Indiana Tribüne, Volume 6, Number 186, Indianapolis, Marion County, 25 March 1883 — Page 2
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Nach uns die SKndfluth. Vornan ,s Swuld Uugnst König. (14. Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. In dulci jubilol An demselben Nachmittag, an dem John Earlsen das Wiedersehen mit seiner instigen Geliebten feierte, ging es in der Adler-Apotheke hoch hkr. In den oberen Mumen waren Diener in Livree beschäs' tigt, die Festtafel für den Abend herzurichten, die .gnädige Frau" wollte heute in diesen Naumm das letzte Fest feiern und dei dieser Gelegenheit sollten die versam selten Gäste von dem Verkauf der Apo ihth und dem bald bevorstehenden Umzug in die neue Vlla benachrichtigt wer den. Paul Jammersegen hatte heute bereit villig sein Zimmer zum Tummelplatz für die Sprößlinge seines bisherigen Prinzipals hergegeben, er selbst saß mit dem Ävotheker in dem Kabinet neben der Qfftcin, und vor ihnen zwischen Coursblätwn und Börsenberichten stand in silber em Eiskühler eine Champagnerflasche. , Sie haben ein sehr gutes Geschäst ge machte sagte der Apotheker, dem die helle Freude aus den kleinen, funkelnden Augen !Zcuchtet5, .di ses Haus ist ein Goldgrube, foie gar nicht erschöpst werden kann.- : .Das ist wieder einmal ein großes Wort gelassen ausgesprochen erwiderte Paul, an seiner Brille rückend, von mei.ner eigenen Thätigkeit allein wird es ab hängen, ob und wie lange aus diese Grube geschöpst werden kann, wir kennen das ! Cs sollte mir nur einmal einfallen, die Pillen, statt rund, viereckig zu machen, dann wäYs um den guten Ruf dieses Haufeö geschehen. Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht und d e Gewohnheit nennt er seine Amme. Wenn Sie mich nicht zur Seite gehabt hätten, wäre die Goldgrube vielleicht schon geschlossen." 9ia, na !-
.Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, die Gefadr laa oft sebr naht. 55 cd bad' Ihnen immer mit geheimer Angst auf die Finger gesehen, wenn Sie ein Recept ausführten. Sie hatten die andere Goldgrübe, die Börse, im Kopf, und ich habe mthr als einmal neben 5Uni vor dkm Giftschrank gestanden, um Sie zu lontrol lir.n..Unsinn, Verehrtestcr !" erwiderte der kleine, lebhaste Her? mit einer verächtlichen Handbewegung, .ich weis; immer, was ich thue, und so Ianae ick Uhe. ist mir nnrf kein Irrthum vorgeworfen worden." .Dann haben Sie mehr Glück gehabt als Ver schiedene andere Leute." sagte . . Paul trocken. .Die Giftmorde, die Sie aus dem lemmen baben. sind eben nickt an den Tag gekommen." .Sie sind ein merkwürdiger Mensch!" sagte der Apotheker, .mir können Sie die unverschämtesten Grobheiten in's Gesicht .sagen, und wenn Sie einem junaen Äädchen gegenüber stehen, sind Sie zu blöde, ein Wort zu sprechen. Wäre es nicht ge'scheidter, wenn Se Ihren Muth zusam menrassten und " .hatt ! vier ist die Stelle, wo ick sterblich bin !" unterbrach Paul ihn rasch, .Ich weiß, was Sie sagen wollen, Sie haben früher oft genug schon darauf angespielt. Was nicht ist, kann noch werden, und es soll werden, heute noch!" .Ei. ei, so darf man schon gratuliren ?" . .Noch nicht, vielleicht morgen oder übermorgen." In diesem Augenblick erschien das Ge ficht eines Gebülsen an der Glastbüre der Ossicin. Paul erhob sich sofort und trat hinaus.
Mit einer tiefen Verneigung begrüßte nch auch geben mögen, Sie werden den er Helene, die eben eingetreten war ; ein Dank den wir Ihnen schulden, nicht zustolies Lächeln umwielte seine Livven. als rückweisen lönnen."
er aus ihren Händen das Nccept in Empsang nahm. .Sie dürfen mir Glück wünschen," saate er leiie. wäbrend er sie ,u der Bank beale tete.auk der sie zu warten vileate. bis die Arznei fertig war, .seit heute Morgen bin ich Besitzer dieses Hauses." Jüxöat bnen daraus nur Seaen erblühen," erwiderte sie in sichtbarer Verwirrung. .Sie müffen mir erlauben, Ihre Frau Mania zu beiucken " Heule V fragte sie erschreckt. .Ja, heute, an meinem Glückstage nickte er mit einem tiefen Atdemniae. wäbrend er mit der öanö durck seine Haare suhr und in nervöser Hast an der Brille rückte, .hie? vollend ich's, die GeIcaenheit ist aünstia !" Ein aewalliaer Lärm, der vlöklick drauhen sich erhob, schreckte Beide auf. Paul stürzte an die Thüre, um seine Neugier zu befriedigen. Eine offene Equ page, in der zwei Da men saßen, rollte in rasender Eile vorbei, der Kutscher batte offenbar die Gewalt über die beiden Vollblutpferde verloren, : . . . T' r . I in zeoer bekunde lvnnie man eine tun&t bare skatastrophe erwarten. Die Damen riefen um Hülfe, den durch gehenden Pferden lief Alles aus dem We ge, und der Kutscher schickte sich schon an. von seinem Sitz herunterzuspringen, um ein eben zu retten. In diesem Moment warf sich ein aro ßer, stattlicher Mann surchtlos den Pfer den entgegen ; es gelang ihm, die Zügel äffen, die er mit nerviger Faust festzu saffe hielt, und der eigenen Gefahr nicht ach v. f.-?- rr j. r . . . unv, iici er icy eine kurze Sirene rnii schleisen, bis d e Pserde, am ganzen Körper zitternd und mit Schaum bedeckt, stehen blieben.
.Bravo !" rief Paul. .Diese That liche Toilette Hclene's. Auf Wiederselr des Schweres der Edlen werth." htih Herr Neuber."
war
Er wandte sich um, 5)elene stand binter Wiedersehen " wiederholte Herihm, auch sie hatte den Vorgang beobach iUf an m vorbeischrcitend. u,id ein war
tet. s t . i v - v n Dramen war unterdenen der Kuttcher n seinem SlNermitergestlegen, Mi einigen Worten des Dankes nahm er dem fremden die Zügel aus der Hand. .Es ist beffer, die Dam n steigen aus". sate der Letztere, .die h:cre und ousae l M ... , ? V regt, es bedarf nur eines geringen Anlas ses, so scheuen ne avermals. V A M M m. M CX A würden mir einen K-fallen erieinn Gi verlönlicü das den Damen kaaen wollten,- erwiderte der Kutscher mürrisch, .schließlich wird die ganze Schuld mir in die Schuhe geschoben, m t solchem Teufelsvieh soll der Henker sah tn Wer sind die Damen ?" fragte der ttremde kurz, während er in semen Bemu-
hungen, die prächtigen Pferde zu beruh! gen, fortfuhr. .Frau Bankier Schlichter und Iranlein Tochter." Der Fremde trat mit dem Hut in der Hand an den Wagen, um die Damen auf die noch immer drohende Gefahr aufmerk sam zu machen. Schon bei seinen ersten Worten verlie s;en sie den Wagen, Madame Schlichter zustimmend, als er ihr den Rath gab, in die nahe Apotheke zu treten und dort zu warten, bis ein anderer Wagen geholt worden sei. Sie fand erst jetzt Worte, um ihren Dank auszusprechen, er lehnte ihn in höf lichem, aber bestimmtem Tone ab. .ES war meine Pflicht, die Bändigung der Thiere zu versuchen, um die Gcsahr von Ihnen abzuwenden," sagte er ruhig, .eS ist nicht das erstemal in meinem 2e ben, daß ich diese Pflicht erfüllt habe." In solchen Augenblicken denkt man doch wohl zuerst an das eigene Leben," wandte ste ein. .Ich nicht erwiderte er, .ich habe der Todesgefahr oft genug in's Auge geschaut, um sie zu verachten Ihr Blick glitt prüfend über ihn hinweg, auch Mtha blickte voll Staunen und Be wundcrung auf ihn. Er war ein schöner Mann und noch jung, das dreißigste Lebensjahr konnte er noch nicht lange überschritten haben. Ein brauner, kurz gehaltener Bollart umrahmte sein gebräuntes, wettcrhartes Gesicht. aus dessen Zügen ehrliche Offenheit leuchtete. Energische Willenskraft und kühne Entschlossenheit blitzten aus seinen dunklen Augen, über denen die Stirne breit und hoch sich wölbte. Er hatte die Thür der Apotheke geöffnet, Madame Schlichter rauschte an ihm vorbei, er schien sich jetzt zurückziehen zu wollen, aber ein bittender Blick, der aus den Augen Hertha's ihn traf, bewog ihn, d n Damen zu folgen, nachdem er einen Lohndiener, der vor der Apotheke stand.
beauftragt hatte, einen Wagen zu holen. Paul ammerscaen. der eben damit beschäftigt war, die Arzneiflasche für Helene in der elegantesten Weise zu etikettiren, blickte beim Eintritt der Damen überrascht auf . Wie kommt mir ein solcher Glanz in meine Hütte ?" brummte er, aber im nächPcn Augenblick war et auch schon hinter seinem Tisch hervorgestürzt, um aus dem abinet zwei Stühle zu holen, die er mit mx graziösen Äernelgung den Damen anbl. Die Damen wüns4en nach diesem Scyrccken gewiß ein Brausepulver V sagte kr, an feiner Brille rückend. .Wir ken55 das, es ist cm ganz probates Mittel, :X c.!n. ti ia ic nur um einen uugenviia )e duld." Madame Schlichter nickte zustimmend und lieg nch nie er. Hertha blieb neben dem Stuhl ihrer Mutter stehen und hielt den Btick erwartungsvoll auf die Thüre geycs'et. durch d:e gleich daraus der Frem de eintrat. Sie können mir ebenfalls ein Brause vulver geben," wandte der Letztere sich in Paul. Es war eine gefährliche Geschichte, ver ehrtestcr Herr erwiderte Paul, ohne sich in seinem emsigen Schaffen unterbrechen zu lassen, .Ihr Blut wird dabei auch nicht ruhig geblieben sein. Nun za, etwas aufgeregt hat mich die Sache, aber von einer Gefahr konnte kaum die Rede sein, da ich meines Erfolges sicher war. .Sie wollen den großen Dienst, den Sie uns geleistet baden, verringern " nsl)m Hertha jetzt in vorwurfsvollem Tone das Wort, .aber welche Mühe Sie Und ich hoffe zuversichtlich, daß Sie uns die liü hres Be,uches erzeigen wero n, ,ugie lyre cuiler ylnzu. "Ich werde dieser liebenswürdigen Ein ladung nur dann Folge leisten, wenn Sie mir das Versprechen geben, das von Dank sortan zwischen uns keine Rede mehr sein soll," erwiderte er mit einer Verneiauna. Es sei sagte Hertha, wir nehmen dieje Bedingung an in der sicheren Vor aussetzung, daß Sie Wort halten wer den." Sie sind wohl erst kürzlich von drüben zurückgekehrt V sraate Madame Schlich ter nach einer kurzen Pause. .Gestern Abend", erwiderte der Frcm de, während er zusah, wie der Gehülfe das Pulver mtte. .Werden Sie längere Zeit hier blei ben V .Jedenfalls einige Monate, ich habe hier Geschälte zu erledigen." Der Wagen, den der Lohndiener geholt hatte, ud,r vor, Madame erhob uch. Ich habe nur noch eine Bitte an Sie 5 richten," sagte sie mit einem freundlich herablaffendcn Lächeln, unser Kutscher .. o. ' c . . meinen nainen genannl ua ben, aber wir haben noch nicht die Ehre, oen qngen zu lcnnen." .Gottfried Neuber, Ingenieur aus Ehi cago." Mit einem lauten Ausruf der Ueber raschung hatte Helene sich hastig von ih rem si$ erhoben, erst letzt bemerkte Gott sried das Mädchen, das mit freudestrah ... a? n 1. r m -. . ', lender Miene sich an seine Brust warf und ihn in ihre Arme schloß. .Lieber, theurer Bruder !" jubelte sie. .Wie wird Mama sich sreuen !" .Da wollen wir nicht stören sagte Madame Schlichter mit einem raschen. prüfenden Blick auf die einfache, fast ärm wer Strahl traf ihn flüchtig aus ihren leuchtenden Augen, .vergeffen Sie Ihr Versprechen nicht." ' Er nickte zustimmend, die Schwester hielt ihn noch immer umschlungen, es war ihm nicht möglich, die Grüße mit ceremonieller Höflichkeit zu erwidern. .Bist du es denn wirklich, liebe Helene ?" Wg erlese, und seine Stimme hatte jetzt einen weichen Klang. .Und Mama lebt noch ? Ich habe schon den ganzen Morgen nach Euch gesucht ?" .Und nun hat deine brave That uns hier zusammengeführt,' sagte sie. ihm mit einem Blick voll Stolz und Freude in die blitzenden Augen schauend. .Aber komm. lomm, 'cama
Mime ist krank ?" unterbrach erste
besorgt. Sie war es, die Arznei, die ihr heute verordnet wurde, soll nur zu- Stärkung dienen. Darf ich bitten, Herr Jammersegen r .Ich furchte, die schonen Tage von Aranjuez sind nun vorüber," seufzte Paul, lndni er d e Arznernasche überreichte. Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan. jetzt kann er gehen." .Glanben Sie das wirklich?" fragte sie vorwurssvoll. .Lieber Gottfried, cs würde mich glücklich machen, wenn du der Freund dieses Herrn werden wolltest, dem ich großen Dank schulde!" Gottfried bot ohne Zögern dem Provisor die Hand. .Diese Worte genügen mir, Ihnen fortan meine Freundschaft zu widmen," sagte er im herzlichem Tone, .ich hoffe, wir werden bald Gelegenheit finden, einander näher kennen zu lernen .Seien ?le veruchert, daß ich diesen Wunsch theile," erwiderte Paul, in dessen Augen es freudig aufleuchtete, .die Freund schaft, sie lt kern leerer Wahn, )o nehmet auch mich zum Genossen an, ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte." Helene nickte ihm lächelnd zu, ihr Bruder sah ihn verwundert an, schüttelte den Kopf, dann bot er der Schwester den Arm. .Ein sonderbarer Kauz !" sagte er, als sie draußen waren. .Na, ja, man sagt ja, die Apotheker se'en alle halb verrückt !" .Man sagt viel, w 's man nicht bewelsen kann," erwiderte Helene ernst ; .jeden falls weiß ich, daß PjiiI Jammersegen nichts weniger als verrückt, und ein edler Mensch ist. Ein Jeder hat seine Schrul len und Eigenheiten, man darf aber nach ihnen nicht den ganzen Menschen bcurthei len." .Hm, hm, weißt du, was ich glaube? Daß du ihn liebst !" .Und wenn es so wäre V Na, ich weiß nicht, ein armer Provi so? " .DaS eben ist das Schlimme, daß er kein armer Provisor, sondern der Eigenthümer jener schönen Apotheke ist. Ver schweigen kann ich es dir auch .licht, Gottsried, wir sind arm, und du wirst begreifen, daß es mir peinlich sein müßte, eine Ehe zu schließen, in die ich nicht die ge ringste Aussteuer mitbringen könnte." .Nun, was diesen Punkt betrifft, ich bin imx auch nicht reich -M .Lassen wir das, Gottfried, deute meine Worte nicht falsch. Ich wollte dir nur sagen, daß jener Mann deiner Freunöjchast werth ist." Ueber das wetterharte Gesicht des Ingenieurs glitt flüchtig ein bedentungsvol les Lächeln, er nick e zustimmend, als ob er sagen wolle, dieses Zeugniß genüge ihm. .Sind dir auch die Damen bekannt, deren Netter ich wurde?" sragte er. .Nur dem Namen nach ; der Bankier Hugo Schlichter muß ein sehr reicher Mann sein, er wacht großen Aufwand." .Ich sah das schon der Equipage und den Pferden an." Helene sah ihren Bruder forschend an, sein Gesicht zeigte einen ernsten, gedan reuvollen Ausdruck. .Auf d e junge Dame scheint nicht nur deine brave That, sondern auch deine Person einen tiesen Eindruck gemacht zu haben," sagte sie. .Wirklich?" sragte er in scherzendem Tone. Davon habe ich nichts bemerkt." Göttlich blieb mit bestürzter Miene stehen, als Helene jetzt in das Armenv.ertel einbog. .In diesem Quartier wohnt Ihr V fragte er dumpf. Daim muß es weit mit Euch gekommen sein, hier hätte ich Euch wahrhastig nicht gesucht." ..In einigen Wochen würdest du uns auch hier nicht mehr gesunden haben, denn wir sind Gottlob nun wieder in befferen Verhältnissen, am nächsten Sonntag wollte ich eine andere Wohnung für uns su chen." . .Ihr dürst keinen Tag inehr in diesem Viertel bleiben," sagte er entschloffen. .Gemach, lieber Bruder, Eile mit Weile ! Wenn du dich nach einer kleinen freundlichen Wohnung für uns umsehen willst, so werden wir dir dankbar dasür sein, ich könnte nur Sonntags einige Stunden darauf verwenden, aber so sehr große Eile, daß es heute noch geschehen müßte, hat es nicht. DaS unerwartete Wiedersehen wird Mama auch zu sehr angreisen, als daß wir hr heute noch den Umzug zumuthen dürsten. Sie wird oh nedies schon angegriffen sein durch das Wiedersehen mit dem Manne, welcher damals, durch Verhältnisse gezwungen, auswanderte, und nun als Krösus zurückgekehrt ist. Er kam heute Nachmittag, und obgleich Äcama schon seit mehreren Tagen auf diesen Besuch vorbereitet war " Sie hatten die Kaserne erreicht, Helene blieb stehen. .Hier wohnen wir, hoch oben unter dem Dach, über erschrick nur nicht, es ist nicht so schlimm, wie es den Anschein hat. Du wirst vor rer Thüre warten müssen, bis ich Mama vorbereitet habe, verhalte dich nur ruhig, damit sie nicht vorher schon " .Sei unbesorgt, ich werde warten, bis du mich russt." .So komm und tritt leise auf, Mama hört scharf ; wenn Herr Earlsen noch bei ihr sein sollte, komme ich w eder zu dir hinaus, wir müffen dann warten, bis er sich entfernt hat." .Gut, gut," nickte er ungeduldig, .geh' nur voraus, ich folge." Sie fand die Mutter allein, John Carlsen hatte sich kurz zuvor entfernt. Die alte Frau empfing ihre Tochter mit heilerer Miene. .Ich kann deinen Lobsprüchen über John Earlsen nur beipflichten," sagte sie leise, und ein freudiges Lächeln umspielte dabei ihre Lippen, .er ist ein edler Mann." Helene hatte Hut und Mantille obgelegt, sie entkorkte die Arzneiflasche und holte aus der Schublade des Tisches einen Löffel, um der Mutter den Trank zu rei-chen.-.Du hättest wohl auch nie daran gedacht, ihn noch einmal wiederzusehen V sragte sie mit mühsam erzwungener Ruhe. .Nein, gewiß nicht." So dürfen wir aus diesem Wiederse hen wohl die Hoffnung ziehen, daß a'uch Gottsried zurückkehren wird." .Wie kommst du auf diese Idee V frag te die Mutter überrascht.
.Liegt sie nicht nahe ? Ich habe vor hin darüber nachgedacht." .Nun ja, möglich wäre das." .Und dann könnte er schon bald komrnen." .Gewiß, mein Kind," nickte die alte Frau, den Gedanken nachhängend, die der Hinweis auf diese Möglichkeit iu ihr weckt hatte. .Und plöhlich könnte er hier eintreten, liebe Mama, meinst du nicht auch ? Aber dann müßtest du ganz ruhig bleiben, da mit dir die Ausreg'ung nicht schadet !" .Ganz ruhig ? Ja, wenn das möglich wäre !" .Du müßtest dich vorher mit dem Ge danken an dieses Wiedersehen vertraut machen," sagte Heleiie, indem sie sich über die Lehne des Sessels zu ihr niederbengte, .mit deiner lebhasten Phantasie kannst du das sicherlich! Denke dir einmal, die Thüre öffne sich und Gottfried träte ein. Du würdest ruhig siken bleiben und die Arme ausbreiten, um den Sohn an dein Herz zu drücken, nicht wahr?" - .Die alte Frau erhob horchend das Haupt, da? eigenthümliche Zittern in der weichen Stimme des Mädchens konnte ihr nicht entgehen. .Komm' einmal hinter dem Seffel hervor," erwiderte sie in unverkennbarer Erregung, .ich muß dir in's Gesicht sehen, du redest ja ganz sonderbar. Hast du vielleicht irgend eine Nachricht von Gottsried erhalten?" .So ga z sicher weiß ich es selbst noch nicht," erwiderte Helene, indem sie ihren Arm um die alte Frau schlang, .ich habe etwas gehört aber willst du auch ganz ruhig bleiben?" .So ruhig, wie es rnir rnSalick ist," er-
widerte die Mutter mit vibrirender Stimnie. .Was hast du gehört?" Daß Gottfried drüben eine schone Anstcllung hat, und daß er vielleicht in den nächsten Tagen hieher kommen wird, um hier eine Maschine aufzustellen.? Der Blick der alten Frau war starr geworden, sie faltete die Hände in ihrem Schooß und ein tiefer Athmcnzug entrang sich ihren zuckenden Lippen. .Lieber Vater im Himmel, ich danke dir," flüsterte sie, und Thränen rannen langsam über ihre welken Wangen. .Wann wird er kommen?" .Bald, liebe Mama," antwortete Helene bewegt. Wer sagte es dir?" forschte die Mutter mit wachsender Erregung. Großer Gott, welche Ahnung steigt plöhlich in mir auf ! Er ist schon hier, ich bitte dich, lie des, theures Klud, rufe ihn, laß mich nicht länger warten !" (Lottsried hatte draußen die Worte vernommen, er öffnete rasch die Thür, im nächsten Augenblick lag er vor seiner Mut ter auf den Knieen, die segnend ihre welken Hände auf sein Haupt legte und mit erttärtem Lächeln ihm in die leuchtenden Augen schaute. Achtes Kapitel. hrloS. Helene hatte mit ihrem Bruder kaum die Apotheke verlassen, als der Blick Paul's auf ihr SonnenZchirmchen siel, das auf der Bank liegen geblieben war. Mit elneui Freudenruf bemächtigte er sich desselben, nun hatte er einen Vorwad gefunden, das Mädchens besuchen zu dür sen ; selbst wenn sein Besuch in jenem Hause ihr nicht angenehm war, konnte sie ihm unter diesen Umständen keinen Vorwurf darüber machen. Und er war entschlossen, heute noch den entscheidenden Schritt z,i thuu, er wollte nicht länger damit zögern, er mußte Gewmbeit baben. .Wem Gott aibt die Kuh. dim aibt er auch den Strick dazu !" murmelte er, als er in der Abenddämmerung die Apotheke verließ. Endlich stind ervorder TöürderDachkammcr, er holte noch einmal tief Athem und rückte die Brille zurecht; dann klopfte er bescheiden an. .Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich störe." sagte Paul schüchtern, das Fräulein hat in meinem Hause ihr Sonnenschirmchen zurückgelaffen, Sie erlauben wohl, daß ich cs ihr überreiche ?" .Kommen Sie nur herein," erwiderte Gottfried mit bedeutungsvollem Lächeln, Helene, der Herr wünscht mit dir zu re den." Mama, du erlaubst wohl, daß ich dir den -Herrn Provisor aus der Adler-Apo-theke vorstelle ?" sagte Helene, die ihrer Verlegenheit nicht gebieten konnte. Jch hatte das Vergnügen, den Herrn bei Fräulein Masson kenne zn lernen, du wirst dich erinnern, daß der Herr Doktor Ladenburg ihn seinen Freund nannte." .Und ick erinnere mich auch, daß er dick bei einem unangenehmen Vorfalle ritterlich in Schul) nahm," erwiderte die Wittwe, indem sie dem jungen Herrn die Hand bot, .ich danke Ihnen h rzlich dafür. Irre ich nicht, so sagte mir der Herr Doktor, Sie hätten dieAdler-Apotheke gelaust, ich gratulire Ihnen !" .Verehrte Frau, ich wollte Ihnen bis an's Ende meines Lebens dankbar sein, wenn Sie mir zu einem anderen Ereigniß gratulilten." sagte er, indem er ihre welke Hand festhielt und an seiner Brille rückte. .Zu einem anderen Ereigniß? at sie, ihn erwartungsvoll anblickend. .Ja wohl, Madame !" nickte er, seinen ganzen Muth zusammenraffend ; sehen Sie, ich habe heute die Apotheke gekauft und drei Viertel des Kaufpreises baar bezahlt, daraus mögen Sie entnehmen, daß ich Moses und die Propheten hbe. Nun ist es, wie der Dichter sagt, edler Geister Art, nichts halb zu thun, und so möchte ich an diesem heutigen Tage mein schönes Lustschloß auch unter Dach bringen. Ein HauS habe ich, aber noch keinen Herd. Ich werde ihn erst dann haben, wenn ich sagen darf : Uno drinnen waltet die züchtiae auSkrau ! .Das werden Sie ja nun wohl bald sagen können," erwiderte sie lächelnd, als er eine kleine Pause machte, .ich glaube nicht, daß ein Mann wie Sie sich deshalb Sorgen zu machen braucht, er darf an jeder Thüre anklopfen." Ern Mann, wie ich, verehrte Frau, klopst nur da an, wo er liebt." fuhr Paul mit einem schweren Seufzer fort, .er betrachtet die Ehe nicht als Geschäft, sondern als eine Herzenssache. Gestatten Sie mir, daß ich mich kurz saffe, verehrte Frau, ich klopfe an Ihrer Thür an, werden Sie mir öffnen ? Ich taue eben, was ich nicht lassen kann, denn ich liebe Fraulem Hele
ne, sie ist es oder keine sonst auf Erden !
Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß cs meines Lebens Aufgabe sein wird, sie glücklich zu machen, daß ich, um mich eines landläufigen Ausdrucks zu bedienen, sie auf meinen Händen tragen werde." Die alte Frau hatte sich in die Kiffen zurückgelehnt, ein Lächeln des Glücks umspielte ihre Lippen. .Sie erzeigen uns eine große Ehre," sagte sie bewegt, .und was mich persönlich betrifft, so gebe ich Ihnen die Versicherung, daß ich Ihnen volles Vertrauen schenke. Aber ich habe in dieser Angelegenheit nicht die entscheidende Stimme, lieber Herr, Sie werden sich also wohl an Helene selbst wenden müssen, ihre Antwort ist auch für m:ch inai gebend." Paul hatte sich hastig erhoben, er trat zu Helene, die am Fenster stand, und willenlos überließ sie ihm ihre zitternde Hand, die er mit einem warmen Druck umfaßte. .So reden Sie denn, mein theures Fräulein," bat er mit bebender Stimme, .Sie müffen es ja wiffen, wie innig ich Sie liebe ! , Vertrauen Sie mir getrost Ihre Zukunft an, ich werde glücklich sein und Sie sollen es auch werden, das gelobe ich Ihnen, bei Allem, was mir heilig ist. Sie s dlug die dunklen Augen zu ihm auf, er sah Thränen in ihnen schimmern. .Ich weiß, daß Sie das, was Sie ver sprechen, auch voll und ganz ersüllen werden," sagte sie leise, .und ich weiß auch, daß ich morgen oder nach Wochen genau so denken und urtheilen würde, wie ich es in dieser Minute thue, deshalb verlange ich keine Bedenkzeit. .W.is soll ich dir noch sagen?" fragte sie le.se, indem sie an seine Brust sank. .Ich kann ja der Stimme meines Herzens nicht Schweigen gebieten, die mir befiehlt, dich zu lieben, so lange ich lebe !" Einige Minuten lang herrschte tiefes Schweigen in dem halbdunklen G::'.nich ; berau cht von ihrem Glück h'.elteu die Liebenden sich umfangen, und voll inniger Freude ruhte der Blick der alten Frau auf ihnen. Auch Gottfried nahm herzlichen Antheil an dem Glück der Schwester, er trat zu den Beiden und reichte ihnen die Hände, mit warmen, ausrichtigen Worten ihnen den reichsten Segen des H:mmels wünschend. In derselben Stunde, in der diese beiden Menschenhcrzcn den Bund für Zeit und Ewigkeit schloffen, gina der Doktor Ladenburg in seiner Studirstudc mit großen Schritten auf und nieder. .Es muß sein!" sagteer, indem er vor seinem Schreibtisch stehen blieb und den Blick auf ein verg lbtes Papier heftete, das in Briefform geschlossen und versiegelt war, .ich darf nicht länger schwei gen. Er mag selbst entscheiden, ich will ihm keine Vorschriften machen, aber er soll mir später nicht vorwerfen, daß es meine Pflicht gewesen sei, ihm nichts zu verschwei gen." Er nahm daö Papier und sti'g die Tre pe hinunter in das Kabinct seines Sohnes, den er vor se.nen Altenhesten in Brülen versunken f.nd. Eugen erhob sich hastig, er stützte sich mit der rechten Hand auf den Schreibtisch und heftete den fieberglühenden Blick voll banger Erwartung aus das sorgenvolle Antlitz des Vaters. .Hat Tante Lorchcn mit dir gespro chen ?" fragte er. .Sie hat mir Alles gesagt." nickte der Doktor, und der Ton seiner Stimme klang so gütig, daß Eugen erleichtert aufath mete. Ich sprach damals von einem Erlebniß in New-ork, nicht wahr r In jenen Tagen schrieb ich das Erleb te nieder; wenn die Cholera inich.wearaff te, wie es schon so vielen meiner College geschehen war, oder wenn der Dolch jener Verbrecher mich tras, dann sollte nach mei nem Tode dieses Bekenntniß gefunden werden, damit die BeHorde über die Ein breche? - Bande Ausschluß erhielt. - Nun magst du es lesen und dann deinen Ent schluß fasten," fuhr er fort, indem er das vergilbte Papier auf den Schreibt sch des Sohnes legte, .ich werde dir schwerlich rathen können." Eugen hatte das Papier aufgenommen, seine Hand zitterte, sein Blick ruhte starr aus d.'m Siegel des Vaters. Der Doktor verließ das Kabinet, um sich in das Zimmer der Tanie Lorchen zu begeben. Wie sein Sohn vorhin, so blickte nun auch die alte Dame ihn bei seinem Ein tritt voll Erwartung und Besorgniß an ; die fl ißigen Hände, die eifrig an dem Strickstrumpf arbeiteten, ruhten für einige Secunden. .Nun V sragte ste ungeduldig. .Ich habe ihm das E christstück gegeven, .erwiderie er, .wir muen nun av warten, welchen Entschluß er fassen wird. .Du äußertest damals einen Ent sckluz " 41 n dem ich noch heute festhalte. Wir werden nachher darüber reden, wenn Eu gen eingeweiht ist." Vielleicht wäre es beffer gewesen, wenn du auch jetzt geschwiegen hättest," sagte sie. .Die Sl.che ist ja läinst verjährt, .:nd es läßt sich kaum annehmen, daß außer dir und Earlsen noch irgend Jemand Kennt niß davon hat." ' Sage das nicht," erwiderteer. .John Earlsen war damals in New - Jo k eine sehr bekannte Persönlichkeit, und wie ich dir schon sagte, los ich später in einer amerikanischen Zeitung, dan die Polizei ihn erwizcht hatte. Das geichah vor et wa sünfundzwanzia Jahren: ist es undenk bar, daß Personen, die damals ihn und seine Verbrechen gekannt haben, heute noch leben ? Und kann nicht eine die er Per sonen im Laufe der Zeit hieher kommen und ihn erkennen ? Würde nicht seine Schmach aus uns Alle fallen?" .Und glaubst du, daß es Eugen gleichgültig sein könn', ob man den Vater seiner Frau einen Ehrlosen nennt z" Nein, Vater," erwiderte Eugen, der bei den letzten Worten eingetreten war, mit gepreßter Stimme, .die Ehre meines eigenen Namens würde darunter leiden." Er warf das Schriststück auf den Tisch und sank auf einen Stuhl nieder. .Du hättest mir diese Mittheilungen früher ma chen müssen," fügte er mit herbem Vor wurf hinzu. Müssen- wir denn nun nich auch Carlsen zur Nede stellen ?" Wenn wir es thun, so haben w'r nur einen Grund, deli.en Berechtigung er aner kennen muß !" Es muß geschehen," erwiderte Eugen in einem Tone, der keinen Widerspruch duldete ; .es hätte heute schon geschehen
müffen, wir durften sie nicht vergeblich warten lasten."
Hedwig ist ia hingegangen, um dich z'l entschuldigen," wars Tante Lorchen ein. Es gibt keine Entschuldigung sür unscr Ausbleiben " .Du bestehst also darauf, daß wir ihm die volle Wahrheit sagen V Die volle Wahrheit !" wiederholte Eu gen, den Blick ernst und voll auf das beümmcrte Antlitz des Vaters heftend. .Ich bin ihm das schuldig, nachdem er mich so freundlich aufgenommen und mir die Zukunft seines ei.izigen Kindes anverraut hat. Wirwerdku ihm di ses Schristtück vorlegen und ihn ohne Umschweife ragen, ob er diese furchtbare Antlage anerkenne, oder wie er sie widerlegen könne. .Meine arme, arme Ellen ! sie weiß nichts von der Vergangenheit ihres Vaer, sie ist glücklich, t hangt mit inniger Liebe an mir, und nun soll ich nein. ich vermag nicht m hr von ihr lasten." .Vielleicht länt es stch ermöglichen, lhr diesen Schmerz zu ersparen," sagte Tante Lorchen, oder wenigsten ; die Folgen von hrem eignen Glnck abznwenden. Du iattest ja einen Plan entworfen, JeremiaS, ich zweifle nicht daran, daß Eugen m.t ihm einverstanden sein wird." .Ja, ja," nieste der alte ficrr; während er in 5!achdenken versunken mit dem Zeigenug auf den Deckel seiner silbernen Dsse klopste. .Farlsen müßte die Stadt nieder vertanen, meinetwegen mag-er nach Südamerika zurückkehren, nur hier darf er nicht bleiben. Wenn er sich damit einverstanden erklärt, dann steht deiner Verbindnng mit Ellen nichts mehr im Wege. Er mag seiner Tochter sagen, daß er drüben noch Geschäfte zu ordnen habe, sie wird darin nichts Befremdendes finden, und kehrt er dann nicht zurück, o werden sich wohl auch dasür gute Gründe ansühren Y TT tm lajicn. Eugen hatte das Haupt erhoben, em Hoffnungsstrahl leuchtete aus seinen Augen. Ja, so konnte allen Bedenken em Ende gemacht werden," sagte er, .ich danke dir, Vater, sei versichert, da. Ellen . auch dir eine liebevolle Tochter sein wird. Wie nun aber, wenn Earlsen Diesen Vorschlag nicht annimmt ?" .Er nutfc ihn annehmen, wenn er sein Kind glücklich sehen will ! Wir werden morgen früh hingehen. Eugen, es wäre heute schon geschehen, wenn Ihr mich gestern Abend benachrichtigt hat tet, und wir wollen offen und ernst mit ihm reden und dann müffen wir seinen Entschluß hören. Je na.dem seine Ant wort lautet, können wir immer noch weiter berathen " . Er brach ab und blickte fragend das Dienstmädchen an, das nach kurzem Auklopfen eingetreten war. .Der Herr Armenpflege? Schlichter läßt den Herrn Doktor bitten!" sagte das Madchen. Ich komme sogleich. Also, es bleibt bei der Ansprache," wandte er id) noch einmal zu den Seimgen. Ohne eine Antwort abzuwarten und sichtbar sroh, diese peinl'che Unterredung abbrechen zu können, stieg er hastig die Treppe hinunter. Erschreckt blieb er auf der Schwelle sei res Stl'.dirzimmers stehen, als er in das bleiche, ve, störte Antlik des Armeupfle gers blickte. Was ist geschehen?" sragte er. Sie müssen sofort mit mir kommen. lieber Doktor," sagte der hagere Mann mit bebender Stimme, und meine Frau, ich glaube, ein Schlaganfall " Na, dann vorwärts," erwiderte der Doktor." Er hatte hastig Hut und Stock ergriffen. die Beiden eilten hinaus. Ist der Anfall plöhlich gekommen?" sragte der Doktor, als sie das Haus verlassen hatten. Ganz plöhlich," erwiderte Schlichter heiser; wenn die arme Frau stirbt, dann hat Rudolf sie auf dem Gewissen. Heute Mittag kam er nicht zu Tisch, das beunruhigte meine Frau, aber ich sagte noch immer nicht?, ich dachte mir, er schäme sich, mir vor die Augen zu treten, und sah in sein m Ausbleiben ein Zeichen der Reue." Am Abend ging ich mit meiner Frau aus, sie wollte noch einige Einkäuse für die Badereise machen. Als wir heimka rnen, fand ich meinen Sekretär erbrochen, die Geldsumme, die ich für Karlsbad bestimmt hatte, fehlte. In demselben Au genblick, in dem ich diese Entdecknng machte, kam Rndolf mit einer Reisetasche in der Hand die Trevpe herunter." Ah, ah, da hatten Sie den Dieb!" rief der Doktor entrüstet. Ja wohl, da hat?e ich ihn, und dieser Elende schlug nicht einmal die Augen nieder, als ich ihm sein Verbrcchin vorwarf. Frech und trotzig erwiderte er mir, ich hätte ihn nicht so knapp im Taschengeld halten sollen, dann wäre er nicht in Versuchung gekommen, sich auf anderen Wegen Geld zu verschaffen. Meine Frau war zugegen, ihre Klagen und Vorwürfe verhöhnte er, und als sie ihm in den Weg trat, um ihn zurückzuhalten, stieß er sie so roh bei Seite, daß sie zu Boden stürzte. Da hab' ich mich auch denn nicht länger halten können, ich faßte den elenden Burschen am Kragen und warf ihn auf dic Straße. Als ich den Burschen hinausgebracht hatte und in's Wohnzimmer zurückkehrte, lag meine Frau noch auf dem Fußboden, sie konnte kein Glied mehr rühren und kein Wort sprechen, es war qualvoll, ihren hülseflehendcn Blick zu sehen." (Fortsetzung folgt.) m m m Bei der Musterung. Oesterreichischer Corpora! szu einem R.kruten): Kerl, Du bist doch ein rechte Schwein!. Wenn Du Bedienter bei'rn Herrn General wärst, ich glaub'. Du thäi'st ihm die Eicheln vom Krgen runterfrefs'n !" Der richtigeMaßstab. Ich dächte. Frau Nachbarin, Ihr Sohn, der Student, wäre seit einem Jahre recht dick geworden?" Das glaube ich nicht, denn der Hut und die Stieseln paffen ihm ja noch." EinVerschuldeter. Warum so finster. Herr Lümple ?" Ach. ich bin so verschuldet !" .DaS soll mich Wunder nehmen !" Wunder nehmen, daß ein Mann vie ich Schulden machen muß?" Das nicht, aber wie er Leute sindet, bei denen er es noch kann !"
Ter Verein für Umtausch der
Wlsseuschaft. Sine Ctudent'Ngeschichte. Es war kaum sechs Uhr Abends, aber schon dämmerte es in den Straßen der kleinen Universitätsstadt 155. soeben hotte Herr Keip. der Besitzer des wohlbekannten Caso Keip",dle Laterne über der Hausthüre, di-. Locktampe", wie er jie nannte, angezündet und vegav ucy jetzt in das Wirthszimmer, um auch dort die Gaslampe über dem runden anzustecken, denn die Stammgäste, eine Arzahl lustiger Studenten, konnten jeden Augenblick eintreffen. In diesem Augenblick öffnete sich die Tbüre und ein älterer Herr trat ein. der Herrn elp völlig fremd war. Er setzte sich in eine lerne lcke des geräumigen Gastzimmers, und als ihm der Wirih Licht anzünden wollte, lehnte er dies höflich ad, unter dem Vorgeben, er habe angegriffene Augen, sonderbarer ttauz," brummte Keip, indem er ihm ein Glas Bier einschenkte; scheint ein alter Oekonom zu sein;rnub ihn aber schon mal wo ges,bn haben, oder sikht Jemand ähnlich." Dann zog er sich hinter den Schenktisch und hinter ein wohlgefullteS Glas Bier zurück und verglich einstweilen die in den Zeitungen veröffentlichten Portraits von Verbrechern mit dem räthselhaften Frern den. In dieser resultatlosen Beschäftigung wurde er jedoch bald gestört. Zuerst kam ein großer, Hund und unmittelbar darnach ein hübscher, schnurrbärtiger junger Mann herein, der ein Buch unterm Arm trug. Guten Abend, Herr Llndner," sagte Keip. dunkel oder hell?" Dunkel," war die Antwort, woraus dem Ankömmling ein schäumendes Glak Erianger Bier credenzl wurde. Um Gottkswillen. Herr Lindner. fuhr Kip fort, Sie haben ja da ein Buch ; Sie wollen doch nicht am Ende" Studiren," ergänzte Lindner. Doch, ich will darin studiren. Heute Abend allerdings nicht-, mehr, ich gäbe mir c nur unterwegs gekauft.- Wehmüthig lächelnd fuhr er nach einiger Zeit fort: Man wirs älter und denkt ans Exa men. Herr Keip. Die Herren Eltern drängen obendrein; sie haben gut reden von Fleiß und Wissenschaft und Examen. Die Wiffenschaft wächst bestän dig. Täglich erfindet man neueSachen, Telephone. Mikrophone, künstliche Dün ger, verbisserte Mistgabeln und anderes. Edison soll wieder einen Hausschlüssel mit elektrischem Licht erfunden haben. Und das alles soll man wiffen und be ballen. WaS sagen Sie dazu, Herr Keip ?" . Keip wurde durch das Eintreten neuer Koste einer Antwort überhoben. EL war der stud. theol. Fritz Heinze, ein langer, magerer Mensch mit langen Haaren und langer Nase, von seinen Bekannten das streitbare Wart Gottes" genannt, und der stud. phil. Golllieb Lenstel, alias Gotiliebchen, ein dickes, munteres Bürschchen, dem man seine neun Semester wenig ansah und in Bezug aus Gelehrsamkeit noch weriger an merkte. Bald kamen noch andere Stu diosi hinzu, meist älkere Semester", und wenige Füchse", und nun eihod sich ein äußerst lebhaftes Zechen und eine visidele, aber nicht gerade sehr gewählte Unterhaltung; wissenschaftlich wenig' stens war sie nicht. Gotiliebchen Senstel wurde von dem langen Theologen be ständig mit einec gewissen Sophie ge neckt, zu der er genaue Beziehungen ha ben sollte, was er auch nicht gerade leugnete. Als es ihm zu toll wurde. .tlmrnte er das Lied an : ES war ein mal ein Candidat, der ganz entsetzlich sausen that," und jubelnd siel der ganze Chorus ein. Keip hatte indessen den Fremden, der von den ausgelassenen . Musensöhnen gänzlich unbemerkt geblieben war, immer wieder und wieder gernust'rt. Wem sieht er nur ähnlich; solche gequollene Augen hab: ich doch schon einmal gese hen ; halt, da geht mir ein Seifensieder auf wahrhaftig ich Hab'S, das ist ja daS leibhaftige Gottliebchen. Sollte das sein Alter sein V WaS thun in dieser Verlegenheit? Die Entdeckung versetzte Keip in solche Aufregung, dass er von Lindner, der heute sehr schweigsam war, gefragt wurde, was ihm sei, er mache so vergeisterte Augen. Das wäre eine schöne Bescheerung." murmelte Keip, doch schon Halle er 'einen Schlachtplan fertig, um dem Unglück zu begegnen. Er ging hinaus und streckte dann den Kopf zur Thüre herein mit den Worten: Herr Studiosus Senstel, ein Herr wünscht Sie zu sprechen." Der Gerusene fand draußen Niemand als Herrn Keip, der zu ihm sagte : Ver eyrter Herr, thun Sie mir den Gefallen und beirachten Se sich einmal ganz ver stöhlen den Herrn, der im Gastzimmer in der dunkeln Ecke sitzt, aber ganz ver stöhlen, wenn ich bitten darf. Sollte es vielleicht Ihr hochwohllöblicher Herr Va ter sein, was ich vermuthe, so erschrecken Sie nicht, und lassen Sie sich auch nichts merken. Gottliebchen war sprachlos vor Schrecken und wollte hineinstürzen, allein Keip hielt ihn fest und fuhr fort : Machen Sie keineDummheiten.Freund ! Der Alte. Ihr vermuthlicher Herr Papa, wollt' ich sagen, hat Ihre ganze UnterHaltung, auch daS mit der Sophie, angehört. DaS muß erst ausgewetzt wer den, ehe Sie ihn erkennen. Gehen Sie hinein,und wenn ich recht habe.sa schicken Sie mir Wilbelm Lindner heraus, der ist doch der Psifsigste von Euch." Mit diesen leise gesprochenen Worten schob der kluge Keip Gottliebchen in's Gastzimmer. Ein Blick belehrte ihn, daß dort in der finstern Ecke sein Herr Papa böchflselbst ia. ollein er folgte Ke,pS Rath und setzte sich ruhig an den Tisch, indem er sagte : Lindner.der Herr will Dich auch sprechen." Lindner ging hinaus und die ganze Gesellschaft siel mit Fragen über Goltliebchen her. .Du siehst ja au als ob Du Prügel bekommen hättest",meinte der eine; war'S Dein Scdneider?- rief ein anderer. Oöer hast Du einen Ruj als Pcl'sessor bekommen V Gottli:bchen Senfte! aber sagte tiv hällnibklüßig gelabt : Es ist d Bediente von Professor Weil, der mich und Lindner zum sachtesten auf nächste Sonntag einladen soll.-
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