Indiana Tribüne, Volume 3, Number 35, Indianapolis, Marion County, 9 April 1881 — Page 6

i

Jndiana Tribüne.

, (Skr Me ,3nbtana Tribüne) Gesunden und verloren. Oiizixal'Srzählung aus dem Thünnge? Walde von N..T. (Fortsetzung.) Alte graue Burgruinen zeigten sich bis Veit in die nebelhaste Ferne an den Ab hängen der Berge und erzählten von längst vergangenen Geschlechtern und von versunfener Pracht und Herrlichkeit; aber auch von einer eiserner Zeit, wo die Faust des Stärkeren sich bleiern auf die Schul lern der Schwächeren legte, um sie im eifernen Würfelspiel zu zermalmen. Aber ist es denn heute anders, gilt nicht heute noch ebenso wie zu jener Zeit die zerstören de Macht des' Stärkeren? Ja, sie gilt noch ebenso, nur die Form hat sich geän dert, das Wesen, die Sache selbst aber ist geblieben. Wobl giebt es keine Raubrit' ter mehr, die im blanken Harnisch und stählerner Rüstung, mit wehendem Federbusch und eingelegter Lanze aus ihren Gegner einsprengen und wo der Schwä chere wenigstens im offenen Kampfe sein Leben so theuer als möglich verkaufend, einen schnellen Untergang finden konnt, aber der Schwächere und Besitzlose wird heute noch ebenso vom Stärkeren überwältigt und zwar durch die moderne capi alistische Produktionsweise. Sie ist eine rassinirte Gewalt des Stärkeren gegen den Schwächeren. ' Wo sich eine lichte Stelle im dichten Nadelholze zeigte, da blickten die rcthen Ziegeldächer eines Dörfchens idillisch hin durch, sonst sah man nichts, soweit daS Auge reichen konnte, als mit dunklem Nadelholze bewachsene Berge, die in ihrem scheinbaren Unbegrenztsein einen grob, tig, erhabenen Eindruck auf das mensch liche Gemüth hervorbringen mußten. Auch Leonhardt war mächtig ergriffen, das Grobartige dieses Bildes hatte ihn auf einige Augenblicke von seinem geliebten Gegenstande abgelenkt wubte er ihn doch in der Nähe, dies wirkte beruhigender bis ihn jetzt die Klänge der Musik von seinem Anschauen ablenkten. Die Herren sprangen auf und beeilten sich eine Tänzerin zu bekommen, und auch Leonhardt wollte di: Gelegenheit benutzen' sich dem schönen blonden Mädchen zu nähern, er. hob sich und. ging der Stelle zu, wo sie sich niedergelassen hatte. Aber, o weh, eben, -wie er im Begriffe war, sie zum Tanze zu bitten, kam ihm ein junger Lehrer zuvor, und er mubte sich tief erröthend zurückziehen. .Abscheulich!" murmelte er zwischen den Zähnen, suchte seinen Platz aus und warf sich mibmuthig' wieder auf den grü nen Rasen nieder,' um die Zeit, wo der nächste Tanz begann, abzuwarten. Als der nächste Tanz an die Reihe kam, hielt er sich mehr dazu und stürzte mehr, als er ging, sowie die ersten Klänge der Musik erschollen, der Stelle zu, wo seine Angebetete ihren Platz hatte, und er suchte sie in der hergebrachten Weise, mit ihm den nächsten Reigen zu tanzen. Mit sichtlicher Freude folgte ihm die chöne Blondine und konnte leicht errö thend eine gewisse Verwirrung nicht ver bergen, als sie sich vom Platze erhob. Leonhardt aber wagte eS kaum, ihr in die schönen tiefblauen Augen zu sehen, indem er sich ihr vorstellend, sagte : Mein Name ist Leonhardt Stein Der meine, Louise Born entgegnete daS junge Mädchen mit einer volltönen den, anmuthig klingenden Stimme. .Louise Born V wiederholte Leonhardt ganz verwundert, Jboxn hieb ja auch meine Mutter." Und nun stellte sich heraus, dab die Grobväter Beider Brüder gewesen waren und ganz freudestrahlend rief Leonhardt aus : o, wunderbare Fügung, so wären wir ja verwandt und Sie meine liebe Cou .sine?!' .Und Sie mein bester Cousin ergänzte Louise und sah ihn dabei mit einem innigen Blicke ihrer schönen Augen an, legte ihre Hand in seinen Arm und so schlössen sich Beide den zum Tanze ausgestellten Paaren an. Leicht und elastisch schwebte sie an Leonhardt's Seite dahin, eine innige Freude verklärte das Antlitz des Letz, teren, und anmuthig flog das schöne Paar auf dem grünen Wiesenplatze unter den Klängen eines Polkas dahin. Leonhardt wurde nach dem Tanze auch den beiden Freundinnen seiner Cousine vorgestellt und auch ihnen theilte sich die Freude der Beiden mit. Die Stunden verstrichen schnell unter Tanz und Spiel,

und erst als die Sonne mit ihren Strah len die gegenüberliegendenBergspitzen ver. goldete, brach der Zug unter den Klängen der Musik nach Hause auf. , Leonhardt bot Louise aus dem Heim wege selbstverständlich seinen Arm, den diese auch erfreut und mit ihren schönen Augen dankend annahm. O, welcher Himmel von Seligkeit lag in diesen Augen! Ein Blick, ein bittender flehender Blick daraus, wer hätte diesem wohl xo verstehen können? Und wenn sie Leon hardt ansah, so grob, so verständnibinnig, da drang es ihm hinab bis in sein tiessteö Innerstes und machte ihn hoch ausflam men in stürmischer Begeisterung. Wie gern, wie freudig Hütte er für sie sein Leben in die Schanze schlagen können und sterbend würde ihn noch eine Thräne in bissen Augen die höchste Belohnung, die gröbte Seligkeit gewesen sein. Wie schön die Sonne dort untergeht sagte Leonhardt, stehen bleibend und zurückblickend. Stets stimmte mich der Sonnenuntergang ernst, fast traurig, aber heute, heute kann ich sie untergehen sehen, ohne schmerzlich bewegt zu sein; ich bin ja so froh, so glücklich, eine liebe Cousine ge funden zu haben !" Das könnte ich von mir nicht sagen," entgegnete Louise. dab mich ein SonnenUntergang traurig oder schmerzlich bewegt hätte. Wohl sah ich gern diesem Schau spiel der Natur zu, aber traurig stimmen konnte es mich noch nie; ich versetzte mich dabei in ferne Länder, wo sie jetzt, da sie uns untergeht, Millionen anderer Men schen mit anderen Sitten und Gebräuchen aufgeht, und ein leises Sehnen überkam mich, dann auch mitunter nach einer unbekannten Ferne dies war alles, was ich bei ihrem Scheiden empfand. Geht sie doch am nächsten Morgen wieder auf und wiederholt sich dieses Schauspiel täglich, und wenn sie auch auf einige T'ige hintereinander von finstern Wolken verhüllt ihren Untergang uns Menschen verstockt, so geht sie uns doch dann desto herrlicher, desto schöner wieder auf." Ein Sonnenuntergang," versetzte Leonhardt, erinnert mich stets an unsern eigenen Untergang, und dann kann man die Tage leicht zählen, wo wir Menschen die Sonne untergehen zu sehen bekommen. Sie geht wohl täglich von Neuem auf, aber zwischen ihrem Aus und Niedergange brach manchzS Auge und wenn wir Menschen untergehen, kehren wir nimmer wieder zu den unsern zurück. Das ist es ja, was uns ernst bei ihrem Scheiden stimmen mub. Und strahlend im schönsten j Glänze , sinkt sie hinab und verschwindet j unseren Blicken, wir aber, wir werden einst nicht so schön und schmerzlos dahingehen. Dann schrecke ich immer, wie jäh empor aus meinen Träumereien, eine innere Stimme ruft mir zu: lebe! solange eö Dir beschicken ist aus dieser schönen Erde zu leben. Und schwer fällt es mir auf die Seele, wenn ich sehe, wie die Menschen, die ihnen so kurz zugemessene Spanne Zeit nutzlos vergeuden, ungeniebbar, un genossen, in Zwist, Streit und Kampf ; wenn ich sehe, wie einer des andern Teufel ist. ja sogar mitunter bei den heutigen gesellschaftlichen Einrichtungen sein mub wenn ich sehe, wie sie kalt und sremd mit liebeleerem Herzen aneinder vorübergehen da packt mich stets der Menschheit ganzer Jammer an ! Denn wer noch eintzerz hat, kann der unter solchen Menschen, unter solchen Verhältnissen glücklich und froh leben? Nimmermehr! Entweder sein Herz versteinert auch mit der Zeit, oder aber er strebt nach besieren Zuständen, nach einer anderen Menschheit und e3 bricht ihm in diesem Kampfe zeitig genug das Herz entzwei." Finster und traurig blickte das Auge des jungen Mannes, als er diese Worte sprach, und Louise war bleicher geworden, so hat ten sie die Worte des jungen Mannes er griffen. Beide schwiegen jetzt und schau ten ernst und träumerisch der dahinschei. binden Sonne nach. i Leonhardt glaubte in den schönen Au gen Louisens etwas Feuchtes zu sehen. Er ergriff mit Warme ihre beiden Hände, drückte sie innig und sprach : O, Louise ! Sie erlauben, dab ich Sie jetzt so nenne?" 1 Von Herzen gern, guter Leonhardt!" versetzte Louise mit vor Ausregung etwas zitternder Stimme. O, Louise, lasien wir alle Steisheit zwischen uns schwinden, - wir sind ja Ver wandte! Dab wir uns erst heute kennen lernten, ist nicht unsere Schuld ; Louise! lab uns Du" zueinander sagen." ' O, guter Leonhardt, ich kenne Dich allerdings erst wenige Stunden, aber Dein ganzes Thun und Wesen hat mir so viel

Zutrauen eingeflöbt, dab ich mit Freuden einschlage." Und dabei blickte sie so innig, so treu zu ihm empor, dab er ihre Hände fester in den seinigen drückte. Ein Seufzer entwand sich seiner Brust er führte die Hände Louisens an seine Lippen und be deckte dieselbe mit zärtlichen Küssen. Diese lieb eS geschehen, ohne ein Wort zu erwidern. So standen sie da, ein schöneSMenschen paar, wie verklärt von den letzten Strah len, der eben hinter den Bergen versinken den Sonne. Sie versank und Louise war noch bleicher und schöner geworden. Noch immer standen sie schweigend neben einander, der Zug der Heimkehrenden war schon längst an einer Krümmung des Weges ihrenBlicken entschwunden und nur ab und zu strich ein Nachzügler an ihnen vorüber, der nicht umhin konnte, das schöne Paar anzusehen. Da auf einmal erschien auch noch der junge Lehrer mit den beiden Freundinnen Louisens, 'denen sich noch ein Gymnasiast angeschlossen hatte; man hatte sich etwas verspätet und freute sich zu den Beiden zu stoben. Auf jetzt ! munter, vorwärts ! damit wir dem Zuge wieder nachkommen." trieb der junge Lehrer die kleine Gesellschaft an und fügte, wie zur Ermunterung hinzu : hören Sie? jetzt wird gerade der neue Marsch aufgespielt!" Es wurde bunte Reihe gemacht und Arm in Arm stürmte man bergab, bis das Gros j der Gesellschaft wieder eingeholt war. Trotzdem sich das Gespräch um 'ganz gleichgiltige Dinge drehte, wurde Leon hardt der Weg in Louisens Gesellschaft doch furchtbar kurz, so dab er ganz über rascht war, als man schon die ersten Häu ser des Städtchens erblickte. Die Gesellschaft machte jetzt Halt, damit alle Nachzügler sich derselben noch an schließen konnten und Herren und Damen bunt durcheinander, so zog man dann, die Musikanten voran, unter den Klängen eines Marsches heiter und vergnügt in das Städtchen ein. Auf einem freien Platze wurde Halt gemacht, und hier verabschiedet? man sich gegenseitig. Ich bin zu dem heute Abend stattfin denden Lehrerballe eingeladen, Louise kommst Du auch dahin?- frug Leonhardt, ehe sie sich von einander verabschiedeten. Auf Wiedersehen ! ich komme," entgeg nete Louise und beeilte sich nach Hause zu kommen, um Balltoilette zu machen. Leonhardt, obschon durchaus keinFreund des Tanzes, tanzte doch einige Stücke mit Louise. Die übrige Zeit war er mit ei nigen Lehrern in ein eifriges Pädagog! sches Gespräch verwickelt worden, was ihn verhinderte,- mit Louise, die vielfach von von jungen Lehrern umschwärmt wurde, zu verkehren. Da kam'ein DamenEn gagement an die Reihe. Leonhardt schaute verstohlen nach Louise aus in der Hoffnung, sie werde ihn trotz dem ihr seine ausgesprochene Abneigung für den Tanz nicht unbekannt war, zu ei' nem Tanze abholen. Da tauchte sie un mittelbar in seiner Nähe aus der Menge auf und blieb zögernd stehen. Was hielt sie zurück, zu ihm zu kommen und ihn zu einem Tanze zu holen? Unbegreiflich! Leonhardt vermochte sich dies nicht zu er. klaren. Wie er nun so darüber nachsin nend dastand, bat ihn eine andere Dame zum Tanze. Nachdem das DamenEn gagement beendigt war, ging er zu Louise. Diese sagte etwas befangen zu ihm : ich will Dir auch Herrn Landeck vorfiel len." Und kaum hatte sie diese Worte ge sprachen, als ein junger Mann von ganz ansprechendem Aeubern im Alter von un gefähr 23. Jahren mit dunkelblondem Vollbart v?r ihm stand. Leonhardt Stein, mein Cousin, Herr Landeck." ' Sie sind jedenfalls erst jetzt gekommen, Herr Landeck V begann Leonhardt. Ja, vor wenigen Minuten," entgegnete dieser, ich kehrte erst spät von der Jagd heim." Die Jagd mub eine schöne Zerstreuung sein und Sie sind gewib nicht mit leeren Händen heimgekehrt?- versetzte Leon hardt. DaS kommt in unserer Gegend sehr selten vor, dab einer leer, ohne Beute von der Jagd heimkehrt," entgegnete Landeck. Dies gleichgiltige Gespräch wurde da durch abgebrochen, weil eben jetzt Louisens Freundinnen, die Leonhardt schon Nach mittags kennen gelernt hatte, hinzutraten und Louise sich anschickte, mitt Herrn Lan deck einen gerade beginnenden Walzer, ihren Licblingstanz, zu tanzen. Nicht wahr, ein recht netter, liebcnswürdiger Mensch, Louisens Bräutigam?" wandte sich das eine der jungen Mädchen

an Leonhardt,er ist nur ein wenig zu eifer süchtig.- Schaden kann eS nun zwar nichts, wenn ein Bräutigam etwas eifer süchtig ist und ich möchte keinen Mann haben, der sich nicht eifersüchtig machen liebe, aber gar zu eifersüchtig darf einer auch nicht sein." Wie? was? Bräutigam?" frug Leon hardt ganz erstaunt. Nun ja, wissen Sie denn nicht, dab Herr Landeck schon längere Zeit mit Louise ver lobt ist?" Leonhardt zuckte erbleichend in sich zu sammen, aber schnell fable er sich und sag. te : Das hat mir wahrscheinlich Louise in diesem allgemeinen Durcheinander zu sa gen vergeffen, auch möglich, dab ich es überhört haben konnte." Die junge Dame, die Leonhardt diese Hiobspost gebracht hatte, wurde jetzt eben falls zum Tanze gebeten und Leonhardt war dies sehr lieb. Ah ! nun ist mir Alles klar !" sagte er zu sich und lieb sich auf einen Stuhl nie der ; (er selbst hatte kaum geglaubt, dab ihn ein paar Worte, wie diese, so mit einem Male niederschmettern würden) also debhalb stand sie zögernd beim Damenen gagement in meiner Nähe, und wagte nicht mich zum Tanze zu holen ? Doch sie hat ja gar nicht getanzt, hat auch ihn nicht zum Tanze aufgefordert! Und warum stellte sie mir Herrn Landeck nicht als ihren Bräutigam vor?" Diese und ähnliche Fragen stürmten durch seinen Kopf, ach ! und wie ihn das sichtlich erleichterte. Und wie sich der Er. trinkende in seiner Todesnoth an einem Strohhalm festklammert und von ihm Rettung hofft,' so klammerte sich jetzt Leon hardt, der liebende Leonhardt, an jene vielleicht zufalligen Umstände. Er liebte Louise, hatte sie schon geliebt beim ersten Anblick, wie er sie so sinnend am Rande des Teiches in ihrem Gärtchen hatte stehen sehen, ihr Bild war ihm seitdem nicht wieder aus der Seele gewichen, und er hatte gehofft und seine Hoffnung schien ihm nach dem Verlauf des Nachmittags in so schöne glückliche Wirklichkeit über geben zu wollen. O ! und nun, nun sollte er mit einem Male aus allen seinen Himmeln jäh herabstürzen, sollte sich mit bittrer Gewibbeit sagen : sie ist für Dich verloren ? !" Nein mit diesem Gedanken konnte er sich nicht vertraut machen, der Liebe Sehnen und Schmerz lag mit Allge walt auf seiner Seele, und so wie wir den wahren Werth eines geliebten Gegenstan des erst dann erkennen und .emvsinden, wenn wir ihn nicht mehr besitzen, oder in Gefahr schweben, ihn verlieren gu sollen, so empfand Leonhardt erst jetzt voll und ganz, wie sehr, wie unendlich er Louise liebe! Sollte sie ihr.en Bräutigam wirklich so von Herzen lieb haben V frug er sich wieder, oder sollte das arme Mäd chen meinen Zustand errathen haben und aus Mitleid zu mir nicht ihren Bräutigam zum Tanze geholt haben ? Ach ja, das Mitleid, dieses himmlische Erbarmen ist nur dem Weibe so recht ureigen ; mit dem ersten wurde es geboren und nur mit dem letzten wird es wieder aus der Welt ver schwinden. Was soll ich tbun ? Klarheit, Klarheit, mub ich haben i O, es wäre entsetzlich, kaum diesen Engel gefunden, sollte ich ihn schon wieder aufgeben? Nein ! bei allen Teufeln,' nein ! so leicht nicht !" Aber länger hielt's ihm jetzt auch nicht im Tanzlokale, er mugte hinaus, mubte Luft haben, eö war ihm mit einem Male so drückend, so eng in diesem Raume, er mugte hinaus ins Freie. j Unweit des Ausganges stand der junge Lehrer, deffen Bekanntschaft er durch Louise gemacht hatte. Bitte, empfehlen Sie mich, wenn dieser Tanz zu Ende ist, meiner Cousine ; da sie gerade tanzt, kann ich es selbst nicht thun und sagen Sie ihr, es sei mir unwohl geworden, wahrscheinlich in Folge der Er müdung, verursacht durch das ungewohnte Bergsteigen, ich hätte es deshalb vorgezogen, mich nach Hause zu begeben." Unh hinaus stürmte er in die Nacht. Drauben am Eingange zum Saal standen mehrere Neugierige. Nun, was hat denn der sagte der eine zu den übrigen, da fehlte gar nicht viel, so hätte er mich umgeriffen." Der mub es furchtbar eilig haben," meinte ein Dritter. Leonhardt verfolgte einen Fubpfad, der hinein in den Wald führte. Die, Stirne brannte ihm und heftig schlugen seine Pulse. , Es stürmte fort und fort, gleich sam als wollte er seine innere Aufregung überstürmen und betäuben und achtete

nicht des Wegeö und der ihn öfters sogar ins Gesicht schlagenden Zweige. Wie lange er so fortgestürmt war, wubte er nicht; doch jetzt kam er an eine Lichtung des Waldes, hell und klar warf der Vollmond seine Strahlen auf ihn herab. Schwarz und nur noch desto dunk. ler, hob sich der Wald im fahlen Lichte des Mondes auf den gegenüberliegenden Ber gen am Himmel ab und tief unten spiegelte-

Nch das Blld des Vollmondes in zwei kleinen nebeneinanderliegenden Bergseen wieder, die er am Tage noch gar nicht be merkt hatte. Eine fast feierlich schauer, liche Stille herrschte, die Mispel derBäume die sich sonst bei jedem leichten Windhauch bewegten, rührten sich nicht und die disie denen Sänger des Waldes mubten auch schon längst zur Ruhc ihr Nest aufgesucht haben; es schien, a.s ob er das einzige lebende Wesen in dies.'m Walde sei. Er erschrak jetzt gleichsam über sich selbst, wie aus einem unschönen Traume erwachend denn er mubte lange gegangen sein, ehe er so allmälig zu einer solchen Höhe empor gekommen war. Er setzt sich aufs weiche Moos nieder, und schaute ' traurig in die Mondlandschaft hinaus, dann hob er seinen Blick empor, entblöbte sein Haupts fuhr sich vie nachsinnend mit der Hand über die heibe Stirn und schaute voll in den Mond hinein. Lange hatte er so hin eingestarrt in den wilden Glanz des Mon des, als er tief aussetzt?. Sein Antlitz, hatte einen ruhigeren Ausdruck bekommen und mit schmerzlich bewegter Stimme be gann er leise für sich hinzusprechen : Du bleicher. Du einziger Gefährte meiner Lei den, wie machst Du auch diesmal Deinen Einflub aus mich geltend. Du machst mich ruhiger, gefabter, de? tobende wilde Schmerz mildert sich, ich werde weich, wie ein Kind o, dab ich tonnen könnte! Ja, guter Mond, Dein Licht übt doch eine magische Gewalt auf uns Menschenkinder aus wie mancher wird nicht in dieserNacht so wie ich, zu Dir emporschauen und Dir seine Klagen, sein Sehnen anvertrauen l Vergangene frohe Tage wandeln an unserer Seele vorüber und die trüben scheinen uns in Deinem verklärenden Lichte minder trüb und herb, als wie sie in Wirklichkeit waren. Einst war es anders; von Nie mand verstanden, das Theuerste, was wir auf dieser Erde je besitzen können, da Mutterherz, ehe es zu schlagen aufgehört hatte, da schaute ich noch gläubig zu Dir empor, da warst Du mir noch ein Bürge einer besieren Welt Dein Anblick be schwor den Aufruhr in meiner Brust, löste den erstickenden dumpfen Schmerz meiner Seele in wohlthuende Thränen auf heute aber o, ich möchte weinen und kann es nicht ! O, übe Deine ganzeMacht auf mich aus. Du hehres, prächtiges Ge stirn, sei Du mein Freund, bleib Du mir treu, wenn ich keinen Menschen, keinen Freund habe, dem ich meine Leiden ver trauen, dem ich meine Schmerzen klagen kann ! Mensch ? Freund ?! Ha mich schaudert! lange habe ich vergeblich ge sucht und gehofft, welche zu finden doch still davon. O, Louise ! Du hät test mir Freund, Mutter, alles ersetzen können in Deinen Zügen liegt eine ganze, weite Welt sür mich !" Er erhob sich jetzt und arg langsam weiter, ohne eigentlich daran zu denken ob er auch den richtigen Weg heimwärts eingeschlagen habe. Er wähnte, es sei der richtige Weg und ging und kam an kein Ende. Da sah er einen anderen Fubpfad abseits biegen und ohne sich lange zu be sinnen, betrat er denselben in der Erwar tung, dab er ihn zugr Ziele führen würde. Die Nacht war inzwischen recht kühl ge worden und es mubte schon sehr spät sein, und immer schien er seinem Ziele nicht nahe zu kommen. Da endlich kam eine freie Stelle, er sah sich um, die Stelle kam ihm bekannt vor, er schritt noch näher vor und erkannte dieselbe Stelle, wo'er nun schon vor geraumer Zeit gesessen hatte. Es war ihm jetzt klar, er hatte den rechten Weg verfehlt, hatte sich verirrt. Er schlug nun nochmals den Weg ein, der er gekommen zusein glaubte und schritt jetzt etwas ungeduldig geworden, munter vorwärts. So mochte er ungefähr 20 Minuten gegangen sein, als er durch die Baumstämme wie ein fernes Licht schim mern sah. Durch diesen Anblick ermu thigt, beschleunigte er seine Schritte noch mehr und stand bald vor einerKöhlerhütte. Aus derselben trat eine dunkle Gestalt, dicht in einem Mantel gehüllt, hervor. Leonhardt schritt auf dieselbe los, so dab . sein Gesicht gerade von den aus der Hütte fallenden Lichtstrahlen beleuchtet wurde, und frug, wo der nächste Weg nach I. führe. (Fortsetzung folgt.)