Indiana Tribüne, Volume 4, Number 270, Indianapolis, Marion County, 11 June 1882 — Page 4
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Zwei IuZtttmorde. Einem Vortrage, der an der Wiener Universität über . Justizmorde und über Entschädigung schuldlos Verurthellter oder Verhafteter" von Dr. Heinrich Ja. ' ques gehalten und später in der Augsb. Allg. Ztg.- veröffentlicht wurde, entneh men uir die nachstehenden Daten über zwei der interessantesten Fälle eines Justizmordes: Der erste ist der Fall Jean CaZas, der insbesondere durch Voltaire zu welt historischer Bedeutung gelangt ist. Jean Calas war ein achtbarer protestantischer Kaufmann zu Toulouse, seine Frau eine doüaebildete, würdige Dame, aus der Familie der Montesquieu hervorgegan aen; Beide ihrem Glauben treu anhän qend, dabei aber human und tolerant. wie sich dies am besten dadurch bethäträte, daß eine Dienstperson katholischen Glzubens im Hause eine hervorragende Stellung inne hatte. Und als der eine Sohn, Loms, zum katholischen Glauben überging, da konnte auch dies feine Fa niilie nickt von 'ibm trennen, indem er vielmehr von seinem Vater auch fernerhin die wirksamste Unterstützung im geschädlichen Leben erhalten hat. Der zweite Sohn, Marc Antoine, gedachte sich dem Berufe des' Rechtsanwalts zu zuwenden, hatte die entsprechenden Stu dien gemacht, war auch rednerisch begabt ; er konnte aber trokdem die Advocatur nicht erlangen, weil dazu in jenen Zeiten daö Zeugniß der Katholicität gefordert wurde, er aber gleich den Eltern Protestant war und einen Glaubenswechsel nicht vornehmen wollte. Dme Lage wirkte auf den ehrgeizigen zungenMann außerordentlich tief und lebhaft ein, und so mag es gekommen sein, daß er, nachdem er zum Geschäfte seines Vaters zurückgekehrt war, schmermüthig wurde, sich abwechselnd sehr weltlichen Freuden hingab, um dann in Melancholie zurückzuversinken, mit einem Worte, daß er offenbar in die Gemüthsstimmung gerieth, welche Den zu erfüllen pflegt, der sein Lebensziel verfehlt hat, oder nicht glaubt, erreichen zu können. An einem Abende es war der des 13. Oktober 1761 saßen nun Jean Calas und seine Frau, der SohnPierre, jener Marc Antoine, von dem soeben die Rede war, endlich ein erst kürzlich angekommener Freund desselben, Lavaisse, bei dem Abendessen friedlich zusammen. Plötzlich geht Marc Antsine aus dem Zimmer und kehrt nicht melr zurück. Als sich kurz darauf die Familie trennt, der junge Lavaiffe und Pierre über die Stiege hinuntergehen, da finden sie bei zwei offenen Flügelthüren, über welche eine Stange gelegt ist, den jungenMann erhängt. Die Eltern,welche die erstenSchreckens rufe vernehmen, stürzen, wie selbstverständlich, in größter Bekümmerniß hinunter 5 Pierre wird in fliegender Eile ausgesendet, um einen Arzt oder! Chirurgen zu rufen ; der Vater aber ruft j dem Sohne rasch die verhängnißvollen! ' Worte zu, er solle lieber nicht erwähnen, daß ein Selbstmord stattgesunden habe, solle die Frage, wie der Tod erfolgte, lieber zweifelhaft laffen; dies aber deshalb, weil nach den gesetzlichen Bestimmungen der damaligen Zeit der Selbstmord als ein Schande bringendes Verbrechen angesehen, der Selbstmörder an "den Galgen geschlagen und sein Besitzthum zu Gunsten des Staates consiscirt wurde. In der Bevölkerung, die " t . i L .(!.!"a . - 1 V 3 uoeryuupl religiös ttiji, irniuma uvu um so erregter war, w?il das Ereigniß rahe der Zett stattfand, vs m Toulouse die 200jährige Gedenkfeier einer großen Protestanten-Masiacre vor sich gehen sollte, in der Bevölkerung der Stadt verbreitete sich plötzlich das Gerücht, der junge Mann sei erdroffelt worden, und zwar durch seine Angehörigen, und aus dem Grunde, 'weil er, wie sein Bruder Louis, die Absicht gehabt habe, zum Katholicismus überzutreten. Der Bürgermeister (Capitoul") von Toulouse, David, mit der Untersuchung betraut, selbst ein religiöser Fanatiker, nahm alsbald denselben Standpunkt ein, und, um kurz zu sein, nach wenigen Tagen war die Meinung '.die allgemeine, zugleich auch die die acht Nichter von Toulouse beherrschende, der Vater des jungen Mannes eine Zeit lang ver muthete man, auch die Mutter sei der Mörder seines Sohnes, welchen bei der That wahrscheinlich der junge Freund Marc Antoine's, Lavaiffe, imterstützt habe. Die außerordentliche UnWahrscheinlichkeit, die in der ganzen Vergangenheit und in dem Charakter des Mannes lag, in seiner toleranten Gesinnung, in seinem Alter er zählte 08 Jahre in der Schwierigkeit endlich, den jungen, notorisch besonders kräftigen Mann vl bewältigen : all' das wurde nicht weiter berücksichtigt. Immerhin mag zu dem beispiellosen Verdacht auch noch der Umstand mit beigetraaen haien, daß der tief gekränkte und gebeugte Vater aeaenüber einer so gearteten Anklaae wohl nicht einmal Worte finden konnte, um sich zu vertheidigen; mit einem Wort, das Todesurtheil wurde gesprochen und vollzogen. Und so weit ging die Meinung, ging das unselige Vorurtheil Aller, daß selbst der Priester, der ibn zum Schaffst begleitete, ihm zurief, er solle doch nunmehr, im letzten Augenblick wenigstens, ein Bekenntniß ablegen, um leine rne zu reimen, worauf er mit den schönen Worten enteanete : sockvürdiaer Herr, können denn auch Sie glauben, daß ein Vater seinen Sobn zu todten vermag?" Das Ereigniß machte Sensation in Toulouse selbst; es verbreitete sich, zumal der eine der Söhne nach der Schweiz " flüchtete, bis nach Ferney, wo Voltaire . damals lebte. Und nun wurde dieser d,r Nertbeidiaer des ungerecht Verur teilten, der Vertheidiger seiner Ehre seines Andenkens. Es ist im höchsten Grade feffelnd, in den Briefen Voltaire's aus den Jahren 1861 bis 1763 die bei... rii!. i geisterte yunianuar zu coniuiucn, nri rn-TAer er sich dem Liebeswerke widmete Er war es, der die unglückliche Wittwe -bewog, nach Paris zu gehen und alle nur erdenkbaren Schritte zu thun; er war es, welcyer eine aammiuiiH cimci tete, damit diese Schritte gethan werden konnten und die Familie, die ja durch iie Confiscation des väterlichen Besitz-
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thums verarmt war, vor Noth geschützt sei; er war es auch, der schließlich durch letzte, daß, nachdem dre: hervorragende Pariser Advokaten, darunter Elie de Beaumont, die Führung der Sache übernommen und alles Beweismaterial, welches sich nur irgendwie erbringen ließ, gesammelt hatten, am 9. März 1763 der königliche Staatsrath, unter Mitwir kung sämmtlicher Ministe? der Krone Frankreichs, nach der genauesten und eingehendsten Prüfung der Acten er kannte und öffentlich verkündete : das Urtheil sei null und nichtig, Jean Calas tx unschuldig gewesen. Der zweite ist der berühmte Fall Lesurque, an welchen immer angeknüpft werden wird, wenn in der modernen Wissenschaft oder bei der Berathung neuerer Gesetze von Justizmorden die Rede ist. ' Lesurque war ein wohlhabender jun sWYl A t ff y , t ger Acann aus 2)omn tn Frankreich, in den besten Verhältnissen, der, nachdem er zuerst m der Armee gedient, dann ln sei ner Vaterstadt ein administratives Eh renamt bekleidet hatte, mit Frau und Kindern nach Paris zog, um dort von einer Jahresrente von 15,000 Fr. mit den Seinigen zu leben. Nun ereignete sich emes Tages es war am 27. Okto ber 1796 das Folgende : Früh Mor gens ritten vier Reiter aus Paris hin aus in der Richtung gegen Lyon, nach Melun; sie brachten den Taq m ver schiedenen Gasthäusern und Casinos der am Wege neoenden Ortschaften zu, wo sie natürlich von verschiedenen Personen gesehen und sogar von einigen recht aenau gesehen wurden; dies letztere aber deshalb, weil der Eine einmal die Kette an semem Svorn verlor und sich in einem dieser Gasthäuser den Sporn wie der befestigen ließ; weil serner ein Anderer einmal seinen Säbel hatte liegen lassen und ihn später, zurückreitend, wieder abholte. Am Abend des Taa.es nun, als der Courier de Lyon, die damalige MallePost, anlangt, wird dieselbe an einem Abhange von den vier Männern überfallen. Der Couner selbst, sowie der Postillon werden getödten ; der einzige Passagier aber, welcher bei dem ersteren san, nimmt mit jenen im Bunde, an dem Mordacte Theil und kehrt dann, auf dem einen der Pferde des Postwagens reitend, mit den Vier anderen und den geraubten Werthen nach Paris zurück. Selbstverständllch wird sofort mit zedem nur möglichen Eifer die Verfolgung eingeleitet; dadurch, daß ein junger Mann, Namens Cournol, die Pferde, welche Muthpserde gewesen, dem Verleiher zurückbringt. wird derselbe sofort als ein Betheiligter erkannt und verhastet, zugleich mit ihm aber auch ein gewisser Guesno, der sich zufällig gerade bei ihm findet, und zu welchem Lesurque m freundschaftlichen Beziehungen stand. Der Jriedensricher Daubenton m Paris rnmmt nun die Untersuchung! por; er entläßt alsbald jenen Guesno, weil dieser sein Alibs unwiderleglich darthut, bestellt ihn aber aus einen nächsten Tag, damit er seine ihm abgenommenen Papiere abhole. Guesno trifft auf dem Wege zu dem Richter zufällig mit Lesurqe zusammen und sordert den Freund auf, ihn zu begleiten. Dies geschieht. Der Friedensrichter hat mittlerweile für dieselbe Zeit alle die Personen zu sich beschicken, welche an dem verhängnißvollen Tage in der Lage gewesen waren, in den kleinen Dörfern von Paris bis gegen Melun hin jene vier Reiter, die präsumtiven Raubmörder zu sehen. Und wie nun im Vorzimmer Daubenon's sowohl Guesno als Lesurque gleichzeitig mit den erschienenen Zeugen auf Einlaß warten, erklären zwei von denDienstmädchen aus jenenGasthäusern der Umgegend sofort, die zwei Anwesenden gehörten zu denReitern von damals, also zu den Thätern. Daubenton, ein gewissenhafter Mann, ermähnte sie, mit ich zu Rathe zu gehen; er stellte ihnen vor, was lolcye Au agen zu veoeuien haben; sie bleiben aber mit der größten Bestimmtheit bei ihren Angaben, und an ie schließt sich im weiteren Berlaus eine anqe Reche von Zeugen, welche alle übereinstimmend bestätigen, sie hätten Lesurque gesehen, sie erkennen ihn, er müsse einer der Thäter des auf der Straße nach Lyon verübten Raubmor des sein. Die innere UnWahrscheinlichkeit, daß ein Mann, der, nach den Begriffen jener Zeit, m den besten Verhaltnissen lebt. der auch Nicht den entferntesten Grund hat, em Verbrechen dieser Art zu bege hen, dessen Antecedenhen einen solchen Gedanken völlig ausschließen, eme so monströse That dennoch begangen haben solle : diese innere Unwahrscheinlichkeit wird völlig außer Betracht gelassen ; ja. es ergiebt uch eme Thatsache, welche das Schicksal des unglücklichen Zungen Man nes in einem einzigen Momente der Ver Handlung geradezu besiegelt. Ein Freund Lesurque's, der Juweller Legrand, erble tet sich als Entlastungszeuge, um denBe weis zu führen,daß an dem kritischenTage Lesurque mehrere Stunden m semem Geschäfte zugebracht habe, also nicht am Thatort gewesen sein könne ; um seine Angabe zu verstärken und glaubwurdlger zu machen, beruft er sich auf sein Buch, da Lesurque an diesem Tage auch einen Einkauf bei ihm gemacht habe. Das Datum des Tages war nach der revolutionären Zeitrechnung der 8. Flo real. Man bringt d'as Buch zu Gericht und sindet, daß allerdings der 8. Flo real und Lesurque als Käufer an jenem -tage vorkommen, aber m einer Weise Durch viasirung hmemgesetzt, daß ur sprünglich 'der 9. als Einkausstag ein getragen gewesen sem müsse, mdem die Spuren der radlrten Neun noch über oder neben der Zahl Acht zu Taae tre ten. Von diesem Momente an herrscht eine solche Entrüstuna auf Seiten des Richtercolegiums, ist man so überzeugt, daß der Versuch gemacht werden soll, das Gericht in dieJrre zu führen und daß dies offenbar nur durch Bestechung von Seiten Lesurques geschehen fein kann, daß von da ab alle Aussagen, die zu seinen Gunsten abgegeben werden, aus die Richter gar keinen Eindruck mehr machen. Eourriol gesteht das Verbrechen ein und erklärt ausdrücklich, er selbst sei schuldig, Lesurque aber unschuldig; die Geliebte
des Eourriol meldet sich bei dem Ge richte, um eingehende Mittheilungen zu machen und auch die ihr bekannten an deren Thäter zu bezeichnen, ja dieselben mit Namen zu nennen. Alles vergebens; es wird das Todesurtheil über Lesurque gesprochen. Ernste Zweifel waren indeß in der Seele manches Richters und vieler An wesenden aufgetaucht; Bedenken, aus solcher Grundlage eme Hinrichtung zu vollziehen, wurden rege, und man legte den Akt dem Rathe der Fünfhundert,dem damaligen corps legislativ, vor. Da ist es denn charakteristisch sur die Zustände des republikanischen Frankreich in tenen Tagen, daß, nachdem das Begna digungsrecht ebenso abgeschasst war wie der König, das corps legislativ kurz und bündig erklärte, über das Urtheil der Jury hmaus gebe es nichts; die höchste Autorität, das Volk selbst, habe gesprochen, das Urtheil müsse vollstreckt werden. Und das Urtheil ward voll streckt. Jener erwähnte ehrbare Frie densrichter, dem mittlerweile selbst die schwersten Bedenken ausgestiegen waren, machte es nun, von Gewiffensskrupeln bedrangt, durch einige Jahre förmlich zu seiner Lebensausgabe, der Sache aus den Grund zu kommen. Und der Schluß des Dramas ist, daß man nach langer Nachforschung die Thäter sämmtlich ent deckt und daß sich herausgestellt hat, es sei Lesurque wegen seiner Ähnlichkeit mit dem wirklichen Thäter, einem gewissen Dubosc, verwechselt worden, eine Aehnlichkeit, welche hauptsächlich dadurch herbeigeführt worden ist, daß.Dubosc an dem Tage des Attentats eine blonde Perrücke aufgesetzt hatte.- Dubosc ward verurtheilt, er gestand schließlich die That; Lesurque und seine Familie waren das Opfer eines verhängnißvollen Irrthums der Richter geworden. Auch da versuchte man nun alles Mögliche, um die Familie zu rehabiliti ren. Ver sran,zon!Äe Crimmalprozen kennt keine Wiederausnahme des StrafVerfahrens in Fällen solcher Art: es war somit die Unmöglichkeit emer Revision des Prozesses gegeben. Es wurde zwar so viel als möglich die Sache spielt bis in das Jahr 1859 Erstattung geleistet, aber der erschütternde Justizmord selbst. besten Wirkungen sich am besten dadurch charakterisirten, daß die Mutter und die Gattin des Lesurque wahnsinnig aewor den waren, bleibt als ein Wahrzeichen menschlicher Schwäche bestehen. Der historische Festzug in Bern Die Bundeshauptstadt Bern hat nicht hinter der Kantonshauptstadt Zürich zurückstehen mögen, und wie die letztere ihr Sechseläuten mit alter Pracht und vielem Glanz in Scene gesetzvhat, so hat auch Bern uns am 18. Mai in einem hi storischenFestzuge die Hauptthaten seiner Geschichte vor Augen geführt. Die Bewegung, welche die Schweizerstädte nach dieser Richtung hin ergrissen hat, steht in emem gewissen ideellen Zusammenhang mit der Eröffnung der Gottbardbahn. Man sieht, daß die Augen Europa's sich wieder mehr auf die Schweizerlande richten, und so will man denn auch seinerselts wieder an die großen historischen Erinnerungen anknüpfen. Bon allen Selten führten die zahlreich eingelegten Extrazüge Besucher nachBern und die Landstraßen zogen lange Eolonnen von Wagengefährten aller Art ent lang, welche die Bewohner der Berge und der freundlichen Dörfer der Stadt Mährten. Dem Festzuae s?lbst lag die Idee zu Grunde, die Geschichte Berns von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart und vielleicht auch die Zukunft hinein zur Anschauung zu bringen. Der Zug wurde mit emerGruppe aus den Zeiten der Pfahlbauten eröffnet. Voran ritten -drei Herolde, mit Schafpelzen und mächtigen Hörnern auf dem Haupte geschmückt und mit Stein-, Bronze- oder Elsenwasten bewehrt, so den Charakter der drei Perioden aus der frühesten Geschichte derMenschen zeigend. Die Männer, welche dem ersten Wagen voranschritten, trugen Tuben aus Hörnern und Seemusckeln. der Waaen. auf welchem sich eine Hütte aus Weidengestecht erhob, an welcher alle Geräthschaften der Pfahlbautenbewohner angebracht waren, wurde von sechs starken Stieren gezogen. Mächtige Gestalten umgaben das Gefährt, auf welchem sich eine ganze Familie heimisch gemacht hatte. Daran schlössen sich Psahlbauer zu Fuß und zu Pferd und den Beschluß dieser Gruppe machte ein Wagen, der den See darn . . r t rv neuie, au? weicyem oxt Vewoyner im Einbaum dahinfuhren. Die nächste Ab theilung führte uns hinüber in die ersten Kämpfe oer Helvetier mit den Römern unter dem kühnen Fürsten Diviko. Auch diese Gruppe war außerordentlich wirk lam arranglrt und machte emen vortrefflichen Eindruck. Mit diesen beiden Gruppen war derBorzelt Genüge gesche hen, und jetzt wurden wir sosort zu dem Beginn des Mittelalters und der Grun dung Bern's hinübergeleitet. Ein stattlicher Zug stolzer Ritter kam in prächtigen Rüstungen daher, der Her zog Berchthold von Löhringcn mit Cuno von Babenberg, die hohe Fürstin m ih rer Mitte heim vom Jagdzug führend. Das Waidmannsalück ist den Fürsten günstig gewesen, die Jagdleute sühren auf dem Schlitten einen mächtigen drei Centner schweren Bären einher, und nun ist auch der Name für die neue an der Aar gegründete Stadt gesunden; sollte sie doch nach dem Thiere genannt wer den, das bei . dem heutigen Zuge würde zuerst erlegt werden. Knappen, Ritter Hörige :c. schllenen mit der Meute den Zug, und zeigt sich uns die Gründung der Stadt Bern selbst, dtt aus klemen Ansangen heraus alsbald einen so mäch tigen Aufschwung nehmen sollte, daß sie den Neid der Adeligen in der Umgegend erregte und nicht nur in wiederholte Kämpfe mit diesen selbst, sondern auch mit dem Hanse Oesterreich gerieth. Die nächsten Bilder zeigen uns das Gefecht an der Schloßhalle im Jahre 1288, an welchem Venner Brüggler und Walo v. Greyerz Mit ihren Reisigen Theil ge nommen yaven. vann weroen wir zu dem Gefecht am Donnerbühl 1298 und nach der Schlacht von Laupen hinüber geführt. Der ganze Apparat Mittel
alterlichen. Rüstzeuges wird hier vor un seren Augen entfaltet, wir sehen die berühmtesten Anführer in diesen Streitzügen mit ihren aus allerlei Kriegsvolk gemischten Horden, wir erblicken die darnals so gesürchtetenSichelwagen, die an allen Seiten mit scharfen Sicheln, dem Igel gleich, gespickt sind, und auf denen oben Abtheilungen Geharnischter mit Morgensternen, Streitäxten :c. stehen, um das Werk der Vernichtung zu vollenren. Den Schluß der kriegerischen Abtheilungen macht eine Gruppe, aus dem Guglerkrieg 1375, in welchem die Berner einem von den wilden Guglern bedrohten Nonnenkloster zu Hülfe kamen und die Frauen aus den Händen der wüsten Gesellen befreiten. Wir treten nun in das neuere Zeitalter mit einem Bilde aus derReformation ein. Die berühmten schweizer Resormatoren Calvin, Murner, Anshelm, Haller :c. sind in lebhaster Discussion über einige Glaubenssätze begriffen, der Geist der religiös: Freiheit wird entzündet; doch auch hier trägt die ausgestreute Saat falsche Frucht. Auch in diesen Gegenden haben sich die Bauern zum Kampf aufgemacht und in buntem Gemisch ziehen die grotesken Gestalten mit Waffen aller Art, wie sie der Zufall in die Hand gegeben, vorüber. Die nächste Abtheilung zeigt uns die Reise einer Armendeputation zur Tagsatzung nach Baden, die mit aller der Feierlichkeit unternommen wird,we!che der Zeit Ludwig's XIV. eigen war. Dann kommen wir zu den Ereignissen der französischen .Revolution. Wir sehen hier die Gestalten aus den Heeren eines Pichegru und Demourez an uns vorüberziehen, jede einzelne charakteristisch ausgestattet und für sich zu einem Genrebilde geeignet.. Dann werden wir noch Zeuge des erhebenden Tages von dem Gefecht am Grauholz, an welchem der tapfere Schultheiß von Bern, v. Steiger, den Versuch wagte, den Franzosen den Eingang in das Beryerland zu verlegen und an welchem mehr als 7000
Berner diese Kühnheit mit dem Tode büßten. Der Frieden ist nun eingekehrt, der kriegerische Geist hat nachgelassen und das Militärwesen der Schweiz nimmt Formen an, die uns heute fast ganz unmöglich enchemen wollen. Groteske Erscheinunaen aller Art ziehen an uns vorüber, wir sehen da die Sappeure, Tambour, Schützen, Füsiliere und Kanonlere, so wie die Mmzen bunt durch einander gewürfelt, welche ein beredtes Zeugniß für die Nothwendigkeit able gen, daß auch sur die Schweiz durchaus eine Neuorganisation des Heeres gebo ten war. Und damit sind die ernsten Gruppenbilder beendet. Der Humor tritt nunmehr in seine Rechte, und zunächst erscheinen vor uns reizende Idylle aus dem Leben der Bewohner der Alpenwelt. Wir sehen die Scenen an der Arbeit, hören die Glocken der Heerden und nehmen Theil an den ländlichen Festen, dem Kibli, dem Unterricht m der Schule u. s. w. Dann werden wir noch in die ferne Zukunft hinüber geleitet. Wir sehen den Luftballon als werthvolles Mittel zur Reclame benutzt, die Veloclpeden für eine und zwei Personen als die eigentlichen Transportmittel der Zukunst, haben den seltenen Genuß der extravagantesten Moden vor uns und können mit getheuterEmpsindung wahrnehmen, wie die Cafe-Chantants zur höheren Erziehung der Jugend dienen. Damit ist der Schluß des Zuges erreicht, dem viele Tausende von Menschen dicht gedrängt in den Straßen beiwohnten. ohne daß irgend eme polizeiliche Maßregel nothwendig erschien. Während der ganzen Zeit des Durchganges durch die Straßen durcheilten Mitglieder des Comites die Menge, um milde Spenden für die Armen einzusammeln, und mächtige mit Kattun bekannte Wagen fuhren an den Häusern entlang, um ebenfalls als Sammelbüchsen zu dienen. Reichlich wurde von allen Seiten gegeben, und so mag die Mühe, welche von allen Betheülgten ausgeboten worden ist, manche Thräne der Armen trocknen helfen. Plauderei eines Henkers. Obgleich es eine ausgemachte Sache zu sein scheint, daß Guiteau am letzten Tage dieses Monats von Crockcr. dem Warben" des Washingtoner Gesäng nisses, gehängt werden wird, zumal da derselbe in diesem Handwerke eine hinlängliche Uebung hat, wird auch der berühmte New Jersey'er Hangman" James Van Huyse als der muthmaßliche Henker Guiteaus genannt. Dieser Van Huyse, welcher die Stellung eines Janitors des Gerichtsgebäudes in Newark, N. I., bekleidet, wurde kürzlich von einem New ?)orker Berichterstatter besucht. Er führte denselben in sein Kunstcabinet", welches mit einer großen Anzahl theils schon gebrauchter, theils noch ihrer Bestimmung harrender Stricke und sonstiger Geräthschasten ausgestattet ist. In diesem nur schwach beleuchteten und einen unheimlichen Eindruck machenden Zimmer plauderte der Henker über seine Carriere als solcher und wies aus die Stricke, welche er bei den Hinrichtungen gebraucht hatte, gleichsam wie auf Illustrationen zu feinen Mittheilungen, hin. An denStricken, sowohl an den gebrauchten, wie an-den noch ungebrauchten, schien, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, des Henkers Herz zu hängen. Er- betrachtete sie gleichsam mit zärtlichen Blicken, machte den Reporter aus ihre Stärke und sonstige Beschaffenheit aufmerksam und legte sie spielend zu einer Schlinge zusammen. Er deutete auch an, daß er bereits für Guiteau einen Strick besitze, obgleich er noch keineswegs wiffe, ob er zu der Ehre berufen sein würde, den Präsidentenmörder aus der Welt zu schaffen. Die Hinrichtungen, die ich vollzog," fuhr er fort, sind immer glatt verlaufen. Ich habe mich nämlich von jeher mit besonderer Vorliebe mit der Handhabung von Stricken befaßt, wie ein Jeder seine Lieblingsbeschäftigung besitzt. Und ich verstehe in der That, Stricke zu handhaben. Die erste Hinrichtung, welche ich vollzog, fand zu New Brunswick statt. Ich arbeitete als Zimmermann an dem Galgen, an welchem
der" Neger Fox gehängt werden sollte, und da sich Niemand anders dazu fand, so besorgte ich auch das Uebrige. Bald darauf hängte ich Bridget Durgan, die verstockteste Sünderin, welche mir jemals vorgekommen ist. Bis jetzt habe ich dreizehn Hinrichtungen volszogen, und der einzige Fall, in dem ich ir gend welche Sympathie für den Delinquenten empfand, war derjenige George Butts'; denn ich bin noch heute der Meinung, daß derselbe nur recht handelte, als er Pet Halsted erschoß. Ich bewahre übrigens bei den Hinrichtungen stets meine volle Ruhe, und Niemand wird jemals bemerkt haben, daß meine Hände zitterten, wenn ich' einem armen Sünder die Schlinge um den Hals legte. Weshalb sollte ich auch aufgeregt sein, zumal wenn ich weiß, daß Alles in bester Ord nung verlaufen wird. Die Leute sprechen oft von aufregenden Scenen unter dem Galgen. Ich habe niemals einer solchen beigewohnt. Der Delinquent sagt in der, Regel nichts Anderes als: Gooci-bye !" oder Gott sei meiner Seele gnädig!" oder etwas Aehnliches; dann schwebt er zwischen Himmel und Erde, und Alles ist vorbei. Was aber die Hinrichtung Guiteau's betrifft, so haben allerdings einflußreiche Leute in Vorschlag gebracht, daß dieselbe durch mich vollzogen werden sollte. Jm Uebrigen ist darüber noch nichts Desinitives beschaffen worden." Beider Schlobfrau von Rastenfeld. Fräulein Geistinger angekommen ?" Diese Treppe. Nr. 25." Das war die Einleitung zu dem kühnen Unternehmen, eine Frau, die um
halb 11 Uhr Vormittags von San Iranasco in Wlen emtrlsst, um fll Uhr ZU überfallen. Aber Frau Geistinger ist immer fix und fertig" und während man sich vor ihrer Thür noch einmal das Verwerfliche, das Grausame eines solchen Ueberfalles zu Gemüthe führt und mit ihrer Beglei terin verhandelt, ja schon reuevoll umkehren möchte, steht sie plötzlich selbst zwischen Thür und Angel, geschniegelt und gebiegelt, so adrette, als wollte sie eben als Salondame in irgend einem Conversationsstücke aus den Coulissen auf die Bühne treten. Ja, so war ste. immer ! Immer aus dem Platze. Sie fehlte nie ; ste hatte Migräne, nie Launen ; sie ließ niemals absagen und niemals Nummern streichen, niemals war sie erschöpft. Die strikte Pflichterfüllung selbst und die Gefälligkeit darüber hinaus dazu. Auch in dieser Richtung war sie die Einzige, so wie in künstlerischer Beziehung in ihrem eigentlichen Fache man lange vor ihr und noch heute nach ihr Ihresgleichen nicht sah. Bitte, nur immer herein !" Und wie ist es gegangen und wie geht es?" Gut, wie Sie sehen ! Europalustig, nicht Amerikamüde. Es freut mich, daß ich wieder da bin, und es reut mich nicht, daß ich drüben war. Was wollen Sie mehr?" ' Jawohl, man braucht sie nur anzufehen, um zu wiffen, daß ihr Alles nach Wunsch gelungen. Man wäre leicht versucht, hier Etwas von ewiger Jugend" oder Unverwüstlichkeit" zu sagen. Das ist aber einer verständigen Frau gegenüber nicht am' Platze. Es muß jedoch gesagt werden, daß die Geistinger. am Tage nach einer Weltreise aussieht, als wäre sie um 10 Uhr Morgens aus ihrem Boudoir in Rastenfeld hirausetreten auf ihre Frühstücks-Terraffe. So frisch und munter in angenehmer Fülle, die nichts mit jener Beleibtheit zu thun hat, welche die Beweglichkeit behindert ; so ohne alle Künste der Toilette, das blonde Haar schlicht geordnet', mit dem bekannten freundlich ansprechenden Auge und dem hübschen Gesichtsoval, das durch Abrundung noch gewonnen hat. Jawohl, die Frau kann nur älter werden in Liebenswürdigkeit. Aber was ist das ? Sie tragen ja die rechte Hand eingebunden?" Leider ! Aber es ist keine Gefahr dabei. Um doch etwas Apartes zu haben, ließ ich mir auf. dem Schiffe, da dies schon so vielen Andern bei EisenbahnWaggonthüren geschehen ist, bei einer Cab'menthüre den Finger quetschen. So flach war er, wie ein Blatt Papier da an der Spitze es ist überstanden und bald wird es ganz gut sein." Und sollen wir nun englisch reden?" Ach, ich habe wenig davon gelernt. Ich hatte keine Zeit dazu. War es doch nicht anders in Amerika, als hätte ich eine Gastspielreise in Deutschland gemacht. Ueberall Deutsche, wohin ich kam. Höchstens daß man auch drüben in den verschiedenen Städten merkt, ob daselbst Nord- oder Süddeutsche in der Mehrzahl sind. In Chicago glaubte ich in Norddeutschland zu sein ; in Baltimore hingegen sprach man mich bei meinem Eintreffen zwar feierlich und durch eine Deputation, aber doch so echt wienerisch an, daß ich glaubte, in Hernals zu sein. Selbst in San Francisco war es mir, als wäre ich in Wien. Als ich dort meinen Fuß aus dem Waggon setzte, begrüßte mich ein bärtiger alter Mann mit einem prachtvollen BlumenBouquet und einem Grüße aus Kärn. ten". Ach, San Francisco! Welche Stadt, welches Leben! Dort hat es mir am besten gefallen. Nie vergcffe ich die Einfahrt durch (Bolden gate und den Anblick der goldenen Stadt und das fröhliche Treiben daselbst, das inCuropa nur in Wien und Paris Seinesgleichen hat." Und die Geschichten, die man von Salt Lake City und den Vorstellungen im Schovpen, welche die Indianer wit ihrer Gegenwart verherrlicht haben, in den Zeitungen las ?" Sie sind wahr. Mehr noch als das Spielen vor, solchem Publikum hat mich der Besuch der Niederlassungen der Indianer ergötzt. Wir haben uns mit Lust in den Wigwams herumgetrieben." Und mußten Sie, selbst einem deut schen Publikum in Amerika gegenüber nicht doch Concessionen machen im Gebrauche des österreichischen Dialektes ?" Durchaus nicht! Wir konnten in Possen und Operetten uns der unverfälschten Laute des echten Wienerthums bedienen. Jedermann verstand uns,und
gerade unsere .wienerischen Gspaß" wa ren das Entzücken unserer Zuhörer. Man machte unL das ebenso gerne nach, als man sich am Zuhören delectirte. Freilich, die Amerikaner, die sehr zahlreich die Operetten besuchten, mußten ihren Nachbar fragen : Was hat sie ge. sagt ?", wenn so etwas urwüchsig Wienerisches von unserenLippen kam. Wenn sie's auch trotz der Erklärung, die matt ihnen gab, nur halb verstanden, so wa ren sie doch ganz belustigt und befriedigt. Wahrhaftig, an uns hat es nicht gefehlt und auch nicht an dem guten Willen unseres Publikums, wenn nicht, so wie das Französische die Weltsprache der Diplomatie ist, das Wienerische die Weltsprache der Lustigkeit wird." Und die hochdeutschen Stücke, dZ: Tragödien? , !,Wir konnten deren nicht viele geben, da wir ohnehin ein Personal von achtundvierzig Personen auf unserm ReiseEtat hatten. So spielten wir zumeist nur Cameliendame" und Meffalina." Und nun Sie wieder in Europa sind, wieder in Wien " Die Wiener, bei denen ich meine Lausbahn begonnen, die sollen auch die Zeugen meines Abschiedes von derBühne sein. Ich kann jetzt hier nicht spielen. Ich gehe nach'Kärnthen, und schon am 30.August schiffe ich wieder hinüber über das große Wasser. Noch eine AmerikaReise die letzte ! Dann kehre ich zurück und nehme hier in Wien Abschied von der Bühne. Die Geistinger weiß, was sie will und was sie thut, und wenn sie etwas sagt, so hat sie es überlegt. Ich kann die falschen Abgänge" auf der Bühne und im Leben nicht leiden." Und Ihre Heirath ?" Gut, daß Sie davon sprechen. Bitte, dementiren Sie das mit Händen und Füßen! Herr Amberg war mein Impresario. Mit einem solchen hat man viel zu viel in Contracten zu machen, als daß man auch noch zu einem EheContracte Zeit hätte. Ueberhaupt aber was das Heirathen betrifft einfürallemal der Mensch " weiß zwar nie, was ihm plötzlich für ein Unglück passiren kann aber geheirathet habe ich nur einmal und nie wieder !" Und nun sehe ich das Frühstück servirt Ihr Damenbesuch, dem ich Sie schon für zu lange entzogen habe, wird mich verfluchen Vergebung ich gehe " Kommen Sie nur immer wieder !" Und so entließ mich die schöne Helena." Höllrigl. Ein bäuerliSes Nachtstü erzählt Hermann Hartmann in der Europa" in seinen Erinnerungen eines westfälischen Dorsarztes". Eine tiefe Trauer erfüllt mich jedesmal, wenn ich in einzelnen bäuerlichen Familien sehen muß, wie lieblos und unkindlich die jungen Leute die Aeltern behandeln, wie sie ihnen den warmen Platz hinter dem Ofen, welchen diese sich ehrlich verdient haben, mißgönnen, wie sie ihnen die leckeren Biffen, die das Alter liebt, gern wieder vomMunde wegnehmen möchten. Ach, denke ich dann immer im Jntereffe der jungenLeute, wenn ich erfahren muß, daß heftige Wortwechsel, ja Thätlichkciten sich ungeschält vor den Augen und Ohren ihrer Kinder abgespielt haben, wie könnt Ihr, wenn Ihr selbst alt geworden seid, erwarten, daß Euch Euere Kinder anders behandeln werden, als Ihr Euere Aeltern behandelt? Sie werden Eure gelehrigenSchüler und was wird das Ende sein ? Kann ein HauLwesen gedeihen, wenn ihm der Segen fehlt, welchen Gott der Erfüllung des vierten Gebotes verheißen hat? Mir fällt immer dabei die Geschichte des alten Tecklenburgischen Grafengeschlechtes ein, wo stets der Erbe Nikolaus den regierenden Vater Nikolaus entthront, ihn in's tiefe Burgverließ wirst und ihn Jahre lang gefangen hält, und wo sich dieses vonGeschlecht zuGeschlecht wiederholt, bis die Natur, entsetzt über den Frevel, zuletzt dem Geschlecht den Erben versagt, damit es aussterben kann. Der Leser glaube aber nicht, daß solche Nachtstücke sich nur unter entarteten Geschlechtern zugetragen haben.Sie kommen selbst heut zu Tage noch im bäuerlichen Leben vor, wie ich's erlebt habe. In einer mir bekannten Bauernsamilie war das Leben ein entsetzlich rohes. Streit bis zu Thätlichkeiten zwischen den alten und jungen Leuten, und wüstes Zechen an der Tagesordnung. Zu dem alten Bauer wurde ich eines Tages mit dem Bemerken gerufen, daß ihm ein Unfall zugestoßen sei nnd er anscheinend beide Beine gebrochen habe. Ich fand den alten Mann, von heftigen Schmerzen gefoltert, aus seinem Bette liegend. Sein Sohn war abwesend, die Schwiegertochter stand sichtbar verlegen am Bette'. Bei der angestellten Untersuchung stellte es sich heraus, daß beide Oberschenkel unmittelbar über denKnieen gebrochen waren. Als ich mich nach der Ursache der sehr schweren Verletzung erkündigte, will die Schwiegertochter nicht mit der Sprache heraus und der Alte verwickelt sich in seinen Angaben derartig, daß ich einsah, man wolle mir die Ursache verheimlichen. Zunächst mupte ich Hülfe holen und schickte daher die Schwiegertochter mit dem Auftrage fort, solche zu holen. Noch einmal drang ich nun in den alten Bauer, mir die wahre Ursache seines Unfalls zu gestehen. Da vernahm ich zu meinem großen Entsetzen, daß ihm sein eigener Sohn während eines heftiges Streites beide Beine zerschlagen habe. Der Unmensch hatte die oft wiederholte Drohung, dem Vater auf diese-Weise von seinem Wirthshauslaufen abhalten zu wollen, im Jähzorn ausgefhiüt. Als ich Anzeige zu machen drohte, faßte mich der Alte fest am Arme und beschwor mich, still zu sein, die Schande und der Schaoen falle von dem bestrasten Sohn auf die Familie und den Hof zurück. Und", flüsterte er mir, indem seine Augen sieberisch glänzten, mit unheimlicher Stimme zu, ich habe es verdient, ich habe meinem Vater ein Bein abgeschlagen, mein Sohn schlägt mir beide ab da habe ich das, Capital mit den Zinsen zurückbekommen Der Geist des Menschen "(versteht sich, besten, der ihn Gebraucht) ist das unzubefriedigenste, unersättlichste Ding der uns bekannten Wesen.
2 Zukünftig im NehlsaSt.
Eine drollige HeirathSgeschichte ant Pennsylvanien möge hier in dem interessanten psälzischamerikau!schen Misch dialeckt ihren Platz sinden. Der Kapitän Joseph JoneS in Pinesville war bi& über die Ohren in die hübsche Märy Stol ling verliebt, aber zu schüchtern, dieFrage zu stellen obgleich er wußte, daß ste ihm recht gut war. Nach manchem Sinnen und Trachten siel ihm aber plötzlich ein : er wollte der hübschen Märy seine eigene Person zum Christgeschenk anbieten. Es war am Abend voc'm Christtag erzählte der Kapitän ich hatte mich sehr sauber balbirt und eine ganz neue Suth angezogen und sah so schlick aus, wie ein Bügeleisen. Nun ging ich hinüber zu der alten Wittsrau Stolling. Sie waren Alle zu Hause : sie und die dreiMäd saßen am Ofen. Wie ich in die Stube trete, fangen Sally und Kitty an zu lachen. Well nau, do ist jo der Jo seph ! Hab ich' net gesagt, er thät noch kumme?" riefen alle beide. .Was ist de Matter V fragte ich erstaunt. Ei, die Märy hat ein Hinkelbein über die Thüre gehängt und Du bist drunter hereinkumme, Joseph. Ich will doch uetten, sie hat gewißt, daß Du kumme tbätst Märn wurde seuerrotb im Gesicht. Schwätz doch kein so dumm Zeug, Sally, ich hab an so ebbcs gar net ge denkt." Verleegnes doch net, Märy, fing nun Kitty an, ich hab Dich'S ja selber thun sehe und Du gehörst nun natürlich dem Joseph zu, so schür als eppes." Jetzt hätte ich gute Gelegenheit gehabt, mit der Frage gerade herauözuplumpen, aber Märy sah so verschämt aus und war so über und über roth ge. worden, daß ich mir kein Herz fassen konnte. Ich stieg stillschweigend aus einen Stuhl, langte das Hinkelbein herunter und steckte es in den Sack. .Was willst Du mit dem alten Knochen im Sack, Käptin ? fragte Märy. Ausheben will ich ihn, so lang ich lebe, als ein Christtagsprasent vom schönsten Mädel in ganz Pinesville, antwortete ich. Wie ich das sagte, wurde sie noch röther. Nau, Kcptin, thust Du Dich net schäme, so eppes zu sage 1" Und dabei blickte sie mich so schelmisch an, daß mir's ganz warm um's Herz wurde. Joseph," sagte Sally, Du mußt der Märy nau auch ein Christkindchen geben, das sie ihr Leben lang aufheben soll." Gewiß," sagte ich, ich hab's schon in Bereitschaft for Dich, Märy ; aber cs ist so groß, daß es einen Drei-Buschel Sack nimmt, ums zu halten. Wenn Du mir nau versprichst, daß Du's Dein Leben lang behalten willst, so sollst Du's morgen srüh haben." Well, Käptin, do is mei Hand, ich versprech Dir's." Nau," sagt ich zu der Sally und Kitty. Ihr seid Witniß, Ihr habt unsern Bargen gehört." Ich will's gewiß gut ushebe aber was is es denn?- fragte jetzt Märy. Never meind," sagte ich, häng nur den Sack uf und morgen früh wirst Du's schon aussinden,"..und da die Uhr eben neun schlug, so sagte ich gute Nacht und ging nach Hause. Ich wartete bis Mitternacht, wo ich denken konnte, daß sie Alle im Bett waren; dann schlich ich mich leise durch die Hinterthür im Gar ten ans Haus, und richtig, auf der hinteren Portsch baumelte ein großcrMchlsack, der mit einem Strick an einem der Querbalken festgemacht war. Ich nahm ein Paar Stühle und stellte sie auf die Bank, . worauf ich mich mit Hilfe des Strickes ganz sachte in den Sack hinunterließ. Wie ich drin war, sing er an, hin und her zu schwingen und traf die Stühle, die mit einem gräulichen Gepolter heruntersielen. Niemand wurde jedoch durch den Lärm wacker gemacht, als der große Hofhund, der wie unsinnig jetzt im Hofe herumsprang und that, als ob er Alles verreißen wollte. Willst Du gleich heim gehen, Du Schlingel !" rief ich in halber Todesangst, denn mir wurde bang, er mochte beißen und mich vielleicht an einem Platz anpacken, wo ich's nicht gern hätt ; aber es half nicht?, und er klaffte in einem Stück fort. Ich wollt's nun mit guten Worten Probiren und wistelte ihm ganz sachte; aber er blieb aus derWacht und lärmte die ganze Nacht durch. Ihr dürft mir's glauben, daß ich froh war, als ich die Hahnen 'krähen hörte, denn in der That, wenn ich eine Stunde länger im Sack hätte bleiben müssen, ich glaub, ich wär nicht lebendig herauLge kommen. Die alte Frau war die Erste, wo am Morgen aus den Portsch kam. Was der Tausig hat der Joseph do in der Märy ihrenSack geschafft?- sagte sie. Es muß eppes Lebendiges sein oder der Mingo thät keinen solchen Lärm machen." Sie ging wieder ins Haus, die Mäd zu rufen. Bald kamen sie all uff diePortsch, beguckten denSack von hinten und vorne, getrauten sich aber nicht, ihn anzuregen. Komm, Sally," sagte Kitty, wir wollen den Sack losmachen und langsam herunterlaffen." Aber paßt auf, daß Ihr ihm keen Schaden thut", sagte Märy, wer weeß, was drin ist." Oi wi. (YTOXlt n!.A ...... . .. c V ! . ca . u ( -tu jiuti jjiuu jutyui uuii uu uic Ollttl, machten den Strick los und ließen den Sack sachte herunter. Sie machten gewaltige Augen, als ich nun aus dem Sacke krappelte, denn ich war von Kops zu Fuß ganz mit Mehlstaub gepudert. O mei!" schreit die Märy und schlägt die Hände überm Kopf zusammen, es ist der Cäptin selber." Ja," sagte ich, vor Lieb' und Kält' schüttelnd, .ich bir.'s selber, Märy, und nun denk an Dein Versprechen, daß Du mein Christkindchen all Dein Lebtag behalten willst." Die Mäd wollten sich schier todtlachen über den Spaß und meinten, sie wollten - den Sack nun an jedem Christtage aufhängen, damit für sie auch ein Mann hineinschlupfen thät. Märy lachte tüch. tig mit und sagte ganz sreundlich zu mir : Well, ich stick zu meinem Wort, aber das Blut schoß ihr doch dabei in die ' Wange. Ein paar Tage nach dieser Begebenheit wurden wir, getraut, und seitdem leb ich mit meiner Märy in der glücklichsten Ehe. Es hat mich noch nie mals gereut, daß ich ihr zu lieb beinahe in einem Mehlsack erfroren wäre. JmRestaurant. Kellnäärr, ein Glas Bier, aber et wasplötzlich!"
