcdoch unsere Huldigungen nur in maS lirter Weise darbringen, und so feierten wir sie unter dem Namen .Aennchen von Tharau.- Wenn dann ein Deleqirter der vorstädtischenHermandad seinrOhren spitzte und unseren Gesprächen seine ge neigteste Ausmerksamkut schenken wollte, dann intonirte der .Eantor dos Dach 'sche Lied und wir sangen Verständniß innig den sür uns parabolischen Text: Aennchen vonTharau, mein Reichthum, mein Gut, Du m?ine Seele, mein Fleisch und mein Blut; Käm' alles Wetter gleich auf uns zu sch:ahn. Wir sind gesinnt bei einander zu stahn : Krankheit, Verfolgung. Betrübniß und Pein Soll unj'rer Liebe Verknotigung sein! Ein ergötzliches Stück chen russischer Eenjur wird in einem französischen Blatte erzählt. Ein. bra. matischer Autor hatte ein Schauspiel unter dem Titel Ter Sklave seiner Leidenschaften eingereicht. Nach län gerem Wart? wird er vor den Censor beschicken, in diesem Falle ein gestiefel ter und gespornter, grimmia aussehen der Gen.ral. Ter militärische Censor ist sehr ungnädig gelaunt. .Wiffen Sie nicht so sä!?tt cr den erbleichenden Ver fasier an, .w'ffen Sie nichts daß die Sklaverei in Rußland abgeschafft ist? Schon dieses Wort aususprechen, ist heute ein Verbrechen. Ihr Stück wird also seinen Titel andern .Und welchen Titel wird eS annehmen V stam melt der geangfligte Schriftsteller. .Der Heger seiner Leidenschaften-, poltert der General. .Oh. aber. . : . .Kein aber!" donnert der gestrenge Censor. .Sie werden den Titel ändern oder das Stück wlro ntcyl aulg'.fudrt. Sie können ge Yen." Der Autor änderte den Tttel und D Heger der Leidenschaften' machte überall, wo er ausgeführt wurde, volle Häuser. Der gerechte Unwille. Schneidauf : Ja. ich versichere Sie. das ist ganz merkwürdig mit den Ame rikanern ! Dort hab' ich Dampfschiffe gesehen, die hatten einen Raddurchmeffer von 100 Schuh. Mehrere Stimmen : Aber, Herr Schneidauf, schneiden sie wieder aus? Schneidaus : Ich und ausschneiden! DaS wär' mir schon zu dumm! Sie wollen mir 100 Schub Durchmeffer nicht glauben und in Mettingen Haben'S mir 200 Schuh Durchmeffer gern geglaubt!