Indiana Tribüne, Volume 4, Number 400, Indianapolis, Marion County, 23 July 1882 — Page 3

Südwärts der Sottgardöayn. Locarno am Lago magg!ore,Juni 1882. Schon der Völker erste Kindheitsträume Schusen kühn sich lichte Wunderräume, D'rin ein ewiger Lenz spielt in den Zweigen. Und die Freude ewig führt den Neigen. Selbst die Griechen, Hella's Sonnen söhne. Trotz der Heimath eigner Lenzesschöne, Träumten sich ein Land voll sel'gem Frieden Garten nannten sie's der Hesperiden. Doch verschlossen war die goldne Pforte Zu dem traumhast schönen Wunder orte Hochgethürmt umgaben Riesenwände Seine früchteschweren Lenzgelände. Da erstand ein Held so singt die Sage Der den Pfad erzwäng zum Zauber hage. Der in Spiel der Sehnsucht Ziel er reichte. Und der Welt des Gartens Früchte zeigte. Wir auch, die erzeugt der rauhe Norden, Snd von solchem Traum beseligt mor den; Der uns suchen ließ hier schon aus Er den Nach dem Eden, d'rin wir selig werden. Und dies Land voll Maienglanz und Frieden Ließ die Sehnsucht finden unö im Sü den Wo die Alpen über Rebenhügeln In Italien's blauen See'n sich spiegeln. Wo in Farbenpracht der Himmel lächelt, Myrthenlaub um Loorbeerzweige fächelt. Doch auch uns versperrten Riesenwände Weg und Steg zum herrlichen Gelände. Bis auch hier ein Heldengeist erstanden, Der zersprengt der Berge starre Banden Der erzwäng den Pfad, aus dem im Fluge Froh wir folgen unserer Sehnsucht Zuge. Vor venig Wochen ist das neue Wunderwerk der Technik, der kühne Schienen weg durch die Felsenmassen des Sankt GotthardGebirges, eröffnet worden und die Presse der Welt hat zur Feier des schönen Festes dem Publikum noch einmal im vollen Umfang die Geschichte und Eigenart des großartigen Riesen baueS und die Bedeutung desselben für die moderne Kultur dargelegt und ge priesen. Deutschland und das Land seiner Jugendliebe, Italien, waren nun durch eine bequeme Straße verbunden, auf welcher die Eisenbahn in venig Mi nuten den Reisenden aus der nordischen Alpenwelt der Schweizer Urkantone mit ten in die heiter lachenden Gefilde des italienischen Südens hinüberträgt. Ein Weg war dem Verkehr zwischen Norden und Süden gebahnt, der dem Reisen den, welcher früh in Luzern erwacht, jetzt gestattet, am selben Tage in Mai land zu diniren, während zu Anfang des Jahrhunderts das Saumthier vier Tage brauchte, um nur die kurze Ent fernung von Flüelen bis Bellinzona über das Joch des Gotthard's zurückzu legen und ein Engländer, der die Fahrt mit einer Kutsche unternahm, von Alt dorf bis Magadino sieben Tage zubrach te. Eine schützende Bahn war gewon nen, die dem Verkehr zu jeder Zeit offen steht, während die stattliche Fahrstraße, ein Triumph des Wegebaues von 1830, wohl die Fahrt etwas abkürzte, aber des Winters, bis in Juni hinein vom Schnee auf Wochen oft unwegsam ge macht wird. J?tzt trotzt das zähe Dampfroß ruhig dem Schneesturm und der Passagier im Eisenbahnwagen hört, in das warme Polster gedrückt," nur gedämpft noch sein Heulen. Vor wenigen Wochen ist die Gotthardbahn eröffnet und jetzt ist ihr Be trieb bereits in vollem Gange. Das festliche Gepränge ist verschwunden ; die Verbrüoerungsreden sind verklungen; ohne den Schluck von Blumengewinden verfolgt die Berglslomolive ihren Pfad durch die Unzahl der kleineren Tunnels und den langen Stollen, der . direkt un, ter dem Berge der stillen Seen Göschenen mit Airolo verbindet. An Stelle der repräsentirenden Festgäste, die ernsten Blickes die Einzelheiten der techni scheu Großthat musterten, füllen Vergnügungsreisende die Wagen. Den wissenschaftllch prüfenden Fachreferen ten hat der Feuilletonist ersetzt, der Na tur und Leben vom Standpunkt des naiven Schönheitsgenusses betrachtet. Wir leben schnell; schon trägt das neue Treiben die Spuren der Gewohnheit. Das Ereigniß im Reiche der Technik wirkt schon im Dienste des Alltags, ein stumm schaffendes Glied am Niesenor ganismus des Weltverkehrs: schon handelx es sich weniger um die mit Bewußt" sein ausgeführte Fahrt durch den St. Gotthard, als um den schnellen Flug in die paradiesischen Gestlde des Südens. Und doch kann sich auch der von Sehnsucht erfüllte Wallfahrer zu dem Tempel der Natur, dessen blau leuchtende Bedachung sich in den Seen Ober italiens fpiegelt, aus der Fahrt durch den Gotthard der Bewunderung für die hier vollbrachten RiesenleiZtungen der Technik nicht völlig entziehen, wenn er auch nicht über deren Einzelheiten nachgrübelt, für die ihm vielleicht alles Verständniß fehlt. Er muß sie beachten, nicht allein deßhalb, weil ihn die Fahrt durch die 62 kleineren und größeren Tunnels immer aufs neue darauf hin lenkt und abzieht vom bloßen Genuß der rechts und links vom Zuge sich entfaltende Natur, sondern in noch höherem Grade, weil diese Natur und ihre Schönheiten in allen wichtigen Momenten dem Auge aufs engste verbunden mit Merkwürdigkeiten des einzig gearte ten Bauwerks erscheinen. Liegt es doch im Charakter desselben, daß gerade da seine Bahnen einen besonders kühnen Schwung annehmen, seine Viadukte, Brücken u. Schutzbauten sich häufen und das Unerhörte leisten, wo auch die zu bewältigende Alpennatur ihre schroffsten Abhänge, ihre gewaltigsten Schluchten das verwegenste Spiel ihrer Gießbäche und Stromschnellen seinem Vorwärtsdrängen entgegenstellte. Wohl kein Bau einer anderen Gebirgsbahn hat gerade mit der Elementargewalt des Wassers so nachdrücklich, so heiß und muth-

voll zu kämpfen gehabt. Keine Bahn der Welt fährt aber die Reisenden auch durch eine Szenerie, die gleich reich märe an prachtvollen Aussichten auf großartige Kaskaden, an romantischen Einblicken in wild von Gebirgswässern durchtoste Waldthäler wie die Gotthard bahn. Und wo sich dies: Art landschast licher Schönheit am machtvollsten offen bart, da hat auch der Blick Werke der Wegebaukunst zu bewundern, durch welche Menfchengeist und Menschenkrast die Elementarkraft der Wassergeister zu meistern gewußt haben. So im süden, wie im Norden. So im Thal der unbändigen Neuß, aus der deutschen Seite wie in der milder gearteten Valle Leventina, dem Thale des Tessin. Beide Kinder des Gotthard, dessen einsame Höhen, wie der Dichter des Tell" sagt, die Heimath ewiger Seen sind, die von des Himmels Strömen selbst sich füllen", geben nachNorden undSüden der Eisen bahn die natürliche Richtung. Bei der Einfahrt in den Haupttunnel bei Gö scheuen verlassen wir mit der Welt des Lichtes mit ihren ungezählten Zuflüssen das Thal der Reuß, die hoch über uns ihre Quellen hat. Bei der Wiederkehr in die Welt des Tages bei Airolo blinkt uns mit der wärmeren Sonne des Südens der hellblitzende Ticino seinen Gruß entgegen, dessen Lauf die Bahn treu bleibt, bis der junge Fluß sich freubig in den Lago maggiore ergießt. Die ewigen Seen des St. Gotthard erschöpfen ihren Reichthum nicht, wenn sie vier Flüsse wie den Rhein, die Rhone die Reuß und den Tessin, schäumenden Wassers voll, in die Welt senden. In Hunderten von Wassersällen stürzen sich kleine und größere Gewässer von den Wänden des Gebirges in die kräftigeren Stromansänge. Und die schönsten, die mächtigsten läßt uns die Gotthardbahn schauen. Laut wird das Aechzen der Lokomotive von dem Rauschen und Klingen der Wasser, die unten im Thal aufschäumen und rechts und links von den schneebedeckten Felsenhöhen sich nie derstürzen, übertönt. Düsterer freilich und großartiger ist der Eindruck dieses bewegten, brausenden, schäumenden, quellenden Lebens auf der nördlichen Seite, im Thale der Reuß. Kaum hat die Bahn den von Waldbergdunkel umschatteten Ausläufer des Vierwaldstätter Sees bei Flüelen verlassen, so drängt sich dieser Charakter der Landschaft dem Reisenden aus. Wir überschreiten den Schächenbach und die stille Reuß, und da wo rechts der düstere Surenenenpaß und Surenenhorn em porragen, gewinnt die Bahn das User der Reuß selbst. Je mehr wir der Welt der grünen Vegetation entrückt und den Regionen des ewigen Schnees näher gebracht werden, übernimmt es das Berggewässer, die Gegend mit lebend! gen Farben zu schmücken. Und mehr und mehr bewährt sich der hervorgeho bene Zusammenhang zwischen den Großartigkeiten der Scenerien und der Bahn. Fast jeder lohnende Ausblick ist von Tunnelthoren umrahmt, erhält durch ein technisches Bauwerk lebensvolle Staffage. Gerade die Punkte, welche die verschiedenen Kehrtunnel umzirkeln, bieten die lohnendste Aussicht. Zwischen dem Windgellentunnel und der Eisernen Gitterbrücke hoch über die Reuß, welche wilde Romantik! Welch packende Ein drücke vor und nach der Fahrt durch den PfaffensprungKehrtunnel ! Welche ge Heime Musik dringt von allen Seiten an unser Ohr, berückend wie das heim liche Lied der brandenden Wogen des Meeres ! Und wie malerisch durchziehen dann an den Abhängen des Leventiner thales das Grün der Kastanien- und Nußbaumwälder die silbernen Streifen der sich in den Tessin ergießendenKaskaden, bis hinab zu den welligen Geländen, welche den Fuß zum Lago maggiore geleiten. Groß ist die Verschiedenheit beider Thäler, die Waffersälle geben beiden einen verwandten Zug. Doch nicht allein die geschaute Poesie der Landschaft weist uns auf die technische Herrlichkeit der neuen Bahnlinie hin. Auch der poetische Gedanke schlägt von der Sehnsucht nach der idyllischen Ruhe, die uns im Süden erwartet, zu der realen Welt des ruhefeindlichcn Fort schritt-, dem wir die Bahn verdanken, eine Brücke. Wem je das Wesen der wunderbaren Schönheit ausgegangen, deren Offenbarung die See im Süden der Alpen sind, der weiß, daß ihre Grundstimmunz ein seliger Frieden, stille Anmuth, in Ruh' geeinter Harmonie bilden. Das Leben, das dem ruhe verlangenden Pilgrim hier winkt, ist der absolute Gegensatz zu dem lärmenden, kastlosen, vorwärtsdrängenden Leben des Handels und Wandels in unseren Städten und Jndustrieplähen. Hier nie ermüdender Kampf, da wohliger Frieden. Hier ein nach außen gerichte tes Wirken und Schaffen, dort ruhige Beschaulichkeit, das dolce far niente, wie es die Sprache des Landes bezeichnet. Alle, die wir im Dienste der mo deinen Kultur und Industrie, des mo dernen Handels und Verkehrs arbeiten, einenPlatz amWebstuhle des Fortschritts ausfüllen, führen ein Leben unter'm Hochdruck, einer Anspannung der Nerven auf's Aeußerste. Kein Wunder,daß die Abspannung nicht ausbleibt. Kein Wunder, wenn wir die Pausen, welche die Arbeit uns gönnt, lieber verbringen im Genuß der Ruhe, als im Genuß neuer Aufregungen. Die abgespannten Nerven sehnen sich nach Ausspannung. Unter dem Einfluß dieses Gesehes ist die moderne Sommerreise mehr und mehr aus einer Hetzjagd von Ort zu Ort, aus einer rastlosen Pilgerfahrt von Gallerie zu Gallerie, von Monu ment zu Monument, von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt: zu einer Wallfahrt nach einer Billegiatur in schöner Umge bung geworden. Bon diesen Billegia turen und ihre große Zahl belehrt uns, wie so reich an Schönheiten schon das Heimathland ist sind die stillen Villenorte an den Ufern des Lago mag. giöre, der See' von Lugano, Eomo und Garda unbestritten diejenigen, wel che das geträumteJdeal am wundersamsten und entzückendsten verwirklichen. Und wie schwer und umständlich war bisher dem Kranken, dem Nervenschwa chen gerade die Reise an diese Gestade. Wie Wenigen war wegen ihrer Kost spieligleit die Wallfahrt in diese Welt

voll seligen Friedens vergönnt. Jetzt ist dieselbe ebenso leicht zu bewerkstelligen wie billig durchzuführen Dank der un erhörten Anstrengungen der Technik. So vermittelt die Macht, die unseren Nerven so feindlich ist, wiederum freund lich uns die Wege, die unseren Nerven Linderung bringen. Nicht zurückschrec kend vor dem Opfer von Menschenleben ward die Straße dem rauhen Felsen abgetrotzt, hundert gingen dabei zu Grunde, Favre, der kühne Baumeister, kam im Tunnel um's Leben: das vol lendete Werk steht nun bereit, Taufen den Erquickung, Heilung und frisches Leben zu bringen. Dieser Gedanke voll Versöhnung und

Erhabenheit beherrscht die Seele mehr und mehr, je weiter uns die Bahn in die italienische Landschaft hineinträgt. Man hält es für Uebertreibung, wenn Reisende erzählen, in Airolo eine andere Luft, ein anderes Aroma geathmet zu haben, als eine halbe Stunde vorher in Goeschenen, bis man es selbst erlebt. Bei Nebel und Regen hatten wir den Dampfzug in Flüelen bestiegen. Ein rauher Wind begleitete die Musik der schäumenden Berggewässer im Reußthal mit seinem Geheul. Bei unserer An kunft in Goeschenen, wo ein gutes Mit tagsmahl bereit steht, umwickelte uns Flockengestöber. Dann nahm uns die Finsterniß auf. Durch die Eingeweide des mächtigen Alpenstocks ging die un heimlich geheimnißvolle Fahrt. Da mischt sich Tageslicht mit dem gelben Lampenschimmer, Sonnenstrahlen um spielen die Fenster. Wie erlöst vom Bann, der auf uns lag, öffnen wir sie. Ist's ein Traum ? Sind es Gebilde der Phantasie, welche die lange Fahrt im Tunnel hervorrufen ? Ueber uns blau leuchtender Himmel statt grauen Nebel gewölks, um uns die warme, weiche Luft des Südens an Stelle naßkalter Wetterschauer, wellige Hügel von edlen Kasta nien bestanden, Weinreben, die in süd licher Ungebundenheit ihr üppiges B!ät terwerk über halb aus Stein und Lat tenwerk errichteten Lauben schlingen, statt der nahen Nachbarschaft von rauhen Felsenkegeln und eistgen Gletschern. In dieser Ueberraschung, in der Plötz lichkeit des Uebergangs von Nord und Süd liegt wohl der Hauptreiz der Fahrt. Der erste Blick auf die malerischen Big nen, der erste würzige Gruß der Oran gen und Magnolienblüthen, der erste Kuß, den strahlend, duftend, schmei chelnd die Luft des Südens unS auf die Stirne drückt, wirkt wie ein süßer bestri kender Zauber, unter besten Bann wir weiter wandeln, bis wir .die blühenden Garten dieses Hespcriens wieder ver lasten. Die weißen Alpenhäupter, die immer mehr hinter uns bleiben, erschei nen uns nur noch wie gewaltige Grenz Wächter zweier in allem verschiedenen Welten. Bon Faido an, nachdem uns noch einmal zwischen den Tunneln von Freggio und der großartigen, den hier noch wilden Teffin überbrückenden Polmengobrücke die düstere Großartigkeit der Alpenregion aufgegangen, um strahlt uns die Scenerie mit der malerischen Buntheit und der plastischen Formenschöne des Südens. Schon ragen die langgestreckten gradkantigen Glocken thürme auf, schlank wie Minarets.Schon umschlingen sich Pflanzenwerk und Wohngebäude, als ob beide in pitores ker Schönheit gleichzeitig aus der Hand der Natur hervorgegangen. Schon schichten sich die von Laubhainen und Reben übergrünten Höhen terraffenweise empor zu dem Hintergrund der Alpen berge. So geht es über Biasca, über Bellinzona mit seinen zinnengzkrönten Bergkastellen, über Eadenazzo, wo sich die Linien nach Lugano und Locarno trennen, aus dieser letzteren hinab über die derrliche Berjascabücke an das Ufer des Lago maggiore. Das alte malerische am User sich aus bauende schweizerische Locarno ist be reits eine Stadt von rein italienischem Gepräge, mit engen Straßen, stattlichen Palazzi, mit geschäftig belebten Arkaden nnd buntem Blumenschmuck in Fenstern und Mauerwerk. Die ganze Pracht südlicher Vegetation umwogt uns aber IN dem Garten, der vor den Balkönen des prächtig auf der Höhe gelegenen Grand Hotel Locarno sich ausbreitet, und an den Usern des Sees, wo Villa an Villa, Garten an Vigne und Campagna sich reiht, in denen, frei im Win ter wie im Sommer gedeihend, das Immergrün der Myrthen und Lorbeer bäume rauscht und mit dem Dust der Orangen und Ma.ulitNblütben die leuchtende Farvupracht der Senate mit dem Goldschimmer der Citrone sich eint. Nun eine Barke genommen und in die grüne Fluth hinausgerudert I Im Glanz der Abendsonne grüßten aus der Ferne die erhabenen gletschergekrönten Alpengipfel, blau überragt vom Himmel, besten milder Glanz die ganzeLand schast friedlich überstrahlt. Wie ein Traum liegt die Fahrt durch den Gott hard hinter unS. Die Welt, die uns umgibt, nimmt ganz unsere Sinne ge fangen. Wir sind im Lande der Sehn sucht unserer Dichter Wetterwolken nmfingen Uns auf des Gotthard's Höh' ; Hier die Nebel zergingen, Licht und Blütheuduft schwingen Schwingen Grüßend sich über den See. Dort noch wirbelte Flocken Uns der Nord in's Gesicht; Hier in die flatternden Locken Leuchtende BlüthenLlocken Glocken Freundlich der Süden uns flicht. Und die wir hinter uns ließen. Voller Beschwerden, die Spur, Grüßt über Hainen und Wiesen Uns nun als Pforte zu diesen Diesen Wundern der hehren Natur. Herrlicher, sonniger Süden, Zaubergewaltiger Du ! Höhe und Thal, fo verschieden, Ein'st Du in seligem Frieden Frieden Strahlend in Schönheit voll Ruh. Johanne Proelß.

Warum wir falsch citiren. Es gibt Leute, die höchst ungemüth lich werden können, wenn in ihrer Ge genwart ein Citat ungenau und abwei chend von seiner Ursprungsform gebraucht wird. Sie halten eS für eine Versündigung an der Literatur oder doch mindestens an dem Schriftsteller, der der Urheber desCitates ist,wenn das geschieht. Sie fragen auch nichts danach, ob die .Fälschung- nicht schließlich aus eineVer besserung hinausläuft. Sie werden darum die Frage : Warum citiren wir falsch? als eine höchst müßige betrachten oder mit der kurzen Antwort abfertigen :

Aus Unachtsamkeit, Oberflächlichkeit und Leichtsinn. Damit geben wir uns aber nicht zu frieden. Denn,zugegeben, daß sehr vie len Verstößen gegen die ursprüngliche Fassung geflügelter Worte jene Üntu genden zu Grunde liegen, läßt stch doch andererseits eine gewisseRegelmäßigkeit in jenen Versehlungen nicht verkennen. Im Allgemeinen und Ausnahmen mästen auch hier die Regel bestätigen helfen werden die Fälschungen der Citate unter einige wenige Gesichtspunkte zu bringen sein. Jene regelmäßige Wiederkehr von Merkmalen läßt eben auf dasVorhanden seinvon Gesetzen schließen, unter deren Bann wir handeln. Schon von diesem Gesichtspunkte aus müstcn wir gegen eine allzu pedantische Auffassung des Citirens protestiren; die nachfolgenden Bemer kungen werden ergeben, daß jene Gesetze auch der ästhetischen Begründung nicht ermangeln. Der Dichter, der Redner, der Historiker und wer es sonst sei, dem wir ein geflügeltes Wort verdanken, wirst es mit allen Ecken und Kanten des Jndividua lismus in das Leben. Zu einem Zwecke ist es geschaffen und diese Zweckbe stimmung haftet ihm in erkennbarer Weise an. Aber das Volk, . oder bester gesagt, das Publikum kann mit dieser eigenartigen, mit subjektiven Zuthaten versetzten Form in vielen Fäl len nichts ansangen. - Für dasselbe exi stirt der individuell begrenzte Gesichts kreis dessen, der dss Citat geschaffen, nicht, und dem entsprechend bindet es sich auch nicht streng an die gegebene Form. Es läßt die Schöpfung des Dichters noch einen zweiten Werdepozeß durchmachen, der die Perle aus dem Schmuck, in dem allein ste werthvoll zu fein schien, heraushebt und für jede Fastung paffend gestaltet. An ihrer Kostbarkeit verliert sie dadurch nichts. Man kann diesen Vorgang mit dem Abschleifen der Kiesel durch das fließende Waffe: vergleichen ; wie die Ecken und Kanten des Steines nach und nach durch den Bach beseitigt werden, so benimmt der lebendigeStrom des Vollsbewußtseins den Gedanken des Individuums die ihnen anklebenden Rauhheiten, Unregelmäßigkeiten und Eigenheiten und macht ste erst zu .geflügelten Worten". Ein sklavlsches Nach beten liegt dem Volksbewußtsein fern ; es sucht und findet in den Ideen desJndividuumS feine eigenen, und wo dieser Aneigung Hmoernme m den Weg treten. da schafft es ste bei Seite. In dieser Thätigkeit der objektiven Volksseele ist vielmehr em Korrektiv des emsettlgenJndividualismus zu finden, als eine Fäl schung. Das Volk will nicht citiren, es abstra Hirt bei der Benutzung geflügelterWorte gänzlich von dem nterarnchen und hlsto rischen Jntereffe und modelt es deshalb um, wo ihm das nöthig erscheint. So ist es erk!ärlich,daß es oft da verallgemei nert, wo der Schriftsteller specialisirt. und umgekehrt, daß er einem allgemein gehaltenen Citat eine specielle Färbung gibt. In Göthes .Jtalieni cher Reise heißt es : Der Kunst ist das Beste gut genüg." Göthe hat nun dieseBeschrän kung nicht, sondern gebraucht es in der allgemeinen Fastung : .Das Beste ist gut genug. Sehr yauslg, vielleicht am meisten ist die willkürliche Abänderung oes Matts eine logi qe Folae der Her ausreiung einer einzelnen Stelle aus dem Ganzen. Es soll der Dichter mit dem König gehen" wird citirt anstatt des richtigen Drum soll der Dichter mit dem König gehen." Ebensowenig kümmert sich das .Publikum um die Schlußsolge, wenn es citirt : Man merkt die Ab stch: und man wird verstimmt". Jederman sagt : .6 rast der See und will sein Opfer haben," während es richtig yeißi : v rast oer Vee u.s. w. Ju weilen werden aus einem längern Ge dichte oder aus einer Rede ein paarWor te heraus und nach willkürlicher Zusam mensetzung in allgemeinen Gebrauch ge nommen. Dahin gehören die guten Leute und schlechten Musikanten" der beschränkte Unterthanenverstand" u. s. w. Noch kecker wird dann verfahren. wenn mit der Form der ursprüngliche Gedanke verändert wird. So citiren wir nach Seneca allgemein: Non bcnolae. sed vitae discimus, d. h. wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben. Seneca hat indeß das Gegentheil gesagt : non vitae sed scliolae discimus. Seneca rügt also, daß dleSckulweisyeit nicht für das vrak tischeLeben tauge. DerNnterschied liegt in der verschiedenenAuffastung, die man von derErsprießllchkeit des in der SchuleGe lernten hatte. Alle diese Abänderun gen stnd nothwendig, um das aus dem Zusammenhang gerissene Wort zum seivitNanoigen bedanken zu erheben. Nicht selten führt das Publikum auch die Feile, die der Dichter anzuwenden Unterlasten hat. Die Berechtigung hier für wird man ihm nicht absprechen kön nen und wollen, wenn man bemerkt, daß es Nicht verballhorlstrt,sondern verbessert. Schönheit der Form, Klarheit des Ge dankenS und Prägnanz des Ausdrucks, findet sich oft in dem gefälschten Citat" in höheren Grade, als in dem richtigen. In Preciosa" heißt es : Wird man wo gut aufgenommen, muß man ja nicht zweimal kommen." Statt dessen wird immer citirt : . Wird man wo gut auf genommen, muß man nicht gleich wieder kommen.". Die letztere Fassung gibt denGedanken, daß die öftereJnanspruchnähme der Gastfreundschaft mit Unannehmlichkeiten verknüpft sei, jedenfalls weit treffender wieder. Zahlen ent scheiden", dies Wort des Physikers Ben zenberg wird überall in Zahlen beweilen" verwandelt und verliert dadurch ae-

i wiß nichts. In Miller's Liede Zufrie- ' : t f . . .. . : ; . .

denheit" lauten die beiden Endverse der 2. Strophe : Je mehr er will, nie

schweigen seine Klagen still." Im tag liehen Gebrauch hören wir öfters Wun sche" anstatt Klagen", und in der That rechtfertigt der ganze Sinn der Verse diese Veränderung, denn der Begehrlich kett oes unzufriedenen entspricht dieselbe. Wenn Schikaneder in der Zauberflöte sagt: .Zur Liebe will ich Dich nicht zwingen", so spricht er ein großes Wort gelassen aus : wir citiren vernünftiger : Zur Liebe kann ich Dich nicht zwinaen. In derRütliscene (Tell, 2. Akt) heißt es : Wir wollen sein ein einzigVolk vonBrü der", um denGedanken des unverbrüch lichen Zusammenhaltens prägnanter zum Ausdruck zu bringen. Ost ist es auch die künstlerische Form, die verbessert wird. Aus der Schil keuschen Prosa : Der Mohr hat seine Arbeit gethan, der Mohr kann gehen" wird das demOhre angenehmere : Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen." chillers Wort : Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zu Theil" wird oft an gewandt, aber immer hören wir keinem Sterblichen" sagen, anstatt keinem Jrdi schen. So schön diese letztere Bezcich nung an sich ist, sie klingt fremdartiger und. wird darum gegen die gebräuchliche re vertauscht. Auch andere Rücksichten sind es, welche eine Aenderung bedingen. In Schiller's Don Carlos" heißt es: .... Der Knabe Don Carl fängt an mir fürchterlich zu werden. Der Deutsche kann aber mit dem spanischen Don" nichts anfangen und sagt daher einfach: Der Knabe Carl sängt an mir fürchter lich zu werden. Diese letztere Berände rung mag übrigens auch von Gründen des Wohllauts dictirt sein. Hinwiederum gehen andere Citate schriftgerecht von Mund zuMund, denen eine populäreAbfchleifung höchst ersprieß lich gewesen wäre. Erinnert sei hier an den Seumeschen Kanadier, d Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte." Dieser vortreffliche Wilde paradirt bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten zum Citiren trotz eines erheblichen Leibschadens, den er besitzt. Denn bei näherem Zu sehen wird man entdecken, daß die übertünchte Höflichkeit" zwar ein sehr gut gemeintes, aber auch sehr verfehltes Bild ist. Seume hat doch die Höflich keit als die Tünche bezeichnen wollen, nicht aber als das Uebertünche, als den Firniß, wie das Citat besagt. Aufgetünchte Höflichkeit" wäre das allein Richtige gewesen. Genug, ich glaube einige gewichtige Gründe dafür geltend gemacht zu haben, daß das Geschrei über das salsche Citi . m i i n i ren zum groben Ä.yeli oem Leicyinnn, der Unachtsamkeit, der Oberflächlichkeit entspringt, also den Untugenden, über die es klagt. Damit soll beileibe nicht der Liederlichkeit das Wort geredet, noch etwa zur Nachfolge Karl Brauns ausgefordet werden. Im Gegentheil. Für den Schriftsteller, den Redner, den Journalisten besteht die Pflicht, beim Citiren mit peinlicher Strenge vorzugehen. Das Volk aber darf nicht mit gleichem Maße gemessen werden, es hat ein Recht, das dem Individuum nicht zusteht, dasRecht, dem Golde, das der Einzelne ans dem Schachte seines Geistes zu Tage fördert, sein Gepräge zu geben. Man kann ihm nicht ansinnen, es solle unbesehen nehmen, was ihm geboten wird und gleich sam ungefügeBarren demVerkehre übergeben. Denn wahr ist, daß der Dichter das Wort schafft, aber ebenso wahr ist, daß diesem Wote erst das Wolk die Flügel verleiht. Hol' ihn der Kukuk V Ja, wen denn ? Das ist gleichgiltig. lieber Leser, wem du diesen Wunsch an den Hals wirfst; es frägt sich nur, was du eigentlich damit wünschest. Bist du so recht ergrimmt, fast vts zur Wuth aufge stachelt, so donnerst du deinem Wi dersacher vielleicht zu : Ö3l' dich der Teufel !" Jadu fragst gar nicht, wer oder was es ist.was dich gereizt; wars em Mensch, oder das Wetter, oder was immer du fagst im gleichen Groll : Dar Teufel foll'5 holen !" Nun, stehst du, lieber Leier, so weit wir's heutzutage auch in der Erforschung des unbekann ten gebracht, die Adresse des Teufels ist uns noch ganzlich unbekannt; du hast höchstens die naive Meinung, daß dieser schwarzellnyold in melterFerne oderTlese logire, und oenlfl dir, wenn du etwas lm Grimme zum Teufel wünschest, das; die ses Etwas, dem du spinnefeind bist, je weiter von dir entfernt, desto besser aus gehoben wäre. Kleiden wir aber unsere grimme Ver wünschung in eine mildere Form, so pflegen wir manchmal zu sagen : .Hols der Kulur , oder tir zum Skukul Wie kommt denn aber unser Grimm auf den Knkuk, diesen harmlosen kleinen Bo gel, der wohl im Stande ist, Raupen zu IM voien , nimmermeyr aoer eme uns gebäfiiae Sache, und sei es auch nur das kleinste Hühnerauge der kleinen Zehe, das unsern Unwillen lebhaft erregte ? Und dennoch hat der beliebte Zornes Ausruf einen aemissen Sinn. Des Ku kuks Heimathland ist Afrika ; uns besucht er nur als Sommergast ; er ist sehr emp stndlich, und lange ehe noch die Stürme über unsere Stoppelfelder fegen, kehrt er zurück in sein heißes Vaterland. Wenn er nun im Stande wäre, etwas unsVerhaßtes oder Lästiges von uns weg, beispielsweise nach Nubien oder zu den Zu lus mitzunehmen, so wäre dies allerdings für Jemanden oderEtwas, dem wir nicht grün sind, ein prächtigerAufenthalt, und darum vielleicht sagen wir: .Zum Kukuk !" oder .Hol' ihn der Kukuk !" Zu den Augen der großen Menge hat dieser Vogel, so bekannt er allgemein ist, noch immer etwas Geheimnißvolles. .Mama !" sagt im Walde draußen die kleineBella, .hörst du den lieben Kukuk?" Und - Mama, wie Papa lauschen gerne dem zweitönigen, jedoch melodischemRufe. Das ist aber auch meistens Alles, und dabei bleibt es. Wie lange ist es her, daß selbst Jäger den harmlosen Waldgast nach Möglichkeit erlegten, in der Meinung, daß er kleine Vögel sreff e oder Eier aussaufe u. s. f. Auch sonst gab es der üblen Nachrede genug. Hat doch dieser befiederte Schlauberger die Eigenthümlichkeit, die Früchte seiner Liebe an

dern, u. zw. den allerkleinsten Sangern zumAuSbrüten unterzuschieben und überläßt dann den ungeschlachten großenBen gel den über die absonderlicheBescherung erstauntenZieheltern,ohne sich im geringsten zu kümmern, was dies für namenlose Sorge und Mühe kosten mag! Dies abr ist ihm so von der Natur vorgezeich net und wird uns stets als Eigenthum-

lichkeit auffallen, gibt uns aber keinRecht zu schlimmen Vorurtheilen. Das Schlechte wird wohl rasch genug üb irgend Jemand ausposaunt, das Gute aber wenig oder gar nicht. Warunter leidet ost noch der Kukuk. , Wie Wenige wissen, dak er, der einzige Vogel, der rauhaarige Naupen verzehrt, gerade dadurch sehr nützlich wird ? Das Alter der Böget. Eine der interessantesten Spezialfor fchungen ist die nach dem Alter der Vögel. Es hielt freilich schwer, etwas Ge naueres über die Lebensdauer der ein zelnen Gattungen zu ermitteln, zumal im Käsig ein Vogel nie so alt wird, als in der Freiheit. Das höchste Alter erreicht der Schwan, von dem bekanntlich die Sage wissen will, daß er stumm sei und erst in den letzten Augenblicken sei' nes Lebens einen leisen, wehmüthigen Gesang anstimme. Von ihm behauptet man, daß er 300 Jahre alt werde. Der Naturforscher Naumann führt in seinem Werke .Dir Vögel Deutschlands" Beispiele hierzu an, und auch von anderer Seite wird diese fast unglaubliche Angäbe bestätigt. Ihm am nächsten steht der Falke, von bem Knauer in sei nem Naturhistoriker" bemerkt, daß man Vögel von dieser Art gekannt habe, die 162 Jahre alt geworden seien. Ein ähnlich hohes Alter, vielleicht auch ein höheres, erreichen die Geier und Ad ler. So starb im Jahre 1719 ein Steinadler, der 104 Jahre vorher ge fangen worden war und vielleicht vor dieser Zeit schon eine Reihe von Jahren gelebt hatte. Ein weißköpsiger Geier, den man 1706 eingesangen hatte, starb in der. Menagerie zu Schönbrunn bei Wien im Jahre 1824, erreichte also das respektable Alter von 118 Jahren in der Gefangenschaft. Auch Papageien sollen selbst in der Gefangenschaft 100 Jahre und darüber ausgedauert haben. A. v. Humboldt erzählt von dem Aturen-Pa-pagei, die Indianer behaupteten, sie verständen ihn deshalb nicht, weil er die Sprache des untergegangenen Aturenstammes spreche. Wie die Raubvögel und Papageien, so sehen auch die See und Sumpfvögel ganze Geschlechter der Menschen kommen und gehen. Eidergänse will man über 100 Jahre beobachtet haben. Dr. Weismann bemerkt sehr richtig : .Das lange Leben ist für die Vögel eine Kompensation für verhältnißmäßig geringe Fruchtbarkeit und die enorme Zer störung ihrer Brüt. Auf der kleinen schottischen Insel St. Kilda werden alljährlich über 20,000 Junge und eine Unzahl von Eiern des großen Tölpels (Sula) von Menschen gesammelt, und obgleich dieser Vogel nur ein Ei jährlich legt und vier Jahre braucht, um heran zuwachsen, so vermindert sich seine Zahl dort dennoch nicht. Von denBrutplätzen der Insel Sylt werden alljährlich etwa 30,000 Möven- und 20,000 SeeschwalbenEier ausgeführt, und es scheint, daß auch hier bei planmäßigem, ein Vertreiben der Vögel vermeidendem Einsam meln keine Verminderung derselb:n bisher eingetreten ist." Solche Vögel müssen also ein sehr hohes Alter erreichen, sonst wären sie längst ausgestorben. Auch der von Jung und Alt gern gehörte Frühlingsbote Kukuk erreicht ein ganz ansehnliches Alter. Man hörte einen solchen, der an einem etwas fehlerhaften Rufe leicht kenntlich war, 32 Jahre nacheinander in demselben Waldbezirk. Eine sehr lange Le bensdauer hat auch der Rabe. Der schon oben erwähnte Naturforscher Nau mann behauptet, daß derselbe 100 Jahre alt werde, und von Elstern hat man Beispiele, daß dieselben 20 bis 2b Jahre in der Gefangenschaft aushielten. Von unserem Haushuhn wissen tvir, daß dasselbe 15 bis 20 Jahre lebt. Der Fasan kann sein Leben aus 15, der Truihahn auf 16 und die Taube das ihre auf 10 Jahre bringen. Die kleinen Singvögel leben etwa 818 Jahre, eine Nachtigall in der Gefangenschaft hält es höchstens 810, eine Amsel 12-15 Jahre aus, ebenso der Kanarienvogel. "Es gibt noch Rich ter in Berlin!" Der Wunder-Natur- und Kräuterdoktor, Herr Krüger, stand kürzlich vor den Schössen, um sich wegen unbefugter Ausstellung einesTodten scheins zu verantworten. Es erschien der kleine Herr mit einer Menge großer und kleiner Bücher, welche er unter merklicher Kraftaufwendung aus der Anklagebank neben sich placirte, und anscheinend mit mohleinstudirter Vertheidigungsrede im Kopf. Doch war er wahrscheinlich aus Unkenntniö des Ganges des gerichtlichen Verfahrens gehindert, sie rechtzeitig anzubringen. Denn er gab den Thatbestand zu, der Gerichtshof zog sich zurück und publizirte nach kurzer Berathung eine Geldstrafe von 20 Mark, da durch die Handlungsweise des Angeklagten Niemand beschädigt worden war. Jetzt wurde dem Herrn Doktor" sein Fehler klar. Was, ich soll schon verdonnert sein r tust er in Ertase aus. Fus diesen Büchern" dabei hebt er seine 20 Kilo Weisheit in die Höhe kann ich Ihnen beweisen, daß ich alle Menschen curire, die zu mir kommen. Wenn nun mal einer ausMißverständniß stirbt, dann werde ich wohl darüber auch einen Todtenschein ausstellen dürfen!" Der Präsident bedeutet dem Erregten, daß nunmehr seine Sache ihr Ende habe. Nimmermehr!" schreit der Doktor mit komisch wirkenden Pathos, denn wir haben noch Richter und ein Obertribunal in Berlin, he! das ihnen weisen wird, wie man Recht zu sprechen hat ! Damit erfaßt er seine Folianten, bedeckt, sein Haupt mit einer Mütze aus Strohgesiecht und verläßt mit Worten der Ent. rüstung das Zimmer. Zugegeben. Ich gebe ja gern zu, daß das, was Sie sagen, wahr ist, aber den Esel möcht' ich sehen, der es glauben würde, wenn Ich's ihm erzählte !"

Mißverständniß. Auf der württembergischen Bahn tref--fen sich in einem Coupe erster Classe ein Herr und eine Pariserin, welch' letztere keines deutschen Wortes mächtig ist. Der Herr zündet sich ruhig seine Cigarre an, zieht eine riesige Zeitung hervor, lehnt sich in eine Ecke und beginnt zu lesen, während er behaglich feine Wolken vor sich her bläst. Die Dame' jedoch scheint entweder noch ledig und somit der? Tabaksqualm noch nicht gewöhnt zu sein, oder die betreffende Cigarre ist von so außergewöhnlicher Güte, dcnfo selbst einer rauchgewohnten Repräsentantin des schönen Geschlechts NervenzuSungea verursacht: kurz der Cigarrcndampf wiss der Dame absolut nicht behagen. Bald wirst sie einen Blick zu dem Herrn hinüber, der jedoch hinter seinem Zcitungiblatt verschwindet ; bald richtct sie ihr Augenmerk nach oben auf ein kleines daselbst cngebrachtcs Plakat. Eifrigst detrachte', sie dasselbe, und rasch ist ihre Vermuthung zur Gewißheit gediehen. Es muß das wohl die Uebersepung der in den französischen Nichtrai:ch:r'.oaggons angebrachten Bemerkung sein: 0ii ne sinne pas ici. Als endlich die zarten Nerven der Pariserin aus Aeußerste irritirt sind, hustet sie heflig, wodurch es ihr endlich gelingt, die Aufmerksamkeit ihres Coupegenosien auf sich zu ziehen. Da sie nun denkt, dieser verstehe ebenso wenig sranzösisch, wie sie deutsch, so zeigt sie mit der Rechten auf das besagte Plakat, um dadurch ihren Rcisezefährten zur Einstellung seiner lur.gengesährdenden Dawpssabrikation ;u b:dt gen. Der Herr blickt hinauf und liest : Ja, meine gnädige Frau," sagt er in elegantem Französisch, .da kann ich Jhnen nicht helsen, da müssen Sie warten, bis der Zug hält." Aber wealb ?" ' fragt die Dame, .Sie sehen doch, daß ich es absolut nicht mehr aushalten kann." Endlich, nach langem Hin und Herreden, begreist der Harr, daß es die Cigarre ist, welche die Dame so in Aufregung verseht. Auf dem Plakate nämlich stand nicht zu lesen: Hier ist das Rauchen verboten, sondern : Abtritt im Gepäckwagen." Aussprüche des Herrn S alomon Feigel st ein jun. .Zum Werke, das wir ernst bereiten, geziemt sich auch ein ernstes Wort!" sprach Herr Salomon Feigelstein jun. ein erstes Mal. Da halte er beim alten Moses Pinkeles um dessen Tochtcr Rebelka angehalten. .Daß vom reinlichen Metalle rcin und

voll die Stimme schalle!" sprach er ein zweites Mal. Da hatte er nach der Mitnist ntirnni )! .Wird's auch schön zu Tage konirnen, daß es Fleisch und Kunst vergilt?" sprach er ein drittes Mal. Da hatte er gefragt, cb der Betrag in Kürze flüssig gemacht werden könne. .Ewig aus der Wahrheit Schranken schweift des Mannes wilde Kraft, sprach er ein viertes Mal. Da hatte der zukünftige Schwiegervater dehouptet, seine Rebelka bekäme einmal .,spä. ter" eine halbe Million. .Freude hat mir Gott gegeben Sehet, wie ein golo'ner Stern, aus der Hülse, blank und eben, schält sich der metall'ne Kern!" sprach er ein fünfte? Mal. Da war er mit seinem künstigen Schwiegervater ins Reine gekommen. .Frommt's, den Schleier aufzubeben, wo das nahe Schrcckniß droht V sprach er ein sechstes Mal. Da wollte der Schwiegervater ihn der zulünstigcn Braut vorstellen. .Zukunft hast Du mir gegeben, doch Du nahmst den Augenblick, nahmst der Stunde volles Lcbcn!" sprach cr ein siebentes Mal. Da mußte er seine Braut zwei Stunden lang täglich auf die Promenade führen. .Das Verhängte niu& geschehen, das CA. f i'; 3 nf'n " fiirrtsft - r rir achtes Mal. Da stieg ?r an der scitr Rebekka's in's Coupe, um die Hochzeits reise anzutreten. Freudlos in der Freuden Fülle," sprach er ein neuntes Mal.. Das war am folgenden Tage. Das tauscht die hofsende Seele nicht," fnt-nrf, r in ,?s,ni?6 Mal. Da füblte seine Rebekka sich Mutter. Drei Worte nenn ich Euch, inhalt schwer !" sprach er ein elftes Mal. Da schrieb er seinen Schwiegereltern : Ein kräftiger Junge." AusdemExamen. Prüfungscommissär : .Herr Candidat, welche Fälle arztlicher Behandlung bat man zu vermeiden, um nicht in den Verdacht einer ungesetzlichen Handlung zu kommen? Candidat : .Man darf seine eigene Schwiegermutter nicht behandeln." Beobachtung. Es ist sonderbar, daß die Leu:e alle oben zu kurz sind; unten sind sie lang, genug. Sprüchlein der Hexe vor: E n d o r. Sei nicht Jedem, der grimmig thut. Sogleich ein zitternder Sklave ! Wenn es Wölfe in Schafspelz gibt. Warum nicht im Wolfspelz auch Schafe ? Abgehärtet. Aus Rom wird geschrieben : .Ein oft abgestrafter Verbrecher erschien in den letzten Tagen wieder einmal vor dem Assiscnhofc dieser Stadt. Der Mann ward einstimmig schuldig gesprochen, und der Präsident sprach mit bewegter Stimme : .Der Angeklagte ist zum Tode verurtheilt Zum Erstaunen Aller jedoch zuckte der Verurtheilte spöttisch die Ächseln und rief : - .Alter Spaß, ist wir schon drei mal pajsirt, wird aber nie was daraus." ZurDie n st boten-Erzie-buna. ?rau Ö. bat soeben in Gegen wart ihres Mannes ein Nippessigürchen zerbrochen, als sie das Sturenmüo.J kommen hört. .Rafch wcg mit de Stücken, bitte, stelle Dich vor!" ? v .Man muß den Leuten nie ein schlechtes Beispiel geben!" , '