Indiana Tribüne, Volume 3, Number 33, Indianapolis, Marion County, 26 March 1881 — Page 6
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Jndiana Tribüne.
Entlarvt. Criminal'Novelle von Wilhelm Mundt.
(Schluß.) Ganz richtig. Der Portier kommt und öffnet und ich erzählte, ihm mit dem trüb seligsten Gesichte von der Welt. daß ich beim HerauSmehmen meines Taschentuches zwanzig Francs habe fallen lassen ich bitte ihn, mir ein Instrument zu leihen, um zu versuchen, fit wieder zu bekommen. Er geht und holt mir ein solches und als bald haben wir das Geldstück roiederge funden. Alsbald springe und hüpfe ich aus lauter Freude, als wäre ich der glück lichste aller Menschen und bitte meinen Portier um die Erlaubnis, ihn zum Zei chen meiner Dankbarkeit eine gute Flasche Wein anbieten zu dürfen .Nicht übel!? ... .Mein Portier, acceptirt mit Freuden und wie die besten Freunde von der Welt trinken wir in der gegenüberliegenden Schenke eine Flaschenach der anderen. Fröhlich plaudern wir zusammen, als ich mich plötzlich bücke, als wenn ich soeben etwas Auffallendes auf der Erde liegen gesehen hätte und was hebe ich auf ? Die Photographie, welche ich hatte fallen lassen und mit meinem Fuße ein wenig zertreten halte. Sieb, da," sagte ich, ein Porträt!" Mein neuer Freund nimmt es in die Hand, besieht es und gibt sich denAnschein als kenne er es nicht, dann, um sicherer zu gehen, dringe ich in ihn und sage : Er ist sehr gut getroffen dieser Herr, Ihr Prinzipal muß wohl derart sein, denn wohl alle Menschen sehen sich ein wenig ähnlich." Aber er antwortet, nein, denn das Portrat zeige einen Mann mit einem Vollbart, während sein Herr glatt rasirt fei. Uebrigens", fügte t hinzu, ist mein Herr ein Amerikaner; er gibt uns seine Befehle aus Französisch, aber zuweilen höre ich ihn mit Freunden, die ihm be suchen zu kommen, englisch sprechen Tremore! spricht engli.ch, nicht wahr V frug Lecoq den Friedensrichter. Ein wenig, ja." Das vorausgesetzt, .sind wir aus der richtigen Spur, denn wir wissen, daß der Graf am Abend des Verbrechens sich den Bart wegrasirt hat." Dann oandte er sich zu seinem Agenten. Deine Nachforschungen, sind, in der That sehr hübsch, eine gute Gratifikation wird Dein Lohn fein. Aber Du hast gewiß den Plan des Erdgefchosies im Hotel V Gewiß, und zwar wiederum aus erster Hand. Der Portier, desien Zunge sich allmälig ein wenig löste, gab mir auch nähere' Mittheilung über feinen Herrn, den er übrigens erst feil zwei Tagen be dient." Aber dsr Plan?" drängte Lecoq unge duldtg. Unten befindet sich eine große gepflasterte Durchfahrt für die Wagen. An der einen Seite dieser Durchfahrt befindet sich ein ziemlich großer Hof. Stall undWagen remise sind weiter hinten im Hofe. Links von der Durchfahrt befindet sich das Cadinet des Portiers. Zur Rechten führt - eine Glasthür auf eineTreppe von einigen sechs Stufen, die ihrerseits wieder zu einem Vestibül emporsteigt, an welches der Salon, der Speifefaal und zwei andere kleine Zimmer anstoßen. In der ersten Etage befinden sich die Zimmer des Herrn, ein Arbeitskabinet, dann ... .Genug, genui", unterbrach Lecoq den Agenten, mein Plan ist gemacht.Rasch erbob sich Lecoq und trat mit dem Friedensrichter und feinem Agenten wie der in das große Cabinet. wo sich alle Agenten, wie zum ersten Male, insgesammt hoben. Herr Job", redete der Agent feinen Stellvertreter an, hören Sie also meine Befehle. Zunächst werden Sie, sobald ich weg bin, unsere Rechnung in Ordnung brinqen. Dann, weil ich Sie bei der Hand haben muß. werden Sie mit dtr Uebrigen sich zu dem ersten Weinwirth' verfügen, den man von hier aus rechts zuerst antrifft, wenn man die Amsterdamer Straße hinaufgeht. Speisen Sie dann, aber verstehen Sie wohl, nicht übermä big." Dann ging er hinaus, um selbst vor allen Dingen das Hotel in Agenfchein zu nehmen. Ein Blick überzeugte ihn, daß die Angaben seines Agenten richtig waren. Augenblicklich", sagte er dann zum Friedensrichter, ist Alles für uns günstig. Unsere Chancen stehen jetzt zu neunzig Prozent."
Aber was werden Sie jetzt thun?" sagte dann der Friedensrichter, dessen Auf regung in dem Maße wuchs, je mehr der entscheidende Augenblick herannahte. Für den Augenblick nichts, erst mit Einbruch der Nacht gedenke ick weiter zu operiren. Uebrigens, da wir ja noch Zeit genug vor unö haben, wollen wir es so machen wie unsere Leute und ein, wenig speisen gehen, ganz in der Nähe weiß ich ein gutes Restaurant, wo man vortrefliche Küche findet." Ohne die . Antwort des Friedensrichters abzuwarten, zog er ihn mit sich in ein be nachbartes feines Restaurant hinein. Als er schon auf der Thürichwelle war, blieb er stehen und gab seinem Agenten ein Zeichen. Ich gebe Dir zwei Stunden Zeit", sagte er zu ihm, damit Du Dein Aussehen so .veränderst, daß der Portier Dich, nicht wiedererkennt und Du ein ' wenig Speise zu Dir nehmen kannst. Du sollst ein Schreinergeselle sein. Mache schnell, ich erwarte Dich in diesem Restaurant." Während Lecoq "an der guten Küche und den feinen Weinen sich gütlich that, vermochte der Friedensrichter keinen' Bisien über die Lippen zu bringen. Der Abend war unterdeß gekommen, und schon begannen die Kellner die Gas flammen anzuzünden. Allmälig war der große Saal so zu sagen ganz leer gtroor den, und die Beiden waren fast allein. Sollte es jetzt nicht Zeit sein. Die Operation ju beginnen?" frug der Friedens richte? schüchtern. Der Agent sah aus die Uhr. Wir haben zwar noch mehr als eine Stunde vor uns," antwortete er, indeß will ich doch alle weiteren Vorbereitungen treffen." Er rief den Kellner und bat denselben um Schreibmatenal. Es wird sich darum handeln," fuhr der Agent fort, während er sich zum Schreiben anschickte, zunächst den Grafen Tremorel aus seinem Versteck hervor zu locken. Lange habe ich nach einem Mittel dazu ge sucht, es war nicht gerade leicht aber endlich habe ich eö gefunden. Binnen einer Stunde wird der Graf im Faubourg Saint Germain anwesend sein: Freilich muß ich ein wenig den Fälscher abgeben, aber man wird mir gewiß mildernde Umstände für mein Vergehen zuerkennen.
Uebrigens, wer denZweck will,will auch die Mittel." Er nahm die Feder und warf rasch die folgenden Zeilen auf ein Papier : Herr Wilson. Vier der Banknoten, welche Sie mir in Zahlung gegeben haben, sind falsch ; ich habe es entdeckt, als ich ste meinem Banquier brachte. Wenn Sie sich nicht vor zehn Uhr bei mir einfinden, um sich dieser halb zu erklären, so würde ich sehr bebau ern, noch heute Abend die ganze Angele genheit der Behörde mittheilen zu müssen. Räch." Begreifen Sie jetzt?" frug der Agent hierauf den Friedensrichter, indem er ihm den Brief hinhielt. Der Friedensrichter war über diese Zei len ganz außer sich. So ist es in der That", fuhr der Agent fort; wenn er diesen Brief empfängt, so wird er außer sich vor Schrecken sein ; er wird sich sagen, daß sich unter den Bank' Noten, die er in Zahlung gegeben hatte, leicht einige falsche befinden konnten, ohne daß er es bemerkt hatte. Er wird sich sa gen, daß eine Klage bei der Behörde nothwendig eine Untersuchung nach sich ziehen wird, die ihn nöthigt, zu beweisen, daß er Wilson ist und daß dann Alles entdeckt wird." Glauben Sie also, daß er aus diese Weise sein HoM verlasien wird V Jedenfalls, wofern er nicht gerade wahnsinnig geworden ist. , Das einzige Hinderniß, das uns noch Schwierigkeiten machen könnte, wäre somit ebenfalls aus dem Wege geräumt." Der Agent hielt inne die Thür war aufgegangen und ein großer, kräftiger Mann hatte zwischen dem Spalt feinen Kopf hinein 'esteck: und sich dann zurückge zogen. ' Ah," sagte dann der Agent, .da ist ja unser Mann." : Vor dem Restaurant aus der Straße fand der Agent in der That einen jungen Mann in Arbeiterkleidung, der ihn ehrerbietigst grüßte. Er hatte lange braune Haare, Augen brauen und Barthaare ?aren im tiefsten Schwarz. Der Friedensrichter hätte Palot sicherlich nicht wieder erkannt. In deß das geübte Auge des Agenten erkannte sogleich, wer sich unter diesen Arbeiter kleidern verborgen hatte.
Waö soll ich jetzt thun?" fragte Palot. Höre meine Befehle ! Zunächst wirst Du einen Wagen mit einem guten Pferde bestellen. Dann wirst Du zu dem Wem Wirthe gehen, wo sich unsere Leute befinden und einen von diesen holen er wirdDich bis zum Hotel Wilson's begleiten. Dort wirst Du klingeln, allein eintreten und allein diesen Brief dem Portier abgeben, wobei Du bemerkst, daß es sich um eine wichtige und sehr eiligeAngelegenheit han delt. Wenn der Auftrag ausgerichtet ist, wirst Du Dich mit Deinem Genossen vor dem Hotel auf die Lauer stellen. Kommt Wilson heraus 10 wird Dein Genosse mir unverzüglich Nachricht geben. Du wirst Herrn Wilson auf dem Fuße folgen und ihn nicht auö den Augen verlieren. Jedenfalls wird er einen Wagen nehmen. Du wirst ihm mit oem Deinigen folgen und die Vorsicht gebrauchen. Dich aus den Bock zum Kutscher zu setzen. Und. halte die Augen offen, der Kerl ist fähig, wäh. rend der Fahrt aus dem Wagen herauszu schlüpfen und könnte Dich dann hinter einem leeren Wagen hertraben lassen." Gut, gut." antwortete Palot. Höi also weiter," fuhr der Agent 'fort. Auf alle Fälle wird er sich zum Möbelhändler begeben. Indeß könnte ich' mich immerhin täuschen. Es wäre möglich, daß er sich zu dem Bahnhofe irgend einer Eisenbahn bringen laß', und auf und davon führe. In diesem Falle wirst Du mit ihm in demselben Waggon einstei gen und ihm überall folgen, wohin er auch sich begeben mag unterdesien' wirst Du mir natürlich per Telegraph Nachricht zukommen lassen." Wenn aber dieser Wilson einfach zu seinem Hctel zurückkehrt?" Auch diesen Fall habe ich vorgesehen. Kehrt er zurück, so kehrst Du mit ihm zu rück, und in demselben Augenblicke, wo sein Wagen vor dem Hotel hält, wirst Du zwei kräftige Pfiffe ertönen lasten. Du weißt ja. Dann wirst Du aus der Straße auf mich warten und zugleich Deinen Wagen zurückhalten." Verstanden !" antworte Palot nickend. Der Agent und der Friedensrichter traten wieder in den Saal ein ernst und schweigsam saßen ste da, in Geoanken derfunken, wie es immer zu fein pflegt, wenn ein entscheidender Augenblick herannaht." Plötzlich zitterte Lecoq, er hatte soeben einen seiner Leute wieder auf das Haus zueilen sehen. Er lief auf die Straße hinau', ihm entgegen. Nun ?" Das Wild ist aufgescheucht", sagte der Mann athemlos, und Palot hinter dem selben." Zu Fuß oder zu Wagen?" Zu Wagen." Gut, begib Dich jetzt zu Deinen Käme raden und sage Ihnen, daß sie sich bereit halten." Alles geht nach Wunsch", sagte der Agent zu dem Friedensrichter gewendet, bald wird das aufgescheuchte Wild, um das Bild meines Agenten zu gebrauchen, in unfern Händen fein." Aber wie lange werde ich noch zwischen Tod und Leben schweben?" frug der Friedensrichter, der vor Ungeduld zu brennen schien. Dieser Schurke wird eine halbeStunde gebrauchen, um zu Herrn Räch zu fahren fünfzehn Minuten . höchstens hinzuge rechnet, so würden wir in ein und einer Viertelstunde höchstens am Ziele unserer Wünsche sein." Ungeduldig sah der Friedensrichter alle alle Augenblicke aus die Uhr, während der Agent gemüthlich ein Journal nahm und darin zu lesen begann. Neun Uhr hatte es geschlagen, derAgent legte das Journal aus den Händen. Geben wir," sagte er kurz. Festen Schrittes folgte ihm der Frie denSrichter und in Begleitung der Leute des HerrnJob langten sie alsbald vor dem Hotel WilfonS an. Ihr," sagte Lecoq zu feinem Agenten, werdet warten, bis ich Euch hereinrufe, ich werde die Thür halb . offen stehen lasten." ' Er klingelte. Sogleich öffnete sich das Thor und er trat mit den Friedensrichter unter den Thorweg. Herr Wilson V frug der Agent. Nicht zu Hause." .Wann wird er zurückkehren ?" Der Portier wurde nachdenklich. End lich antwortete er : Binnen einer halben Stunde, hat er gesagt. Aber ..." So will ich oben warten." Der Portier wollte sich diesem Vorhaben
aufs Entschiedenste widersetzen, aber Lecoq rief sofort seine Leute herbei und der Por tier wußte jetzt, mit wem er eS zu thun hatte. Hierauf postirte der Agent sechs seiner Leute in den Hos dergestalt, daß man ste aus den Fenstern der ersten Etage leicht bemerken konnte ; die anderen hieß er sich auf dem gegenüberliegenden Trottoir auf stellen und das Haus genau in. Auge behalten. Dann kehrte er zum Portier zurück. Jetzt aufgepaßt," sagte er zu ihm. Wenn Dein Herr zurückkehrt, so hüte Dich wohl ihm zu sagen, daß das Haus umzingelt ist und daß wir da oben sind. Ein einziges Wort und Du würdest verloren sein merke es wohl !" Erwarten wir. hier unseren Mann", sagte der Agent, in das Cabinet eintretend, zu dem Friedensrichter, und überlasten Sie mir Alles, er muß gleich kommen." In der That hatter sie kaum in em Cabinet Platz genommen, als sich draußen auf dem Corridor Schritte vernehmen ließen. Bald darauf hörte derAgent, wie sich die Thür zjm Salon öffaete und mit großem Geräusch Jemand eintrat. ' Hm, eine merkwürdige G schichte, mit diesen Bankbillkts!" sprach der Ankömmling zu sich selbst, mit schweren Schritten den Salon durchmeffend. . Und dieser Brief! Sonderbar ! Es ist mir, als ob . . . ." Während dieses Selbstgespräches war der Agent genau den Bewegungen des Grafen Tremorel gefolgt denn dieser war es in 5er That. In demselben Augenblick, wo er sah, daß der Graf einen Augenblick an derPortiereder gegenüberlie genden Seite des Salons stand, sprang er mit Blitzesschnelle auf die Salonthüre zu, die aus den Corridor hinaus führte, drehte den Schlüffel im Nu um und steckte ihn zu sich. . Dann pflanzte er sich ruhig vor dem Grafen auf, der sich umwandte und zu Tode erschrocken den Agenten vor sich sah. .Im Namen des Gesetzes sind Sie ver hastet!", donnerte der Agent dem Grasen Tremorel zu, der nicht mußte, wie ihm ge schab. Ich weiß nicht, mein Herr ... ." ant ortete der Gras mit funkelnden Augen, indem er zugleich langsam mit der rechten Hand unter seinen Ueberzieher fuhr. Ich habe die Ehre, mich Ihnen als den Agenten Lecoq vorzustellen !" sagte der Agent sich verbeugend. Uebrigens machen Sie keine Umstände Das Haus ist wohl umzingelt jeder Fluchtversuch unmög lich. Erheben Sie mich also der Nothwendigkut, meine Leute herbeirufen z müssen." Ein lauter Knall, daß die Wände des Salons dröhnten, war die Antwort. Tremorel hatte selbst Hand an sich ge legt und lag ledlos in feinem Blute zu Boden. Er hatte gut gezielt.. Kommen Sie," sagte der Agent ruhig zu dem Friedensrichter, der auf den Schuß hin herbeigeeilt war, kommen Sie, unsere Ausgabe ist zu Ende. Der Graf hat uns dieselbe sehr erleichtert." Mehr todt wie lebendig folgte der Frie densrichter dem Agenten die Treppe hinab. Palot wird Ihnen feinen Wagen abtreten," sagte der Agent unten zum Frie densrichter, fahren Sie nach Hause, Sie bedürfen einige Tage Ruhe." Sodann rief der Agent seine Leute zu fammen und theilte ihnen den Vorfall mit.
Am folgenden Morgen wurden die bei' den Verhafteten Bertrand und Grespin in Freiheit gefetzt. Vier Wochen spater führte der Friedens richte? Laurence zum größten Erstaunen von ganz Qrzival zum Altare. Noch am selben Abend reiste er nach Italien ab, nachdem er angekündigt hatte, daß er wenigstens ein Jahr dort zubringen würde. Niemand war mehr erstaunt als der Agent, als nach einiger Zeit ein Notar bei ihm erschien und ihm einen StoßAkten übergab. Es waren die Besttztitel für die Besitzung des Friedensrichters, so wie, so hieß es in dem Akte, sie ist. mit lebendem und todten Inventar, mit allen Dependen zien, Gütern und Gerechtsamen. O Wunder!" ries Lecoq aus, ich habe also nicht für Undankbare gearbeitet. Wie hätte ich glauben können, daß es mir in meinemLeben noch beschicken sein sollte, ein wohl gesessener Eigenthümer und Gutsbesitzer zu werden! Danke Dir, Vater Fleury !"
(Für die Jndiana Tribüne) Gefunden und verloren. Original-Erzählung aus dem Thüringer Walde von N T. (Fortsetzung.) Weg also mit allen bestehenden Schran ken,die dasAufsinden uns sympathisch und harmonisch gestimmter Seelen erschweren, aus daß es nicht mehr unzählige gebrochene Herzen und vernichtete Existenzen durch veift'hlte Liebe gebe. Auch Leonhardt war von jenem Dämon, oer uns so plötzlich packt, wo er uns findet, in Banden gtfchlagen und das Große und Erhabene der Natur verfehlte daher' aus ihn den sonst empfänglichen Jüngling seine Wirkung. Unter dem Banne diese? Dämons war er. schon eine ziemliche Strecke Weges in den Wald hinein ge schritten, als er in der FerneStimmen ver nahm, er lenkte seine Schritte der Rich tung zu. woher das Geräusch derStimmen erscholl, und bald kam er an eine Lichtung an, wo. mehrere bärtige, ernst und doch da bei gutmüthig dreinblickende Holzhauer aus dem Stamme eines gefällten Baumes sitzend ihr karges Frühstück verzehrten. Mit einem freundlichen guten Morgen, schmeckt das Frühstück," trat Leonhardt an sie heran. Die Arbeiter erwiderten den Gruß eben so freundlich und der Aeltere unter ihnen fügte hinzu : O, uns schmeckt es schon, wer, wie wir mit Morgengrauen an der harten Arbeit ist, und dieselbe in freier Natur verichtet, dem schmeckt sein Stück trockne Brod wohl besser, wie manchem Stubenhocker sein lecker zubereitetes Mahl schmecken mag." Aber", warf Leonhardt ein, mittrocke nemVrod könnenSie doch unmöglich solche schwere Arbeit verrichten? Wohl, wir müsten es, und wären froh wenn wir das ganze Jahr hindurch Be schäftigung fänden" entgegnete der Alte. Die Winter hindurch wo der Schnee hier mitunter manneshoch und über manneS hoch liegt, ist nichts zu verdienen, an. ein Zurücklegen ist aber bei unsern niedern Löhnen nicht zu denken. Und so würde es wohl sehr schlimm mit unS und unsern Familien aussehen, wenn uns einmal die Kartoffeln, die wir in unserm steinichten Boden auf einem Stück Pachtland abrin gen, mißräthen." Sie sprachen von niedrigen Löhnever fetzte Leonhardt. was nun speziell Ihren Lohn anbetrifft, so kenne ich denselben nicht, im Allgemeinen aber sind doch die Arbeils löhne gegen früher gestiegen." Wohl sind sie das ergänzte der Arbeiter, .aber die Preise der Lebensmittel sind auch gegen früher um das drei und vieuache gestiegen und wir können unö heute mit unsern höhern Löhnen kaum so viel anschaffen, daß wir und unsereFamil ien vor der äußersten Noth geschützt sind, der Lohn langt kaum zu, das nakte Leben zu fristen und bewahrt uns und die Unsri gen wahrlich nicht einmal vor Hunger. Was nützt uns der höhere Lohn, wenn wir uns im Sommer abarbeiten und kön nen von dem verdienten Lohn nicht einmal reichlich Brod für den Winter anschaffen? Unsere Alten lebten bester genährt bei ihrem geringem Lohn. Die Statistik beweist es uns aber auch, was die Folge der schlech teren Lebensweise ist. Ein viel niedrigeres Durchschnittsalter kommt jetzt auf die Arbeiter als wie früher, man stirbt nicht in einigen Tagen Hungers, man kann auch langsam in Jahren Hungers sterben." Leonhardt überraschten diese Erklarun gen, er hatte gehofft, hier nur friedlich und glücklich nebeneinander wohnende Men schen zu finden. Da ging ein älterer Herr in weißer Halsbinde und schwarzem Anzüge, nicht weit von ihnen vorüber ; feinen Aeußeren nach war es ein Geistlicher. Wie viel Geistjiche haben Sie inJhrem Städtchen?" frug daher Leonhardt beim Anblick des Vorübergehenden. Zwei", entgegnete ihm der Arbeiter; aber einer wäre mehr als genug, denn sie predigen ja doch zumeist vor leeren Bän ken. Einige alte Matronen und junge Mädchen, welche letzteren sich in ihrem neuen Kleide oder Kopfputze sehen lasten wollen, sind doch die hauptfächlichsten Be sucher der Kirche. Dit Dogma der christlichen Religion sind schon längst veraltet und man hat ein gesehen, daß man uns nur unsere erbärm liehe Lage durch ein Vertrösten auf ein besseres Jenseits vergessen machen will, damit wir ja bei Leibe nicht daran denken sollen, uns schon hier auf dieser Erde ein besteres Loos zu erstreben. Man thäte bester mehr auf die Verbesterung der Volksschulen zu verwenden als so viel für die Religion. Der Volksschullehrer bekommt in vielenFällen einen wahren Hungerlohn und steht stch bei der sicheren Auf Forderungen, die man in gesellschaftliche Beziehungen an ihn stellt nicht viel bester als wie wir; und wie oft wird nicht für die Wittwen derselben gebettelt." (Fortsetzung folgt.)
