Indiana Tribüne, Volume 3, Number 34, Indianapolis, Marion County, 2 April 1881 — Page 6

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Jndiana Tribüne.

(Für die Jndiana Tribune.)

Gefunden und verloren. Örigiual.Erzähluug aus dem Thüringer Walde '! ''von N. T. (Fortsetzung.) Das ist leider wabr," erwiderte Leonh., .aber, wenn Sie nicht an eine Vergeltung im Jenseit glauben, dann glauben Sie vohl überhauvt nicht an einen Gott, der unsere geheimsten Gedanken erräth, der UNS lenkt u. führt auf allen unserenWegen und ohne dessen Wissen keinSperling vom Dache Ml?" .Das will ich damit nicht gesagt haben, daß eS keinen Gott geben soll," ersetzte der Alte .aber an eine Auferstehung, an ein Fortleben in einem besseren Jenseits kann ich nun einmal nicht glauben. Wenn wir einmal todt sind verscharrt man uns, wir erden ein Irak der Würmer, werden zu Staub, und der Wind kommt und webt denselben nach allen Richtungen hin..Eine Inkonsequenz in Ihrer Denkweise würde daö aber immer sein versetzte Leo'nhardt. .Wenn Sie überhaupt an ei nen Gott glauben, dann müsfen Sie sich denselben nicht so, unvollkommen und lleinlichvorstellen.dab ernicht imStande sei ein vergeltender Gott, zu sein. Wie vieles Elend giebt es nicht auf dieser weiten und' fügen vir immer hinzu schönen Erde, wie mancher wird nicht in derBlüthe seiner Jugend, ohne noch etwas von der Welt genossen zu haben, hinweggerasst? Für wie viele tausend Elende und Krüppel vkre es nicht besser, nie geboren zu sein, und was haben all die Tausende die vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein im Schweif ihres Angesichtes ihr Brod essen müssen, waS haben alle die, die nur Hunger, ' Kummer und Elend, ohne ihres Lebens froh zu werden, hier erdulden müssen, gesündigt daß sie Gott gleichsam in seinem Zorne entstehen lieben, um sie dann für immer vergehen zu lassen? Wäre dieser Gott all den in ihremJammer Erstickten, all den Elenden für daS erlittene Ungemach, für allen Gram und Jammer nicht ein Fortleben in einem besseren Jenseit als Entschädigung für die Qualen dieses Lebens schuldig ? ! Ja, er wäre eS ihnen schuldig, ohne daß sie ihn erst darum zu bitten Hütten ! Ich kann mir einen Gott nicht vorstellen, der Wesen ttiU stehen ließe, um sie nur leiden und dulden zu lassen. DieS wäre der reinste Hohn und sähe auS, als ob er sich an den Leiden der Unglücklichen nur veiden olle, und sie dann für immer untergehen zulassen. Wenn ein allgerechter, allwissender Gott, der doch die Zukunft eines jeden Menschen noch vor feinem Entstehen voraus weib, dennoch Menschen entstehen läßt, die nichts, wie Kummer und Elend auf dieser Erde zu ertragen haben, so wird er sie auch für all da erlittene Böse entschädigen! Also giebt eS einen allwissenden unsere geheimsten Gedanken kennenden Gott, dann mub eS auch ein Fortleben, ein Wieversehen, eine Vergeltung nach dem Tode in einer besseren Welt geben; oder aber es gibt keinen Gott, daher auch kein Wiedersehen in einem bekannten Jenseits .Ja, daS leuchtet ein meinten die An deren. .Und meinte einer der jüngeren, einer herkulische Gestalt mit bleichem Angesicht dunkelgelocktem Haare und groben aber gutmüthigen Augen, .würde es Gott dul den, dab hunderttausende unserer Mitmen schen auf eine schreckliche Weise unter der gröblichsten Qualen auf den Schlachtfeldern umkommen müssen ? Und weil er die Verzweiflung mancher alten Mutter, die sich. ihrer letzten Stütze beraubt sieht, ungerührt mit ansehen können? Wäre nicht der herzbrechende Schmerz einer Braut, die vertrauensvoll die letzten Reihen der heim kehrenden Kri'ger an sich vorüberziehen läßt, ohne dab der heißgeliebte Bräutigam ihr freudestrahlenden AngestchtS in die Arme eilte, die harrt und fragt bis der Letzte der Heimkehrenden vorüber ist, bis sie den unter'jähem Aufschra erfährt, der über Alles Geliebte werde nimmer Helmkehren, nürde ihm solch ein Anblick deS Jammers eine Lust sein? O, nein, das kann nicht sein, das mübte sonst ein zehn mal schrecklicher Gott sein .Krieg und Gott das verträgt sich durchaus nicht miteinder ergänzte Leon hardt. .Wenn zwei Fürsten gegeneinan der Krieg führen, so rufen die Vertreter der christlichen Religion beider kampfenden Theile, ein und denselben Gott um Sieg an und erflehen von ihm den Untergang des Gegners. Der so von beiden Theilen

angerufene Gott befinden sich nun aber in einer argen Klemme, denn wem soll er, da beide Theile Recht zu haben vermeinen und ihn um Sieg anrufen helfen ?" .Dagegen läßt sich nichts einwenden", bestätigte jener jüngere Arbeiter. .Als wir im Jahre 1866 deutsche gegen deutsche Brüder ausziehen mubten, da beteten daheim die Pfaffen für den Sieg und wir wurden vor dem Kampfe gesegnet. In Oesterreich beteten ebenfalls die Pfaffen von den Kanzeln herab um den Sieg und lästerten und schimpften gegen die bösen Ketzer, die Gott vernichten mögen. Wir aber vertrugen uns nach dem Kampfe mit unseren österreichischen Brüder ganz gut und wunderten uns selbst wie wir unS gegenseitig bekämpfen und - umbringen konnten. Hatten wir uns doch nie im Leben gesehen und unS nie etwas zu Leide gethan. Wir reichten einanderErquickun gen und waren zu einander, wie gute Kameraden und wie es arSScheiden ging, da wurden die Augen so manches bärtigen Kriegers feucht. Während deS frischen fröhlichenKrieges gegen unseren sogenann ten Erbfeind, da habe ich Scenen erlebt, die mir, wenn ich daran denke, noch heute daS Blut in den Adern stocken machen. Wir alsSoldaten,wir mubten unS einmal in den mörderischen Kampf hineingeführt, unserer Haut wahren, das, erforderte dann unser persönliches Jntereffe, aber wehe denen, die die Urheber solcher Metzeleien sind. Der Krieg verwildert und verthiert die Menschen, die ganze Bestie des Men schen kommt dabei zum Vorscheine, aber auch schöne Züge edler Menschlichkeit konnte man wahrnehmen. Besonders wa ren es die Bürger Frankreichs, die sich be mühten, uns auseinander zu setzen, wie sie ebensowenig schuld an dem blutigen Kriege wären, wir wir. Sie behandelten uns sast durchweg aus'sFreundlichste und manch Einem unter uns wurde der Abschied recht herzlich schwer. Eine Lehre aber zogen wir aus alledem :.und zwar die, dab die Völker wahrlich kein Jntereffe an blutigen Kriegen haben. Diese zerstören im gün stigsten Falle nur den Wohlstand der Na tionen und ihre besten Söhne müssen dabei verbluten, während daheim Weiber und Kinder hungern. Das Interesse der Völker ergänzte Leonhardt, .erheischt ein friedliches Neben einanderleben der Nationen und ein da durch bedingtes Ausblühen der Industrie zu ungeahnter Höhe Krieg und Gott! eö hat sein Bewenden mit diesem Gott .Siehst Du, Sepp, daS war auch schon längst meine Meinung sagte einer der Ardeiter zu einem seiner Csllegen. .Unsere Vorfahren fuhr Leonhardt weiter fort, .die alten Germanen glaubten an keinen persönlichen Gott, so wie er unS heute dargestellt wird. Sie sahen die Pracht und Herrlichkeit der Natur, sahen über sich das Firmament mit unzähligen Sternen ausgebreitet, sahen die Schau spiele der Natur, wenn majestätisch die Wetter grollten und die Blitze zuckten, sie beugten sich vor der Gewalt der Natur, wenn der Sturmwind daherbrauste und ihre Eichenwälder mächtig schüttelte, oder wenn er zum Orkan verstärkt hundertjäh rige Bäume entwurzelt zu Boden warf, sie erfreuten sich des befruchtenden Regens und und der erwärmenden, die Früchte rei senden Sonnenstrahlen und verehrten daher die daS All durchdringende und bele bende Alles schaffendeKrast der Natur, indem sie sich für jede Naturerscheinung oder Krastäuberung derselben eine allebvrische Figur schufen, die sie mit Festen undFeier lichkeiten ehrten. Sie waren im eminen testen Sinne des Wortes Pantheisten; sie glaubten, dab das Weltall mit seiner Alles hervorbringenden belebenden Kraft die Gottheit selbst sei. Und sie waren in ihrem Glauben glücklich! Da zwang man ihnen von Rom aus mit der Gewalt deö Schwertes das Christenthum auf. Wie sich unsere Vorsahren dagegen wehrten, ist allbekannt. Bis zuletzt widerstanden die Dithmarschen der Einführung deö Christenthums und vertheidigten ihre alten Freiheiten und Rechte mit rührender Tapferkeit. Die Weiber selbst thaten es ihren Männern an Tapferkeit voraus und feuerten ihre Männer und Kinder zum Siegen oder Sterben an. Wunder der Tapferkeit wurden verrichtet, die für alle Zeiten mit unauslöschlicher Schrift in die Annalen der Geschichte eingetragen sind. Aber auch dieser letzte Rest unserer Vor fahren mubte der Uebermacht der Gewalt des Schwertes weichen. Ihre altenGötter wurden zerstört und das Christenthum wurde auch bei ihnen eingeführt. Mit der

Gewalt des Schwertes wurde unsern Vor fahren das Christenthum aufgedrungen und mit Folter, Schwert und Scheiter Haufen wurde es Jahrhunderte hindurch ausrecht erhalten. Hunderttausende fielen der höheren Ehre des Christengottes zum Opser und andere Hunderttausende wur den durch die heilige Inquisition zu Tode und zu Krüppeln gemartert. So wurde die Lehre des groben Nazareners Entweiht und vLn herrschfüchtigen Pfaffen und Kir chenfürsten verfälscht und verunstaltet. Der Pantheismus oder Glaube, daß die Natur die Gottheit selbst sei, wurzelt noch heute tief im deutschen Volke und durch die Wissenschaft gestärkt, wird die Verehrung der Natur, wie ein Phön!x aus der Asche des Aberglaubens wieder hervorsteigen. Die Zeiten sind andere geworden, der noch ungebildete Sinn unserer heidnischen Vorfahren, mubte sich nothwendig für jede Nuturkraft, die er begreisen und fasten konnte, ein Bildnib aus Holz oder Stein schaffen, oder einzelne alte riesenhafte Bäume, wie die Woöanseiche, verehren; heute ist das nicht mehr nöthig,. wir Men schen von heute wissen unS vermittelst der Resultate der Wissenschaft die verschiedenen Naturerscheinungen zu erklären, wir erken nen den ewig unveränderlichen Kreislaus der Natur und da wir nun einmal auf die ser Erde zu leben gezwuugen sind, so lernen wir dieselbe auch, lieb gewinnen. Wir lernen sie lieben, weil wir selbst ein unveräußerlicher Theil davon sind, das vollkom menste Erzeugnib derselben, und die Ach hing AlleS dessen, was Menschenantlitz trägt, die Fortbildung zur höchsten Stufe der Humänität wird daher die Religion der Zukunft sein." Empfand ich . doch stets ein heiligeres, höhreö, ein erhebenderes Regen in meiner Brust, als in unseren Kirchen, wenn ich im grünen Walde, in diesem Dome der Natur stand und die Kronen der Bäume sich über mir schlössen, wenn die Vögel über mir in den Zweigen zwitscherten und Alles um mich her grünte und blühte versetzte der Alte, da war mir's so wunderseltsam zu Muthe, dab ich warum soll ich mich schämen, es zu sagen dub ich mich hätte niederwerfen mögen, um den mütterlichen Boden inbrünstig mit meinen Lippen zu berühren Alles entstammt ihm wir felbst sind ihm entsprangen kein Atom geht ihm verloren und auch wir verein!gen uns wieder mit ihm. Eine kurze Spanne Zeit und wir sind nicht mehr als diese Hand voll Erde, die ich hier vom Bo den aushebe. Ja, heilig mub uns der Boden, mub unS unsere Mutter Erde sein; schon viele Tausende vor uns entsprangen demselben und vermählten sich wieder mit ihm, noch viele Tausende nach uns werden entstehen, werden auf ihm wandeln in Freud und Leid, um dann dasselbeSchicksal ihrer Vorgänger zu theilen um sich wie der zu vereinigen mit der Scholle. " .Wie schön sagt nicht Anastaflus Grün in seinem Ostern der Zukunft", meinte Leonhardt, dab man, nachdem viele Generationen verschwunden sein würden, weder die Bedeutung- eines Kreuzes, noch die einesSchvertes zu deuten wissen werde. Alle Religionen werden dann verschwunden sein, kein Volk werde mehr gegen daö andere brudermörderisch zu Felde ziehen, eine tiefe Sittlichkeit würde gleichsam ins Fleisch und Blut der Menschen übergegangen und die Moral die einzigeReligion aller Menschen sein. Wohl werden die Schwerter, wohl wer den die Kreuze verschwinden, aber die Ge schichte wird auch von Generation zu Ge neration daö Geschehene überliefern. In vergangenen Zeiten, wo man noch nicht schreiben konnte, da wurde Jahrhun derte hindurch das Geschehene nur von Munde zu Munde überliefert, um dann , schl'.eblich immer mehr verdunkelt, der Vergessenheit .anheimzufallen, heute aber und nach Erfindung der Buchdruckerkunst, ist ein Vergessen nicht mehr möglich. Was heute und vor Jahrhunderten die Mensch heit bewegendes, die Bedeutung des Kreu zes und des Schwertes, alles dies, es wird ausbewahrt zum warnenden und zugleich belehrendenExempel für künftige Geschlech ter ; die Geschichte wird die Lehrmeisterin der Völker, der Menschheit im wahren Sinne des Wortes werden." Sie glauben also an dasKommenbesse rer Zeiten, wo die Menschen friedlich und in Liebe neben einander wohnen, wo fie stch nicht mehr gegenseitig zerfleischen, wo nicht der Sieg des einen, des anderen Untergang bedeutet?" 'meinte der Alte. Allerdings", versetzte Leonhardt, aber mit dem Kommen dieser Zeiten hat eö sein Bewenden, so lange noch der größte Theil

des Volkes in Nacht und Finsternib ein hertappt, ohne nur einige Kenntniß von den Rechten und Pflichten eines Staats bürgers zubesitzen. Die Rechte der Staatsbürger liegen in den meisten euro päischen Ländern sehr im Argen, während man den Völkern in sehr drastischer Weise die Pflichten begreiflich macht, Pflichten, die es in entwickelteren Staatswesen nicht einmal giebt. Da es aber vorläufig kein anderes Mittel giebt, mehr Rechte zu er langen, als die bereits bestehenden mög lichst auszunutzen und auf Grund derselben weitere zu erstreben, so sind auch die Kenntnisse dieser problematischen Rechte unbedingt nothwendig." Da die Zeit schon vorgeschritten war, verabschiedete sich Leonhardt von den Leu ten, wünschend, sie möchten ihrer Ueber zeugung getreu bleiben und im Sinne der selben unter ihren Arbeitsgenossen zu wir ken suchen. Er lenkte seine Schritte wieder dem Städtchen zu, wo an diesem Tage zusallig die 13. Lehrerversamn.lung des Ländchens, zu.welchem I. gehörte, stattfand. Als er in den Versammlungssaal ein trat, hatten bereits die Verhandlungen Le gönnen. Man strebte unter anderen da hin, den Lehrerstand unabhängig von der Geistlichkeit zu machen ; auch wurde der vermeintlichen Verwilderung der Jugend gedacht und es den Socialdemokraten schuld gegeben, wenn die Knaben kaum aus der Schule entlausen, schon mit bren nendcn Cigarren und' die Mützen auf den Köpfen in den Tanzlocalen erschienen. Einer der Anwesenden erklärte jedoch, dab die Versammlung nicht competent sei, über socialeFragen zu urtheilen ; man solle sich daher hüten, Faktoren in die Debatten zu ziehen, die hier nicht discutirbar wären. Der Angelpunkt der ganzen Versamm lung war, eine menschenwürdigere Stel lung des Lehrerstandes im Allgemeinen zu erringen, da der Lehrer mitunter nicht besser als ein Tagelöhner gestellt sei. Lehrer-Wittwenkassen wurden inVorschlag gebracht und empfohlen, sowie auch zur Besserstellung der Lehrerfamilie über die billige und leichte Anschaffung von Näh Maschinen für die Lehrerssrauen berathen. Man beschlob zu diesem Zwecke stch direkt mit einer Fabrik in Verbindung zu setzen, damit durch Ratenzahlung eö jedem er möglicht werde, in den Besitz einer solchen Maschine zu gelangen. Außer den pädagogischen Fragen, die nur secundär behandelt wurden, bildete also die Besserstellung deö Lehmstandes daS Hauptthema. 0 tempora, o jmores! dachte Leon hardt, wie ist Alles anders geworden, aus Allem, waS ich bis jetzt hier gesehen und gehört, geht klar hervor, dab hier nicht mehr AlleS so friedlich, so harmonisch zu sammenlebt; eS ist auch hier eine Kluft entstanden, die Arm und Reich von einan der getrennt hält. Wohl sind Berg und Wald noch dieselben, aber zweiJahrzehnte hatten in gesellschaftlicher Beziehung AlleS gründlich geändert, wohl läßt sich noch heute nicht der herzlich biedere Charakter der Bergbewohner hinwegläugnen, aber die verderbliche Absonderung der Besitzen den von den Nichtbesttzenden,der zahlungS fähigen Moral vor dem armen Hungerlei der das wird auch schnell die Kluft zwi schen Mensch und Mensch immer mehr er weitern und nach und nach den Bergbe wohnern ihren Charakter zu rauben im Stande sein. Am selbigen Tage Nachmittags unternahmen die Lehrer einen vom schönsten Wetter begünstigten Ausflug nach einem eine Stunde vom Städtchen entfernten Waldlocale. Leonhardt fchlob stch dieser Partie an. Es war ein heiteres buntes Gemisch, was stch, als er auf dem Sammelplatze ankam, seinen Blicken darbot. Die jungen Damen des Städtchens schlössen stch sehr zahlreich dem Zuge an und auch die Töchter der Spitzen der Stadt hatte sich zu dieser Par tie in starker Anzahl eingefunden. Die jungen Mädchen des Ortes waren jugend frische von Gesundheit blühende Gestal ten, die zu dreien und vieren aneinander gehängt, hin und wieder verstohlene Blicke nach rechts und bald nach links nach den sie umherschwärmenden jüngeren Lehrern werfend, munter einherschritten; einige steckten wohl auch gar die Köpfchen zusam men, lächelten pfiffig, schalkhast und theilten sich ihre Meinungen, wie ihnen der oder jener gefalle, gegenseitig mit. Der an der rechten Seite von den Dreien, mit dem calabreser Hut und dunk lem Anzüge, der könnte mir gefallen

sagte eine allerliebste Blondine zu ihrer dunkeläugigen Freundin. Aber Lieschen versetzte die andere, !ich begreife Deinen Geschmack nicht, der steht ja so schreckbar ernst und finster aus, vor dem könnte: ich mich fürchten. Da lobe ich mir den lustigen jungen Mann, der so keck durch seinen Klemmer in die Welt hineinschaut und so froh und lustig hinter uns mit Apothekers Aennchen lacht und scherzt." Dein Geschmack ist nicht mein Ge schmack versetzte die andere. ; Und dies ist auch recht gut," fiel die Dritte der Gefährtinnen ein, denn wenn wir alle ein und denselben Geschmack hät ten und unserer Aller Neigung sielen im mer auf denselben Gegenstand, so würden wir am längsten Freundinnen gewesen sein und uns bald gegenseitig in den Haaren liegen." Solches und Aehnliches machte fast daS Gespräch sämmtlicher junger Damen aus. Je näher man dem Ziele kam, je mehr fanden sich die jungen Herren und Damen, die angeborne Schüchternheit überwindend, zusammen. Manches verliebte, je doch zu schüchterne Schulmeisterlcin fabte sich ein Herz und redete eins der jungen Mädchen, was ihn gerade am besten ge fallen mochte, an. Leonhardt ging allein. Er beobachtete das Treiben, welches ihn sehr amüsirte.' Da wandte er stch nach links und erblickte drei junge Mädchen, welche Arm in Arm bei heiterem Gespräch munter sürpab schritten. Er sah genauer hin und schrack hestig zusammen, das Blut schien in seinen Adern stocken zu wollen und unwillkürlich ' machte er mit der Hand eine Bewegung nach dem Herzen. In der Mitte der an deren schritt das schöne blonde Mädchen, daS seit gestern seine ganze Seele erfüllt hatte. WaS sollte er thun, wie sollte er . stch ihr nähern? daö war sein erster Ge ' dankt. Mehrere Male war er schon in Begriff stch zu nähern und sie anzureden. Wie sollte er daö aber auf schickliche Weise anfangen? Sollteer mit den abgedro schenenWetterphrasen oder mit Aehnlichem ein Gespräch einleiten ? Auch konnte er die Gelegenheit zu einer Annäherung nicht vom Zaune brechen. Dann sah sie nach der Richtung hin, wo er ging; er schrack vor ihrem Blick zusammen und hätt auS dem Bereiche ihrer Augen fliehen mögen. Und doch, wenn er etwas mehr zur Seite gegangen war, zog es ihn wieder mit All gewalt in ihre Nähe. Die übrigeGesell schuft hatte jetzt alle Interesse für ihn verloren, er sah nur sie und unverwandt ruhten seine Augen auf ihrer schönen eben mäßigen Gestalt. Zu mehreren Malen von neben ihm hergehenden Lehrern angeredet, gab er nur kurz und zerstreute Ant , werten, denn er fand jetzt kein Gefallen an j einer Unterhaltung, sogar die manchfacht Abwechselung der wild romantischen Natur übte nicht, wie sie eS sonst wohl gethan , hätte, ihre ganze Zauberkraft auf ihn aus, ! er hörte nichts, er sah nichts auker ibr. fein i

Herz war so voll, er hätte laut aufjubeln mögen vor Lust und dann wurde ihm wie der so bitter, bitter weh zu Muthe. Die Musik konnte nur wenig ausspielen, weil der Weg, so lang er war, beständig I bergan führte. Endlich kam man an eine Lichtung. Das Auge weilte mit Wohl gefallen aus dem schönen grünen Rasen platze, daö sich jetzt den Blicken der Ankom wenden zeigte. Im Hintergrunde dieses grünen Teppichs stand ein ein einfaches Jägerhaus, waS gleichzeitig zum Restau rationslocale diente und das Ziel so man cher durstigen Schulmeisterkehle war. Die wenigen Tische und Stühle, die vor dem Hause aufgestellt waren, reichten nicht auS, alle an der Partei Betheiligten aufzuneh men, man fetzte und legte stch deshalb ohne Weiteres auf den grünen mit MooS durchwachsenen Wiesenplan nieder. Die Mu stk war zuerst oben angelangt und spielte jetzt einen muntern Marsch auf, der den ermüdeten Nachzüglern wieder frischen Muth zum Ersteigen des letzten Restes des Berges einflökte. Ein schönes Bild bunten Durcheinan ders bot jetzt der freie Platz dar ; aber noch war die rechte Gemüthlichkeit in der Gesellschaft nicht eingekehrt; Musik, Tanz und Bier sollte erst die alte Steifheit völlig abstreifen. Der Blick, der sich hier den Angekommenen bot, war ein überaus günstiger und lohnte hundertfach die kleine Mühe des Bergsteigens, 'die ja in schöner Damen-Gesellschaft zehnmal leichter zu überwinden ist. Weit, weit ins Land hinaus konnte man von hier aus den for schenden Blick schweifen lassen. (Fortsetzung folgt.)