Indiana Tribüne, Volume 6, Number 109, Indianapolis, Marion County, 7 January 1883 — Page 6

politische Sesangene in Sl-virien.

Ein englisches Sprichwort sagt: 'Eine Lüge geht um die ganze Erde, bevor die .Wahrheit ihre Stiesel an hat Und wenn die Wahrheit in ihrer ZZukbeklei düng steckt, so sind es ebenfalls keine Siebenmeilenstiesel, könnten wir'zufü gen. Ja, die Lüge ist lange und blei bend eingebürgert, ehe die Wahrheit aus ihrem langsamen Marsche an Ort und Stelle angelangt ist. Obendrein sind unwahre Geschichten immer viel anzie hender und pikanter, man erinnert sich daran viel besser, sie haben eine dämonische Krast, sich dem Gedächtniß viel besser einzuprägen, als die ungeschminkte, bescheideneWahrheit mit ihrer ost trocke nen Darstellung uninteressanter That sachen. Ueber dieses Kapitel ließe sich viel schreiben, doch müssen wir zurSache. Ueber keinen Gegenstand im weiten 23c reich der Zeitgeschichte ist unseres Wissens so viel und so beharrlich gesäbelt worden, als über Sibirien und die sibi rische Verbannung und die Gefangen schaft politischer Verbrecher in jenem un endlichen Lande. Gestehen wir nur, daß auch wir über da?, was in Sibirien vor geht und vorgegangen ist, sehr schlecht berichtet warcn.ehe uns Henry Lansdell's Buch : Durch Sibirien- unter die Augen kam. Mr. Lansdell hat Rußland und Si birien durchreist mit dem doppeltenZiele, die Staatsgesängnisse des Lande zu be suchen und zum Wohl der Gefangenen Bibeln und Testamente zu vertheilen. Natürlich war sein Besuch nur ein fluch tigeS Vorbeieilen, und die Aufschlüsse, die er uns in seinen zwei Banden gibt, sind zum Theil den bereits veröffentlich ten Werken über Sibirien entnommen, die er in einem vollständigen Index am Ende des zweiten Bandes ansührt, zum Theil aber schöpst er sie aus denMitthei lungen der Behorden.die ihn mit lobens werthem Eiser über Alles, was er missen wollte, unterrichtet zu haben scheinen, zum Theil sind sie auf persönliche Beob achtungen oder Mittheilungen von Ge fangenen gegründet. Was uns in seinem Werke am meisten interessirt, sind seine Mittheilungen über das Loos der sogenannten politischen Verbrecher, über welche die widerflreitendstenAngaben ge macht worden sind. Die Gährung der letzten Jahre, die tollkühnen und ver zweifelten Handstreiche der Nihilisten, die Verhaftung zahlreicher Attentäter müssen ein ordentliches Kontingent zum Abschub nach Sibirien geliefert haben. Aber wie viele sind es ? Ein Mr. Whyte macht z. B. die erstaunliche Berechnung, daß in Oststbirien allein 30.00040.00 poli tische Verbannte polnischer Abkunst sich befinden. Das würde einer jährlichen Einwanderung von 4000Polen entsprechen. Während im Jahre 1879, als der Versasser durchreiste, die Zahl der polni fchen gemeinen Verbrecher blos 898 be trug. Die Zahl der politischen Verbrecher ist nun gemeiniglich kaum ein Zehn tel der gemeinen Verbrecher, wonach die Angaben des Mr. Whyte um vierzigmal zu hoch gegriffen sein müssen. Im näm lichen Jhre, da Mr. Lansdell Sibirien besuchle (1879), waren die Verhaftungen van Nihilisten besonders häusig; ein Attentat auf das Leben des verstorbenen Czaren hatte eben stattgefunden. In englischen Zeitungen, der Daily Tele graph" wird besonders citirt, circulirte die Nachricht, daß eine große Menge Po Mischer Verbrecher zur See von Odessa aus nach Saghalien abgeschoben wür den, insofern die Transportmittel über Land den Anforderungen nicht mehr genügen könnten. Nun reisten Mr. Lans dell und sein Dolmetscher aus der einzi $en Straße, welche diese Leute einschla gen konnten, und die Zahl der Deportir ten betrug nach ihrer genauen Berechnung etwa 120 Individuen, von welchen sie sünszig selbst antrafen. Allerdings ist es sehr schwer, über die Zahl und die Behandlung der politischen Verbrecher absolut zuverlässige Angaben ?u erhalten, aus dem einsachen Grunde, weil statistische Daten' nicht zugänglich sind. Dagegen hat unser Reisender leine Gelegenheit vorbeigehen lassen, solche Deportirte selbst zu befragen : dies ist um so leichter.als sehr viele in ihremExil in verhältnißmäßiger Freiheit leben und es ihnen überlassen bleibt, sich ihren Le bensunterhalt in bestmöglicher Weise zu verdienen. Auf der anderen Seite ist es aber nöthig, diejenigen, welche sich als politische Verbrecher ausgeben, mit Vor ficht zu behandeln. Ein .Politischer" wird unier seinen Genossen immer als ein Gentleman angesehen; seine Verur theilung und Verbannung wegen politischer Vergehen gibt ihm eine Art gesell schastlichen Rang, den sich deshalb viele gemeine Verbrecher Fremden gegenüber anzumaßen suchen. Die meisten und gkfährlichsten politi sche.i Gefangenen bisinden sich in der Provinz Za.Baikal. Diese Provinz, etwa 240.000 engl. Quadratmeilen groß, liegt außerhalb der gewöhnlichen Ver kehrsstraßen. Reisende, die nach dem Stillen Meere reisen, lassen sie zur Rech ten lieqen, undKaufleute auf ihremWege nach Kiakhata gehen liktks an ihr vorbei. Sie ist eine Art Sackgasse, und eignet sich zum natürlichen Staatsgesängniß um so besser, als ein Gefangener die größten Schwierigkeiten hat, sich zu entfernen. Im Norden findet er endlose Walde?, die ihm wohl im Sommer Bee ren als Nahrung liefern. im Winter aber sicheren Tod bereiten. Im Süden liegt die mongolische Wüste. Im Osten zwar, wenn er oenArnur erreicht, könnte er seinen Weg stuy-.nbicaits nach China und ocm cUdm Meer finden, aber die Ent fcrmng ist '2000 Meilen, und durch chinesisches Geditt. Im Westen bildet der oauj! v!,uiiiut in ucn vev'.rgen. zsjit Verwendung politischer Verbrecher in diesen Bergwelken wuß dielkosten ihres Unter r?xY?iitvi in s. !. y balts bedeutend vermindern Städte sind es, welche in dieser Vrovi., wer als Wohnorte politischer Verbrecher eine traurige Berühmtheit erlangt haben: Nertchinsk und ttara, und beide hat Mr. Lansdell besucht und widmet ihnen meh rere höchst interessante Kapitel. Nun ist es eine allgemein verbreitete Sage, daß

eine natürläe Greine. Was

jedoch die TranZaikal-PcovInz bcson dcrs wert.voll mt, ist ihr Reichthum an fcjuio ur.b Siiber. auck, finb:n firn

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die, schlimmsten politischen Verbrecher in der erstgenannten Stadt in Quecksilber minen einem schnellen und sicheren Tode entgegengehen. Nicht nur in Zeitungen, sondern in ernsthasten Werken findet sich diese Behauptung wiederholt ausgestellt. Es kommt aber Quecksilber in dieser Gegend gar nicht vor, und der Verfasser, welcher mit lobenöwerthem Eifer diesen Gegenstand ergründet hat, kommt zum Schluß, daß die ganze Geschichte eine böswillige Erfindung ist. Auch die Ar beit in den Silberbergwerken ist keines wegs so schrecklich, als viele Autoritäten uns glauben machen wollen. Natürlich kommt gar viel auf den Gouverneur an. So hatte z. B. vor zwanzig Jahren Nertchinsk einen Direktor, welcher will kürlich die Rationen der Gefangenen verkürzte, von vier Kosacken begleitet, umherging, die mit der Knute Jeden peitschten, der nicht die vorgeschriebene Arbeit that oder thun konnte. Allein auf die Klagen und Vorstellungen der Unterbeamlen hin wurde dieferDirektor, Namens Rozguildieff, entfernt. Ein politischer Gefangener, ein Pole, der in den Nertchinsker Bergwerken zu harter Arbeit verurtheilt worden war, erzählte dem Mr. Lansdell, daß Niemand ihn gezwungen habe, zu arbeiten. Möglich, daß er eine nützlichere Verwendung fand. Jedenfalls hatte er sich weder über seine Behandlung, durch die Wärter und Be amten, noch über seine Rationen (3 Psd. Brod und -fr Psd. Fleisch täglich) zu be klagen. So groß war seine Zufrieden heit mit seinem Loos, daß er , erklärte, wenn der Kaiser ihm erlaube, in seine Heimath zurückzukehren, so werde er sicherlich gehen; allein er ziehe seinen Aufenthalt in Sibirien der Gefangen schaft in Rußland selbst vor. Jedenfalls ist in letzterem Lande die Polizeiaussicht weit strenger und drückender, als in den asiatischen Provinzen. Was unserem frommen Reisenden am härtesten vorkam, ist die Nichtachtung des Sonntags. In der That gibt es in den von ihm besuchten Strafkolonien nur wenige ffeiertage im Jahr, vier an gewissen Orten, dazu kommt jedoch der Badetag, der in Kara wenigstens alle vierzehn Tage stattfand und als Ruhetag beobachtet wurde. Die Arbeitszeit beträgt meistens dreizehn Stunden, so war es 1866 in Nertchinsk, so wurde eö in Kara gehalten zur Zeit des Besuches des Mr. Lansdell. Um Mittag eine kurze Frist für Essen ausgenommen,wenn die Gefangenen selbst andere Anordnungen treffen, denn es scheint, daß diese in dieser Beziehung so ziemlich thun können wie sie wollen, so lange sie den Kosacken, die Wache halten, nicht unnöthige Mühe verursachen. Im Uebrigen ist Nertchmsk klimatisch kein unangenehmer Ausent Haltsort; 2230 Fuß über dem Meer, ist es eine äußerst gesunde Stadt. Wie Nertchinsk freut sich auch Kara einer sehr schlechten Reputation. Es ist ersreulich zu finden, daß es, dem Urtheil des Reisenden zufolge, besser ist als sei Ruf. Die Strafkolonie enthielt etwa 2000 Gefangene, von denen etwa 70 politischen Charakter hatten. Die höchste Zahl wurde in 1876 erreicht.vo sie 2722 aller Gattungen zählten. Mr. Lansdell besuchte in der kurzen Zeit, die ihm zu

Gebote stand, unter der Begleitung des Kommandanten, Oberst Kononovitch, die meisten Gefängnisse, und kam zum Schluß, dajie Lebensweise der Sträs linge in jeder Beziehung einen Vergleich aushalte mit der in englischen Strasanstalten, in mancher Hinsicht sogar bes ser sei. Von besonderem Interesse ist seine Beschreibung der Zelle eines politischen Gefangenen eines echten Eiern plars, jüdischer Abstammung, der zu schwerer Strafe nach Kara verbannt worden war. Von 6 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends mußte er in den Gold minen arbeiten, aber nur im Sommer, im Winter hatte er fast nichts zu thun. Seine Frau lebte in der Nachbarschaft und durste ihn zweimal wöchentlich be suchen. Seine Zelle war, selbst nach englischen Begriffen, bequem.sogar nied lich und zeigte, daß dir Gefangene mit den Segnungen der Civilisation ver traut war. Auf dem Bücherschaft stand ein Werk über Nationalökonomie ! Die Aussicht von den Fenstern war reizend und der Reisende steht nicht an zu erklär'.n, daß er Kars vor dem famosen eng lischen Gefängniß Millbank den Vorzug geben würde, falls er das Unglück hätte, zu lebenslänglicher G:fangenschast verurtheilt zu werden. Sogar die religiösen Scrupel der Gefangenen werden bis zu einem gewissen Grad berücksichtigt. So lebten in einem Gefängniß dies bezieht sich natürlich 'aus gemeine Verbreche? 42 Juden beisammen, die ihre Nahrung nach den Vorschristen ihrer Religion bereiten durften; ebenso ge noffen mohamedanische Sträflinge &hn liehe Privilegien. Auch die Arbeit ist keineswegs schwer. Die Goldminen sind nicht, wie in mehreren Büchern behaup tet wird, unter der Erde und ungesund, sondern aus der Oberfläche, und sehen Steinbrüchen nicht unähnlich, sie sind etwa 20 Fuß tief. J:der Sträfling hat eine vorgeschriebene Aufgabe zu erfüllen, aber es ist bedeutend weniger als von einem freien Arbeiter erwartet wird. Frauen fand der Reisende keine in den Minen beschäftigt. UebrigenS scheint in Rußland das schöne Geschlecht keine an geborene Abneigung vor dem Gefängniß zu haben. In St. Petersburg, so er zählt er, wurde eine Frau zum fünften Male verurtheilt und wieder in dieselbe Zelle zurückgebracht, die sie srüher b? wohnt hatte. Sie fand ihr Bett in einer anderen Stelle ausgeschlagen und bestand darauf, doß es so gestellt werde, wie sie es gewohnt sei". Eine andere alte Sünderin dankte Gott oder ihrem .E'.kon", daß er für ihre alten Tage so gst gesorgt habe. Wie dem auch sei, keine von den 154 gesangerien Frauen, meistens Mörderinnen, waren zur Gru benarbeit anqehalten. Und Kara. wobin '.besonderZ Nihilisten dirigict werden. (Nertchinsk ist hauptsächlich sur verurtheilte Polen), enthalt die gefährlichsten politischen Verbrecher Ostsibiriens. In früheren Jahren freilich muß es in Kara ost schrecklich zugegangen sein. . Noch im Jahre lbGO war es gebräuchlich, die Sträflinge zu brandmarken. Mr. Lansdell ließ sich einen Veteranen vorführen, der die Buchstaben K A T auf Stirne und Wangen eingebrannt trug. Aber seither ist es beffer geworden, besonders

unter der weisen Administration des braven Obersten, der die mangelnden StaatSsubsidien durch sparsame Verwaltung ersetzte. Gerne hätten wir von unserem Auto ren mehr und aus eigener Beobachtung über die Strafkolonie auf der Insel Saghalien im äußersten OstenSibiriens gehört. Aber Mr. Lanödell hat die Insel nicht besucht; gleichwohl ist sein Ka pitel über Saghalien eine? der interessantesten, weil man bisher überhaupt noch wenig Zuverlässiges über dieses Land erfuhr, ds in den letzten Jahren eine so traurige Berühmtheit als Strafkolonie erhalten hat. Das Klima ist äußerst traurig und kalt, und die Insel ein in jeder Beziehung schrecklicher Aus enthaltsort. Im Jahre 1870 befanden sich 2500 Sträflinge dort, aber keine politischen Gefangenen. Warum diese nicht hierher gesandt werden, ist schwer zu sehen. Vielleicht, weil es so leicht ist, zu entrinnen. Auf der anderen Seite ist es jedoch eine äußerst schwierigeSache, ja fast unmöglich, weiter zu kommen in diesen unwirthlichen Gegenden, wenn man auch das Gefängniß hinter sich hat. Es ist selbst den Soldaten oft unmöglich, sich auf ihrem Marsch Lebensmittel zu verschaffen. Im Jahre 1856 wurde im Sevtember ein Bataillon von Nikolaessk flußausmarts nach Schiltinsk Gavost gesandt. Der Winter überraschte sie, und sie zogen das Loos, wer gegessen werden sollte. Die Ueberlebenden,- wie viele wird nicht gesagt, marschirten auf dem Eis weiter bis zum Ziele ihrer Reise. Entronnene Sträflinge gibt es genug, aber die meisten ziehen die Gefängniß strafe dem wahrscheinlichen Hungertode vor. Daß in Duc, dem einzigen guten Hasen der Insel, scheußliche Mißbräuche vorgekommen sind, und noch vorkommen, kann man glauben. Der Himmel ist hoch und der Zar weit- laßt sich hier wenn von irgend einem Jleäen des un geheuren Landes sagen. Gleichwohl muß man hoffen, daß weibliche Sträs linge nicht mehr, wie ehemals. Erlaub niß von den GesängnißbehLrden erhal ten, im Geheimen gelegentlich einlau sende Schiffe zu besuchen, unter der Be dingung, daß sie ihrenSünden-Verdienst mit den Wärtern theilen. C. C. Schardt.

Der entlassene Sträfling. Teutsch von JtNNy BiotkBwSka. Wollen Sie Herrn Grabener sagen, daß ein Fremder ihn einen Augenblick sprechen möchte ?" Der Kommis nickte, stand auf und ging in ein zweites Comptoir. Der Fremde war ein großer, schöner Mann mit kurz geschnittenem Haar und Bart. Seine Schultern waren breit, seine Züge aristokratisch; aber ein ge wisses Etwas an ihm fiel dem Kommis ebenso auf, wie es jeden Andern stutzig gemacht haben würde. Ein gewisses Etwas, ein scheuer Blick, gleichsam als sähe er sich gezwungen, seine Gesühle zu verbergen; und in der Art, wie er dastand und seinen Hut hielt, lag etwas Bittendes. Herr Grabener ist bereit, Sie zu se hen sagte der Kommis zurückkehrend. Bitte, rechter Hand im Komptoir." Der Fremde begab sich in das ihm bezeichnete Zimmer und schloß die Thür hinter sich. Dann blieb er stehen, drehte seinen Hut verlegen in den Fingern und flait zu reden, sah er den Herrn hinter dem Pult nur mit flehendemBlicke an. Der Andere stand weder auf, noch reichte er dem Eintretenden die Hand; auch er schwieg während mehrerer Minuten. Sie schauten einander an, das war Alles. DerAeltere brach jedoch das Stillschweigen zuerst. Also Du bist eö, Hermann?" Ja, ich bin es," sagte der Andere, hast Du kein Wort für mich, Wil Helm V Im Gegentheil, ich habe recht viele Worte, die Du jedenfalls gern hören würdest," erwiderte Wilhelm Grabener. Ich kann Dir allerdings nicht sagen, daß ich mich sreue, entzückt bin, es mir zur Ehre anrechne und dergleichen mehr, Dich zu sehen." Das verlange ich auch nicht," sprach der Andere wieder. Ich weiß, daß ich die Familie entehrt habe, aber ich bin dasür bestrast worden. Fünszehn Jahre, Wilhelm bedenke ! fünfzehn Ge fänznißleben, Gesängr.ißkost,Gesängnißfreunde! Gern hätte ich mein Leben hingegeben, Geschehenes ungeschehen zu machen noch bevor es herauskam; und ich habe das Geld ja nicht behalten wollen." Wir kennen die Geschichte," entgegnete der Kausmann. Du genössest eine VertrauenLstelle und verriethest sie. Es ist die alte Geschichte, ich habe sie in meinem eigenen Geschäfte erlebt. Ich kann für einen Menschen wie Du kein.sentimentales Mitleiden empfinden. Sag', was sührt Dich her V Hermann Grabener spielte verlegen mit dem Hute, sah mit ängstlichem Blicke aus und erwiderte : Ich war zwanzig Jahre alt, als ich in das Gefängniß kam, jetzt bin ich fünf unddreißig. Die ganze Zeit über hat die Außenwelt für mich nicht exisiirt. Ich suche Arbeit ehrliche Arbeit und möchte Dich darum bitten. Ich bin ein guter Buchhalter, aber ich will Markthelser, will Portier sein, will Al les sein, was Du willst." Nein, hier kann ich Dich nicht ge brauchen : Du hast die Rechnung ohne den Wirth gemacht, Hermann. Du bist mein Bruder nicht mehr ; ich sagte mich von Dir los, als Du zum Verbrecher wurdest. Um der Armen willen, die Dich Sohn" nannte, will ich Dir et was Geld geben, wovon Du ein bis zwei Wochen leben kannst. Weiter erhältst Du aber keinen Heller von mir das laß Dir gesagt sein. Ich weise Dir die Thüre, wenn Du noch einmal hier herkommst." Durch die lange Kerkerhast war der Stolz des Anderen noch nicht wieder rege geworden; er drehte wieder den Hut in den Händen herum, sah bittend unter den dunklen Augenwimpern her vor und fragte leise: Wie geht es der Schwester Therese?" Gut," lautete des Andern kurze Ant wort.

Kannst Du mir sagen, wo sie wohnt?" fragte Hermann. Nein", entgegnete sein Bruder. Therese ist verheirathet und hat sich bemüht, den tiefen Kummer, den Du ihr zugefügt hast, zu vergessen. Du bist derLetzte, den ein ehrenwerther Schwager gern sieht." Noch eine Frage," sagte Hermann mit zitternder Stimme, was ist aus Erna Scherrbeck geworden?. Lebt sie? Ist sie verheirathet ?" .Ich habe Dir nichts weiter mitzutheilen," versetzte sein Bruder in herbem Tone, hier hast Du zweihundert Mark. Wenn Du vernünftig bist, hast Du Ar beit gefunden, bevor da? Geld zu Ende ist. Vergiß nicht, daß Du von mir nichts weiter zu erwarten hast. Hier, nimm das Geld, geh' .und komme nicht wieder." Mit .diesen Worten warf er das Geld auf den Tisch. Aber in Hermann Gra bener's Brust regte sich noch ein Funke Ehrgefühl und Männlichkeit; er ver mochte nicht, eine Gabe anzunehmen, die ihm so gereicht wurde. So groß er war, schien er noch um mehrere Zoll größer zu werden, als er die Schultern zurückzog, seinen Bruder anstarrte und diesem das Geld in's Gesicht schleuderte. Behalte Dein Geld," sprach er zormg, ich brauche es nicht. Ich will von Niemandem etwas weder von Dir, noch von irgend einem Anderen. AllerdingS, ich kam. Dich um Deinen Bei stand zu bitten, daß Du mir helsen soll lest, ein ehrlicher Mann zu sein. Ich habe so lange unter den von der Welt AuSgestoßenen gelebt, daß ich unter Euch ehrlichen Leuten ganz fremd geworden bin; aber ich glaubte, ein Bruder würde seine Hand ausstrecken, um mich zurück zuziehen. Dessen weigerst Du Dich. Geld ! Sieh' diese Hände, sieh' diese Schultern, sieh' mich an! Aus irgend eine Weise kann ich Geld verdienen. Und bei Gott ! Wenn das Deine ganze Ehrenhaftigkeit ist, so ist mir wenig daran gelegen. ES gibt Viele, die mich willkommen heißen, und Du treibst mich zu ihnen. Erinnere Dich dessen, Sohn meiner Mutter." Er warf seinen Hut aus den Tisch, verließ das Zimmer, schritt, ohne nach rechts oder nach links zu sehen, durch das Komptoir, und schlug heslicdie Thür hinter sich zu. Wenige Wochen später erhielt Hermann Grabener, der mit einer Diebes-' bände auf freundschaftlichem Fuße stand, in einer dunklen Nacht von, einem Genossen die Weisung, in ein HauS, das man sich zum Stehlen ausgesucht hatte, zu dringen und sich dort zu verbergen. Er hatte den Befehl direkt vor dem betreffenden Hause erhalten, und nach dem seine Gefährten ihn verlassen hatten, murmelte der Zurückgebliebene vor sich hin : Ja, jetzt gehöre ich zu der Brüderschaft. Ich bin hier, um dieses HauS zu bestehlen. Ich habe die Maske und Pistole in der Tasche auch eine kleine Blendlaterne. Ich bin ein Dieb, und die Diebe waren die Einzigen, die mich nach meiner Gefangenschaft willkommen hießen. Mein Bruder wandte mir den Rücken. Mein Bruder was würde wohl meine arme Mutter sagen, wenn sie mich jetzt sehen könnte? Wenn sie wüßte " Er unterbrach sich selbst mit einem Fluche, und schien mit einer Handbewe gunz die Gedanken, die in ihm aufstie gen, zu vertreiben, und im nächsten Augenblicke hatte er das ihm bezeichnete Fenster erklommen und als er sah, daß sich dasselbe leicht öffnen ließ, war er ein gestiegen. Seine Schritte waren ge räuschlos und beim Schein der Laterne suchte er nach einem guten Versteck. Er sand denselben bald in einer langenGarderobe, die zu beiden Enden eine Thüre hatte; in dieser verbarg er sich hinter einer Anzahl Kleider. Nach einiger Zeit hörte er ein kleines Kind weinen, in der nächsten Minute lief Jemand über den Korridor und amEnde des Garderobenzimmers fiel ein Lichtstrahl durch das Schlüsselloch. Erna," rief eine Frauenstimme, komm doch einmal her. Das Kind ist ganz munter, ich kann es nicht verlas sen." Darauf wurden wieder Schritte laut und zwei Frauen mattn ihm ganz nahe so nahe, daß er sie fast athmen hören konnte. Wie froh bin ich, daß Du heute gekommen bist Erna," sagte die Andere. Karl wurde heute fiüh ganz unerwartet abgerufen! Und der Gedanke,' daß irgend ein Unglück geschehen könnte, macht mich ganz krank; ich bin so ängstlich, wenn ich Nachts allein im Hause bin." Ich habe nie Furcht, Therese, lautete die Antwort. Mama meint immer, ich sei im Hause so gut wie ein Mann; Mama hat ja immer Angst vor Dieben". Sprich nicht von Dieben, ich bitte Dich," sagte die Andere wieder, die ossenbar ihr Kind beruhigte. Das Haus ist diese Nacht verführerischer denn je. Dort im Schreiblisch sind dreißigtausend Mark. Karl hatte nicht mehr Zeit, sie bei der Bank zu deponircn ; sie teleara-

phirten, Herr Vogel könne jeden Augenoua iieroen. Diesen Worten lauschte der Mann in seinem Versteck mit gespanntester Auf merlsamkeit, aber nicht dem Geständ niß, das so dazu angethan war, das Herz eines Diebcs zu erfreuen. Das war vergessen, er horchte nur auf die Namen, mit welchen die beiden Frauen einander ansprachen. Erna ! Das war der Name des Mädchens, das er liebte. Therese hicß seine Schwester. Doch was kümmerte das ihn? Wie sein Bruder, so hatte jedenfalls auch Letztere sich von ihm losgesagt, und Erna dachte ohne Zweifel nur noch voll Abscheu an ihn. Und doch, wie die Stimmen sich glichen ! Wäre cs .möglich? Ec schlich näher, l:kiz a fc:: Thüre nieder und hielt das Auge an das Schlüsselloch, aber er konnte nur ein Blüd von einer Fcauengestalt sehen, die auf den Armen ein Kind hin und herwiegte. Das liebe, kleine Geschöpf, sagte da die Andere, wie rosig es aussieht !" Bei diesen Worten wandte sie sich mehr dem Kinde zu, und er konnte ihr Prosil sehen. Es war Erna Scherrbeck älter, denn er hatte sie als Mädchen von sech-

zehn Jahren verlassen und jetzt war sie dreißig reizender denn je. Du liebst Kinder so, daß ich mich wundere, daß Du nicht heirathest", sagte da die Andere wieder, und jetzt war Hermann Grabener sicher, daß die Sprechende seine Schwester war. Ich weiß, Wilhelm möchte Dich gern heirathen, er hatDich immer geliebt, und Erna, er kann Dir Alles geben, was zu einem glücklichen Leben gehört." Hermanns Gesicht bedeckte sich in der Dunkelheit mit einer tiesen Röthe. Jetzt haßte er die Welt mehr denn je vor Allen aber haßte er seinen grausamen Bruder und seine Schwester. .Eins kann er mir nicht geben, was zu einem ehelichen Glück gehört die Liebe zu ihm versetzte Erna. Therese, ich habe bisher darüber nie gesprochen, aber jetzt muß ich es Dir sagen. Ich habe den armen Hermann zu innig geliebt, als daß ich, so lange ich weiß, er lebt, je einen andern Mann eben könnte." Ach Erna rief Therese in zärtlichem Tone, es ist mir ein wahrer Trost, zu wissen, daß Du noch an meinen armen Bruder denkst. Ich dachte, ich wäre das einzige lebende Wesen, das ihn noch liebte." Und Hermann Grabener hörte, wie diese zwei Frauen zusammen um ihn wvnten. .Ja, Erna," sprach seine Schwester, so sehr der arme Hermann auch entehrt ist, werde ich mich doch freuen, ihn wie derzusehen; wenn er will, soll dieses Haus sein Heim sein, Karl wird ihm beistehen, den Platz unter guten Men schen, den er vor so langer Zeit verloren hat, wiederzugewinnen. Wilhelm ist grausam gegen ihn, aber wir Frauen sind nachsichtiger. Wenn er wieder frei ist, hoffe ich, wird er direkt zu unö kom men. Wilhelm fürchte ich, wird ihm durch Vorwürfe wehthun. Er muß sehr bald frei sein, Erna." Der Mann, der sich in daS Haus ge schlichen hatte, um es zu bestehlen der. von den sie sprachen konnte es nicht länger ertragen was er gehört, hatte sein Herz mehr gerührt, als irgend etwas seit seiner Kindheit. Da siel ihm ein, weshalb er hier war, und er küßte die Thüre, die zwischen ihm und den beiden geliebten Frauen lag, die ihn vor Verzweiflung gerettet hatten. Er schlich sich nach dem Fenster und ging wieder ebenso wie er gekommen war, mit dem feierlichen Gelübde, daß er ein ehrenwertheS Leben führen und vielleicht einst in seiner Sterbestunde diese zwei geliebten Menschen noch einmal wieder sehen wolle. Wenigstens sollte die Erinnerung an ihre Worte und Blicke sein Herz immer empfänglich und sein Leben makellos erhalten. Mit solchen Gedanken stand er wieder unten aus der Straße, als ihm mit schmerzlichem Gesühle einfiel, wer bald hier sein würde und in welcher Absicht; und daß er, ohne sie verrathen zu wol len, zwischen ihnen und ihrer Absicht sie hen und das Haus seiner Schwester, vielleicht ihr Leben, aus ihren Händen retten müßte. Er griff nach seiner Pistole ; nur im äußersten Nothsalle wollte er sie gebrauchen ; aber es koste, was es wolle, er mußte die beiden Frauen vor jedem Leid schützen. Er kannte recht gut die nie vergebende Wildheit Derer, mit denen er zu tbun hatte, und er murmelte ein stummes Pe bet um Hülse das erste, das ihm seit seiner Kindheit über die Lippen gekom men war als er leise Fußtritte nahen hörte. Er macht die Augen aus," sagte eine Stemme. Hermann Grabener hörte diese Worte und er wunderte sich, was geschehen sei, warum er sich nicht bewegen konnte und wer gesprochen habe. Dann erinnerte er sich an einenStreit, ein hestigeS Handgemenge und an einen Pistolenschuß. Jetzt fiel ihm AlleS ein. Seine Kameraden, die Diebe, hatten auf ihn geschossen und ihn als todt liegen lasien. Aber wo war er jetzt ? Liebe Erna." sagte die Stimme, wieder, ich glaube, er schlägt die Augen auf." Und so war es. Und Hermann Grabener sah zwei Frauen, die sich über ihn beugten. Hermann," sagte die Eine, erkennst Du Schwester Therese?" Die Andere brach in Thränen aus. Ja, ich kenne Euch Beide," erwiderte er mit matter Stimme. Wie kam ich hierher ? ich bin gunz verwirrt. Woher kennt Ihr mich? . Wir fanden Dich verwundet, todt, wie wir glaubten, vor unserer Thüre," sagte Therese, Erna erkannte Dich zu erst." Wir wissen nicht, wie es geschah," fuhr die Schwester fort, wenn Du Dich ohler fühlst, müßt D4 es uns erzählen. Wir sind nun froh, daß wir Dich wieder haben. Nun darsst Du unS nie, nie wieder verlassen." Er wußte, daß er nie wieder von ihnen gehen würde. Er wußte, daß nichts daran gelegen war, ob er ihnen sagte, wie er jetzt zu ihnen gekommen war. Er wußte, daß er in kurzer Zeit weder

ihre Gesichter sehen, noch lhre Stimmen hören würde, aber er war sehr glücklich. Er hatte einen Vorgcschmack des Him mels. Es waren entsetzliche, ganz entsetzliche Jahre," sagte er, die ganze Zeit über habe ich nichts von Euch gehört, aber jetzt habe ich Euch. ' Kommt näher, ich kann Euch nicht gut sehen. Es liegt mir wie ein Schleier vor den Augen. Thereje, komm, küsse mich." Die Schwester schlang ihre Arme um ihn und küßte ihn immer und immer wie der. Dann wandte cr sich zu Erna Scherrbeck. Wenn ich fortlebte." sagte cr, würde ich nicht wagen, darum zu bitten, aber vor langer, langer Zeit hast Du mich ja oft gckuht. Erna, willst Dn mich auch jetzt küssen? Geliebte, nur dieses eine mi r Sie schloß ihn in die Arme. ' Gott ist barmherzigsprach er, barmherziger wie die Menschen. Vielleicht I sehen wir uns einst wieder, mein Lieb Ung." Das waren seine letzten Worte. Philosophie wird im Kopfe gebo ren und stirbt im Herzen.

Todten Kultus.

Leichensteine sind geduldig und sie tragen oft in goldenen Lettern die entsetz lichsten Lügen. Am Grabe, wo das Diesseits und das Jenseits sich berühren, sollte die Wahrheit ihre Stätte ha ben, allein nur zu oft macht sich ihr Gegentheil breit im Namen der Pietät, unter Berufung auf das alte Gebot, daß man von den Todten nur Gutes erzähle Wir wollen indeß die flomme Sitte nicht anklagen; ein Platz zum Hadern ist der Friedhos allerdings nicht und wer den Heimgegangenen etwas Bissiges nachru sen will, möge jenen zärtlichen Gatten zu Bingen am Rhein nachahmen, der eine Inschrift aussetzte, bei der die ersten Worte der sechs Zeilen verblümt eigent lich Alles sagen, .was er am Grabe der Gattin dachte : Wohl auch die stille Häuslichkeit I st eines Denkmals werth, Ihr sei es drum von mir geweiht. Und wer die Tugend ehrt Auch in dem einfachsten Gewand Mir, meinem Schmerze werth. Die Blumen und Kränze und Bänder, welche am AUerscelentag aus die Grä' der gelegt werden, sind keineswegs in mer ein Zeichen wahrer Verehrung, ab sie chaden wenigstens mg! und es komm wie den Todten auch vielen Lebendigen zu gute, daß es wenigstens einen Tag im Jahre gibt, da man diese Ruhestätten Zaubert, psteg: und schmückt. Ehre dem Andenken lieber Todten. darauf reduzirt sich der GräberKultus und ein Spruch des Korans saat ganz richtig : Nach der Art, wie Du Deine Todten behandelst, nchten Dich die Le benden." Auf die Form kommt es also doch an, rn welcher diesem Kultus Aus druck verliehen wird, abgesehen von den verschiedenen Methoden der Beisetzung, ob einfach verscharren und verwesen las sen, od einbalsamiren, mumifiziren oder petrisiziren, dörren, wie es die frati secclu ln Palermo heute noch thun, oder endlich verbrennen,' wie man es einst gethan und heute gern wieder thun möchte, wenn an einem Ort weniger Vorurtheile, am anderen mehr Geld wäre. Vom hygieinischen Standpunkt aus ist die Leichenbestattung zur Genüge beleuchtet worden, aber das Sanitäre mit dem Humanitären, das Sentimentale mlt dem Praktischen rationell zu verbinden, das ist noch wenig besprochen wor den, darüber fehlt jegliche Llteratur. Und doch liegen Beispiele vor. E n Legat, eine Stistuna, em Ver mächtniß bleibt immer ein Monument. das Manchem wohl thut, ein Denk mal m Stern oder Metall ist ein Geschenk sür den Künstler, der denTestator, welcher ihm die Arbeit indirekt zuwendet, im Lek en vielleicht nicht kannte, einige hundert Messen sind eine Anweisung auf das Jenseits; aber in der Erinnerung sich erholten, des Segens sicher zu sein, den Jeder spricht, wenn er des Helmge gangenen gedenkt, das mag der größte Trost des Sterbenden sein, das maa ihm den Abschied erleichtern und ihn lächelnd hinübertragen in die unbekannte Welt. Kein Volk des Altertbums bat seine Todten pietätvoller behandelt al? die Griechen. Die Aegypter wollten durch die Mumifizirung die Leichen erhalten, die Griechen wollten sie zerstören und in unschädliche Substanzen verwandeln. Nicht nur den Tod selbst hatten die Helenen personifizirt, sondern auch dieVer wesung der Leiber. Man dachte sich die Alles zerstörende Naturkrast als denDä mon Sarkophagos, der die Todten bis auf die Knochen verzehrt. Alle Sorge der Angehörigen war auf eilige Bestattung und Auflösung der Ueberreste ge richtet. Das Begraben und Verbrennen bestand neben einander; man bat in den alten griechischen Gräbern die Reste verbrannte? Knochen und unzerstörte Ge rippe gefunden. Einer besonderen Art von Kalkstein, dem Sarkophag.Stein, legten sie die Eigenschaft bei, daß er das Leichenfleisch schnell verzehre, weshalb man die Särge aus diesem Stein ver fertigte oder den Stein in die Holzsärge legte. Ein solcher Sarg hieß später einsachSarkophag.und endlich gebrauchte man das Wort überhaupt sur Sarg. So ist es bis auf uns gekommen. Das Beerdigen warwohlfeiler als das Verbrennen und deshalb besonders bei der ärmeren Klasse gebräuchlich. Hatte man die Leiche verbrannt, so sammelte man die verkohlten Knochenreste oder die Asche in thönernen oder metallenen Urnen und setzte sie in dem Grabmal bei. Letztere befanden sich in den ältesten Zei ten m den Hausern, später ln Gärten oder auf den Feldern, am häusigsten an der Landstraße. Die Gräber waren ein Gegenstand fortwährender Pflege; wer es versäumte, sie an bestimmten Tagen mit Kränzen und Bändern zu schuücken, zog sich allgemeine Mißachtung zu. Bei den Römern war bis zum zweiten Jahr Hunderte nach Christus' das Verbrennen ganz gewöhnlich. Arme Leichen wurden mehrere zusammen aus einmal ver brannt. Die Bestattung im eigenen Hause war bald verboten und dieLeichen wurden vor die Stadt auf die Landgüter oder auf andere eigens zu diesem Zwecke erworbene Grundstücke verwiesen. Einen gemeinschaftlichen Begräbniß platz gab es nur sür die Armen, für die I Sklaven und die Verurtheilten. Das rn f if f r. r w Aervrcnnen gescyay aus otznoen, aus welche )ie Leiche sammt ihrem Bette gelegt wurde Weihrauch, Kränze. Blu men, Salb:n und duftende Oele in Büchsen oder Krügen wurden daraus gelegt. Die Angehöligln zündeten mit Fackeln den Schcitelhausen an. War er niedergebrannt, so löschte man die Gluth, was bei den Reicheren nicht selten mit Wein geschah, sammelte die Gcbeinreste, besprengte sie mit Wein und Milch, trocknete sie dann wieder und ver schloß sie, vermischt mit Ge'.vürzcn u:d wohlriechenden J::grcdi!nzicn, in die Urnen. Das Christenthum behielt bis imMor genlande am meisten gedrüuchlickc Sitte des Begrabens bei. 'Mit Macht eiferte die alte Kirche gegen die heidnischen Scheiterhausen, die sie später selbst in schrecklicher Menge sür Lebende errichtete. Was den Todten einst als ehrende Leichenbestattung gegolten, würde zur Zeit der Inquisition als Strafe an Lebend!gen vollzogen.

Der Todtenkultus hat eigentlich, seit die Verbrennung der Leichen abgekom men ist, abgenommen, die Pietät der Lebenden für die Verstorbenen hat sich nur in einigen Ländern so schön, so rührend wie im Alterthum erhalten. Sonder barer Weise kann unö der Orient auch heute noch, als Muster dienen. Das alte Sprüchwort: Ueber den Tod soll man weder lachen noch weinen soll orientalischen Ursprungs sein. Der Morgenländer malt den Tod nicht als scheußliches Bild. ; schon der Koran schil dert das Jenseits in rosigen Farben, dem armen Muselmanne wäsiert ordentlich der Mund Ntuch dem Paradiese, nach den ewig jungen Genossinnen in Mahomeds blühenden Gesilden. Die Statten, wo der O'.ientale seinen lieben Todten zur Ruhe bestattet, sind öffentliche Promenaden, Cyvresienhaine, in deren dunklem Laube Vögel nisten und zwitschern, schattige Plätze, selten umfriedet, weil Jeder sie achtet. In Constantinopel,Smyrna, Beirut.Aleppo und Bagdad finden wir am Eingange zu diesen Eypressenbinen Kaffeehäuser, wo Erfrischungen gereicht werden, aber feierliche Stille herrscht und das Rauschen des Windes in den hohen Bäumen ux durch das Geraffel der Nargilehs, 'r Wafferpseifen, die man in andächtit? Ruhe fchmaucht, unterbrochen wird, iii anderes Charalteristilum solcher orientalischer Friedhöfe ist die Glcichscrmigkeit der Gräber, vielleicht wieder um symbolisch auszudrücken, daß der Tod Alle gleich macht. Selten nur erhebt sich in derMitte der einfachen Grabsteine, die meistens als Inschrift blos den Na men des Verstorbenen und einen Koranspruch tragen, ein etwas größeres, mit Luxus erbautes Grab, das' dann mei stens die Ruhestätte eines Großwürdenträgers bezeichnet,- dem das monumentale Grab nicht von seiner Familie, sondern von seinen Verehrern gesetzt wird. Durch diese Einförmigke't der Grabmäler, wie durch die nie unterbrochene Eypreffenkultur erinnern solche Jricdhöse an die heiligen Haine der Alten. Durch die Leichenverbrennung wird ein neuer Industriezweig entstehen, der sich mit der Anfertigung der Gefäße befaßt, die zur Ausbewahrung der Asche unserer Todten dienen sollen. Es wird neben den einsachen Aschenkrügen oder Urnen der Unbemittelten auch Kunstwerke geben; der Reiche wird auch im Tod den GeldAristokraten nicht verleugnen wollen wenn er auch die Bestattung oder die Ausstellung- nicht in seiner Hauskapelle verlangt ja der Eitelkeit so mancher wohlhabenden Ja milie wird dadurch geschmeichelt, daß die Aschenurne in Mitten anderer, minder kostbarer am Carnpo santo, an geweihter Stätte, von Allen bewundert, ausgestellt werde. hi Friedhos mit Arkaden wird zur Aufnahme solcher Aschenkrüge bestimmt werden. Glänzende, kostspielige Grabmonumente aber nur selten vorkommen. Da steht un? wieder btt Orientale als Vorbild zur Seite. Außer den Kha lifengräbern und den Pyramiden als Mausoleen gibt es im Morgenlande nur sehr selten kostbare Grabmonumente, der reiche Orientale will sich durch praktischere Denkmäler vor der Vergeffenheit retten. Den europäischen Friedhof mit seinen schauerlichen Grabschristcn kennt er nicht. Im Morgenlande sieht man entweder ganz einfache, symmetrisch geordnete Leichcnsteine, die als Inschrift nur Koransprüche führen, oder nützliche Bauten als Grabmonumente. Nur die Pyramiden und die in Felsen gehauenen indischen Gräber bilden eine Ausnahme, aber sie gehören längst vergangenen Zei ten an. Reiche Mohamedaner lassen sich in sandgesüllten Sarkophagen an irgend einem Lieblingßplätzchen außer dem Friedhose, ja ost auf große Entfernung von diesem begraben. Die Stelle im Leben nach Geschmack gewählt, ist meistens ein dominirender Punkt abseits der Straße oder des Karawanenweges. Ein lustige Gebäude, meistens im maurifen Style, mit Bogendurchgängen, oft mit Blumenpflanzen umgeben, erhebt sich der zierliche Bau, blendend weiß getüncht von Weitem sichtbar. Kein Thor,, kein Gitter, kein Schloß verhindert den Ein tritt. Steinerne Bänke sind an den Mauern von Innen und Außen ange bracht; in der Wölbung nisten Vögel und singen ihre Lieder in die lautlose Stille der wüsten Gegend. Ein crqui ckendes, kühles Lüstchen zieht durch die schattige Halle und dem müden Wan derer, der hier Labung sucht, plätschert entweder ein lebendiges Waffer entgegen oder winkt eine Cisterne mit Labetrunk. Das Kostbarste, mas man in der Wüste bieten kann. Schatten und Waffer das bieten solche Grabmonumente der

reich Orientalen. Ein Spruch auS dem Koran in blauer oder in Goldschrist ziert das innere Gesimse, selten nur ist der Name des Verstorbenen an irgend einer Stelle angebracht, dann aber lau tet die stehende Phrase : Wanderer, er quicke dich und gedenke mein", oder: Wanderer, er segnet dich, segne auch du sein Andenken" oder : .Genieße das L'bcn und gedenke des Todten", oder: .Wanderer, stärke dich sür die Mühsale des Lebens, im Tode geht es dir beffer." In Algier, rechts von der Straße, die nachConstantine sührt, cxistirt ein solches Grabmal. Ein frischer Trunk und eine Schale Schcrbct wird dort Jedem ge boten, der das Grab besucht. Die reichen E:ben des Todten sind verpflichtet, diises kleine Karawanserei im besten Zu stände zu erhalten, die Cisterne stets mit Wasser zu verschen und arm:n Reisenden die Unkerkunst und die Labung unentgelllich zu verabfolgen ; von Wohlhabenden wird ein Backfchisch gcsordert, der in eine verschloffene Büchse geworfen 'oird. Eine zweisaitige Zithc? hängt in vcrschicdcncn Exemplaren an der 'Bar.b und wird nicht selten von den Einkeh rcnden benutzt. Der Kadi überzeugt sich durch häusize Visiten von dem Zustand: s. ' r . o r . c I . . 2 iiicjci) vvziiizes. Aus dem Wege von Damiette gegen die Nil'Katarakte besinden sich viclc solchir .Herrengräber", wie sie der Orien tale nennt, jedes von ihnen ist mit einer Cisterne versehen und oft begegnet man ganzen Zügen von Sklavinnen, die, wenn Waffermangel eintritt, durch Zu