Indiana Tribüne, Volume 4, Number 172, Indianapolis, Marion County, 5 March 1882 — Page 4

Netvyorrer Spazicrgavgcr.

Ein schöner Wintertag heute! Ich Verlasse fchoit acacn 8 Uhr iMb mein Boarding-IIouso und beschließe, den Tag dem edlen Müßiggänge zu toib mtn. Alles, Stock und Stein, gefroren. Selbst der berüchtigte Newyorker Zoth, der gestern noch so 'selbstbewußt dmq dle Straßen floß, ist heute zu groleökcn Formationen erstarrt. An dielen Fensterscheiben herrliche Blumen, deren Treibhaus die Kälte roar. Von den Dächern alter Häuser, hängen Eissatfen, gepuderten Zöpfen gleichend, herab. , Ick befinde mich in der drittcnAvenue und streite dem Slidende Newyorks, dem .Kopfe" der Stadt! zu. Die dort segenen alten Stadttheile dürfen ohne Vcberhcbung auf diese Bezeichnung AnLpruch machen. . Sie war das rechnende Gchl'rn, welches oas übrige Newyork erfand. Mit ihren taufend GeschäftsHäusern,. Zcitnngs - Redactionen, Staätsgebäuden zählen, speculiren und denken s:e für den ganzen sich bequem nach Norden streckenden Nicfcnleib der Stadt, der fast ausschließlich aus monotonen Wohugebäudcn besteht. Erst jenn unten" die Geschäfte geschlossen Jmd, werden diese ruhigen Stadttheilc us'zesucht.. Die dritte Avcnue mündet in eine der merkwürdigsten Straßen S?raort3, die Vowery" genannt. Line Geschäftsgegend ist sie nicht, diese breite, lange, witdbewegte Straße, durch welche ununterbrochen Damps.imd'Pfcrdcwanen rennen und iaaen. I , I v . . J 1 " 5Die Bowery ist überhaupt eine Speciclität, für welche sich weder in Amerika och in Europa ein Pendant finden ließe.- .Schwindel, Laster und Prostiintim: haben sich hier ein öffentliches LtcndezvouZ gegeben. ' Der geniale Wahnsinn, der in den Straßen Newjor& herrscht, artet hier namclltlich in den Abendstunden in Tobsucht aus. Die Bowcry gleicht einer colossalen Lahrmarltbude, sie steckt. in einer bunt.cheäigen HarlekinSjackc,' bei der aber die rothe Jarbe dominircnd. auftritt, eil die schmalen hohen. Häuser der Straße fast durchwegs die grcllrothe Varbe der Ziegelsteine tragen, aus deJieu sie erbaut sind. Dozwifchcn stehen ein- und zweistöckige Holzbauten, an die ephemeren Barrackcn erinnernd, die rnan bei uns als HilfSgcbaude bei Errichtung von Monumentalbauten aufführt.' Man merkt es diesen Buden cu,xtajj der Schloiudel sie erbaut hat ifür den Schwindel. Wer da aus dem -Sttdcn" oder aus Europa mit etwas Öeld in der Tasche ankam und das uubweisbare Bedürfniß fühlte, schnell v r i f r - . f J " .lv..v einen Handel zu errichten, schleunigst fcin solches LattcnhauZ für ein paar hundert Dollars aufrichten lassen, und . if r r . , mm j i tnrnfn. i 1 i kip i m i m trrtmri giuar oon hinein, ocrjemcrjcii, cjicia;ffalls nach der MoralJagb's, die Hälfte der Äausu:nme einsteckte.' Diese unso.' kiden Baracken sind mit Äcclamen bedeckt, die nur ein amerikanisches Gehirn uszubrüten vermochte.' Man könnte jic eine sich selbst übertreffende Neclamc nennen. Da bleibt auch nicht das Keinste Plätzchen nnausgebeutet. Selbst Wi? Oprisfitfiifirr hnr hrn '.CSfinfVrtt srith ! y v v 1 1 v v v uv vi j 1 1 beklebt und werden fo'zu Eintagsfliemx der Neclulne, die mit dem schmutze stehen und fallen. Die Replane flattert in die Lüfte, die Ncclame ßünot sich an dicke Stricke, mit denen man hohe gcgcnuberllcgendcH.äuscr vcr--Kunden hat; die Ncclame klette an Wegraphenstangen . empor, nn deren hundert Drähten, nebcndebemcrkt, zu llcn Jahreszeiten ogmffene Drachen- ? A 41 f"?k u;iuuiv 4ui5vj aun givl es eine andclnoe, elv.i rcilettde, eine fahrende reclame. iJürcn, Löwen und andere xrißend Thiere promeniren munter PPK) die Straße und theilen Gcschäftspnladungcn aus. .7)ier geht ein Hutmacker vor seinem .Laden auf und ab Md rttommandirt seine Warre, indem er sie, mit dem Prcis.zcttcl versehen. selbst auf dem Kopse trägt.' Dort preist -cm Hau sirer eindringlichst seine Cntmmm.irtrfn an indf!N rr si( alZ 414 IVUll Vl V0 VVt V V v v "Vewei-stücke über seine eigenen Waden gezogen hat. Ein Indianer, dessen Gcficht mit grellen Farben fö scheußlich behudelt ist,-alv ob er die Schlacht ziehen wollte, reitet durch die Straße und Wacht auf dieseWcifc Piohaganda für die Bude, die ihn ündioch. einige seiner Stammesbrüder, fSrGcld , zeigt. ?in init N ädern versehener Kasten von "der ölröbe eines MödclivügcnZ, bemalt mit dem Porträt irgend. eineS ehrgeizigen Virtuosen, wild von', vier , Pferden langsam dahcrgeführt. ' ,Was aber hat SchiUcr'S edler MarquiZ von Posa am belllichten Tage in'dcr Vowcrv zu thun Will er in den StraßendcZ fccicnAmerika Gcdaukcnsrcihcit predigen? Nein, seine Humanität ist .j'cht, rationellerer Ärt ; er reißt den Leuten uncntgcldlich Zähne auZ. Der sonderbare Schwär';ncr siktvon Kopf'zu Fuß ais Maltesei -Ritter gekleidet in einem offenen Waaen und läßt von einem Livreebeicitten an seiner wcitc.lleinc Geldstücke unter die Menge werfen, die sich an seiucn Wägen wie ein Bienenschwarm hangt. Seiner Equipage voran fährt cin größerer Wagen, beladen mit einer Musi.kcapellc. Sechs wehrlose Alcchinstrumcnte lassen mit sich ein wahres Kirchweih Concert ausführen. Aei größeren Wirthshäusern wird Station gemacht. Der carvuis rcgälirt die cutc, die hohle Zähne haben, vor der reration mit Brandy, wobei er sie Mi: demselben grausamen Wohlwollen clrachtct. daZ man an Mcl)gcrn bcoZ?aÄ:cn kann, bevor sie ein besonders Z6?5::csThier schlachten. Dann geht er üt ihnen auf die Strafe, und wahrend i)ic Capclle einen Walzer intönirt, holt c? ilmen die schwarzeil Quälgeister aus I'Cva Nachen. Und das mit einer Leichiiglcit und Meisterschaft, auf die alle Zahnärzte NcwhorlS und Broollyns c!scrft:chtig sind. Bei dieser Gelegencit verkauft ?er Livrcebcdicnte eine Äon dem Herrn Professor" selbst fa- : briciric Jahntinctnr, die Flasche zu 25 ZsLnts. Um diese Flüssigkeit schlagen flch die Leule fanatischer, als religiöse ,S5zwärmer um eine Reliquie vom hei5I,2en ' Grabe. Die Humanität -des

Maltesers muß also doch ihre Rechnung I ZI u V Cm ! n I ? Vl

linoen. Äveniguens voicn iuin oic Zahnärzte BrooklynS, 20,000 Dollars, wenn er es aufgeben wolle, mit feiner volksthümlichen Geschäftspraxis ihnen ihre enormen Preise zu verderben, worauf aber der Marquis stolz wie ein Spanier antwortete: Nicht für die doppelte Summe." Der eigenthümliche Kihel, den Leute beim Anblicke mißgestalteter Geschöpfe empfinden,hat in Newyork eine vollständige Industrie geschaffen. Es gibt Unternehmer, welche alle Continente bereisen, um mißgestaltete Celebritäten" zu entdecken, ähnlich wie bei uns Theater - Directoren, nur mit mehr Glück. In der Vowery allein gibt es mindestens 50 Schaubuden, in Kelche die Leute mit derselben grausamen Sentimentalität eintreten, mit welcher sie sich zu Hinrichtungcn drängen. Den Werth dieser bcdauerungZwürdigcn Geschöpfe bcstimmt die Größe ihres Unglücks'. Je weniger sie normalen Menschen gleichen, desto besser werden-sie bezahlt. Das Glück steigt bei ihnen mit der Größe des Elends. Es existirt sogar in dcrBowcry für Mißgeburten ein Preiscourant. Ein Mensch ohne Hände, der mit den Zehen kalligraphirt, erhält eine Wochengage von 25 Dollars; hat ihn das Schicksal besser bedacht und auch ohne Füße in die Welt geschickt, die doppelte Gage. Ein weiblicher Falstafsblos 20 Dollars. Doch darf die Flcischbegnadigte selbst an heißen Tagen nichts dagegen einwenden, daß reichliche Watte ihre natürlichen Anlagen erhöhe. Ein baumlanger schwarzer Geselle, den man für einen Zulu ausgeben kaun, erhält nur selten mehr. Er wird dann afrikanisch zubereitet, erhält das Phantasiegewand eines Menschenfreßers, eine erkuleskeule in seine Rechte undRinge in Nase und Ohr. Ein gutmüthiger großer Bursche der früher in Newyork uud erst vor wenigen Wochen in Eincinnati das Amt eines Hausknechtes versah, wurde, also präparirt, von seinem Jmpresarw angekündigt als der Riescn-Zulu, welcher in Afrika den Sohn Napoleon's todtete". Wie prahlerisch dieses gepachtete Elend und dieser Schwindel in der Vowery angckündigt wird, läßt sich denken. Die stolzesten Titel, wie Londoner Museum, Weltwunder :c., werden usurpirt. Nicht nur daß die ganze schmale, oft drei Stock hohe Schaubude mitAnkündigungen gänzlich bedeckt ist, bis über's Trottöir hinüber erstreckt sich der Schwindel, wo lebensgroße Abbildungen der Eelebrit'äten aufgepflanzt werden. ' Diese Abbildungen sind wahre Eabinetsstücke von komischer Unvcrschämthcit und Uebertreibung. Gegen die Riesenfran" ist der Eolon von Rhodus ein Knirps. Jede ihrer Wuden gleicht darauf einer kleinen Biertonne, nnd vollends ihr Bujen! Er izt u einer so compactcn Mane von abnormer Höhe, Breite uud Tiefe zusammengewachsen, daß man sich schwindelnd fragt, wo denn hier jene viertcDlmenjion hingekommen ist, die Heine galant die Eäsur des Weibes genannt hat. Der biedere Hausknecht aus Eincinnati hat den armen Lulu" beim linken Fuße erwischt und hält ihn, den Kopf zur Erde, ganz so wie ein Kipfel, das man in den Kaffee tunkt. Das Londoner Museum kündigte den ganzen Winter hindurch drei zwcrghaftc Brüder und ein Kind mit einem abnormen Kopfe an. Dle Zwerge sah man abgebildet, wie sie an einem Tische sijzcnd lustig zcchen. Das Kind erschien auf demselben Bilde als ein munterer Knabe, der, die Hände in den Hosentaschen, keck in die Welt schaut und sich wenig daraus macht, daß auf seinem Kopfauswnchsc mit rtmfcen Einern ..45 (Zentimeters aemit gronen Ismern 45 Zentimeter- ge schrieben steht. In diese Bude trat ich endlich ein, nachdem ich monatelang dem Lockrufe der Trommeln und Pfcifen vor derselben widerstanden hatte. Die drei lustigen" Zwerge saßen auf einer kleinen dccorirten Bühne. Sie glichen den Zerrbildern, die der Hohlspiegel hervorbringt. Der Änblla dieser areifen Kindergcstalten machte einen peinigenden Eindruck, vor dem sich jede feinere Empfindung mit Abscheu zurückziehen mußte. Die unaufhörlichen, kurzen, uüstcten Bewegungen der Körper waren automatenartig, wie von eiuer Maschine hervorgebracht. Die gclben. breiten, faltenreichen Gesichter dieer armen cvau uuac lauen aus wle verwest uud zuckten nervös. Und NUN gar der heitere Knabe mit dc:n großen Schädel. Er lag in einem gedeckten schwarzen Kasten,- der - gewiß eine praktische Einrichtung später zugenagelt gleich seinen Sara abgeben kann. Wenn acht bis zehnMcnschcn beisammen stnd, o wird der Deckel gchobcn.und man erblickt ein schwerkrankes Kind von etwa anderhalb Iahren auf Kissen gebettet. Sein Kopf ist wirklich abichcullch gron, das Zeucht ganz wie aus Wachs uud von starken blauen Acderchcn durchzogen. Der Athem dieses kleinen Opfers ist schwach und kurz, und es schläft wahrscheinlich aus vollständiger Ermattung fast immer. Man hat den Eindruck, als ob da ein Leben durch alle möglichen Mittel, wenn auch nur für einige Wochen noch conscrvirt werden solle. Nach zwei Minuten läßt der Bescher den Deckel wieder sauen man mocyie wunschen für immer. Natürlich lassen sich in der Bowery mit womöglich noch größerer Emphase Magier, Medien, Spiritualistcn und andere Taschenspieler ankündiaen. Ferner Wettläuferinnen (blasse Geschöpfe, die unter Eontrolc täglich zwanzig Stunden im Kreise ablaufen müsscn),Ninger, Thicrbändiger, Messcrwcrfcr.Tänzer, Springc?,Bauchredner :c. Kurz, Haus an Haus clne Schaubude, elne Menagerie ooer ein Theater". Die letzteren preisen ihre 9 . . ri Stücke durch ähnliche lluurattonen an, wie M uns Verleger von Schauer-Ro-manen ibre 5?abrikwaare. Es liegen immer unzählige Todte umher. Eine dieser Volksbühnen runoigi ein Stück monatelana durch große, arg rcalistiscke Illustrationen an, auf welchen eine bereits -angefressene Leiche aus dem Wasser aesischt wird. In den meisten Theatern der Bowery, die das .helle

Genre" pflegen, findet man Kunst und cn n i . i . r - r , . r

Prostitution so sehr verquickt, daß es schwer wird, 'zu unterscheiden, was für die erstere gelten will, was für die letztere. Selbstverständlich gibt es hier obfcurc Localc, wo die Prostitution nur von Außen eine halbe Maske trägt aber auch diese sofort abnimmt, sobald man eintritt. Philharmonische Eonccrte" lautet gewiß eine drollige Frechheit das Schild eines solchen Etablincments. Außerdem liest man vor demselben noch mit großen Lettern angekündigt;. Bier,: nur fünf Eents Eintrat frei." Beim Betreten des Saales erblickt man als Motivirung für den . Titel Philharmonische Concerte" in einer Ecke des langen Lokals ein dünnes, mufikalisches Lumpenkerlchen mit langen Haaren, das auf die schlottrigen Tastcn eines Instruments, nicht größer als ein Nachtkästchen, so grausam cinhaut. daß man glaubt, er wolle seinem Pia-' rnno" den daraus Machen. Aber in dem Augenblick schon, da wir zum Büffet schreiten, um dort ein Glas Bier zu trinken, umringen uns dreißig bis vierzig hungrige Jungfrauen, so stark dccolletirt, daß Tartüsfc nicht gewußt hätte, wo er zuerst sein Taschentüchlcin auflegen soll. Sie alle äußern das dringende Verlangen nach Speise und Trank.. Wer kein Eato ist, wird- in eine Nische geführt, und sobald Wein und Speise" auf dem Tische prangt, tritt die Jungfrau auf eine geheime Feder, und indem dadurch eine Wand niederfällt, hat sie ihren Partner in ein verbotenes Paradies geschmuggelt, aus dem er, wie man mir mittheilte, nur selten mit Börse und Uhr wieder zurückkommt. Man sieht, die absolute Freiheit ist einem herrlichen Strome zu vergleichen, der aber auch Schlamm und Koth mit sich führt. Am Abend steigert sich das Leben in der Bowery znr nervösen Uebcrhast. Das Gewimmel ist so groß, daß jeder Schritt vorwärts erlistet' und erobert werden muß. Tausend Fackeln uud stinkende Oellampen beleuchten die merkwürdigsten Industrien. An jeder Straßenecke kann man sich bcispielsweise auf eine Wage stellen und seine Schwere erproben lauen.' so viel Dirnen tummeln sich in der Straße, und sie sind so lästig, daß sie an die Mücken im Pratcr erinnern; .man muß, sie ost, nm durchzukommen, mit den Händen rechts und links zur Seite schieben. New Vor! ist eben die größte Hafenstadt der Welt und die Vowery der zusammengekehrte Ilnrath aus allen Eontinenten jedenfalls die. Eloale der Ver. Staaten. Zur rechten Seite der Bowery dchncn sich das chinesische, jüdische und italiensch'e Viertel aus. Mit dem Schmuse des letztgenannten ist nur noch der des Lcmoerger Ghetto zu vergleichen. Ich betrat eine Stube, in welcher Zwanzig bis dreißig halbgeklcidctc Männer und Frauen das Elend nimmt es mit dem Geschlechte nicht so genau darunter Kranke und Wöchnerinnen, auf dem Fußboden umherlagen und eine gehackte Fleischspeise, die mau eben auf die Erde geschüttet hatte, mit den Fingern aßen. Zola, der uns in seinem sLominoir" die Psychologie des Schmutzes geschrieben hat, und Vcreschagin, dessen Bilder man Nihilismus in Oel nennen könnte, würden hier reiches Material für weitere Arbeiten finden. Besser ficht es im chinesischen Viertel aus. Während alle anderen Stationen in der großen republikauischen Union wie die Flüsse im Ocean spurlos aufgehen, bleiben die Chinesen als das conservativste Volk der Welt ausnahmslos ihren asiatischen Sitten treu. Der Zopf, der ihnen vom Scheitel niedcrhängt, entspringt eigentlich schon in ihrem Gehirne. Ehincsischer kann es in Peking nicht zugehen, als in diesen Straßen New 'Zortt'. In einem chinesischen Speisehause wurde mir als Superlativ aller Eeuüssc ein fetter Rattcnbraten angeboten. Diese Speise wird von den Nationalen", obwohl Fleisch und Geflügcl in Amerika ebenso vortrefflich als billig sind, mit 75 Eents (etwa 2 Gulden) bezahlt. Jede Restauration hat ein iebenzimmcr,- in welchem nach der Mahlzeit geraucht wird. Ter gesättigte Gast streckt stch hier auf sein sehr primitivcs Ruhebett und' schmokt aus einem laugen Rohre einen in Opium getränkTabak so lange, bis er einschlummert.' Dann tränmt er vielleicht vom himmlischen Reiche und einer himmlischen Chinesin darin, die cr selbst gegen den höchsten 11 nicht hätte einführen dürfen, denn die. Union, die Nch sonst so ungern ZU einer Zmangsmaßrcgcl cntschlieszt, fühlte sich hier zu einer energische:: Ercommunication veranlant. Neinc chineusche nrau darf o:e Vereinigten Staaten betreten, weil früher, als dieses Gesetz noch nicht erisurtc, diese Weiber ausnahmlos, und zwar ans Habsucht, der Prostitution aiihttmjiclen. Täglich Vormittags nach 10Uhr geht vom Ostende der 2t.Str. ein teamboat" nach Blackwell's Island ab, beladen mit Kranken und Verbrechern. Blackwell's Island ist eine kleine schmale Insel, in dem breiten East River (östlicher Mündungsarm des Hudson) gelegen, der New Jork von Long-Jsland trennt. Hierher nun hat New Z)ork all' seinen Jammer verbannt. Die Insel ist angefüllt mit Straf- und 'Krankenhäusern. Es ist halb 10 Uhr. Ich habe noch gerade so viel Zeit, um mir im Department of Public Charities and Corrcction" eine Erlaubnißkarte znr Mitfahrt und zur Besicht!gung der Insel zu holen. Ans Deck und in den oberen Räumen des Dampfers befinden sich bei meiner Ankunft nur erst einige Beamte und mehrere Verwandte der unglücklichen Jnfnlaner. Jeht öffnet sich knurrend das große, sonst stets verschlossene Thor der Station, und die traurigen Passagiere treten ein. Ein langer Zug verwahrloster Geschöpfe; ein Polieeman öffnet, sobald sie das Schiff betreten, eine kleine Fallthür, die zum Zwischendeck führt, UM die Ankömmlinge im weiten Bauche des Schiffes verschwinden zu

lassen. Welche Gestalten ! Der Abhub der gestrigen Bowery! Votan ein Knäuel verkommener Weiber von allen Farben und Schattirungen. Pechschwarze Sünde, welche die Sonne Afrika's verbrannte, und schneeweißes Laster, daö sich. roth geschminkthat. Ferner Mulattinnen und Mischlinge" von allen Nuancen, vom tiefsten Dunkclbraun bis zum leisesten Bronceton. Das Laster liebt - die extremsten Gewändcr. Neben Dirnen mit langen Schleppen und Bajaderen im seidenen Tcbardeur-Gewandc sieht man welche, an denen wie zum Höhne alte verschliß scnc Ballkleider herabhängen, oder solche, der.en Blöße wenige schlechte Lappen kaum zu bedecken vermögen. Zwei oder drei dieser Unglücklichen weinen und werden dafür von anderen, in deren Gesichtern das Laster wie festgefroren ist, frech verlacht. Der Policenian an der Iallthür gibt jeder beim Niedersteigcn einen leisen Schub, als wollte er sagen: Duck unter". Dann folgen in mehreren Gruppen die Manner. Jedesmal eine Galerie von Gauner - Physiognomien. Ein schwarzer baumlanger Kerl ragt wie ein Kirchthurm über die Anderen empor. Er trägt ein sommerliches, ganz dcfcctes Gewand und einen dicken tangcnSbawl zweimal um den Hals gewunden. Scin granmclirtcr Bollbart ist besudelt. Aus seinen großen Augen, die er weit herauswalzt, spricht thierische Stumpfheit. Er stößt Töne aus wie Caliban, au den cr überhaupt sehr crinnert. Er 'ist noch betrunken und stolpert taumelnd in die schreckliche Versenkung. Duck unter! Dieser durch und durch verfaulten Seele folgt ein kleiner lustiger Gauner, in dessen Gesicht sich Laune und hartgcsottenc Sünde in .origineller Weise mengen. ein Costüm scheint cr in allen Erdthcilcn requirirt zu haben. Er trägt eine französische Arbciterblouse, schottische Hosen, japanesisch Pantösfcl uud einen zerdrückten Cylinder. Pfeifend hüpft er die Treppe hinab. Duck unter! Und auch ihr Anderen unier, unter!" Nachdem, auch der letzte Mann in der Tiefe verschwunden ist, läßt der Polieeman die Thür zufallen und ruft: All right!" Jetzt giebt der (sapitän ans der Commandobrückc ein Zeichen, nnd das Dampfboot, be-

laden mit lcbendigcmBallast, zieht über j den schmalen Achcron. Die Südspike der Verbrecher-Jn-sei" bildet ein Krankenhans von colossalem Umfange. . In diesem musterhaft eingerichteten Spitalc werden die An kömmlinge, die man für krank befindet, zuerst geheilt, bevor sie ihre Strafe antreten. Dreihundert Schritte südwärts folgt ein düsteres Gebäude, dem als Wahrsprnch Dante's furchtbare HollenÜberschrift dienen könnte. Es ist ein Zuchthaus für Verbrecher, die zu lebenslänglicher Strafe vcrurtheilt sind. Diese Grabstätte für Lebende zu besichtigen, war mir nicht erlaubt. Wieder drei- bis vierhundert Schritte welter kommt ein Armenhaus, dann ein Bersorgungshans für Frauen. Jedes dieser Gebäude ist von einem prächtigen Garten umrahmt. In der Mitte der Insel erhebt sich das mächtige Gcfan gencnhaus. In der Vorhalle ist an einer schwarzen Tafel die Zahl der Gefangenen verzeichnet, die Tags zu vor hier eingebracht wnrdc. Ich las die rcspcctable Ziffer 1384. Zur Rechten und Linken dieser Halle liegen Vurcaux für den administrativen Dienst, dann die Bade-Ansiali, und endlich das eigentliche Gcfangcuenhaus. Diescs ist ein sehr langer gewölbter Raum, in dessen beiden Etagen sich Zelle an Zelle drängt. Die Zellen zeichnen sich durch peinliche anbcrkcit aus und sind durch eiscrneGittcrthüren geschlossen, io daß der Gcftngenwartcr jede Bcwcgung der Insassen zu beobachten vcrmag. Die Hülste de? tunnclartigcn Raumes nehmen die Frauen für sich in Anspruch, wo sie von AngehöriZcn ihres Geschlechtes bewacht und 'bedient werden. Ich fragte meinen Führer, der mit der Bereitwilligkeit eines amerikanischcn Beamten aüe.meine Fragen bantwortete, wieso es denn komme, daß ich weder vordem Gcsangcnhausc einen Posten, noch in seinen inneren Rüumen einen bewaffneten Wächter erblicke? Wozu das?" lautete die Antwort, auch der verwahrloste Amerikaner hat noch so Viel' Ncspect vor dem Gcsene, daß eine wanasmafrt'gcl bei' uns zu ! den seltenenFäNcn gylt irerdenmuß. : Sie sieden ans der ga::,?eu Ittscl llich! mehr als sccho oder sieden PJi-sten." Ich kralle mich hinter meinem curopäischeu Ohre nnd dachte, bei uns würde man es sicherlich für nöthig halten, die Insel mit sechs- bis sicbcnlmndcrl Bajonncttcn zu versorge. Auf der Nordspike der Insel liegt eine Häufergruppe, die zusammen die berühmte Irrenanstalt des Landes bildet. Dieselbe in Augenschein zu nehmen, wurde mir nicht gestattet, da ich verabsäumt hatte, mir in New Jork einen besonderen Crlaubnißschein ,;u verschaffen. Um 2 Uhr begab ich mich wieder zur Südspike von Blackmells Island, um'meine Rückfahrt anzutreten. Der Steamer, der inzwischen vor den verschiedenen Gebäuden der Insel gehalten hatte, war angefüllt mit eben entlassenen täflingen. welche nicht mehr unterducken mußten wie bei ihrer Herfahrt, sondern auf Deck sich ungezwungen uuter das übrige Publikum mengten. Sie sahen wirklich geheilt aus. Körperlich waren sie es Alle, und Einige davon gewiß auch moralisch. Ich dachte an Europa! Bei Besichtigung unserer Gefängnisse wird man kaum den Eindruck verwinden können, daß es sich um ein Gebäude, handle, wnhin die Gefellschast ihreStörenfriede bringt, um vor ihnen sicher zu sein. Ganz anders in Blackroeü'ö Island. Hier hat man die Empfindung, als ob ein hochgesittetes Volk sich zwar entschließen mußte, seine fehlenden Mitbürger zu bestrafen, jedoch in der Hoffnuug, sie zu bessern.'. . c Alols W ohlmuth, i

Die Rache deS Hamilkar.

Im Salon Adrienne's, der bekannten Tragödin, flackerte ein lustiges Kaminfeuer, und sie selbst saß, weit zurückgelehnt, in einem jener langgeschweiften amerikanischen Schaukelstuhle, die kleinen Füßchen auf-das blankeMcssinggitter des Kamins gestüht und mit den großen, tiefdunklen Augen halb übermüthig, halb gelangweilt zu dem schlanken Manne, aussehend, der eben im besten Zuge war, ihr eine fcurige Liebeserklärung zu machen. Herr v. Auvergnat war einer der zahlreichen jungen Lebcmänner,die, dnrch das Talent und die Schönheit Adrienne's gefesselt, sie stets umschwärmten' und sich als ihre Verehrer aufspielten, ohne daß sich auch nur Einer der geringsten Gunstbezeugung .von ihr zu rühmen hatte. Hcrr v. Auvergnat unterschied sich äußerlich nicht sehr von seinen Gefahrten. Vielleicht war cr etwas gewandter und hübscher als die übrigen; vielleicht war sein Haar weniger dünn und glänzte sein Auge etwas feuriger als das seiner blasirtcn Freunde, jedenfalls war cr ein wenig geistreicher. Aber loic blasse Süffisance des Welt- und Gescllschaftslcbens hatte auch bei ihm Alles mit einer gleichmäßigen, langwciligcn Hülle überzogen, die Alles vcrdeckt.' was ein Mann vielleicht Eigenartiges und Gutes in seine? Seele trägt. Er hatte sich jel)t cin wenig aufgerüttelt aus der lässigen Ruhe, mit der cr noch kurz zuvor am Kamin gelehnt hatte, und seine Wangen hatten sich sogar geröthct, sei es von dem Widerschein des flackernden Kaminfcucrs oder von inncrer Erregung, als cr jekt mit vibrircnder Stimme von der heißen Leidenschaft sprach, die' Adriennc in seiner Seele erweckt hätte. Diese ließ ihn ruhig reden, und nur zuweilen wiegte sie ihr von schwarzem Haar umrahmtes Haupt etwas ungeduldig hin nnd her. Als Hr. v. Auverguat geendet hatte, richtete sich Adriennc rasch von ihrem Fautcuil auf. Ich habe Sie geduldig angehört, mein verehrter Herr von Auvergnat, und will Ihnen nun kurz meine Meinung sagen. Sie sagen mir da, daß Sie mich lieben. Das haben mir schon Viele Ihrer Freunde vor Ihnen gesagt. Sie lassen auch durchblicken, daß Sie mich eine? Liebschaft würdigen möchten, wie Sie in Ihrer Welt im Verkehr mit chausplelcrinnen sür fashionable gehalten wird. - Sie schütteln den Kopf? Wollen Sie mich Denn etwa heirathcn? Nein, und wenn Sie es auch wollten, so würde ich mich nie und nimmer dazu verstehen. Sie sehen Ihre Welt in Ihrem Namen und Ihrem Reichthum, ich in meiner Knnst und in der stillen Arbeit, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Sie würden mich langweilen mit Ihrer Liebe, selbst wenn ich an deren Aufrichtigkeit glauben wollte, denn Sie können mir nichts bieten, was mich fesselt und reizt. - Behalten wir ein Jeder, was uns schön dünkt und groß, und gehen wir neben einander her als gute Bekannte. Lieben könnte ich doch nur einen gleichwertigen Genössen, der wie ich durch eigene Arbeit groß geworden." Herr von Auvergnat hatte-den erregten Worten der Künstlerin mit staunender Bewunderung zugehört. Soll ich etwa auch Schauspieler werden, mein Fräulein", fragte er mit etwas spöttischem Lächeln. Gewiß nicht, denn Sie haben keine Spur von Talent dazn. Sie wissen ja, wer sich im Leben am besten verstel len kann, vermag es auf der Bühne gewöhnlich gckr nicht. Ader die Welt ist ja so weit und der Künstler gib! es so viele, und alles, alles steht dem Manne ofscn, der mit tüchtigem Können und redlichem Willen an die Arbeit geht. Doch was rede ich Ihnen von Arbeit? Sprechen wir von etwas Anderem!" - Sie sind heute übler Laune, inein Fränlein," erwiderte Herr von Auvcrgnat mit kalter Verbeugung, ich ziehe mich für heute zurück, um nicht wollig das Opfer, dkcscr . Laune zn werden. Aber Sie sollen bald wieder von mir .hören." Er ging und Adricnne blieb, allein zurück. Ihre Laune war in der That nicht die beste und vor Allem ärgerte sie sich, daß sie sich durch die abgeschmackte LicbeSerklärnng dieses Herrn von ?luvergnat so hatte in Erregung sehen lassen.' Sie lebte und webte nur in ihrer Kunst und in ihrcn großen Angcn glänzte der Wicderschein jener heiligen Klamme, die ihre Seele dnrchlodcrte in dem heilen Ningcn und Känipfen um alles Hohe und Schöne. . Tasj'cr nun auch nicht anders war, als die Anderen! Gerade mit ihm hatte sie. sonst in Stunden der Muße so behaglich und anregend zu plaudernd gewußt, und nun verfiel er in dieselben faden Schmeicheleien, mit denen sie von allen Uebrigen schon zur Genüge gelangweilt wurde. Etwa 14 Tage waren vergangen, da erhielt A.'rienne eines Morgens, als sie gerade mit dem Studium einec neuen Rolle beginnen wollte, einen Brief von Herrn von Auvergnat. Was wird er wollen, dachte sie, als sie hastig dlCnveloppe zerriß. Es waren nur wenige Zeilen, die sie mit ungläubig staunendem Lächeln durchflog. Herr von Auvergnat schrieb : Mein verehrtes Fräulein ! Ich habe mir Ihre Vorwürfe zu Herzen genommen, es ist mir klar geworden, daß ich mich nur durch Arbeit Ihrer würdig machen kann. Lachen Sie mich nicht aus, aber ich muß Ihnen gestehen, daß ich in der letzten Nacht ein fünfaktigcs Trauerspiel in Versen volleudet habe. Es heißt: Die Rache des Hamilkarund enthält natürlich eine Rolle für Sie. Gestatten Sie, daß ich Ihnen an einem der nächsten Abende mein Werk vorlese und erlauben Sie, daß ich mich borläusig in denTräumen vnEhre und Ruhm wiege, den ich durch Sie und für Sie allein erstrebe. Richard von Auvergimt." Fast rathlos - ließ Adriennc das Blatt sinken. Herr von. .Auvergnat ein Dichter und durch sie zum Dichter geworden ! Es erschien ihr fast'wie ein Wunder, sie MolUe es nicht glauben und doch erfüllte emeei-

genthümliche Befriedigung ihr Herz. Nasch griff ste zu Feder und Papier und schrieb: ' Mein lieber Freund! Ich erwarte Sie heute Abend nach dem Theater zum Thee und fteue mich auf die Vorlesung Ihrer Rache des Hamilkar". Adrienne." Der Abend kam, die Vorstellung war vorüber, in Adrienne's Salon brannte wieder das trauliche Kaminfeuer und sie selbst saß erwartungsvoll auf demopha hinter dem Thcctisch, als endlich ihr Gast gemeldet wurde. Rasch steckte sie noch eine Schleife an ihrem dunkelrothen Neglige zurecht, da öffnete sich die Thür und Hen von Auvergnat trat ein. Er trug ein ziemlich dickleibiges Manuskript in Folio-Forniat unter dem Arm, das er mit ernster Miene auf den Tisch legte, während er sich schweigend. verbeugte. Kommen Sie endlich,, mein Herr," rief ihm Adriennc fröhlich entgegen, nehmen Sie Plaß und be.' ginnen Sie, Herr Dichter, Ihr Publikum ist bereit." Herr von Auvergnat zog sich einen Sessel dicht an das Sopha, auf dem Adriennc in halbliegendcr Stellung ruhte, ergriff sein Manuskript und

schickte uch an, zu lesen. - .Aciaen Sie mir einen Augenblick das .Heft," sagte. Adriennc neugierig. Nein, nein, Sie würden mich noch schüchterner machen, als ich schon bin. Hören Sie also : Die Rache des Hamilkar," Tragödie in fünf Akten und sechs Tableau?." Cr ließ das Manuskript sinken und sah sie zärtlich an. Das sechste Tableau habe ich eigens für Sie hinzugefügt. Ist doch das ganze Stück nur für Sie und um Ihrerwillen geschrieben. Nur um Ihnen zu beweisen, wiehciß und wahr ich Sie liebe, habe ich mich aufgerafft aus jener Gleichgültigkeit, in der ich bis dahin gelebt hatte. Sie allein . . Bitte, fahren Sie in Ihrer Vorlesung fort," unterbrach ihn Adriennc, leise lächelnd. Rein, fahren wir nicht fort, Adrienne, denn Sie sollen wissen, wie sehr ich Sie liebe", und er ergriff ihre Hand, die nun widerstandlos in der seinen ruhte. Sehen Sie, Adrienne, ehe ich Sie kannte, war ich ein ebenso fader und langweilige? Gesell, wie meine Freunde. Ich lebte nur dem Vergnügen und das Getriebe des gesellschaftlichen Lebens gewährte mir volle Befriedigung. Da sah ich Sie und Ihre dunkel glühenden Augen drangen inir bis in's innerste Herz. Auf einmal wurde mir klar, daß es noch etwas Höheres gebe, als ein gutes Diner und daZ leichtsinnige Tändeln mit leichtsinnigen Frauen. Sie haben mich zum Mann gemacht; was ich bin und was ich einst noch werde, verdanke ich Ihnen und der heißen Liebe, mit der Sie mein Herz erfüllt haben." Eine kurze Pause entstand. Adricnne fühlte sich seltsam erregt, ein süßer Schauer erfaßte sie bei dem Gedanken, daß sie so mächtigen Einfluß auf die Seele cincsManncs ztt üben vermocht?. Und sie lauschte mit stummemEntzüen der bebc:Ken Stimme, die so heiß zu flehen wußte. ' Endlich mannte sie zog ihrcHand zurück und sagte nnt erzwungenem Lächeln: Lesen sie wd tcr, Hcrr von Auvergnat, wir kommen zu dem Vcrzeichniß der Personen." Richard griff wieder zu seincmManu skript und las mit lauter, gewichtiger Stimme: Hamilkar, karthagischer Heerführer; Romeo, ein Verliebter.". Romeo?" fragte Adricnne erstaunt. Ja, Romeo ! Der Name klingt freilich nicht sonderlich paffend für eine Tragödie, die im altcnKarthago spielt, aber ich mußte eine Figur in meinem Drama haben, der man es schon an ihrem Namen anHort, daß sie ihrganzcs Leben einer tollen und Wahnsinn:gen Leidenschaft gewidmet bah Ahnen Sie nicht, wen ich in dieser Figur gezeichnet habe? Mich, mich, Adricnne, mich, der wahnsinnig ist vor Liebe zu Ihnen!" Seine Stimme bebte, und er erfaßte auf's Neue dieHandAdricnne's, die sie ihm willcnlo? überließ. Er sank neben dem Sopha auf die Kniee und barg sein Hanpt in ihrem Schooße. Sie wehrte ihm nicht und es flimmerte in ihrem Auge, als sie sich sanft herabbeugte und ihm einen glücklichen Kuß auf das loöige Haar drückte. Da sprang er zubcln'o auf und umfaßte sie, und Beider Lippen fanden I sich in langem, heißem Kusse., Er hatte Ne crooerr, uno ne uoerueL uch rückhaltlos ihrerÄebe. die rasch und plößlich in ihrer seele aufgekeimt 'xoax, wie eine schwellende Knospe unter duftigem Lenzhauch. Lange saßen sie zusammen und plauderten zärtlich miteinander, bis er endlich ging und ihr das Auf Wiedersehn!" von den Lippen küßte. Sie hatte ihm bis zur Thüre das Geleit gegeben.' Als sie jei)t zurückkehrte, fiel ihr Blick auf das große, dickleibige Manuscript. das er zurückgelassen hatte, .uf der ersten Seite stand mit großen Buchstaben der Titel : Die Rache des Hamilkar" und das Vcrzeichniß der handelnden Personen geschrieben. Alle übrigen Blätter waren leer, von der Rache des Hamilkar existirte nichts als der Titel. Es ging ihr wie ein scharfer Stich durch' Herz, als alle die wcißen, unbeschriebenen Blätter in ihrer Hand knisterten, und m ihrem Auge zuckte es, als wollte eine Thräne darin aufsteigen. Aber plölich warf sie das ganze schwere Manuscript.auf den TepPlch, daß die weißen Blätter weit umhcrflatterten und sprang lachend auf. Daliegt nur ruhig, ihr stummen Zeugen, die ihr nie etwas erzählen werdet von den grausen Thaten der Rache des Hamilkar. Nicht von Nache, nur von Liebe, von unserer Liebe werdet ihr cinst-zu vwudcru haben." Max Schönau. Colin Martin, ein Bewohner des Ortes Marlboro, Mass.. wurde vom Polizeirichter zn $10 Strafe verurtheilt, weil er seinen Hund in einer kalten Nacht im Hofe geladen hatte. Seine Schwiegermutter uwr dle Ankläserin.

Eine gemüthliche Bahn-Verwal-tung. Daß oie Neustaot'Oldenburger Eiscnbahnzüge ' sich übereilen, kann Nie-' mand 'sagen und es darf ihnen auch nicht Übel genommen werden.. Wozu sollten sie sich auch abhasten ? Sie nehmenAlles mit, was sie kriegen können, und Gemüthlichkeit ist die Parole, wie nächstehendcr, der Schlesw. Holst. Ztg." ent nommener kleiner Vorfall bezeugt. Bei der Haltestation Hasselburg sieht der Führer des'Zuges einen Mann stehen, der harmlos seinenRcgcnschirz.: schwingt. ..Ja denkt - cr, da das Zeichen, daß Hasielburg einen Passagier für den Zu mitnehmen will, nämlich ein Fahnensignal, nicht gegeben ist, dat i wull vergctcn nor'n un nu winkt dcKcrlmit'n Schirm, wicl he gern mit will." Tcr Zug hält also. Wullt Du mit sühr'n fragt der Schaffner d?n Mann. .Ne' cntgcgnetc Tieser. Na, denn söhr man to ruft der Schaffner gemüthlich dem Lokomotivführer zu uud beschaulich seht der Zug seinen Weg fort.. Ein musikalisches Kuriosum wird der Naij. Vollsztg." aus dem mittleren Rhemgau berichtet. Lcbt da in unserem Gaue, unweit des einreichen Hattcnheim, unsern des Wilbelmi'schen Nie senfasscs, ein schlichter, bescheidener TonZctzcr, Jahr aus Jahr ein still vergnügt für stch fchaffend: Liedern, Chören, Märschen, Symphonien, auch Opern gab er das Leben.. Sein Pult birgt dicke Partituren; ihren Werth wird erst die Nachwelt schälen ! In dieses trauliche Schaffensheiw war nun auch der allerhöchste

(5rlan vonl 4. Januar Ibbl gedrungen. Derselbe wirkte auf den Künstler so überwältigcnd, dafc er sich flugZ daranmachte und in Begeisterung denselben in Musik sehte.' Es klingt vielleicht unglaublich, aber cs ist so : Der .Erlaß vom 4. Jannar" liegt für Mannerchor uud Orchestcr komponirt fertig vor. Ein lcicktcres Arrangement für Schulen beschäftiat eben unseren Meister. Des ßonv ponistcn Namen ? Doch wir wollen nicht vorgreifen, cr oyn wird con; nicht ausbleiben." In Bolivia werden zur Zeit zehntausend Gold und Silberminen nicht bearbeitet, weil es an Capital zur Beschassung von Maschinen und zur Beseitiauna des Wassers feült. ' Eine dieser Minen in der Nähe von Pelost ergab m ahre lö-TJ eine Uu5beute von H, 6Ö0.03G Silber und 3l4.0S4(35oIh. DaZ Land erzeugt jcht per Jahr durchschnittlich 15,000 Quintels ungefähr 100 Pfund Chinarinde, und diese Produktion kann ungeheuer gesteigert er ocn. a-iclv! gilt vom Quecksilber und peruanischem Nothholz, und die ?icdcrungcn in den Anden wcrdcn als das fruchtbarste Land geschildert, das aus der Erde cristirt. Gambetta hat jetzt die Leitung des früher von ihm rcdigirten Blattes wieder übernommen, um selbst nach seinem Sturze sagen zu können, cr stehe an der Spitze der Ncpublique Fran?aisc." Der falsche Tschcrnadieff. Von dem vor Kurzem in Wien wieder einmal zu ein paar Jahren EesangniZ; verurtheilten Tschcrnadiesf erzählt der Gaulois" einige amüsante Details. Tschcr nadZcff, d:r i Paris als Graf auftrat, trieb dort einen fabelhaften Luxus, und die größten Geschäfte drängten sich dazu, ihm einen unbedingten Credit zu gewähren. Dem gcrinzsten Kcllncr gab cr nie untcr20 Francs Trinkgeld, von seinen colonalcn Rechnungen dagegen bezahlte er auch nicht einen Sou. Jcdcn Mittag fuhr cr im !Lois de Boulogne ' mit zwei Pferden spazieren, .die etwa' 100,000 Francs werth waren. Er kutschirtc selbst, aber immer ohl:c Handschuhe, und seine ricstgcn rothen Hände waren n ganz Paris bekannt. "Man sah sen'.em adfchreckcnd häülicbcn Gesicht troh dcr in Uebrigen tadellosen Tournüredie SträflingSnaiur an, und doch lieg sich ganz Va:iz moulelana von Ihm dupiren. Eines Tages saüie crden Plan, einem abtretenden Minister ein glänzendes Fest zu veranstalten. ' Alle Pariser Journale rühtten schon einige Wochen vorher die Neclametrom mel, halb Paris war eingeladen, und Tfchernadicff hatte xincm armen Poeten sogar eine Cantale abocküllft, die den Ministe? feiern follle. Der Pollzeipräfect, der auch eingeladen war, hatte doch ein menig Verdacht geschöpft, und lief; eine kleine Haussuchung bciTschernadicss abhalten, durch welche allerlei gravirende Gegenstände zu Tage kamen, u. A. auch eine PhokographieTschcrnadiesf's.in einer falschen Gencls-Unisorm.' Bei dem Prozeh. der nun gegen ihn, eingeleitet wurde, ward .Tfchernadicss aber srcigesprachen und stand großer als je da. Plötzlich war de? Pseudograf rerschwunden, sämmtliche Lieferanten hatten das Nachsehen, bis cr endlich in Wien wieder auftauchte. Da stellte sich denn bekanntlich heraus, daß Gras Tschernadiefs eigentlich Krakowski hieß, früher Kutscher in Podolicn und wegen irgend eines schweren Verbrechens schon einmal zu lebenslänglicher Zwangsarbeit in Sibi rien verurlhcilt war. Von einem seltenen Akt der Bc stialitat erzählt das .Reichenberger Zageblatt" : Ein Einwohner von Rovensko, ein äußerst excentrischer Mensch, hatte schon wiederholt mit seiner etwas eigen sinnigen Frau Streit gehabt, weil sie ihm sein Lieblingsgericht, Hasenbraten, nicht genug spickte, und hatte ihr beiden: ieylen streit georoht, wenn iie.es das nächste Mal nicht besser mache, so werde er sie selber spicken. Als ihm nun vor einigen Tagen wieder ein seiner Ansicht nach ungenügend gespickter Hase vorge setzt wurde, wurde er so wüthend, dafc er aufsprang, seine Frau zu Boden warf, ihr den Mund mit einem Tucöevcr stopfte und dann, nachdem er ihr noch die Hände gebunden hatte, thatsächlich zu spicken b?gann. Nachdem er ihr das Oberkleid zerrissen, durchzog cr ihr die rechte Brust mit kleinen Streifen Speck. Dann schloß er das Zimmer ab und cntfernte sich, ohne sich weiter um die Frau zu kümmern. Die Nachbarn befreiten sie endlich, dock ist ibr Zustand frfh?. llich. Da man es nicht sür möglich hält. oan em Mensch im Äollbentz ines Verstandes eine solche Brutalität begeht, so ist der Thäter zunächst dem Arzte zur ' Prüfung seines GeifteZz'chandes über geben.