Indiana Tribüne, Volume 6, Number 116, Indianapolis, Marion County, 14 January 1883 — Page 3
' .' ..
Forscher und Aerzte gegenüber, denen vir nicht das - geringste Mißtrauen ent gegenzusetzkn-vermögen. So berichteten im Jahre 1866 die Professoren Mosler und LandriZ aus Greifswald, daß in dem dortigen Krankenhause unter ihren Au gen ein Säufernach mehrstündigem.Tob suchtsanfalle vollständig ergraut wäre.
Die Weltgeschichte erzählt, daß Thomas Morus, dem KariZzer Heinrichs des Ach i ten, denn Anhören seines Todesurtheils die Haare plötzlich weiß geworden wären. In der Chronik lesen wir, daß der Mönch Ubipertus durch höhere Fügung in einer Nacht grau wurde, um alt genug für die Bischossmitra auszusehen. Die unglückliche Königin Maria Antoinette von Frankreich soll in ihrem Gesängnisse im Temple über Nacht weiß geworden sein. , Und so sinken wir noch sehr viele der gleichen Angaben, die sich alle auf Men schen beziehen, die in Erwartung ihres Todes oder vor einem sonstigen schweren Unglücke standen. 'Merkvürdig' und nicht zu übersehen bleibt eS immerhin, daß gerade die mit den Krankheiten der Haut und der Haare sich beschäftigenden Aerzte.trotz der großen Anzahl solcher in ihre Hände gelangenden Kranken auch nicht einen einzigen wohl beobachteten Fall von plötzlichem Ergrauen der Haare zu berichten wissen. Die Wissenschaft vermag also bis zur Stunde noch nicht das Zustandekommen des plötzlichen Ergrauens zu erklären. Muß man es darum leugnen?! Giebt es doch auf dieser Welt noch so Vieles, über dessen Zustandekommen der 93er stand der Verständigsten noch keinerlei Aufschluß zu geben- vermag. Mittel, um das Ergrauen der Haare, wo erbliche oder andere Anlage dazu vorhanden ist, zu verhüten, giebt es nicht ; wohl aber besitzen wir verschiedene Pflanzensäfte undChemikalien, mit deren Hilfe wir ohne Schaden für das Allge meinbesinden die Haare nach Belieben verändern können. Die altersgrauen, rasch weißen Haare .werden in Braun oder Schwarz corrigirt, während die zu sehr in's Roth gehenden gewöhnlich in blonde umgewandelt werden. Der oben erwähnte Versasser schließt an diese Mittheilungen einige Notizen über die zur Färbung der Haare ange wendeten Mittel, freilich mit der Ver Wahrung, daß dies durchaus nicht in der Absicht geschehe, die geehrten Leserinnen und Lescr ermuntere zu wollen, die Färbung der Haare an sich selbst zu vollzie hkN. Ganz besonders warnt er junge, expe rimentirlustige Rothkäppchen vor Färbe versuchen am unternehmenden Köpfchen, da in der Mehrzahl solche Wagnisse da mit enden, daß die erschrockene Mama ihr weinendes Töchterlein ein grüngräu lich schimmerndes Haargelock verzvei felnd raufen sieht. Zum Dunkelsärben grauer, refpective weißer Haare hat die beutelustige Jndu strie eine Unmenge fein etikettirter, mit allen möglichen unsinnigen, fremdländi schen Namen ausstafsirter und ohneAus nähme viel zu theurer Salon-Haarfärbe Mittel auf den Markt geworfen. Die Gesundheitsgesährlichkeit der meisten dieser Mittel wird durch den starken Blei gehalt derselben bedingt. Die chronische Bluvlergistung, welche durch längeren Gebrauch solcher Präparate hervorgeru fen werden kann, äußert sich unter An derem durch folgende Haupterscheinun gen : Die Kranken zeigen ein fahlgelbes Hautcolorit, ihr Zahnfleisch verfärbt sich und erhält einen blauschwarzen Saum, eö stellt sich unangenehmer Geruch aus dem Munde und metallischer Geschmack ein; die Kranken magern ab und leiden an heftigen, hartnäckigen Koliken ; später entstehen Schmerzen in den Extre mitäten, ja es kommt zu Lähmungen und Gehirnlnden. - Nach den Untersuchungen mehrerer Jj", t A 4 n M a A L A Sk. . Xjwu;uiuiiii wui liU" iiycuui, vllß fast zwei Drittel der im Handel besind lichen Haarfärbemittel Blei enthalten. Vorsicht ist also hier recht, am Platze ! Zur Beruhigung der Leserinnen sei hier bemerkt, daß leder Apotheker ln weniaen Minuten eine ganz genaue Untersuchung über den Bleiaehalt der betreffenden Mittel beenden kann. Die Mehrzahl der dunkelfärbenden Mittel bssteht aus Lösungen von salpetersaurem Silber, Pyrogallussäure, Ka!ischmefelleber,Wis muthpräparaten, Kupfervitriol, essig saurem Eisen und Anderen. Von ve getabilischen Mitteln werden nur der Saft der frischen Wallnußschalen (der sich aber nicht konserviren!äßt),sowie das persische Hannapulver und das Indigo dlattpulver angewendet. Der söge nannte Nußextrakt", welcher als Haar färbemittel verkauft wird, hat meistens gar nichts mit Nußschalen gemein, son dern besteht aus Pyrogallussäure, Eisen chlorid, Kupferchlorid, Salzsäure und parfümirtm Wasser. Alle fetten Oele, wie Eieröl, Ochsenklauensett, Muskat blüthöl und viele andere machen da? Haar dunkler, doch dauert die Dunkel särbung nur so lange, bis das Haar wieder trocken ist. Rothe Hoare werden mittelst Wasserstoffhyperoxyd, welches für diesen Zweck möglichst frisch bereitet sein muß.gebleicht. Diese Präparate können ohne jedes Be denken angewendet werden und verdan ken wir denselben sicher eine erkleckliche Anzahl der in neuester Zeit in der Gefellschaft so zahlreich erscheinenden wun dtrbaren Blondinen. ES muß aber be tont werden, daß auch mit allen diesen als unschädlich bezeichneten Mitteln Schaden angerichtet werden kann, wenn sie von ungeschickter Hand applicirt wer den. , . . So viel ist sicher, daß Derjenige, der einmal sich die Haare färben ließ, ein Sklave seines Friseurs geworden ist. Darum erwäge man vorher auch diesen scheinbar unwichtigen Schritt. Ver säumt man die Nachsärbvng, so wird die bald eintretende Scheckung des Haares in offenem Verrath der schadensroh blickenden Menge die versuchte Schick salskorrektur erzählen. Logik. Ein Bauer erfuhr, daß fein gestrenger Justizamtmann zum Ritter geschlagen worden wäre., Meinetwegen, rief der Landmann, .hätten sie ihn zum Krüppel schlagen können."
Serr Kommerzienrätg Aps. ', ' : i " Eine Humoreske von Qtutt Vasqu. r '
'Von MargknS früh biS tendZ sxat. -Da heißt S : Herr Som,r,ienrath ! H'r Sommerzienrath ! H'r Aommer,ienrath ! H'rKommerjienrath!" - Herr Kommerzkenrath ! Ein Brief von unserem Freunde, dem Grafen von MoZbach diesmal weit her! ganz be stimmt eine Einladung zur Jagd, Herr Commerzienrath ! ..Her damit ! und pack' Dich ! .Wie Sie befehlen, Herr Kommer zienrath !" Dieser hatte ärgerlich dem vorlauten Burschen den Brief aus der Hand ge rissen und sagte nun leiser zu sich selbst : .Verfluchter Kerl .' liest mir den Inhalt meiner Briefe von der Adresse ab!Kaum hatte er jedoch einen Blick in daö Schreiben geworfen, als er dem davon rennenden Diener hastig nachrief: .Jo hann, anspannen ! nach der Bahn, schnell ! Es pressirt. Babette soll mir Kragen, , Manschetten, Hemd, kurz alles Nöthige sü? die Nacht in meine große Jagdtasche packen Schinken, Wurst, Brod und eine Flasche Wein nicht zu vergessen,. denn man kann nie wissen, was Einer auf der Jagd erlebt. Den Schlüssel bringst Du mir. Halte meine Lefaucheux und den TyraS bereit, und auch Dich selbst, kannst mir auf der Bahn Alles besorgen. In fünf Minu ten komm' ich nach." .Seh? wohl, Herr Kommerzienrath ! - Herr Kommerzienrath Jpö war ein reicher Weinkausmann in einer Stadt am Rhein und zugleich ein passionirter Jagdlitbhabir. Doch hatte er selten nennenswerthe Erfolge aufzuweisen, weil er meinte, auch die Hasen und Böcke müßten, wie daheim die Küfer und Wein dauern, den größten Respekt vor seinem Kommerzienrathlitel haben, von selbst herankommen, sich in aller Devotion er schießen zu lassen. Eine halbe Stunde nach Empfang des Briefes faß er höchst gemüthlich in einem Coupe erster Klasse, feine kostbare Lefaucheuxdoppelflinte zwischen den Knieen und rauchte eine echte Regalia neuester Ernte. Der Ty raS war von Johann in dem Hunde Coüpe.und die große Jagdtasche der Bequemlichkeit halber im Gepäckwagen untergebracht worden und nach einer weiteren Stunde war das diesmal ziem lich entfernt liegende Ziel, eine kleine Station, erreicht. Beim Aussteigen be merkte der Kommerzienrath wohlgefällig den draußen harrenden Jagdwagen des Grafen, denn es galt noch fast eine Stunde Fahrt bis zu dem eigentlichen Jagd Rendezvous.' Vorerst jedoch mußte Herr Jps seine Jagdtasche haben und er eilte zum Gepäckwagen. . .Ihren Gepäckschein, mein Herr !" .Herr Gott ! wo hab' ich ihn nur hingebracht? Da soll doch ein Himmel Gleichviel! ich werde meine Tasche schon so beraussinden. Zeigen Sie mir nur die Gepäckstücke." .Ohne Gepäckschein wird nichts abge geben. Da könnte Jeder kommen." .Herrrr ! Ich bin der Herr Kommer zienrath Jps!" .Und wenn Sie der Herr Kommer zienrath PipS wären, ohne Gepäck schein erhalten Sie Ihre Tasche nicht." .Zum Stationsvorstand ! zum Be schwerdebuch!" kreischte der Kommer zienrath, dem so etwas noch nicht vorge kommen war, bereits im Gesicht kirsch braun vor Zorn, und stürmte davon. Doch der erste Vorstand der Bahn bat als Antwort um den vorschriftsmäßigen Gepäckschein, und Herr Jps mußte sich bequemen, nach der Gepäckkammer zu gehen, um das Wettere abzuwarten. Hier lehnte er seine kostbare Lefaucheux an einen der kleinen bereits mit Effekten gefüllten Gepäckmagen und begann in allen Taschen nach dem verschwundenen Schein zu suchen. Vergebens, das kleine Papierstuckchen, welches der Herr Kom merzienrath nicht der Beachtung werth gehalten hatte, war und blieb verschwun den ebenso auch die Jagdtasche, wel che er unter den zurückgebliebenen Ge päckflücken nicht entdecken konnte, wie scharf er auch darnach späbte. .Herr Gott der Tyras !" schrie er plötzlich wahrhaft entsetzt auf, als der schrille Pfiff deS weiterfahrenden Zuges ihn aus seinem ärgerlichen Suchen weckte. Wie ein Rasender stürzte er hinaus, immerfort rufend: .Tyras! Halt ein ! halt ein!" Doch die Lokomotive hielt Nicht ein, dafür den Tyras in sei nem Gefängniß fcst, und in wenigen Augenblicken wär der Zug mitsammt dem yunde verschwunden. Jktzt kannte der Zorn, die Entrüstn des Herrn Kommerzienraths keine Grenzen mehr. .Warum haben Sie meinen Hund nicht aus oem Loch entlassen? Sie ? tobte er den Gepäckbeamten an. .ES war Ihre Pflicht, ihn am Hunde Coupe mit Ihrem Hunde-Billet zu re klamiren. Jetzt dampft er . mit dem Schnellzug nach Berlin.". .Mein TyraS r- nach Berlin ? DaS ist zu arg! Das sollen Sie nur mitsammt Ihrem HundeCoupe bu$ui Sie Sie! ' Wo ist daö Beschwer debuch? her damit!. Ich werde Sie und Ihre saubere Bahnverwaltung schwarz machen, tow die Hölle !" . .Und ich werde Sie wegen Beleidi gung eines Beamten im Dienst, ver klagen, Herr Herr Kommerzienrath Fips! Dort liegt das Beschwerde buch." .Jps heiße ich, Herr ! Kommerzien rath JpS! verstanden?" keuchte der hartgeprüste und sich schwer .beleidigt sühlende Mann. Dann begann er zu schreiben zu schreiben, eine ganze Seite voll, und .da er noch immer nicht fertig, die Bahnverwaltung noch lange nicht schwarz genug war, so nahm er die Streusandbüchse, die Trocknung seines literarischen Herzens und ZorN'Ergusses rascher zu bewerkstelligen. Doch Ent setzen ! Neues, drittes Malheur ! Er hatte das riestge Tintenfaß ergriffen und dessen ganzen Inhalt in einem Guß über das Beschwerdebuch, doch zugleich auch viertes Malheur über seine schöne, graugrüne Joppe, seine Weste, seine Hose und seine neuen hirschledernen Ga maschen geschüttet, sogar über die Dielen des Bodens ergoß sich die schwarze Fluth. Da stand der arme Kommerzienrath nun, viel viel schwärzer, als er die schlechte Bahnverwaltung je hätte machen kön tun. Einen Augenblick blieb er in sei
nem schwarzen Elend wie versteinert stehen, dann besann er sich, nahm sein roihseidenes Foulard und begann die
schwarzen Flecken weg zu wischen, doch dabei auch immer weiter auszubreiten. Nachdem diese traurige und durchaus resultatlose INohrenwäsche unter dem hämischen Kichern des Bahnbeamten und einem neuen Pseifen und Heranbrausen eines anderen Zuges ihr Eide gef. n)en, raffte der schwergekränkte Mann sich auf, seine Lesaucheux zu holen und mit dem gräflichen Jagdwagen dieser schau derhaften Station, wo man nichts, nicht einmal einen Kommerzienrath respektirte, mit Verachtung den Rücken zu kehren. Doch die, Doppelbüchse wollte sich nir gendö finden lassen ; sie war verschwun den, mitsammt dem kleinen Gepäckwagen, woran Herr JpS sie gelehnt. Neues Suchen und Fluchen ! Da da erschien sie wieder, die elende Gepäck karre, doch ohne die Büchse. Der mise rable Packknecht hatte die Lefaucheux für em Gepäckstück gehalten und in den Ge päckwagen des Zuges befördert. ... Das war zu ara ! Wiederum stürzte der jetzt schwarz gefleckte, unglückselige Jager und Kommerzienrath aus den Perron hinaus; wiederum schrie er: Halt ein ! halt ein ! meine Büch e !" denn der Zug dampfte bereits in ent gegengefetzter Richtung davon. Doch es half nichts, in wenigen Augenblicken war Alles vorüber, zerstoben und Roß oder vielmehr Zug und Buchse sah man niemals wieder doch hoffentlich nur vor der Hand. .Wohin ?" fragte der vollständig ver nichtete Kommerzienrath fast tonlos. .Schnellzug nach Basel." ' Ohne ein Wort zu erwidern, daS würdige Haupt auf die breite Mannes brüst gesenkt, einer grausam geknickten Lilie gleich, wankte Herr Jps hinaus, um sich in den Wagen seines gräflichen Freundes zu werfen, wenn auch ohne Jagdgeräth dieser StationLhölle zu ent fliehen. Doch was war das? Er stierte rechts, er stierte links, kein Jagd wagen war mehr zu erblicken. Doch als er geradeaus blickte, da sah er daS leichte Gefährt, wie es bereits etwa eine gute Viertelstunde entfernt, angelangt war und mit rasender Schnelle weitersauste Der Kutscher war, da er eine Zeit lang vergebens auf den Herrn Kommerzien rath gewartet hatte, und da feiner ein drohendes Wetter am Himmel sich zeigte, das jeden Augenblick losbrechen konnte, wohl auch erhaltener gräflicher Jnstruk tion gemäß im tollen Trabe seiner Pfer de wieder davongefahren. Herr Jps wollte zum dritten Mal schreien : .Halt ein !" doch der Ton blieb ihm in der be reits heiser geschrieenen Kehle stecken Statt dessen murmelte er keuchend vor sich bin : .ver yras nacy erim meine Lesaucheur nach Basel meine Jaad tasche beim Teufel, der nun auch den Wagen geholt hat! Es stimmt! so mußte es kommen! Doch was bleibt mir, waS fang' lch jetzt an ?" Der arme noch nie so hart geprüfte Kommerzienrath hätte weinen mögen, vor Wuth und Zorn nämlich, da hörte er neben sich die Stimme des Gepäckdie ners. die recht mitleidig sagte : In dem Marktflecken werden Sie sicher einen Leiterwagen bekommen kön nen, denn dort ist gerade Viehmarkt. Doch müssen Sie sich beeilen, wenn Sie vor dem Regen hinkommen wollen. Es tröpfelt schon." .Geh' zum elender " brummte Herr JpS zornwüthiger als je und mit gistlger Geberde den Mann abweisend. Doch befolgte er auch zugleich den als gut erkannten Rath und machte sich auf ot Beine. Da er sehr korpulent und schwer war, so ging es nicht allzurasch weiter, dafür wurde der Himmel über raschend schnell immer schwärzer und das Tröpfeln zu einem wirklichen Regen, der sich wiederum gleich schnell in einen scheußlichen Guß verwandelte. Als der arme Herr Kommerzienrath nach einem Lauf von etwa fünfzehn Minuten dam pfend und pustend in dem Ort ange langt war, da hatte er keinen trockenen Faden mehr auf dem Leibe, und seine Gamaschen wie die Aermel seiner Joppe glichen Dachrinnen und Röhren, auS denen das Wasser nur so herausfloß. Nach keinem Leitervagen verlangte und fragte er, nur uach einem Wirthshause, einem Zimmer, und rasche Antwort wurde ihm von Menschen und von Vieh, die um die Wette, ein JedkS in seiner Sprache, schrieen und brüllten, blökten und grunzten. Denn in dem Flecken war in der That Viehmarkt, nichts sah man in der langen Straße und auf dem Platz vor dem Wirthsbause als Vieh Händler, Ochsen und Kühe, Schweine und Schafe. Auch das geräumige Wirthshaus war mit ihnen vollgepropst. das heißt nur mit Viehhändlern, und als Herr JpS mit neuem Aerger sich bis zu dem Wirth durchgedrängt. Zehr ge dieterisch nach einem Zimmer und Stu benmädchen verlangt hatte, da erwiderte der Mann ruhig und achselzuckend : .Thut mir leid. Alles besetzt, bis auf die allerletzte, kleinste Dachkammer. .Aber Sie sehen doch, daß ich naß bin, naß bis auf die Haut, und ein Zim mer haben muß !" ' .Und wenn Sie noch nässer wie naß wären, von außen und von innen, ich konnte Ihnen kein anderes Fleckchen, al den Heuboden anweisen." .Herr ich bin der Kommerzienrath Jps." .So 0 ? Na, denn gehen Sle meinetwegen in die Küche; , wenn meine Frau Sie dort dulden will, können Sie sich am Herdseuer trocknen." ' Damit drehte er dem Herrn Kommer nenrath den Rücken und verschwand in der Menge. Dieser stand da wie vor den , Kops geschlagen. So war er doch noch nie im Leben traktirt worden, und hätte er seine Lefaucheux gehabt, er wurde den Kerl durch und durch ge stechen nein, geschossen haben. Doch der arme Mann vermochte Nicht emma innerlich mehr zu wüthen, all sein Vor rath, Zorn und knirschender Wuth schien total , verbraucht zu sein. Nasur em Pfand er die Nässe seiner Kleider immer mehr, und es blieb lym nichts Anderes übrig, als von dem Rath deS Wirths, den dieser ihm hingeworfen, wie man dem Hunde einen Knochen hinwirft, ge duldig Gebrauch zu machen. .An diese verdammte Jagd werde ich zeitlebens
denken !" sagte er seuszend und schritt der Küche zu.
In der Küche brannte auf einem neu gen Herd ein gewaltiges Feuer, das den großen Raum, trotz der Tageshelle. mit sammt den darinnen hantirenden Frauen und Mägden grell beleuchtete. Herr JpS näherte sich dem Herde und der Haussrau, diesmal jedoch glücklicher Weise nicht den Kommerzienrath, son dern nur den nassen Mann herauskeh rend. Auf daS milde Herz der Frauen rechnete er und täuschte sich auch nicht. Mitleidig wurde ihm em Platz am Feuer eingeräumt, und eine dralle Dirne, die just mit dem Einrühren von Pfann luchen beschäftigt war, wischte ihm sogar mit ihiem nur wenig mehlbestaubten Küchenhandtuch die nasse Joppe ab. Da Herr Jps ein ebenso großer Freund von tchonen Frauen und Mädchen wie von Jagden war. so tauchte bereits wieder ein leichtes Lächeln in seinen grimmver zerrten Zügen auf. Bald folgten die len freundliche, dann pikant galante Redensarten und schließlich ein festes umfangen der vollen Taille der Dirne. Doch -diese verstand den Spaß des Wassermannes sehr übel. Im folgen den Augenblick saß ihre breite, mehl reiche Handaus der Wange deS allzu kühnen Jägers, und zugleich erhob sich ringsum ein tolleS Gelächter, denn die fünf Finger der Kuchenrührerin hatten ihre Mehlspuren deutlich im Gesicht ihres Angreifers zurückgelassen. Herr JpS unterdrückte den SchmerzenSfchrei, wie den greulichen Fluch, die ihm auf der Zunge schwebten, dann zog er sein rothes oulard heraus und begann sich die weiße Wange und Nase abzuwischen. Doch letzt amg der Jubel der Kuchen Insassinnen erst recht an, ohne daß der arme JpS anfangs wußte, weshalb. Doch nur zu bald follte er es durch seine schwarzen Finger erfahren. Dk Tinte, welche , an seinem Foulard saß, war durch den Regen feucht erhalten worden, und nun hatte er sein halbes Gesicht. da mit vollgeschmiert. AuS dem wangen und naseweißen Wassermann war ein yalbschwarz gefärbter Mohr geworden. DaS immer lauter und lustiger ertönende Lachen dünkte ihn wie ein Höhnen der Hölle, die von dem grellen Herdfeuer be leuchteten Weiber erschienen ihm wie eine Horde Dämonen, und als ob diese ganze Höllenwirthschaft gegen ihn losgelassen sei. stürmte er wie wahnsinnig kus der Küche, aus dem verwünschten Wirths Hause, durch die lange Gasse mit ihren Viehhändlern und Ochsen hinäuS ms Freie. Doch waS nun? Mittag war vor über, der Himmel hatte sich mittlerweile aufgeklärt, und die Sonne kam bereits wieder zum Vorschein. DaS'Jagd'Ren dezvous, ein Forsthaus am Eingang des Waldes, konnte jetzt nur noch ein halbes Stündchen entfernt sein. .Dorthin muß ich, wenn auch dreimal leider zu Fuß !" sagte sich mit schwerem Seufzer der arme Kommerzienrath, der gewohnt war, da heim die kleinste Entfernung nur in sei ner bequemen Equipage zurückzulegen. .Doch ich muß hin, denn nur dort werde ich Hülse in meiner entsetzlichen Lage sinden können. Auch wird der kurze Spaziergang mir wohlthun, die Sonne mir meine nassen Kleider trocknen. Vor wärtS!" Gesagt, gethan! Abermals hob er die Beine und schritt ächzend und keu chend langsam die Straße dahin. Doch e3 dauerte mehr als eine Stunde, bis er endlich endlich, zu Tode müde, am ganzen Körper wie zerschlagen, doch da sür auch wieder so ziemlich getrocknet, bei dem ForsthäuSchen am Eingang deS WaldeS ankam. Neues das neunte Malheur ! ES war in der That, als ob sich heute Alles, Himmel und Hölle, Vieh und Menschen, gegen den armen Herrn verschworen hätte. Das ForsthauS war verschlossen, keine menschliche Seele zu spüren; nicht einmal eine elende HundeKreatur be antwortete das verzweifelnde Rufen und Schreien des abgehetzten Jägers. i Der Förster oder Waldhüter wird mit der Jagd ausgezogen fein, er darf doch nicht allzulange von seinem Posten fernbleiben, und deshalb wird es am Besten sein, wenn ich ihn hier erwarte. ES bleibt mir auch im Grunde nichts Anderes übrig in den Wald mich zu wagen, ohne zu wissen wohin, wäre Un sinn!" So sagte sich Herr Jps und warf sich schwer auf eine kleine Bank, die neben dem verschlossenen Eingang des Häus chens stand. Doch im selben Augen blick lag, oder vielmehr saß er auch schon auf der Erde ; die halbmorsche Trudel dank hatte der Wucht der gewichtigen Persönlichkeit nicht widerstehen können und war unter ihr in aller Devotion zu sammengebrochen. . .Meinetwegen !" knirschte er mit einem letzten Seufzer sich in sein unvermeid licheS Schicksal ergebend. .Da bleibe ich liegen, bis der elende Kerl wieder kommt. Will doch .sehen, wie lange er einem Grafen nachlausen darf, und müßte ich hier liegen, bleiben bis zürn jüngsten Tag oder bis morgen früh." Herr JpS streckte sich so bequem als möglich auf der Erde auS und wartete eine, zwei Stunden, doch der Jorstmart kam nicht. Dasür begannen Hunger und Durst ihu ganz furchtbar zu quälen,' denn er hatte außer einer Tasse Mor genkaffee noch nichts, gar nichts zu sich genommen und sein Magen empörte sich gegen dies ungewohnte Fasten in aller empfindlichster Weise. .Hätte ich nur meine Jagdtasche mit meinem Proviant gerettet!" meinte Herr Jps mit neu er wachendem Grimm und begann in sei nen Taschen nach einem elenden Stück chen Brod zu suchen, wie er ein solches wohl dann und wann -sür seinen Tyras zu sich steckte. Doch er fand auch nicht das geringste Brodkrümelchen, dafür zog er ein kleines Papierstreifchen hervor. O Jubel! es war der so lange ver gebenö gesuchte Gepäckschein ' daS elende Lumpenpapierflück, welches all' daS Unglück angerichtet hatte. Doch was nützte eS ihm jetzt? Schon wollte er in seinem ersten Zorn den Schein zer reißen,' fortwerfen, doch besann er sich noch im letzten Augenblick eineö'Besseren und steckte ihn sorgsam in sein wohlge, süllteS Portemonnaie. .Nun kann ich sie fangen, die elende Bahnvtrwaltuna." sagte er sich triumphirend, 'und meine Jagdtasche müssen sie mir schaffen
oder oder ! Na, daS Oder sin det sich." ' ' Einstweilen verging die Zeit wiederum resultatlos. Es wurde vier, fünf, sechs Uhr, doch kein Forstwart wollte kommen, dasür war ungerusen die Dunkelheit gekommen, und nun mußte der Herr Kom merzienrath einen Entschluß fassen, nach der Bahn zurückzukehren, wollte er nicht hier am Waldessaum auf dem naßkalten Boden die Nacht zubringen. In Gottes Namen denn, zur Bahn und dann heim heim und ln'S Bett ! Doch zuerst gegessen und getrunken sür den ganzen Tag an den ich bis an mein seliges Ende denken werde."' So sagte er sich zerknirscht und erhob sich mühiam vom Boden und von den Resten der elenden Holzbank. Dann be gann er todmüde, mit schon mehr bellen dem als knurrendem Magen, den Rück weg nach der Bahn. Diesmal dauerte der Weg fast zwei Stunden, denn der Gng des armen Mannes war nur noch ein mühseliges Sichfortschleppen. In dem Marktflecken wäre er gern eingekehrt, seinen peinigenden Hunger und Durst zu stillen, doch er wagte es nicht, die Händler und die Ochsen, besonders aber die Gedanken an die Bewohnerinnen des Wirthshauses trieben ihn weiter. .Auf der Bahn werde ich wohl etmaS zu bei ßen und zu trinken finden sagte er sich und begann seinen elenden Leichnam weiter zu schieben. Etwa hundert Schritt von diesem ErlösungSort entfernt, hörte er die Lokomotive pfeifen. .Natürlich ! der Zug muß mir an der Nase vorbei gehen," rief er mit einem wahren Gal genhumor. Es wäre auch ein Unsinn, wen es anders gekommen wäre und ich ihn noch zur rechten Zeit erreicht hätte." Als er anlangte, war die kleine Sta tion bereits wieder wie ausgestorben, nur den Gepäckträger, der wohl die Wacht für den Abend und die Nacht hatte, vermochte er aufzustöbern. , .Wann geht der nächste Zug auf wärts?" .Vor fünf Minuten ist einer abgegan gen, der nächste um halb Eins." - .Herr Gott und es ist noch nicht neun Uhr. Haben Sie etwas zu essen?
Fleisch, Brod, gleichviel was, nur mug eö zu beißen sein, und dann eine Flasche Wein oder Bier ?" : .Äuf der Bahn ist keine Restauration. Ich könnte Ihnen höchstens einen halben Laib Schwarzbrod und einen Trunk fri schen Wassers vorsetzen. Doch auch die Jagdtasche hat sich wiedergesunden: der Gepäckschaffner veraaß sie ausZiu laden und sandte ste von der-iiSchsten. C l " cm ' , lalion zurucr. ÄZenn Vie nuriyren .Hier ist der verfluchte Gepäckschein und hier eine Mark! Verschaffen Sie mir Teller, Messer und Gabel und ein Glas. Nun bin ich gerettet. Dem Himmel und seinen vierzehn Nothhelfern sei gedankt ! So jubelte Herr Jps, dem freudig überraschten Manne mit dem Gepäck schein ein Markstück hinwerfend. Dieser, rief: .Damit kann ich dienen!" und sprang dann äußerst behend davon, um bald darauf sogar mit mehreren Tel lern, Messern und Gabeln und klüglich Weise auch zwei Gläsern wiederzukehren. Dann eilte er wieder fort, um die ver hängnißvolle Jagdtasche zu holen. .Es ist zum Teuselholen," brummte Herr Kommerzienrath JvS während dem, .ein lumpiges Markstück hat mehr Wirkung hervorgebracht als mein Titel sollte V Doch weiter kam er nicht, denn die Jagdtasche kam sie war da! . Herr JpS schnallte mit Hilse deS Ge päckdicners die Klappe auf, dann zog er einen kleinen Schlüssel hervor, denndie Jagdtasche war von innen mit einer sehr komplizirten Vorrichtung verschlossen Herr Kommerzienrath Jpg war äußerst vorsichtig, wenn nicht gar sehr miß trauisch. ' Doch schon jetzt wurde fein Gesicht längerund immer länger, denn die Tasche war so leicht, sie sühlte sich gar nicht an, als ob sie Schinken, Brod und eine Flasche berge. Und Ent setzen ! so war eS auch. Ein zwei drei prachtvoll gestärkte Lmkolnkra gen kamen zum Vorschein, dann ein Paar Manschetten, ein feingefältetes Hemd und endlich eine Rolle mit Kamm, Bürste und Seife. Das war Alles im Uebrigen war die Tasche leer. .Ich bin bestohlen! Schinken, Wurst und Wein sind fort, mir gemaust vertilgt worden! Die Bahnverwal tung hat für den Inhalt der Gepäckstucke aufzukommen !" kreischte Herr Kommer zienrath Jps, fast sinnlos vor Wuth, Hunger und Durst. .Gleich morgen' erfolgt meine Anzeige beim Gericht in alle Blätter lasse ich es einrücken " .Beruhigen Sie sich doch undbeden ken Sie nur, was Si: da sagen !"" sprach der Gepäckdiene? beschwichtigend. . .Sie haben schon einen Prozeß auf dem Halse und werden sich noch einen zweiten weit schlimmeren zuziehen. Der Herr Sta tionsVorpand hat bereits heute Abend seine Klage gegen Sie aufgefetzt, die er morgen einreichen will." .DaS wäre der Teufel!" .Und nun beschuldigen Sie die Ver waltung sogar des Diebstahls, ohne einen Beweis dafür zu haben." .Hier, meine leere Taschi." .Haben Sie Schinken Wurst und Wein eigenhändig eingepackt?" .Nein, daö. hat die Babette gethan." .Oder auch nicht gethan, denn ich bin Zeuge, daß.Jhre Tasche wohlverschlossen und nicht erbrochen war. Ich rathe Ihnen dringend, in Ihrem eigenen In teresse vorsichtig zu sein, sich zu beruh! gen und kein Wörtchen mehr zu sagen." Herr Kommerzienrath Jps sank vor diesem Argument wie von einem Keulen schlag getroffen, auf die hölzerne Bank des kleinen Wartesaals nieder und stöhnte dabei. .So wird'S sein ! so ist eS ! Die Babette hat'S vergessen ! O, wenn ich heim komme, drehe ich ihr den Hals her um wie wie einer Gans, die sie ist. Doch waS fange ich jetzt an ? Ich kann doch unmöglich die Kragen und Man schelten verspeisen ? Und bekomme ich nichts zwischen die Zähpe, so bin ich in einer Viertelstunde hin verhungert." .Geduld, bester Herr! Ich bringe Ihnen meinen halben Laib Brod und einen klaren frischen Trunk, der Ihnen wohlthun soll . ; ; Fünf Minuten später saß der Kommerzienrath vor dem Tische mit seinen
drei Tellern und zwei Gläsern und aß zu Mittag und zugleich zu Nacht mit Wasser und . Brod! Und den ganzen halben Laib verspeiste er bis aus die letzten Brosamen, und eS schmeckte ihm sogar sehr gut. Dann legte er seine Jagdtasche unter den Kopf und sich selbst, so lang und dick er war, auf die Holz dank ein Nachtlager, daS im Grunde im vollen Einklang stand zu feinem Nachtessen um von den vielen ausge standenen Vergnügungen des Jagd tageS sich auszuruhen und auf seinen Kragen und Manschetten zu schlafen bis zu dem Halb EinUhrZug. .Wecken Sie mich ja !" hatte er zu dem Manne' noch gesagt, bevor er die müden Aeug lein schloß. .Dieser zögerte noch eine Weile; er hätte im G.unde den seltsamen Reisenden nicht allein und übe? Nacht in den .Wartesaal lassen dürfen, doch fühlte er. ein menschliche? Rühren mit dem Müden, . dessen Aussehen allein schon Mitleid, leider auch Heiterkeit er regen mußte. Er löschte die Lampe, schloß die. Thüre von außen und ent ferntesich. Herr Kommerzienrath JpS schlief und schnarchte und endlich träumte er auch. Er sah sich als Knabe in der Schule des Ländstädtchens, wo er geboren uor den und wo sein Vater in bescheidener Weise ein kleines Gewerbe betrieben,
und vor ihm stand der Schulmeister mit der gefürchteten Ruthe. Es war eine Gestalt, die ihm in dem langen schwar zen Rocke, mit den Aeuglein, die gleich Kohlen funkelten, wie ein unheimliche? höllischer Zuchtmeister vorkommen woll te. Nun begann der Schwarze zu reden, anfangs mit spöttischem Höhnen, wäh rend die stechenden Blicke sich immer liefet in des Träumenden Seele zu bohren suchten. .Siehst Du, mein Junge," alsa5e gann die Strafpredigt, .den ganzen Haufen Unglück, den Du heute genießen mußtest, hast Du , einzig und allein Dei nem Kommerzienrath zu verdanken. Der schöne Titel hat Deinen Eigendünkel, womit Du bereits allzureichlich begabt warst, noch mehr, bis zum Ueberpurzeln gesteigert. Du. meinst nicht anders, als daß die ganze Welt. Freunde und Fremde, Recht und Gesetz, sich vor dem Herrn Kommerzienrath beugen, sich Dei nem Willen fügen müßten. Du kennst nur Dich und nichts Anderes, und lci derbist Du in diesem Dünkel durch die Fügsamkeit Deiner Umgebung. Deiner guten Freunde nur zu sehr bestärkt wor den und deshalb geworden, was Du nun einmal bist: ein Egoist, wie cr im Buche steht. Du findest Dein Verlan gen. ganz natürlich, daß man Dir zu Deinem Geburtstag und bei jeder ande ren Gelegenheit in aller Devotion gra tulirt, und ebenso natürlich findest Du es, daß Du vergißt, wie auch Andere an einem bestimmten Tage geboren wurden und Feste seiern. Heute noch hast Du wieder ein schönes Pröbchen davon ab gelegt: sür den Herrn Kommerzienrath exishren in Deinen Auge : die Ge setze und Verordnungen nicht, und Deine gerechte Strafe ist Dir dasür geworden, bis auf das Wasser und Brod und Dein Nachtlager aus der Holzpritsche des ver schlossenen Arrestlokals. Eine noch weit empfindlichere und sogar öffentliche Strafe steht Dir durch die durchaus ge rechtfertigte Klage des von Dir im Dienst beleidigten ehrenwerthen Bahn beamten bevor, wenn Du nicht noch rechtzeitig zu Kreuze kriechest und Abbitte leistest. Dies versäume ja nicht, mein Junge, es ist der letzte gute Rath, den Dir Dein alter Schulmeister gicbt. Ve herzige meine Worte jetzt und immerfort und überall, und dann wird Dir der Titel, deu D übrigens durch Deine Arbeit, Deinen Fleiß und deren schöne Erfolge redlich verdient hast, ebenso viel wirkliche Freude machen, wie er jetzt durch sein unaufhörliches sinnloses DichUm klingen für Andere, und somit durch Dich, lächerlich gemacht wird. Guten Lcorgen !" Damit verschwand das schwarze Traumgespenst, und schweißtriefend, mit einem langen stöhnenden Seufzer, als ob ein schwerer Alp von ihm gewichen wäre, erwachte Herr Jvs. Langsam richtete er seine zerschlagenen Gliedmaßen von der harten Bank empor und schaute sich um. Tiefe Nacht um sing ihn, doch durch die Fenster schim merte matt der junge Tag. Er wankte nach der Thüre, sie war verschlossen, er hatte die Nacht in der That in einem Arrestlokal zugebracht! Doch bei seinem Rütteln an dem Schloß erschien der Ge päckdiener, welcher die Nachtwache gehabt hatte, und öffnete. Ferrit Jps erste Frage war nach dem slationsvorstand, und als er horte, daß derselbe sich be reits in seinem Bureau befinde, da eS bald fünf Uhr sei und der Frühzu5 nach demSüden in einerViertelstundepassiren würde, da trat der gedemüthigte Herr Kommerzienrath die kurze, jedoch sehr schwere Reise nach dem Bureau an. .Ein Glück, daß Sie mich nicht um halb Eins geweckt haben !" murmelte er dabei noch, doch der Mann antwortete : .Freilich habe ich Sie geweckt und ge schüttelt dazu, aber Sie schliefen so sest und gut, daß ich Mitleid mit Ihnen hatte und Sie schlafen ließ. Sie wer den wohl auch mit dem Frühzug noch rechtzeitig genug heim kommen." Herr Kommerzialrath Jps betrat. nach bescheidenem Anklopfen, das Bureau des StationsvorstandeS und blieb genau so lange darin, bis daS Zeichen der Ab fahrt gegeben wurde und der Zua her anbrauste. Was er nit dem Beamten verhandelte, war nicht :,u ermitteln, da es hinter verschlossenen Thuren vor sich ging. Doch als sie auf den Perron hin austraten und Her'.- Jps sich seinem Coupe erster Klasse näherte, dessen Thür der Gepackdiener, die mrhSngnißvolle, Jagdtasche in der Yand, offen hielt, da schüttelten beide Herren einander lächelnd die Hände und schieden wie ffreunde. Herr JpS tauschte seine Jagdtasche, zur Cr V - lt. 0- ? n , ü Trägers, gegen eine ziemliche Anzahl Markstücke au, dann flog i. . rwf m . . u oie oupeyur zu und der yerr ikom merzienrath fuhr heim. Seine Jagd war zu Ende, doch auch all das Unglück, welches sie ihm noch vor Beginn befcheert hatte. Der StationSVorstand trat in fein Bureau zurück und zerriß vorerst einen großmächtigen Bogen Schreibpapier. von oben bis unten und von vorn bis
hinten vollgeschrieben, und warf die immer kleiner-gewordenen Stuckchen in den Papierkörb. Dann fertigte er ein Telegramm in der Richtung nach Berlin und ein anderes in der nach Straßburg und Bafel ab und ging, die Antwort abwartend, seinen gewohnten Tagesge schäften nach. ' ES war sechs Uhr, als Herr JpS da heim anlangte; -Der Johann öffnete just das Thor sür die Küserburschen. .Ah ! der Herr Kommerzienrath ? ! schrie er, vor Staunen und Verwunde rung mitten im Wege' stehen bleibend und seinen Herrn - mit offenem Munde anstarrend.' Dann aber sprudelte eö auS ihm hervor : j,J der Tausend ! Ist die gräfliche 'Jagd jchon zu Ende, Herr Kommerzienrath? -Man sollte nicht meinen, daß eS möglich wäre! Doch wo ist unser TyraS, Herr Kommerzienrath ?" .In Berlin." .In Berlin? WaS sie sagenHerr Kommerzienrath! Und unsere famose Lesaucheux.Doppelflinte, Herr Kommerzienrath? .In Basel oder Straßburg." .Gott'S Wunder, in Basel, Herr Kommerzienrath ! Doch wie sehen der Herr Kommerzienrath denn eigentlich auS ? Schwarz gefleckt von Kopf bis zu Fuß! Die rechte Wange deS Herrn . .! i m l. v. . r
ommcrgiriirulys uno Sie linic vsama sche, schwarz und wieder schwarz, wie die Weste und die neue Joppe. Das ist ja Tinte, Herr Kommerzienrath! Ter Herr Kommerzienrath haben wohl auf Schwarzwild geiagt? Nun hielt sich Herr JpS nicht länger er hatte den Johann wohl mit Wil len ausreden und nach gewohntem Brauch seine Kommcrzienräthe eö waren diesmal ihrer. zehn! von sich geben lassen, vtnn altx riß ihm die Ge duld. Kirschbraun im Gesicht vor Zorn, faßten seine derben Fäuste den armen Johann bei den Schultern und schütte! ten ihn derart, daß ihm die Knochen im Leibe knackten. . Dabei schrie er ihm iV Ohr, doch so laut, daß es das ganze HauS hätte hören können : .Kerl, halt'S Maul und paß auf! Wer von Euch Du, oder ein Ande rer von heute an sich untersteht, mir bei jedem dritten Wort einen Kommer zienrath an den Kopf zu werfen, den rserfe ich zum Haufe hinaus. Ich will den Titel nicht mehr hören das heißt nur dann ihnchören, wenn eS der Mühe werth ist und sich schickt ! Euien Kom merzienrath soll der Teusel holen !" .Wie Sie besehlen Herr Kom merzienrath !" ' Victor Hugo über LouiS Blanc. Die von Victor Hugo ver saßte und von Edmo7.d Adam am Grabe LouiS Blanc'S verlesene Rede lautet: Der Tod eines. Menschen, wie LouiS Blanc, ist ein Verschwinden. ES ist ein Licht, welches auslöscht. Man ist von einer Trauer ersaßt die der Erschlaffung gleicht. Ader die Erschlaffung hält nicht lange an. Die glauber.den Menschen sind park. Leben ist Hoffen. Ein Licht ist ausgelöscht, aber die Quelle deS Lich teS erlischt nicht. Männer, wie LouiS Blanc, sind nothwendig : sie erscheinen wieder, wenn eS nöthig ist. Ihr Werk kann nicht unterbrochen bleiben. ES gehört zum Leben der Humanität selbst. Beweinen wir also LouiS Blanc, aber hoffen wir ! Beweinen wir ihn, aber ha den wir Vertrauen ! In diesem Augen blicke, in dieser besseren Welt, wo er ist, hört und billigt er unS. Er wollte und er tbat das Gute. Er war beredt, er war ausgezeichnet. Als Geschichtsschrei ber lehrte er. alS Redner uberzeuate er, als Philosoph brachte er Licht. Ehrenr wir seine steibliche. Hülle, virehren to sein Andenken und nehmen wir seine Unsterblichkeit hin. Solch: Menschen, wiederholen wir e, sind nothwendig. Sie müssen sterben, das ist das irdische Gesetz; sie müssnV dauern, das ist daZ himmlische Gesetz ; die Natur macht sie, die Republik will sie. WaS ist im, Grunde der Republik? Der Mensch. Was ist im Grunde der .Natur ? Gott. Wcsen wie LouiS Blanc sind höchste Ge wissen, sie durchschreiten das Leben und haben nur eine Beschästigung : die dcp pelte Pflicht zu 'thun ; vor der Geschichte, den Thatsache, den Zwischensällen, den Katastrophen, den Ereignissen, den Re volutionen den. Völkern zu dienen;, vor Gott sie zu lieben. N a t i o n a l d a.n k. Für Fer dinand Freiligrath, als er nach langem Exil ins Vaterland zurückkehren sollte, veranstaltete das deutsche Volk bekannt lich eine. Sammlung, um dem Dichter den Rest seines -Lebens angenehm zu machen. Die allgemeine Theilnahme am Schicksal 'eines LieblingssängerS äußerte sich in ähnlicher Weie schon ein mal im alten Alben. Pindar, der be rühmtepe Lyriker c.er Griechen, um 500 v. Ehr. geboren, hatte Athen aus Kosten seiner Vaterstadt Theben gepriesen und es .die Stütze Griechenlands" genannt; die Thebaner verurtheilten ihn dasür zu einer Geldbuße, die Athener aber zahl ten diese statt 'des Dichters auS ihrem öffentlichen-Schatz, und riuf ihren An trieb befahl die PYthische Prieflerin den Einwohnern von Delphi, dem Pindar die Hälste aller Opscr zu eben, die sie dem Apollo ' darbringen wollten. An den Thebauern' jedoch rächte Alexander der Große den Poeten,- als dieser selbst schon zu den Todten gegangen war; er nahm Thebens stürmender. Hand, ließ die Stadi verheern uvd nur da HauS verschonen, worin Pindar gewohnt, wie er denn auch sür Hessen Familie sorgte. Dem Nachruhm dcS großen SSngerS hat es keinen Eintrag gethan, daß ihm bei Lebzeiten in den öffentlichen Spielen (itM(Mf cro.ic v cn . : a utiuiui im coiiu um )ici3 uwyiumu!, nämlich Kotinna; der ihre Zeitgenossen den Namen .die lyrische Muse- gaben. Nur höflich. 'Mein Fräulein, würden Sie mir die gütige Frage erlauben, ob ich so freund lich fein darf, ,Sie morgen mit meint Besuch zu beehren .?. D er lattgv eilige Domino. (Her? von Moövedel geht jedes Jahr .als Domino auf den Maskenball und steht da stumm und langweillg an i Uz 5Jand zum Ae. der jungen, lustigen Damen.) .Du, zm sagte einmal eine Maske zur andern,, da schau den Domino dort drüben an der Wand der steht noch vom vorigen Jahr da!"
