Indiana Tribüne, Volume 4, Number 249, Indianapolis, Marion County, 21 May 1882 — Page 6

DatuwissenscgaftlilZe ZZund- " ; ; slZau. -: ,Die Kunst Gutenberg's hat eine neue Vervollkommnung zu verzeichnen, die, obwohl schon seit einigen Jahren vor uözuZehen, jetzt erst zu praktischer Gel tung gebracht ist. Wie früher in derErpnbung der Buchdruckerkunst, dann im Bau der einfachen, Buchdruck - SchnellPressen und neuerdings in der herfiel, lung der Notations.Druckmaschinen, so smdes auch beiden neuesten Verbes serungen die Deutschen, welche voran , marfchiren. Neben der Fabrik von ßö nig und Baun" gebührt der Maschi nensabrik Augsburg die Ehre dieser Er rungenschasten. Rotattons Druckmaschinen sind bekanntlich solche Maschinen, bei denen der Satz nicht eben liegt, son. dern gekrümmt natürlich siereotypirt um große Cylinder gelegt ist. Zmi schen diesen und den eigentlichen Druck Cylindern geht das Papier endlos hindurch und wird erst nach dem Bedrucken durch einen besonderen Apparat wie die Briefmarken perforirt und mittelst eines Ruckes in Bogen zertheilt. Die Maschi enfabrik Augsburg hat bereits vierund sechzig solcher Notationspressen gebaut, davon sechsundvierzig für Deutschland und dreizehn für Oesterreich. Sie hat den Wirkungskreis dieser Maschinen erveitert, indem sie die erste RotationSPresse für Jllustrationsdruck (Ueber Land und Meer") und, für Werkdruck (Meyers Conversations-Lexikon) baute. Ebenso hat sie zuerst die Feuchtung des Papiers mit Dampf statt mitWasserein geführt. Ein weiteresStadiuN derVer vollkommnung bezeichnet die neueste Rotationsmaschwe sür Farbendruck, welche die Augsburger Fabrik sich unlängst patentiren lieh. Diese Maschine besitzt nur einen Druck-Cylinder, aber mehrere Satz. Cylinder, um welche dieStereotyp Platten oder Cliches aller Art befestigt werden. Jeder Satz'Cylinder hat sein eigenes Farbewerk. Das endlose Pa Pier gelangt der Reihe.nach zwischen den Drnck und die verschiedenen Satz-Cylin-der und wird dabei mit verschiedenen Farben bedruckt. Somit hätte das U loährte Princip derTapetendruckmaschine auch aus den Buchdruck praktische An Wendung gesunden. Eine neue musikalischeAnwendung der Elektricität ist das elektrische Clavier von Bandet.- Darunter ist ein gewöhnliches Instrument zu verstehen, welches aber zwei Hammerceihen besitzt. Die obere elektrisch bewegte tritt m Wirksamkeit, sobald eine Taste niedergedrückt wird, und die Hämmer schlagen die betreffende Saite in einem sehr raschen Tempo so lange an, bis die Taste wieder ausgelöst ist. Damit wird eine Verlänqerung des allzu scharfen und .trockenen Tones des Claviers. d. h. ein sehr schöner orgelartiger Effect erziehlt. Eine andere hübsche Novität auf tUU Irischem Gebiet ist der elektrische Krön leuchter von Verity and Son in London. Der Kronleuchter hat die Gestalt eines Riesenbouquets. Glockensörmige Blumenkelche aus Meffin? tragen Blüthen aus Glas in den natürlichen Farben der dargestellten Blumen. In jeder Blume steckt eine kleine elektrische Glühlichtlam pe. Das Ganze soll eine wundervolle Wirkung machen. In der, medicinischen Wissenschaft haden wir von einem mächtigen Fortschrit te zu berichten, der durch Dr. Robert Koch, Mitglied des Deutschen ReichsGesundheitsrathes in Berlin, gemacht worden ist. Was manche Naturforscher geahnt, wa? KlebZ in Prag schon vor Jahren behauptet hatte ,daß die Tuber culose, jene Krankheit, der eine so ungeheure Anzahl von Menschen alljährlich zum Opfer füllt, eine Ansteckul'.gskrankheit parasitären Ursprunges sei, Koch hat eS bewiesen. Koch hat die Parasiten, die mikroskopischen Lebewesen, deren Wanderung und Wucherung alle die Krank heitserscheinungen der verschiedenen tuberculösen Affectionen bewirkt, thatsächlich entdeckt, studirt, künstlich cultivirt. Er ist plötzlich mit einer ganzen Reihe von Entdeckungen ausgetreten, welche seine Wissenschaft sogleich fest begründeten ' und seinen Namen zu einem der glän- ' zendsten machen in der Geschichte derMedicin sür alle Zeiten. Man wußte bisher von den tuberculösen Krankheiten in kurzen Worten Folgendes: In den verschiedensten Organen und Gewerben des thierischen Körpers treten ost plötzlich bald einzeln, bald in großer' Anzahl, neue Gewebsbildungen in Form von kleinen, selten mehr als Hirsekorngroßen Knötchen (Tuberkeln) aus, welche

sich dann zersetzen und entweder inLunge, Gehirn, Niere :c. eiterige Höhlen bis zur Gröne emer Faust, oder m denSchleun bäuten tuberculöse Geschwüre bilden. Lungenschwindsucht,- scrophulöie Gehirnwassersucht, gewisie Nierenleiden und Darmkrankheiten, auch die sogenannte Derlsucht U den Rindern ic, die schllev lich, bald sehr schnell, bald erst inJahren, zum Tode führten, zeigten die Erscheinung von Tuberkeln als Ursache. Man wußte ferner, daß die 'Tuberculose an--steckend sei : man fand in den letztenJah ren, daß die Einimpfung von Tuberkeln, von Spelchel chwmdsuchtlger Menschen, von kranken-Partikeln perlsüchtiger Ninder wieder Tuberculose hervorrief, und rnochte daraus wohl schließen, dß mi kroskoplsche Lebewesen, Ansteaungs Bakterien von ähnlicher Art, wie siePast eur für die Milzbrandkrankheit entdeckt hatte, bie eigentliche Ursache der Tuberkelkranthciten seien. Indeß wurde diese Hypothese auch vielsach mit GegenExperimenten bekämpst, und Niemand vermochte bisher die tödtlichen Gäste auszuspüren. Die gewöhnlichen, sonst so wirksamen anatomischen Faroungs Methoden, welche dazu dienen, sremde Körper in den Geweben bester, erkennbar zu machen, blieben ersolglos. Koch aber ruyte' nicht, bis er eme neue Doppelfärbunasmethode erfunden hatte, welche zum Resultate führte. Er färbte. Er färbte seine Tuberkel-Präparate mit Methylen-Blau und übersärbte sie dann mit Vesuvin, wodurch die blaue Farbe wleder verloren ging. Das Präparat schien nun schwach braun, gesärbt, aber siehe da, unter dem Mikroskop zeigte es dunkelblaue Punkte. Wahrend alleBe pandtheile thierischer Gewebe braun wa ren, traten in auffallendem Farben. Con traft schön blau gefärbte dünneStäbchen,

die ein Viertel oder halb so lang als der Durchmesser eines Blutkörperchens wa ren, deutlich daraus hervor. Das waren die gesuchten Tuberkel-Bakterien. Koch fand in der Folge, daß alle andern bisher von ihm untersuchten Bakterien, mitAuSnahme der Lepra-Bacillen AuSsah) ebenfalls die braune Farbe annehnun, so daß also die Beibehaltung der blauen Farbe im Vesuvinbade einHauptErkennungsmerkmal der Tuberkel-Bacil len bildet. Die ähnlichen Aussatz.Bacillen unterscheiden sich von den Tuber-kel-Bacillen dadurch, daß sie ein' wenig schlanker als diese und an den Enden zugespiht sind. Man darf nun hoffen, auch für andere schwer erkennbareKrankheitskeime specisische Färbungsmethoden zu finden, wodurch eine ganz neue Aera der Krankheits-Erforschung imAll gemeinen inaugurirt werden würde. Koch war, als er die Tuberkel-Bskte-rien aufgefunden hatte, einstweilen noch ganz still, hierein charakteristisch verschieden von französischen Forschern, welche jeden Fortschritt in ihren Arbeiten sogleich mit Aplomp in der Akademie der kündigen. Er machte zuerst eine Unzahl von Versuchen aller Art bei verschiedenen Tuberkelkrankheiten an Rindern, Affen, Hühnern, Hunden, Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen nicht weniger als 172 Stück der letztern impste er mst Tuberkelgift und conflatirte, daß die Tu-berkel-Bacillen nicht ein einzlgesmal fehlten. Er spürte den mikroskopischen Bestien nach auf ihremEntmicklungSgange und in allen ihren Schlupfwinkeln. Aber noch immer behielt er seine fundamentalen Entdeckungen für sich. Er ergänzte sie durch eine zweite Reihe von nicht minder bewunderungswürdigenExperimenten : Aus demZusammentresfen von tuberculösen Krankheiten undBacillen, sagte er sich, folgt noch immer nicht, daß die Einwanderung und Vermehrung der letzteren nothwendig die eigentliche Ursache der ersteren sein müsse. Um dies zu beweisen, muß ich die Bacillen durch Fortzüchtung reinigen, unzweifelhaft von etwaigen anderen Krankheitsproducten trennen und dann versuchen, ob ich mit meinen künstlich gezüchteten Bacillen noch Tuberculose hervorzurufen vermag. Er nahm Blutserum, das Durchsichtige vom Rinderblut, trocknete es zu einer bernsteingelben,gelatinartigen Masse und brachte auf diesem Nährboden" seine Aussaat von frischen Tuberkeltheilchen. Die Oberfläche der Masse, im Wärmeschrank auf Körpertemperatur (3738 Grad) erhalten, zeigte nach zehn Tagen in Form kleiner weißlicher Streifen und Pünktchen die erfolgte Vermehrung der Tuberkel-Bacillen. Von dieser ,pri mären Cultur" säte er abermals auf neuem Nährboden aus und erlangtes in fortgesetzten Züchtungen, die sich bis auf 200 Tage erstreckten, völlig gereinigte Bacillen. Mit diesenBacillen nun stellte er wiederum die verschiedenartigsten Jmpfversuche an, und es ergalsich, daß

die geimpften Thiere stets an echter Tuberculose erkrankten, wahrend die daneben gestellten Controlthiere gesund blieben. Selbst Ratten, welchen der Genuß uberculösen Fleisches und selbst' directe Jmpsungen mit Tuberkelstofjen nichts anhaben konnten, erlagen der Jmpsung mit den qereinigten Bacillen. Die von perlsüchtigen Rinderlungen genommenen Bacillen-Culturen erwiesen sich m glercher Weise wirksam, ein Zeichen, daß die Perlsucht mit der menschlichen Tubercur . r r ri orf..x. V!- t ..(. .1 ! ot loeniiicy auaj oic Iopyuloen Drüsen- und Gelenksleiden hältKoch sür tuberculös, doch seien seine Versuche hierüber zu wenig zahlreich, um ein Urheil zu ermöglichen. - Aon ve onoerer Wichtigkeit ist ferner sein Nachweis.von Tuberkel-Bacillen in den verklästen Drüsen eines Schwanes und in den Tuberkelknötchen eines Huhnes. Man kann daraus schließen, daß die Tuberculose unter den Hauöiyieren eme größere Verbreitung hat, als gewöhnlich angenommen wird. Andererseits mag es uns zu einiger Beruhigung gereichen, daß die Tuberkel-Bacillen, welche nur bei einer Wärme von 30 bis 41 Grad. Eeljius wachsen, in unserm Klima nur aus thierischen Organismen stammmen können, . v - m. w:. (m:.c.-v Jn ..:a wayreno g. 3. üic zriujuiunu3x;uuuiu unabhängig vom thierischen Organisw rw . r muS irgendwo m oer freien viaiuz wacysen und sich vermehren mögen. Die Athemlust ist indeß auch bei den Tuber-kel-Bacillen der Hauptweg, aus welchem die Ansteckungs'Bestien in unsern Körper gelangen, und in dle Lust wiederum kommen sie nach Hoq zumeist ourcy den SpelchelauSwurf von Schwindsüchtigen. der auch eingetrocknet manchmal noch nach Monaten seine Ansteckungskrast nicht verliert. Wenn gleichwohl verhältnißmäßig die Ansteckung durch Tuberculose,mit welcher ja fast jeder Mensch einmal in Berührung kommt, selten ist, so liegt es an dem sehr langsamenWachsthum der Tuberkel'Bacillen. ' Selbst aus flachen Hautwunden werden Tuber-kel-Bacillen leicht wieder ausgeschieden, ehe sie sich einnisten können. Auch in die Lungen gerathene Bacillen hasten dort wahlscheinlich nur, wenn eine 'besondere Disposition ihr Einnisten begünstigt, wie stagnirendes Secret, Entblößung der Schleimhaut vom schützenden Epithel ic. Die große Frage der 'Erblichkeit der Schwindsucht, die. Thatsache, daß viele Kinher die Schwindsucht von denEltern erben, während ihre Geschwister ganz gesund bleiben, erhält hiedurch eine merkwürdige neue Beleuchtung. Di Wissenschast darf Nicht mehr verzagen, jenen schrecklichen Fluch der erbiichenJnscctions'Krantheiten, der durch Generation sich fortsetzt, mit Ersolg bekämpfen zu können. Vor Allem müssen dieQuellen, aus denen der Jnfectionöstosj fließt, mSaliänt verschlossen werden. Die hauptsächlichste derselben ist der Speichel Auswurs Schwindsüchtiger, den man durch ein Deslnsectlonsversayren un schädlich machen muß. Auch der Tu berculose derHauslhiere,derPer!sucht der Rinder, derMilch perlsüchtiger Kühe muß mehrAusmerkjamkeit als bisher zugewen det werden. Man war gewöhnt, die Tuberculose als den Ausdruck des 1 oci alen Elendes anzusehen und hosste von dessen Besserung aus eine Abnahme die ser Krankheit. In Zukunft wird man es im Kamps gegen diese schrccklichePlage des Menschengejchlechtes nicht mehr mit einem unbestimmten Etwas, sondern mit einem saßbaren Parasiten zu thun haben. dessen Lebensbedingungen jetzt . durch

Koch's geniale Ervekimente zum größten Theil bekannt sind und noch weiter erforscht werden können. Man wird bald

vielleicht diese und ähnliche Krankheiten, wie Syphilis und'. Rotz, welche mit der Tuberculose zusammen die Gruppe der Jnfections'Geschwulstkrankheiten bilden, buchstäblich in ihren Keimen zu bekämpfen und ihnen etwa gar wie dem Milzbrand durch Schutz'Jmpfung abgeschwächer Bacillen-Culturen vorzubeu gen vermögen. . ' In Bezug aus die Lungenschwindsucht rietteifern übrigens die Chirurgen mit den Mikroskopilern. Dr. Block in Danzig hat unlängst bei Hunden einzelne Lungenlappen entsernt. Nach zehn Tagen sprangen dieThiere schon wie gesunde umher, und die spätere Section ergab, daß die Lunge ohne äußere Spur des Defects sauber wieder verwachsen war. Dr. Block meint, man könne somit auch einem kranken Menschen,' der einen schadhasten Lungenlappen hat, den selben bequem herausschneiden und ihm gewissermaßen eine neue Lunge einsetzen, da die gesunden Lappen nicht al lern die Funktion, sondern auch diestelle der kranken und entfernten übernehmen. Eine weitere ZukunstS-Perspecttve eröffnet ein neuer Familien-Jmpf-Appa-rat für Alle und durch Alle von Burg, zunächst sür Schutzblattern-Jmpfung be stimmt. Dr. Burg's System, welches unlängst Pasteur m der Pariser Akaoemie vortrug beruht auf derBeobachtung, daß der Impfstoff sich auf einem unveränderlichen Träger auch in getrocknetem Zustande völlig gut conservirt, und daß das beste Mittel, diesen getrockneten Jmpsstosf einzuimpfen, darin besteht, ihn dircct ohne vorherige Verdünnung unter die Haut zu bringen, und zwar ihn emzuführen, ohne daß aus der WundeBlut stiebt. Er mmmt demgemäß sehr dünne Nadeln oder Stecknadeln mit seinerNinne oder mit Riefen und mit einer durch Gold oder Platin nnoxydnbar gemachten Spitze. Die Nadeln sagen wir zwölf sind auf einem runden glatten Nadelkissen wie Nadspeichen mit den Spiken nach Innen placirt. Im Centrum besindet sich ein kleincs, gut verschließbaresGesäß, in welches alleSpitzen hineinragen. In diese hohle Rabe bringt Burg mit einem Pinsel denJmpsstoff alle, Nadelspitzen damit bestreichend. Den Impfstoff läßt e: antrocknen, stopst dieHöhlung voll mit gereinigterWtte, verschließt sie hermetisch und hat so den stets dienstbereiten Familien-Jmpfer fertig. Jede Nadel hat in ihren Riesen genug trockenen Jmpsstoff sür zwei oder drei Jmpsungen. Abgesehen von der außerordentlichen Bequemlichkeit solcher gelegentlicher Selbstimpfung soll die Methode Burg's ein so bedeutendes Ersparniß an Impfstoff gestatten, daß mit derselben Quantität Lymphe künftighin die zehnfache Anzahl von Personen ge impft werden kann. Möge die, namentlich was die Wiederholung der Impfungen anbetrifft, noch immer sehr mangelhaste Schutz-Jmpsung durch dieses neue System endlich zu allgemeinerer Anwendung und Geltung kommen ! Die Rettkerin. Es wer der 24. Dezember. Der Himmel war dicht bewölkt, und aus Nordosten wehte em schneidender Wmd. Die Uhr der Dorskirche zu Wiesenthal zeigte aus drei, und als sie die Stunde anschlug, blieb ein junges Wew, welches ein Kind auf den Armen trug, vor der Kirche stehen und warf emen ersmrockenen Blick auf das Zifferblatt. Dann wandte sie sich, ihre Schritte beschleunigend, der gegenüberliegenden Häuserxeir zu. In einem der Häuser bösand sich em kleiner Matenalladen, und em Schild über der Thur besagte, daß er der Wittwe Anna Jasky gehöre. . Das iunae Weib trat em und schaute sehnsüchtig nach den Broden hinter dem Ladentisch. Jetzt öffnete sich eine kleine Thur, und eme zweite Frau mit barschen Zügen, unordentlichem Haar und unsauberem Anzüge, fragte spitz: .Sie wünschen? Ach, wenn Sie so gut sein wollten. Madame " begann die junge Mutter. Nichts da : Habe nichts übrig, versetzte die Besitzerin des Ladens barsch. Muß für mich selbst und meine Kmder sorgen. Außerdem ist meine Zeit beschränkt, bin beim Waschen, und morgen ist Weihnachten." - Sie sind recht hartherzig, sagte das junge Weib und schritt wieder hinaus in die bittere Kälte. Die Unglückliche eilte weiter; sie wagte eS nicht an einem der Nachbarhäuser anzuklopfen. Nachdem sie der Landstraße eine Strecke weit gefolgt war, bog sie. in einen Seitenpfad ein, der nach einem stattlichen, alleinstehenden Hause führte. Drinnen amFenster saß halb schlummernd eine ältere Dame. - ' Ob sie wohl Mitleid mit mir hütte ?- dächte die Frau. Da vernahm sie Schritte hinter sich. Sie wendete sich um und 'erblickte eine schlanke, dicht in einen Mantel gehüllte Mädchengestalt. Was wünschen Sie, gute Frau?" fragte eine freundliche, .melodische Stimme. - i .Etwas z essen, liebes Fräulein," versetzte die Bettlerin, in Thränen aus brechend. ' Scht! Still!. Nicht weinen !. sagte das junge Mädchen im tröstenden Tone. Die Tante wird Ihnen ganz gewiß etwaö geben. Aber fügte ste leiser hin zu, Sie dürfen nicht sagen, daß ich hier draußen gewesen bin. Ich habe mit einem Bekannten geplaudert und " Es bedurst? keiner weiteren Erklärung. Die hungernde Mutter lächelte trübselig sie hatte das Herzensgeheimniß des jungen Mädchens errathen. Eine Liebesgeschichte," mochte sie bei sich denken. Sie beginnen wie der Frühling, mit Veilchen und Maiglöckchen, um, wie der Winter, in Kälte und Oee zu enden wie die meinige ! ' Das mitleidige junge Mädchen gab ihr noch den Rath, um daSHaus herum zugehen und an die Vorderthür zu klopsen. Dann huschte sie hinein, und als die Frau nach wenigen Minuten an die Thür pochte, hörte sie die helle Stimme drinnen rufen : Tante Ama lie. der Kaffee ist fertig!" und. gleich darauf kamen zwei Personen, um zu ösp nen: das Mäychen selbst und eine alle, mürrische Dienerin.

' O mein Gott l rief die erstere mit geheucheltem ' Erstaunen. Eine .rme Frau und gr mit einem kleinen Kinde bei diesem Welter auf der Landstraße ! Schnell' herein in's Warme!' Frau Stahn wird Jhr.en in der Küche etwas zu effen geben." '- Die llte flirte sich brummend, dem Wunsche ihrer jungen Herrin. und geleitete die Fremde in die warme Küche. ' . So, nun s!;::: Sie sich," fuhr das junge Mädchen fort, und die Frau sank matt in ei:ien 'chnstuhl. ' Geben Sie ihr einstmeilcn kaltes Fleisch und ein Glas Bier, Fcaa Stahn, indeß ich hineingehe, eine Tasse Kaffee und eine Buttersemmcl zu holen." . Sie eilte fort, und als sie zurückkehrte, lagerte eine trübe Wolke des Verdruffes auf ihrem Gesicht. Was giedi's, Fräulein Clara," fragte Frau Stahn. ' Ach. die Tanten sprechen so geringschätzend von Heinrich Kulisch, und blos deshalb, weil er arm ist. Ich fange an zu glauben, daß ic es den Tanten je' desmal hinterbringen, wenn ich Heinrich sehe oder einen Brief von ihm erhalte." ' FrauS!ahn hustet? verlegen. Fräulein Clara," versetzte sie, aus die Fremde deutend, deren Augen scheu den Boden suchten, dort sitzt Eine, die Jhuen von den Leiden emer Ehe ohne Geld erzählen kann und ich zweifle nicht, daß es auch Ihnen einmal so gehen wird

wie ihr, wenn Sie diesen tollen Taugenichts, den Heinrich Kulisch heirathen." Clara Orilepp war die Waise eines Qsfiziers und hatte seit ihrem zehnten Jahre bei ihren Tanten, den Fräulein Dorothea und Amalie Horst, den Halbschwestern ihre? verstorbenen Mutter, gelebt. Jetzt zählte sie siebzehn Jahre und war sowohl wegen ihrer Schönheit, als auch wegen ihres reinen jeden fremden Scherz mitempsindenden Herzens und ihres freimüthigen Wesens der Stolz und die Freude der im Uebrigen ziemlich pedantischen und engherzigen Tanten. Dem jungen Mädchen war es niemals in den Sinn gekommen, aus ihrem Liebesverhältniß, aus ihrem unbegrenzten Vertrauen zu seiner Redlichkeit und ihrem Stolz aus sein Talent ein Hehl zu machen. Heinrich war gleichfalls eine Waise und der Neffe de alten Peter Grimm, des reichsten Müllers und Getreidehändlers in der ganzen' Umgegend. Außer ihm wohnte noch ein zweiter Neffe, Namens Arthur Heller, der Sohn einer an" deren Schwester, bei dem Alten, ein gesetzter, steißiger Mensch, der Liebling des Onkels und, wie dieser häusig erklärt hatte, der einstige Erbe des ganzenBesitz thums. Beide jungen Männer hatten eine gute Erziehung genoffen. Heinrich schwärmte für die. Musik; er spielte verschiedeneJnstrumente, componirte selbst und fuhr ost nach der dreißig Meilen entfernten Residenz, um dort eine Oper zu hören. Der Alte brummte beständig über diese Leidenschaft und schwur, einem mustktollen Burschen" keinen Pfennig vermachen zu wollen. Als Heinrich nach kurzer Zeit sein Herz an Clara verlor und bei den Tanten um deren Hand anhielt, wurde ihm dieselbe rundweg abgeschlagen. Ja, wenn es noch der solide, psucht treue, sanste Mensch, der Herr Arthur wäre !" meinte Tante Dore aber es war eben nicht Arthur. Doch kehren wir zu unserer Erzählung zurück. Clara zog ihre Börse und reichte ver Armen ein Zehngroschenstück ; das gute Kind erhielt nur wenig Taschengeld. Dafür bekommen Sie in Wiesenthal ein Nachtquartier," sagte sie und stürzte dann m's nächste Zimmer und kehrte mit einem Paar geflicktenStiefeln und einem schwarz und gelb gestreiften wollenen Umschlagetuch zurück. So, ziehen Sie diese an und wickeln Sie sich da hinein. Morgen sehe ich Sie wieder. Ich will inzwischen mit den Tanten reden und sie so lange bitten, bis ihr Herz weich wird." Die Jremde dankte unter heißenThränen und eilte dann mit ihrem Kinde weiter. Wie es kam, daß sie nicht den Rückweg nach demDorfe einschlug, sondern schließlich an die Scheunen und Nebengebäude Peter Grimm's gelangte, wiffen wir nicht. Ein Scheunenthor stand offen, die Frau trat ein. Hier lag Stroh in Masse und drinnen war es leidlich warm. Sie beschloß, das Zehngroschenstück zu sparen, wickelte sich und das Kleine in die Wolldecke und legte sich nieder. iHell und klar tönte die Glocke von Wiesenthal durch den frostigen Weihnachtsmorgen.. Die Tanten fuhren zur Kirche,, während Clara sich zu Fuß auf den Weg machte. .Auf , der Landstraße begegnete sie einer Frau welche ihr zu rief: Ach, Fräulein ! Haben Sie denn das Schreckliche schon gehört? Was ist es ?" gab das erschrockene Mädchen zurück. Heinrich-?" Der arme alteMann !" jammerte die Frau. Wer denn ? " Herr Peter Grimm ist er krank?" stammelte Clara. Todt- ist er ermordet in seiner Scheune. Als sie ihn heute Morgen nicht fanden, durchsuchten sie das ganze Gehöft, und da lag er in der Weizenscheune mit von hinten eingeschlagenem Schädel. Uhr und Börse fehlten und in der Scheune lag ein schwarzes Umschlagetuch mit gelben Streifen Wie vom Schlage getroffen zuckte Clara zusammen. Jenes Weib die Landstreichcrin, gegen welche sie so gütig gewesen war ! Doch nein, wie konnte eine schwache und müde, halbverhungerte Frau die That begangen haben? Es ist unmöglich. Jeyt erst bemerkte sie, daß die Unglücksbotin sie mit einem vielsagenden Blick anstarrte. - Giebt es sonst noch etwas, Frau Lanz?" scrschte sie. l Ach ja, Fräulein. Das Tuch gehört Ihnen; viele Leute können daraus schwören." ' Ich hahe es gestern einer Bettlerlu geschenkt," antwortete das junge Mädchen. Aber die Frau schüttelte bedächtig den Kopf. Fräulein," begann sie, man weiß recht gut, daß Sie ost mit dem wilden Thunichigut, dem Herrn HeinrichKulisch,

hinter dem Rücken 'Ihrer Tanten Zusammenkünste gehabt haben." . Todtenbleich und mit blitzenden Augen stand Clara da. . . Wie?" fuhr sie auf. Man wagt Sie, Frau Lanz, wagen es auch, mir nachzusagen, daß ich des Nachts mit dem Heinrich zusammengekommen sei, und in einer Scheune ? Ich bin zuweilen mit ihm spazieren gegangen, anfänglich mit Wißen der Tanten, später gegen deren Willen, obwohl sie es stets noch an dem nämlichen Tage erfuhren. Noch gestern Nachmittag wußten sie es sofort, daß ich im Garten fünf Minuten mit ihm gesprochen hatte. , Aber solche Beleidigungen, wie Sie, soeben ausgesprochen, verdiene ich nicht." ; : Die Frau schüttelte noch immer ungläubig mit dem Kopse.' Clara eilte in'Z Dorf. Hier fand sie Alles in Bewegung. Ein blutiges Aer brechen war geschehen, und Viele batten das Tuch als' das ihrige wiedererkannt. Ueberall begegnete sie mißtrauischen Bllcken. Sie erzählte ihr Erlebniß mit der Bettlerin, und Frau Stahn kam in die Pfarrei, woBerathung abgehalten wurde, und bestätigte Clara's Aussage. Auch Heinrich war anwesend. Er wechselte beständig dieFarbe ; seine Lippen bebten und seine Augen standen voll Thränen. Nach seiner Schilderung war seinOnkel gegen elf Uhr durch den fallenden Schnee im ganzen Gehöft umhergegan gen, wie er allabendlich zu thun pflegte, um nachzusehen, ob alles in Ordnung sei. Arthur hatte sich unpäßlich gefühlt und frühzeitig zu Bette begeben. Kurz vorher war noch zwischen Heinrich und dem Alten ein kleiner Wortkampf wegen der Vorliebe des ersteren für die Musik ausgefochten worden, und da dieser bald einschlief und beim Erwachen seinen Onkel längst im Bette vermuthete, so war auch er schlafen gegangen. Arthur hatte sich seines Unwohlseins halber entschuldigen lasten, aber dennoch zu kommen versprochen, wenn seine Gegenwart nöthig werdeu sollte. Gleichzeitig wurden überall Nachfor schungen nach der Landstreicherin angestellt, aber die Frau mit dem Kinde war nirgends zu finden'. Nnr eine Zeugin, die Wittwe Anna Jasky, sagte aus, daß allerdings am gestrigen Tage eine Vagabundin" bei ihr gebettelt habe; doch dies rettete Heinrich Kulisch, und er wurde als des Mordes verdächtig arretirt. Während er in der Untersuchungshast

schmachtete, kam Arthur in das Haus der Tanten und hielt um Clara's Hand an. Diese wies ihn jedoch zum großen Bedauern der beiden alten Jungsern ab. Der Tag des Prozeffes kam heran. Heinrich stand vor den Schranken, der vorsätzlichen Ermordung seines Onkels Peter Grimm angeklagt. Der Staatsanwal; berichtete von dem Liebesverhältniß des Angeklagten zu Clara Ortlepp, der Eigenihümerin des aufgefundenen Tuches. Da plötzlich erschüttert der wilde Aufschrei eines Weibes die Lust desGerichtssaals; eine verkommen aussehende, bleiche, in Lumpen gekleidete Frau drängte sich vor und rief : Nicht er! Nicht er ! O mein Gott, ist d a s der Heinrich, welchen sie liebt? Nicht er war es, welcher den alten Mann hinterrücks mit der Eisenstan'ge niederschlug, die dieser mitgenommen .hatte, um das Eis aufzubrechen, und dau'n die Uhr und Börse in den Ententeich warf, dort ist der Mörder dort !" Und in böchsterErregung zeigte sie auf Arthur Heller, der im nächsten Momente ohnmächtig zusammensank. Alles Uebrige ist schnell erzählt. Die Frau war beim Cmtritt des Alten, wel cher eine Blendlaterne trug, erwacht, und hatte sich, um nicht bemerkt zu werden, zusammengekauert. Unmittelbar hinter ihm war Arthur Heller gekommen. Sie sah den Schlag fallen, hörte das letzte Röcheln des alten Mannes und sah dann auch, wie der Mörder Uhr undKette aus den Taschen des Todten holte. Sie wußte, daß, wenn sie sich regte oder sprach, sie selbst und ihr kleines Kind einem gleichen Schicksal versallen waren, und darum blieb sie still. Da hörte sie den jungen Mann murmeln : So, Peler Grimm, Du haft mich lange genug bevormundet. Jetzt bekomme ich Dein Geld und Clara Ortlepp obendrein." Clara Ortlepp ! Der Engel, welcher ihr in der Noth erschienen war ! Dies war also der schlechte Mensch, welchen sie liebte ? Sollte sie gegen ihn als Zeuge auftreten und das Herz ihrer Wohlthäterin brechen ? Nein, nimmermehr l Und das redliche, dankbare Geschöpf hatte sich heimlich fortgefchlichen, nur um denjenigen zu retten, welchen sie für den Geliebten Clara's hielt. Später war es ihr gelungen, das Kind :n einer wohlthätigen Anstalt unterzubringen, und jetzt war sie zu Fuß hierher gekommen, um dem Prozeß des vermeintlichen Heinrich Kulisch beizuwohnen. Das Tu.ch hatte sie in der Angst vergessen und dann noch gesehen, wie der Mörder Uhr und Börse in den Teich warf. Man durchsuchte diesen und fand beide Gegenstände. Auch eine von Arthur in der Scheute verlorene Ciaarrenspitze zeigte die Frau vor,und die Dienstboten erkannten dieselbe alsdie scinige. Sein plötzlicheZ Dahinscheiden rettete ihn vor dem Tode durch Henkershand. Als man dasTcstamentPeterGrimm'S eröffnete, ergab sich, daß dieser einen Theil seines Vermögens wohlthätigen Anstalten vermacht hatte, einen zweiten kleineren Theil n Arthur, aber den ganzen, sehr beträchtlichen Rest an.Hcinlich. Denn er liebt mich doch am ausrlchtigsten," hieß eZ in dem Aktenstücke, wenn er mir auch in Bezug aus seineSchrullen nicht nachgeben wollte." Heinrich und Clara wurden ein Jahr spater getraut. Die arme Frau und ihr 5lind leben, sür alle Zukunst vor.Noth geschützt, in ihrem Hause, dem einstigen Besitztum des alten Peter Grimm. Schlechte Einrichtung. Na, Albert, geh'st. nicht mit nach Ausenbery zum Fischen ?" Ja, wenn ich nur dürst', aber mein Vater läßt mich nicht; 's ist doch eine recht miserable Einrichtung Mit den Eltern !"

Wie und warum die Vögel wandern. '

Die Vögel ziehen und wandern, hu&t es schon in einem alten chinesischen Volksliede, das uns Nückkrt übersetzt hat. Daraus geht hervor, daß nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen Völkern die Thatsache des Wa.iderns der Vögel altbekannt und tief in das Volksbewußtsein eingedrungen ist.':: Nichtsdestoweniger ist der so naheliegenden und doch so geheimnißvollen Erscheinung von wissen schuftlicher Seite geringe Aufmerksamkeit zugewendet worden. Da die Vögel über Gebirge und Meere flogen und aus den weitesten Entfernungen an den Ort ihres Ausfluges - regelmäßig zurückkehrten, fo schrieb man ihnen einen Jnstinct zu, der sie 'die Wege finden ließe, das heißt, man übertrug dem lieben Gott die Leitung der Vögel. Oder man dachte an die Hülssmittel, welche den' Menschen auf der Meercsfläche orientircn, und hielt dafür, daß die . Vögel einen magnetischen Sinn besäßen, der sie in der Richtung des die Erde durchziehenden magnetischen Stromes nach Süden und Norden fliegen ließe. Man verfiel sogar aus die Idee, die Flüge der Vögel aus ihrer Wanderschaft als unwillkürliche Bewegungen auszufassen, gleich denContraktionen des Herzens. Diese Hypothesen erwiesen jedoch am besten die Hülflostgkeit, in der man sich gegenüber der uns beschäftigenden Erscheinung befand. Erst die jüngste Zeit hat über die Angelegenheit mehr Licht gebreitet, so daß man gegenwärtig. wohl im Standeist, mit ausreichenden und blos natürlichen Motiven zu begründen, warum die Vö gel wandern und wie sie die Wanderungen vollführen können. Zunächst muß eine Veranlasiung zur Wanderung gefunden werden, ein zureichender Grund, ohne welchen nirgends etwas geschieht. Der Winter entzieht den Vögeln bei uns die Lcbensbcdingungen, vor Allem die Nahrung. Der Kukuk verläßt uns im August, weil stch bis dahin die Raupen, von denen er sich nährt, verpuppen; der Zeisig, der mit allerhand Gewürm vorlieb nimmt, das er bis zum September vorfindet, geht erst im September auf die Wandcrschast. Amsel und Drostel, die stch auch von Beeren nähren, können bleiben, weil sie diese auch noch spater vorsinden; kurz, die Vogel wandern, um nicht zu verhungern, in wärmere Gegenden, wo sie Nahrung' sinden. Warum bleiben sie nicht dort, warum setzen sie sich denStra pazen der Rückreise aus ? Aus demselben Grunde, der sie von uns vertreibt. Die tropische Hitze übt dieselben Wirkungen aus ihre Nahrungsverhältnisse, wie der nördUche Winter. Die Hitze trocknet die Landstriche aus, Frösche. Eidechsen, Molche, Schlangen vergraben sich m Schlamm und halten Sommerschlaf, die Vegetation verdorrt, mit ihrem Welken verschwinden die Insekten die Vögel stehen abermals vor dex Nöthigung und ziehen letzt nach Norden, heimwärts. Aber die Vögel.ziehen fort, ehe si verhungern, und ziehen weiter, als sie nöthig hätten. Wer lehrt sie das ? Und woher wissen sie, daß sie jeweilig im Süden und Norden Nahrung sinden? Die Zeit und die Noth waren auch hierm die Lehr meister; die größte Noth lehrte das Größte. Was nicht wandern mußte, blieb daheim. Aber schon hier finden sich Ansänge oes Wohnungswechzels. Sper llnae sind reme Standvöael. Unter den Spechten sinden sich schon Aendcrungen des Platzes. Der Schwarzspccht wohnt im Winter seinen Nahrungsbezirk, da der Baum an Jnfeclen ärmer wird, aus. Im Sommer nahm der Specht Alles mit, waö auf dem Baume vorkam; im Winter sind es nur dieLarven von Bockkäsern und Holzwespen, die er vorfindet und aus den geschütztenStellen des Stammes aussplittert. Der Grünspecht muß schon von Wald zu Wald ziehen. Diese Wanderungen im größeren Nahrungsbezirke wiederholen sich alljährlich : wir haben Strichvögel vor uns. Das Bedürfniß erbt sich fort, es entsteht eine Anlage zum Streichen, ein Trieb. Nun ist der Wandertrieb vom Zugtrieb nur der Größe nach verschieden; aus dem einen entwickelt sich der andere. Wodurch? Es ist klar, daß Vögel,welche nach Norden streichen, geringercAusbeute sinden werden, sie werden also zuGrunde gehen; die nach Süden gehen, werden sich erhalten und diese Gewohnheit weiterpflanzen, da nur sie am Leben erhält. Setzen wir nun den Fall, die Nahrung geht plötzlich und auf weite Strecken aus, wie es etwa Wasiervögeln geht, welchen ein jäher Frost weithin Eis vor die Nahrung , legt. Sie müsten rasches und weites' Wandern vornehmen, und nur die dies vermögen, bleiben am Leben. So wirkt die Noth ein, und in der That sehen wir die Eider-Ente, die in Frankreich als Standvogel vorkommt, aus den Ostsekländern als Strichvogel sich nach dem Westen an die vom Golsstrome erwärmten Küsten hinbegeben und dcnselben Vsgel aus Grönland weit über das Meer dorthin wandern. So werden aus Standvögeln Strich- und Zugvögel ; so lernen sie rasch .d regelmäßig und in bestimmten Richtungen wandern : durch Nothwendigkeit, Auslese, Vererbung. Sehen wir also aus dem Kampfe aegen die Verhältnisse allmälig durch Geschlechter hindurch auch Trutzfähigkeitcn entstehen, so haben wir doch noch nichts wahrgenommen, was die weiten Flüge über Meere erklärte. Womit orientircn sich die Vögel mitten im Fluge über den unabsehbaren Ocean ? Ja, wie konnte sich je ein erster Wanderer über denselben zurechtstndcn? Mußte er nicht dennoch einen eigenen Jnstikct oder magnetisch: Sinn besitzen? Nun widerspricht cs schon den beobachteten Thatsachen, daß die Vögel nach bestimmten Richtungen der Windrose wandern; sie fliegen viel' mehr immer im Anschlüsse an bestimmte Ocrtlichkeiten; sie schlagen bestimmte Zugstraßen ein. Solche stnd Gebirge, Thäler, Flüsse. Seen, Küstenlinien. Aber über das Meer ? Auch imMittel, meere beispielsweise sind es nur bestimmte Ucberaanasstellkn. an welchen j die Wandervögel ziehen. Eine, sührt

über die Straße von Gibraltar, eine zweite von Tunis über Sardinien und Corsica nach Genua, eine andere von der kleinen Syrta über Malta und Sicilien uach Italien, endlich eine Straße von Egypten über Cypern nach Kleinasien. Hier wären also Inseln Stützvunkie, könnte man hinzufügen. Allerdings, aber die Vögel suchten sich den Weg über Jnfeln nicht aus, sie haben auch nicht immer den kürzesten Weg gewählt; dieZugstraßen verkanten ihren Ursprung einem andern Umstände. ; ' Zur Diluvialzeit bestand das Mittel' meer aus zwei getrennten Salzwasserdecken. Eine Landbrücke verband Afrika mit Spanien, ebenso Italien mit Sicilien und dem südlichen Festland. Dies erweist noch die geringe Meereöticfe an diesen Verbindungsstellen. Die Mittelmeerländer lagen damals um fast 3000 Fuß höher, die Vögel zogen also über Land. Allmälig sanken di'Länder, das Meer drang an, es blieb nur eine Brücke übrig, die immer schmäler ward, dann riß das Mecr durch,der Arm wurde breiter endlich weite Fläche. Dies geschah aber so allmälig, daß eine Generation davon nichts wahrnahm und die Vermehrung der Flugansordcrung nicht merkte. . Der Rückblick in uralte Zeiten lehrt uns jedoch noch ein Weiteres. Das Klima des mittleren Europa war ehe

mals raub, und Eis bedeckte die Flächen und Vtrge. Die hochalpine F ora und Funa sind zurückgedrängte Reste aus dieser Eiszeit. Damals trugen der Atlas und Libanon Gletscher. Allmälig wurde das Klima milder, die Kälte zog sich nach Norden zurück. Mit dem Vorschreiten des mittleren Klima breiteten sich auch Thiere undPflanzen dahin aus, und unter diesen die Vögel. Nun ist die Lebensweise der Vogel verschieden, wie wir schon wiederholt das Vorkommen der Nahrung als bindend bemerkt haben, so ist sie auch von bestimmendem Einfluß auf den Weg. den die Verbreitung nimmt. Sumpfvögel suchen einen Weg, der über Sümpse sührt, Meervögel verkästen die Küste nicht, Vögel, die im Süßwasser ihre Nahnntg finden, sind anFlüjse undSeen gehalten, und Landvögel endlich an Grund und Boden. Nach den angeführten Gruppen sind auch vier Arten von Zugstraßen zu unterscheiden. Hier tritt uns dann sofort als interessantes, aber kaum mehr überraschendes Resultat vor Augen, daß die Zugstraßcn,, welche die Vögel Geschlechter und lang-. Zeiten hindurch genommen haben, noch diese!ben sind, welche sie gegenwärtig einschlagen. Denn alljährlich muß'e die weiter Vorgedrungenen der Winter wieder zurückscheuchen ; sie konnten sich nach den Wegen, die sie eingeschlagen hatten und die nur allmälig von Geschlecht zu Geschlecht größer und beschwerlicher wurden, noch zurechtfinden, und Jahr für Jahr wurden die Züge regelmäßig, constant und von so überraschender Großartigkcit, wie wir sie heute beobachten. Das einzelne Individuum vcrschwindet fast gänzlich in diesem Prozesse; Generationen lernen und vererben weiter; nur die Gesammtheit besiegt dieVerhältnisse, indem sie sich ihnen anpaßt. Freilich geht hiemit auch die individuelle Ausbildung Hand in Hand. Das Individuum lernt ausdauernd und krüstig fliegen, schars sehen und die Nahrung gewährendenOertlichkeiten merken. Blick, Schwungkraft und Gedächtniß werden in jedem Einzelnen geübt und mit der Zeit aufs Aeußerste vervollkommnet. Wer schwach ist, bleibt zurück. In der That gehen viele zu Grunde durchTrägheit, Unvermögen, Widerwärtigkeiten und Unvcrstcnd. Oftmals sah man Eltern ihre Jungen, die zurückblicken, ausmuntern und antreiben, dem Schwärme zu folgen, und manche treue Vogelmutter hat in der Einsamkeit mit dem ermatteten Sprößlinge dem nachsetzenden Feinde, dem Winter, erliegen müssen, da sie sich von dem Kinde nicht trennen newollt. Andererseits sind eS stets die Geübtesten und Erfahrensten desSchwarmes, die den Genossen vorauöftiegen und den Weg zeigen. Da die Vögel sich jedoch mit ihre fünf Sinnen zu orientiren haben, ss bedürfen sie stets der wahrnehmbaren Anhaltspunlte. Solche sind eben Küstenlinicn, Inseln, Gebirge und Flüsse; da sie jedoch hoch in den Lüften fliegen und stets aus der Höhe herabschauen, ist ihr Vermögen, aus der Ferne wahrzunehmen, weitaus gesteigerter als das der Menschen; und wie wir Mastkörde erklimmen, erblicken die Vögel aus den Lüften Land in großen Weiten; in welch außerordentlichen 5)öhen ste oft fliegen, erhellt aus einem Beispiele, das ein Astronom berichtet, in dessen Fernrohr beim Beobachten der Sonne plötzlich einige schwarze Punkte auftauchten, die sich bewegten. Es waren Vögel, die in der ungeheuren Höhe von e!n,a 20,00l) Fuß über der festen Erde dahinschwebten. . (Wiener N. Fr. Pr.) f Charles Darwi n. -f Nun ruht er aus im harten kalten Bette Von langem arbeitsvollem Erdcnwallen; Es hat sein Volk bereitet ihm die Stätte Bei Kön'gen, in WestminsterS Säulenhallen. ' i Rastlos forschend dem Gesrk) des Lebens, Mußi' er, nach so riet kaum geabnten Siegen. ' Ein Greis, doch in der Fülle noch des Streben?, ; Des Todes ehernem Geseh erliegen'. Er strö; doch schaut' sein Srhcraug' in Klarbeit.. ! Daß nur ein Wandel jedes Uteraehen, Daß neues Leben nur der Tod in Wahr- ' ' ' heit ' . Und jedes Sterben nur ein Auferstehen. OriginellerTheat erdichte?. Gehen Sie moraen in's Tbeater d neue Lustspiel des Dichters Wartmann anzuschauen? Rein, ich liebe Eomödien und Lustspiele nicht besonders, mir ist daSDrama oder rauerjplel viel lieber.Das thut nichts, kommen Sie nur getrost mit, die Lustspiele des Dichters Wartmann haben gewöhnlich ein trauriges Ende.'

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