Indiana Tribüne, Volume 3, Number 36, Indianapolis, Marion County, 16 April 1881 — Page 6

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Jndiäna Tribüne. i

(Für die Jndiäna Tribüae.) G'csundcn und verloren. Original.Erzählung aus dem Thüringer Walde von R. T.

(Fortsetzung.) Aefi, Sie sind es rief erstaunt die in den Mantsl gehüllte Gestalt, aber, wie um Himmels Willen kommen Sie denn zu dieser Stunde hierher?" Leonhardt klang diese Stimme so be kannt, er wußte aber momentan nicht, wann und wo er sie schon gehört hatte. Die dichten Kronen der Bäume ließen das Mondlicht nicht durchscheinen und der Fremde stand gerade vor den aus der Hüt te fallenden Lichtstrahlen, so daß er ihn nicht erkennen konnte, doch jetzt wandte sich die Gestalt und das Licht des in der Hütte brennenden Feuers ließ Leonhardt die biederen Züge des alten Holzhauers dessen Bekanntschaft er am Morgen ge macht hatte, erkennen, und sichtlich er freut schlug er in die dargebotene Rechte des biederen Alten ein. .... Aber, wie kommen Sie hierher und zu dieser Stunde ?" wiederholte der Alte. - Ich ging noch spät in den Wald hmaus und verirrte mich," und Leonhardt erzählte ihm nun kurz, wie es ihm gegangen. wie er nach längerem Gehen wieder aus denselben Platz zurückgekommen sei. . Das hätte unseren abergläubischen Bauern begegnen sollen, die hätten ge glaubt, der Bose führe sie irre, und die Stelle im Walde wäre dann wahrscheinlich eine verhexte Stelle; an einer derselben in der Nähe der dicken Eiche soll sich sogar zu einer, gewissen Zeit im Jahre in der Mitternachtsstunde, ein Reiter ohne Kopf sehen lassen. . Doch aufrichtig ge standen, wir, die wir doch vertraut mit Weg und Steg in diesem Walde sind, auch wir haben . uns schon des Nachts darin verirrt. Aber ich begreife noch immer nicht, wie Sie sich, der Wege unkundig, so spät in den Wald wagen konnten V Ich bin surchtbar erschöpft, nicht wahr, Sie haben die Güte und zeigen mir den richtigen Weg V Ven Weg wurden (bie unmöglich allem finden. Und dann, wenn Sie mit Weg und Steg vertraut wären, sich also nicht verirren könnten, hätten Sie gut 2 Stun den Weges zu gehen." Was so weit?- rief Leonhardt ganz erstaunt. Aber was soll ich thun?" Ich will Ihnen einen Vorschlag ma chen, Sie sind sehr angegriffen, sehen so blaß aus und wenn ich selbst hier weg könnte und Sie begleiten, der weite Weg würde Ihnen doch zu viel werden, das Beste wäre es daher, Sie blieben sür das Ende der Nacht bei mir und theilten mein Mooslager, welches wohl in Weichheit Ihren Matratzen wenig nachstehen wird. Meinen Mantel stelle ich Ihnen gleichfalls zur Verfügung, da ich abgebärtet bin und denselben leichter entbehren kann; übrigenS ist es in der Hütte auch nicht so kühl, wenn ich das Feuer noch einmal tüchtig anschüre Ich danke Ihnen, guter Alter versetzte Leonhardt und trat in gebückter Stellung in die Hütte em, warf sich ermüdet auf das weiche Mooslager nieder und schlief auch sofort fest ein. Der Alte deckte ihn mit seinem Mantel sorgfältig zu, ging noch einmal hinaus, sah nach dem Meiler, schürte dann das Feuer in der Hütte, daß es lnstig auspras. selte und legte sich dann behutsam, damit er Leonhardt ja nicht störe, neben denselben auss Mooslager nieder. ' Wie todtenbleich der arme Junge aus sieht murmelte er in seinen Bart hinein, und der schmerzliche Zug um den Mird Winkel; muß wohl auch schon manches Herbe in seinemLeben durchgemacht haben. Das Richtige ist's mit ihm nicht, was konnte ihn zu so später Stunde noch in den Wald hineintreiben, und das verstörte Aussehen ? Es muß ihm etwas geschehen sein, denn heute Morgen sah er noch so ruhig, so selbstbewußt, wenn auch etwas schwermüthig drein; der Contrast ist mir zu auffällig. Nun, werde ja vielleicht morgen etwas aus 'ihm herausbringen; dauert mich in der Seele, der arme Kerl. In diesem Alter war mein Franz, als ihn das Schicksal von meiner Seite riß." Dann starrte er.noch eine Weile ins Feu er, bis auch er in Morpheus Armen lag. Der Ball war zu Ende. Landeck und Louise gingen, wie eö so unter Verlobten gebräuchlich ist. Arm in Arm ihrer Woh. nung zu, fanden aber Beide solchen Gefal

len an der schönen Mondnacht, daß sie be schloffen, nicht direkt nach Hause zu gehen, sondern einen kleinen Umweg zu machen, um noch ein .wenig miteinander plaudern zu können, denn nur dann, wenn ein paar Liebende allein sind, füblen sie sich erst recht wohl und sprechen sich gegenseitig so recht von Herzen aus. Im Gewühle des Balles waren Beide vielfach von Anderen in Anspruch genom men worden und so waren sie jetzt froh, noch ein halbes Stündchen ungestört allein sein zu können. Louise," begann jetzt Landeck mit einem Tone, in welchem eine gewiffe Erregtheit nicht zu verkennen war, Du kamst mir heute Abend etwas sonderbar vor. Deine Unruhe befremdete mich, als man Dir sagte. Dein Cousin sei heimgegangen und ließe sich Dir empfehlen. Dann sprachst Du den ganzen Abend, was sonst Deine Art ist, so furchtbar wenig. Stelle ich mir dies alles zusammen, dann dann ! o. Dein Cousin scheint auch ein gar lic benswürdiger Mensch zu sein !" Allerdings ist er das und es fret mich um so mehr, daß auch Du dasselbe gcsunden hast." Er icheint das Zeug dazu zu haben, die Damen sür sich zu interessiren, sie zu fes seln." Ja," Louise holte etwas tiefer Atbem, und doch steht er,' wie e. mir erzählte, ganz allein, hat sich noch an kein junges Mädchen gebunden, und verdiente doch, wie seltenEiner, so. recht von Herzen geliebt zu werden !" Sie hatte sich gänzlich gehen lassen und sprach diese letzten Worte so mit Wärme, daß Landeck dadurch gereizt, noch erregter wie vorher erwiderte : Ei, ei ! was muß ich hören? Du bist ja ganz Feuer und Flamme und scheinst Deinen Cousin, den Du ja nur erst sei: hute kennst, mehr in Dein Herz geschlossen zu haben, als es sonst zwischen Cousin und Cousine der Fall zu sein pflegt." Diese Worte klangen zuletzt so bitter, daß Louise fast erschrak. Freilich kenne ich ihn erst seit heute erwiderte Louise, und doch habe ich ihn so gern, so recht von Herzen lieb gewon j nen. Aber. Du lieber Gustav, Du mußt nicht eifersüchtig sein und mich mit Deiner Eisersucht Plagen. Dabei schlang sie ihren Arm zärtlich um seinen Nacken und schaute bittend zu ihm mit ihren großen biauen Augen hinauf denn Du müßtest wissen, wie Du mir der liebste von allen, allen Männern bist !" Landeck war in der That eisersüchtig, dem bittenden Blicke des Mädchens hatte er aber noch nie zu widerstehen vermocht. Er schlang seinen Arm um sie, preßte sie heftig an sich, und ihre Lippen vereinigten sich in einem langen, langen Kuß. Sieh, mein lieber, bester Gustav, wenn Du eifersüchtig bist, das berührt mich im mer so schmerzlich, thut mir immer so weh; ich denke dann immer, daß Du mir Dein ganzes Vertrauen noch nicht geschenkt hast, daß Du an meine heiße, innige Liebe nicht so fest glauben könntest. O, ich bitte, ich beschwöre Dich, laß ab von dieser unseli gen Leidenschaft, denn es ist wirklich so mit dieser Eifersucht, daß sie mit Eifer sucht, was Leiden schafft," Aber, liebe Louise, wo keine Eisersucht ist, ist auch keine Liebe, und daß Du so ?enig eifersüchtig bist, das macht mich ja eben um so eisersüchtiger." Glaubtest Du so fest an mich und meine Liebe, wie ich an die Deine, so würdest Du so wenig eifersüchtig werden können, wie ich es zu werden vermag. Und war' um sollte ich andere auch nicht gern haben ? Ich fühle mich in Deiner Lebe so glücklich, daß ich dies Glück auf Alles übertragen möchte, daß ich die ganze Welt umarmen könnte ! und wenn man mir mit Zutrauen und Zuvorkommtheit entgegegenkommet, sollte ich dann so undankbar, so rauh sein, Jemand zurückzustoßen ? Das wäre nicht recht, und es würde manches Unheil und manche Bitterkeit in der Welt erspart bleiben, wenn die Menschen sich mit mehr Liebe entgegenkämen. Und solltest Du niemals selbst empfunden haben, wie uns gerade eine rauhe Behandlung von Denjenigen am meisten wehe thut, die uns durch ihre Erscheinung oder ihr sonstiges Thun und Wesen lieb geworden sind, die uns über Haupt näher stehen?" Ich muß gestehen," sagte Gustav, daß Du nicht ganz Unrecht haben magst und wäre demnach an der Reihe, diesen meinen Fehler wieder gut zu machen, und damit Du siehst, wie lieb ich Dich habe, so ver. spreche ich Dir hiermit feierlichst, daß ich mich bekämpfen und Dir nicht wieder Ur

sache geben will. Dich über meine Eifer sucht zu beklagen." : O, Du bist mein lieber, guter Gustav, daran erkenne ich Dich." Und wieder schloffen sich die Beiden glücklich Liebenden in die Arme und wechselten heiße Kliffe. Droben am Himmel aber wandelte der mitternächtliche Mond und blinkten die ewigen Sterne. Die beiden Liebenden schauten hinauf und in heiterem Lichte strahlte ihnen Mond und Sterne entgegen, während im stillen, ein samen Waldeshage ein anderes Menschen kind saß, mit ganz anderen Augen. Schmerz und Verzweiflung in der Seele, mit gramerfülltem Herzen, hinauf zum bleichen Monde und den Millionen von Welten blickend. Weißt Du, liebe Louise, Dein Cousin ist keine von den Erscheinungen, die aus den ersten Blick fesseln, er ist nicht, was man eigentlich schön zu nennen pflegt, aber sobald man mit ihm nur längere Zeit gesprochen hat, so sühlt man sich sympathisch von ihm angezogen ; es liegt so ein ge wisses Elwas, eine stille Würde in diesen Zügen und man sühlt bald das Ueberlegene, das er über uns hat, heraus, und deßhalb, weil er dies selbst nicht einmal ahnt, zieht er uns nur um , so unwiderstehlicher zu sich hin, ich fand dies bald heraus und wußte, daß es seinen Einfluß aus Dich nicht verfehlen würde und dies vermehrte nur meine böse Eifersucht." Du hast recht,ustav, dieses unnenn bare Etwas hat auch mich zu ihm hingezo gen und ich bin der festen Ueberzeugung, wenn Du ihn erst noch näher kennen lernst, wirst Du ihn ebenso lieb gewinnen, wie ich ihn in dieser kurzen .Zeit lieb gewonnen habe. Morgen wird er uns besuchen, und Abends, da Du nicht früher abkommen kannst, gehen wir zusammen ins Curhaus, auch der Onkel muß uns mit seiner Familie dorthin begleiten, und so wären wir dann eine ganz hübsche kleine Gesellschaft beisammen." Beide waren unterdeß an Louisens Wohnung angekommen. Noch einen Kuß, dann gute Nacht, und Gustav ging mit schnellen Schritten seiner Wohnung zu.

Als der Alte sich früh von seinem Lager erhob, fand er Leonhardt bereits wach, auf seinem Lager sitzend, er hatte den Kopf in beide Hände gestützt und sah ernst und traurig, doch resolut vor sich hin. Ei, guten Morgen, junger Mann ! schon so früh ausgeschlasen? Ich dachte mir, wie Sie so erschöpft auf's Lager nie versanken, nun, der wird wohl bis in den hellen Mittag hinein schlafen und nun ich finde Sie schon jetzt wach V Der Alte legte nach den letzten Worten seine Hand auf Leonhardt's Schulter und blickte ihn zutraulich mit seinen gutmüthigen treuen Augen gewiffermaßen väterlich an, dann fuhr er in noch wärmerem Tone als vorher fort : Erzählen Sie mir, vertrauen Sie mir jetzt, was Ihnen begegnete, was Sie so finster und traurig ma chen tonnte. Jetzt gefallen Sie mx schon besser, als wie Sie sich zur Ruhe nieder legten, und ich muß Ihnen gestehen, wie Sie so bleich und verstört in der Nacht gestern vor mir standen, da erschrak ich fast über Ihr geisterhaftes Aussehen und wagte nicht, weiter in Sie zu orängen." Ich begreife das kaum, sah ich denn wirklich so verstört aus V versetzte Leon hardt. Es ist so! Und wie soll ich das Schluchzen, was Sie in dieser Nacht hören ließen, deuten? Ich dachte nicht anders als Sie wären wach und es sei Ihnen Etwas zugestoßen. Ich richtete mich des halb auf, sah aber bald,daß Sie fest schlie fen und nur im Traum so laut geschluchzt haben konnten. Ihr Gesicht drückte dabei mehr innige kindliche Freude als Schmerz aus und geräuschlos ließ ich mich wieder auf mein Lager nieder, um Sie nicht in einem vielleicht schönen Traume zu stören. Erzählen Sie mir, was Sie bedrückt, ich bin schon ein alter Mann, habe schon manches erlebt, und. in dieser Welt, auf welcher ich nicht mehr viel zu suchen habe, durchgemacht, war einst auch jung, wieSie und habe gelebt, geliebt und gelitten vielleicht kann ichJhnen rathen, wenn auch nicht helfen." O, guter Alter, Sie erschienen mir gleich beim ersten Anblick so bieder und herzlich, und da Sie sich für mich interessi ren und ich Ihnen glaube, daß SieAntheil an mir nehmen, und, weil ich Niemand auf der weiten Erde habe und hier be kam seine Stimme wieder den eigenthüm lich traurigen Klang dem ich es mitthei

len möchte, so hört, ich will Euch Alles erzählen." Leonhardt erzählte nun die Bekanntschast mit Louise und den ganzen Verlaus des gestrigen Tages und wie er am Ende desselben aus allen seinen Himmeln geris sen hinaus in den Wald gestürmt, sich verlausen und zu ihm gekommen - sei. Diese Nacht," fuhr er weiter fort, er schien mir im Traum meine verstorbene, unvergeßliche Mutter. Ich war mit Louise zusammen und wir wechselten, o welche Wonne! den ersten Kuß. Da er schien meine Mutter mir fuhr es an fangs wie Scham durch die Seele, weil sie mich beim Küffen. betroffen hatte aber ihr Antlit; strahlte vor Freude, und ich las daraus, wie sehr sie sich über mein Glück freute. Schon öfters erschien sie mir im Traume, aber noch nie so deutlich, ein so ungestüm freudiges und zugleich schmerz lichesPhänomen war mir solch einTraum gebilde noch nie. Ja, man kann auch im Traum genießen. Ich flog meiner geliebten Mutter freudig in die Arme und schluchzte laut und lange an ihrer Brust vor Schmerz und Freude ' und wollte sie nimmer lassen. Dann aber verschwand sie aus meinen Augen und auch Louise war verschwunden; das schöne Traumbild war zerronnen. Keinem hatte ich diesen Traum erzählt,' denn wir Menschen sind so- ganz das Produkt unserer Zeit keiner will dem andern seinen Schmerz und f in Fühlen gewahr werden laffen, man schämt sich dessen rauh und egoistisch, wie un ser ganzes Zeitalter muß der Mensch, und wenn auch nur äußerlich erscheinen; man muß oder soll sich zeigen, wie man nicht ist'! Doch Ihr. Alter, Ihr blicktet mich so theilnehmend, so herzlich an, hör tet mein nächtliches Schluchzen, Euch, Euch mußte ich mich zeigen, wie ich wirklich bin, Euch mußte ich Alles erzählen." Ja die Mutterliebe fuhr er weiter fort, ist im Leben die edelste, die reinste, die uneigennützigste. Das Mutterherz es ist uns ein sicherer Hafen, in den wir einlaufen können nach den Stürmen, die wir im Leben zu bestehen hatten. Wenn Alles treulos uns verließ, wenn wir bis zur Verzweiflung uns enttäuscht sehen, wohl uns dann, wenn wir an der Brust einer Mutter uns ausweinen und mit un serem Schicksal versöhnen können ! Ewig bleibt es treu, das Mutterherz, seine Liebe versiecht uns nimmer und nimmer ! So selbstlos und rein kann uns kein Mensch auf dieser Erde wieder lieben, selbst ein liebend Weib wird nie im Stande sein, uns die Liebe einer Mutter zu erse tzen ! Und wenn eine Mutter noch so sehr von ihren Kindern betrübt würde, ihre Liebe kann sich nicht in Haß verkehren und jeder sollte sich daher ängstlich hüten, einer Mutter, die uns unter ihrem Herzen getragen und mit Schmerzen gebar, mit Gleichgiltigkeit wehe zu thun, denn weit über , das Grab hinaus bleib! uns noch ihre Liebe, ihr liebend Angedenken ! Auch ich habe mich diese Nacht an ihrer Liebe aufgerichtet, die Mutter erschien mir zur rechten Zeit. Ich bin jetzt gefaßter, mein Ungestüm hat sich gänzlich gelegt und klar liegt jetzt mein Liebe zu Louise vor mir. Sie selbst soll entscheiden ! Ist Louisens Liebe zu Landcck wirklich echt und groß dann dann wird sie glücklich sein und wie könnte ich, der ich dieselbe so un aussprechlich liebe, wie könnte ich sie an ders als glücklich sehen wollen? und doch, wenn ich daran denke, daß ein Anderer o, es ist eine närrische Welt!" Das ist brav von Ihnen gedacht," er widerte der Alte, der bis jetzt ernst und schweigend zugehört hatte. So alt ich nun geworden bin, bei Ihrer Erzählung tauchte auch meine Jugendliebe hell und klar vor meinem geistigen Blicke auf. Auch ich liebte mit der ganzen Gluth, wie nur ein Bursche von einigen 20 Jahren lieben kann und wurde auch wieder geliebt. Von unserem Verhältniß hatten die Eltern meiner Angebeteten keine Ahnung und wir hatten auch alle Ursache, es zu verbergen, denn ich war ein armer Schlucker und die geldstolzen und gelddürstigen Eltern mei ner Elisabeth würden nie in eine Verbin dung zwischen mir und Elise gewilligt haben. Doch ich war jung, kühn und zum Erwerben muthig, was ich jetzt nicht er langt hätte, hoffte ich später zu bekommen. Ich wollte hinaus in die Welt, wollte mir einen Namen erringen, wollte mit Fleiß und Ausdauer arbeiten und dann heim kehrend vor Elisabeth's Eltern hintreten und die Hand ihrerTochter fordern. Doch im Buche des Schicksals stand es . anders geschrieben. Ein sremder schmuckerBursch

kam in das Städtchen, machte die Be kanntschast von meiner Geliebten und deren Eltern, mein Lischen wurde bei unsern heimlichen Zusammenkünften immer küh ler, dieselben fanden immer seltener statte bis sie zuletzt ganz wegblieben. Der Fremde, der ein Sohn vermögender Eltern sein sollte, hielt um die Hand Lieschens an, die Eltern drangen in sie, es wurdebald Hochzeit und die junge Frau folgte ihrem Gemahl m seine Heimath. Ich hätte zu jener Zeit rasend werden können und mehr wie einmal hatte ich den Ent schluß gefaßt, die Büchse im Arme hinter den Baumstämmen des Waldes aus Beidezu lauern, ste niederzuschießen und mich, dann selbst umzubringen. Da fielen mir meine armen Eltern ein, und ich dachte mir dann deren Jammer, dachte mir sie ihres letzten Trostes beraubt dachte sie in ihren alten Zagen allein, um mich, ihre letzte Stütze und ihren ganzen Stolz trau crnd, dann schleuderte ich die in Versuch' ung führende Büchse weit weg und bat den Fimmel, mir Kraft zu verleihen, damit ich das Schreckliche ertragen körne. Was-. ich damals litt, damit will ich ' Sie ver

schonen, aber gut war es wahrlich, daß sie auS meinen Auzen kam! Ob sie glücklich geworden ist? Je nun, ich bezweifle es. Später hörte ich munkeln, sie sei nicht glücklich, die Verhältniffe ihres ManneS seien keineswegs so glänzend' wie man e& vermuthet habe u. s. w. Lange J.ihre hindurch fühlte ich nicht das' geringste Jntereffe für ein Frauenzimmer.alle waren sie mir gleichgüttig.mein Leben floß eintönig dahin, all? Lust zum Weiterstreben war mir vergangen und ich wurde älter und älter, bis schließlich die Zeit kam, wo meine Eltern' von mir gin gen, wo sie in das düstre Reich der Schat ten hinabstiegen, - und ich dann eine Frau brauchte, die die Wirthschaft fortführen konnte. Ich fand auch bald ein paffendes Weib dazu. Wenn Sie mich aber fragen, war es das Weib Ihres Herzens, konnten Sie eine Zweite inniger heißer als sie lie ben, so muß ich Ihnen darauf erwidern : ich braucht? eben eine Frau und deshalb heirathete ich." Unserer Ehe entsproß ein Sohn, ein munterer, kerniger Bengel; Jedermann hatte seine Freude an dem Buben und er war ja auch meine einzige Freude, mein einziges Glück. Unter meiner Obhut reifte er zum blühenden Jüngling heran, und daß er so schön und kräftig herange wachsen war, das war sein Verderben ? man nahm ihn zum Militärdienst. Die beiden ersten Monate schrieb er die aller jämmerlichsten Briefe, wie ihm das Sol datenleben zuwider und verhaßt sei und wie sich Alles in seinem Inneren empöre, wenn er täglich zusehen müffe, wie Dieje nigen, die von Hause aus etwas anzusetzen hätten, minder hart von ihren Vorgesetzten behandelt würden und dagegen die" armen Teusel am schlimmsten wegkämen. Ich ermähnte ihn, er solle nur geduldig aus harren und tragen, was einmal nicht zu ändern sei, denn ich bangte immer, sein lebhafter, leicht erregbarer Charakter und sein gerader, offener Sinn könnten ihn un glücklich machen. Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen, denn eines Tages wurde mir amtlich die Nachricht : mein Sohn sei höchstwahrscheinlich beim Baden ertrunken, man habe seine Kleider am Ufer des Fluffes gefunden." Gleichzeitig aber bekam ich einen Brief von einem seiner Freunde, der mir mittheilte, er habe be gründeteVeranlaffung zu vermuthen, mein Sohn habe sich Civilkleider zu verschaffen gewußt und habe nur zum Schein, damit man von seiner Verfolgung abstehen solle, die Militärkleider ans Ufer des Fluffes gelegt, und dies sei um so wahrscheinlicher, weil er sich kurze Zeit zuvor an einem sei ner Vorgesetzten vergriffen habe und nun der jedenfalls nicht ausbleibende:: beträcht lichen Strafe sich durch die Flucht entzo gen habe. Der gute Junge hatte es nicht mit ansehen können, wie dieser Vorgesetzte einen armenRekruten mißhandelte, er war dazwischen gefahren und hatte den Borge setztenihm schon lange durch seinBenehmen verhaßt geworden war, übel zugesetzt. Tage, Wochen, Monate vergingen, da endlich erhielt ich einen Brief von meinem Franz, New Vork. Hastig erbrach ich das Siegel und las, daß mein Sohn glücklich in Amerika anbelangt war. Er theilte mir die näheren Umstände seine:.' Flucht und was ihn dazu veranlaßt habe, mit, daß es ihm in der neuen Welt, wZ es keine Orden und Abzeichen gebe, sehr gut gefalle, und daß wir ihm zu seinem Glück fehlten. (Schluß folgt.)