Indiana Tribüne, Volume 4, Number 2, Indianapolis, Marion County, 20 August 1881 — Page 2

( Original- Correspondenz. ) New Yorker Dricsc. DaZ große Gotham am Hudson nebst Umgegend glich in vergangener Woche einem Riesenbackofen, in welchem eine Million Menschen, vom Säugling hinauf bis zum Greis am Stäbe, schmorte, keuchte und nach Athem schnappte. Fünf . Tage lang in der ersten Augustwoche lagerte über Stadt und Gegend, Land und Meer jener nnheimliche, quälende, glühend heiße Dunst, der wie ein Bleigewicht auf der langsam dahinschleichen- ' deu Menschheit lastete. Die ausgedorrten Straßen dampften förmlich die Hitze aus, der Fußgänger schreitet dicht an den Häusern entlang, um nur einen, wenn auch noch so geringen Schatten zu gen?eßen und schiebt sich pustend und schwitzend weiter. Solcher Art war die Hitze wührend fünf langer Tage und ebenso vieler Nächte, letztere noch unerträglicher als erstere. Der Mond hing im flimmernden Dunstkreise wie ein Teller von TalmiGold am Firmament und deutete in seiner röthlich strahlenden Gluth darauf hin, daß am nächsten Tage der Menschheit wieder tüchtig von der Frau Sonne eingeheizt werden würde. In den großen Stadtvierteln, wo in riesigen FamilienKasernen Hunderte von Leuten zusammengepfercht leben, muß die ausdörrende Gluth den höchsten Grad der Unerträglichkeit erreicht haben. Auf den Thürschwellen, auf den Seitenwegen, auf den Dächern, waren fliegende Lager aufgeschlagen, um nur wenigstens im Freien .zu sein und um nicht in den dunstigen, luftlosen Spelunken, Kammern und Alkovcn schwitzend und leidend zuzubringen. Die Losung mußte sein, Ergebung m's Unvermeidliche und der Trost vermochte eine gequälte Menschenseele zu erheben, daß auch das Fegefeuer der Augustwoche vorübergehen werde. Mit jedem neuen Tage schlich die Temperatur zwar wie ein hinterlistiger Feind dem Siedepunkt näher und nur ein gewisser Galgenhumor vermochte den mit philosophischer Ruhe Schwitzenden überWasser diesmal wörtlich zu nehmen zu erhalten. Wer sich ärgerte über die Jnsamie des Wetterclerks ärgerte, that am Besten, seinen Groll in einigen Schoonern" zu ertränken, um dann sofort mit ungeschwächten Kräften das Geschäft vermehrter Schweißabsonderung fortzusetzen. Allgemeine Abgespanntheit, faule Geschäftszeit, weil sich fast Niemand rühren unochte, der nicht mußte; Sonnenstiche, größere Sterblichkeit unter den Kindern, das war das Stimmungsbild New Fork's lvährend der Woche. Was den nicht zu löschenden Durst der lechzenden Menschheit betrifft, so wäre, wenn der sogenannte Brauerausstand noch im Gange gewesen wäre, der Fall eingetreten, daß sich die Meinungen über Union- oder ScabBier" sehr verwischt hätten. Der lechzende Genosse hätte ohne Gewijsensscrouvel den Schooner" an die Lippen geführt, ohne zu fragen, ob er Nichtsein Prinzip verletze. Ueberhaupt ist die vor Monatsfrist so geschickt in Scene gesetzte Farce mit verdientem Fiasko durchgefallen. Der Feldruf: Hie Union- bie Scab-Bier!" ist längst verschollen.

Apropos Bier, habe ich m melden, dafc' die Geschäftsführer der Gesellschaft zur, Ermunterung der Mäßigkeit an alle' Brauer New Iorks und Umgegend eine Reihe von Fragen, 12 an der Zahl, gerichtet haben, um sich zu überzeugen, ob das Bier als Getränke nichts Gesundheit-' schädliches enthalte. Unter den zwölf Fragen sind nun auch einige für das Brauergewerbe recht .kitzliche, namentlich die, ob die Brauer geneigt und Willens seien, ihre Fabrikate einer chemischen Prüfung zu unterwerfen, ob sie Surrogate für Hopfen benutzen, ob sie die Biere mischen, in welchem Stadium der Jugend sie das Bier in den Handel bringen und vergleichen Gewissensfragen mehr. . Man darf wohl begierig sein, wie sich die' neuerdings wieder fester gefügte Phalanx der Bierbraucreibesitzer den Fragen gegenüber stellen, überhaupt der ebenerwähnten Gesellschaft das Recht zugestehen tvird, den Geschäftsbetrieb vor ein Forum zu ziehen, das ein anderer Concern bilden sollte. j Die bereits in einem meiner früheren Briefe erwähnte, dunkle Geschichte von dem Verschwinden von Rechnungsbelegen im Brooklyner Schulrath hat nunmehr ein häßliches Nachspiel erhalten. Der frühere Clerk des Rathes, ein gar fronimer Herr im Sinne der Brooklyner Kirchen;ünftler, ein freundlicher, wohlwollender Mann mit einem permanenten,, süßlichen Lächeln auf seinem Antlitz ist we-' .gen angeblicher Unterschlagung von zehntausend Dollars zur Verantwortung gezogen worden. Auf singirte Wechsel soll er die Summe leicht und nnbeanstandet erhoben und zu seinen Privatzwecken verwendet haben. Mit der Seelenruhe eines Verkannten und mit der Unschuldsmiene eines Biedermannes betheuerte der fromme Kirchenbruder seine Unschuld und wäscht mit süßem, verhimmelndem Lächeln seine Hände in reinem Wasser, sich dabei das Ansehen gebend, als wolle er sagen: Wie könnt Ihr mir dergleichen Unheiliges zutrauend" Es wäre aber nicht das erste Mal in Brooklyn, daß einem Wolf der Schafspelz heruntergezogen wird. Vor einigen Tagen ist ein BühnenVeteran von der Weltbühne abgerufen worden, der auf seinen seit 30 Jahren unternommenen Kreuz- und Querzüge durch ganz Amerika auch in Cincinnati keine unbekannte Persönlichkeit gewesen ist. Welcher Theaterbesucher älteren Datums sollte sich nicht des alten Friedrich Schwan erinnern, der unermüdlich, unerschrocken und darbend Künstlers Er-

denwallen durchgekostet hat bis auf die Neige, wo immer eine stehende oder flieaende Bühne in den deutschesten Städten Amerika's sich aufgethan hat. Schwan war ein Schauspieler der alten ßchule, dem die brüdeste Deklamation über die realistische Darstellung ging, infolge dessen er eine gewisse Stereotypie der Rollen sich angeeignet hatte. Schon im Anfange seiner amerikanischen Laufbahn, wo er als Pionier bereits .seit 1843 minnte, wirkte und litt, hatte er wegen seiner rhetorischen Kunst sich den Beinamen des Nachmittagspredigers zugezogen. Im Jahre 1809 wurde Friedrich

Schwan in Westhofen bei Darmstadt ger.f rrt . r. . . r i voren : von ver yeotogie m Ziepen jartelte er schon früh auf die Bühnencarriere über, zu der ihn sein sonores Organ und eine schöne männliche Figur besonders befähigten. In den dreißiger Jahren war Schwan als Jüngling einer der erklärten Lieblinge des Züricher Stadt - Theaters, welches damals von der Birch - Pfeiffer geleitet wurde. In America war Schwan vom Jahre 1530. bis 1870 fast ununterbrechen thätig und keine Stadt im Westen giebt es, wo er nicht als fahrender Schauspieler bekannt gewesen. Die Bühne betrat der Veteran zum allerletzten Mal am Neujahrsabend 1331 als Gast und Venesiziant auf einem Privattheater in Newark. Das Greisenalter machte den Veteran für die neuen Verhältnisse der deutschen Bühne unmöglich, er paßte nicht mehr in dieselben hinein. Eine Gehirnerwe'chung hat dem vielbewegten, sorgenvollen Leben des alten Mimen ein Ende gemacht, einem Leben, welches in seinen letzten Phasen eine Kette von Entbehrungen und Noth war. Mit Friedrich Schwan verschwindet einer der ausdauernsten Pioniere auf dem Felde der deutschen Schaubübne in Amenca, als diese noch in einem Stadium sich befand, von welchem sich die gut situirten, sorglos dahin lebenden, hoch salarirten Epignonen der heutigen Zei: schwerlich eine Borstellung machen können. War Schwan auch kein genialer Künstler, jedenfalls war er einer von den wenigen aus der früheren Zeit, die es ernst mit ihrem Beruf nahmen und doch auf keinen grünen Zweig gekommen sind. Er hinterläßt eine an der Brustkrankheit dahm siechende Gattin, eine verheirathete Tochter und zwei erwachsene Söhne. v. Der afrikanische General der französischen Republik. General Saussier, welchem bekanntlich von der französischen Regierung die keineswegs leichte Aufgabe gestellt ist, die Ruhe und Ordnuna rn den französischen Colonien in Nord-Afrika wiederherzustellen, ist eine der markantesten Gestalten in der französischen Generalität. Obgleich er dreiundsünszig Jahre alt ist und obgleich er erst im zweiundzwanzigsten Lebensjahre aus der Akademie Samt Chr als Unterlieutenant austrat, zählt er heute doch schon vierundvierzig Dienstjahre, denn wo immer seit 1850 die französischen Fahnen entrollt waren, in Algier, in der Krim, in der Lombardei, in Mexico, in Lothringen und wieder in den Schluchten des Atlas und im Sande der Sahara : überall balancirte er mit Bravour'und Elan auf der Spitze des Degens sein bewährtes Soldatenglück. So brachte er es, wie das Neue Wiener Tagblatt erzählt, in dreißig Iahren zu vierzehn Feldzügen in drei Welttheilen. Die Offiziere des österreichisch-mexikanischen Hilfskorps, die ihn näher gekannt, schildern ihn als den Typus eines französischen Feldsoldaten: unternehmend und verwegen bis zur Tollkühnheit vor dem Feinde, voll Witz, Humor und LiebensWürdigkeit im geselligen Kreise, nicht abhold dem Kartenspiel und sehr schwach gegenüber Frauen. Der letzte Zug dieser Charakteristik mag allerdings von dem bekannten Zahne der Zeit" seither etwas benagt worden sein. Im Jahre 1869 zum Obersten und Kommandanten der Fremdenlegion ernannt, kam er bei Ausbruch des deutschfranzösischen Krieges mit einem Theile seiner Truppe nach Europa herüber, und zwar zur Rheinarmee des Marschalls Bazaine. Er theilte das Schicksal derselben in Metz. Bei der Waffenstreckung am 23. Oktober 1870 forderte ein Adjutant des Prinzen Friedrich Karl von den gefangenen Offizieren, welche ihre Waffen behalten und sich ihren Aufenthalt frei wählen wollten, die Unterzeichnung einer Erklärung auf Ehrenwort, wonach sich jeder Einzelne verpflichtete, keinen Fluchtversuch zu machen oder bei der Rückkehr nach Frankreich in diesem Kriege nicht mehr gegen das deutsche Heer zu fechten. Viele Offiziere unterfertigten auch diesen Revers. Als aber, der preußische Ofsizier an Sausiier herantrat mit der Frage, ob er auch die erwähnte Verpflichtung schriftlich und auf Ehrenwort t eingehen wollte, brüllte ihn dieser mit' den Worten an : Was ? ! Ich einen solchen Wisch unterschreiben ? Parbleu ! Wenn ich etwas unterschreibe, mein Herr, so ist es nur die bestimmteste Versicherung, daß ich jede wie und wo immer sich darbietende Gelegenheit gewiß benutzen werde, um meine Freiheit zu erlangen und wieder gegen Euch zu fechten auf Leben und Tod ! Das erkläre ich feierlichst, ich, Eoloncl Saus!sier!" Man wird es begreiflich finden, daß die Preußen nach dieser Erklärung sich sehr beeilten, den Obersten Saussier m sicheren Gewahrsam zu bringen. In eine Kasematte des Forts Plappeville eingesperrt, durfte er jeden Tag nur eine Stunde, gleich Festungshüftlingen und gemeinen Verbrechern, in einem engen Hofraume sich ergehen, bewacht von einer Postenkette, welche ihre Gewehre scharf geladen hatte.

Es war an einem trüben, nebligen Decembermorgen, als der preußische Profoß die schweren Schlöffer an der eisernen Thüre der Kasematte Saussiers aufsperrte, um dem Gefangenen den Morgenimbiß zu bringen. Als der Profoß eintrat, ließ er vor Schreck das trockne schwarze Kommißbrod auf den feuchten Ziegelboden fallen. Die Kasematte war leer, das Gitter des dem tiefen, verschneiten Schanzgraben zugewendeten kleinen, runden Fensters beschädigt. Wie Saussier, der doch gar keine Werkzeuge bei sich hatte, dies zuwege gebracht, sowie die näheren Umstände seiner Flucht sind noch bis heute nicht aufgeklärt. Genug, gegen Neujahr 1871 stellte sich der kühne Flüchtling, der sich glücklich durch die deutschen Wachen geschlichen, in Tours dem Kriegsminister der jungen Republik, Leon Gambetta, vor, um diesem seine Dienste zur Verfügung zu stellen. Gambetta ernannte Saussier sofort zum General und Brigadekommandanten in Algier, wo einige aufständische arabische Stämme die Verlegenheiten Frankreichs in Europa benutzen wollten, um eine allgemeine Erhebung gegen die französische Herrschaft in Nordasrika in's Werk zu setzen. Es gelang auch seiner Energie und Umficht, den Aufstand niederzuschlagen, bevor derselbe noch größere Ausdehnung genommen. Durch die Ernennung Albert Grevy's zum Eivil-Gouverneur von Algier seiner dortigen Stellung enthoben, wandte die Regierung wieder ihre Blickendem erprobtesten afrikanischen" General der Gegenwart zu, um den Aufstand der Araber, der jetzt kritisch wurde, abermals zu dämpfen. Er eilte sofort nach Algier, wo er Anfang dieses Monats eintraf, aber die inzwischen eingetretene enorme Hitze des afrikanischen Hochsommers machte begreiflicher Weise größere Operationen vorläusig unmöglich. Das Schwergewicht seiner Thätigkeit legt Saussier auf die Bildung und Ausrüstung einer großen Zahl sogenannter Freikompagnien der Sahara". Es sollen nämlich aus einigen Truppen des 19. Korps, und zwar aus den drei SpahiRegimentern, sowie aus den vier Zuaven-, drei algerischen Tirailleur - Regimentern (Turkos) und den drei Bataillonen afrikanischer Jäger (Zephyrs) ganz selbstständige Kolonnen von je 25 Spahis und 250 Fußsoldaten formirt werden. Jeder Fußsoldat (Zuave, Turko oder .Zephyr) bekommt ein Maulthier, auf welchem er beim Marsche sitzt und das auch sein Gepäck und die Reservemunition tragen soll. Durch Beigabe einiger Kameele, welche mit Zelten, Kochgeschirren, Verflegungsartikeln, Wasserschläuchen und Mumtionssäcken zu beladen sind, soll eine jede dieser Freikompagnien der Sahara" für einige Zeit unabhängig von Depots und Magazinen gemacht und zu selbstständigen größeren Erpeditionen befähigt werden. Algier.

Die Aufstände, mit welchen die Franzosen gegenwärtig in Nordafrika zu kämpfen haben, beweisen nicht k los das Eine, daß die Erwerbung von Tunis einen sehr fragwürdigen Werth hat, sondern auch das andere, daß Algier selbst noch lange nicht so kolonisirt und kultivirt ist, wie man nach fünfzig Jahren französischen Besitzes erwarten durfte. In Frankreich forscht man jetzt nach den Ursachen dieser letzteren Erscheinung, und da werden allerlei Muthmaßungen aufgestellt. Die Einen wälzen alle Schuld auf die Unfähigkeit des General-Gouverneurs Albert Grevy, die Anderen auf die Aufhebung des Militärregiments. Dritte sinden die Quelle alles Unglücks in der Systemlosigkeit und Unzulänglichkeit der Verwaltung. In allen diesen Ausstellungen mag etwas Wahres liegen, aber den Kern der Sache treffen sie doch nicht. Es giebt indeß auch Franzosen, welche tiefer blicken. Zu ihnen gehört der Nationalökonom Leroy-Beaulieu. Derselbe hat kürzlich seine Ansicht dahin ausgesprechen, es sei der geringe Erfolg der französischen ColornsaUon darauf zurückzuführen, daß Frankreich nicht in der Lage sei, den nöthigen Zuschuß an die Bevölkerung zu liefern. LeroyVeaulieu schaut in diesem Punkte sehr betrübt in die Zukunft ; die Bevölkerung Frankreichs nimmt bekanntlich nur sehr langsam zu und die Zahl der Geburten wird möglicherweise bald aus die Zahl der Todesfälle herabsinken ; es mangelt an jedem Druck zur Auswanderung und diese ist gleich Null. Es fehlt somit das, was vorzugsweise zur Gründung von Kolonien drängt und diese, wenn sie einmal gegründet sind, fortwährend nährt und erhält. Algier ist keine aus innerer nationalökonomischer Nothwendigkeit hervorgegangene Kolonialgründung, sondern ein Werk der Politik, ein Resultat des Krieges, eine Eroberung. Das ist eine Erbsünde, die der Schöpfung noch anhaftet. Ein zweiter Nachtheil istdaß es die Franzosen in Algier nicht mit gänzlich uncivilisirten, sondern mit halbcivilisirten Bewohnern zu r i r tyun yaven. unaoiujvne klamme ia)en sich durchschnittlich leichter belehren, unterwerfen und assimiliren, weil ihnen gegenüber die Civilisation mit ihrer gesammten geistigen und materiellen Wucht auftreten kann, lassen sie sich aber gar nicht civilisiren, so gehen sie bald zu Grunde, weil sie concurrenzunfähig sind. Anders bei den Halbcivilisirten ; sie haben einen geistigen Kern von gewisser Selbstständigkeit und wissen sich auch der materiellen Mittel der Kultur zu bedienen; das Resultat ist eine Zähigkeit des Widerstandes,von dem mitunter auch die höchste Civilisation erlahmt. Dies scheint nun besonders bei der arabischen Bevölkerung Nordafrika's der Fall zu sein; ihre Herkunft, geographische Lage, Religion, Le-

bensweise, Geschichte u. s. w. bilden eine Volks- oder Stammes-Jndividualität von bedeutender Widerstandskraft. Zu den Gegensätzen der Abstammung und der Religion kommt noch der politische Haß; die Civilisation tritt als Eroberung, als nationale Unterdrückung auf; da ist es kein Wunder, wenn sie schlechte Geschäfte macht. Man darf gleichwohl behaupten, daß

das, was die Franzosen unter allen diesen ungünstigen Verhältnissen geleistet haben, immerhin sehr beträchtlich ist. Eisenbahnen sind gebaut und 4500 engl. Meilen Straßen angelegt worden, man hat Brükken geschlagen und Leuchtthürme errichtet; in der Wüste sind Brunnen gegraben worden, welche täglich 7 Millionen Gallonen Wasser spenden und große Summen werden zur Austrocknung von Sümpfen und zur Bewässerung von über 120,000 Acker Land verausgabt; mehrere blühende Städte wurden gegründet und über 500 Dörfer' gebaut, die von europäischen Kolonisten bewohnt sind. Das sind Werke, die lange Zeit, viel Mühe und große Kosten .er-' forderten. Im Jahre 1878 theilte der frühere Gouverneur General Chanziz im Senat mit, daß auch der Unterricht einen Stand einnehme, der jenem in civilisirten Staaten ebenbürtig sei; 66,340 Schüler besuchten den Primär-Unterricht und die Mittelschulen zählten 3347 europäische Zöglinge ; eingeborene Muselmänner wurden 210 in den Lyceen und Collegien unterrichtet und 2130 besuchten die gemischten Schulen. General Chancy theilte ferner noch mit, daß die wirthschaftlichen Werthe, die zwischen Frankreich und Algier ausgetauscht wurden, sich in den letzten fünfunddreißig Jahren auf 1400 Millionen Dollars beliefen. Das ist eine anständige Ziffer. Die bisherigen Ergebnisse der Kolonisirung werden denn auch von auswärtigen Reisenden anerkannt. Die Franzosen citiren besonders gern den Nüssen Tschichatschew, der in seinen Briefen an Michel Chevalier über Spanien, Algier und Tunis" die Ueberzeugung ausspricht, daß das Werk, welches Frankreich in Algier verrichtet hat, nirgends übertroffen worden ist, und sehr selten seines Gleichen sindet." Auch der deutsche Reisende Gerhard Rohlfs hat erklärt : Wer, wie ich, die wunderbaren Arbeitengesehen hat, die von den Franzosen in Algier ausgeführt worden sind, der empsindet nur noch ein Gefühl des Mitleids für Diejenigen, welche jetzt noch zu behaupten wagen, daß die Fsranzosen nicht zu kolonisiren verstehen." Wie langsam jedoch das Kolonisationswerk sich vollzieht, das ersieht man am besten, wenn man die Bevölkerungsziffern mit der Zahl der vollzogenen Naturalisationen vergleicht. Die letzte Zählung, die 1876 vorgenommen wurde, ergab eine Bevölkerung von 2,918,677 Seelen. Darunter befindet sich ein militärischer Bestand von 51,051 Mann ; die übrigen 2,816,575 Seelen vertheilen sich auf die verschiedenen Nationalitäten wie folgt: Franzosen 156,265 Natur. Jsraeliten 33,312 Spanier 92,510 Italiener 25,759 Englich-Malteser 14,220 Deutsche 5,722 Sonstige fremdeNationalitäten 16,861 Muselmänner 2,462,430 Unbestimmt 8,890 Zusammen 2,816,575 Unter diesen Ziffern ist sofort auffallend die geringe Zahl der Franzosen gegenüber der einheimischen Bevölkerung; sie beträgt, das Militär dazu gerechnet, nicht mehr als 8 Prozent, ohne Militär gar nur 6 j Prozent; Auffallend ist ferner, daß die nicht-französisch europäische Bevölkerung viel zahlreicher ist, als die französische Civilbevölkerung (188,000 gegen 156,000; rechnet man die 33,000 naturalisirten Jsrealiten ab, so stehen sich beide Ziffern immer noch gleich. Unter diesen Umständen, die einen stärkeren Zuzug aus anderen europäischen Ländern als aus Frankreich beweisen, haben es die Franzosen bald als nothwendig erkannt, die Verschmelzung dieser europäischen Bevölkerung mit der französischen zu erleichtern und zu beschleunigen. Es wurden daher im Jahre 1865 die Gesetze über die Naturalisation für Algier dahin geändert, daß nicht ein Aufenthalt von zehn, sondern von nur drei Jahren genügen sollte, um die Rechte eines französischen Bürgers zu erwerben. Seit diesem Jahre bis einschließlich 1879 sind im ganzen 4446 Naturalisationsgesuche eingereicht und gewährt worden, die sich Hauptsächlich auf folgende Nationalitäten vertheilen : Italiener ' 1141 Deutsche 999 Spanier. .?. 731 Eingeborene Muselmänner 458 Marokkaner 249 Tunesier 158 Eingeborene Jsraeliten 200 Belgier 151 Schweizer 141 Anglo-Malteser : 92 Es geht aus diesen Ziffern hervor, daß von den bedeutenderen Nationalitäten sich die Deutschen am ehesten naturalisiren lassen (18 Proz.) ; viel weniger die Jtaliener (4j Proz.) und noch weniger die Spanier (kaum 1 Proz.). Diese geringen Zahlen beweisen, daß die Franzosen in ihrem geringen Colonisationswerke von den übrigen Nationalitäten nicht sehr eifrig unterstützt werden; am wenigsten von ihren romanischen Stammesverwandten, am meisten noch von den Deutschen. Wahrhaft geringfügig aber, ja geradezu lächerlich ist die Zahl der Naturalisationen von Eingeborenen. In fünfzehn Jahren haben von einer Bevölkerung von 2j Millionen nur 458 Personen, also jährlich etwa dreißig die Naturalisation nachgesucht. Das beweist am

besten, daß, trotz vielfacher äußerlichen Erfolge, das eigentliche Colonisationsund Civilisationswerk noch wenig Fortschritte gemacht hat. Es beweist aber auch, daß die Aufrechterhaltung eines besonderen französischen Bürgerrechts nicht die gelungenste Einrichtung ist und daß man die Gewährung von Rechten an die Eingeborenen an andere Bedingungen knüpfen muß, als an die, förmliche Franzosen zu werden. Bittere Erfahrungen und Nachdenken geben den Franzosen gute Lehren. Wir unsererseits können nur wünschen, daß sie das Civilisationswerk in Nord-Afrika zum guten Ende führen. Finden sie, daß sie selber dazu zu schwach sind, so müssen sie eben suchen, andereVölker dafür zu interessiren und zur Beihülfe zu gewinnen. An gutem Willem und an Menschenmaterial fehlt es nicht. Durch eine Politik des Krieges und der Eroberung ist das

freilich nicht zu erreichen. (Frkfr. Ztg.) Das vergiftete Paris. Man schreibt von wohlunterrichteter Seite aus Paris : Ein geistreicher ftanzösischer Schriftsteller schrieb einst: Der Krämer, der den Käufer bestiehlt, wird zu einer Geldstrafe eventuell zu einigen Tagen Gefängniß verurtheilt, bestiehlt dagegen der Käufer den Krämer, so wird er sicherlich auf die Galeere geschickt. Wir können' in diesem Ausspruche einen Schritt weiter gehen : Der Krämer, der den Käufer vergiftet, wird zu einer gelinden Geldstrafe verurtheilt, vergiftet der Käufer den Krämer, so wird er geköpft. Die französische Republik ist ein Rechtsstaat im eminentesten Sinne des Wortes, allein in gewissen Dingen, zumal in solchen, welche m das Bereich der Pariser Kommunalund Polizeiverwaltung gehören, herrscht die krasseste Kopflosigkeit und der strafbarste Schlendrian. Die Pariser Gemeinderäthe tummeln mit Vorliebe das hohe Roß der Politik und anstatt sich mit dem Wohl und Wehe der großen Stadt zu beschäftigen, spektakeln die excentrischsten Radikalen mit den stockdümmsten Royalisten über äußere und innere Politik. Während die Herren nur über Weltverbes-serungs-Pläne sich die Köpfe zerbrechen, wird Paris durch seine Krämer, Budiker, Blumenhändler, Zuckerbäcker und Konfectionäre systematisch vergiftet. Die Vergiftung nimmt tausend verlockende Formen an : sie verbirgt sich in den färbenreichsten Blumen ; sie ruht in den schmackhaftesten Speisen sie lauert in der prachtvollsten Gewandung; sie steckt in dem schwarzen Brode des armen Arbeiters. Und sie erreicht, wenn auch langsam, aber sicherlich ihr Ziel, ohne uns, gleich dem Trinker, das Siegel der Verkommenheit aus's Angesicht zu drücken, ohne die Sicherheit des Vergiftens im Geringsten zu gefährden. Vor ganz kurzer Zeit wohnte ich der ossiziellen Einweihung des neu errichteten chemischen Laboratoriums bei. Anwesend waren: Minister, Gelehrte, Schriftsteller, Senatoren und Abgeordnete. Vor diesem geistig distinguirten Publikum hielt der bekannte Chemiker Girard die Jnaugurations-Rede, in welcher er mit unerbittlicher Offenheit dem ganzen Heer der Vergifter von Paris die Maske vom Gesichte riß. Was man da zu hören bekam war schrecklich, niederschlagend. In die natürlichste Nahrung : Brod, Wein, Milch, senken sie das Gift, welches langsam und sicher unsere Lebenskraft verzehrt, die Gesundheit vernichtet, die !v!uskeln entkräftet und das Gehirn entnervt. Hören Sie nun, was die objektive Analyse ergab : Von 123 Weinproben an 123 Weinen angestellt, wurden nur 3 für gut befunden. Das will sagen, daß die anderen 120 Weine, wenn nicht lebensgefährlich, immerhin unfähig sind, den geschwächten Körper zu stärken und jenes edle Feuer zu entfachen, das in gewissen Fällender menschlichen Maschine ebenso nothwendig wie der Lampe das Oel. Gefälschte Milch kam 15 auf 20; Cbokolade 10 auf 15 ; Pfeffer 4 auf 6 ; Essig 12 auf 12 ; Biere 7 auf 10. In der Milch sand die indiskrete Analyse Bestandtheile von Stärke, Gummitraganth, Fischkleister, Blutwasser, Thierschädeln, Hanfsamen und Samenmilch. In Butter: Unschlitt, Kreide und essigsaures Blei. Im Biere fand man statt Hopfen und Gerste Absude aus bitteren Kräutern, als Mohnköpse, Belladonna, Franzosenholz, bittere Mandeln, verschiedene aber unfehlbar wirkende Gifte. Kaffee war hergestellt aus rother Erde, MahagoniPflanzen und gebackener Pferdeleber. Unter dem Namen von Chocolade: ein Gemengsel aus ockergelber Erde, Brodrinde, gestoßenem Holz und verdorbenem Cacao. Der Zucker durch Farin-Zucker versetzt. Die Staniolen chaben 75 pCt. Blei. Im Essig ergab sich die Spitze der Fälschung. Man fand darin eine Lösung von Chlor - Sulfur- und Nitro-gen-Säure, eine Säure, die das härteste Metal beizt und frißt, den schleimigen Magen krebsartig austrocknet. Soll ich Ihren Lesern von den Weinfälschungen berichten, dazu ein ganzer Band nicht genügen würde? Glätte, Tannin, Potasche, Schwefel, aus Steinkohlen entnommene färbende Mittel, alle diese Bestandtheile werden zu einem Bräu vermischt, daraus dann der Göttertrank Wein" entsteht und oft unter dem Namen Champagner, Burgunder, Veuve Cliquot nach allen Weltgegenden verschickt wird. Die Hundefreundin. Da sie zu rcdm kaum begann War schon ein kleiner Hund ihr Mann ; Nun, da sie älter, groß und rund, Macht sie den Mann zum Vxmta Hund.

Die erste Schnellpost zvischen Berlin und Dresden.

Wie zum erstenmale die Cchnellpost zwischen Berlin und Dresden ging, schildert folgende quellenmäßig erzählte Neminiscenz : Schon im Jabre 1820 batte Herr v. Nagler, der damals an der Spitze des preußischen PostWesens stand, dem königlich! sächsischen Ministerium in Dresden mitgetheilt, daß er beabsichtige, eine Schnellpost auf der Noute BerlinDresden einzurichten, und gebeten, mit ihm in Verhandlungen darüber einzutreten. Die Verhandlungen nahmen dann auch ihren Anfang, aber man kam nicht von der Stelle.' Es tauchten auf sächsischer Seite immer wieder neue Schwie- ; rigkeiten auf, und endlich gewann Nagler vie Ueberzeugung, daß, t langer die Verhandlungen sich hinzogen, desto weniger Aussicht sei, an das Ziel zu gelangen. Denn die sächsische Regierung hegte eine starke Abneiaung gegen Preußen, wie das ja begreiflich war, nach den Ereignissen von 1814 und 1815. Das Publikum, das der Schnellpost mit Berlangcn entgegensah, mußte also sich seiner Hoffnungen wieder entschlagen. Man hielt die Cache für ganz aufgegeben. Da erscheint plötzlich eine Bekanntmachung Nagler's, vom 15. November 1821 ab werde eine Schnellpost zwischen Berlin und Dresden hin und her gehen. Abfahrt und Ankunft dann und dann, Fahrgeld so und so viel, Fahrzeit sechsundzwanzig Stunden, Noute so und .so, erster sächsischer xt Großenhain. .Diese Bekanntmachung kam in Dresden -wie ein Blitz aus heiterem Himmel und erregte allgemeines Entsehen. Dieses '....c.: w r u ' rs t :rr uniuiiijc uuu itu;e -pieufjeiivou luiu in unsere Souveränetätsrcchte eingreifen !" hieß es, und das Ministerium erließ sofort die strengsten Befehle an das Amt Großenhain, den preußischen Wagen nicht über die sächsische Grenze zu lasten. Demgcmäß hatte sich am 15. November 1821 an dieser Grenze hinter herabgelassenem Schlagbaume der Amtmann von GroßenHain, ein kleiner, spindeldürrer, buckliger Hen, ausgestanzt, umgeben von seinem Acluarius, (dies war Herr v. Aegidi, ein jovialer Herr, später Amtshauptmann in Bautzen; er pflegte dies Abenteuer in sehr scherzhafter Weise selbst zu erzählen) und von einem bis an die Zähne bewaffneten Gendarmen. Genau auf die angekündigte Stunde und Minute erschien der Schnellpostwagen, besetzt mit einigen Passagieren und geführt von einem Conducteur und einem Postillon beide Letztere in Civil". Der Wagen macht Halt vor dem Schlagbaume. Der kleine ducklige Amtmann tritt vor und hält mit erhobener Stimme eine Ansprache an den Condukteur und den Postillon, welche Rede endigt mit dem Verbot, den Schlagbäum zu Passiren, und der Aufforderung, Kehrt zu machen. Die Nede verfehlte nicht, einen sehr tiefen Eindruck zu machen. Der Eonducteur und der Postillon flüstern leise mit einander und steigen dann wieder auf. Und wirklich der Wagen macht Kehrt und der kleine Amtmann feiert einen großen Triumph. Do& halt? Was ist das? Ter Wagen biegt von der Strrße ab, er fährt über die leicht gefrorenen Felder in einem großen Bogen um den Schlagbaum und das Chauffeehaus herum und betritt dann wieder die Straße, und zwar auf sächsischem Boden, um ruhig weiter nach Dresden zu fahren. Der Amtmann aber, der Actuarius und der Gensdarm stehen streng hinter ihrem Schlagbaum; denn sie hatten keine Instruktionen, was sie iu einem solchem gänzlich unvorhergesehenen Fall zu thun hätten. Dc? Amtmann eilte nach Dresden, um zu rapportircn. Man hörte ihn an und gab ihm keine Antwort. Der Krieg würd? nicht erklärt. Die Schnellpost fuhr fort zu fahren. Einiqe Wochen später, am 2. Dezember 1821 ! schon, kam ein förmlicher und feierlicher taatsvertrag zwischen Preußen und Sachsen wegen besagter Schnellpost zu Stande, und am 6. Juni 1827 wurde derselbe erneuert und erweitert durch einen Zusatz-Vertrag, welcher eine SchnellpostVerbindung zwischen Berlin und Dresden einrichtete mit 26 Stunden Fahrzeit und eine solche zwischen Hamburg und Leipzig mit 35 Stunden Fahrzeit. ßr ist verlieöt. Ach Gott, mir is so nibbernebsch und schwummeng, So eklick katzenjämmerlich ze Müde, Ich hab nich Ruh' uud 3!ast auf meiner Bude, Und selbst des Abends, ach ! nur seldm schlmnmer' ich. Kcm Abbcdid und hätt' auch Lachs und Hummer ick',' Und hätt' ich Spadenbrei, das fiffig gude ; Ich wceß nich, kommt mein Leiden aus m lude? Hab' Hcrzensgram vielleicht und Liebcökummcrich? : Ich glob', das is's ! Denn seid ick sah Ludmillen ftum Kinddofsfcst bei Negyuatcr Wehls, tann ich der Sehnsucht Trangcln rnrt mct)r stillen. Wie das nu kam ? Mcindwczcn, ich cr:äH's : Als ich se fragde : Liebst de mich in Stillen V Ta schbrach se lieblich läck-clnd: Vccrsckdcn: dchls." Bauern-Witz. Du, Barthl! Da schau die zabnluckete g'sprcizte Stadt-Gretbel an! Wenn'st in der ihr'n Mund schaug'st, so meinst, du schaugst in a abbrennt's Bauerndorf." Widerlegt. " Aber daß Sie reiten, Herr Pfarrer, das ist wider die Schrift, in der es heißt : Gehet hin in alle Welt !" Da täuschen Sie sich doch, Herr Baron, denn es steht auch geschrieben : Sehet zu wie Ihr fortkommt !"