Indiana Tribüne, Volume 4, Number 2, Indianapolis, Marion County, 20 August 1881 — Page 6
ßine Schreckensnacht auf See. Von Förstner.
Haben Sie jemals Schiffbruch gelitten?" fragte ich einst einen alten Kauffahrtei - Kapitän meiner Bekanntschaft, welcher fast sein ganzes Leben auf der See zugebracht hatte. Nie," gab er zur Antwort. Ich bin ungemein glücklich gefahren. Es giebt viele Seeleute, welche von dem Augenblicke an, wo sie ihren Fuß auf ein Schiffsdeck setzen, mit allen nur möglichen Unglüafallen zu kämpfen haben : dann finden sich aber auch wieder Andere, und zu denen gehöre ich, welche stets glücklich gewesen sind und denen eine Seereise nickt so gefährlich scheint als eine Fahrt aus der Eisenbahn." Dann sind Sie ein beneidenswerther Mann gewesen," warf ich ein. Nicht mehr und nicht weniger, als ziele Andere," erwiderte der Kapitän. Senn ich auch nicht wirklich Schiffbruch glitten habe, so bin ich doch oft genug whe daran gewesen, und ich weiß m der hat nicht mehr ganz genau, wie oft ich bemahe auf den Strand gerathen bin. Mir scheint fast, daß ein Schiffbruch selbst nicht so schlimm ist, als stundenlang einen solchen vor Augen zu haben und erwarten zu müssen, daß die nächste Minute das Schiff und uns selbst zum Teufel sendet. Das knappste Entrinnen hatte ich auf meiner ersten Reise." Wie kam das ?" fragte ich. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, will ich Ihnen den Vorfall erzählen : Ich war auf meiner ersten Reise Kajütswächtcr an Bord der Brigg Maria Laura". Das Schiff lag in Sunderland und war nach Kronstadt bestimmt. Es war noch zeitig im Frühjahr und wir hofften, beim Anfang des Eises den sinmschen Meerbusen zu erreichen. Das Wetter war kalt und stürmisch, wie mitten im Winter. Die Brigg war ein gutes Seeschiff, sonst hätten wir die Heimath wohl nie wieder gesehen. Die Rheder waren nämlich schmutzig geizig und kümmerten sich verdämmt wenig um das Wohlergehen der Bemannung ihrer Schiffe, wenn diese nur wieder migguter Fracht nach Hause kamen. Ja, mir scheint, daß ihnen oft genug wenig an der Rückkehr von Schiff und Ladung gelegen war, wenn diese, wie es öfter vorgekommen sein soll, über ihren wahren Werth versichert waren. Kurz und gut, die Maria Laura" war in See gegangen, schwach bemannt, knapp mit Proviant versehen und dabei war das, was an Bord war, kaum für einen Hund t genug, schlechte Bemastung und alte legel, überhaupt nicht eine Ausrüstung, " die für eine Reise in der schlechtesten 'Zihreszeit nöthig gewesen wäre. Der Izpitän, obgleich noch jung, war ein tüchttger Seemann; er hatte seine Frau an Bord. Wir hatten, nachdem wir von Sunderland in See gegangen waren, fortwährend böiges Wetter, 'doch als wir uns der Nord-Ost-Küste von Schottland näherten, wurde der Wind zum Sturm. Er sprang gerade nach Osten um und jagte die Brigg gegen eine der gefährlichsten Küsten der Erde. Obgleich wir so viel Segel als möglich führten, um das Schiff vom Lande abzubringen, so trieben wir doch näher und näher. Gegen Abend des zweiten Tages erreichte der Sturm seine größte Strärke. Es war so dunkel, daß wir kaum auf eine Schiffslänge um uns sehen konnten. Zur Abwechselung hagelte es dann und wann und fror so stark, daß das Deck und die ganze Takelage mit Eis bedeckt war. Tagelang hatte Niemand an Bord ein trockenes Kleidungsstück auf dem Leibe. Die See brach fortwährend über das Schiff, und durchnäßte die &ute durch uud durch, so wie sie an Deck kamen, so daß es nutzlos gewesen wäre, trockene Kleider anzuziehen. Das Einzige, was die Mannschaft thun konnte, war, wenn sie unter Deck gmg, die nassen Sachen auszuwringen, dann wieder anzuziehen, sich in die Koje zu legen und die Kleider auf dem Körper trocknen zu lassen, so daß in Folge dieser Trockenmethode sowohl das Logis, als auch die Kajüte voller Dampf waren. Der Kapitän wußte durchaus nicht, wo wir waren, und während ich ihm die Karte auseinander hielt und er versuchte, ungesähr die Lage des Schiffes zu bestimmen, kam der erste Steuermann herunter und sagte: Wir müssen das Großmarssegel zftmachen oder die Stange und das Segel Immen von oben. Außerdem kann die Zrigg nicht so viel Leinwand tragen." Aber die gereeften Marssegel und die .eefte Flocke ist kja Alles, was wir füh.V erwiderte der Kapitän. Bei solchem Sturme müßte das Schiff eigentlich unter den nackten Masten trieben," war die Antwort des ersten Steuermannes. Das ist wohl wahr, aber unmöglich," entgegnete der Kapitän, wir trieben ja immer näher an's Land. So wie wir noch Segel fortnehmen, sitzen wir auf dem Strande." Sie wird so wie so bald festsitzen, wenn der Wind sich nicht dreht oder der Sturm nachläßt ! Alles ist so mit Eis bedeckt, daß das Schiff vollständig unlenksam ist. Die Leute können es auch nicht länger aushalten." Gut also," erwiederte der Kapitän, wir müssen die Segel beibehalten, welche augenblicklich gesetzt sind, bis sich der Sturm legt oder die Stangen brechen; die Leute könnnten ja ohnehin die steifgefrorenen Segel nicht fest machen." Wenn nicht bald eine Aenderung einkritt," sagte der Steuermann, so ist es lus mit uns." Der Kapitän schüttelte traurig den köpf und warf einen Blick in seine Hin-er-Kajütte, wo seine junge Frau schreck-
lich seekrank lag. Gottes Wille geschehe," sprach er. ... .
In demselben Augenvtlae erschien ver Zimmermann und meldete: Vier Fuß Wasser im Raum und die Pumpen sind , durch Eis verstopft." Kaum hatte er ausgesprochen, als der . zweite Steuermann in die Kajüte stürzte ' und rief : ich kann die Brandung deutlich hören, wir trieben gerade drarauf los. Ein Leuchtfeuer schimmert durch den Nebel und Schnee und ich glaube nicht, daß wir mehr als zwei Meilen vom Lande entfernt sind." j Unsere Lage konnte nicht schrecklicher; ein. , Welches Feuer mag es wohl sein ?" 'agte der Schisser. Wenn ich das nur vüßte, so hätten wir doch einen Anhaltsunkt über unsere Lage ; aber," fuhr er fort, indem er auf die offene Karte zeigte, ' es gibt ein halbes Dutzend Leuchtfeuer j zwischen Kap Dunansby und der Bucht von Dernoch. Ich habe nicht die geringste Ahnung, an welchem Punkte der Küste wir sind." . Brandung von vorn!" rief einer der Männer vom Bug. I Brandung am Leebug ! schrie em Anderer. Dann gab es ein Geräusch, wie einen Donnerschlag. Da geht die aroße Marsstange und das Segel mit r rief der erste Steuer-! rm rrt r r Y 1 ' mann, ,,'uenn me vlyeoer sicy um oie ( Takelage bekümmert hätten, und uns! neue Segel hätten unterschlagen lassen,; ehe wir in See gingen, so hätten wir noch j etwas Hoffnung haben können. Wenns das Schiff verloren geht, so sind die, Rheder selbst daran Schuld." Darum bekümmern die Nheder sich verflucht wenig. Schiff und Ladung sind gewiß zum vollen Werthe versichert, darauf möchte ich wetten," bemerkte der zweite Steuermann. Ich habe ihnen wohl zwanzig Mal gesagt, daß die große Marsstange gesprungen und nicht mehr tauglich sei, bei solchem Wetter, wie wir es erwarten mußten, aufgebracht zu werden," fügte der Zimmermann hinzu, aber ich konnte ebenso gut in den Wind sprechen." Der Himmel möge uns helfen ! Wir müssen unser Bestes thun, mehr können wir ja nicht," sagte der Kapitän und ging, gefolgt von den beiden Steuerleuten und dem Zimmermann, an Deck. Mir befahl er, unten in der Kajüte bei seiner kranken Frau zu bleiben, aber ich war zu begierig zu sehen, was für Hoffnung vorHanden sei, die Brigg zu retten und ging! nach einiger Zeit auch an Deck. j Lange bin ich zur See gefahren, aber niemals habe ich schlechteres Wetter er-I übt, und emen fürchterlicheren Anblm gehabt, als der war, aufi welchen mein Auge damals siel. Das Deck war in der That einen halben Zoll dick mit Eis bedeckt. Die Großmarsstange und das Segel waren fort und die anderen Segel konnten weder aufgehißt, noch niedergeführt werden. Das ganze Tauwerk, das stehende sowohl, als das laufende Gut, die Segel, kurz jedes Ding an Bord war! gefroren. Der Sturm brüllte wie Don- : r--ii!:. w -.. ... c I ner, ine gmg iviilvuyrriw uoer oie Schanzkleidung und erstarrte bald zu Eis. Jedermann konnte sich nur mit der größten Vorsicht bewegen, da man sonst be- ! fürchten mußte, über Bord gespült zu werden, und die Kälte, als wir in unsern ' steifgefrorenen Kleidern dastanden, war ganz entsetzlich. Zu jeder andern Zeit würde dieser Zustand unerträglich gewesen sein, aber jetzt fühlten wir denselben vor j Aufregung nicht. Durch den Nebel und Schnee schimmerte dann und wann, an- j scheinend dicht bei uns, ein Leuchtfeuer, in Lee,'und die Umrisse der Klippen erschienen so nahe, als ob man einen Stein von Bord aus auf dieselben werfen könnte. Em emziger Umstand schien zu unseren Gunsten auszuschlagen. Wir waren augenscheinlich im Begriff, in eine Bucht . , r c i. pjr? i. ymem zu lreioen, oenn ano cyimmerie durch den Nebel sowohl luvwärts als in Lee. I In der That war eine Reihe von Klippen luvwärts von uns ziemlich deutlich sichtbar und obgleich dieselben einerseits unser gefährliche Lage verschlimmerten, so war doch andererseits die See nicht mehr so wild, als zuvor." Wir treiben in die Dernoch-Bucht hinein," hörte ich den Kapitän zum Steuer- j mann sagen, und mit leiser stimme fugte derselbe etwas hinzu, was ich nicht verstehen konnte. Es ist unmöglich," erwiderte dieser, Niemand wird sein Leben bei einem solchen Versuche in die Schanze schlagen wollen." i Es ist die einzige Möglichkeit, das Schiff zu retten, und wenn zwei Mann freiwillig mit mir gehen möchten so will ich selbst den Versuch machen," entgegnete der Kapitän. Ich sah bald, was derselbe beabsichtigte, ' und es war in der That ein verzweifeltes Hilfsmittel, welches er anwenden wollte. Es war sicher, daß, wenn wir nicht die Spitze, auf welcher der Leuchtthurm stand, ! abwettern konnten, wir innerhalb einer halben Stunde auf den Strand gehen mußten, denn wir trieben schnell gerade darauf los. Ich habe der Reihe von Klippen luvwärts erwähnt und der Plan des Kapitän war nun, ein Boot auszü-, setzen, einen Wurfanker an einer dünnen Trosse auszufahren, den Anker auf den Felsen auszuwerfen und dann so lange an der Trosse holen zu lassen, bis wir die Verderben drohende Spitze abgewettert hätten. Hätte die See so hoch gestanden, ' als außerhalb der Bucht, so wäre dieser Plan unausführbar gewesen. Auch so war die Sache für die, welche wagen woll-t ten, in das Boot m gehen, äußerst gefährlich. Die Matrosen waren vor Kälte und Furcht beinahe starr, Niemand antwortete auf den Ausruf des Kapitäns.
Endlich sagte der Zimmermann : Was kommt es darauf an, zehn Minuten früher oder später zu sterben, ich gehe mit als der Erste !" Und ich als der Zweite," rief der erste Steuermann. Nein, Hermann," saate der Kapitän,
wenn ich die Brigg verlasse, müssen Sie an Bord bleiben-" Ich gehe," schrie der zweite Steuermann. Niemand soll sagen daß Karl Krähn sich gefürchtet hätte, sein Leben einzusetzen, wenn es galt, Schiff und Leben seiner Kameraden zu retten." Bravo, mein wackerer Junge," sagte der Kapitän. Wir können so vielleicht nur einige Minuten früher sterben, als wenn wir das Wagstück nicht unternehmen, und es ist möglich, das Schiff und das Leben der Übrigen zu retten. Wo ist der Junge, Fritz?" fügte er hinzu. Hier bin ich," antwortete ich. Ich hatte Dir ja befohlen, unten zu bleiben. Du bist hier an Deck nichts nütz'. Sofort gehst Du wieder in die Kajüte zu meiner armen, kranken Frau und höre, Fritz, kein Wort davon zu ihr, daß ich von, Bord gegangen bin. Sollte sie nach mir fragen, so sagst Du ihr, ich käme gleich nach unten : Wenn mir mein Versuch gelingt, so bin ich bald wieder bei ihr, wenn nicht, so muß sie mit Euch Uebrigen sterben, das arme Weib ! Ich ging in die Kajüte, da aber die kranke Frau fest schlief, begab ich mich wieder an Deck, zu furchtsam um bei der gefährlichen Lage des Schiffes unten zu bleiben. Das Boot war mit großer Schwierigkeit m's Wasser gelassen, der Kapitän, der zweite Steuermann und der Zimmermann waren in demselben. Die Matrosen, welche sich inzwischen etwas von ihrer Starrheit erholt hatten und hofften, der Plan des Kapitän werde glücken, schafften einen Wurfanker und eine dünnere Trosse in das Boot. In zehn Minuten verließ dasselbe die Schisssseite und ruderte gegen die Klippen. Athemlos bewachten wir an Bord seinen Fortschritt, zehnmal schien es, als ob das Boot kentern und sinken würde, aber glücklich erreichte es die Felsen. Der Anker wurde gut auf den Klippen befestigt, das Tau steifgeholt und wie durch ein Wunder erreichten der Kapitän und seine beiden Genossen wieder die Brigg, denn gerade als der zweite Steuermann als Letzter das Boot verlassen hatte, füllte sich dasselbe mit Wasser und sank. Es war ein gefährliches Werk, denn jeden Augenblick konnte der Anker loslassen oder die Trosse brechen, außerdem war das Deck so glatt, daß die Leute kaum stehen konnten, und ihre erstarrten Hände vermochten kaum das Tau festzuhalten. Der Schnee blendete die Augen, der Sturm heulte, die See brüllte und die Segel, welche nicht festgemacht werden konnten, schlugen mit Donnergetöse umher. Nichtsdestoweniger gelang es, die Brigg luvwärts zu holen und die Verderbliche Spitze abzuwettern. Wir hatten nun etwas mehr Seeraum, denn die Landzunge hatte weit in. die Bucht bineingeragt. Die See war etwas nieorigerund die Felsen schützten uns, wenn auch in geringem Maße, vor dem Sturme. Doch war die Brigg noch immer in schlimmer Lage. Es war durchaus nöthig das Vormarssegel wegzunehmen, um den Fockmast vor dem Ueberbordgehen zu retten, doch war es äußerst gefährlich, nach oben zu gehen. Endlich überredete der zweite Steuermann, welcher sich überaus brav bewies, zwei Mann, unter Lebensgefahr mit ihm in den Mars zu gehen und das Segel von der Raae loszuschneiden. Die Brigg war nun sehr erleichtert, doch immer noch war es fraglich, ob es uns gelingen würde, von dem leewärts sich hinziehenden Lande frei zu kommen. Der Kapitän zeigte sich als ein wahrer Mann in dieser schrecklichen Nacht. Nicht eine Minute verließ er das Deck, als höchstens, um einen Blick auf die Karte zu werfen und dabei seiner Frau ein Wort des Trostes zuzurufen, welche keine Ahnung von der Nothlage des Schiffes oder der großen Gefahr hatte, welcher ihr Gatte ausgesetzt gewesen war. Der Kapitän ließ einige Flaschen Rum an Deck bringen und gab jedem Manne eigenhändig sein gutes Theil, was neues Feuer in ihre Adern zu gießen schien. Er selbst trank in dieser Nacht keinen Tropfen, obgleich er sonst sein Glas nicht verschmähte. Endlich, als der Tag eben im Osten dümmerte, ließ der Sturm etwas nach. Mit großer Mühe gelang es uns, hinten ern Segel zu setzen und über Stag'zu gehen. Wir steuerten dann auf das Land los, welches wir vor uns sahen, und gegen acht Uhr Morgens kam ein Lootse an Bord, welcher die Brigg sicher in der DernochBucht vor Anker brachte, wo wir mehrere Wochen lagen, um unsere Schäden auszubessern. Einige Don den Leuten, welche in Folge der Kälte krank geworden waren, wurden an Land gebracht und frische Mannschaft gemustert. Die Havarie kostete der Rhederei ein schönes Stück Geld, welches sie hätten ersparen können, wenn sie das Schiff von vornherein gut ausgerüstet in See geschickt hätten. Ich weiß nicht, ob es den Rhedern nicht lieb gewesen wäre, wenn die Brigg gestrandet wäre, denn ich hörte späterhin, daß Schiff und Ladung weit über den Werth hinaus versichert gewesen seien. Der Kapitän erhielt für feinen Heldcnmuth und seine Geschicklichkeit in jener furchtbaren Nacht nicht nur keinen Dank, als wir in seine Heimath zurückkehrten, fondern ich glaube, die Nheder hätten den wackeren Mann am liebsten aus ihren Diensten entlassen, wenn sie nicht befürchtet hätten, daß er von früheren Reisen her Kenntniß von einigen ihrer Betrügereien gehabt und diese an's for geslicht hätte bringen können.
Vnter dem Rassschwerte. Am Morgen des 28. November 1665 durchlief eine Schreckensbotschaft die Stadt Leipzig, die Nachricht von einem jener Verbrechen, die in weiten Kreisen
, Beängstigung verbreiten durch das Ge- . Gefühl der Unsicherheit und Schutzlosig- ! keit : Am Spätabend des 27. November, ;so vernahm man, war der Kaufmann Manen, Inhaber emes kleinen, un Mittelpunkte der Stadt an einer belebten Straße gelegenen offenen Verkaufsgeschäftes, das Opfer eines Raubmordes geworden. Wie der hlngenschein und angestellte Ermittelungen ergaben, hatte Markert nach Schluß der Geschäftsstunden sein Personal entlassen und war in dem gesperrten engen Laden allein zurückgeblieben, um Kasse und Bücher zu prüfen, Eine mit seinen Gewohnheiten und Einrichtungen vertraute Person mutzte ihn dann um Wiedereröffnung des Zu ganges angegangen, Cigarren oder Spirituojen von ihm verlangt und während Markert dem vermeintlichen Kunden den Rücken zukehrte, um das Verlangte aus dem Regale zu nehmen, die tödtlichen Streiche mit emem stumpfen schweren Mordzeuge geführt haben. Die Laden kasse war geplündert. Die Nachforschungen der Criminal-Po-lizei nach dem Thäter führten, nachdem rasch die Unschuld einiger zunächst in's Auge gefaßter Personen, sich herausgestellt hatte, zu Verdachtsgründen gegen den Schneidergesellen Künschner. Gegen diesen häufte die gerichtliche Untersuchung nach und nach eine so große Menge belastender Thatsachen zusammen, daß im Mai 1866 bei dem Bezirksgerichte Leip zig, nach der damaligen'sächsischen Gesetz gebung ohne Mitwirkung von Geschwore nen, die Verurtheilung zur Todesstrafe erfolgte, unschner hielt unerschütterlich fest an der Betheuerung seiner Unschuld. Richtig war, daß kein einzelner der gegen ihn geführten Beweise, für nch be trachtet, auch nur einigermaßen als durch schlagend angesehen werden konnte ; aber Nicht mmder wahr, daß die Gesammtheit durch uicenge, Zusammenhang, Jneman dergreifen einen geradezu erdrückenden Eindruck machte;. die Schuldigerklärung r 1 1 r r. . r i " v i yaue oyne Zweifel oen cyuivigen gnrof fen. Der weitere Verlauf erlitt eine Verzögerung theils durch die kriegerischen und politischen Ereignisse des Jahres 1866, theils dadurch, daß noch ein Urtheil des obersten sächsischen Gerichtshofes eingeholt werden mußte. So kam König Johann erst im November 1866 in die Lage, seinerseits Entschließung zu fassen, ob das vom Bezirksgerichte gefällte und inzwisehen vom Ober-Appellations-Gerichte bestätigte Todesurtheil zu vollziehen sei. König Johann war bekanntlich nicht nur ein gelehrter Herr, in den Kreisen seiner Standesgenossen wurde er scherzhaft der Professor genannt, sondern auch ein geschulter Jurist, so daß ein sächsischer Bezirgsgerichts - Direktor eines Tages einen Toast auf ihn hatt ausbringen können als den Juristen unter den Königen und den König unter den Juristen. Die Frage, ob eine ausgesprochene Todesstrafe zu vollziehen oder im Gnadenwege zu verwandeln sei, pflegte der König in jedem Einzelfalle mit peinlicher Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit zu prüfen. Nicht genug an den Anträgen des Justizministers und den speziellen Referaten des mit der Sache beschäftigten Ministerialrathes, der König nahm auch selbst die Akten zur Hand, sogar Besprechungen mit dem Vertheidiger des Delinquenten waren nicht ausgeschlossen. In dem Falle Künschner's fand der König keinen Anlaß, Begnadigung eintreten zu lassen. Doch ordnete er an, daß vor der Hinrichtung noch einmal Bericht an ihn erstattet werden sollte über das Verhalten des Verbrechers. Dementsprechend traf nun dasBezirksgericht Leipzig die erforderlichen Vorbereitunaen, Hinrichtüngs - Apparat und Scharftichter wurden requirirt, dem Künschner selbst wurde, wie üblich, angekündigt, daß er nach drei Tagen die Todesstrase erleiden werde. Als Hinrich' tungs - Instrument war in Sachsen seit 1852 das Fallschwert eingeführt, eine Guillotine, in der das Beil nicht wagrecht, sondern schräg fallend den Hals durchschneidet; der Mechanismus soll sicherstellen gegen Hemmnisse und Mißerfolge, wie sie in der Arbeit des Ursprunglichen Fallbeils zwar sehr selten, aber nicht unerhört sind. . In Sachsen bestand schon damals für die Todesstrafe die Vorschrift der sogenannten Jntramuran-Voll-ziehung, d. h. Vollzug in einem nach Außen abgeschlossenen Raume und vor einer beschränkten Anzahl besonders zugelassener Zuschauer. In diesem Falle bestimmte man zur Ausführung einen ziemlich engen, von Gerichtsgebäuden und Gefängniß eingeschlossenen Hof, der nur durch einen langen schmalen Gang mit Straße und Außenwelt in Verbindung stand. Am angesetzten Tage, 18.Dezember 1866, hatten sich früh, kurz vor acht Uhr in jenem Hofe, die bei der Hinrichtung amtlich thätigen Autoritäten, an ihrer Spitze der Bezirksgerichts - Director, eingefunden; außer ihnen eine Anzahl bevorzugter Zuschauer ; der Zugang bis gegen den Ausgang hin war dicht gefüllt mit Personen, die gegen Eintrittskarten oder sonstwie Eingang gefunden hatten. Auch auf der Straße vor dem Gerichtsgebäude hatte sich em beträchtlicher Haufe Volks zusammengeschaart. Schlag 8 Uhr begann das Läuten der Glocke, welches die Vollstreckung des Todesurtheil ankündigte und welches mit dem Austritt des armen Sünders aus seiner Zelle anzuheben hatte, mit dem Vollzug der Enthauptung enden sollte. Alsbald erschienen am Fuße des Schaffots der Missethäter,
geführt von Gerichtsdienern, begleitet von dem Geistlichen, .der ihn zum Tode vorbereitet hatte. Es erfolgte nun an die Versammluna eine kure Ansprache des vorsitzenden Richters, m welcher der Name des Verbrechers, das begangene Verbrechen und das zu vollziehende Todesurtheil bekannt gegeben wurden. Darauf erfolgte die Ueberweisung an den mit seinen Gehülfen bereitstehenden Scharfrichter. Künschner, der bis zum letzten Augenblicke die Versicherung seiner Schuldlosigkeit wiederholt hatte, bewegte sich, wankend und geschoben, die wenigen Stufen des Blutgerüstes hinauf, wurde, auf der Platform angelangt, von den Henkern rasch am Halse entkleidet und an das senkrecht aufgerichtete, der Körperlänge eines erwachsenen Mannes entsprechende Brett festgeschnallt, welches dazu bestimmt ist, den Körper des Hinzurichtenden in die richtige Lage zu versetzen und in ihr festzuhalten. Ein Federdruck brachte das Brett mit dem darauf befestigten menschlichen Körper in horizontale Lage, in der es sofort in das Gestell des Hin-richtungs-Apparates eingeschoben wurde. Der Hals befand sich nun senkrecht irnta der Schneide des in der Höhe hängenden Fallschwertes zwischen den beiden in die Träger eingeschnittenen Falzen, in denen im nächsten Momente das zur Vermehrung seiner Schwere und Verstärkung des Streiches mit Quecksilber gefüllte Jnstrument niedergleiten sollte. Der Scharfrichter brauchte nur noch die neben seiner Hand herabhängende Schnur zu lösen, welche das Fallschwert in der Höhe festhielt, und der Kopf des Enthaupteten rollte in den Sand. In diesem Augenblicke erhob sich auf der Straße an dem äußersten Eingange des Gefängnißhofes ein wirres Geräusch von Stimmen, das sich alsbald in den nach dem Hofe führenden Verbindungsgang fortpflanzte. Das Wort Gnade" wurde, unbestimmbar in welchem Zusammenhange, vielfach hörbar. Der Scharfrichter zauderte mit dem verhängnißvollen Zuge ; der Bezirksgerichts - Direktor forderte ihn auf, zu thun, was seines Amtes sei. Der Scharfrichter zögerte noch immer, und nun wurden bereits die Tele-
graphenbote und die grellroth leuchtende Hülle eines Telegramms ichtbar. Der Mann arbeitete ich Mit größter Hast in der Richtung nach dem Schaffet zu durch die gedrängte -ivcenge vorwärts. Die Depesche, von Hand zu Hand gereicht, kam einen Moment früher an, als ihr Träger. Sie war an den BezirksgerichtsDirektor Lucius in Leipzig gerichtet, in Berlin in der Frühe desselben Tages aufgegeben und lautete wörtlich : ,,Jch ersuche Sie, die Exekution aufzuschieben. Näheres von Dresden aus." Unterschrist: Johann" ohne jeden weiteren Zusatz. Die Depesche rührte, wie sich später ergab, von König Johann her, der sich noch nachträglich entschlossen hatte, Gnade walten zu lassen. Allein mit juristischen Augen angeschaut, war in diesem kritischen Augenblicke die Situation der die Hinrichtung leitenden Gerichts - Commission durchaus nicht ohne Schwierigkeiten. Daß in dem Schriftstücke Künschner's Name nicht genannt war, mochte wohl noch hingehen ; aber es war klar, ein Telegramm genau desselben Inhalts hätte jeder beliebige Mensch in Berlin aufgeben können, sei es um die sächsische Justiz zum Besten zu haben, sei es um einen Aufschub zu erlangen, der, unter diesen Umständen einmal ertheilt, unausbleiblich zur Begnadigung hätte führen müssen. Kein Telegraphist der Welt hätte die Beförderung eines Telegrammes mit einem für den Uneingeweihten so unverfänglich klingenden Inhalt verweigern oder die Unterschrift des einfachen Namens Johann beanstanden dürfen, gleichviel wer die Depesche aufgegeben hätte. Jeder Hinweis auf die Königswürde des Ausstellers, j?de Beglaubigung für den königlichen Auftrag des Absenders fehlte. Bekannt war nur, daß König Johann seit dem 16. December in Berlin verweilte.. Und der Gerichts-Direktor mußte sich überdies erinnern, daß er am 17. December veranlaßt gewesen war, an das Justizministerium in Dresden zu berichten, Künschner beharre auch gegenüber der in nächste Aussicht gestellten Execution bei seinem Leugnen. Selbst aber wenn im Augenblick ebenso ge!?iß gewesen wäre, daß die Depesche vom König ausgegangen war, wie dies thatsächlich ungewiß blieb, nach sächsischem Staatsrecht durfte ihm streng genommen keinesfalls Folge geleistet werden. Denn die Verfassung schreibt vor, daß alle Verfügungen in Regierungs - Angelegenheiten, welche der König unterzeichnet, von dem Vorstand eines Ministeral-Departements, Welcher bei der Beschlußfassung wirksam geweseu ist, in der Reinschrift contrasignirt werden müssen, zum Zeichen seiner Verantwortlichkeit - für die Zweckmäßigkeit und Uebereinstimmung derselben mit den Gesetzen und der Verfassung des Landes. Daß ein Regierungsact vorlag, wenn anders das Telegramm vom König herrührte, war außer Zweifel. Auf Contrasignaturen aber ist überhaupt der telegraphische Verkehr nicht eingerichtet. Jedenfalls fehlte die Gegenzeichnung des Ministers in diesem Falle. Für alle Fälle solcher Art aber hat die sächsische Verfassung eine ebenso allgemeine wie kategorische Bestimmung. Eine, wenngleich vom König unterzeichnete, jedoch mit der erforderlichen Contrasignatur nicht bezeichneten Verfügung soll als erschlichen betrachtet werden und daher unverbindlich sein. Der Bezirksgerichts - Direktor freilich vergaß in diesem Momente der höchsten Erregung und Ueverraschung, ganz und aar den Juristen mit seinen Echtheitsund Gegenzeichnungs-Bedenken ; er war
nur de.: rein menschlichen und natürlichen Eindrücken offen, wie sie aus der arglosen und einfachsten Auffassung der Sachlage sich von selbst ergaben. Die anderen Richter und der Staatsanwald stimmten bei. So erfolgte denn äugenblicklich die Weisung, den armen Sünder aus seiner entsetzlichen Lage zu befreien und ihn in die Zelle zurückzuführen. Einige Tage später traf aus Dresden die in gewöhnlicher Form ausgefertigte königliche Entschließung ein, welche den Mörder zu lebenslänglicher Zuchthaus-, strafe begnadigte. Jene grauenhaften Minuten unter dem Fallschwcrte hatten übrigens, wie die Folge lehtte, aufKünschner keinen nachhaltigen Eindruck gemacht. Einige Jahre später hat er im Zuchthause einen Mordanfall auf einenWärter unternommen. Als ursprünglich der König sich gegen die Begnadigung entschied, aber nochmalige Berichterstattung vor der Hinrichtung verlangte, hatte er sich die Möglichkeit offen halten wollen, im letzten Augenblicke seine Entschließung zu andern, namentlich doch noch zu begnadigen, wenn der verstockte Verbrecher nachträglich sich herbeilassen sollte zu einem reumüthigen Geständnisse. Das Leipziger Gericht zögerte mit seinem Berichte so lange als möglich, um vielleicht doch noch den Eintritt einer Sinnesänderung zur Anzeige bringen zu können. Mit jenem Gedankenaange des Königs, wie ich ihn aus dem Munde des Ministers erfuhr, stand allerdings nicht ganz im Einklänge die ofsiziöse Mittheilung, welche nachderhand das amtliche Dresdener Journal über den Hergang brachte. Dem Justizminister sei ein Moment von voraussichtlichem Einfluß auf die Entschließung des Königs erst in der Nacht vom 17. zum 18. Dezember aus einer telegraphischen Depesche bekannt geworden. Das daraufhin vom Minister ' an den König abgesendete Telegramm sei am 17. Dezember, Nachts m Uhr, in Berlin angekommen, aber durch ein Versehen erst am 19. Dezember Früh gegen 7 Uhr in die Hände des Königs gelangt. Unbegreiflicherweise sei das in Berlin, 7 Uhr 16 Minuten, abgefertigte königliche Telegramm erst gegen 8 Uhr in Leipzig eingetroffen. Allem Anscheine nach war ein Umschwung eingetreten in der Stimmung des Königs. Die Scheu vor der Hinrichtung eines Mannes mit der Betheuerung der Unschuld auf den Lippen mag die Oberhand gewonnen haben. Dem Leipziger Telegraphenboten, der durch die angestrengteste Eile noch im letzten Auaenblicke der Vereitelung des königlichen Auftrages zuvorgekommen cuar, wurde eine Belohnung ausgesetzt. Die Thatsache, daß in diesem Falle so ganz offenbar der blinde Zufall der Rich ter'gespielt hatte über ein Menschenleben, hat augenscheinlich auf König Johann tiefen Eindruck gemacht. Welchen Gefahren und Schwankungen selbst der wohlmeinendste Herrscher ausgesetzt ist, wenn er bei Ausübung des Gedankenrechtes die lete Entscheidung über Leben und Tod in die Hand nimmt, hatte der König wohl schon früher erfahren, aber mit so packender Gewalt war es noch nie an ihn herangetreten. So erklärt sich, daß er von da ab überhaupt entschieden Stellung gegen die Todesstrafe nahm. Er hat seitdem kein Todesurtheil mehr vollstrecken lassen. Im Jahre 1868 erfolgte in Sachsen sogar die gesetzliche Aushebung der Todesstrafe. Auch nach der Wiedereinführung, welche wenige Jahre später durch das deutsche Strafgesetzbuch bewert stelligt wurde, ist kein Todesurtheil eines sächsischen Gerichtes zum Vollzuge gekommen, weder unter König Johann, noch unter seinem Nachfolger König Albert. .
Von einem Ovfer der Suckt
Eonsul zu sein, schreibt die Omaha Post": Von allen Aemtern, welche Uncle Sam zu vergeben hat, ist keine Art so sehr begehrt, als die Consulate, obgleich die meisten wirkliche Hungerleidcposten sind. Daß trotzdem Jahr ein Jahr aus Hunderte und aber Hunderte von Bewer- 4 bungen um Consultatsposten im Staatsdepartement liegen, beruht Wohl auf dem eigenthümlichen Reiz, den das Gefühl auf den Durchschnittsmenschen ausübt, als ofsiziellcr Vertreter des großen nordT jXt a (UitaVüCsi 1.3 1 0f3
umtiuumu;ui outtvevjiauies im Auslande auftreten zu können. Und welche Vortheile erwachsen dem Cvnsul? Mei-
stens gar keine, sondern nur Nachtheile ; er entfremdet sich seiner Heimalh, bringt große, finanzielle Opfer oder der Tod ereilt ihn gar, wie es dieser Tage unserem Nebraskaer Mitbürger, Hrn. E. H. Rogers, erging. Vor einigen Monaten ' wurde er nämlich um Eonsul in Vera Eruz ernannt. Seme Ernennung erregte Aufsehen, weil Jedermann sich wunderte, daß ein Mann in solch guten Verhältnissen den wenig bedeutenden Posten 'in der . mexikanischenHafcnstadt annehmen werde. Schreiber dieser Zeilen sprach sich in diesem Sinne später dem Bundessenator Saunders gegenüber, aus. Dieser sagte die Gesundheit von Nogers verlange, daß er nach einem sonnigen Klima übersiedle. Der Herr Senator war nicht wenig erstaunt, als ihm von dem berüchtigten mörderischen Klima von Vera Eruz erzählt wurde. Doch, zur Sache. Am 21. Juli traf der Eonsul mit seiner Gattin am Orte seiner Bestimmung ein und am 1. August, also zehn Tage später war er eine Leiche. Er soll dem Gelben Fieber zum Opfer gefallen sein. Tieedauemswerthe Gattin hat .bereits die Heimreise angetreten. E. H. 3!ogcrs kam vor genau 25 Jahren aus Wisconsin nach ' Nebraska und siedelte sich in Dodge County an. Er ist einer der Gründer der Stadt Fremont, wo er seither ununterbrochen gewohnt hat. Zuletzt war er einer der Sauvteiaenthümer der dortigen
Nationalbank.
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