Indiana Tribüne, Volume 6, Number 109, Indianapolis, Marion County, 7 January 1883 — Page 7
tragen den Brunnen wieder füllen. Ge Visjenhaft wie das heilige Feuer von den Vestalinnen erhalten wurde, sorg! man hier für den Wasservorralh, und die Kinder oder Erben eines so edlen Tod ten würden sich an dessen Andenken versündigen, wenn sie die Brunnen versie gen ließen. Sind solche Grabmonurnente, wenn sie den Zweck haben, durch Wohlthaten das Andenken an liebeTodte zu erhalten, nicht die schönsten Mauso leen ? Auf dem Grabe eines neapolitanischen Prinzen inSyrakus sahen wir zum ersten Male in Europa die orientalische Sitte nützlicher Monumente angewendet. Eine immergrüne Veranda, die sorgfältig er halten wird, bietet, am Meere gelegen, den Landenden eine freundliche Unterkunft; in den Morgenstunden wird auf den umstehenden Bänken die Dorfschule abgehalten und wenn auch nicht ein Kaf feehaus eingerichtet ist, so findet man doch in einem nahegelegenen Kiosk Er frischungen, die der studirenden Dorf jugend gratis verabreicht werden. Jenes Grabmonument dürfte das ein zige seiner Art in Europa sein jenes Achmed Pascha's im Bosporus ausgenommen, wo ebenfalls Scherbet und Kaffee verabreicht wird. Wir plaidiren keineswegs für Trinkhallen und KaffeeHSufer auf den Gräbern, um so weniger, als der Europäer sich nicht so bescheiden und ruhig in ähnlichen Anstalten be nimmt, wie der Orientale, aber der Gedanke verdient nicht unbeachtet zu bleiben, das Beispiel verdient Nachah mung. Das grause Bild des Todes soll von den Friedhöfen verschwinden dieTod len sollen mit uns leben sie gönnen uns ja die Freude am Leben. H. L.
Ein dreizehnjähriger Vatermörder. Am 4. Dezember fand vor dem Pe tcrsburger Kreisgericht ein höchst merk würdiger Prozeß statt. Vor dem Ge richt stand als Angeklagter ein nt 13 Jahre alter Knabe, Namens Michael Semenosf, welcher beschuldigt wurde, in der Nacht zum 19. Juli l. I. seinen ei genen Vater, den Fuhrenvermiether, Bauer Nikolaj Semenosf, im Unradnen nyj-Ptteulock in Petersburg wohnhaft, mittels einer Hacke während des Schla fes meuchlings ermordet zu haben. Der jugendliche Vatermörder gestand sein Verbrechen vollständig ein, hielt sich während der ganzen Verhandlung auffallend gleickgiltig und ruhig und vertheidigte sich damit, daß er nach dreijährigem Schulbesuch von seinem Vater verhin dert worden sei, sein Studium- fortzusetzen und seine Karriere zu machen." Auch habe ihn der Vater am Lesen von Romanen u. dgl. verhindert, weshalb er beschlossen habe, sich feines Lästigen, ro hen, ungebildeten Vaters-zu entledigen. Dazu bot sich mir", sprach der junge Bösewicht wörtlich weiter, .in jenerNacht (zum 19. Juli) die beste Gelegenheit, da meine Mutter, nicht zu Hause war und der Vater und meine zwei kleinen Brü der schliefen. Während ich dahin ging, sagte ich mir : Gott, was soll ich thun ? Doch gleich darauf gab ich mir selbst zur Antwoit : Ja, giebt es denn einen Gott? Wer kann das beweisen ? Dann trat ich in das Zimmer ein, in welchem mein Vater schlief. Um mich aber zu überzeugen, ob derselbe wirklich schlafe, öff nete ich ein Fenster, und da der Vater trotzdem schwieg, war ich sicher, daß er fest schlafe. Ich trat dann zu dem Bett hin und versetzte dem Vater über den Kopf einen Schlag, und blieb stehen. Der Vater fprang auf, rief Karaul !" (Zu Hilfe!) und siel dann auf die Erde. Nun trug ich die Hacke auf die frühere Stelle, kleidete mich an, es war gegen 2 Uhr Nachls und ging aus. Am Moraen erfuhr ich, daß mein Vater todt sei. Natürlich gestehe ich ein, daß ich da nichts Gutes gethan habe, doch was soll man mich verurtheilen' Die Mutter des An geklagten und die Zeugen schilderten denselben als übermüthig, unruhig.zank süchtig und arbeitsscheu, den ermordeten Vater aber als den besten Menschen der . Welt. Die Geschworenen sällten hier, auf ein einstimmiges Schuldig, und das Gericht verurtheilte den jungen VaterMörder und angehenden Nihilisten Mi chael Semenoff zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien und erklärte ihn gleichttitia aller seiner Standesrechte verlustig. Der Verurtheilte zuckte beim Anhören des Urtheils nicht mit einer MnZket und verabschiedete sich nicht ein mal von seiner anwesenden weinenden Mntter und seinen zwei kleinen Brüdern, während er auf Nimmerwiedersehen ab geführt wurde. Der glücklichste Zeitgenosse. Lied auf der untersten Steuers::,fe. Wie bin ich so zufrieden. So glücklich situirt! Ein Mensch, wie er hinieden Jetzt selten existirt. Was Andern unerträglich. Das sreut mich hundertmal Wcbl wöchentlich, ja täglich Ich hab' kein Kapital. Ich rauche nicht, am Munde Brennt mir kein Kraut, ich Hab's Vermißt noch keine Stunde. Ich trink' auch keinen Schnaps. Zur Börse geh' ich nimmer. Kaum weiß ich, wo sie liegt. Nun wißt Ihr, was jetzt immer Mich macht so sehr vergnügt. . Nun möge man besteuern. Was man besteuein kann. Was geht Ihr mich mit Euern '. Mehrblutereien an! Nicht nützlich und nicht Schade, Wie ist das magnifique ! Nein, mir ist höchst Pommade . . ' Die Wirthschastspolitik. (Wespen.) Ins Stammbuch. einem theuren LioiS. Wer wird künftig Deinen Kleinen lehren Speere werfen und die Götter ehren. Wenn der finstre Orkus Dich verschlingt? Dies wünfcht Dir Dem Dich li'.bender Ottokar Wienfricb.
Soelöe's mustkakischesLcöen. Wenn man einen Blick auf Goethe'S langes und so unendlich inhaltreiches Leben wirst, so möchte es fast scheinen, als ob der Dichterfürst, der alle bilden den Künste mit dem liebevollsten Inte resse pflegte und verehrte, der Musik nur wenig Neigung und Theilnahme ent gegengebracht hätte. Vor allen Dingen spricht dafür, daß er mit keinem einzigen der großen Tonmeister unserer klassischen Periode, die er doch von Gulck Ms Men delssohn miterlebte, in nähere und inti mere B:ziehungen getreten ist. Mozart hat er nie kennen gelernt, an Beethoven ist er gleichgültig vorübergegangen und erst zwischen dem jugendlichen MendelS söhn und dem schon greisen Dichter bahnte sich ein herzlicheres Verhältniß an. Prüft man aber die Dichtungen, Correspondenzen und Tagebücher Goe the'S genauer, so erklärt es sich bald, daß jene Umstände theils rein zufälliger Natur, theils tief begründet waren in der damaligen Zerrisienheit deS Deut fchen Reiches, in der fast absoluten Ab geschlossenheit, in der jedes kleine Länd chen für sich dahinlebte. Andererseits ergibt eS sich, daß Goethe thatsächlich von Jugend an sein ganzes Leben hindurch in den mannigfaltigsten und frucht
barsten Beziehungen zur Musik geflan den hat. Ferdinand Hiller hat sich das höchst fchätzenSwerthe Verdienst erwor den, aus dem umfangreichen Material die bedeutsamsten . dieser Beziehungen herausgeschält und in einer kleinen Skizze übersichtlich zusammengestellt zu haben. Aus dieser Zusammenstellung ergibt sich dann, daß Goethe zwar nicht selbst musikalisch besonders beanlagt war, daß er aber von Jugend auf große Freude und ein reges Interesse, an der schönen Kunst gehabt hat. und daß er von dem Verkehr mit Musikern während seines langen Lebens so viel als möglich zu profitiren suchte.' Leider waren die Munter, zu denen er in nähere Be ziehung trat, ast durchweg wohl brave und tüchtige Leute, aber nicht bedeutend genug, um dem genialen Dichter eine wirklich tiefgehende und fruchtbare An regung bieten zu können. In seinem persönlichen Verkehr mii Musikern war Goethe stets mehr der Gebende, als der Empfangende und, fo bescheiden er sich auch selbst über seine Kenntniß der rein technischen Bedingungen der Musik äußerte, hat er doch selbst auf diesem Gebiet die Fachleute überschaut, mit denen er in engere Verbindung getreten. Musik kann ich nicht beurtheilenschreibt er einmal, denn e5 fehlt mir an der Kenntniß der Mittel, deren sie sich zu ihren Zwecken bedient, und ich kann nur von di-r. Wirkung sprechen, die sie auf mich macht, wenn ich mich ihr rein und wiederholt überlaste." Stellen wir aber dieser bescheidenen elbstbeurtheilung eine der Anmerkungen zur Uebersetzung von Diderot's Romeau's Neffe" gegen über, so ergibt sich zur Evidenz, welche klaren Blicke Goethe in das musikalische Getriebe, insbesondere der Oper gethan hat. Er schreibt : .Alle neuere Musik wird aus zweierlei Weise behandelt, ent weder daß man sie als eine felbflständige Kunst betrachtet, sie in sich selbst aus bildet, ausübt und durch den verfeiner ten, äußeren Sinn genießt, wie es der Italiener zu thun pflegt, oder daß man sie in Bezug auf Verstand Empfindung, Leidenschaft fetzt und sie dergestalt be arbeitet, daß sie mehrere menschliche Geistes und Seelenkräfte in Anspruch nehmen könne, wie es die Weise der Franzosen, der Deutschen und aller Nordländer ist und bleiben wird. Nur durch diese Betrachtung, als durch einen doppelten ariadne'schen Faden, kann man sich aus der Geschichte der neueren Musik und aus dem Gewirr parteiischer Kämpfe heraushelfen, wenn man die beiden Arten da, wo sie getrennt erschei nen, wohl bemerkt und ferner untersucht, wie sie sich 'an gewissen Orten, zu g wissen Zeiten, in den Werken gewisser Individuen zu vereinigen gestrebt und sich auch wohl- für einen Augenblick zu sammengesunden, dann aber wieder aus einander gegangen, nicht ohne sich ihre Eigenschaften einander mehr oder wen! gcr mitgetheilt zu haben, da sie sich dann in wunderbaren, ihren Hauptästen mehr oder weniger annähernden Ramisicatio nen über die Erde verbreiteten. Seit einer sorgfältigen Ausbildung der Musik in mehreren Ländern mußte sich diese Trennung zeigen, und sie besteht bis auf den heutigen Tag. Der Italiener wird sich der lieblichsten Harmonie, der gefälligsten Melodie befleißigen, er wird sich an dem Zusammenklang, an der Be wegung als solchen ergötzen, er wird des Sängers Kehle zu Rathe ziehen und das, was dieser an gehaltenen oder schnell auseinander folgenden Tönen und deren mannigfaltigstem Vortrag leisten kann, aus die glücklichste Weise hervorheben und so das gebildete Ohr seiner Lands leute entzücken. Er wird aber auch dem Vorwurf nicht entgehen, seinem Text, da er zum Gesang doch einmal Text haben muß, keineswegs genug gethan zu haben. Die andere Partei hingegen hat mehr oder weniger den Sinn, die Em pfindung, die Leidenschaft, welche der Dichter ausdrückt, vor Augen; mit ihm zu wetteifern, hält sie für Pflicht. Selt same Harmonien, unterbrochene Melo dieen, gewaltsame Abweichungen und Uebergänge sucht man auf, um den Schrei des Entzückens, der Angst und der Verzweiflung auszudrücken. Solche Komponisten werden bei Empfindenden, bei Verständigen ihr Glück machen, aber dem Vorwurf des beleidigten Ohres, in sofern es für sich genießen will, ohne an feinem Genuß Kopf und Herz theilneh men zu lassen, schwerlich entgehen. Viel leicht läßt sich kein Komponist nennen, dem in seinen Werken durchaus die Ver einigung beider Eigenschasten gelungen wäre, doch ist es keine Frage, daß sie sich in den besten Arbeiten der besten Meister finden und nothwendig finden müsse." Schon als Knabe -erlernte Goethe das Klavierspiel und später in Straßburg übte er fich eifrig auf dem Violoncell, ohne es jedoch auf beiden Instrumenten jemals zu einer erheblichen Fähigkeit zu bringen. Mit Recht aber hebt Hiller hervor, daß eigentlich die meisten lyri schen Gedichte Goethe's als musikalische Ergüsse aufzusasten sind. Ist nicht Alles Musik in ihnen, der Rhythmus,
die Form, die Empfindung ? Ich glaube, der unmusikalischste Mensch wird sie kaum lesen können, ohne daß es dabei in seinem Innern töne." Nicht nurseine Lieder, sondern auch eine ganz? Reihe dramatisch. lyrischer Arbeiten hat Goethe mit direktem Hinblick aus ihre Kompost tion geschaffen. Die Singspiele .Erwin und Elmire", Claudine von Villa Bella, Jerv und Bately", die Operette Scherz, List und Rache sind so ent standen und auch sämmtlich in Musik gesetzt worden. Errorn und Elmire-, das .aus den Horizont der Frankfurter Bühne" berechnet war, wurde von Ja hann Andre in Offenbach, dem Grünöer der bekannten Verlagshandlung, kompo nirt und ist mit dieser Musik in Berlin, wohin der Komponist im Jahre 1778 als Kapellmeister berufen wurde, mit Erfolg aufgeführt worden. Diebrigen Singspiele fanden ihren musikalischen Interpreten in einem Jugendfreunde Goethe's, dem Komponisten Kyser, auf den der Dichter die größten Erwartun gen setzte uud mit dem er bis zu seiner Rückkehr von ver ersten italienischen Reise in regem Briefwechfel stand. Kayser erfüllte die Erwartungen Goethe's nicht und ihre Beziehungen lockerten sich später gänzlich. Durch die Vermittelung deS noch lebenden Freiherrn von Goethe ist
Hiller die Kayser'sche Musik zu .Scherz. List und Rache- zugänglich geworden und er beurtheilt danach die Begabung des Komponisten als eine über das Mit telmaß in keiner Weise hervorragende. In dem Briefwechsel zwischen Dichter und Komponist zeigt sich Goethe der Laie dem gelernten Jachmann gegenüber fast immer als der Vollständigere u.id Ein sichtsvollere. Eine besonders interessante Stelle ist folgende aus einem Briefe Goethe'S: Ihre Erinnerungen wegen des Rhythmus kamen zur rechten Zeit. Ich will Ihnen auch darüber meine Ge. schichte erzählen. Ich kenne die Gesetze wohl, und Sie werden Sie meist bei gefälligen Arien, bei Duetts, ws die Personen übereinstimmen und wenig von einander in Gesinnungen und Handlun gen abweichen, beobachtet finden. Ich w:iß auch, daß die Italiener niemals vom eingeleiteten fließenden Rhythmus abweichen, und daß vielleicht eben darum ihre Melodieen so schöne Beweaunaen haben. Allein ich bin als Dichter der ewigen Jamben, Trochäen und Daktylen so müde geworden, daß ich mit Willen und Vorsatz davon abgewichen bin. Vorzüglich hat mich Glucks Komposition dazu verleitet. Wenn ich unter seine Melodieen statt eines französischen Ter teS einen deutschen unterlegte, so müßte ich den Rhythmus brechen, den der Franzose glaubte sehr fließend gemacht zu haben. Gluck aber hatte wegen der 'r..:r.ic cit i. v ... t r; -. oumiciuaiugicii oer sranzoniazen uuantität wörtlich Längen und Kürzen nach Belieben verlegt und vorsätzlich ein ande reS Sllbenmaß eingeleitet, als das war. dem er nach dem Schlender hätte folgen ollen.... Ich ftna also an. den flie ßenden Gang der Arie, wo Leidenschaft eintrat, zu unterbrechen, oder vielmehr, ich dachte ihn zu heben, zu verstärken. welches auch gewiß geschieht, wenn ich nur zu lesen, zu deklamiren brauche Noch mehr hat mich aus meinem Gange bestärkt, daß der Musikus selbst dadurch auf Schönheiten geleitet wird, wie der Bach die lieblichsten Brunnen durch einen entgegenstehenden Fels aewlnnt." Kan r. . .t i . e v r nv t . irr vrrmoHie aus oitz zoeen, vle von einem klaren Verständniß des Wesens den verschiedenartigen musikalischen For men zeugen, nicht einzugehen. Aus der eben angesubrten, wie auS allen übrigen Aeußerungen Goethe's über das Ver hältniß zwischen Textdichter und Kam ponist ergiebt sich eine so liebevolle und verständnißinnige Theilnahme für die Berührungspunkte beider Künste, wie wir eS kaum bei einem anderen Dichter ersten vcangeS wiederfinden. Während seiner italienischen Reise gab Goethe zu verschiedenen Malen dem auf richtigen Entzücken Ausdruck, mit dem ihn die genial gehandhabte Opera, bulia der Italiener erfüllte. Er vrre die italienischen Texte, die dem Können der Komponisten und der Sänger in gleich vortre.stlcher Welse gerecht wur den, aber während er selbst sich mit Glück bestrebte, in derselben Weise zu arbeiten. fand er leider keinen congernalen Kom ponisten, der ihm irgendwie hätte genug thun können. Unterdenen hatte er per sönliche Beziehungen zu dem bekannten Kapellmeister Johann FriedrichReichardt angeknüpft, der namentlich die Lieder aus .Wilhelm Meister" in Musik setzte. AVer das Äerhaltnitz konnte kem dauern des und intimeres werden, weil die revo lutionären Anschauungen Reichardt'S den persönlichen Ueberzeugungen Goethes zu schroff gegenüber standen. Schon in dieser Zett aber festete sich das Freund schaftsband, welches Goethe bis zum Ende feines Lebens mit einem Musiker, der leider gleichfalls von ziemlich mfeno rer Begabung war, mit Zelter verbinden follte. Zelter war nichts weniger al eine geniale Natur, aber er war ein tüchtiger Charakter und vor All?m fes selte er durch seinen derben, urwüchsigen umor. Daraus laßt sich denn, nach Hiller's Ansicht, .die Möglichkeit eines freundschaftlichen Verhältnisses zwischen einem der größten Genies aller Zeiten und Völker und einem Tonkünfller von sehr mäßiger Bedeutung erklären, einer Verbindung, die sich durch mehr als dreißig Jahre hinzieht und an Innigkeit und Vertraulichkeit stets wächst." Zelter, der für Lieder und kräftig heitere Männerchöre eine nicht zu unterschätzende Begabung gezeigt hat, wurde durch den Verkehr mit Goethe auch zu größeren Versuchen angereizt, von denen aber gar nichts zur That geworden ist. Einmol schickte ihm Goethe seine .Walpurgis nacht" mit folgenden Zeilen : .Ich lege eine Produktion bei, die ein etwas feit fames Ansehen hat. Sie ist durch den Gedanken entstanden, ob man nicht die dramatischen Balladen so ausbilden könnte, daß sie zu einem größeren Sing stück dem Komponisten Stoff geben. Leider hat die gegenwärtige nicht Würde genug, um einen so großen Aufwand zu verdienen." Wie wenig Verständniß Zelter der Muse Goethe's entgegen brachte, zeigt sich aus seiner Antwort : .Die erste .Walpurgisnacht", ist ein sehr eigenes Gedicht. Die Verse sind musi. kalisch und singbar. Ich wollte es Ihnen M Musik gesetzt hier beilegen und habe
ein gutes Theil hineingearbeitet, allein
ich kann die Lust Nicht finden, die durch das Ganze weht, und es soll lieb:? no5) liegen bleiben." Und so ist es denn auch liegen geblieben, bis endlich Men delssohn seine wunderbare Musik dazu geschrieben. Auch den Stoff zu einem Oratorium erbat Zelter später von Goethe, der ihm daraus den Entwurf zu einem zweitheiligen gewaltigen Werke schickte, welches die ganze Geschichte des Christenthums von der Gesetzgebung aus Sinai bis zur Auferstehung umfassen sollte. Auch dieses, fast zu gewal-, tige Werk blieb natürlich unausgeführt. So konnte denn auch Zelter in keiner Weise anregend und fördernd auf Goethe wirken und wie sehr sich der letztere in seinem kleinen Weimar doch nach solcher Anregung sehnte, wie er ohne sie darbte und litt, erhellt aus folgender Briefstelle : Uebrigens lebe ich in seiner musikall schen Sphäre, wir reproduziren das ganze Jahr bald diese, bald jene Musik, aber wo keine Produktion ist, kann eme Kunst nicht lebendig empfunden werden." Wie ungetrübt aber Goethe's Blick für alles wahrhaft Große und Geniale in der Musik trotz alledem geblieben, das zeigen feine zahlreichen Aeußerungen über Mozart, die um so bedeutsamer sind, alS der Werth dieses einzigen Mei sterS nicht nur damals durchaus nicht allgemein anerkannt war, sondern selbst heute Vielen noch lange nicht in seiner ganzen Gröe klar geworden ist. Wir geben deshalb einige dieser Aeußerungen, die sich in Eckermann's Gesprächen fin den, auch hier unverkürzt wieder: .DaS musikalische Talent kann sich wohl am frühesten zeigen, indem die Musik ganz etwas Angeborenes, Inneres ist, daS von Außen keiner großen Nahrung und kerne? aus dem Leben gezogenen Ersah rung bedarf. Aber freilich, eine Er scheinung wie Mozart bleibt immer ein Wunder, das nicht weiter zu erklären ist. Doch wie sollte die Gottheit überall Wunder zu thun Gelegenheit sinden, wenn sie es nicht zuweilen in außer ordentlichen Individuen versuchte, die wir anstaunen und nicht begreifen, woher sie kommen." ' Ein andermal heißt es : .Was ist Genie anders, als jene pro duktive Kraft, wodurch Thaten entstehen, die vor Gott und der Natur sich zeigen können und die eben deßwegen Folge haben und von Dauer es sind. Alle Werke Mozart's sind von dieser Art; es iiegt in ihnen eine zeugende Kraft, die in Geschlecht zu Geschlecht fortwirkt und sobald nicht erschöpft und verzehrt sein dürste. Und end. ich: .Wie kann man sagen, Mozart habe seinen Don Jaan komponirt! Komposition! AlS ob es ein Stück Kuchen oder Biscuit wäre, daS man aus Eiern, Mehl und Zucker zusammenrührt! Eine geistige Schöpfung ist es, das Einzelne wie das Ganze aus einem Geiste und Guß und von dem Hauche eines Lebens durch drungen, wobei der Produzirende keines wegs versuchte und stückelte und nach Willkür verfuhr, sondern wobei der dämonische Geist seines Genies ihn in der Gemalt hatte, so daß er ausführen mußte, was jener gebot !" ' Der letzte und der einzige bedeutende Komponist, zu dem Goethe jemals in persönliche Beziehungen getreten, war Felix Mendelssohn, den er 1821 als Knaben kennen lernte und den er 1830 als fertigen Künstler zum letzten Male sah. Nach dieser letzten Zusammenkunst berichtete der greise Goethe mit der ihm zur zweiten Natur gewordenen Maß:gung an Zelter : .Mir ward seine Ge genwart besonders wohlthätig, da ich fand : mein Verhältniß zur Musik sei noch immer daffelbe; ich höre sie mit Vergnügen, Antheil und Nachdenken, liebe nur das Geschichtliche; denn wer versteht irgend eine Erscheinung, wenn er sich nicht vom Gang des Herkommens penetrirt? Dazu war denn die Hauptsache, daß Felix auch diesen Stufengang recht löblich einsieht und glücklicherweise sein gutes Gedächtniß ihm Musikstücke aller Art nach Belieben vorführt. Von der'Bach'schen Epoche heran hat er mir wieder Haydn, Mozart und Gluck zum Leben gebracht. Von den großen neue ren Technikern hinreichende Begriffe ge geben und endlich mich seine eigenen Produktionen fühlen und über sich nach denken machen; ist daher auch mit mei' nen Segnungen geschieden." Max Schoena u. ZSkiynachksftft in Kngland. San Vmanuel chmidt. HZuf: Holz och auf! Der Wind ist li'l; Toch lauft er gleich mit Allgemalt, Wir feiern Wtthnscht, jung und alt. Von jeher lud die JzhreSzeit Zu Frohsinn ein und Gastlichkeit. Dem heidnisch loüen Dänen war Sein Jul daS schönste g;fl im Jihr. : zog die Schiffe auf den Strand; In Hall' aus Fichtholz, deren Wand La:, Lerten stzr.t' und manche: Schild, F ihrt'er sein TchifsZvsürZub'risch wild. Man aß vom halbgebratnen Stier Und zechte strommeiZ Meth und Bier. Mit Knochen halb benagt warf dann In rohem Scherz sich Jedermann; ' Auch haschte man im Freudendrang Der S.'alden schrillem Schlachtgesang. Wie toll stürnt dann hervor die 2chaar Es fliegt um' Hauxt ihr rothes vaar Und , igt int Tanz um S FeuerZheit Solch eine wüst: Lustigkeit, Taß man auf Erden kaum ie ahnt. Daß sie an Odin Hallen mahnt. Aus diesen Versen, welche Sir Walter Scott dem sechsten Gesänge seiner epi schen Dichtung Marmion voranschickte, sehen wir, wie Weihnachten vor Einführung des Christenthums in England ge feiert wurde; denn da Julfest war den Angelsachsen und Skandinaviern ge meinsam. Der Name Yule, der mit dem englischen Worte wlieel zusammen hängt, bezeichnet das Sonnenrad ; es ist eine Feier der Wintersonnenwende, der Wiederkehr der Natur zu Licht und Le ben. Ans die Sonne deutet ursprüng lich daS Julfcheit hin, so gut wie. der Lichtglanz unseres Weihnachtsbaumes. Die Hauptsache war also das Anzünden dieses Julscheits oder Julblocks amVor abend deZ WeihnachtStagö. Nachdem die ursprüngliche Bedeutung des Festes langst vergessen war, versammelte man sich noch immer auf Landsitzen um den inmitten der Halle liegenden gewaltigen Klotz; die einzelnen Familienglieder fetz ten sich daraus, sangen ein Wcihnachts lied und tranken auf ein fröhliches Fest.
Dann wurde daS Julfcheit auf den Herd gehoben und mit einem zu diesem Zwecke sorgfältig aufbewahrten Stück Holz vom Julfcheit des letzten Jahres in Brand gesteckt, indem man noch ein anderes Feuerungsmaterial aufschüttete und die Flammen zu heller Gluth anfachte. Da bei brannte die auf dem Speisetisch sie hende Weihnachtskerze, oder es trug jeder der Gesellschaft eine solche Kerze in der Hand. Licht und Glanz gehörte in England wie bei uns wesentlich zu dem Feste ; die Nacht sollte zum Tage wer den. Indem da? heidnische Mittwinterfest allmählich in die christliche WeihnachtS feier überging, wurde der alte Name deffelben HSusig auf daS lateinische Wort jubilnrn zurückgeführt und vom Jubel der Christenheit über die Geburt deS Heilandes gedeutet;. man kann aber auch lagen, daß das christliche Fest in dulci jubilo, b. h. in Saus und BrauS be gangen wurde. Die kirchliche Messe (muss) gab dem Tage den Namen (3hri3tma3; aber der religiöse CHa rakter deS Festes trat gegen die Feier eines bloßen Freudentages zurück. Selbst die Weihnachtölieder besaßen zum Theil einen hei'-rn, weltlichen Charakter; eS wurde tu :in nicht nur das wunderbare Aufgehen des SternS im Osten und die
Geburt des Herrn gefeiert, fondern auch gemahnt, daß man es an Lustigkeit nicht fehlen lasten, dab man den innerenMen schen nicht vergessen sollte. Bei diesem Ausdruck denkt aber der Engländer kei neSwegS immer an seine unsterbliche Seele, sondern meist an seinen leeren Magen. Die Lieder allerdings, welche man setzt am Weihnachtsabend in Lon don vor den Häusern, wie bei uns auf dem Lande, von Kindern, auch wohl von Erwachsenen singen hört, könnte man geradezu als Gesangbuchverse bezeichnen; sie scheinen aber nicht sehr alten Ursprungö zu sein, sondern dürsten mei stens aus einer Zeit stammen, als eine Reaktion gegen die Verweltlichung des ckristlicken Festes eingetreten war. Der Name Chri3tmas carols, der aus dem Lateinisch: coirolla entstanden ist, bezeichnet dieselben als Liederlränze. . Die herumziehenden Weihnachtssänger erwarten, wie x überall die Kirnst des Gesanges naHÄrot zu gehen pflegt, Be Wirthen oder ein Geldgeschenk. Wie ferner in Deutschland und hier zu Neu jähr Contribationen erhoben werden, fo geschieht dies in England zu Weihnach ten. Fleischer und Backer schicken zu diesem Zwecke ihre Lehrlinge in die Hau ser und bedenken selbst wieder dieDienst' mädchen, die ihnen ihre Kundschaft verMitteln. Der Tag nach Weihnachten heißt Boxing day von denWeihnachts geschenken, Christmas boxe3,und diese selbst wieder Haben ihre Namen daher, weil die Trinkgelder in Sparbüchsen aus gebranntem Thon gesteckt werden, die man zerbrechen muß, um daS Geld her auSzunehmen. In ziemlich alte Zeit hinauf reicht die Sitte, zur Weihnachtszeit die Hauser mit grünen Zweigen zu schmücken. Da das englische Klima sich durch einen milden Winter auszeichnet, so gedeihen in englischen Gärten viele Sträucher, welche ihr Laud nicht verlieren. Die Blätter derselben dienen zur Verschönerung der Zimmer um Weihnachten, indem man Thüren damit bekränzt, um Spiegel, Kronleuchter und Lampen, auf den T:schen und an Speisen frische Dekorativ nen anbringt. Vorzugsweise verwendet man zu diesem Zweck außer Epheu und Lorbeer die Stechpalme (ilex aquifo liurn), deren Blätter sich durch wellen förmige Biegung, durch dunkle Farbe und durch Glanz auszeichnen und in Zacken mit Spitzen auskaufen. Mitten im Winter prangt sie mit Trauben glän zendrother Beeren, welche in den Guirlanden eine ganz besondere Zier bilden. Auch Fenster und Pfeiler der Kirchen wurden schon früher, wie noch jetzt be sonders im Süden Englands, mit Kränzen.von immergrünen Sträuchern geschmückt. Wenn gelegentlich erwähnt wird, daß man dazu auch die Mistel (mi8Üetoe, viscum album) nehme, fo düif:e dieselbe nur irrthümlich in die heiligen Räume eingeschmuggelt werden. Denn diese auf Bäumm wachsende Schmarotzerpflanze mit gelblich grünen, dicken und pergamentartigen, paarweiS gegenüberstehenden Blättern und wei ßen, im Dezember reifenden Beeren, aus' denen Vogelleim bereitet wird, spielt sowohl in nordischen Sagen als im Kul tus der Druiden eine bedeutende Rolle und rührt als Zugabe der Weihnacht? feier jedenfalls aus derHinterlassenschi.fr der letzteren her. Wenn nun hiernach die Mistel in daS christliche Gotteshaus nicht hineingehört, fo spielt sie dasür eine bedeutende Rolle im Wohnhause. Man hängt im Zimmer der Weihnachtsfeier einen Mistelzmeig auf. Wehe dem weib lichen Wesen, daS sich darunter betreffen läßt ! Ihm hilft kein Sträuben, es muß sich einen Kuß gefallen lassen, und zwar wurde ursprünglich b:i jedem Kuß eine Beere abgepflückt. Nun hat dieser durch sein Alter geheiligte Brauch allerdings in demselben Maße abgenommen, als man überhaupt mit dem Küssen exclusiver geworden ist. Der früher übliche Begrüßungskuß zwischen Herren und Damen in befreundeten Kreisen ist längst nicht mehr an der Tagesordnung, wie sich auch die Engländer oft darüber lu stig'machen, daß Männern auf demKon tinent zur Bemillkommnung oder zum Abschied ein Händedruck nicht genüge. Kein Wunder also, daß man die Mistel im Salon nicht mehr sieht. Aber die kleineren Bürgersleute halten an der Sitte ihrer Väter fest, und Bediente, Köchinnen und Mägde verlangen in der Küche ihren Mistelzweig. Auch in alt fränkischen Familien, besonders auf dem Lande, läßt man von dem Hergebrachten nicht ab; der Mistelzweig ist Emblem der Weihnachtszeit in der Halle. In den Pickwickern hat Dickens die alt-eng lische Sitte zu einer komischen Schilde rung benutzt, wie der alte Herr abge strast wird : Nachdem Herr Pickwick die alteDame geküßt hatte, stand er da unter dem Mistelbusche und blickte mit einem höchst vergnüglichen Gesicht auf Alles hin, was um ihn vorging. Da stürzte die junge Dame mit den schwarzen Augen, nach dem sie den anderen jungen Damen etwas zugeflüstert, plötzlich aus Herrn Pick wick los, schlang ihm den Arm um den
Hals und küßte ihn zärtlich auf die linke Wange. Noch ehe es Herrn Pickwick klar wurde, was eigentlich los sei, war er von der ganzen Schaar umringt und wurde von jeder geküßt. Es war ergötzlich anzusehen, wie Herr Pickwick im Mittelpunkt der Gruppe, bald hierhin, bald dorthin geschoben, erst aus das Kinn, dann aus die Nase, dann auf die Brille geküßt wurde, anzuhören da von allen Seiten schallende Gelächter; aber noch weit ergötzlicher war eS z-i sehen, wie Herr Pickwick bald nachher, als man ihm mit einem seidenen Taschentuch die Augen verbunden hatte, gegen die Wand fiel und in die Ecken hineingriss und alle geheimnißvollen Bräuche deS Blindekuh spiels mit unaussprechlichem Behagen durchmachte, bis er endlich einen der armen Vettern erwischte." Der Engländer hat im Vergleich mit uns Deutschen für alle Verhältnisse so wohl deS öffentlichen Lebens als des Privatverkehrs viel bestimmtere Formeln. So giebt es auch für Weihnachtsgruß und Glückwunsch zum neuen Jahre die feststehende Redensart: Ich wünsche Ihnen ein fröhliches Weihnachtsfest und ein glückliches Neujahr !" in der sich die vorwiegend weltliche Auffassung der Christfeier kundgiebt. Die Antwort lautet ebenso stereotyp: Ich wünsche
Ihnen dasselbe ! Man faßt jene beiden Punkte kurz zusammen in dem Ausdruck : Die Komplimente der Jahreszeit", dessen man sich auch in der Schlußsormel von Briefen bedient : Mit den Kompli ment'n der Jahreszeit verbleibe ich" u. f. w. Scherzhaftermeise bezeichnet man als Weihnachtskomplimente bisweilen die kleinen Leiden des Winters, Erkält tung, Schnupfen und Husten. Die soeben erwähnten, selbflverständ lich auch hier üblichen Sprachwendungen stammen jedenfalls aus alter Zeit her; die Sprache ist meistens konservativer als das Leben, daß die Gebräuche der Vergangenheit nur allzuleicht abstreist, oder bloß das behält, was in die neuen Verhältnisse hineinpaßt. DaS Julfcheit wird höchstens noch auf dem Lande hier und da angesteckt. Auch ein anderer Hauptbestandtheil der ursprünglichen Weihnachtsfeier lebt nur noch im Ge däch!niß der Sprache fort, das mit dem Namen wa58ail bezeichnete Getränk. Dieser Ausdruck, entstanden, aus dem altenglischen Zuruf beim Gesundheils trinken wes hal (sei heil ! sei wohl ! also gleichbedeutend mit pn)3it) wird sowohl von einem Trinkgelage, als von dem getrunkenen Stoff gebraucht. Die wassail bowl wurde bereitet aus heißem mit Ingwer und Muskatnuß gewürztem Bier, in das man Zucker und geröstetes Brod (toa3t) hineinthat, und worin auch, was uns als seltsame Zu sammenstellung erscheinen dürfte, gebra tene Aepsel schwimmen mußten. Jetzt ist dies alte Gebräu abgekommen und wird durch andere heiße. oder kalte Getränke ersetzt. DaS Hauptgericht des Weihnachtsmahls bildete in alten Zeiten ein Eber' köpf. Auf wilde Eber hat man freilich längst verzichten mnff:n, weil die letztem derselben in den Bürgerkriegen ausgerot tet wurden. Jetzt ist vom Eberkopf kaum noch die Rede; der eigentliche Weih, nachtsbraten ist in den wohlhabenden Kreisen ein Truthahn, d:r geradezu Weihnachtsvogel genannt wird. Ste hendeS Weihnachtsgericht war in alten Zeiten eine Fleischbrühe mit Pflaumen und Rosinen, deren Namen plumpo? ridge den auf allen VolkSbetustigungen von weltlich: Charakter erbitterten Puritanern eine beliebte wegwerfende Bezeichnung deS ganzen Weihnachts festes nach anglikanischem Brauch lieferte. Der Plumpudding, d:n man sonst in England keineswegs so ost be reitet, als man sich anderswo gewöhn lich einbildet, steht zu Weihnachten aus der Tagesordnung. Dies gilt auch von den mince-pie3, Pastetchen auS gehacktem Fleisch mit kleinen Rosinen, allerlei Gewürz und süßen Zuthaten. Früher liebte man bekanntlich das Kolossale; daher kam es auch vor, daß man ge legentlich Weihnachtspasteten bereitete, die ein paar Zentner wogen und in einem besondern Kasten auf Rädern über den Tisch besöldert werden mußten, lieblich war in alten Zeiten auch das Backen von Weihnachtsstollen oder gro ßen Kuchensemmeln in Gestalt von Puppen und Kindern. Da dies eine Dar stellung deS Christkindes sein sollte, so war es natürlich, daß die bilderstürmen den Puritaner daran besonderen Anstoß nahmen. Zu den Hauptvergnügungen gehörten sonst und gehören auch jetzt hier und da tolle Verkleidungen, theils Jmprovisa tionen, theils gehörig vorbereiteter Mummenschanz. In alten Zeiten bildeten die sogenannten hobb$--ho?3e8 Tänzer, die in Pferden von Pppe sta ken und zu reiten schienen, einen wesentlichen Bestandteil deff,lben. Der Füh rer aller derartigen Lustbarkeiten war ein eigener Fürst des Unfugs, Lord of Misrule, auch wohl Christmas Prince genannt. Es wurde viel gespielt und getanzt; in der ganzen Weihnachtszeit, die man bis Epiphanias, den C. Januar, ausdehnte, waren die in früheren Jzhr Hunderten zu jeder andern Zeit streng verpönten Würfel und Kartenspiele ge stattet. Noch jetzt tanzt man viel zu zu Weihnachten und nimmt allerlei lär mende oder stille Gesellschaftsspiele vor. Dahin gehört da? schon oben erwähnte Blindekuhspiel, sowie ein eigenthümlicher Spaß unter dem Namen 8nap-bragon, den sonst die Blume Lövenmaul führt. Die Spielenden suchen Rosinen aus an gezündetem Cognac in einer flachen Schüffel mit bloßen Fingern herauszu holen, ohne sich dabei zu verbrennen. Einen typischen Charakter wie unsern Weihnachtsmann, oder Knecht Ruprecht, kennt der Englander nicht. Doch hat Dickens, den wir als den ProsaDichter des Weihnachtssesteö bezeichnen dürfen, diese Lücke ausgefüllt, indem er die Stimmung, in der daffelbe begangen wird, in einer Personifikation wiederge geben hat. Er schildert in seinem Weih nachtsliede (C!m8tma3 carol) den Geist des Festes als einen lustigen Rie sen auf einem aus Speisen und Früchten aufgebauten Throne mit einer Fackel in der Hanö. Er ist bekleidet mit einem dunkelgrünen losen Gewand mit Besatz von weißem Pelz, das die breite Brust sehen läfe und nicht ganz bis aus die
nackten Füße reicht. Auf dem Haupte trägt er einen Kranz von Stechpalmen, hier und da mit glitzernd? Eiszapfen. Seine langen dunkelbraunen Locken mU len frei ; Freiheit spricht aus seinem heiteren Gesicht und seinem leuchtenden Auge, und damit stimmt die offene Hand, die muntere Stimme, das zwanglose Wesen, der ganze Ausdruck der Freude. Am Gürtel trägt er ein alte Schwert gehenk mit leerer, von Rost verzehrter Scheide. Obgleich die Weihnachtöbräuche nur noch zum Theil aufrechterhalten werden, ur' der ursprünglich von Prinz Albert ewgesührte deutsche Christbaum immer mear in Ausnahme kommt, fo feiert man Weihnachten doch noch in dem alten .Geis.'e als ein Fest, an dem die Gastfrei heit sich gegen Freunde und Fremde be währen !ann, an dem die Mildthätig keit auch den Armen einige frohe Augen blicke bereitit. Die Weihnachtszeit ist außerdem eine Zeit der Verföbnung, der Vereiniguxg derer, welche sich lieb haben, die allgemeine Freude und Hoffnung auch für bekümmerte Seelen. Dieser Auffassung hat Charles Mackay AuS druck gegeben in einem G:dichte mit der Ueberschrift: Unter dem Stechpalmen zweig", von dem wenigstens une Stro phe mitgetheilt werden foll : Jr. die ihr euch nicht liebet. ' rüder und freund frutüdtrt In diesem flZcht'gen Jahr, Tit ihr e,-ch noch ergöztet. Wenn ihr ein Herj verletztet, Kommt her zu uns'rcr 5chaar. Ob and're sich vermess.n, vfet un des StreitS vergessen In sritdlichem vergleich. Freu euch rersöhnt deZ LcbenS, Sprecht Wotte deS Screeben
. Unter dem Ctechsalmzweig. Der Bettuödurchgang. Die himmelserfcheinung vom 6. De zember hat einemAbonnentcn der inOelS erscheinenden Lokomotive an der Oder" Vcranlaffung gegeben, der Blatt einen Brief zur Verfügung zu stellen, welchen eine Dame bei Gelegenheit des VcnuS durchgangs imJahre llöl (also deS vor letzten Durchgangs an eine Fnundin ge schrieben. Der Ärief hat folgenden Wortlaut: Bcrnstadt, den 17. Juni 1761. Ich bin gestern mit meiner Schwester vom Lande zurückgekommen, wo ich mich einige Tage aufgehalten, und zwar zu ei ncr Zeit, da sich die Merckwürdige d?yc benheit ereignet, daß die Venus ihren Lauf durch die Sonne genommen, hatte man wohl geglaubt, das niemand auf dem Dorfe sich darum bekümmerte ? doch das cs auch unter den Gemeinsten Leuten Witzige und neu gierige Köpfe giebt, hat auch hier die Erfahrung gelehret, schon vor Anbruch des Tages sahe man die ganze gemeine vom Scholtzen bis auf den Hirten zusammen kommen, jeder erwarte te sehnlichst den Ausgang der Sonne, so bald sie sich zeigte so waren aller Auen auf sie gericht, einige bedienten sich beraucherter Gläser, andere aber grüner Blätter, das sie von der Sonne nicht geblen det würden. Nun sahen sie einen schwar zen Flecken in der Sonne, das war der Venus, (Nach ihrer Aussprache), welcher bei der Sonne vorüber maschierle. Wie nun alles vorbei war so hörte man die niedlichsten Discurse, theil was sie ge sehen, theils, waö es wohl bei gegenwär tigen kriegrifchen zeit vor cineBedeutunz haben möchten von ihren unvergleichli chen Urtheilen waren sie auch nicht adzubringen, so sehr man sich auch bemühte iljncn alles zu erklären, daß die Sternekundiger dergleichen begebenheiten zu tausend Jahren vorher ausrechnen kön nen, und das man hieraus die Ordnung in der Natur erkennen, aber auch die All macht und Weisheit des Schöpsers prei sen sollte. Lasset uns vielmehr, riefen wir ihnen zu, von diesen leblosen Ge schöpfen, die ihren Lauf in beständiger Ordnung unverrückt fortsktzen, lasset uns von ihnen als Vernünftige Geschöpfe weit mehr den Weg der Befehl: GotteS zu laufen, und nicht so mulhwilliz davon abweichen, und unsern Verderden Be gierigen folgen ! dergleichen erbauliche Betrachtungen stellten mir nochmehr an, auch über andre Dinge, wir möchten auf dem Felde, oder im Walde oder in gär ten herum spazieren, und so brauchten wir die Geschöpfe alsLeitern, zu dem Schöp ser hinaus zu steigen. Juliane Ulrike Kühnelin. Eskimo Ja g e r L a t c i n. Wenn die EskimoJSger in ihren Ka then am Nordpol Abends um das Thranfeuer liegrn, und sich ihren Grog von Rennthierblut schmecken laffen, er zählen sie sich nicht minder hübsche Jagd geschichten, wie wir sie auS den Kreisen unserer Jäger kennen. Jägerlatein wird eben überall gut gesprochen. Einem eu ropäischen Jäger von der Nordenskjöldi schen Expedition wurden bei einem Besu che einer ESkimo-Jägerkathe folgende wahrhaftige Mittheilungen gemacht: Wie die schlauen Eskimos sich der lästigen Polarwölfe entledigen. Der Eskimo bc streicht nämlich ein haarscharf geschlis jenes Messer mit Renntierblut und der grabt es, natürlich mit der Schneide nach oben, im Schnee. Der von Hunger ge penigteWols wittert diese Lockspeise grübt sie aus und leckt gieriz an diesem so tü ckisch präparirten Messer. Bei der schar sen Kälte merkt er nicht, daß er sich da bei die Zunge arg zurichtet, glaubt viel mehr immer neues srischesBlut zu lecken; so wird denn sortgeleckt, bis die Zunge total zerschnitten ist und der Wols an Verblutung elend zu Grunde geht. Eine andere, nicht minder schlaue Art, Wölfe unschädlich zu machen, ist die, daß der Eskimo auS Blechflreifen Spiralen anfertigt, zusam mendreht und mit einer Sehne bindet, diese Spiralen in Fleischstücke einwickelt und dasGanze einsrieren läßt. DerWols nimmt den so harmlos aussehenden, in der Nähe der Hütten auSgelegtenBrok ken, verschlingt ihn, weil gesroren, im Ganzen; im Magen thaut daS Fleisch auf, die' Sehne wird weich bums die Spiralfeder geht loö und zerreißt dem Beest den Magen. ES gibt viele Leute, die nicht bloö glauben, daß die Eide sich um ihre Axt dreht, sondern auch, daß sie selber diese Axe sind.
