Indiana Tribüne, Volume 4, Number 400, Indianapolis, Marion County, 23 July 1882 — Page 6
Has unterirdische Rußland.
(AuZ tcr Wien? SZ. Fr. Presse.) Die russische RevolutZonZparte! hat lotken ein Buch in italienischer Sprache, - velches iuMailand erschienen ist, heraus gegeben. Der Verfasser nennt sich 'Stepnjak natürlich ein falscher Name. Er war früher Redacteur der geheimen Zeitung Semlja i Wolja. Theils Geschichte, theils Pamphlet, enthält es eine Reihe von Angaben über die Thätigkeit der russischen Revolutionäre, die selbst ,de? Petersburger Polizei neu sein dürsten. Es ist von unmäßiger Bewunderung -und Begeisterung für die Nihilisten erfüllt jmd vertheidigt ihre entsetzlichen Thaten init glänzender Sophistik. - "Der Nihilismus bildet heute das Zerr bild der viss-nschaftlichen Bewegung, die er Anfangs war. Als Turgenjew das Wort für die neue Lehre erfand, beschäf. tigten sich die Bekenner derselben gar Licht mit Politik. Der Nihilismus." so desinirt Stepnjak, .war ein Kamps für die Befreiung des gebildeten Menschen von jeder Abhängigkeit." Er äußerte sich zunächst der Religion gegen, über, wo er leicht und schnell siegte. Der Clerus vermochte es nicht zu verhindern, daß die russische Gesellschaft den Glauben über Bord warf. Heute ist in Rußland unter halbwegs gebildeten Leuten ein Mann, der sich nicht zum reinsten Materialismus bekennt, ein weißer Rabe." Aber bald wendete sich der Nihilismus den socialen und politischen Fragen zu. Zuerst setzte er jene vollständige FrauenEmancipation durch, deren Blüthen wir in Zürich bewundern, dann begann er an die Emancipation der Armen und Elenden zu denken. Hatte der Nihilist ursprünglich sein Glück gesucht, so trach. tete er jetzt für das Glück Anderer zu wirken; das nihilistischeJdeal veränderte sich plötzlich. Erst war es ein behagliches Leben voll Genuß gewesen, nun ward es -durch mühevolles und gefährliches Wirlen, durch die Sehnsucht nach gewalsa mem Tode ersetzt: der eigentliche Nihilist verschwand, der Revolutionär trat an seine Stelle. Den entscheidenden Anstoß zu diesem Umschwünge gab die Pariser Commune. Ende 1871 bildete sich in Moskau die Gesellschaft der Dolguscinsen und 1872 entstanden die Caikovzi in Pe tersburg mit Filialen in Moskau, Kiew, Odesia, Orel und Taganrog. Ihre Mitglieder .gingen unter das Volk", wie der technische Ausdruck lautet, um bei Kleinbürgern und Arbeitern sür die socialisiischen Lehren Propaganda zu machen. In den Jahren 1873 und 1874 vard dieselbe am eifrigsten betrieben. Schaaren von verwöhnten Jünglingen aus den besten Familien verdangen sich als Arbeiter in den Fabriken und Werkstatten, um die revolutionären Lehren dort zu verbreiten. Ein Rundschreiben der Regierung gestand, daß siebenunddreißig Provinzen von der socialistischen Seuche" ergriffen waren. Die Versuche, die Bauern sür das neue Evangelium zu gewinnen, scheiterten indeß vielfach und führten zu Denunciationen und zahlrei chen Verhaftungen; die Propaganda ward eingestellt. Ihre Träger waren Idealisten; wenigstens schildert sieStepnjak als solche. .Ihr Glaube," sagt er, war der Socialismus, ihr Gott das Volk. Sie waren zu jedem Opfer be reit, aber sie besaßen weder den Ungestüm, noch die Leidenschaften für den Kamps. Nach den ersten Enttäuschungen hofften sie nicht mehr auf Sieg und trachteten mehr nach der Dornen- als nach der Lorbeerkrone. Sie zerflossen in Liebe und konnten Niemanden hassen, nicht einmal ihre Henker Den Propagandisten folgten die Terroristen, den Männern des Wortes die Männer der That. Der Pistolenschuß, den Wjera Sassulitsch auf den General Trepo abfeuerte., und die Ermordung des Generals Mezentsev leiteten die dritte, die gegenwärtige Aera des Nihi lismus ein. Jetzt trägt er keine Maske, sucht Niemanden mehr zu täuschen. Sein Symbol ist die Dynamitflasche, sein Zweck der Schrecken, die Rache, der Mord. Seine thätigen Parteigänger der deutsche Student würde sie die .Activen nennen sind keineswegs zahl reich. Stepnjak versichert, daß ihrer nie Viele gewesen seien, noch sein würden, und das ist glaublich genug. Aber Tau sende und Hunderttausende unterstützen sie, ebnen ihnen die Wege, geben ihnen ein sicheres Versteck, wenn sie verfolgt werden, spenden Beiträge sür revolutionäre Zwecke. Die Geldmittel der Nihi listen stammen fast durchwegs von wohl habenden, oft hochgestellten Persönlichkeiten, die nicht unmittelbar zu dem Ge Heimbunde gehören, aber ihm aus Zorn Legen das herrschende System Geld zuwenden. Die Negierung steht isolirt wie ein fremder Eroberer im Lande, erfährt nichts, wird von ihren eigenen Aqenten absichtlich und unabsichtlich ge lauscht. Je eifriger sie einen Führer der Nihilisten verfolgt, desto lieber verbirgt und beschützt ihn die Bevölkerung ; er ist, wie einst in Ungarn der Räuber, ein nationaler Held, den Niemand fragt, ob nicht meuchlerisch vergossenes Blut an seinen Händen klebt. Man rühmt sich, ihn beherbergt zu haben, und. Familien die keineswegs die lichtscheuen Thaten der Nihilisten billigen, betrachten den Stuhl, aus dem Scheliabow gesesien, das Sofa, das Sophie Perowskaja als Lager benützt, wie kostbare historische Reliquieen. Von einer Anzahl hervorragender Mitglieder der Umsturzpartei entwirft Stepnjak anschauliche Porträts. Es ist eine seltsame Galerie, die uns hier vor. geführt wird, denn die Mehrzahl der hier körperlich und geistig geschil derten nihilistischen Berühmtheiten ward gehenkt. ttfrrnen sie da nach einander keimen. Zuerst Stesanowitsch, den schweigsamen Organisator mit dem häß lichen Tatarengesichte, dem breiten Mund . und der Stumpsnase. Er hat die Eigenschast, daß er kerne Rede anhören kann. Sobald man ihn dazu zwingt, schläst er ein und schnarcht vernehmlich. Er ist der Sohn eines Dorfpfarrers, mit dem ti trotz aller Fahrlichkeiten seines abenNeuerlichen Lebens in beständigem BriefWechsel steht. Dann Dimitri Clemens, den Schönredner, in dessen Gesicht die Slainx die Nase vergessen zu haben
scheint, dem jedoch unter der breiten Denkerstirne ein Paar mächtiger brauner Augen flammen. Clemens liebt den Spaß und die Gefahren; er machtWitze, indem er sein Leben zu Markt trägt.' Während des Processes Serdjukow hatte er die Verwegenheit, unter falschem Na men zu dem Staatsprocurator zu gehen und ihn zu bitten, er möchte den An geklagten gegen seine Bürgschaft in Freiheit setzen. Ein noch keckeres Stück chen führte er in Petrosavodsk aus. Dort war ein gewisier Telsiew internirt, der im Proceß Netschajew eine untergeordnete Rolle gespielt hatte. Um ihn zu befreien, reiste Clemens als Ingenieur Sturm nach Petrosavodsk, stellte sich al len Behörden vor, ließ sich von ihnen acht Tage lang auszeichnen und fuhr dann mit Telsiew ab, ohne daß der Jsprawnik eine Ahnung von dem Streiche hatte. Weiter erzählt uns Stepnjak von Va. lerian Ossinsly, dem Fürsten Krapotkin und Dimitri Lisogub. Der Fürst ist eine in ganz Europa bekannte Persön lichkeit. Er lebt seit seiner Flucht aus der PeterPaulS-Festung auf fremder Erde in Sicherheit und betreibt den Nihilismus alsSport. Unser Autor spricht ihm jeden Einfluß aus die Bewegung in Rußland ab. Die Emigranten wüßten überhaupt nicht mehr davon, als was sie aus Briefen und Zeitungen erfahren könnten. Es sei eine große Lächerlich keit, daß man noch immer vielfach glau be, die Revolution in Rußland würde von auswärts geleitet. Ein Befehl von daher könne Petersburg erst in vier bis fünf Tagen erreichen, eine Antwort auf eine Anfrage oft erst in zwei Wochen. Der Augenblick entscheide aber über die Beschlüsse der Partei und sie dulde da her niemals den geringsten Einfluß von Seite der Ausgewanderten. Ossinsky war der Apoll des Nihilismus. Groß und schlank, elegant in Bewegung und Haltung, mit zierlichem blcndem Bart und schwärmerischen blauen Augen, be zauberte er durch seine Erscheinung und galt als der beste Sammler. Wenn er Geld verlangte, konnte ' ihm Niemand widerstehen. Alte Geizhälse öffneten ihre Truhen und spendeten süns- bis zehntausend Rubel, sobald OssinSky sie mit seiner einschmeichelnden Stimme darum bat. Er liebte die Frauen und ward von ihnen geliebt. Als er gehenkt ward, möge Manche, die er geküßt, schmerzlich ausgerufen haben : Das ist das Loos der Schönen auf der Erde !" Sein Widerspiel war Lisogub, eine bleiche, hagere, langbärtige Apopelsigur, stets in schäbige Kleider gehüllt und bei zwanzig Grad unter Null nur mit einem fadenscheinigen Ueberzieher, versehen. Lisogub hatte sein ganzes Vermögen mehr als eine Million Rubel der Agi tation geopfert, bildete also die Melkkuh der Partei, betheiligte sich aber nie direct an einem Mordanschlage. Als man ihm da Todesurtheil verkündete, öffnete er vor Staunem weit den Mund, starb aber mit männlicher Faffung. Stepn jak nennt ihn den Heiligen des Nihilismus. In der Porträtgalerie erschienen auch drei weibliche Bildniffe. An Verschwörungen und geheimen politischen Gesellschaften haben sonst die Frauen nicht theilgenommen, und selbstBrutus besann sich lange, ehe er seiner Portia das Ge heimniß mittheilte, nach welchem sie so begierig war. Die moderne Russin ist aber ein ganz wunderliches Wesen. Die wahren weiblichen Anlagen und Eigenschasten treten bei ihr in den Hinter gründ, und sie durchbricht mit Vorliebe die Schranken, welche Natur und Sitte dem Weibe zugezogen. Sie hat entwe der kein oder zu viel Geschlecht, lehnt sich gegen alles Herkommen auf und mischt sich leidenschastlich gern in die Politik. Darum spielen Frauen in der nihilisti schen Bewegung eine große Rolle, und ost überbieten sie an entschloffener Rück sichtslosigkeit und kalter Berechnung die Männer. Die Namen Wjera Sasiu litsch, Jeffe Helfmann und Sophie Pe rowskaja waren eine Zeitlang in aller Welt Munde. Stepnjak feiert sie als Heroinen. Jeffe Helfmann ward Hauptsächlich dazu verwendet, die Correspondenz der Parteimitglieder zu besorgen ; sie war die wandelnde Stadtpost der Ni hilisten in Petersburg und manchen Tag vierzehn Stunden auf den Beinen. Wjera Saffulitsch muß nach derBeschreibung, die wir von ihr erhalten, eine ziemlichl garstige, unangenehme Person sein. Stark und vierschrötig gebaut, mit einem großen Kopse, langer Nase und dünnen Lippen so sieht der Engel der Rache" aus. Wjera hat außerdem die angenehme Gewohnheit, sobald sie im Gespräch erregt wird, wüthend zu gesticuliren und unbändig zu schreien, daß dem Hörer die Ohren schmerzen. Glücklicherweise liebt sie die Einsamkeit und streift stundenlang allein in den Bergen der Schweiz umher. Ihrer Tugend droht keine Gefahr. Der Nihilismus besaß auch seine Gra zie. Sophie Perowskaja war schön. .Ein blondes Köpfchen mit einem Paar blauer, ernster, durchdringender Augen unter einer breiten, gewölbten Stirn, ein zierliches Näschen und ein rosiger Mund, der bei jedem Lächeln zwei Reihen wun derschöner Zahne zeigte" so lautet die Schilderung Stcpnjal's. Sie stammte von jenem Rasumowsky ab, der durch seine Schönheit die Leidenschaft der männerfrohen Kaiserin Elisabeth erweckt hatte; ihr Vater war General'Gouver neur von Petersbura. Der Emancipa tionsdrang war in ihr so mächtig, daß sie als sünszehnjähriges Mädchen ihren Eltern davonlief, .um sich zu bilden." Sie schloß sich sofort der revolutionären Partei an und schwang sich zu einem ihrer hervorragendsten Mitglieder auf. Die wichtigsten Angelegenheiten wurden ihr anvertraut, der gefährlichste Posten war ihr Platz. Dieses hübsche, blonde, immer lächelnde Mädchen, das wie ein unschuldiges Kind aussah, und nur von der ersten Liebe zu träumen schien, sann Tag und Nacht aus Mord und leitete mit der Ruhe eines alten Soldaten die Vorbereitungen. .Sophie war es, die in jenem Hause in Moskau wohnte, von dem aus der Minengang angelegt ward. Sie plauderte harmlos mit den Nach barn, während acht Verschworeneden Stollen gruben; sie kochte für sie und unterhielt sie mit Scherz und Gesang bei der Mahlzeit. Aus dem Tische stand eine
Flasche Nitroglycerin, und Sophie trug den geladenen Revolver in der Tasche. Sie hatte den geheimen Austrag, im Falle eines Ueberfalles durch die Polizei einen Schuß in die Flasche zu thun, um so das Haus in die Lust zu sprengen. Sie lag. auf der Lauer, als der Hofzug nahte, und sie gab das Signal zur Entzündung der Mine. Lächelnd stand sie auch am 13. März 1881 am KatharinenCanal. Zuweilen winkte sie mit dem Taschentuch, als ob sie einen Bekannten grüßen wollte, um die harrenden Genos sen über das Nahen des kaiserlichen Wagens zu verständigen. Plötzlich hob sie es empor und ließ es über ihrem Köpf chen wallen; im nämlichen Augenblick schleuderte Ryffakow seine Bombe. Sie hätte sich nach dem Attentate leicht flüch ten können, aber sie wollte nicht, die Angst um das Schicksal ihres Geliebten Scheljabow hielt sie in Petersburg zu rück, und nach acht Tagen siel sie der Polizei in die Hände, um mit Scheljabow vereint zu sterben. Wie über die einzelnen Persönlichkei ten, so ist Stepnjak auch über das Wirken der Partei eine gute Quelle. Erbe schreibt z. B. die Arbeiten an dem Moskauer Minengang so genau, als hätte er dort selbst mitgegraben. Wir ersahren von ihm,, daß damals auf der Linie Odeffa-Moskau noch zwei andere Minen gelegt worden waren, die eine bei Odesia selbst, die zweite bei Alexandrowsk. Die erste ward aufgegeben ; bei der andern, die neben einem AbHange angebracht war, damit der Hofzug in die Tiefe stur zen sollte, versagte das Zündhütchen an der Ladung, sonst hätte Alexander II. dort sicher seinen Tod gesunden. Für diese drei Minen gaben die Nihilisten das hübsche Sümmchen von achtzig bis hunderttausend Francs aus. Einen Theil des Geldes brachten sie dadurch herein, daß sie aus das Haus, von dem der Minengang begann, ein Darlehen aufnahmen. Der verunglückte Versuch, einen der im Prozeffe der Hundertdrei undneunzig" Verurtheilten ausdemWege von Petersburg nach Charkow zu be freien, kostete viertausendsünfhundert Rubel, nach den genauen, der Verein! gung vorgelegten Rechnungen". Die Nihilisten haben also nicht nur Geld, sondern auch eine sorgfältige Finanzver waltung. Ob trotz aller Begeisterung nicht selbst da manchmal gestohlen wird, wie es in Rußland Väterbrauch ist ? Fast noch wichtiger als die Geldgeber sind sür die Nihilisten die Verstecker" (Ukrivateli). Dieselben gehören durchwegö den befferen Ständen an und be finden sich meistens in Stellungen, die jeden Verdacht gegen sie ausschließen. Vorzugsweise recrutiren sie sich aus den Beamten, und es soll nicht selten vor kommen, daß die Wohnung einesStaats dieners, der wegen seiner Loyalität besonders helobt und ausgezeichnet wird, ein Hauptversteck der Revolutionäre bildet. Um die Polizei irrezuführen und den spähenden Augen der Dworniks Hausmeister zu entgehen, bleibt der bedenkliche Gast gewöhnlich nur eine Nacht und sucht für die nächste ein anderes Unterkommen. Meist bemerkt der Dwornik seine Anwesenheit nicht ; fällt ihm das fremde Gesicht aber doch auf, so weiß man ihn mit der Versicherung zu beruhigen, es sei ein Verwandter, ein Freund, der über Nacht geblieben. Stepnjak erzählt von einem Beamten, bei dem er verborgen war, daß der arme Mann beständig am ganzen Leibe zit terte, jeden Augenblick aufsprang, um an ! der Thür zu horchen, und die Nächte vor Angst nicht schlafen konnte. Aber so sehr sich der arme Mann auch vor der Polizei fürchtete, er beherbergte dvch die Obdachlosen, die Geächteten. Damit diese stets wissen, ob sie sich in ein HauS begeben können, und ob Alles sicher ist, baben die Nihilisten ein förmliches Sy stem von Signalen geschaffen, über deren Beschaffenheit Stepnjak wohlweislich nichts mittheilt. Sie werden bald hier, bald dort, mit Vorliebe in gewiffen übelriechenden öffentlichen Anstalten an gebracht und sind so unscheinbar, daß sie der Polizei niemals in die Augen fallen. Das größte Virtuosenstückchen der Re volutionäre war jedoch die Gründung einer geheimen Druckerei. Lange Zeit hielten die Nihilisten selbst das Wagniß sür unmöglich, bis ein schlauer Jude aus Wilna, Namens Aron Zundelewisch, es glücklich vollführte und eine Druckerei einrichtete, die Mitten in der Hauptstadt Jahre hindurch bestand und arbeitete, ohne daß die Behörden sie entdecken konnten. Das Personal bestand aus zwei Männern und zwei Frauen. Von den Ersteren war der Eine der Sohn eines Generals, der Andere ein schwind süchtiger junger Mensch, der niemals ausging und an derselben Stelle schlief, an welcher er setzte ; ein todesfreudiger Fanatiker, desien Leben sich in seinen glühenden Augen concentrirte. Nie hat Jemand seinen Namen, seine Herkunst erfahren. Man nannte ihn nur den Vogel", Die Eine der Frauen, Marie Krilow, hatte die Wohnung gemiethet, in deren letztem Zimmer sich die Druckerei befand. Ihr ganzes Geräthe bestand aus einigen Letternkästen, einem kleinen Cylinder aus einer klebrigen, leimartigen Substanz, einem großen, mit Tuch überzogenen Cylinder, der als Druckwalze diente, zwei Flaschen Druckerschwärze und ein paar. Bürsten und Schwämmen. In wenigen Minuten konnte das sämmtliche Handwerkszeug in einem großen Wandkasten verborgen werden. Indeß kam die Polizei nie mals, um Hausuntersuchung zu halten, denn der Hausmeister verbürgte sich sür die Harmlosigkeit der Frau Krilow, die ihn so ost als möglich unter allerlei Vor münden in das bewußte letzte Zimmer sührte, wo natürlich vorher alle Spuren der Druckerei beseitigt worden waren. Ihre Lage ward so geheim gehalten, daß von den .Direktoren" des Bundes selbst nur ein Einziger darum wußte und der Redacteur der .Semlja i Wolja" blos einmal den Raum betrat, in welchem das Blatt gedruckt ward. Es bedurste des Austausches einer ganzen Menge von Erkennungszeichen, ehe Frau Krilow ihn einließ; die Schwelle der Geheimdruckerei war wohl behütet. Und wie werden die verpönten Blätter unter das Publikum gebracht ? mag der neugierige Leser fragen. Der Vertrieb ist so einfach als möglich, man kar? fast sagen öffentlich. - Selbst das schralichste
Journal der Terroristen, die .Narov naja Wolja", hat seine bestimmten Ver schleiße? in den öffentlichen Schulen und in allen Claffen der Gesellschaft. Jeder von ihnen erhält eine gewiffe Anzahl von Exemplaren zugestellt und verkauft sie um fünfundzwanzig Kopeken die Num mer in Petersburg, um sünsunddreißig in der Provinz. Nur sehr selten gelingt es der Polizei, eines dieser Colporteure habhaft zu werden.. Hat sie doch nicht einmal die Redacteure des Natschjalo", einer früheren geheimen Zeitung, in ihre Gewalt bekommen, obwohl ganz Petersbürg sie kannte und bezeichnete. Solche Erscheinungen wären undenkbar, meint Stepnjak, wenn sich die Re gierung in grellem Widerspruche mit der Gesellschaft befände. .Die Sache ist klar wie die Sonne. Wo leben die Terroristen, als in Mitte der Gesell schaft, zu deren Mitgliedern sie in tägli eher Beziehung stehen ? Wenn sie ein fache gemeine Verbrecher wären, welche die öffentliche Ordnung zu- ihrem Vor theile stören, so könnte die Gesellschaft sie, an Händen und Füßen gebunden, den Vertretern der Macht ausliefern. Und wenn sie dagegen Bedenken trüge, so würde sie dieselben einfach dadurch vernichten, daß sie ihnen ihre Untersiü tzung entzieht. Wo würden dann die Terroristen ihre Mittel hernehmen, wo sich verbergen, wo Verstärkung finden? Aber warum soll die russische Gesellschaft eine Regierung unterstützen, die Allen verhaßt ist? Deßhalb sieht sie trotz ihrer vorschriftsmäßigen Ergebniß-Be" theuerungen mit verschränkten Armen dem Treiben der Terroristen zu, reibt sich heimlich die Hände und unterstützt sie, statt sie anzuzeigen, wenn nicht dieFurcht sie daran verhindert, weil sie weiß, daß sie durch ihre Thätigkeit nur gewinnen kann." Ob demungeachtet die Zukunft des Nihilismns so hell, sein Sieg im Kampse gegen dieRegierung so gewiß ist, wie Stepnjak annimmt, daran zu zweifeln wird erlaubt sein. Eine' Bewegung, die mit so barbarischen Mitteln arbeitet, trägt die Bürgschaft des Erfolges nicht in sich. Ihre Führer behaupten, und sie haben es in dem berühmten Manifeste vom 23. März 1881 dem gegenwärtigen Czar erklärt, daß sie aus Gewalt und Verbrechen verzichten würden,sobald ein warmer Hauch der Freiheit die politische Eiswüste Rußland's austhauen ließe. Aber es hält schwer, sich die Minirer und Bombenschleuderer als ruhige Staatsbürger zu denken. Im westlichen Eu ropa wäre eine solche Umwandlung nicht möglich, vielleicht ist sie es in Rußland. K. v. Thaler.
Z5om Mcken. Aphorismen von Ernst Eckfttin. Unter Necken" verstehen wir das bewußte Zufügen kleiner Uebel ohne Vor walten einer intensiven Feindseligkeit. Die psychologische Versassung des Neckenden ist ganz besonders bei der sogenannten harmlosen" Neckerei und von dieser ist hier in erster Linie die Rede eine vielfältig complizirte. Vorwiegend lasien sich etwa drei Ingredienzen erhärten, aus denen sich die Necklust zusammensetzt : Neugier, Lachlust und Ei telkeit. Die Neugier wünscht zu erproben, wie das Objekt der Necklust sich in dieser oder jenen ungewohnten Lage benehmen wird. Die Lachlust setzt voraus, dieses Benehmen werde von komischer Wirkung sein, und begehrt diese Komik auszukosten. Die Eitelkeit endlich hegt, wenn auch häusig unbewußt, das Ver langen, durch die Hervorrusung dieser Komik eine geistige Überlegenheit zu bekunden und so vor sich selber wie in den Augen Anderer zu wachsen. Die Begierde des Reckens wirkt oft so unwiderstehlich, daß bei ihrer Bethäti gung die Grenzen des kleinen Uebels" nicht respektirt werden. Aber selbst dann erscheint die eigentlicheAbsicht keineswegs aus die Erweckung der Unlust als solche gerichtet ; allcrhöchstens läßt der Leichtsinn die Frage osfen, ob dieNeck?rei nicht doch von schlimmerenFolgen begleitet sein .könnte, als man wünschen muß. Sind diese schlimmen Folgen jedoch faktisch eingetreten, so regt sich alsbald dieReue, das Mitleid, und wenn die Folgen über alle Erwartung bellagenswerth ausgefallen, der Schmerz und selbst die Verzweiflung. Die übermüthigen Studenten, die da nächtlicher Weise quer über die Hauptstraße der kleinen Universitäts stadt einen halbzölligen Strick spannen, so daß die vereinzelten friedlichen Bür ger, die grad' aus dem Wirthshaus" herauskommen, unvermeidlich hinstürzen müssen, diese bitterbosen Zöglinge der allzu geduldigen Hochschule, die vor Gaudium" geradezu aufheulen, wenn der Herr Bürgermeister mit seinem wür digen Bauch auf. das Pflaster schlägt und den goldknopsigen Rohrstock weit in die Gosse entrollen läßt : sie alle würden nicht nur bereitwilligst herzuspringen, wenn es einem der Beschädigten nicht sofort gelänge, sich wieder aufzurichten, nein, wirkliche Reue oder, wie der Akademiker sagt, ein kolosialer morali scher Kater würde sie packen, wenn der nun so lebhaft belachte Herr Bürger meiste? ein Bein gebrochen hätte. Die größte Wahrscheinlichkeit, daß die Mitthäter unentdeckt blieben, bräche diesem moralischen Kater" nicht die gistigen Zähne aus. In früheren Tagen nahm man denn in der That die Neckereien der Herren Studiosi harmloser und gemüthlicher. Seitdem ist die Gesetzgebung in eine Strömung gerathen, die sich als seind selig gegen alle Nomantik erweist. Die Mensuren werden als .Zweikamps mit tödtlichen Waffen", oder, falls dies nicht angeht, wenigstens an demjenigen Pau kanten, der dem Gegner die Schmarre beibringt, alsKörperverletzung- bestrast, ohne Rücksicht aus das alte volentinon fit injuria. In gleicher Weise verhält sich Tyemis ritch den ehedem so flott be-. triebenen Neckereien gegenüber. Noch in den sechziger Jahren gehörte es zum be liebtesten Sport und Ulk der akademi schen Jugend, den Philistern während der Nacht allerlei groteske Ueberraschungen zu bereiten, die dann am anderen Morgen ein kolossales Schimpsen, Zan ken und Wettern auf Seiten der Geschä digten und ein - riesiges Hochgefühl der gelungenen Frevelthat auf Seiten der
Maleficanten hervorrief. Gartenthüren hob der angeheiterteMusensohn mit ganz besonderer Vorliebe aus den Angeln und schleppte sie weit hinaus in die thau besprühten Fluren des Weichbildes, wo sie beim ersten Aufleuchten der rosenfing rigen Eos von den stadteinwärts fahren den Landleuten mit Staunen entdeckt wurden. Aushängeschilde ehrsamerKausleute schraubte man los und vertauschte sie mit anderen oder trug sie in entlegene Hosräume, gleichsam als Angebinde für die sechsunddreißigjahrige Tochter des Herrn Commerzienraths, die heute Geburtstag hatte, oder als Barrikade für den freien Verkehr bei Meier & Sohn" 2c. Die Rohre der Dachtraufen ließen sich durch kräftiges Ziehen aus ihrerVereinigung lösen und bildeten alsdann ge schmackvolleArchitrave über dem wuchernden Grün einer Gaisblattlaube oder ei genthümlich melancholische Säulen im Blumenbeet einer benachbarten Villa. Ich entsinne mich, daß drei meiner Bekannten sich das nur vom Standpunkte eines Studenten begreifliche Vergnügen machten, vom Arbeitsplatze eines ehrsamen Zimmermeiflers den wuchtigsten aller vorhandenen Baumstämme hinwegzuschleisen, eine Leistung, die nur mit Aufbietung aller Kräfte gelang und dennoch nicht zum glorreichen Ende geführt worden wäre, wenn nicht zwei Soldaten, die Nachturlaub hatten, und in sehr vergnüglicher Stimmung aus einem benach'barten Bierdorfe heimkehrten, auf das freundliche Zureden der Musensöhne sich bereit erklärt hätten, am Transport mitzuhelfen. Fast eine Stunde lang quälte man sicy freiwillig bei einer her kulischenArbeit, deren Leistung alsPflicht man als peinvolles Qnus angesehen ha ben würde. Der Kobold der Necklust goß den Jünglingen die unermüdliche Krast" in die Adern, und wie der Liebende Hunger und Durst, Frost und Hitze, Märsche und Nachtwachen spielend erträgt, so ward dies Qnus mit wahr hast heroischer Forschität" überwunden, zum unbeschreiblichen Erstaunen desUni versitätsrichters, der sich von Amtswegen mit dem weggeschleppten Baumstamm befasien mußte, da eine Reihe handgreif- j sicher Jndicien zur Entdeckung der Be j theiligten sührte. Der Herr Universitätsrichter war nahe daran, die GlaubWürdigkeit der städtischen Polizeidiener und seiner alt erprobten Pedellen in Frage zu stellen so unmöglich schien ihm das gewaltige Werk, so unbegreiflich die Intention der Ausführung denn der Baumstamm tS braven Zimmer- ! mannes fand sich dreihundert Schritt weit von seinem rechtmäßigen Lagerort, unverheimlicht, in der Mitte des vielbetretenen Exercierplatzes. Erst als einer der Studenten, die dcmnächstige Lösung dieser Zweifel und die schließllche Verknurrung" voraussehend, das übermüthige Citat wagte : Ja, ja, Herr Universitätsrichter, vor das Große haben die Götter den Schweiß gesetzt !" fand sich der Rhadamanthus der Alma Mater bewogen, fünf- bis achttägige Carcerstrafen auszusprechen und den Verurtheilten vorzuhalten, wie sehr ein solcher Unfug dem Geiste einer höheren Lehr anstatt zuwiderlaufe. All' diesen Bethätigungen eines ju .endlichen Uebermuthes fehlt offenbar der Dolus, den Betroffenen wirklich zu schädigen. Es liegt hier lediglich der Wunsch des akademischen Ulkens" vor, und dann mischt sich auch noch ein anderes Moment ein, das der alternde Philister leicht unterschätzt : das sprudelnde Krastgefühl der fröhlichen Jugend, das ein Objekt sucht, jenes Wogen, Wallen und Schäumen in den Muskeln, imHirn und im Herzen ; jener Gährungsprozeß, den ich sehr im Gegensatz zu der be trübsamen Erscheinung des Alexandrinerthums das Alexanderthum nennen möchte, in Erinnerung an den Sohn des Philippos, dem eines schönen Tages Makedonien zu klein wurde". Aus den Uebelthätern dieser stürm- und drangbeseelten Zeit werden späterhin keineswegs Rebellen wider die gesetzliche Ord nung, sondern tüchtige friedliebende Staatsbürger, die sich nur vielfach die acht humoristische Toleranz gegen die Excesie der Jugend und das Verständniß für einen Spaß bewahrt haben, wenn derselbe auch etwas ungehobelt zu Tage tritt. Die Necklust regt sich bekanntlich schon in der frühesten Kindheit. Sie ist eine ererbte Eigenschaft unseres Charakters, wie alle Eigenschaften herangebildet auf dem Wege der Anpaffung. Der NaturPhilosoph wird demgemäß auch unschwer nachweisen können, daß die Necklust sür die Entwicklung der Species zweckmäßig ist. In der That springt diese ZweckMäßigkeit alsbald in die Augen. Ein Kreis von Menschen, innerhalb dessen die Necklust stark ausgeprägt ist, wird mehr Veranlassung haben, die kleinen Schwächen und Thorheiten, die so häufig als Punkte benutzt werden, wo die Neckerei ihre Hebel ansetzt, abzulegen, und demgemäß sür den Kamps ums Dasein tauglicher werden, als die Gesell schast, die jenen Hang nicht besitzt. Aber nicht nur der Geneckte, auch der Neckende profitirt von der purifizirenden Eigen schaft dieses Hanges ; er wird naturge mäß bestrebt sein, die Fehler, die er an Anderen zum Objekt desFoppens nimmt, nach Thunlichkeit zu vermeiden und über Haupt keine Blößen zu geben ; denn wer mit Steinen wirst, darf nicht im Glas Hause sitzen. Die Ausspinnung dieses Gedanken würde an dieser Stelle zu weit führen. Genug : die Necklust gehört zu denjenigen Eigenschasten des menschlichen Charakters, die sich am frü heften entwickeln, und schon das dreijährige Kind neckt . den Hund, mit dem ' es spielen soll, die Geschwister, die Warterin. Der Unüberlegtheit seines Alters entsprechend, dehnt das Kind seine Necke reien auch aus Objekte aus, die ein halbwegs entwickeltes Zartgefühl durchaus zu verschonen pflegt: Noth, Armuth, insbesondere aber körperliche Gebrechen. Diese Art der Neckerei hat für den Zuschauer etwas Empörendes, obwohl hier zunächst nur der Mangel an Erkenntniß die Schuld trägt, wenn die ursprüngliche Verderbtheit der menschlichen, Natur in so fataler Weise an den Tag tritt. Mit den fortschreitenden Jahren vermindert sich dieser Hang, falls nicht eine abnorme Depravation vorliegt. Bei . wirklich bösartigen' Charakteren schlägt die Necklust dagegen auch, nach
vollendeter geistiger Entwicklung in . die brutalste Rücksichtslosigkeit und Grau samkeit um. Sehr böse, wenn auch historisch vielfach mangelhaft beglaubigte Beispiele solcher' grausamen Neckereien erzählen uns die Geschichtschreiber von den römischen Imperatoren. So ist bekannt, daß Heliogabal seinen Gästen ab und zu die seltsame Ueberraschung tereitete, die Ahnungslosen beim Deffert mit Rosenblättern, die aus der aufgeklappten Decke des Tricliniums herabsielen, buchstäblich zu verschütten, ein Spaß, bei welchem Einzelne ihr Leben verloren. Wie Tiberius, den alle .Rettungs-Ver suche nicht vom Vorwurf des brutalsten Tyrannenthums reinigen werden, seine Tischgäste foppte" indem er nämlich den Frauen in Anwesenheit ihrer Män ner Liebesanträge machte, die bei Todesstrafe sofort acceptirt werden mußten das zu schildern entzieht sich der Besug'niß einer selbst nicht ängstlichen Publi zistik. Eher noch in den Grenzen der Neckerei bleibt der curiose Spaß, den sich Domitian mit einigender hervorragendsten Senatoren und Ritter erlaubte. Bei Nacht und Nebel so erzählt Dio Cassius ließ er sie durch seine Sänf tenträger kurzer Hand aus den Betten holen und insgesammt nach einem schwarz ausgeschlagenen Raume des Palatiums bringen. Vor jeden der auf diese Weise Zusammengeschleppten ward eine schwarze Säule gestellt, die seinen Namen trug. Dann entzündeten die Sklaven d's Imperators Grablampen. SchwarzbemalteJünglinge führten grüßliche Tänze auf. Ein Todtenmahl, schwarz auf schwarzem Geräth, schloß die läppische Ceremonie. Der Imperator selbst führte bei der Sache den Vorsitz und ergötzte sich höchlich über die angstvollen Gesichter, denen die Todesfurcht mit unverkennbaremStempel aufgeprägt war. Unausgesetzt sprach er von Dingen, die sich aus Mord und Todtschlag bezogen ; Jeder dachte, im nächsten Augenblicke werde sein Stündlein geschlagen haben. Schließlich entließ der Kaiser die geängstigten Herren mit großer Förmlichkeit und machte jedem einen der Jünglinge, die den Tanz in Schwarz aufgeführt, sauber geputzt zum Geschenk. Die Sache klingt aus verschiedenen Gründen nicht eben wahrscheinlich, aber sie entspricht zum wenigsten dem Cha rakterbilde des Domitian, wie es aus hundert anderen Zügen bekannt ist. Eine Abart der Neckerei ist die Mystisikation. Sie setzt eine wohlgeplante Täuschung des Geneckten voraus, eine Täuschung, die sich meist an die Hauptschwäche des betreffenden Charakters anklammert, und sich so der Selbsttäuschung überläßt, sehr moralisch zu han-deln.
Neue Sprüche. Von La,arus oppenhelm. Man hat seine Sorg' und Bürd' So lang' man älter wird. Willst du deines Volkes Schäden heilen, Mußt du' viel bei anderen Völkern wei len. Viele lernen die Rechte, um ungestraft Unrecht begehen zu können. Warum ist Etwas ? warum ist nicht Nichts? Frag' den, der Etwas und nicht Nichts ist! War ich bescheiden bei'den Thoren, Gleich nannten lang sie meine Ohren. Ich sollte lehren einst der Bibel Geistesschätz. Doch wer erkläret mir den allerersten Satz, Ja lehren wollt' ich gern den Schatz an jedem Orte, Verpünd' zum mind'sten ich die beiden ersten Worte. Gieb dich nicht, wie du bist n a ch dem Wohlthun. Fürchte sür Andere. Oeffentliche Meinung, Sonderbar' Erscheinung, Oft bist du getrübt, Oft sei ungeliebt. Selten du geklärt. Selten sei verehrt. Hinter Verschloffenheit suche Diebe, Doch auch opferfreudige Liebe. Wer sich nicht vertheidigt, vertheidigt sich. Wenn der Thor dich nennt weise" Gehörst du zu des Thoren Kreise. Der Egoist hat keinen Willen. , Schürze dienet ost zum Schutz Gegen Kleides alten Schmutz. Ein Stein trägt viele Hölzer. Nenn' ich gut dies oder schlecht. Fragt den Herrn der Geistesknecht. Die falsche Frau Milde wohnt nicht weit Von versteckte Madam Grausamkeit. Selten tritt Frau Schand in's HauS, Kommt nicht vorher Frau Sünd' heraus. Zur Thorheit spricht hochmüth'ger Sinn: Liebe, gute Nachbarin " Es kann keine größere Straße sein. Als gebildeter" Thoren Sklave sein. Ost glauben Kranke, die Medizin, Die der Arzt verschreibt, sei auch sür ihn. Du kannst der Letzte, wo sie Alle klein. Und doch der erste unter Großen sein. Schleudere i. .Merkwürdig' sagte dieser Tage einHandelsmann, .als David den Goliath erschlug, war er ein großer Schleuderer und hat doch dabei ein Riesengeschäst gemacht !" Fatal! .Denken's Ihnen, wie ich gestern Nachts heim komm', haben zwei Kerle in meiner Frau Schlafzimmer eingebrochen, und lasten die Esel meine Frau da l's andere G'lump Habens mit genommen !
' Ein zweckloser Tausch. Herr Moses Krakauer ist zum Commerzienrath ernannt. Bei der Dank audienz spricht er den Wunsch aus, zu dem neuen Titel auch einen neuen, treni ger prononcirt jüdischen Namen annehmen zu dürfen. .Wie möchten Sie denn heißen, lieber Commerzienrath ?" fragt Serenissimus huldvoll lächelnd. Jch möchte mer nennen Wallenstein, wenn fürstliche Dorchlaucht wollten geruhen zu gestatten, nor weil ich hab' in mer gehabt e graußcs Jntereffe vor d.n graußen Mann!- Hm werd's mir überlegen!" Acht Tage nach der Audienz erdält der Supplicant aus der fürstlickcn Kanzlei ein Schreiben des Inhaltes, daß man freilich von dem Namen Wallenstein absehen müffe, da eine adlige Familie des Namens existire, daß ader in Anbetracht des geäußerten Interesses für den großen Feldherrn dei CommerzZen rath Krakauer und se:n?n Nachkommen hiermit in Gnaden der Nan:e Friedlän der aus ewige Zeiten rcrlieta werde. Selbstverleug nung. A. (aus dem Fenster hinausrufend) : Du! Bist Du's?" B. (mit Nachdruck) : Nein, ich bin's nicht!Der Herr Privatier Plem perl in der Oper. Sängerin (singt) : Ja, die Rache sie naht, ja, die Rache sie naht, die Rache sie naht, sie naht, sie naht, sie naht, sie naht....! Plemperl (auf der Galerie zu seiner Frau): .Du, Pepi, wenn jetzt dera ihr Nazi net bald kimmt, da' we7d's fad !" Der kleine Hetzer. Du, Papa, dars ich mir die Rose da pflücken? .Mein Sohn, da mußt Du die Mama fragen." .Aber, Papa, hast Du denn hier gar nichts zu sagen V Man kann es nicht Jedermann recht machen. Der Stoffelbauer kommt ländlich sittlich, ohne vorher große Reinigungs maßregeln getroffen zu haben, von sei nen landwirtschaftlichen Beschäftigungen in die Stadt. Dort muß er jedoch von einem Vorübergehenden das bittere Wort hören : .Ist das ein dreckige? Kerl, der wäscht sich nicht einmal alle Tage!" Das geht ihm sehr zu Herzen, und auf seinen Landsitz zurückgekehrt, nimmt er alle Morgen eine solide Waschung vor. Als dies seine Ehegesponsin merkt, rust sie ihm zu : .Bist Du doch a dreckige Sau, daß Du dich alle Tag waschen mußt l" Gedankenspäne. Mancher möchte uns auf Rosen betten, aber die Dornen daran laffen. Keine Waare wird so gut bezahlt, als die Bücklinge. Geizig, geizig sind die Menschen Und verschwenderisch aller Orten; Geizig sind sie mit Gedanken Und verschwenderisch mit Worten. Höchstes Vertrauen. Einem Advokaten ist sein Schreiber mit 8000 Mark durchgegangen. Kurz darauf erhält der Advokat von diesem folgenden Brief : Hochgeehrter Herr! Da ich zu keinem Anderen ein solches Vertrauen habe, als wie zu Ihnen, so erlaube ich mir, die Anfrage an Sie zu richten, ob Sie, für den Fall, daß ich erwischt werde, meine Vertheidigung übernehmen wollten. Hochachtungsvoll A. Zangerl. Es p aß t a u ch. In einer kleinen Stadt gabs eine große" Leiche. Der Zug, welchem voran das städtische Mustkkorps schrei tet, setzt sich in Bewegung. Der Dir! gent rust seinen Leuten zu: .No. 21" Das Corps versteht aber .No. 3", und es erschallt anstatt eines Trauermarsches das Lied : .Muß i' denn, muß i' denn zum Städtle 'naus " I n Geestemündc sind neuerdings Essiggurken als seine Zuckerwaaren verzollt worden. Die Qualität dieser Gurken wird wohl eine so vorzügliche gewesen sein, daß dieselben den betreffenden Zollbeamten als der reine Zucker erschienen sind. Ein internationales Hun gert urnier soll demnächst veranstaltet werden. Wir befürchten, daß die einzelnen Thcilnehmer desselben mit der Zeit in einen derartigen Schmachezustand hm eingerathen werden, daß es ihnen kaum möglich sein wird, den Siez davonzu tragen. Die Berichte, welche über die ehemalige Thätigkeit Jgnatieff's in seiner Eigenschaft als Minister des Innern geliefert wurden, dürsten keineswegs auf Vollkommenheit Anspruch machen. Das Innere dieses verschlagenen Menschen ist eben niemals zu ergründen gewesen. Im alten Griechenland hatte das .Talent- 60 .Minen-. Im modernen Rußland zeigen die Nihilisten, wieviel Talent ost umgekehrt zu einer einzigen Mine gehört. I n B e r l i n befindet sich in diesem Augenblick ein ja panischer Minister, welcher den Austrag hat, das preußische Verfassungsleben zu studiren, da Japan eine Verfassung ha ben soll. Es wäre nicht uninteressant, zu ersah ren, wie dieser Japaner ein Leben stu dirt, welches eigentlich noch nicht begon nen hat. Die Verpflanzung des englischen Sports auf deutschen Bo den stößt auf Schwierigkeiten. Die Boxervorstellung im Charlottenburger Hippodrom mußte aus Intervention des entrüsteten Publikums abgebrochen wer den. Hieraus geht hervor, daß dieserSport für uns so wenig paßt, wie die Faust gussAuge. (Wespen.)
