Indiana Tribüne, Volume 4, Number 201, Indianapolis, Marion County, 9 April 1882 — Page 6
Zur Heschilgte der Lotterie. . Die Geschichte der Spiele ist alt, sehr lt. Nicht nur die Griechen und Römer, auch die Juden kannten das Spiel be reits; denn im alten Testamente heißt eZ von den Jsraeliten : Sie setzten sich nieder, zu essen, und standen auf,zu spie Un." Und was unsere Vorfahren an belangt, so ist es bekannt, daß Spiele sucht eine ihrer Hauptleidenschaften bil dete, ja, daß sie sogar in der Wuth des Spieles Haus und Kind, eigene Person und Freiheit aus's Spiel setzten.' Die Jagd nach dem Glücke ist so alt, wie das Mensüenaescklecdt selbst. Die mei
stens trügerische Hoffnung, ohne Mühe und Anstrengung in einen Besitz va oelanaen. übt ans hi Menrianl der Menschen einen ganz fabelhasten Reiz o rr:.r- m . - . i v . x v:. uuv. -uicc eglerve aal venn uuuj uic Lotterie hervorgerufen. Die Uranfänge n.11...?. : i .T j . i:rr.. uci uuciic nrgen weil zurull, , : v.jc rtt . je. t s. t.iciou u uuuj, vllß in vsricajcniunu ucimilicken Geleaenbeiten dem Volke Gaben zu Theil wurden. Bei den Römern war eS üblick. dak reicke 9tutt. vor Allen die römischen Kaiser, um sich die Zuneigung ses volles zu erwerben uno zu eryanen Kesckenke der versckikdensten Art. a. B Lebensmittel und Münzen, austheilen ließen; diese Gaben wurden cemgia'ria" genannt. Weil aber im Lause der Zelt der Andrang des Volkes so gro wurde. döfc -in rufirnfS Abaeben an di Emvfänaer nickt mekr möalich war, so wußte man sich damit begnügen, die vaazen. welche vertheilt weroen jouicn, dem zusammengerufenen Volke von einer m TU - r 0!.r CtJiln xDuynz yeravzuroerien. aj t . j ... i .. i Hießen oann missiiia" uno geoorien Wenzemgen, welche sie u erhaben oa Glück batten. 9n aber manche Ge schenke, wie z. B. Oel, Wein, Getreide u. dal.. nickt ausaemorfen werden sonn ten, auch andere Gegenstände von dem m m . , f. fi r? gierigen Äoike durch die yan, nc zu langen, leicht vernichtet wurden, so daß t Keinem mehr nuken konnien, aucy darüber oft Mord und Todtschlag entstand, so warf man nur viereckige Tafel chen von-Holz oder Metall, auch wohl Kugeln aus, aus denen das, was der .Gewinner erhalten sollte, verzeichnet war: es trnr aber auck aestattet, die tessera", welche Jemand ergriffen hatte, einem Anderen zu cediren oder zu verlausen. Gelegentlich der römischen Saturnalien veranstaltete man eine Ausspielung von Loosen, durch welche dieSklaven entweder Preise oder Nieten, erhielten. Kaiser Augustus fand viel Vergnügen an der Lotterie. Nero ver anstaltete eine Ausspielung für das Volk, wobei täglich 1000 Loose vertheilt wurden Heliogabalus erfand eine Lot terie, bei welcher die Loose entweder un geheure oder winzig kleine Gewinne davonirugen; Girier gewann z.V. iccus Sclaven, ein Anderer sechs Fliegen, ein Dritter ein goldenes, ein Vierter ein irdenes Gefäß u. s. v. Im ganzen Al terthum findet sich nichts, was eine grö ßere Ähnlichkeit mit der Lotterie hätte, ls eben diese rniiriarifi' der Nömer. und es mag sich wohl von dieser altrö' j . . a st- w ff 1 Mlzcyen tonte oer Gebrauch yercyrer ben, ein Glücksspiel mit Werthzeichen zu treiben. Nachahmungen dieser römischen Sitte, allerdings in sehr verjüngtem Maßstabe, haben Fürsten und Fürstinnen in Scene gesetzt, um sich durch Verkeilung kleiner Geschenke an ihre Hofleute zu vergnügen. Zu diesem Zwecke wurden dann allerlei Gegenstände des Luxus herbeigeschafft und mit Zahlen versehen; andererseits schrieb man auf Zettel dieselben Zahlen, rollte sie zusammen, legte sie in eine Schale oder einen Korb und ließ sie von den Gästen ziehen ; den Gegenstand mit der bezeichneten Nummer erhielt der Betreffende dann als Geschenk. Diese kleinen Congiarien hießen damals Glückstopfe, auch Glückshäfen, mit der Zeit aber nannte man sie auch Lotterien, und tVrfstsf ist di Onftri nnct StVfir ff; Ansängen entstanden. In Italien, wo die meisten erkantilischen Anstalten und Vortheile erfunden wurden und sich mehr und mehr ausbildeten, hatten die Kauf leute schon frühzeitig das Hilfsmittel im Gebrauch, um die Waaren rasch und vortheilhaft an den Munn bringen zu können, ihre Läden in Glücksbuden zu verwandeln, wo Jedermann gegen einen geringen Einsatz eine Nummer aus dem Glückstopfe ziehen und die damit bezeich nete Waare gewinnen konnte. Anfänge lich bekümmerte sich die Obrigkeit gar nicht um diese Art des Verkaufes. Als aber die Kaufleute dabei ihre Vortheile ganz unmäßig übertrieben und das leicht gläubige Volk betrogen, indem sie. die Waaren zu ungeheuren Preisen ansetzten und diese durch die Nieten versteckten. erregte die Sache Aufseben, und die Glückshäsen wurden verboten oder nur bei strenger Aufncht gestattet ; man ie ansvruchte dafür eine Abgabe an die Armenkaffe oder an die Regenten. Aus Liefen Gluastöpsen entwickelten sich un sere Lotterien, indem man zu den Ge winnen nicht mehr Waaren nahm, son dern aus der Summe der Einsätze nach Abzug der Kosten und des Vortheils, den der Unternehmer sich anrechnete, qrö ßere und kleinere Geldgewinne machte und dle Looe oszenttlcy von iLalienkna ben mit verbundenen Augen ziehen ließ. Da dies aber nicht ohne Nachtheil der Einsetzenden geschah, so hing . man der Sache ein Mantelcyen um und veranstaltete daher einstweilen nur Lotterien zu wohlthätigen oder frommen Zwecken. So dehnten sich denn die Lotterien imer mehr aus ; es errichteten Privatpersonen und später auch die Behörden selbst derartige Lotterien. Sie bestimmten den .reinen Ueberschuß derselben zur Ausstattung armer Mädchen, zur Loskausung von Sklaven, zur Errichtung von Armenkaffen oder anderen wohlthätigen Anstalten. In den Jahren 1572 bis 1583 veranstaltete Louis de Gonzague, Herzog von Nivernois, in Paris eine Lotterie, um für arme, tugendhafte Mädchen auf sei nen Landgütern ein Mitgist zu beschaf fen. Dieselbe wurde mit großer Feierlichkeit und großem Gepränge vollzogen. Vor der Ziehung, die am Palmsonntage stattfand, wurde eine Meffe gelesen. Dann folgte, ein feierlicher Schwur von sämmtlichen bei der Ziehung beschäftigteu Dienern des Herzogs, daß sie un-
varteiisch und treu das Geschäft vollsüh-'
ren wollten", und nun begann man. Es wurden soviele Zettel gezogen, als Einsätze geschehen waren. Aus den Gewm nen stand : Gott hat Dich auserwählt!" und die Nieten trugen die Inschrift : Gott möge Dich trösten !" Den leer Ausgehenden riefen die Loyszieher noch zu : Sei im nächsten Jahre glücklicher! AuS den Ueberschüssen empsing jedes auserwählte Mädchen eine Summe von 500 Francs zur Heirath. Wo der Bräutigam noch sehlte, fand er sich bald ein ; nicht selten meldete sich ein junger leer ausgegangener Spieler schon am nämlicken Taae. und vielleicht stammt das Sprichwort : Unglück im Spiel bringt tttir.X ; X. Gisst I tonn tn nUtn JJ 1 u II lll Vtfc ,iwfc vvt j... Heirathslotterien her. Später traten die Rosenfeste an die Stelle, wo das tuaendbafteste Mädchen zur Rosenkönigin erwählt wurde und ohne Glückszusall ihre Prämie bekam. In London sanv ... . cirt,f s..t::os INI ayre xoov eine )vytlu!tgtltlslvt terie statt, deren Ueberschuß zur Unterbaltuna der Seehäfen bestimmt war. Auch die Holländer wollten in Bezug auf .. . i.u : !x.l er. : W0yi!yailgleilSl0ilerleii rniyi zuiuuuici ben, und da diese edle Regung gerade in die Zeit des holländischen TulpenschwiNdels fiel, so wurden zum Besten des Waisenhauses in Alkmaar 120 Tulpenzwiebeln verloost, .und man konnte dem n i t r .vr ?r 4. r.aV!. a! AZori.ianoe oiees Avalienyauies oie arilge Summe von 100,000 Gulden als Ertrag dieser Lotterie einhändigen. Eine weitere Lotterie sand in Amsterdam behufs Erbauung eines Kirchthurmes daselbst statt, und eine andere wurde zu. Gunsten Delft's gezogen. Im Hospitale der alten Männer (olde mannen lmys) wird heute noch ein schönes Gemälde von David Vinckenbooms gezeigt, welches die Ziehung eine? Lotterie bei Nacht vorstellt. Zu den bcdeutungsvollstei Glücksspielen zählte das vom Cardinal Mazarin arranzirte, das seinen Glanz und Reichthum bekunden und ihm die Gunst aller Personen, die ihm irgendwie nützlich sein könnten, erwerben sollte; er verschenkte die Loose, und da es hierbei keine Nieten gab, so brachte jedes Loos seinem Besitzer irgend eine Kostbarkeit von nicht geringem Werthe. Es war wohl das erste Mal sagt Sauval, daß das Glück einem Jeden hold war." Ueber die ältesten Lotterien in Italien bat man sehr wenig Authentisches. Varchi erzählt 1537, daß zu Florenz im Jahre 1530 beim größten Geldmangel eine Lotterie zum Besten des Staates errichtet worden sei, wobei der Einsatz ein Dukaten gewesen ; er nennt sie un lotto" und ein Loos polizza", ein Wort, das bei dem Assekuranzwesen allgemein üblich war. Le Bret sagt, daß in Venedig im Jahre 1572 den irovediton del comrnune tue Aussicht über die Lotterien übertragen war, woraus hervorgeht, daß diese Glücksspiele in Ve nedig schon in der Mitte des 16. JahrHunderts unter obrigkeitlicher Aussicht gestanden haben. Aus Italien kamen die Glücksspiele nach Frankreich, und zwar unter dem Namen blanque, wel cher aus dem italienischen Worte bianca gemacht wurde. Die meisten Loose, welche gezogen wurden, waren allemal nur leeres, weißesPapier, carta bianca, also Nieten. Auch in Frankreich hatten die ersten Lotterie keine anderen Gewinne als Waaren und wurden nur von Kaufleuten unterhalten Franz I. aber versuchte es im Jahre 1539, sie zu seinem Nutzen anzuwenden. Unter dem Vorwände, bezügliche und schädliche Glücksspiele zu verdrängen, ließ er nach dem Muster der großen italienischen Städte Venedig, Genua und Florenz eine Geldlotterie einrichten, bestellte zur Bcaussich ticung amtliche'Personen, machte aber zur Bedingung, daß von jedem Loose ein bestimmter Betrag an die königliche Kasse gezahlt werde. Das Publikum sträubte sich, diese Abgabe zu leisten, bis der König dazu überging, den Leuten durch einen anderen Lotterieplan das Geld indirekt abzunehmen. Im Jahre 1614 kam Lorenzo Tonti aus Neapel nach Paris und schlug bei dem damals herrschenden Geldmangel diejenige Art von Leibrente -vor, die man jetzt noch nach ihm Tontlne" nennt, obgleich sie schon vor ihm in Italien gebräuchlich war. Sie kam aber nicht zu Stande, und er schlug einen anderen Plan vor, der auch 1556 die königliche Bewilligung erhielt. Von dem Betrage lollten 540, 000 Livres zur Erbauung einer steinernen Brücke und zur Herstellung emer Waerleitung vorweg verwendet werden. Aber auch diese Lotterie scheiterte wegen Mangel an Betheiligung; die abgebrannte Brücke mußte ganz einfach'wie der aus Holz hergestellt werden. Die Lotterie wurde von Seite des Staates im Jahre 1658 ganz und gar verboten. Bis 1658 wurden in Frankreich die Lotterien B1anqii6 royale" genannt ; vornehmlich hielt de Vaugelas, der zum Direktor der königlichen Lotterie ernannt worden war, daran fest. Er hoffte, in dieser Stellung alle seine nicht unbedeu tenden' Schulden bezahlen zu können. Da aber der Name Llanqne royale wegen der vielen Betrügereien, die bei diesen Glücksspielen vorkamen, sehr an rüchig geworden war, wurde vom Jahre 1660 der Name . Lotterie" allgemein. Im Jahre 1660, als die Vermählung des Königs Ludwigs XIV. gefeiert wurde, kam die erste Lotterie nachdem Plane Tonti's in Paris zu Stande. Sie ward öffentlich gezogen unter Aufsicht der Polizei ; der Einsatz betrug einen Louisd'or. Der höchste Gewinn betrug 100.000 Livres, und diesen ge- ... 5 t " V , wann oer sconig, oer lyn aoer Nlazt annahm, sondern der nächsten Lotterie zuwies, zu der er kein Loos nahm. Dieser königlichen Lotterie folgten bald mehrere, in Folge deffen alle Privatlotterien bei Strafe verboten wurden. Es gab fortan nur die Loterie3 royales", von deren Ertrag öffentliche Gebäude gebaut wurden. Die erste Lotterieziehung in England fand im Jahre 1569 statt, nachdem schon zwei Jahre zuvor die Sache angeregt, eingeleitet und öffentlich bekannt gemacht war. Diese Lotterie bestand aus 400,000 Loosen, von denen jedes zehn Schillinge kostete. Die Gewinne waren Silbergeräthe von höherem oder geringerem Werthe. Die Ziehung fand vor dem westlichen Portale der Paulskirche in London statt. Da man alle Num-I
mern, auch die Nieten, , zog und die jetzt
gen Glücksräder noch nicht kannte, so dauerte die Manipulation vom 11. Ja nuar bls zum 6. Mal. Der Ueberschuß ward zur Verbesserung der Staatsgebände, wie der Schiffshäsen im ganzen Lande verwendet. Die erste Lotterie mit Geldgewinnen wurde erst im Jahre 1630 gezogen. Eine weitere Lotterie fand zum Besten de.r englischen Eolonien statt. Der Hauptgewinn, Silbergeräth von 4000 Kronen, fiel, einem Schneider zu. . In Deutschland war das Glücksspiel der Lotterie auch schon sehr frühzeitig bekannt. Bereits im Jahre 1521 soll der Rath zu Osnabrück eine solche einge richtet haben, doch bestanden die Gewinne auch hier nur aus Waaren, nicht aus Geld. Im Jahre 1581 zog Michael Gkünberger von Straubing von einer Stadt Deutschlands zur anderen und richtete dort sogenannte Glückshäfen auf. Er führte über sein redliches Betragen gute Zeugniffe bei sich und ließ sich überall von den Magistraten Leute beordern, die auf ihn Acht gaben, damit es ohne Betrug zuginge. In Hamburg wurde zur Errichtung des Zuchthauses eine Lotterie nach holländischer Weise vorge schlagen, welche der Magistrat im November 1611 bewilligte. Georg Kupfer schmied von Köln wanderte im Jahre 1623 den Rhein hinauf, von Stadt, zu Stadt, von einem Jahrmarkte zum anderen. Er führte einen aikfrichtigen Glückshasen", in welchen die Nummern der auszuspielenden Sachen gelegt wurden. Darunter befanden sich allerhand schöne silberne und vergoldete Trinkgeschirre, Pferde mit Sattel nnd Zaumzeug, Pistolen, Rohre, Musketen, Gemälde niederländischer und deutscher Meister, Spiegel und viel andere Gegenstände mehr. Er gab gewöhnlich den hundertsten Pfennig der Einsatzgelder für die Armenl In Berlin soll die erste Lotterie im Juli 1740 gezogen worden sein. Sie umfaßte 20,000 Loose, und jedes Loos kostete 5 Thaler. An Gewinnen waren 4023 vorhanden, von denen der größte ein Haus von 24,006 Thalern an Werth war. Am 31. August 1763 wurde in Berlin die erste Zahlenlotterie nach Angabe des Johann Anton Kalzabigi gezogen. Derselbe hatte sich schon in Italien durch mancherlei Projekte bekannt gemacht und war zum preußischen Geheimen Finanz- und Com merzienrath ernannt worden. Die Ziehung geschah in der Wilhelmstraße in Gegenwart des Commandanten und des Stadtpräsidenten. Im Jahre 1769 wurde sie in den Fürstenthümern Ansbach und Baireuth eingeführt, wo ste bis zum Jahre 1788 währte. In Oesterreich wurde das Zahlenlotto im Jahre 1752 eingeführt, und es fand die Zie hung am 21. Oktober des genannten Jahres in Wien statt. Aus die gezoge nen Nummern 26. 81, 53, 11,74 gewann ein armer Wiener Schuster, Namens Ulrich Huber, ein Terno von 600 Dukaten, und zwar bei einem Einsätze von nur 60 Kreuzern. Das Lotto war zuerst dem Grasen Octavio Cataldi in Pacht gegeben, dann erhielt es in den Jahren 1770 bis 1786 das Bankhaus Baratta & Comp., welches dafür die Pachtsumme von jährlich 400.000 Gulden an den Staat entrichten mußte. Diese Summe wurde später auf 425,000 Gulden erhöht. Außerdem hatte das Bankhaus die Verpflichtung, von dem Reingewinne noch den vierten Theil an das Aerar zu zahlen und fünf Jung srauen, deren Nummern gezogen wurden, vollständig auszustatten. Zu diesem Zwecke war zu jeder der 90 Zahlen bei jeder Ziehung ein Mädchen vorge merkt. Diese von Maria Theresia erlassene Anordnung siel aber schon nach drei Jahren wieder weg. Am 27. Oktober 1787 hob die Regierung das PachtVerhältniß auf und betreibt seit dieser Zeit das Lotto selbstständig. Die Reineinnähme des Aerars beträgt gegenwärtig durchschnittlich 9.J Millionen Gulden im Jahre. Das Lotto, die Zahlenlotterie, ist eine Ersindung der Genueser. Sie war dadurch entstanden, daß man bei Ergänzung'des großen Rathes 90 aufgeschriebene Namen in einen Topf warf, der serninario hieß. Am Wahltage wurden fünf herausgezogen, und es gab Viele, die auf die fünf Namen, welche herauskommen würden, wetteten, das heißt, sie setzten nach Belieben ein Stück Geld aus einen, zwei oder drei Namen. Wurden diese zufällig gezogen, so gewannen sie das Doppelte oder Dreifache von ihrem Gegenpart. Als Erfinder des Lottos , gilt Lorenzo Tonti, welcher Professor der Mathematik in Genua war und zugleich Begründer der Leibrentenbanken, nach ihm Tontinen genannt, ist. Er war im Jahre 1618 von seinem Freunde, oem Raths Herrn Benedetto Gentile, um ein Mittel angegangen worden, eine bequemere und einfachere Form, . als bishtt bei den Wahlen . zum Großen ..Rathe beliebt wurde, für dieselben zu ersinnen. Tonti schlug vor, die Namen der 90 wählbaren Candidaten in ein Glücksrad zu bringen und daraus fünf beliebige hervorziehen ZU lassen. Die n.ue. Wahlart wurde angenommen und gab Veranlassung zu Wetten auf die betreffenden 90 Namen. Der Einsatz an Geld aus jeden einzelnen derselben war beliebig, es konnten mithin von ben Wettenden größere oder kleinere Summen verspielt oder gewonnen werden. Die Unternehmer dieses neuen Spiels aber, die Bankiers, gewannen stets ; sie hatten nur das Dreifache des von fünf Personen gemachten Einsatzes zu zahlen, während der Einsatz der übrigen 85 in ihre eigene Tasche floß. Der Genuesische Staat erkannte bald den Vortheil dieses neuen Wahlspiels, übernahm im Jahre 1620 selbst die Bank zu demselben und wendete statt der Namen der Wahlcandidaten Zahlen an. Das L)to wurde nun ein wirkliches Zahlenspiel und als solches sehr bedeutcnd, blieb aber bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausschließliches Eigenthum der. Genueser. Da aber alle Rei senden von diesem Lotto di Genua" sprachen und Viele dabei ihr Glück versuchen wollten, so bestellten die Genueser zu ihrem eigenen Vortheile in verschiedenen großen Städten derartige Bankhalter, indem statt der Namen Zahlen gesetzt wurden. Wer nur aus eine Nummer
wettete, besetzte einen sogenannten Auszug; zwei, drei, vier und fünf Nummern hießen eine Ambe, Terne, Quaterne und Quinterne. Unter Umständen konnte das Achtzehnsache des Einsatzes gewon. nen werden, wobei aber sür'den BankHalter zwei Prozent abgingen. ' Selbst die katholische Geistlichkeit war dem Lotto mehr als billig zugethan ; , sie bemühte sich nicht nur, dafür eifrig Propaganda zu machen, sondern pries auch, als ihr oberster HiUe, Papst Clemens XII., das erste Lotto in Rom errichtete, diesen als den Beglücker des Volkes". Das
Lotto war ganz dazu geschaffen, die Leidenschaft des Gewinnens beim Volke zu erregen, und so dauerte es denn auch gar nicht lange, so griff, namentlich in Rom, die Spielsucht so übermäßig um sich, daß Papst Benedict XIII. das Einsetzen in das Genueser. Lotto bei der Strafe des Bannes für die Spieler und Einnehmer des Geldes verbot. Diese Drohung that aber keine Wirkung, sie hielt daö Uebel nicht auf, und, Papst' Clemens XIII. ließ 1734:iwieder ein Lotto in Rom errichten. Von neun zu neun Iah ren wurde alsdann die Erlaubniß erneuert. Es dauerte nicht lange, so nahm die Zahlenlotterie ihren Weg schließlich auch nach Deutschland, wo sie allerwärts eingeführt wurde und in den unteren Schichten der Bevölkerung viel Unheil anrichtete. Von allen - Lotterien war dieses Glückszviel das gesährlichste, weil es dem einzcliien Tkzeilnehmer gestattete, sich ganz nach Gefallen, auch mit wcnigem Gelde, daran zu beteiligen, und im günstigen Falle doch groe Gewinne in Aussicht stellte. Es lockte daher in verführerischer Weise, regte die Phanta sie zu trügerischen Hoffnungen auf und untergrub" die Arbeitslust. Tausende von Familien, in Armuth und Elend gestürzt, fanden hierdurch ihren Untergang. Die Blüthezeit der Lottos der Zahlenlotterien währte ungefähr bis gegen das Ende des 13. Jahrhunderts. Von da ab wurden sie in vielen Staaten abgeschafft und verboten, nur in einigen Staaten., in welchen man die daraus fließende Einnahme nicht entbehren zu können glaubte, hielten sie sich länger. Merkwürdiger Weise ist in Sachsen niemals ein Lotto gestattet worden, obgleich verschiedene Ausländer für die Erlaub niß zur Errichtung eines solchen der Regierung große Summen boten. Abgesehen von dem Zahlenlotto findet eine Theilnahme des Staates am Spiele noch statt in der Form der sogenannten Klaffenlotterie In ganz anderer Gestatt und mit ganz anderem Fundament traten später, als die Regierungen immer mehr Geld brauchten, die Klassenlotterien auf, die man dadurch zum StaatsMonopol machte, indem man das Spielen in ausländischen Lotterien mit Strafe belegte. Die Klassenlotterie steht unter Leitung nnd Verwaltung des Staates und ist, wenn auch ein lockendes Glücks spiel, doch aus solidem Grunde basirt.' In Italien erfreut sich das Lotto bis aus den heutigen Tag einer äußerst großen Beliebtheit. Einer Statistik hierüber für das Jahr 1877 entstammen nachfolgende intereffante Daten : Der Betrag der Einsätze erreichte 67 Millionen Lire, die Gewinnste betrugen 32j Millionen, das Nettoerträgniß belicf sich aus 28Z Millionen. Der auf den Kopf entfallende Prozentsatz beträgt 2. Lire, wobei bemerkt werden muß, daß der in den Provinzialhauptstädten festgestellte Prozentsatz sich auf 10,?i Lire beziffert. Am meisten wird in Venedig und Neapel dem Lotto gehuldigt, auch in Rom und Florenz sind bedeutende Ziffern einge stellt. Von Interesse ist es auch, daß in jenen Provinzen, welche bei der Statistik der Verbrechen einen hervorragenden Platz einnehmen, um ein Bedeutendes mehr gespielt wird, als in jenen, welche in der gedachten Statistik in zweiter oder dritter Linie stehen ; hierzu gehören hauptsächlich die südlichen Provinzen. San Januario, der Landespatron von Sicilien, wird in Neapel kurz vor den Lotterieziehungen aus eine sehr schlimme und unhöfliche Weise behandelt. Seine große Statue steht dort vor dem Muni-cipal-Palaste, auf deffen großer Terrasse die Ziehungen vorgenommen werden. Zu Hunderten umströmt das spiellustige Volk, das seine Träume in Nummern verwandelt hat, das große Heiligenbild kurz vor der Ziehung und betet inbrünstig um Protektion. Endlich läutet die Glocke, die zur Ziehung ruft. Da Tresfer selten,' die Nieten aber sehr, häusig sind, setzt sich kurz darauf ein Schwärm von Unzufriedenen, von Enttäuschten in Bewegung, um ihren Unmutb an dem armen Heiligen zu' kühlen. Mit dro henden Fäusten umlagern ste die Statue, Schimpfwörte aller Tonarten und jeden Kalibers dröhnen durch die Luft. Schließlich greift die erregte Menge nach dem Straßenkoth und bewirst unter Flüchen die Bildsäule vom Kopfe bis zum Piedestal. Niemand verhindert solche Zornausbrüche. Der. Skandal dauert. beiläufig eine Viertelstunde, dann verläust sich die Menge. Sobaloder Platz' vor der Statue geleert ist, fährt die Feuerspritze des Municipiums aus und wäscht mit einem mächtigen Wasserstrahl den armen 5)eiligen wieder ganz rein.
A e r z t l i ch e Experimente. Pariser Professoren der Medicin haben jüngsthin an einer Anzahl Schweine den Effect verschiedener Spirituosen p'robirt, angeblich darum, weil der Verdauungsapparat derselben denen der Menschen am ähnlichsten ist. Das Schwein, welches Absinth erhielt, war erst lüstig, dann ausgeregt, reizbar, kampflustig, zuletzt schläfrig; dasjenige, welches Branntwein in sein Futter bekam, war kreuzfidel, bis es in Schlaf verfiel. Ein an deres, welchem Rum gereicht wurde, war von Anfang an traurig und müde; während dasjenige, welches Gta" einnahm, sich ganz ausgelassen betrug, grunzte, quietschte, mit dem Kopfe gegen die Thür rannte, sich auf die Hinterbeine stellte :c. ES wird zu diesen Experimenten bemerkt, daß, danach zu schließen, der Mensch viel eher vom Schweine, als vom Affen abzustammen scheine. Die großen Welterschüttcrungen sind jedenfalls die Mittel, deren sich der Uhrmacher im Himmel bedient, um die Uhr von Zeit zu Zeit wieder auszuziehen.
Die FocZter der Fitanen. Ein mythologisches MZrchen.
. Zu Ende war der Titantenkampf. Zeus und seine Olympier waren Sieger und der Tartarus empfing die gestürzten Himmelsstürmer, auf daß sie, zu ebenso vergeblicher als unnützer Arbeit verur theiltAeonen hindurch für ihren wagenden Hochfinn büßten An ihnen wurden zu erst jene siegesübermüthigen Einfälle versucht, welche als Tantalusqualen, Si-syphus-Arbeiten undDanaidenwerk, später zum System erhoben, zur Berühmtheit gelangten. Den Olympiern war der Sieg nicht leicht geworden; sie hatten mit ungeschlachten Cyklopen und huntertarmigen Ungeheuern unwürdige Bündnisse eingegangen, hatten unehrliche Listen angerundet, ihrer . persönlichen Kraft, durch Allerlei Waffen größere Tragweite gegeden und von den neuesten, eifersüchtig gehüteten Erfindungen des zuckenden Blitzes und des verheerendenFeuers ans gedehnten Gebrauch gemacht. So ward ihrer derSieg und da ihnManches schöndete, so war man umso eifriger bedacht, ihn zu glorificiren. Der klügste der Titanen, der das Un heil abzuwenden vermocht hätte, Prometheus, saß damals, von den Seineu verkannt und verbannt, im Rathe des Zeus und sollte erst später, an den Felsen geschmiecet und von den Klauen des Adlers zerfleischt, den Dank der Olympier erfahren. Dem allgemeinen Untergange war aber wunderbarerweise ein Paar Titanenkinder entronnen, ein Knabe, und ein Mägdlein. Sie waren bei dem bergübereinanderthürmenden Kampfgewirr der Ihrigen, bei dem sie doch nicht schon mitthun konnten, abseits gerathen, ohne daß das Eines von dem Andern wußte, und sahen dem gewaltigen Sturz trotzig zu. Die Sirger hatten genug gegen die Großen zu wüthen und übersahen in triumphirendem Rache-Eifer die versprengten Kleinen, die denn auch nach einer seltsamen Laune des Fatums so lange das Schlachtfeld behaupteten, bis sie sich darauf zu langweilen anfingen. Danach verließen sie die ungeheure Trümmerstätte und zogen der Knabe da- und das Mädchen dorthin. Ihr angeborener Hochsinn trieb sie zumeist in die freie Einsamkeit und auf die Gipfel der Berge, von denen sie stumm niederblickten in die grünenden Thäler und aus die weiten Niederungen, die sich allmälig mit einem minderen Geschlechte, dem der Menschen, zu besiedeln beganuen. Dieser erbarmte sich Prometheus, der noch, hoch übr Klippen und Wolken, an dem goldenen Tische der Olympier saß; eingedenk, daß er durch Verrath die Sei nen zu Fall gebracht, wollt', er in spätem Sühnstreben sich den nachgeborenen Schwächeren als Wohlthäter erweisen und brachte ihnen , gegen den Willen der neidischen Gotter das Feuer, damit ihre Wohnstätte er,l wirkliavohnlich gestal tend. Davon,daß noch zwei echte Ti-tanen-Sprößlinge, getrennt, von einander, die Höhen der Erde durchirrten.hatte dieser Heiland der Menschenkinder nicht Kunde; auch hätte er sie, bald an den Kaukasus geseffelt, nicht aufzusuchen vermöcht. Und diesen seinen Marterpfühl um ri.igten wohl die mitleidigen Okeaniden, aber die letzten seines hohen Stammes fanden den Weg hierhkr nicht. Die beiden erdenwallenden Titanidcn waren mittlerweile ausgewachsen nach Maßen und zu Kräften, denen gegenüber das furchtbare neue Geschlecht Pygmäen waren. Sie vermengten sich nicht mit diesen, sie stiegen selten von ihren Höhen, sie nährten sich von den Früchten der Erde, wenn es nicht vielmehr die Urkraft der Dinge selbst war, an deren Brüsten sie sich großgesogen hatten. Wohl aber, wenn angesammelte Wasser verwüstend losbrachen, wenn Sturm die Wälder knickte, wenn sich die Berge schüttelten, wenn die wilden Thiere, von Hunger ge trieben, Hürden und Heerden übersielen, erschienen sie plötzlich als Helfer und Retter unter den Menschen, wurden von ih nen angestaunt, bewundert und umräuchert, doch hatte der Dank der geschäftigen Kleinen für sie keinen Reiz. Sie enteilten immer wieder Höhenwärts. Noch hatten sie sich niemals begegnet, sie wußten nicht von einander und doch ahne Jedes dunkel das Dasein des Andern und verlangte nach ihm mit tiefer, rastloser Sehnsucht.' So geschah es eines frühen, lauteren Morgens, eh',, noch in Sol das allsehende Götterauge sich aufgethan hatte, daß die Beiden an, entgegengesetzten Hängen den höchsten Kamm des Apennins erklimmend einander Aug' inAug' gegenüberstanden. Und es jauchzte in Beiden zugleich die Seele auf, daß sie sich gefunden. Und als der strahlende Helios mit schnaubenden Rosten den Sonnenpsad emporstieg, war er Zeuge einer Brautscier, auf deren Kunde 'der gesammte Olymp erzitterte.. Nun war die Erbe auch den Letzten der Titanen eine gastliche Stätte. Und diese Letzten sollten Bater undMuttcr eines neuenGeschlechtes von altem Trotz und Hochflug sein; die Menschen sollten ihre Götter auf Erden haben, die jungenHimmelsstürmer sollten glücklicher sein als ihre Ahnen. Das und eine Welt von Titanen-Ent würfen durchwogte die Brust der stolzen Gatten. Sie gaben einem Mädchen das Leben und hatten einen Sohn erwartet. Das Kind war lieblich anzusehen, gleichwohl wandelte bei deffen Anblick die Eltern Ernst und Sorge an. Fragend begegneten sich ihre Augen, aber mit seinen Gedanken hielt Jedes noch zurück. Das Töchterchen gedieh anfangs nach Titanenart, schien sich aber im Hochwuchs früh Genüge thun zn wollen ; es strebte wenig über das Maß der Thalgeborenen hinaus. Dafür schmeidigten und rundeten sich seine Formen, so daß bald nichts Herb:s und Straffes an ihnen war, aber auch nichts Großes. Vollends Anmuth und unbewußter Liebreiz war jede Bewegung des Mädchens, sein Gang ein wohliges Schweben, sein munteres Springen Rhythmus und Tanz. Weiß und leuchtend war der Leib wie in Sonnenstrahlen gebadet. Und die Augen gli chen Lohen der Freude ; es glänzte von
ihnen wie von der Oberfläche d'?s Was sers, nicht aus geheimnißvoUer Tiefe. Ihre Kurzweil hätten die beiden Titanen ai. dem schönen Kinde finden können ihrer Hoffnung, ihrem Stolze genrgle es nicht, daher kehrten sie sich oft jäh von ihm ab, als schämten sie sich ihres Wohlgefallens. Als nun gar die Tbchter begann, die freie Fluth ihres Haares aufzuschürzen, Hals und Arme mit buntem Zierrath zu umflechten, Blumen, Beeren und funkelnde Steine zu ihrem Schmucke zusammenzuraffen und das ruhig spiegelnde Quellbecken zum Vertrauten ihrer Tändeleien zu machen; als sie mehr und mehr die einsame Wohnstätte der Eltern unwirthlich, deren Genügsamkeit rauh und dürstig, dagegen die menschlichen Niederung gastlich und verlockend fand und. so ihr eitler Sinn sich offenbarte, da wandte sich das Herz der Erzeuger von ihr als einer Uugera thenen oder Entarteten, da seufzte der Vater, zu seinen Weibe gekehrt, mit einem ingrimmigen Fluch auf: Iftif Fleisch und Blut ist das Kind, aber der Neid der herrischen . Götter hat ihm die Seele vertauscht " und dumpf ergänzte die Gattin : Es hätt' eben ungeboren bleiben sollen !" Kurze Zeit danach war das Mädchen von seiner heimathlichenHöhe verschwunden. Sie war zu Thal gewandert und suchte die Stätten auf, wo die kurzlebigen Menschen am dichtesten hausten, am rührigsten hantirten, am üppigsten lebten. So kam sie un's laut aufrauschende Gestade des Meers, deffenSchim-
merstreisen sie schon von Weitem bestrickt hatte. Hier gefiel es ihr sehr, denn hier waren die Menschen umgänglicher als anderswo und hatten Schätze aufgestapelt, von denen sie bisher noch kaum ge träumt hatte. Sie schaute stattliche Häuser, prunkende Gemächer, schwellende Pfühle, jugend- und schönheitspiegclndes Geräth und reinlichen Estrich. Ter fahrende Sinn der reichen Besitzer behaate ihr kaum minder als das eilige Boot und das segelnde Schiff. Und sie erregte Aussehen in der Seestadt, die Titanentochter. Man huldigte ihr, man umschmeichelte sie; da sie unbekannter Herkunft war und göttlicher Bildung schien, begrüßte man sie als Schaum geborne", weihte man ihr Tempel und Altar als Gottin der Schönheit. Und sie fand Wohlgefallen an den Menschensöhnen und vermischte sich mit ihnen. Als das einsame Titanenpaar über die Flucht der Tochter nicht raehr im Zweifel sein konnte, hob der Vater nach langem Hinbrüten an : Männin, kann es unser Herz gelüsten, in noch mehr Sprößlingen zu den kleinen hinfälligen Menschenhinabzusteigen ?" Wie schamröthe glitt es übr das Antlitz des hehren Weibes, das nur mit einem Blicke antwortete, der aber nicht eine begehrliche, sondern eine starke und stolze Seele verrieth. Unsere Zeit kommt wieder," suhr der Titan im Tone fester Zuversicht fort, und jene Uebermüthigen, jene Emporkömmlinge stürzen in den. Tartarus " Ach, daß ich die niedere Zeit der Schmach verschlafen könnte !" preßte die Genossin hervor. Weib, thu's ! Ich aber will ausmerken und sehen, wie. oft der lichtprunkende Fant noch sein üuf und Nieder wiederholt." Und sie wandten sich 'ion einander ab wie Tag und Nacht, und Jedes verschränkte die blühende Krast seiner Glieder in sich : zum langandauernden Schlaf, zu geduldiger Spähe als dem zur Stunde einzig möglichen Titanenwerk. So. geschaht, daß das letzte lebende Titanenblut, der letzte Titanenfunke nur durch ein Weib auf uns gekommen ist, durch ein schwaches, eitles Weib überdies. Was entfällt da wohl auf einen der unzähligen Kinder und Enkel der ge fallenen Titanentochter? Und dennoch zündet, ewig unverloren, dieser eine Funke ab und zu, in einzelnen Wenigen immer wieder gewaltiges Denken und Wollen' auf. Die so begnadeten sind echte Titancnfprößlinge, ob sie auch an Wuchs über die Alltagsmenschen nicht hinausragen. Sie schauen in weihevoll:n Träumen ihre stolzen Ah:ien und erstarken an diesem Anblick. Sie wandeln einsame Pfade, vollbringen Echtes und Dauerndes, ertragen Verkennung und meiden den Schooß der Ueppigkeit, um nichts gemein zu haben mit einem schwächlichen od:r verkommenen Geschlecht. Hans Grasberge r. Eine Frau hörte, daß man in Preußen mit der Beschränkung der Wechselfähigkeit vorgehe und den Frauen diese ganz nehmen wolle. Unsinn." sagte sie spöttisch lächelnd, nie kann man uns die Wechselfähigkeit nehmen, denn diese ist uns angeboren." MilitärischeSpruchweisheit - 's . .' '. . -. " Was frag ich viel nach Geld und Gut I" sagte der Lieutenant. Da hei rathele er die Tochter des Commerzienraths Silberstein aus Liebe. Kam ein Vogel geflogen snach Motiven verschiedener'Meister) " sagte der Kommandant. Da hatte er versaziedene ausländische Fürsten in seiner Festung herumgesührt und bekam deren Hausorden. Es ist kein Meister vom Himmel gefallen!" dachte der Rekrut. Da siel er einstweilen vom Pferde. Ach, wie wohl ist mir's am Abend !" sang die Kompagnie. Da wurde eine Nacht-Felddienstübuno gemacht. Mit Gott, für König nnd Vaterland!" sagte der Lan! wehrmann. Da taufte er seinen siebenten Jungen. Du kennst nicht die Leiden. dieQual, die mich drückt!" schrieb der Lieutenant an seinen Vater. Da war der siebenundzwanzigste des Monats. Von dem Regen unter die Traufe !" schrieb derselbe. Da ?-at der erste gekommen und er hatte von feinem Geha't so viele Abzüge, daß er noch her auszahlen sollte. ' Kennst Du das Land, wo die Eitro nen blühn?" sang der süddeutsche Ossi zier. Da erhielt er eine Strafversetzung nach Gumbinncn.
X'it ffrauen vor dem Einschlafen.
Eine Humsrkskk. Jm Bette läßt sich bekanntlich sehr gut denken, die größten Ideen sind hier entstanden, und es ist historisch festgestellt, daß einer der größten Philosophen und tiessten Denker aller Zeiten zu seinen Ansichten über Wesen und Leben des Menschengeschlechts im Bette gekommen ist. Was Wunder also, daß auch manche Ehesrau mit Vorlieb? im Bette nachdenkt, und zwar über Dinge, an die sie hätte denken sollen, ehe sie sich zum Schla. fen niederlegte ! Während sie behaglich ausgestreckt liegt, drehen sich die Gedan ken ihr im Kopfe herum, wie ein Mühlstein, aber ihr wird nicht dumm dabei, sondern der ganze Haushalt, Keller und Küche, Hof und Harten steht vor! ihren geistigen Blicken, während der arglose Gatte noch am Ofen sitzt und darüber nachdenkt, wie er die Miethe für de.-. nächsten Monat aufbringen soll. Plötzlich unterbricht die Gattin das Schweigen mit den Worten : Hast Du die Thüre verschlosien, Fritz ?" Welche Thür?" fragt der Gatte. Die Kellcrlhür," sagt sie. Nein," sagt er. Geh' lieber hinunter und verschließe sie. Vorige Nacht muß Jemand im Hose gewesen sein, denn ich habe deutlich Schritte gehört." Fritz steigt also die Treppe hinab und verschließt die Kellerthüre. Eben ist er im Begriff zu Bette zu gehen, als die Gattin fragt : Hast Du die Vorderthüre verschlos sen r Nein," lautet die Antwort. Dann wird die Katze wieder in's Schlafzimmer kommen," 'sagt die sorgsame Hausmutter. Laß sie kommen." erwidert der Gatte mürrisch. Meine Güte, wie kannst Du nur so sprechen " sagt sie, sie wird sich dem Kinde aus die Brust legen." Fritz steigt nochmals hinab, tritt mit dem bloßen Fuß ans einen Nagel, schließt die Thür, schimpst aus die Katze und kehrt in's Schlafzimmer zurück. " Er ist eben im Begriff zu Bett zu gehen, als die Gatti plötzlich daran denkt, daß kein Waster oben ist.' Ach Fritz, ich habe es ganz vergessen, hol' in der großen Blechschüsiel etwas Waster heraus," bemerkt sie. Mit einem mürrischen Gemurmel aus den Lippen steigt der geduldige Gatte in dic dunkle Küche hinab, fällt über einen Stuhl, wirst einiges Blcchgeschirr hcrunter, reißt die nach oben führende Thür aus und schreit : Wo zum Donnerwetter sind die Streichhölzer?" Eine Stimme von oben herab, aus dem Schlafgemache, gibt ihm die nöthige Auskunst. Wenn Du das gaze Haus mit Dcinem Gebrülle ausweist, will ich das Was ser lieber selber holen," lautet es in vorwurssvnllem Tone. Fritz findet endlich die Streichhölzer, kehrt mit dem Wasser zurück und wirft sich in's Bett. Kaum hat er sich ausgestreckt, als' die Gattin sich vertrauensvoll zu ihm wendet. Laß uns jetzt mal die Geldangelegenheiten in's Reine bringen, Fritze sagt sie, ich habe also nächste Woche erstens den Fleischer, zweitens die Waschsrau." Ist mir ganz gleichgültig, was Du mit dem Fleischer und der Waschsrau hast", unterbricht sie der Barbars indem er sich zornig herumdreht und das Gesicht der Wand zuwendet, ich will tht schlasen !" Das ist alles sehr gut, mein Lieber," cisert die Gattin und rupft in zorniger Weise an der Decke. Duläßt mich alle Sorgen allein tragen. Unser Malchen wird auch wahrscheinlich die Masern be kommen." Laß sie sie bekommen," murmelt der unbarmherzige Vater, der schlafen will. Ds ist zu viel für das Muttcrherz ! Sie fängt leise zu schluchzen an und jammert über ihr Unglück. Fritz läßt sich nicht stören und ist eben im Begriff, einzuschlafen.als er einen Rippenstoß verspürt. Hast Du den Scandal von Frau Müller gehört?" fragt die Gattin schon wieder tjanz beruhigt. Welche Frau Müller ?" fragt er halb im Schlaf. Du kennst doch Frau Müller?" Wo?" Nein, Du wirst aber auch jeden Tag dümmer! Frau Müller, die auf der C... .straße wohnt. Vorgestern sagte mir Frau Schmidt, daß Frau Mayer ihr gesagt, daß Herr Becker von FrauSchultz gehört " Hier macht sie eine Pause und lauscht. Fritz schnckrcht, daß die Wände zittern. Wüthend wirft sie ihm die Decke weg, wickelt sich fest ein und denkt bis ein Uhr Morgens über ihr trauriges Schicksal" nach. Das ist manche Ehefrau vor dem Einschlafen ! Gegen das Abstäuben der Möbel in unseren Wohnräumcn eifert der französische Gelehrte Mr. de Parville. Der Staubwedel ist nach ihm eine Mordwaffe, wie kaum die Mitrailleuse. Der Staub, welcher an den Wänden und Möbeln ruhig lagert, enthält neben unschädlichen Bestandtheilen unzählige Mengen von Sporen. Die Baiterien :c, welche in vielen Fällen Träger von Krankheiten sind, diese mörderischen unsichtbare Hausgenossen würden unschädlich weiterschlummern, wenn sie der Staubbesen nicht aus ihrer Ruhe ausscheuchte. Ihr stäubt in der besten Absicht eure Möbel ab und setzl einen schlummernden Todeskeim in Bewegung, der nun mitten im Salon herumvoltigirt und von einem der Hausgenosien oder der Gäste eingeathmet wird.. Im Uebrigen hilft das Abstäuben nichts, der Staub wird aufgejagt, um sich im nächsten Moment wieder anderswo niederzulassen." Also eisert Mr. de Parville und pflegt seine Vorträge mit der Ermahnung zu schließen : WischcnSie feucht stäuben Sie nicht ab!" Andere lachen zu machen, ist keine schwere Kunst, so lange es Einem gleich gilt, ob sie über unseren Witz, ode: über uns selbst lachen.
