Indiana Tribüne, Volume 3, Number 32, Indianapolis, Marion County, 19 March 1881 — Page 6
6
Jndiana Tribüne.
Entlarvt.
Srimwal-NoVelle von Wilhelm Mundt. lFortsetzung.) Ich würde schweigen wie das Grab" versetzte der Friedensrichter feierlich .würde doch im entgegengesetzten Falle Niemand mehr verdächtig sem als ich selbst". Allerdings kann dieser Umstand mir nur günstig sein. Indeß snen wir vor sichtig unser Unternehmen ist noch im mer nicht ohne Gefahr. Angenommen an entdeckt die Anklageschrift Sauve stry's ich darf sie so nennen die doch jedenfalls noch immer auf Schlo Bellefleur irgendwo in einem geheimen Versteck verborgen lein .wird die Gra Tremorel vergebens suchte?" Man wird sie aber dennoch nuht fin den", bemerkte der Friedensrichter be stimmt. Glauben Sie?" .Ich bin dessen sicher". ' .Sie machen mich neugierig", sagte der Agent. .Und doch ist nichts einfacher als dies Sauvestry hatte dem Grasen, um ihn vollständig zu fangen, mitgetheilt, dasSchrift Nück sei in den Händen eines rechtschasse. nen Mannes es war dies nicht ganz richtig er hatte ?Z seiner eigenen Frau übergeben, mit der Anweisung, es in einem geheimen, kaum zu entdeckenden Versteck im Schlosse zu verbeigen. Jedenfalls hat die Gattin Sauvestry'S unvorsichtiger Weise einige Andeutungen gemacht, die dem Grasen zu Ohren gekommen sind . . . vielleicht hat er auch selbst instinktmäßig daS Richtige geahnt und deshalb rote wu thend im Schlosse herumgesucht, ohne es zu finden er konnte es überhaupt mcht , finden, denn zur Z'it des Mordes an seiner Gattin war es nicht mehr dort !" Ah", sagte der Agent, ich beginne jetzt Manches zu errathen. Aber wo befindet es sich denn jetzt, wenn ich diese Frage stellen dars?" Ganz gewiß ich sagte Ihnen schon vorher, daß ich das Schriftstück in Händen gehabt habe ich habe es noch in meinem Besitze. Einige Zeit vor ihrer Ermordung kam die Gattin Tremcrels zu mir und Überbrachtees, mit der Bitte, es aufzube wahren ... Sie ahnte, wie sie mir andeu tete, aus mancherlei Umständen, daß Graf Tremorel wisse, wer der eigentliche Verwahrer des Schriftstücks sei . . . und wollte sich deshalb dessen entledigen daß lch dasselbe in Händen haben könnte, würde Niemand vermuthen, wie sie richtig be merkte." .Herrlich, herrlich", rief der Agent triumphirend. Aber mein lieber Freund, weLhalb haben Sie mir von all' diesen Dingen nichts gesagt und mich imFinstern herumtappen lassen? Sie . . ." .Verzeihen Sie", unterbrach der Frie denSrichter den Agenten, .den Grasen geradezu ausliefern mochte ich nicht es hätte die zwischen mir uud Laurence eine tiefe Kluft graben heißen". Gut. gut", beschwichligte der Agent lachend, .ich begreife jetzt Ihre kleinen Listen vollkommen. .Aber," setzte er nachdenklich hinzu, .wir vergesien fast zum zweiten Male ganz unseren Grasen es wird sich jetzt darum handeln, ihn zu sin den." .Freilich", versetzte der Friedensrichter, .ich wollte schon .. ." .Ich denke", fuhr der Agent, ohne aus diese Worte zu achten, fort, .daß wir heute mit dieser Geschichte zu Ende kommen". .Schon heute V frug der Friedensrichter erstaunt. .Jeder von meinen drei Leuten, die ich zu den verschiedenen MöbelAgenten ge schickt habe, hat einen guten Wagen mit einem kräftigen Gespann in einer Stunde müssen sie ihre Rundfahrt beendigt haben. In einer Stunde, wenn ich mich nicht irre, spätestens in zwei, werden wir im Besitze der betreffenden Adresie sein und dann können wir unsere Operationen beginnen". .Prächtig, prächtig", rief der Friedensrichte? frohlockend. .Wenn Sie erlauben", fuhr der Agent fort, .so will ich eben einem meiner 33er trauten den Auftrag geben, einige Mannschaften zu dem Weinwirth an der Ecke der Rue des Martyrs und der Rue Lamartine bereit zu stellen". .Bitte sehr," versetzte der Friedensrich ter. .Aber zu welchem Zwecke so viele Leute? Sollte nicht. . ." Ich errathe, was Sie meinen", sagte
der Agent lächelnd, während er rasch einige Zeilen auf daS Papier warf, .Sie glauben, daß so viele Leute uns eher hin derlich als nützlich sein können . . .Allerdings meine ich . . ." lind doch ist dies durchaus erforderlich wir werden uns auf hartnäckigen Widelstand gefaßt halten müssen. Uebri gens ist es geiß besser, jetzt auf der Stelle alle Vorsichtsmaßregeln zu treffen, damit wir den Voael um so sicherer fangen, als durch eine Nachlässigkeit Alles in Frage zu stellen". .Aber verden Ihre Leute nicht Verdacht schöpfen, wenn Sie den Grafen nicht der Behörde übergeben?" Seien Sie ohne Sorge, meine Leute sind daran gewöhnt. Alles gut zu finden, was ihr Herr und Meister thut . . ." Schön, schön", verlegte der Friedens richter erfreut, auf Ihnen ruht alle Ver anlwortlichkeit . . ." .Sie haben mein Wort", antwortete
Lecoq, .und wenn Sie mich, noch besser kennten, als Sie mich bereits kennen, so würden Sie wissen, daß ich es immer ein löse, wenn ich es einmal gegeben habe." Der Agent klingelte, umJanouville herbeizurufen. Da ist ein Brief", sagte er, als sie erschien, der an Job besorgt werden soll.Ich will ihn selbst hinbringen". Durchaus nicht. Du wirst die Güte haben, hier zu bleiben und aus die drei Männer zu warten, die ich heute Morgen ausgeschickt habe. Sobald sie kommen. wirst Du sie zu dem Weinwirth in der Rue des Martyrs zur Berichterstattung schicken." Der Agent war bereit. So wie er war. mit seiner Perrücke, seiner goldenen Brille und einem mächtigen Regenschirm hätte man um Alles in der Welt niemals einen Polizeiagenten in ihm vermuthen sollen eher hatte er ganz das Aussehen eines respektablen Buchhalters irgend eines großen Handlungshauses. .Lassen Sie uns jetzt ausbrechen", sagte der Agent zum Friedensrichter. Im Speisesaal stand Coulard, die Be sehle des Agenten erwartend. .Nun," sagte dcrAgent lächelnd zu ihm. .hast Du meinen Wein versucht? Wie findest Du ihn V .Kostbar, kostbar", meinte der Mann mit der Zunge schnalzend, .ein wahrer Nektar ... in meinem Leben keinen solchen getrunken." .Also hat er Dir geschmeckt?" .O und wie !" .Schön jetzt wirst Du uns aus fünf zehn Schritte folgen und dann vor dem Hause Wache halten, in welches Du uns eintreten sehen wirst. Dort wirst Du weitere Befehle abwarten sei vorsichtig und aufmerksam, es handelt sich um wich tige Dinge." .Ganz zuBefehlen des gnädigen Herrn, antwortete der Agent Coulard. Dann verließen alle Drei das Haus und hinter ihnen verbarrikadirte sich Janouville wie bekannt. XVIII. Raschen Schrittes eilten der Agent und der Friedensrichter durch die Straßen dahin. Sie bogen um die Ecke und traten bei dem Weinwirth ein. Wie ein mächtiger Herrscher thronte der Wirth mit dem runden feisten Gesicht hin ter seinem Büffet, neugierig die beiden Gäste betrachtend, die ihm der befferen Gesellschaft anzugehören schienen, wie sie sonst in seinem Locale selten anzutreffen war. .Ist nicht eine Gesellschaft von etwa zehn Personen hier, die noch andere er warten?" frug der Agent den Weinwirth. Doch, vor einer Stunde ungefähr sind sie hier angekommen." Sie befinden sich in dem großen Saale hinter der gewöhnlichen Wirthsstube." .Ganz richtig", versetzte der Wirth, in dem plötzlich die Ahnung aufstieg, daß er es vielleicht mit einem höheren Polizeibe amten zu tbun habe. Ohne Weiteres öffnete der Agent die Thür zu dem Saale, in welchem zehn Mann un einem grüßen Tische rauchend und plaudernd zusammensaßen. Bei dem Eintritte des Agenten und des Friedensrichter erhoben sie sich insgesammt ehrfurchtsvoll und entblößten das Haupt. Schön", sagte der Agent zu demjeni gen, welcher ihr Chef zu sein schien, .Sie ind pünktlich, ich bin zufrieden. Ihre sechs Mann sind mir genug ; wie ich sehe, ind auch meine drei Commiffäre von heute Morgen bereits zur Stelle."
Job verbeugte sich glücklich, seinen Mei. ster zufriedengestellt zu haben, der mit dem Beifallspiden nicht sehr freigebig war. Sie mttden noch eine Minute auf mich warten", sagte der Agent zu Job, .meine
Instruktionen werden von dem Berichte abhängen, welchen diejenigen mir erstatten die ich heute ausgesandt habe". Dann, sich an diese wendend, frug er: .Welchem von Euch ist eö gelungen etwas zu finden V Ich, Herr," erwiderte ein großer junger Mann mit bleichem Antlitz. Wieoer Du, Palot", sagte der Age Du hast wirklich Glück. Folge mir jetz in das Kabinet, aber sage zuerst dem Wirth, daß er uns eine gute Flasche Wein herbeischafft und daß Niemand uns störe. Er trat mit dem Beamten und dem Friedensrichter in das Seitenkabinet. Jetzt sprich", sa Ue Lecoq zu dem jun gen Manne, aber fajse Dich ja kurz." Ich hatte also vergebens einemDutzend Geschäftsleuten meine Photographie vor gezeigt, als im Faubourg St. Germain ein solcher. Namens Räch, sie wiederer kannte." Erzähle mir. was der Geschäftsmann Dir gesagt hat, wenn möglich Wort für Wort." .Dieses Bild ist das Porträt eineS mei ner Kunden. Ungefähr vor einem Monate fand stch dieser Kunde bei mir ein, um ein vollständiges Mobiliar zu kaufen für Salon, Speisesaal, Schlafzimmer und das Uebrige es sollte für ein kleines Hotel bestimmt sein. Er hat nicht ge feilscht, sondern nur eine einzige Bedin gung bei dem Handel gemacht, daß das Ganze, Vorhänge und Tapeten und der gleichen, binnen drei Wochen fix und fertig gestellt sein müsse also Montag vor acht Tagen". Wie hoch beliefen sich seine Einkäufe V .Auf achtzehntausend Francs, von de nen die eine Hülste baar bezahlt wurde, die andere dagegen am Tage der Abliefe rung entrichtet werden sollte". .Wer hat die Hälfte bezahlt?" .Ein Bedienter." .Welchen Namen hat dieser Herr dem Geschäftsmann angegeben V Er hat gesagt, er heiße Wilson, aber Herr Räch meinte, daß er nicht das Aus sehen eines Engländers gehabt habe." Wo wohnt er?" .Die Möbel sind in ein kleines Hotel geschafft worden, Rue St. Lazare Nr. . . . ., nahe bei dem Bahnhof nachHavre". Gefangen !" flüsterte der Agent dem Friedensrichter zu. Der Polizeimann mußte dies gehört haben, denn er schüttelte den Kopf und sagte: Noch nicht sicher !" .Aber weshalb nicht?" .Sie können wohl denken, daß ich als bald, nachdem mir die Adresse bekannt war, mich an Ort und Stell" begeben und das kleine Hotel in Augenschein genommen habe, hatte ich doch Zeit genug". Und nun ?" .Der Miether heißt wohl Wilson, aber es ist nicht der Mann, den das Porträt dargestellt, deß bin ich sicher." Der Friedensrichter machte ein verdrieß liches Gesicht eine solche Enttäuschung hatte er nicht erwartet. Lecoq ließ sich indeß, wie es schien, nicht so leicht entmuthigen. Wie hast Du denn diese Einzelheiten erfahren ?" frug er seinen Agenten. .Ich habe einen Bedienten zum Spre chen gebracht. .Sie Unglückseliger !" rief derFriedens richter erschrocken aus, Sie haben gewiß Verdacht wachgerufen !" Was das betrifft", meinte Lecoq, .so werde ich die Verantwortung übernehmen Palot ist mein Schüler." Fahre also fort, mein Bester." .Nachdem ich also das Hotel von oben bis unten betrachtet hatte, sagte ich zu mir selbst: .Das ist der Käsig, fuchen wir nun zu erfahren, ob der Vogel drinnen ist." Aber wie sollte ich daS beginnen ? Zum Glück hatte ich einen Louisd'or bei mir; ohne Weiteres laste ich ihn in den Canal fallen, der das gebrauchte Wasier aus dem Hause in die Straßenrinne führt. .Und dann klingeltest du?" (Schluß folgt.) Antiquitäten. . Antiquitätenhändler: Haben Sie keine Antiquitäten, Herr Baron, die ste gern abgeben würden ? Baron : O ja, treten Sie nur näher (Vorstellend): Meine Schwiegermutter!
(Für die .Jndiana Tribüne) Gefunden und verloren. Original.Erzahlung auö dem Thüringer Walde von N. T. (Fortsetzung.) Daß die Bergvölker viel mehr Sinn für Poesie und Dichtkunst zeigen, wird jeder, der schon in Berührung mit solchen gekommen ist, bestätigen können. Ein Wunder ist das wahrlich nicht, sie weilen von Kindheit an in ihren Wäldern und werden durch die Schönheit und Erhabenheit der Natur gleichsam wie zu Poeten erzogen. Der Reiz der sie umgebendenNatur mußte sie für die Poesie empfänglicher machen. Der Gesang hat in den Bergen seine Heimstätte, hier besteht fast das ganze Volk aus Sängern, und wo Sinn und Drang für den Gefang existirt, da schaffte sich auch leicht ein angemessener Text zu einer Volksweise, und so verdanken auch viele unserer Volkslieder ihren Ursprung den Bergen und Wäldern. Welch unvergeßlichen Eindruck macht es nicht auf das menschliche Gemüth, wenn früh morgens, wo noch kaum der Hahn
gekräht, der Waldarbeiter seinen hellju belnden Morgengesana in den reinen Ae ther hinausschmettert, sich frei und frank fühlend, wie der Bogel in der Lust, und der srohe Gesang an der fernen Bergeö Halde vielfach wiederhallend zurücktönt Welch lieblichen Eindruck macht es ferner. wenn eben um dieselbe Zeit der Hirt in sein Horn stoßend seinen Lockruf erschallen läßt, auf welchen hin aus fast jeder Haus thür eine Kuh hervorbricht und stch der Heerde anschließt. Lieblich erklingt das harmonische Ge läute einer solchen Rinderheerde durch die feierliche Stille des Morgens und der Wanderer vermeint in der Ferne eine schöne Musik zu vernehmen. Und stolz aus ihren Schmuck der Glocke, die ihnen an einen R emen um den Hals hängt. schreiten diese Thiere einher. Das abermals so trauliche Bild des Zusammenlebens der Bewohner des Thü ringer Waldes stand einem jungenManne, der eben, als sich einer jener schönen Herbsttage, wo es manchen mächtig in die Ferne hinaus zieht, seinem Ende zuneigte. lebhaft vor der See!?. Aber auch noch anderes bewegte sein Inneres, je näher er dem im Thüringer Walde belegenen Bergstädtchen I . . . kam, und als sollte seinen Gedanken noch mehr Raum gegeben werden, ließ der Postlllon seine Pferde in dem mäßigen Tempo, welches sie einge schlagen hatten, ruhig weite? traben. I . . . war der Geburtsort der verstor benen Mutter des jungen Mannes, die ihm schon in seinen Knabenjahren von ihrer lieben Heimath zu erzählen nicht müde geworden war. und ein Sehnen zu rück nach ihren geliebten Bergen, fand dann jedesmal beim Schluß ihrer Erzäh lung Ausdruck. Diese Sehnsucht sollte nicht in Ersüllung gehen : wie so mancher Mensch, nahe daran, seine sehnlichsten Wünsche erfüllt zu .sehen, jählings vom Schauplätze dieser Narrenbühne, genannt Welk, abtreten muß, so erging es auch ihr. Wie viel würde ihm nicht die Unvergeß liche aus ihrer Kindheit Tagen erzählt haben, wenn es ihr vergönnt gewesen wäre, an seiner Seite diese Reise zu ma chen. Mlt welch sichtlicher Freude im Antlitze würde sie ihm nicht heim Anblicke ihres väterlichen Hauses, aus ihren Jugendjahren jeden empfangenden Eindruck mitgetheilt haben. Ach, und war es nicht lhr liebster Wunsch gewesen, mit ihm diese Reise zusammen unternehmen zu können? Dies alles trat dem jungen Mann, je näher er dem Ziele seiner Reise kam, desto lebhafter vor die Seele, und was Wunder daher, wenn er ernst und trüb gestimmt vor sich hmbltckte. Jetzt bog der Postwagen um die vor springende Ecke eines Berges, und die ersten Häuser des Städtchens zeigten sich den Blicken des jungen Mannes. Vom Bocke tönte das Horn des Postillon, und als ob er die Stimmung seines Passagiers errathen hätte, ließ er das ergreisende Heinesche: Jch weiß nicht, waS soll es bedeuten Daß ich so traurig bin. Ein Märchen aus atten Zeiten, DaS kommt mir nicht aus dem Sinn vernehmen. Der Wagen rollte eben an einem Teiche vorüber, an welchem ein kleines gut gepflegtes Gärtchen grenzte, als der junge Mann den Kopf zum Wagen fenster hinaussteckte und ern junges Mäd
chen von ungefähr 18 Jahren erblickte, welches nachlässig auf die Gartenumzäu nung gelehnt in die, den blauen Himmel wiederspiegelnden Wellen des Teiches schaute. 'Doch jetzt beim Heranrasseln des Wagens erhob ste ihr schönes, .blondes, lockenumwalltes Haupt und lenkte ihren Blick auf die Fenster des Postwagens. Inneres Leben und tiefe Empfindung sprachen aus den glanzvollen tiefblauen Augen und der einfache schwarze Anzug paßte stch gut der schlanken vollen Gestalt an und hob ihr schönes lockenumwallteS Haupt noch vortheilhafter hervor. Der junge Mann solchergestatt, auS seinen Hinbrüten emporgerissen, schaute unverwandten Auges nach der schönen Mädchengestalt und sah so lange zurück bis der Wagen in die erste Straße der Stadt einbog und ihm die Gestalt der schönen Erscheinung entrückt ward. Fürwahr ! ein schönes Menschenkind, was mir zuerst in der Vaterstadt meiner unvergeßlichen Mutter begegnete", murmelte der junge Mann vor sich hin. Da zwischen aber klang das Lied von der Lorelei, wie ein Lied vom Leid so melan cholisch drein, daß er unwillkürlich und wie ahnungsvoll die Strophe dazu reci tirte :
Dem Schiffer im kleinen Schiffe Ergriff es mit wildem Weh. Er schaut nicht die Felsenriffe Er blickt nur hinauf in die Höh. Ich glaube die Wellen verschlingen Am Ende noch Schiffer und Kahn; Und das hat mit ihrem Singen Die Lorelei gethan." Am andern Morgen früh ging Leon hardt, so hieß der junge Mann, den wir Abends zuvor ins Städtchen einfahren sehen, den letzten Häusern entlang nach dem Walde, der ihn auch gleich, nachdem er die letzten Häuser hinter sich hatte, mit seinen immergrünen dustenden Nadelholze aufnahm. Eine angenehme kühle Lust wehte unter diesen Bäumen, zwischen welchen man, wie unter dem Säulengange eines weiten Domes dahinschritt. Ad und zu rieselte ein frischer Bergquell aus alten bemosten Gestein hervor und floß murmelnd hie und da, von durch das Gezweig hindurch fallenden Sonnenstrahlen be leuchtet, wie in Diamanten glitzed in der andächtigen Stille des Morgens dahin.! Die 'Stille d:3 Waldes, die nur von den Murmöln der Quellen unterbrochen wurde und diy so recht ein Menschenherz hätte erhebe körnen, schien nicht mit voller Ge walt aus unseren einsamen Wanderer einzuwirlen, sie lockte ihm nicht, wie sie es wohl sonst manchem Wanderer angethan haben mochte, ein Lied aus frohen Herzen in den frischen grünen Wald hineiner schallen zu lassen. Er dachte an das schöne, blonde Mädchen, welches ihm bei seiner Ankunft gestern im Städtchen zuerst be gegner war und konnte diese Erscheinung nicht wieder los werden. Es ist ein sonderbares Ding um die magische Kraft der Liebe, um die Einwir kung von Seele auf Seele, ohne die ge wöhnlichen Mittel gegenseitigen geistigen Verständnisses, und hier mag wenn eS wahr, daß das Auge der Spiegel der Seele ist, nzohl dasselbe seine stummeKrast ausüben. Oft schlummert die Liebe in unserm Herzen, ohne daß sie uns zum vollem Bewußtsein kommt. Der öftere und nähere Umgang mit einem weiblichen Wesen macht es uns erst allmählig bewußt, daß wir lieben, wenn nicht eine plötzliche Trennung oder ein anderes zufälliges Er eigniß uns jählings aus unserem Traum reißt, und uns hell sehen macht. Aber mit dämonischer Gewalt packt sie auch oft uns Menschenkinder an, und ein erster Blick wirkt ann entscheidend fürs ganze Leben ! Ein unbewußt in uns schlum n.erntes Gefühl, ein allgewaltiges Drän gen und unnennbares Sehnen sagt uns : Das ist die oder der Richtige und keine oder kein Anderer! An manch einem oder manch einer mag dieser oder diese Richtige nur flüchtig und zufällig vorüber gehn, beide Theile durchzuckt vielleicht bei dieser flüchtigen Begegnung mit dem ersten Blicke das dämonische der Liebe, was sie gegenseitig anzieht, beide denken vielleicht zu gleicher Zeit : Das könnte der Mann oder das Weib deiner Wahl werden, und doch gehen Beide anscheinend gleich kalt mit bewegten Herzen aneinander vorüber. Der Unterschied des Standes, der auch oft nur ern eingebildeter ist. der alt herge brachte gesellschaftliche Schlendrian, der es als unschiallch er chemen latzt denn er sten besten Zusammentreffen sich einander zu nähren, verhindert dann zwl chen Kommen und Gehen im Strudel des Alltagslebens mit seinem ruhelosenTreiben ein Zusammentreffen und eine Annähe rung überhaupt. Manch einer und manch eine schließen dann wohl eine Convenienz Ebe. aber wehe dann den Getäuschten. wenn sie später von den allgewaltigen himmlischen Dämon erfaßt werden, alle Reue kommt dann zu spät und ein ver fehltes Leben ist die Zukunft einer solchen Ehe. (Fortsetzung folgt.)
