Indiana Tribüne, Volume 4, Number 1, Indianapolis, Marion County, 13 August 1881 — Page 6

Ein praktischer Arzt.

Humoreske von H. Rohr. Alle Wetter, das war verbrannt!" wchttagte Frau Folter Berndorf, indem sie das soeben von der Kaffecmaschine'genommene heiße Künnchcn hastig vor ihrem (satten niederstellte, wobei natürlich einige Tropfen des braunen Tranks auf die reine Serviette träufelten. Aber Lennchen!" reif der Gemahl mit sanftem Vorwurf, gleichzeitig das verlerne Händchen seiner jungen Frau arrctirend und aufmerksam betrachend. Verbrennung ersten GradeZ ! Umschläge von Watte mit Oel," murmelte er dann, zu seinem Medizinkasten schreitend,. und während er den vcrordenetcn Verband sofort selber applicirte, fuhr cr mit mißbilligendem Kopfschütteln in seiner Philipptta fort : Wie man nur wieder so unpraktisch sein kann. Da hängt nun neben der Feuerzange am Ofen der große, schwarze Fausthandschuhe No. 9 mit dem darauf gestritten Schornsteinfeger das ganze Jahr hindurch unbenutzt. Muß doch wohl noch zu klein sein für uns ! Wischtücher und Wischlappen sind da, genug um Windeln für 7 kindergesegnete Familien daraus zu machen, 's hilft aber Alles nichts, heiße Töpfe fassen wir mit höchsteigenen Pfötchen an, ssllte uns auch das ganze Fell dabei heruntcrsengen !" Die verbrannte Hand hatte sich schon ihrem Pfleger entzogen und legte sich auf dessen Mund. Erstens bitte ich mir aus, daß Du in respektirlichen Ausdrücke.i von meinen Gliedmaßen spricht, zweitens war es kein Topf, sondern eine Kanne und drittens solltest Du mir dankbar sein, daß ich Dir damit den dritten und zwar hoffe ich interessantesten Fall Deiner hiesigen Praxis zugeführt habe, nachdem Du in den vier Wochen seit unserer Ankunft der leidenden Menschheit nur in der alten Jungfer drüben einen Zahn auszuziehen und em unserem Küster ein Magenpslaster zu schmieren Gelegenheit hattest." Liebes Kind, Dein verbranntes Fell kann für mich nie zu den interessantesten Fällen gehören ; übrigens weißt Du das; Tu einen 'ungemein praktischen Mann besitzest, dessen vielleicht einzige unbesonnene Handlung im Leben darin bestand, sich eine so unpraktische Frau zu nehmen," antwortete Verndorf, nunmehr se.nen Caffec behaglich schlürfend und fuhr dann das schmollende Weibchen in seine Arme ziehend, mit einem überlegenem Lächeln fort : Wenn ich auch zugebe, in diesem Jammerneste, dessen gesammte Linwohnerschaft sich einer gradeu unanständigen Gesundheit erfreut, keme Kuren vollbracht zu haben, so kannst Du doch übrzeugt sein, daß das phos phorescirende Hirn, das ingeniöse Ersindungstalent Deines Gatten, bereits den Plan entworfcn, wie seiner Wabren, WissentschaftIichcn Bedeutung auch hier der entsprechende Wirkungskreis zu sichern sei." So? nun dann wird es wohl was Rechtes sein ! Erst höre, dann urtheile und staune ! 'eit den Tagen de5 Galenus " Kannst Dn nicht ein wenig später anfangen, mein Bester, ich habe noch Obst einzukochen," unterbrach ihn ein lvenig schnippisch die junge Frau. . Gut denn ! Wie Du willst, mein Kind ! Allso : In unserer heutigen oberslächlichen Zeit kann selbst ein Heros auf dem Gebiete der Wisienschaft ziemlich lange uncntdeckt bleiben. Zumal hier bei uns, wo die Nähe der Nestbenz, die dortigen Aerzte auch die Creme der hiesigen Praris abschöpfen läßt, bedarf es schon eines absonderlichen Ereigniffes, etwa einer von hoher Stelle ausgehenden Anerkennung, ein I101110 novus zu Deutsch Neuman der diesen medizinischen Erbherrn ein Parolli biegen will. In Erwägung dessen wie es in dem gestern abgegebenen Steuermahnzettel heißt begab ich mich wiederholt nach der Residenz. Du hast mich natürlich wie Du Dich sogar auszusprechen nicht entblödest in Verdacht gehabt cs geschähe des Billiardspiels wegen. Ich dagegen suchte, suchte was die zarte Sehnsucht, daß süße Hoffen jedes jungen Arztes bildet : einen in den weitesten Kreisen bekannten Patienten, wo möglich von hohem Range, desen eventuelle Heilung Aufsehen erregen und die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Urbcber derselben, den am Himmel der Wissenschaft aufgegangenen neuen Stern, lenken mußte. Endlich konnte ich rufen : Heureka ! Da Du Gottlob nicht so emanzipirt bist, um' Griechisch zu verstehen, will ich Dir verrathen, das dieß ungefähr so viel wie : hat ihm schon ! heiszt." Es war der alte General Freiherr von Saaten, ein steinreicher, kreuzbraver, aber sackgrobcr Sonderling, der sich in seiner langen militärischen Lausbahn, wahrse:niich in Folge des fortgesetzten Anschaauens seiner Untergebenen, ein nervöses iesichtelschneiden dermaßen angewohnt hatte, daß cr nun trotz verschiedeN"r da.v'acn gebraucht?? Kuren nick t mebr .i.t !' :..:e Ci i a;tt jo.i ticjanimi l.chen namhaften Residenzärzte der Reihe nach consultirt, da sein Leiden aber ein eingewurzeltes, hat ihm?!iemand zu helfen vermocht Es gelang mir durch einen Freund, mich ihm gelegentlich in einer Gesellschaft vorstelle zu lassen. Als er hörte daß ich Arzt sei, versicherte er mir gewissermaßen als verbindliche Gesprächseinlcitung unter lebhaftestem Gesichterschneiden, daß seiner Ansicht nach die Aeruc alle den Quark" verstünden. c fcdem Anderen würde ich nach einer solchen Eröffnung entweder den Rücken gekebrt oder eine nicht mißverstehende Ant0 wort crtbeilt haben, indessen kannte ich ja '

meinen Mann schon aus der Beschreibung meines Freundes, verzog daher keine Miene und erwiederte ruhig, daß das Niemand bcsier zu verurtheilen wisse als ich selbst, und nach meiner Ansicht die wenigsten meiner Collegen sogar etwas von Qual verstünden.

Nach und nach im Laufe eines länge,ren Gesprcchs ließ ich dann vorsichtig .Einzelnes von der ganz abweichenden ' et r r c 1 fi... C i ,. Rranlenvevanomng m lungiier wu, von einem neuen epochemachenden Heilverfahren -bei Nenenleidcnden und deffen ganz überraschenden Erfolgen einstießen, bis der alte Herr endlich anfing, hellhörig zu werden und mich geradezu fragte, ob ich mir etwa einbilde, mehr ZU verstehen, toie die anderen Bader, und auch glaube, ihn heilen zu können. Das war's wo ich ihn hin haben wollte. Ich sagte ihm mit Achselzucken, daß die Wissenschaft zwar rapide fortgeschritten, daß aber ein so tief eingewurzeltes Leiden, wie das seine, nicht von einem Tag zum anderen zu kuriren, vielmehr hierzu ein längeres Studium meinerseits, sowie wahrscheinlich eine umständliche Behandlung in meiner eigenen Wohnung mit den dort befindlichen Apparaten erforderlich sei, und erklärte auch auf seine immer dringender werdenden Fragen vorsichtig ausweichend, er werde vielleicht schon etwas von Jnhalation und Hypnotismus gehört haben. Es sielen mir gerade diese beiden Versuchsstationen der neueren Experimentalmedizen ein. Dem General war das ichthch etwas Neues, eine solche Kur ?atte er noch nicht gegen sein Leiden versucht. Nun genug ein Wort gab das andere, und heute Mittag um 12 Uhr, mein süßes Weib, wird eine fürstliche Equipage vor unserer Thür halten denn der General bekleidet auch eine hohe Hofcharge und die sämmtlichen Nachtmutzen, welche in den Nachbarhäuser ob dieses Ereignisses zu den Fenstern wnden hinausgestreckt werden, dürften vor Erstaunen wackeln, wenn dieser Equipage der auch hier allgemein bekannte General von Saaten entsteigt, um den berühmten Toktor Berndorf zu konsultiren." Ja, aber Otto, ich bitte Dich um Gotteswillen, glaubst Du denn in der That, den alten Herrn kuriren zu können, was doch, wie Du selbst sagst, keinem Deiner hauptstädtischen Kollegen bisher gelungen? fragte die junge Frau vorwurfsvoll. Das wollen wir abwarten, mein Engel," antwortete Doktor Verndorf mit großem Phlegma. Ich habe mir schon das einschlagende Heilverfahren, welches freilich auf ganz anderen Gebieten, als den angegebenen liegen wird, überlegt, schlägt's aber auch febl, so stehe ich immeihin um nichts schlechter da, als die Kollegen, und die wiederholten Besuche desGenerals haben mich inzwischen hier hofsentlich in die Mode gebracht. Ich weiß, mein Schatz," unterbrach er die redelustige Gattin, ihr die Lippen mit einem herzhaften Kusse schließend, Du hast noch tausend Wenn's und Aber's, aber vergiß nicht, daß Du einen praktischen Arzt zum Manne hast, und heute auch noch Obst einkochen mußt. Außerdem wirst Du alle Hände voll zu thun haben, um unseren Salon derart herzu richten, daß darin ein generalswürdiges Dasein geführt werden kann ; ich werde inzwischen noch meine Krankenbesuche oder vielmehr," verbesserte er sich, das ironische Lächeln der Gattin wahrnehmend, selbst einen Spaziergang ma chen, um mir die Kurmethode noch einmal zu überlegen." Die junge Frau schaltete und waltete unter der Assistenz der Dienstmagd denn auch während der nächsten Stunden mit solcher Energie, daß sie dem kurz vor Mittag heimkehrenden Gatten mit hochgerötheten Wangen und dem strahlenden Lächeln des Bewußtseins streng erfüllter Berufspflicht gegenüber treten konnte. Der Gatte blickte mit sichtlicher Befried!gung im Salon umher. Sage mir nur, liebes Kind," hub er nach einer Pause stummer Prüfung mit emporgezogenen Nasenflügeln an, was ist das für ein abscheulicher Firnißgeruch in der Stube V Die junge Frau ward etwas verlegen. Ja, siehst Du, Otto, unsere beiden Korbstühle hier hatten beim Transport wohl etwas gelitten und da habe ich die abgestoßenen Stellen dort an den Seitenlehnen noch schnell etwas mit schwarzem Spirituslack überstrichen." Zlber Lenchen," rief der Doktor vorwurfsvoll, wie unpraktisch ! Nicht nur, daß der General denken wird, er kommt hier in eine Tischlerwerkstadt, ist auch das Zeug bis zu seiner Ankunft noch gar nicht einmal trocken. Gleich lasse die beiden verwünschten Stühle in mein Arbeitszimmer stellen und öffne hier die Fenster !" Lenchen that schmollend, wie ihr geheißen, und die frische Herbstlust strömte bald in so reicher Fülle herein, daß jede Spur unangenehmen Geruchs getilgt schien. Dcr Doktor blieb aber doch etwas verstimmt. Er rannte im Zimmer auf und nieder, inspizirte wiederholt das Stubenibermometr und polterte nun wi' dcr lrs: iu Gtal? I Ich lanu doch dem allen Herrn nicht zumuthen, sich bei 10 Grad hier bei mir gemüthlich niederzulasien !" Vorher war's noch warm genug," antwortete Lenchen piquirt, aber jetzt, wo wir das Fenster aufgesperrt haben, wird's freilich zu kühl geworden sein." Lasse nur aefälligst etwas Feuer im Ofen machen-!" schloß der Gatte den erregter werdenden Diskurs. - Auch dies geschah, und als eben die Flamme lustig emporprasselte, rollte auch bereits die Equipage des Generals vor die Hausthür, nicht ohne die vom Doktor prognosticirte Wirkung auf die mit Nacht-

Mützen geschmückten Köpfe der Nachbarn zu üben. Der General begrüßte die ihm borgestellte, tief errölhende junge Frau in leutseliger Weise und ließ sich seiner Gewöhnheit nach unter fortwährendem Grimassiren auf dem ihm gebotenen Sophaplatze nieder. Ra, Toctor," hub er in seiner derben Manier demnächst an, ich bin gekom-' men, wie Sie sehen. Ich hoffe, daß Sie mich nicht zum Besten gehabt haben, sonst sollen Sie den alten Satan, wie mich das Demokratengesindel" früher immer nannte, kennen lernen. Viel vertrauen habe ich nicht, muß ich Ihnen offen be kennen, zu Ihrer magnetischen Hallucinationskur oder wie Sie die 5HualZsalberei sonst nennen." Doctor Berndorf hatte diese an ihn gerichtete Apostrophe nur zerstreut mitangchört, er schnüffelte schon wieder in der Luft umher ; ein penetranter Geruch nach schwelendem Fett begann sich seit einiger Zeit bemerklich zu machen, und ein feiner, blauer Rauch füllte das Zimmer. So laß doch gefälligst das Frauenzimmer in der Küche die Thür zuhalten und mit ihrer nichtswürd gen Talgschwelerei aufhören," flüsterte er mit unterdrücktem Äerger seiner Frau zu, die daraufhin schleunigst aus dem Zimmer verschwand. Ja, lieber Doctor," sing der General wieder an, unser Medicinalratb, dem ich gestern von Ihrer neuen KürMethode erzählte, meinte, das wäre reiner Schwindel ! Na, ich gebe zwar gerade nichts besonders viel auf die Urtheile des alten Pflasterschmierers, denn er ist meiner Ansicht naä gerade ebenso ein" der General schien einen passenden Bergleich 'nicht sofort sinden zu können und brummte den Schluß seines Satzes in den Bart. Verndorf rannte während dieser Zeit in halber Verzweiflung wieder im Zimmer auf und ab. Der Fettgeruch, statt abzunehmen, wurde trotz der geschlossenen Thüren immer intensiver, der Rauch immer dichter. Woher konnte das nur kommen ? Er warf einen scharf prüfenden Blick auf den Ofen. Der Ofen rauchte nicht. Aber doch, da aus der geschlossenen Wärmröhre in der Mitte des Ofens, draltg da nicht ein feiner blauer Nebel und 'lief da nicht etwas farblos Flüssiges heraus und am Ofen entlang V Crr öffnete mit energischem Ruck die Thür der Warmröhre. Himinlischer Vater, was war das Ein ganzes Pfund Stearinkerzen in völlig aufgelöstem Zustande schwamm ihm entgegen, die blaue Papierenveloppe mit den abgeschmolzenen Dochten oben darauf. Die Fettmasse schoß jetzt qualmend am Ofen entlang, bis sie mit brätzelndem Geräusch an der glühenden Eisenthür des Feuerlochs verschwelte, das ganze Zimmer mit undurchdringlichem, stinkendem Qualme erfüllend. Lenchen, Lenchen! unseliges Weib !" perorirte der Doctor in Gedanken. Ist eine Ofenröhre selbst während des Sommers ein vanender Aufbewahrungsort für Stearinlichtes Der General war wüthend aufgesprungen. Herr!" schnaubteer, ist das ein schlechter Scherz oder wollen Sie mick) hier erstickend Aber plötzlich schien ihm ein beruhigender Gedanke zu kommen. Er schritt aus den Doctor zu : Na, wenn Sie's für nöthig halten, dann man immer zu! So lange, wie Sie selber, werde ich's wohl auch aushalten. Bin ja an Pulverdampf und andere Gerüche aus der Kaserne her gewöht l Aber schauderhaft im Halse kratzen thut cr freilich, dieser Fettdampf," fuhr Zer hustend und nach Luftschnappend, nach einem Weilchen fort. Länger wie 5 Minuten treiben Sie's nicht mit ihren Hallu Hallunk " Der Nest verlor sich in einen krampfhaften Husten des alten Herrn. Berndorf war starr. Sollte er ihn auskären ? Das Eine war so mißlich, wie das Andere. Ließ er den General bei seinem Glauben und schilderte dieser die angewandte Kurmethode anderwärts, so hielten seine Collegen ihn zweisellos für einen Charlatan, klärte er ihn auf, so verließ der General jedenfalls sofort unter lautem Zornausbruch das Haus und mit den gehofften Consequenzen dieses Besuches war es aus. Was thun ? Berndorf war wüthend. Da. der General in einem fort hustete,, öffnete er endlich die Thür seines Arbeitszimmers und bat ihn, dort einzutreten, während r selbst im Salon die Frenster aufriß. Als er noch unschlüssig über sein ferneres Verhalten zurückkehrte, hatte sich der General so ziemlich erholt. Na, hören Sie, Doktor, das ist ja eine wahre Pferdekur ! Ich bin wie zerschlagen, und jetzt freilich zuckt keine Muskel meiner Visage mehr. Wie Sie das aber aushalten bei den vielen Patienten, die Sie doch gewiß haben, ist mir rüthselhaft. Donner und Doria, das so den ganzen Tag mitzumachen ! In einer halben Stunde wäre ich eine Leiche !" Berndorf rannte semer Gewohnheit gemäß stumm vor Acrgcr im Zimmer auf und ab. Der General hielt ihn für ebenfalls angegriffen durch' den Qualm. Nach einer Weile sing er wieder an : Dotlor, jeyen Sie sich ruhig hin, dabei erholen Sie sich noch am ehesten! Nun kommt ja auch noch der zweite Theil Ihrer Eur ; der Hypnotismus, und da müffen Sie sich doch wieder mit dem Streichen" anstrengen. Denn gestrichen" wird doch beim Hypnotisiren, nicht wahr, Doktor ?" Ja wohl," antwortete Berndorf mit verhaltender Wuth. Streichen Sie oder ihre Frau ?" fuhr der General unermüdlich in seinem Examen fort. Nein, wir lassen beide streichen," war die im trockensten Tone gegebene Antwort.

Nun, wer streicht dann ?" fragte der General ungeduldig. Sie!" , ' . Ich fragte der General betroffen. Womit soll ich denn streichen?" Mit der flachen Hand !" antwortete Berndorf, über den jetzt eine Art GalgenHumor gekommen war, mit einer Nuhe, als wenn er die natürlichste Cache von der Welt erklärte. Der General wurde immer verwundertcr. Also mit der flachen Hand über's Gesicht, weiter nichts?" wiederholte er nachdenklich. Von unten nach oben oder umgekehrt ?" fragte cr dann. Erst von oben nach unten und dann von unten nach oben !" war die launige Antwort. ,,Jst's so richtig?" fragte der General weiter, das vorgeschriebene Ereitium durchmachend. Eben össnete sich die Thür, Lenchen trat herein, erblickte den sich nach ihr umwendenden General, stieß einen furchtbaren Schrei aus und taumelte in das Nebenzimmer zurück. Verndorf fuhr aus seinem Brüten auf. Gerechter Himmel, was war denn das ? ' Der General sah aus, als ob er von der asiatischen Beulenpcst befallen sei, das ganze Gesicht bedeckt mit grünlich schwarzen Flecken, und besonders jetzt, wo er mit weit aufg?rissenen, verwunderten Augen der jungen Frau nachstarrte, hatte er sein geradezu gräßliches Aussehen.' Blitzschnell wurde jetzt dem Doktor der Zusammenhang klar. Der General saß auf dem unglückseligen, frisch lackirten Korbstuhl, hatte vorher erschöpft wie er war die Hände auf den Seitenlehnen desselben ruhen lassen und nachher sich sogar über's Gesicht gestrichen. Jetzt galt's zu handeln ! Ehe noch der General zu Worte kommen konnte, trat Berndorf mit einem furchtbaren Gesichtsausdruck auf ihn zu, packte ihn an den Händen und drehte unter dem Anschein, ihm nach dem Pulse zu fühlen, ihm die Handflächen nach unten, um ihm vor allen Dingen deren Anblick zu entziehen, gleichzeitig ihm mit Grabesstimme zurufend : Rühren Sie sich nicht, Herr General, es handelt sich um Ihr Leben !" Dcr General machte noch größere Augen und saß steif wie eine Puppe mit weit von sich gestreckten Armen da. Berndorf sprang zu seinem Medizinkastcn, ergriff eine große Flasche mit rectifizirtem Spiritus, schüttete deren Inhalt in das mit wenig Wasser gefüllte- Waschbecken des im Zimmer befindlichen Toilettentisches und riß den General hastig dorthin, ihm zuschreiend : Schließen sie fest die Augen, Herr General,- und spülen Sie Jbr Gesicht tüchtig, spülen und reiben Sie, bis ich Halt rufe. Es ist die höchste Gefahr !" Der General war denn nun in der That doch besorgt geworden. Er befolgte die Vorschriften seines ärztlichen Bcistandes höchst gewissenhaft und wusch und rieb sich das Gesicht mit anerkmnenswertber Ausdauer, bis der Doktor ihn endlich mit erleichtertem Aufathmen außer jeder Gefahr erklärte. Der General öffnete die Augen. Nua sagen Sie um Gotteswillen, Doktor, was war denn eigentlich los?" platzte cr noch ganz betäubt heraus. Sie hatten zuviel Fluidum," antwortete Äerndorf mit unverwüstlichem Ernste. Sehen Sie selbst !" fügte er, auf die schwarze Flüssigkeit im Waschbecken deutend hinzu. Der General betrachtete sich kopfschüttelnd das Becken. Wissen Sie, gemerkt habe ich's gleich," hub er mir überzeugter Miene an, cs spannte merkwürdig, beim Streichen !" Nicht wahr?" bestätigte Berndorf. Und nach so ein paar Strichen schon diese Wirkung !" meditirte der General gedankcnvoll. Ich möchte übrigens beinahe glauben, Doktor," fuhr er nach einer Pause zögernd fort, daß ich doch am Ende für Jh ja jedenfalls ungemein anschlagende Kur keine geeignete Konstitution besitze. Nicht, als ob ich alter Mann etwa Furcht für mein bischen Leben hätte, Daktor, nein, aber Eines schickt sich nicht für Wes. Es ist mir nur fatal, daj& ich schon überall von der Kur, die Sie nnt mir vornehmen wollen, erzählt habe. Wissen Sie, Doktor, ich werde Ihnen emen Vorschlag machen. Ich werde in den nächsten vierzehn Tagen, drei Wochen täglich zu Ihnen kommen, lassen S aber, bitte, Ihren ganzen Hocuspocus, wir wollen eine halbe Stunde gemüthlich plaudern und dann fahre ich wier nach Hause. Für den nöthigen Rheinwein lassen Sie mich sorgen, und m& dem Nervenzucken, na wissen Sie, lcuzge werden sie ohnehin nicht mehr zucken da wollen wir den lieben Gott nur nicht weiter versuchen. Vielleicht wirds auch nach dem einen Mal schon besser. Eins aber, Doktor, bitte ich mir aus l" schloß er mit einer Grimasse. reinen Mund ! Ich möchte nicht, daß cs heißt, der alte Satan hat die Kourage verloren, die Kur durchzumachen. Also reinen Mund, Doktor! Sie werden sehen, daß ich dankbar sein kann iu Das versprach denn Berndorf gern un bat sich dagegen vom General das gleiche Versprechen aus bezüglich sämmtlicher Vorkommnisse der heutigen Sitzung, da diese Art Heilverfahren zur Zeit noch sein ausschließliches Geheimniß sei. So schied denn der General, um nicht nur drei Wochen, sondern auch noch lange nachher wiederzukehren, da Verndors's ruhige, jedoch entschlossene Art ihm gefallen hatte, und wie sich später ergab, ihre beiderseitigen Ansichten über Menschen und Dinge vielfach harmonirten. Für die Verbreitung .von Berndorss Renommee als A.zt ,.ber trat der General überall mit Ueberzeugung ein, und wie die Resultate ergaben, auch mit Erfolg.

Als Verndorf aber nach der Abfahrt des Generals an dem verhängnißvollen Tage sein Lenchen mit den Ereignissen bekannt gemacht hatte und nun mit salbungsvollem Tone schloß : Welches Unheil hätte entstehen können, wenn Tu nicht eben einen so ungemein praktischen Mann besäßest !" da schmollte dcr kleine Trotzkopf : ' Ich weiß nicht, was Du willst! Die sämmtlichen Medicamente, mit denen Du Deine Wunderkur vollbracht, waren doch aus meiner Apotheke!" ßin Alarktgeschästcken. Frau Schlächtermeister Emilie Hulda Schroeder, geb. Neubert, war vom Schöffengericht in Berlin wegen Beleidigung der Frau Amalie Nunge und wegen Wiverstand gegen die Staatsgewalt zu drei Wochen Gefängniß vcrurtheilt worden, hatte jedoch gegen diese Entscheidung rechtzeitig die Berufung eingelegt. Die recht behäbige, 49 Jahre alte Frau präscntirte sich vor einigen Tagen dem Gerichtshof n äußerst geschmackvoller und moderner Toilette, hatte aber ersichtlich unter der großen Hitze viel zu leiden, indem sie sich fortgesetzt den Schweiß von dem stark geröthteten Gesicht wischte. Nach Feststellung der Personalien ward zur Vorlesung des erstinstanzlichen Erkenntnisses geschritten ; demnächst sollte Frau Schroeder ihre Berufung begründen. Die Dame hatte aber bisher nur wenig Notiz von der Verhandlung genommen, denn sie begann nach einer kurzen Pause folgendermaßen : . Wat meenen Se woll, Herr JerichtsHof, zu die riesige Hitze? Wissen Se, alle Dage lege ick zwee Mark vor Eisan; aber det nutzt alles nischt;-bei sonne Wärme muß de beste Waare stinklich wer'n." Vors. : Aber das gehört ja gar nicht hierher. Erklären Sie sich kurz, was Sie gegen das Erkenntniß des Schöffengerichts einzuwenden haben. Angekl.: Detjloobe ick woll; Ihnen is et ecnjal, mir aber nich. Ick weeß ooch, warum et Ihnen eenjäl is. Wenn de Marchtpoll'zei kommt und sindt verstunkene Ware, denn lieje ick in't Essen. Aber schlachten Sc bloß 'mal heile- die beste Kreatur, morjen is sc jewiß muffig. .Vors.: Wenn Sie nunmehr keine EinWendung gegen das Erkenntniß des Schöffengerichts erheben, so werde ich dem Herrn Staatsanwalt das Wort ertheilen, welcher unzweifelhaht die Bestätigung des ersten Erkenntnisses beantragen wird. Angek. : Der Mann möchte dct woll duhn ; det jloob ick schon. Ick weeß ooch worum ; det macht ihm de wenigsteArbeet. Un sonn Fall is immer vor sonne Leite jünstiz, die nich nach de Elle arbccten ; die kriejen ihr Jeld d?ch, wcnn't Monat um is. Damit is et aber heite nischt, indem ick allens bestreite. Vors. : Dann werde ich zur Zeugenvernehmung schreiten ; ich mache Sie aber darauf merksam, das Sie die Zeugen nicht unterbrechen dürfen. Sie werden jedesmal das Wort erhalten, wenn Ihnen eine Richtigstellunz der Sachlage nöthig erscheint. Angek.: Jckwere woll uffpasscn; ick bin 'ne Jeschäftsfrau un were mir vcrdeffendieren. ' . Hierauf erschien Frau Runge, welche ohne Zweifel sehr beklommen Zeugniß ablegte. Die Dame hatte eines Tages ihr 15 Jahr altes Dienstmädchen beauftragt, drei Pfund Rindfleisch von dem gerade auf dem Gendarmenmarkt stattfindenden Wochenmarkte zu holen. Das Mädchen hatte aber beinahe lauterKnrchen gebracht, deren Umtausch Frau Runge .sodann in Person verlangte. Neber ein fosches Ansinnen war indessen die Angeklagte höchst ungehalten, welche sich im Laufe der Erörterungen sogar soweit vergaß, der Zengm mit einem Stück Fleisch, welches gerade in dcr Hand hatte, in das Geicht zu schlagen. Vors. : zu der Angeklagtm : Haben Sie noch eine Frage an die Zsugm ? Angekl.: Na ob! (Zur Zeugin): Sajen Se mal, liebe Frau, wat war et deurz vor'n Stück Fleesch. womit ick Ihnen in5 Breejen jedroschen habe soll ? Zeugin : Das kann ich doch unmöglich tuHe. Angekl. : Det is nu 'mal nischt ; wer vo?hr schwören duht, der muß doch ooch wat wissen. Vors. : Vorhaltungen haben Sie der Zeugen nicht zu machen. Haben Sie sonst noch eine Frage ? Angekl. : Na, wissen Se, Herr Jerichtshos, uf sonne Personen jede ick jarnischt. Det kooft sich mal ab und zu'n Stücksken Pferdefleesch und verwundert sich hinterher, det dc Ochsen ooch Knochen' haben. Hierauf erschien der betreffende Ä!arktpohzeibeamte, an welchen sich Frau Runge gewandt halte, als ihr die Angeklagte den Umtausch des Fleisches verweigerte. Nach Aussagen dieses Beamten habe es geschienen, als habe Frau Schroeder seinen Vornahmen Gehör geben wollen, indem sie ein Stück Fleisch vom Haken nahm und es, in beide Hände haltend, der Frau 3!unge mit den Worten gezeigt habe : Wat meenen Se zu die Fehlr!bbe? Da derf ick wobl Abbauen ?" Nach einem bcjatnom Nitftn täte sich die Verkäuferin, die eine Hand von dem länglichen Stück Fleisch zurückziehend, mit solcher Geschwindigkeit nach dem hinter ihr stehenden Fleischklotz gewendet, daß die hierdurch in der andern Hand befindliche Fehlrippe, in eine schwingende Bewegung gcrathen, das Gesicht der Frau Runge sehr unsanft gestreift. Der ganze Vorgang habe so offenbar den Stempel der Absichtlichkeit getragen, daß der Beamte in ernsten Worten auf die'Folgen .solcher Ausschreitungen hingewiesen, während es Frau Runge vorgezogen, von dem Umthauschen des Fleisches abzustehen und

sich gekränkt entfernt habe. Der Ange-'

klagten seien aber die Vorhandlung nicht sonderlich zu Herzcn gegangen ; sie babe vielmehr mit anscheinender Gelassenheit erwiedert; Lieber Mann, wenn Sc noch wat zu thun haben, lassen Se sich wegen meiner nicht abhalten. Wenn Se mir mal wieder beehren wollen, mit's jröste Verjnüjcn. Heite machen siesid aber man dmne ; vor'n jroßet Publikum paßt mir so'n Besuch nich " Das war dem besonnenen Beamten doch zu viel gewesen, weshalb er die Adresse der Anaeklaaten verlangt habe. Tiefe aber sei dabei geblieben, nur in ihrer Wohnung Auskunft geben zu wollen, babe es auch abgelehnt, sich in dcr Nähe' befindlichen Polizeiwache zu lcgitimircn. Die Angeklagte habe sich dann einer gcwaltsamcn Fortführung mit solcher Energie widersetzt, daß der Beamte zur Ermoglichung der Stistirung die Hilfe eines Kollegen habe in Anspruch nehmen müssen. Frau Schroeder wurde übrigens sofort wieder entlassen. Vors. zur Angekl. : Haben sie noch eine Frage an diesen Zeugen'? Angekl. : I woll. Sagen Se 'mal, lieber Mann, Sie haben Wohl heite noch nicht jefrühstickt 'i Hungern Se man nocb.n bisken, hernach jiebt et Zcijenjebübrcn, UN denn 9 Vors. : Wenn sie die Zeugen hie? bcleidigen, so haben Sie eine sofort vollstreckbare Strafe zu gewärtigen. Was haben sie sonst noch zu ihrer Entlastnng anzuführen ? Angekl. : Ick bitte um 'nen neicn Tcrmin mit andere Zeijeu. Vors, : Was sind das für Zeugen? A?.gekl. : Allens anständige Leite. Vors.: Was sollen denn aber die Zeugen bekunden? Angekl. : Dct mir die Schußleutc wie'n wildet Thier wechjeschleppt haben, wo ick doch zu'n jcbildten Mittelstand jcböre UN ooch 'ne feste Wohnung habe. Vors. : Ja, wenn sie nicht gutwillig folgeu, so halten ja die Beamten alle Ursache, mit Gewalt vorzugeheu. Angekl. : Det war't ja eben, se sind nich vorgegangen, dcr ecne hatte mir m'n Arm gepackt und dcr andere in's Jcnick nachjeschoben. Hierauf beantragte der Staatsanwalt die Bestätigung des erstehen Erkenntnisses, . zumal die Strafe bei den sehr gröblichen Ausschreitung vom Schöffengericht schon milde bemessen worden wäre. Dcr Gerichtshof schloß si nach kurzer Berathung diesen Ausführung auch an ; über dieses Resultat schien die Angeklagte sehr überrascht zu sein. Ra, Jott sei Dank ! et jiebt ja noch 'n Reichsjericht, un Leipzig liejt ooch nich ans de Welt," änßcrte die Angeklagte beim Verlassen des Saales. A s ch e n d o r f (Kreis Meppenl 19. Juli. Ein bedaucrnswerther Fall hat sich laut Bericht dcr Pappen'burger EmsZeitung am 15. d. in Pappenburg ugctragen. Der 25jährige Hauösohn L. A. von dort tödtete am genannten Tage, um 11 Uhr Morgens auf freiem Felde das dreijährige Kind des Colonen F. aus Böllnerkönigswehen. Cr durchbohrte mittels einer Heugabel zuerst die Brust des Kindes, dann den Kopf und endete seine schauerliche That damit, daß er dem Kinde den Schädel einschlug. Es ist anzunehmen, daß der L. A. in einem Anfalle von Geistesstörung gehandelt habe, denn wie cr seinen Nachbarn gleich nach der That erklärte, glaubte er sich von Zigeunerkindern verfolgt und da cr in dem ermordeten ein solches Kind erkannt haben will, habe er sich dadurch, daß er demselben das Leben nahm, vor weiterer Verfolgung schützen wollen. Jedenfalls wird das Gericht Wohl Licht in die Sache bringen. Zu bedauern sind aber die beiderseitigen Angehörigen, da auch der Thäter der einzige Sohn achtbarer Eltern ist. Der Thäter ist nach Osnabrück ins Irrenhaus gebracht worden. D a a d e n (R.-B. Coblenz). 20. Juli. Gestern Abend 6 Uhr entlud sich ein von Südwesten kommender Wolkenbruch mit Hagelschlag über unserem Thale, welcher die durch die lange Trockenheit überhaupt sehr mäßigen Hoffnungen unserer Landleute nahezu vernichtet hat. Gewaltige Wassermassen stürzten von den Bergen herab und rissen die Früchte der Aecker, namentlich die Getreidefrüchte, mit sich fort, Steine und Wossergräben zurücklassend. Die von den Fluten weniger betroffenen Felder und Gärten sind von dem Hagelwetter buchstäblich zerstampft. Hauptsächlich heimgesucht wurden innerhalb unseres Thalgebietes die Ortschaften Biersdorf, Niederdreisbach und Weitcfeld. In den benachbarten Bezirken, insbesondere auch im Hellerthale, hat das Unwcttcr gleichfalls gewüthet. Genf, 22. Juli. Heute Nacht wurden hier, wie Ihnen schon telegiaphisch gemeldet wurde, sechs Erdstöße verspürt, zwei um Mitternacht, zwei gegcn 2 Uhr und zwei um 2 Uhr 39 Minuten Morgens; die letzten zwei, die in einem Zwischenraum von vier Secunden aufeinander folgten, waren so heftig, daß in den Zimmern Alles säwanltc und die Leute aus den Häusern flohcn. Die Hit.e war am Tage zuvor bis auf 35 Ccniigrad gestiegen, gegcn Abend folgten in den Bergen schwere Gewitter und während des Erdbebens trat ein heftiger Wind ein. Es ist dies schon das dritte Erdbeben, daß 1881 in Genf beobachtet wurde. ' Der neue Komet bat einem 82jährigen Greise in Pülna, Bez. Vrir, einen solchen Schrcckcn eingejagt, daß cr Hand an sich legte. In der Meinung, daß das Ende der Welt herangekommen sei, schnitt er sich mit einem Nasirmesser den Hals auf und verschied nach kurzer Frist.