Indiana Tribüne, Volume 6, Number 109, Indianapolis, Marion County, 7 January 1883 — Page 2
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IWi) uns öic Sündflull).
Roman ron Ewald ugnst König . (3. Fortsetzung.) Der Doktor hatte das Billet flüchtig gelesen und dann hastig sich von seinem Sitz erhoben. Er durchma das gcräumigeZimmer einigemal mit großcnSchritten, offenbar um seiner Erregung Herr zu werden, derer. Ursache Niemand außer ihm kannte. .Jofjn Carlsen," sagte er leise mit bcbender Stimme, es kann kaum noch ein Zweifel obwalten . . M. W W 1 Seine Angehörigen yatten otec zwone nicht geHort, aber er sah, daß ihre Blicke voll Besorgniß und banger Erwartung ihm folgten. .Tu wirst also hingehen ?" fragte er, indem cr stehen blieb und seine silberne Tabaksdose aus der Tasche holte. ' Glaubst du, mir davon abrathen zu müssen ?" antwortete Eugen. Ja, ich würde dir diesen Rath geben, wenn du aus einem triftigen Grunde ablehnen könntest.60 kennst du diesen Herrn?" .Frage mich jetzt nicht," erwiderte der Doktor mit einer abwehrenden Handbewegung, .ich kenne den Namen und kenne das Siegel, aber nichtsdestoweniger kann ich mich in meinen Voraussetzungen irren." .Ein Grund zur Ablehnung ließe sich finden .Jetzt nicht mehr, nachdem du bereits deine Zusage gemacht hast !" .Auch jetzt noch," sag'e Eugen. .Nein, nein, ich will das nicht,es würde auffallen und zu Nachforschungen führen, die mir unangenehm werden könnten." .Dir ?" fragte Tante Lorchen bestürzt. .Wer ist denn dieser Herr?" .Ich begreise das ebenfalls nicht," ver setzte Eugen kopsschüttelnd, indeß der alte Herr die untcrvrocheneWanderung wieder aufnahm. John Earlscn ist ein sehr reicher Mann, cr hat die Hag:dorn'sche Villa gekaust " .Ein alter Mann V unterbrach sein Vater ihn. .Dem Anscheine nach einige Jahre älter als du." .Das stimmt auch wieder, und sein Reichthum na, es gibt viele Wege, auf dencz man reich werden kann. Seltsam, sehr seltsam !" .Soll ich ablehnen," fragte Eugen. .Nein, gehe hin und böre, was er von dir will," erwiderte der Doktor. .Es ist möglich, daß er meines Namens sich erinnert hat, ich kann noch immer nicht klug daraus werden." .Und wir werden nicht klug aus deinen Reden 1" sagte Tante Lorchen achselzuckend. .Wenn du uns nur sagen woll lest, wo, wann, und wie dn früher diesen Mann kennen gelernt hast hilf Himmel, wo brennt es denn nun wieder?" Sie waren All: erschreckt zusammengefahren, so ungestüm,wie in diesemAugenblick hatte man lange nicht mehr an der Hausglocke des Doktors gerissen, die obnehin einen'durchdringend schrillen Klang besaß. - .Ich muß noch einmal dringend bitten, alles Fragen in dieser Angelegenheit zu unterlassen," erwiderte der alteHerr,während sein Blick erwartungsvoll auf der Thüre ruhte, ich kann jetzt noch nicht antworten." Das Dienstmädchen öffnete in diesem Augenblick die Thüre, und ohne die Meldung abzuwarten, eilte er hinaus. .Beqreist Ihr das Alles ?" wandtcEugen sich zu den beiden Damen. .Sollte es mit jenem New Yorker Geheimniß zusammcnhängen, das Papa vorhin andeutete l Du kennst dieses Geheimniß vielleicht, Tante Lor'chen " Keine Silbe davon," siel sie ihm in die Rede. .Dein Papa hat in früheren Jahren wohl mitunter von seinen Erlebnissen in Amerika gesprochen, aber so viel ich mich erinnern kann, ist von jenem Ercigniß nie die Rede gewesen. Wir müssen es abwarten, weitere Fragen würden ihn nur ausregen und ärgern, er wird schon mit der Sprache herausrücken, wenn er die Zeit gekommen glaubt." .Ich kann mir nicht denken, daß es mit , jenem Geheimniß zusammenhängen soll," jagte hedwig gedankenvoll. .Papa sagte, er habe damals die strengste Verschwiegenheit geloben müffcn, und der Bruch dieses Versprechens würde ihm unfehlbar das Leben gekostet haben. Daraus geht wohl zur Genüge hervor, daß jenem Geheimniß ein furchtbares Verbrechen zu Grunde lag. Nehmen wir nun an,dieser John Carljen sei einer von Denen, die von Papa diesen Schwur verlangten, ist es dann denkbar, daß er sich mit dir in Verbindung setzen würde? Ist es denkbar, daß er den Namen Papa's vergeffen hat?" .Wenn er ihn überhaupt gekannt hat !" warf Eugen ein. .Das unterliegt wohl keinem Zweifel," fuhr seine Schwester fort, .Papa warArzt in New Park, und die Verbrecher haben sich sicherlich nach seinem Namen crkundigt. Mögen auch dreißig Jahre seit jencm Ereigniß verstrichen sein, ich glaube nicht, daß einer dieser Verbrecher so tollkühn sein würde, sich hier wieder dem Valcr zu nähern." .Ich glaube, Hedwig hat Recht," nickte Tante Loschen. .Dein Vater würde im andern Fille sicherlich darauf gedrungen haben, daß du nachträglich noch die ab lehnende Antwort gabst." .Dann muß ein anderes Geheimniß hier vorliegen " .Zerbrich dir darüber den Kopf nicht, ich denke, wir werden es ohnedies ersahren. Gehe hin und höre, was der Herr will, das Andere wird sich dann noch finden." Gegen diesen Rath ließ sich nichts einwenden, von dem Doktor war augenblicklich kein weiterer Ausschluß zu erwarten, denn er hatte das haus bereits verlassen, und Tante Lor'chen zog sich nun auch in ihr eigenes Zimmer zurück, um ihr. gewobn'tcs Mittagsschläfchen zu halten. Eugen wechselte - mit seiner Schwester noch einige Worte, dann trat er den Weg zur Villa des Amerikaners an. Drilles Caxttes.' Ellen. Die Villa Hagedorn, die JohnEarlsen mit dem gesammten Inventar gekauft halte, var eine der schönsten ttö ge
schmackvollsten Besitzungen, die im vornehmsten Viertel der Residenz lagen. Sie war von einem großen, parkahnlichcn Garten umgeben, den ein kunstreich gearbeitetes Eisengitter umschloß, und mit ihrer architektonischenSchönheit wetteiferte die gediegene, den edelsten Geschmack bekundende innere Einrichtung. ' Paul Jammersegen hatte die schöne Tochter des reichen Amerikaners ein Gcbild aus 5immelshöhen" genannt, und in der That war Ellen in ihrer ganzen äußeren Erscheinung ein liebreizendes Geschöpf. Sie hörte ausmerksam dem Vater zu, der ihr seine verwandtschaftlichen .Bcziehungen zu denSchlichtec'Z und seine kurze Unterredung mit dem Bankier, wie auch sein Zusammentreffen mit dem jungen Advokaten mittheilte. .Wenn ich recht verstehe, Papa, so ist es nicht deine Absicht, mit diesen Verwandten in innigen Verkehr zu treten ?" sagte sie, als er schwieg. Nein," erwiderte er ruhig, während er mit derHand langsam über seinen langen, silbcrgrauen Bart fuhr, .meine Abneigung gegen sie datirt noch aus früherer Zeit, obgleich die beiden Herren Schlichter damals noch Kinder waren. Wenn die Familie, die derzeit schon vermögend war, uns rathend und helfend zur Seite gestanden hätte, so würden unö Schande und Kummer erspart worden sein." Schande?" fragte Ellen bestürzt. .Jawohl, du wirst das nachher ersahren, wenn der junge Advokat hier ist, ich will dir kein Geheimniß daraus machen. ES ist besser, wenn ich dir das Alles offen und der Wahrheit gemäß berichte, .als wenn es dir von anderer Seite in gehässiger Weise erzählt wird." .Und wer.sollte dies thun?" .Lumpen gibt's überall, di: an solchen Bosheiten ihre Freude haben, die Verläumdung ist die Waffe des Neides, und es leben hier in meiner Vaterstadt gewiß noch Viele, die meine Vergangenheit kennen. Aber beunruhige dich deshalb nicht, mein theures Kind," fuhr er fort, indem er ihr Weinglas noch einmal füllte, .ich bin hierhergekommen, um den Flecken, der auf unserem Namen ruht, abzuwaschen, und ich bezweifle nicht, daß mir dies ge-
lingcn wird. Was unsere Verwandten betrifft, so werden wir sie nicht ignoriren können, wenn wir nicht ihre Feindschaft herausfordern wollen, wozu für mich lein Anlaß vorliegt. Wir werden ihnen unfern Besuch machen und ihren Gegenbesuch empfangen, der weitereVerkehr hängt dann davon ab, wie uns diese Menschen gefallen." .Dn sagtest schon, daß der Bankier dir nicht gefallen habe!" .Er nicht und auch sein Sohn nicht. Ich liebe die Menschen nicht, deren ganzeZ Sinnen und Trachten nur dahin geht, ohne Mühe und Arbeit Reichthum zu erwerben, sie sind bei diesem Bestreben in ihren Mitteln niemals wählerisch, und wie der Hazardspieler tragen sie kein Bedenken, das Glück zu corrigiren, wenn dies im Geheimen geschehen kann. Ich weiß nicht, ob du mich verstehst " . Gewiß, Papa, ich bin a bei dir in einer guten Schule gewesen." .Um so besser ! Du wirst dann selbst prüfen und urtheilen können." Aber könnte man nicht auch uns den Vorwurf der Jagd nach dem Reichthume machen ?" Ich bin sogar daraus gefaßt, daß man es thun wird," nickte er. Als armer Schlucker verließ ich die Heimath und als Millionär kehre ich zurück. Man wird sich den Kops darüber zerbrechen, wie ich diesen Reichthum erworben habe, und es fehlt dabei ganz gewiß nicht an den seltsamsten Vermuthungen. Wie furchtbar ich gearbeitet habe, um den Grund zu diesem Vermögen zu legen, das weiß ja außer uns Beiden Niemand, und ich fühle mich auch nicht gedrungen, es Jedem auf die Nase zu binden." Er brach ab, ein Diener trat ein und brachte die Nachricht, daß der HerrRechtsanmalt Ladenbnrg sich gleich nach Tisch einfinden werde. Ist die Familie Ladenburg auch hier ansässig ?" sragte Ellen, während sie einigeS Obst aus der silbernen Fruchtschale nahm. Hast du sie ebenfalls früher gekennt?" Gewiß," erwiderte ihr Vater ruhig, der Großvater des RechtSanwalts war unser Hausarzt. Ich erinnere mich seiner noch sehr gut,er war ein etwas derber, aber menschenfreundlicher Herr,sein Sohn soll jetzt hier ein sehr beliebter und tüch tiger Arzt sein." . Er ist vielleicht ein Jugendfreund von dir ?" Nein, ich habe ihn nie kennen gelernt. In der Bürgerschule, die ich besuchte, war er nicht, später ging cr zur Universität und ich hockte im Comptoir meines VaterZ ; wie hätte da, und noch dazu in dieser großen Stadt, eine Annäherung stattfinden sollen ?" So hat also die Erinnerungen seinen Großvater dich bewogen, diesem Rcchtsanwalt vor allen Anderen den Vorzug zu geben ?" fragte Ellen. Sicher nicht," erwiderte er. Er selbst gefiel mir, die ehrliche Aufricht'gkeit, mit der cr vor dem Bankier seine Ueberzeugung aussprach, trotzdem cr wußte.daß ne diesen beleidigte, der sittliche Ernst,mtt dem er einen leicht zu erwerbenden Gewinn zurückwies, sein gesundes Urtheil und sein fest und tief wurzelndes Ehrgefühl, das Alles mußte mir Achtung vor ihm einflößen, und ich sagte mir, daß ich nur einem solchen Manne die Aufgabe übertragen könne, die ich hier zu ersüllen habe." Und diese Aufgabe ?" Ich sagte dir schon, daß du. meiner Unterredung mit dem Advokaten beiwohnen sollst." Und wenn dies Alles geordnet ist, werden wir dann in die Heimath meiner Mama znrückkehren?" Wünschest du es ?" sragte er. - Ich weiß es nicht, ich kann noch nicht darüber urtheilen." Es ist auch hier schön, Ellen, lerne erst dasLand und dieMcnschen kennen. Wenn du Manchester finden wirst, was dir mcht zusagt, so bedenke, daß es auch drü ben unangenehme Menschen und Ver hültniffe gibt, vollkommen ist die Welt nirgend." Gewiß nicht, Papa, aber die eigene Helmath erscheint uns immer als da schönste Fleckchen Erde." Und meine Heimaty ist hier. ,
Vergib' mir; es war selbstsüchtig, daß
ich dies vergaß." , Sie hatte sich erhoben und ihren Arm um den Nacken des Vaters geschlungen, ihr schönes Antlitz neigte sich zu ihm nieder und hauchte einen Kuß aus - seine inne. John Carlsen hielt sein schönes Kind fest in seinem Arme, und ein Lächeln des Glucks glitt über sein ernstes, wettcrgebräuntes Gesicht. Wir wollen jetzt noch keine Pläne für die Zukunft machen," sagte er, einstweilcn haben wir hier unser Nest gebaut ; wenn es uns hier nicht mehr gefällt, so h'.ndert uns nichts, wieder auf und davon zu fliegen. Du sagtest mir heute Morgen noch, du fühltest dich wohl in diesem Hause, und lernst du die schöne Stadt erst kennen, so wird sie dir sicherlich gefallen." Ich zweifle nicht daran, aber damit hat es noch Zeit," erwiderte sie heiter. Der alte Herr erhob sich, er sah den Dien eintreten, der ihm die Ankunft des Rechtsanwalts meldete. Eugen erwartete den Herrn des Hauses in einem kleinen Salon, der neben dem Speisezimmer lag; er hatte Zeit genug gefunden, die gediegene Pracht der Einrichtung zu bewundern - und durch die offene Thür einen Blick in den Garten zu werfen, als John Carlsen Arm in Arm mit Ellen eintrat. Er mußte sich der Worte seines Freundes erinnern, als sein Blick wie geblendet auf der lieblichen Erscheinung ruhte, er hörte die Worte nicht, mit denen Carlsen ihn vorstellte ; mit einer tiefenVerneigung begrüßte er da junge Mädchen, dann nahm er, vollständig verwirrt, - in dem rothen Sammetfauteuil Platz, den der alte Herr ihm anbot. .Ich danke Ihnen, daß Sie so rasch meiner Bitte nachgekommen sind," sagte Carlsen, indem er ein vergilbtes Aktenbündel, das er mitgebracht hatte vor sich auf den Tisch legte. .Was mich bewog, Ihnen vor Ihren College den Vorzug zu geben, das habe ich mit kurzen Worten Ihnen geschrieben, und ich denke, c- wird genügen. Ich wünsche, daß meine Tochter dieser Unterredung beiwohnt; das Blatt aus dem Buche meines Lebens, das ich vor Ihnen cntrollen will, kennt sie noch nicht, aber sie muß es kennen lernen, so bewahre ich sie am sichersten vor den Bosheiten verleumderischer Zungen, die ja überall zu sindcn sind. Ich wünsche es auch deshalb, weil ich ein alter Mann bin und nicht wissen kann, wie nahe mir das Ende ist ; sollte mich der Tod plötzlich abrufen, was ja immerhin in der Möglichkeit liegt, dann muß Ellen unterrichtet fein, damit sie das begonnene Werk vollenden kann." Was Gott verhüten möge !" warf Ellen leise ein. Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung," erwiderte Eugen, der noch immer mit sei ner Verwirrung kämpfte. Ihr mich eh rendes Vertrauen werde ich in jederWeise zu rechtfertigen suchen." Ich bin davon überzeugt nickte der alte Herr. Aber bevor- wir beginnen, erlauben Sie mir wohl, -daß ich Ihnen eine Tasse Kaffee und eine Cigarre anbieten lasse. Blicken Sie nur meine Tochter nicht so verlegen an," fuhr er scherzend fort, .sie ist's gewohnt, daß in ihrer Gegenwart geraucht wird, die Dqmen in Südamerika und Australien betrachten den Rauch einer feinen Cigarre nicht als eine Lustverpestung." Im Gegcntheil,ich liebe ihn,"erwidcrte Ellen heiter, .nur muß es eine wirklich gute Cigarre sein." Bob, der Neger, brachte auf silbernem Teller Alles, was die Herren bedurften, und Ellen ließ es sich nicht nehmen, sie zu bedienen. Aus ihrer schönen Hand empsing Eugen das Feuer sür seine Cigarre, ihr sreundliches Lächeln crmuthigte ihn, sie anzuzünden, und mit jeder ' Minute fühlte er sich jetzt behaglicher in ihrer Nähe. .Kommen wir nun zur Sache," nahm Carlsen das Wort, nachdem er seineTaffe ausgetrunkcn und' mit. gedankenvoller Miene einige Rauchwölkchn vor sich hingeblasen hatte. Ich werdeJhre Geduld einige Zeit in Anspruch nehmen müssen, aber ich verspreche Ihnen, mich so kurz wie möglich zu fassen. Mein Vater war hier Kaufmann; keiner von den großen Leuten, aber so weit ich eö, theils aus eigener Erinnerung, theils aus hinter lajsenen Papieren beurtheilen kann, besaß er ein blühendes Geschäst. Ich erinnere mich auch noch, daß er keineLeidenschaften hatte, die ihn zu großen Ausgaben verleiten konnten und daß unser Leben im Hause ein sehr einfaches war. Ich sollte später dieses Geschäst weiter führen und war damit einverstanden, aber obgleich ich schon 25 Jahre, zählte, als die Katastrophe eintrat, war ich in die geheimen Geschäfte meines Vaters noch nicht eingeweiht. Es mag dies wohl daran gelegen haben daß unsere Anschauungen nicht immer übereinstimmten-; dazu kam,-daß der plötzliche Tod meiner Mutter seine Stimmung umdüstert hatte, daß er finster und schweigsam geworden war. .So dachte ich damals, später urtheilte ich wieder anders, als ich. aus den hinter lassenen Büchern und Papieren den wahren Thatbestand erfuhr. .Mein Vater besaß einen Freund, an den er sich nach dem Tode meiner Mutter eng anschloß. Ich will seinen Namen nicht nennen, es ist möglich, daß er noch lebt,, und wie ich ihm vergeben habe, so möge auch der Himmel ihm all' das Böse vergeben, das er an uns gethan hat. .Eine Gutmüthigkeit, die an Leichtsinn grenzte, war der Grundzug des Charakters meines Vaters. Für seine Freunde konnte er jedes Opfer bringen, und das wußte jener Mann,den er Freund nannte, nur zu wohl. .Wie er es trotzdem fertig gebracht hat, meinen in Geschäftsangclegenheiten sehr vorsichtigen Vater um so große Summen zu betrügen, das ist mir nicht ganz klar geworden, ich fand in den Büchern nur Notizen über Wechsel, die mein Vater acceptirt hatte, ohne eine Gegenleistung zu empfangen. Es waren sogenannteFreundschastsaccepte, die vor dem Gesetz ebenso verbindlich sind, wie jeder andere acceptirte Wechsel, der aus einer reellen Waarensorderung hervorgegangen ist. Diese Wechsel sigurirten Anfangs mit kleinen Beträgen in den Büchern, wuchsen aber mehr und mehr an und erreichten schließ lich eine Höhe, die meinen Vater ruiniren
mußte, wenn der Freund am Verfalltage das Geld nicht zahlte. .Die Katastrophe trat ein, der Verfall tag kam, die Wechsel wurden vorgezeigt und am Tage vorher hatte der gute Freund sich aus dem Staube gemacht, ohne Geld zurückzulassen. Die Wechsel wurden protestirt, die Besitzer derselben kannten keine Rücksichten, die gerichtliche Klage wurde anhängig gemacht, und wir sahen keine Hülse. RcicheFreunde hatten wir nicht, unsere Verwandten,; denen dieFamilic Schlichter zählte, sagten sich von uns los und nannten meinen Vater einen leichtsinni gen Verschwender, und der Mann, der an all' diesem Unglück die Schuld trug, ließ
Nichts mehr von stch ichen noch hören. .Die übrigen Gläubiger forderten nun auch Zahlung, es blieb weiter nichts mehr übrig, als den Concurs anzumelden." Mein armer Vater überlebte d'ttse Schmach nicht," fuhr er fort, .er gehörte nicht, zu den starken Naturen, die dem Sturme die Stirne bieten und mit fester Hand das Steuer weiter führen, er starb an dem Tage, an dem das Gericht die Siegel anlegen ließ. Nach seiner Beerdigung erhielt ich erst, wie ich vorhin schon sagte, volle Klarheit. Zu retten war nichts mehr, und an einen billigen Vergleich mit den Gläubigern konnte nicht gedacht werdcn,vcil alle Schuld auf meinen Vater geworfen wurde. Aus Mitleid wurde mir eine Stelle angeboten, mein Onkel Schlichter war so freundlich, sie mir anzubieten, gewisser maßen als ein Almosen, zu dem er sich verpflichtet glaubte. Ich schlug sie aus, und mein Onkel wiederholte sein Anerbieten nicht, er hatte seine Pflicht erfüllt, mehr konnteNiemand von ihm verlangen. Ich wäre um keinen Preis in diescrStadt geblieben, die harten und völlig ungerechten Urtheile, die man über meinen Vater fällte, erbitterten mich zu sehr, und schon damals reifte in mir der Entschluß, es zur Ausgabe meines Lebens zu machen, die Schmach von seinem Namen zu nehmen. Ich hatte mir eine kleine Summe von meinem Taschengelde erspart, sie reichte hin, die Kosten der Ucberfahrt nach Ame rika zu decken. Ich überließ den ganzen Nachlaß meines Vaters den Gläubigern und trat die Reise an. .Das geschah vor etwa vierzig Jahren, Herr Doktor und Sie werden begreifen, daß Wochen nicht ausreichen würden, um meine Erlebnisse drüben zu berichten. .Strapazen, Gefahren, schwere Arbeit, Entbehrungen aller Art, Hunger, Noth und Elend, nichts von alledem ist mir erspart geblieben, nur Eins blieb mir treu, meine eiserne Gesundheit. .So war's in den ersten sünszehi? Iahren, dann kam ich nach Californien, wo da Glück mich endlich unter seine Fittige nahm. Ich erwarb mir dort rasch ein Vermögen, und ich wäre schon damals reich geworden, wenn im mich nicht genöthigt gesehen hätte, das Goldland wieder zu verlassen. Ich ging nach dem Süden, heirathete dort und gründete meinen häuslichen Herd. Der Baumwollenhandel vermehrte mein Vermögen, aber beim Ausbruch des Bürgerkrieges mußte ich flüchten, weil ich zu den Aboli tionisten gehörte und niemals aus meinen menschenfreundlichen Gesinnungen ein Geheimniß gemacht hatte. .Man hatte mir in Folge dessen den Tod geschworen, es gelang mir, noch vor Thoresschluß zu entkommen, "aber ein großer Theil meines Vermögens ging dabei wieder verloren. Darauf siedelte ich mich in Südame n nia an. nnd bler wurde ich einerseits durch eisernen Fleiß, andererseits durch kluge Benutzung günstiger Geschästsconjuncturen das, was ich heute bin, ein reicher Mann. .Ich hatte nun erreicht, was ich wollte, und ich wäre schon vor Jahren nach Europa zurückgekehrt, wenn ich nicht aus den Gesundheitszustand nnd dieWünsche meiner geliebten Frau Rücksichten hätte nehmen müssen. , .Sie kränkelte schon lange, alle Hoffnunz auf Genesung war verloren, ich dürfte sie den Strapatzen einer langen Seereise nicht aussetzen, und überdies hegte sie nur noch den einen Wunsch, in ihrer Heimath zu sterben. .Nun, dieser Wunsch hat vor zweiJahren seine Erfüllung gefunden, und ich zogerte jetzt nicht länger, die Vorkehrungen zur Reise zu treffen. So rasch ging das freilich nicht, die noch schwebenden Ge schäfte mußten vorher abgewickelt nnd die Ländereien verkauft werden, ich wollte nichts hinter mir lassen, was mich zu einkr Rückkehr verpflichten konnte. .Das Alles mußte ich vorausschicken, Herr Doktor-, und nun komme ich zu. der Aufgabe, die ich durch Ihre Vermittelung zu erfüllen wünsche. Sie besteht darin, daß ich alle Forderungeu, die an meinen verstorbenen Vater noch gemacht werden können, tilgen will." .Alle diese Forderungen sind vor dem Gesetz verjährt," sagte Eugen mit einem verstohlenen Blick auf das Antlitz Ellcns, die ihren Arm um den Vater geschlungen und das Köpfchen an seine Brust gelegt hatte. .Niemand kann jetzt noch einen Anspruch erheben " Ich weiß das," siel Carlsen in seiner ruhigen Weise ihm in die Rede, .aber halten Sie nun auch die Schmach verjährt, die nach meinen Anschauungen im mcr noch auf dem Namen meines Vaters ruht? Wenn Sie diese Vermittelung nicht gerne übernehmen wollen, so " Ich bitte Sie, legen Sie diese Absicht meinen Worten nicht unter; ich stelle Jhnen mit Freuden meine Dienste zur Verfügung. Als Ihr Rechtsbkistand glaubte ich mich verpflichtet, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß man gesetzlich keine Forderungen an Sie stellen darf, wollen Sie dennoch diese Forderungen tilgen, so ist das um so ehrenwerthcr." Gut, so wären wir uns darüber klar," nickte Carlsen. indem cr das Aktenbündel öffnete und cinPapicr herausnahm. .Ich glaube, die Lösung meines Auftrags wird Ihnen viele Mühe machen." .Das schreckt mich nicht ab," erwiderte Eugen ruhig. Hier ist eine Liste aller Gläubiger sammt den Beträgen .ilircr'Forderungen. Von diesen Beträgen sind die aus der Concursmaffe geleisteten Zahlungen zu kürzen, und der Rest muß bis heute verzins't werden." Die Zinsen für vierzig Jahre ver dreifachen die Repforderungen," warf Eu-
gen ein, .ich sage auch das nur, um Sie daraus ausmerksam zu machen." .Nun, wer die Zinsen nicht nehmen will, mag sie zurückweisen;" fuhr Carlsen achselzuckcnd fort, .aber ich bestimme aus drücklich, daß sie jedem Gläubiger ange. boten werden. Viele von ihnen werden gestvrben sein, man muß dann die nächstcn Erben zu ermitteln suchen." Würde Ihnen eine öffentliche Ausfordcrung in diesem Sinne unangenehm sein?" Ja, denn diese Aufforderung würde zu Fragen, Vermuthungen und abermaligen Verläumdungen sührcn, die mich nnr unangenehm berühren könnten, in-
dessen, wenn Sie dieselbe nöthig erachten, so nehmen Sie auf meine Wünsche keine Rücksicht. Halten Sie stets vor Augen, daß ich vor allen Dingen die Schmach von dem Andenken an meinen Vater ge nommen sehen will, und daß vor diesem Wunsche alle andern in den Hintergrund treten müssen." Die Angelegenheit wird auch ohne ösfentlichcAuffordcrung nachJhrem Wunsche erledigt werden können," sagte Engen, während er die Liste mit einem raschen Blick durchflog, .ich werde eine Vertrauensperson beauftragen, die nöthigen Erkundigungen über diese Leute einzuziehen." In diesen Papieren finden Sie Auszüge aus den Geschäftsbüchern und Korrespondenzen meines verstorbenen Vaters, die Ihnen in einzelnen Fällen vielleicht dienlich sein können," erwiderte Carlsen, auf das Aktenbündel zeigend, .ich werde sie Ihnen heute noch versiegelt zuschicken, und Ihnen einen Creditbrief auf das Bankhaus Schlichter beilegende! dem Sie die nöthigen Summen jederzeit erheben können." Sie lassen mir also in der Feststellung der Forderungen völlig freie Hand? Gewiß, ich weiß, daß Sie mein In teresse wahren und nichts destoweniger auch die Ansprüche der Gläubiger besriedigen werden." .Sie sollen mit mir zufrieden sein nickte Eugen, indem er die Liste hinlegte und den goldenen Kneiser abnahm, .sü? alle Fälle aber bitte ich Sie um emeVollmacht, die ich, wenn es verlangt werden sollte, vorlegen kann." .Ich werde sie Ihnen mit diesen PaPieren schicken." .Gut, so wäre auch das erledigt." .Wollen Sie uns schon verlaffen?" fragte der alte Herr im Tone des Bedauerns. Wenn Sie keine dringenden Geschäste .haben, dann möchte ich Sie bitten. uns noch ein halbes Stundchen zu schenken." Eugen nahm mit einer Verneigung wieder Platz, die Bitte kam seinem eige nen Wunsch entgegen, war es doch für ihn selbst ein fußes und beseligendes Ge fühl, noch eine Weile in der Nähe des schönen Mädchens bleiben zu dürfen. Sie nickte ihm lächelnd zu, als ob sie ihm danken wolle für leine Bereitwillig seit, und aus ihren leuchtenden Augen traf ihn ein Blick, der ihm das Blut heiß in die Stirne trieb. .Da Sie einmal über alle diese Perso nen Erkundigungen einziehen müffen, so wird es Ihnen wohl aus einen Namen mehr oder weniger nicht ankommen," nahm Carlsen wieder das Wort, nachdem er eine neue Cigarre angezündet hatte .Damals,- als ich diese Stadt verließ. wohnte hier eine Wittwe Volkland. Sie lebte m bescheidenen Verhältnissen von einer acrinacn Pension, aber sie litt keinen Mangel, wenigstens habe ich davon nie etwas bemerkt. Sie selbst wird wohl lä. Jt gestorben sein, aber vielleicht lebt ihre Tochter Therese noch, und wenn oies der Fall ist, so wünsche ich die aussuhr lichste Auskunft über sie zu erhalten." Eugen hatte sein Notizbuch aus der Tasche acholt und aeonnet. Thcrese Volkland," sagte er, indem er den Namen mtmninjricb. .Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß sie länast einen anderen Namen fuhrt. erwiderte Carlsen, und ein wehmüthiger Zug glitt über sein ernstes Gesicht, sie zahlte damals erst neunzehn Jahre, uno wie rasch vergißt man ein Versprechen, das man in diesem Alter gibt ! Sie war schön und liebenswürdig, sie mußte da nach trachten, ihre Zukunft sicher zu stellen, und überdies war ihre Mutter nicht mit dem Versprechen einverstanden, van Thcrese mir.demSohne desBankerotteurs, aeaebeu hatte. Hatte sie aber ein solches Versprechen gegeben, dann mußte sie auch unverbrüchlich an ihm festhalten," sagte Ellen mit ernster Ruhe. Mein theures Kind, so urtheilt man in der Theorie, aber in der Praxis gestaltn sich die Dinge doch etwas anders," fuhr der alte Herr in mildem Tone fort. Ob ich jemals mein Ziel erreichte, wann und . ob ich überhaupt zurückkehrte, das Alle? lag, als ich von hier abreiste, in weitem Felde, und ich durst.? dem gelicbten Mädchen nicht zumuthcn, aus die Lösung dieser Fragen geduldig zu warten. Ja, wenn Therese vermögend und dadurch ihre Zukunft sorgenfrei und gesichert gewesen wäre " .Hast du ihr denn von drüben nicht geschrieben V .Nur einmal nach mehreren Jahren, als einmal ein kurzer Lichtblick in meine armseligen Verhältnisse siel, der aber nicht von Dauer war. Ich hatte auf diese Dauer gerechnet und dankte später dem Himmel, daß Thcrese nicht so leichtsinnig gewesen war, mcinen Vorschlag anzunehmen, denn mein Brief konnte kaum in ihren Händen sein, als ich wieder am Hungertuchc nagte. Auf jenen Brief habe ich überhaupt keine Antwort erhalten, und später mochte ich keinen zweiten nachschicken. Wozu auch? Ich mußte mir ja sagen, dav Thcrese längst mich vergessen habe und die Gefährtin eines anderen Mannes geworden sei, wie ich ja auch mich nicht lange bedachte, als ich deine Mutter kennen lernte. Aber vergessen habe ich sie nie, nnd eö wäre eine große Freude für mich, wenn ich ihr das jetzt noch beweisen könnte." .Wenn sie noch unter den Lebenden ist, so hoffe ich, diesen Wunsch erfüllen zu können," sagte Eugen zuversichtlich. .Mit Geld kann man viel erreichen, Sie werden das schon erfahren haben." Ich habe die Macht des Geldes noch nicht erprobt," erwiderte der alte Herr in seiner ruhigen Weise. . jt .So lange man sich nach ' dem Reich-
thum sehnt, baut man Tag und Nacht die prächtigsten Lustschlöffer, und wenn man ihn endlich hat, findet man an diesen
Phantasiegebilden kein Gefallen mehr. .Nicht Alle denken 0 ! Es gibt nn wahres Sprüchwort : Je mehr man hat, je mehr man will !" Gewiß, es gibt Tboren, die nicht Schake genug aushäufen' können, aber sie haben niemals Genuß von diesen Schätzen." Und sie werden dennoch um ihren Bcsitz beneidet." 'Der Neid ist ein ebenso schlimmer Fcind des Glückes, als die Habsucht. Darf ich Ihnen noch eine Cigarre anbicten? Eugen lehnte dankend ab, sein Blick schweifte voll unverkennbarer Bewunderung durch das Zimmer. Als ich Ihr Billet empfinq, alaubte ich, Sie würden meinen Rath und Bei stand wegen dieses Hauses in Anspruch nehmen wollen," sagte er. .Ich wußte, daß Sie diese Villa gekauft hatten, die vor Ihnen schon Mancher zu haben wünschte, und über die wegen ihrer kunstreichen Ausschmückung ost und viel gcredet worden ist. Ich dachte mir, Ihr Kaufvertrag enthalte Bedingungen, die nicht erfüllt worden seien " Im Gegentheil, dieses Geschäst ist so rasch und so glatt geordnet worden, daß ich nur mit Vergnügen daran zurückdenken'kann,"unterbrach ihnCarlsen lächelnd. .Ich sah mir das HauS mit seiner ganzen Einrichtung anfragte nach dem Preise und fuhr mit dem Verkäufer sofort zum Notar, wo der Kaufakt ausgefertigt und das Geld gezahlt wurde. In der nächsten Stunde schon konnte ich meine Tochter in unser neues Heim führen." .Das Ihnen sicherlich gefallen hat," wandte Engen sich zu dem Mädchen. .Ich war entzückt, als Papa mich durch das HauS führte," erwiderte Ellen. Sie kennen es noch nicht V .Nein, ich fand nie eine Gelegenheit, es zu besichtigen." Es würde mir große Freude machen, Ihnen die schönen Räume zeigen zu können." Eugen nahm mit lebhaftem Dank dieses Anerbieten an. Ellen erhob sich, um ihn zu führen, und ihre strahlende Miene bekundete die Freude, die ihr damit bereitet wurde. Der alte Herr begleitete sie nicht, cr wollte während der Zeit die Vollmacht für Eugen schreiben und die Papiere versiegeln. Eugen konnte nicht Worte genug sinden, diePracht des Hauses zu bewundern, und Ellen machte ihn auf manche Schönhcit aufmerksam, die cr gewiß übersehen haben würde, wenn er allein gewesen wäre. Die künstlerisch schönen und vollendeten Wand und Deckengemälde boten ihnen reichen Stoff zu interessanten Gesprächen, und bei dieser Gelegenheit entdeckteEugen, daß seine schöne Begleiterin nicht nur angenehm zu plaudern,sondern auch treffend zu urtheilen wußte. Sie hatte viel gesehen und viel gelesen, sie citirte b:i diesem Gemälde eine Stelle aus den Werken eines deutschen Dichters, bei jenem den geistreichen Ausspruch eincs englischen Denkers, sie sprach über die bildende, wie die dramatische Kunst mit tiefem Verständniß, ohne indeß ihr Urtheil als maßgebend zu bezeichnen. Auch auf Musik kam die Rede, als sie in das trauliche Gemach! traten, das Ellen als ihr Musikzimmer bezeichnete. Eugen warf einen Blick auf die Noten, die auf dem Flügel lagen, er sah nur klassische Tonstücke, das veranlaßte ihn zu der Bemerkung, daß seine Schwester die Musik leidenschaftlich liebe und ein reiches Talent besitze. Ellen sprach darauf den Wunsch nnd die Hoffnnng an?, Hedwig kennen zn lernen, ohne vielleicht zu ahnen, wie sehr sie damit den Wünschen Eugen's cntgegenkam. Sie lehrten endlich in den Gartensalon zurück, in dem der alte Herr sie erwartete. Eugen sprach dem schönen Mädchen seinen Dank aus, ein Gefühl des Glückes durchströmte ihn, als sie vor seinem Blick verwirrt die Wimpern senkte und ihre Wangen sich dunkler färbten. Wir haben keinen Grund, auf dieses Haus stolz zu sein," erwiderte sie, so wie es ist, haben wir es vorgefunden, aber dem früheren Besitzer macht es Ehre. Er hat mit dieser Schöpfung sich selbst ein Denkmal gesetzt,um das jedes kunstsinnige Gemüth ihn beneiden muß." So ist eö," nickte Carlsen, ihm allein gebühren das Lob und die Ehre." Eugen hatte seinen Hut genommen, Ellen reichte ihm mit bezauberndem Lächeln die Hand. "Ich hoffe, es hat Ihnen bei uns gefallen," sagte sie in ihrer heiteren Weise, es würde uns herzlich freuen, wenn Sie uns bald wieder die Ehre schenken wollten." .Diese Wunsche schließe ich mich von Herzen an," fügte ihr Vater hinzu, ich hoffe, unsere geschäftlich::: Angelegenheiten werden seine Erfüllung herbeifüh'ren." Eugen gab nur zu gerne das Vcrsprechen, er nahm das Aktenbündel vom Tisch und wollte es schon unter den Arm fchicben, als die Hand des alten Herrn ihn daran hinderte. .Ich schicke Ihnen die Papiere," sagte Carlsen, es ist ein dickes Packet Mir macht's keine Mühe," unterbrach Eugen ihn scherzend, meine Akten trage ich immer selbst." Er hatte, während er das sagte, seinen Blick auf das Siegel geheftet, und als er sich nnn unwillkürlich der seltsamenWorte seines Vaters erinnerte, glitt ein dunkler Schatten flüchtig über seine Stirne. (Fortsetzung folgt.) Eine verliebte Kokette benimmt sich so albern, wie eine Maus in der Draht falle : sie scheint nicht recht zu wiffen,wie sie eigentl?ch hineingeratt en ist, noch auch, wie sie wieder herauskommen soll. Die Liebe ist ein Kind des Herzens wohl ihm, wenn der Kopf der Vater war. Widerspruchsvo l l. Der Liebhaber auf einem Sommer theater recitirte : .Geliebt- ich trage Deine Briefe stets an melier Brust." Bei diesen Worten zog er die Briefe aus der hintern Rocktasche' hervor.
ffranzosenthum acgrn Deutsch thum :
Ueber dasDeutschthum in der Schweiz und das allmälige Vordringen der sral'zösischen Sprache und französischen Gei stes aus der Schweiz wird dem Berliner Tagblatt- geschrieben : .Dem Deutschschweizer fehlt vorAllem das, was ich Sprachstolz nennen möchte, die Freude und die Begeisterung, ein Theil des deutschen Stammes zu sein, Antheil zu haben an dem großen Schatze der deutschen Literatur, mitzuwirken an der deutschen Kulturarbeit. Die Sprache ist ihm nicht die Grundlage und Bedingung alles geistigen Daseins, sie ist ihm blos Verkehrsmittel. Die eine Sprache ist ihm also so viel werth wie die andere; cs kommt ihm nur daraus an. :n welcher er sich am aeläungsten und bequemsten ausdrückt. Aus diesem. Grunde spricht auch jeder Deutschschwttzer, selbst der gebildete, ausschließlich die Mundart. Hochdeutsch zu sprechen, namenllich darin eine Unterbaltung zu sühren, fällt ihm außerordentlich schwer. Noch lieber spricht der gebildete Mann, wenn er seine Mundart nicht gebrauchen kann, französisch, wie ja auch dieseSpra che in den höchsten Standen, z. 23. in Bern, Solothurn, zum Theil seibst in Basel, noch Umgangssprache ist. DaS Hochdeutsche bleibt ihm stets eine fremde Sprache, die cr als Schriftsprache lern: und die er mundartlich zustutzt, sobald er sich ihrer öffentlich bedienen muß. Nur in der Bundesversammlung wird hoch deutsch gesprochen, und auch dort sind cs blos Wenige, die sich einer schönen, reinen Aussprache befleißen, die meisten sprechen mit dem Accent ihrer engern und engsten Hcimath. Nun wird wohl behauptet, da& die Bevorzugung des Dialekts dem Vordringen der sranzösischen Sprache, be sonders in dem Grenzkantsne Bern, am meisten Widerstand leiste. Ich kann mich dieser Ansicht nicht anschließen. In der Stad: Bern selbst hört man Imindestens ebenso viel Französisch sprechen, als Bernerdeutsch, nnd auch letzieres ist bei nahe mit so viel franzöiischen Ausdrücken vermischt, als z. B. das Elsüssic sche. Die französisch: Sprache macht indem Grenzgebiete unleugbar bedcu tende Fortschritte; Städte und Dörfer, die früher ganz deutsch waren, sind schon halb welsch geworden, französische Schu len entstehen neben den deutschen, und mit der Zeit werden letztere ganz verschwinden. Die Behörden unterstützen zum Theil diesen Prozeß ; und die deutsche Bevölkerung setzt diesem Prozeß auch keinen Widerstand entgegen ; ja sie be günstigt denselben durch ihre Vorliebe sür das Französische, denn in der fran zösischen Bildung sieht sie eine höhere Kultur, eine bessere Bedingung sür das materielle Fortkommen des jüngerenGe schiechts. Die Kenntniß der französischen Sprache verlangt man von jedem Menschen, der aus eine Stellung Anspruch macht, der es in der Welt zu etwas bringen will. Und es ist auch ganz begreiflich, daß daö' Schweizerdeutsche in der Konkurrenz mit dem Französischen unterlie gen muß. ist es doch auch Thatsache, daß in den Volksschulen der deutschen Kan tone der Unterricht in der Muttersprache viel schlechter ist, als in der französischen Schweiz. Dort bricht und .schreibt jeder Dorsschulmeiste? ein gutes Iran zo lisch, in der deutschen Schweiz ist es mit der Kenntniß der Muttersprache bei den Volksschullehrern und ost selbst bei Lehrern der unteren Mittelschulen schlimm genug bestellt. Der junge Mann mit französischem Schulunterricht ist in jeder Hinsicht gewandter als der deutschschweizerische Jüngling. Diese Erscheinung erklärt hinlänglich die Vor liebe des Volkes für das Französische und die Fortschritte, welche dieseSprache macht. Nun kommt aber noch ein politisches Moment hinzu, besten sich wohl nur Wenige recht bewußt sind, das aber gleichwohl mächtig wirkt. Es hat mir einmal ein hervorragender Führer der radikalen Partei gesagt, es sei eigentlich doch schade, daß daö Schweizerdeutfche sich nicht seiner Zeit zu einer eigenen Schriftsprache ausgebildet, daß also in. der Schweiz nicht ein ähnlicher Prozeß sich vollzogen habe, wie in Holland, dessen Sprache eigentlich auch nur eine niederdeutsche Mundart sei. Mit einer eigenen Schriftsprache wäre die po litische Unabhängigkeit der Schweiz viel besser gesichert worden, als mit dem tüchtigsten Heere. So aber dringe beständig durch die deutsche Literatur, durch den Besuch deutscher Universitäten vonSeiten der schweizerischen studirenden Jugend ein deutscher Geist in dieSchwe'z ein und bedrohe den Unabhängigkeit sinn der Schweizer. Man gewöhne sich an deutsches Wesen, deutsche Cuttur. Wie dieser Mann denken noch Viele. Ihre Ansicht aber beweist am besten, daß sie auf die geistige Verbindung mit Deutschland keinen Werth legen, da sie deutsche Sprache nicht schätzen. Siebe denken nichtdaß wir geistig ganz ver armt wären, wenn wir mit etwas mehr als anderthalb Millionen Einwohner ein eigenes Sprachgebiet besäßen und eine eigene Literatur schaffen müßten, daß wir also das Schicksal aller kleinen Sprachvölker wie z. B. der Holländer und Dänen theilen würden, d. h., daß wir uns außerhalb des Stromes geisti ger und literarischer Bewegung, wie sie ein großes Sprachgebiet mit hochenlwickelter Kultur erzeugt, besänden und nothwendigerweisc der Stagnation an heimsielcn. Ein gütiges Geschick hat uns davor dcwahrt, ein abgeschlossenes geistiges Leben führen zu müssen. Was wäre übrigens die Folge davon gewesen, wenn das Schweizerdeutsche sich zu un serer Schrislsprache entwickelt hätte? Das Französische würde noch weiter ein gedrungen sein und wäre wahrscheinlich, obschon nur von einem Drittheil als Muttersprache gesprochen, zur alleinigen Amtssprache geworden, wie das in Bel gien geschehen ist, wo das Französische allein herrscht, obschon das Vlämische von der Mehrzahl der Bewohner gesprochen wird. Mit dem Schweizerdeutsch will man in der Schweiz also auch einen politi schen Gegensat) gegen Deutschland aus drücken, und derjenige wird schsn nicht
