Indiana Tribüne, Volume 3, Number 31, Indianapolis, Marion County, 12 March 1881 — Page 6

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Jndiana Tribüne.

Gntlarrt. Crimlnal'Novelle don Wilhelm Mundt.

(Fortsetzung.) Wenn ich auf die Vermehrung meines Vermögens bedacht war. so geschah dies 'nur, weil ich an ihre Kinder dachte, für diese häufte ich Schätze aus Schatze . . . Arme, arme Laurence !" ' .Eines Tages", fuhr der Friedensrichter fort, sprach mein Freund Courtois mit mir von der Heirath seiner Tochter mit dem Grasen Tremorel . . . Tremorel kam häufig in das Haus der Bürgermeisters . . I",ich ahnte nicht zu welchemZwccke . . . Än diesem Tage fühlte ich die .Tiefe meiner Liebe. Ich litt jene heftigen Schmerzen, die ich Ihnen hier unmöglich beschreiben kann. i Es war wie ein Brand, der lange im Geheimen geglüht hat und dann, sobald man ein Fenster öffnet, plötzlich in bellen Flammen auflodert und Alles verzehrt . . . Alt sein und ein Kind lieben ! Ich glaubte vahnsinnig werden zu müssen. Ich hoffte meine Leidenschaft, wenn ich es so nennen soll durch Vernunstgründe, durch Scherze zu beschwichtigen aber was vermögen Vernunft oder Scherze gegen Leidenschaften! Alter, lächerlicher Sela don, sagte ich zu mir selbst, schämst Du Dich nicht, erröthest Du nicht vor Dir selbst? Um daS Maaß des Unglücks voll zu machen, hatte mich Laurenee zu ihrer Vertrauensperson gemacht welcheQual ! Sie kam zu mir und sprach mit mir über den Grasen Hektar ... Sie bewunderte an ihm Alles ja, er schien ihr durch seine Eigenschaften alle übrigen Menschen so zu überragen, daß Niemand mit ihm verglichen werden konnte . . . Seine Gelchicklichkeit und seine Verwegenheit im Reiten setzte sie in Erstaunen, seine einsältigsten Bemerkungen fand sie außerordentlich . . . Ich war toll, es ist wahr, aber sie war es nicht minder . . . . Aber wußten Sie schon, welch' Elender dieser Tremorel war?" Leider wußte ich es damals nicht. Was konnte mir auch an und für sich an jenem Menschen gelegen sein, der aus Schloß Bellefleur wohnte? Aber von dem Tage an, wo ich in Erfahrung brachte, daß er mir meinen kostbaren Schatz rauben wollte, begann ich Erkundigungen über ihn einzuziehen. Es würde eine Art Trost für mich gewesen sein, zu wissen, wenn er ihrer würdig war. Ich heftete mich also gewis. sermaßen an seine Fersen, wie die Polizei an diejenigen eines Angeklagten. Viele Reisen habe ich in jener Zeit, wo ich sein ganzes Leben und Treiben kennen lernen wollte, nach Paris gemacht. Ich machte es genau wie Sie, Herr Agent. Ich ging hin und srug alle Diejenigen, welche ihn gekannt hatten, und je mehr ich ihn kennen lernte, destomehr begann ich ihn zu verachten". Aber warum haben Sie denn Herrn Courtois nichts mitgetheilt V Mein Benehmen erscheint Ihnen auf. fallend und sonderbar ich begreife es vollkommen.. Und doch konnte ich kaum anders handeln . . . Ich befand mich in einer sehr mißlichen Lage. Ich glaubte nicht das Recht zu haben, einen Freund zu entehren, sein Glück zu zerstören, ja seine ganze Lebenshoffnung zu vernichten und das Alles wegen einer, fast möchte ich sagen, abenteuerlichen, jedenfalls ganz hoffnungslosen Liebe ! Zudem würde er mir nie geglaubt haben . . . daß ich wie ein Spion den Fußstapfen Tremorels folgte, durste ich gewiß aus vielen Gründen nicht verrathen . . . Courtois würde, wenn nicht gesagt, doch jedensalls gedacht haben, daß ich in-gewaltigem Irrthum sei; er, der aus Tremorel große Stücke hielt und von der Liebenswürdigkeit seines Charak ters unerschütterlich fest überzeugt war . . . vielleicht hätte er noch schlimmereGedanken über mich gehegt ... wer weiß ? Einmal das einzige Mal wagte ich eine leise Andeutung über das, was mir zu Ohren gekommen war . . . die Folge merkte ich alsbald, die Besuche LaurenceS bei mir wurden eine Zeitlang seltener . . ." Aber dennoch", warf der Agent ein, würde ich . . ." Erlauben Sie", fuhr der Friedensrich. ter fort, was Sie da aussprechen wollen, errathe ich e5 ist ganz richtig. Indeß hatte ich um so weniger Grund, Courtois etwas zu offenbaren, als ich nach dem, was ich erfahren, vermuthen mußte, daßLaure nce, ohne es zu wiffen, nur ein Spielzeug in den Händen des Grafen war.

Schon damals hätte ich eine Wette ein gehen mögen, daß es Tremorel nie um eine ernstliche Verbindung mit Laurence zu thun war . . . Graf Tremorel war zu jener Zeit noch nicht verehelicht. Da8 einfache schlichte Wesen der Bürgermeisterstochter konnte dem Grafen unmöglich behagen, ihm. der in den PariserSalons gelebt und verkehrt hatte ... Die Ereignisse haben meine Vermuthungen zur Gewißheit er hoben . . . Vielleicht auch, daß Tremorel nur der Freundschaft ihres Vaters wegen sein Haus besuchte ... man kann sich lejcht täuschen..." Allerdings murmelte der Agent. .Frauen tätlichen sich, wir beurtheilen eben unser Geschlecht anders, als sie." Und doch . Sie begreifen cs haßte ich", fuhr der Friedensrichter fort, diesen Tremorel aus dem innersten Grunde mei' ner Seele . . . Wie ost wollte ich mich mit ihm messen und ihn tödten ! Aber dann hätteLaurence vielleicht meineSchwelle gar nicht mehr betreten ; . . Und konnte ich ihm denn auch übrigens wenigstens so weit es diesen Punkt betraf etwas nachwei scn? In diese Gedanken versunken ging ich eines Abends am Hause des Bürger meisters vorbei ... ich glaubte zusehen. Wie ein Mensch über die Mauer in den Garten stieg, der hinter dem Hause lag . . . Es war ich ei kannte ihn genau Tremorel. Er durste sich solche Liebhabe' reien erlauben . . . vielleicht wollte er sei nen Freund mit irgend etwas überraschen . . . Und doch kochte es in mit an jenem Abende . . . eine schreckliche Wuth i wußte selbst nicht warum erfaßte mich, ich wollte ihn erwarten und tödten. aber er kam an jenem Abende nicht aus dem Hause zurück, vielleicht ahnte er etwas . . . vielleicht hatte er unbemerkt das Haus verlasien". Ja, ja," sagte der Agent sinnend dieser Tremorel ist wirklich einer der elen desten Schurken, die ich in meiner langen Erfahrung kennen gelernt habe. Aber um so weniger begreife ich lieber Freund, oaß Sie einen solchen elenden Menschen dem Assisenhof entziehen und vor dem Bagno oder dem Schaffst, daß seiner sicher wartet und das er gewiß verdient, noch bewahren wollen". Schweigend saß der Friedensrichter eine Zeitlang da es schien fast, als ob er um eine Antwort verlegen wäre. Endlich brach er das Schweigen. Was kümmert mich überhaupt", ant wortete er, der Gras Tremorel? Mag er leben oder sterben, möge es ihm gelin gen, zu flüchten oder möge Gras Tremorel eines Morgens auf dem Platze la Roquette endigen was liegt mir daran ?" Gut, Herr Friedensrichter' aber weshalb dann dieser Schrecken vor den Asisenverhandlungen?" Es ist weil . . ." Weil Sie der Freund der Familie sind, weil es Ihnen darum zu thun ist, diesen Namen vor dem Schimpf und der Schande zu bewahren, womit der Prozeß des Grafen ihn bedecken würde?" Nein, aber die Ehre Laurerces steht auf dem Spiele dieser Gedanke verläßt mich nicht". , Aber sie ist ja in keiner Weise Mitschul, dige, sie weiß von nichts, das scheint nach Allem außer jedem Zweifel zu sein !" Gewiß", versetzte der Friedensrichter, ist Laurence unschuldig. Sie ist nur das Opfer eines gemeinen Verbrechers, der sie als Spielzeug gebraucht hat, ohne daß sie im Geringsten es ahnte. Aber es ist nicht weniger wahr, daß sie härter bestraft wer den wird, als er nicht vom hohen Gerichtshofe, bewahre, aber in anderer weit empfindlichererWeise, wenigstens für einen Menschen von Ehre. Wird Tremorel vor die Assisen verwiesen, so wird sie an seiner Seite erscheinen, als Zeugniß, wenn nicht als Angeklagte ! Und wer weiß, ob man nicht fo weit gehen wird, ihre Unschuld und die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen anzuzweifeln ? Man wird sich fragen, ob sie nicht in Wirklichkeit Kenntniß von dem Mordplan gehabt, oder ihn gar ermuntert hat. Dieser Gedanke liegt ja so nahe, daß es ein Wunder zu nennen wäre, wenn diese Anklage nicht erhoben würde . . . Jedenfalls würde ich, wäre ich Untersuchungsrichter, Laurence in meine Anklage mit einbegreisen." Aber mit Ihrer und meiner Hilfe wird Laurence klar beweisen können, daß sie in jederHinsicht unschuldig ist und daß sie immerhin nur eine Getäuschte war". Möglich ! Aber wird sie deshalb für einige Zeit weniger entehrt in der öffent lichen Meinung sein?'' Wird sie nicht aus jeden Fall in der Sitzung erscheinen, dem

Präsidenten auf seine Fragen antworten und öffentlich Dinge erzählen müffen, die gewiß an und für sich , frei von dem Vor wurf sind, die man aberdennoch nicht gern an die große Glocke hängt?" Aber die Justiz wird große Rücksichten brauchen gegen Unschuldige, deren Namen in solche Dinge verwickelt sind." Rücksichten! Aber wenn sie solche brauchen wollte, könnte sie es bei dieser Oeffentlichleit, welche man jetzt den VerHandlungen gibt ? Das Herz der Beam ten, ich glaube es gern, werden'Sie rühren können aber wird dies auch der Fall sein bei einigen fünfzig Zeitungsschreibern, die ohne Zweifel an dem. Tage, wodas V:rbrechen von Bellefleur bekannt gewor den ist, schon ihre Federn gewetzt und ihr Papier in Bereitschaft geletzt haben? Unsere Journale sind ja nur darauf bedacht und überall lauern sie auf ein pikantes Lesefutter für das Publikum. Glauben Sie wirklich, daß dieselben uns zu lieb jene scandalöscn Verbandlungen, die ich so sehr fürchte und die Person des Schuldigen das größte Jntereffe wach rufen, todtschwcigen werden ? . Sie können diese Meinung nicht' haben. Meine Tochter ich darf sie so nennen wird die Hel din dieses großen Drama's werden ja die Heldin dieses Tages. . Die Stenographen werden genau verzeichnen, wie oft sie errölhetist und wie viel 'Thränen sie ver goffen hat. Man wird ihre ganze Haltung, ihr ganzes Auftreten bis ins Kleinste hinein Sie wird bekannt werden in ganz Paris was sage ich? in ganz Frankreich! Die Photographen w'rden sie bestürmen, und wenn sie sich weigert, zu sitzen, so wird man irgend ein weibliches Porträt als das ihrige verkaufen". Ich frage Sie jetzt." fuhr der Friedens richter fort, cb ich die Wahrheit rede oder nicht antworten Sie7. Der Agent schwieg. . Endlich sagte er, vor sich hinsinnend, kurz. Wer weiß!" Aber warum wollen Sie mich noch hinhalten?" fuhr der Friedensrichter ein wenig unwirsch heraus. Sie haben eben so große Erfahrung als ich, vielleicht noch größere. Wird Tremorel in öffentlicher Verhandlung abgeurtheilt, denn ist es, um dengütenNamenLaurence'sgethan ; und ich liebe sie so sehr wie meine eigene Tochter!" Der Friedensrichter hielt einen Augenblick inne. D .nn fuhr er, den Agenten fast bitterden Blickes ansehend, fort : Sie wiffen jetzt Alles Alles werden Sie mir jetzt helfen in meiner Noth? Wenn Sie eö wollten oh, wie glücklich würde ich sein! Die Hälste meines Vermögens würde ich hingeben, denn ich bin reich..." Genug genug", unterbrach der Agent mit abwehrender Geberde, ich bitte Sie. Ich kann einem Menschen, den ich achte und liebe, den ich aus ganzem Herzen bemitleide, einen Dienst weisen, aber nie würde ich mich dazu verstehen, diesenDienst zu verkaufen". Glauben Sie", stammelte der Friedensrichter etwas verlegen, ich beabsichtigte nicht . ". ." So, so, Sie wollten mich bezahlen oh, rechtfertigen Sie sich nicht und leugnen Sie es nicht. Es gibt allerdings, ich weiß es, Berussarten, wo der Mensch und die Rechtschaffenheit für nichts zu gelten scheinen. Warum wollten Sie mir eigentlich Geld anbieten? Halten Sie. mich bis zu dem Grade feil, daß man eine Gefälligkeit von mir mit Geld erkaufen könne? Sie sind also gerade so wie die anderen, die keineAhnnng davon haben, welche, einfluß reiche Stellung ich einnehme. Wollte ich reich werden, ich könnte es in vierzehn Tagen, ja noch reicher als Sie. In mei nen Händen liegt Ehre und Leben von fünfzig Personen. Glauben Sie wirklich, daß ich Alles sage, was ich weiß ? Sehen Sie hier er schlug sich bei diesen Worten vor die Stirn hier liegen zwanzig Geheimniffe begraben wollte ich sie morgen verkaufen,mitFreuden würde manmir jedes Stiick mit hunderttausend Francs aufwiegen." Der Agent war unwillig, man sah es deutlich, aber aus seinen Worten leuchtete immerhin eine stille Ergebenheit in das Schicksal hervor, das ihm beschicken war schon oft hatte er ähnliche Anerbieten zurückweisen müffen. Der Friedensrichter war vernichtet. Wie er, ein so zartfühlender, vorsichtiger und kluger Mann, hatte eine solche großartige Ungeschicklichkeit begehen können ! Hatte er doch soeben diesen, ihm so sehr zuge

neigten Mann, von dem er Alles erwarten! konnte, verletzt grausam verletzt ! .Jede beleidigende Absicht", begann er langsam, hat mir fern gelegen . . . Sie haben eine Redensart irrthümlich aufge faßt, die man oft gedankenlos hinwirft und der man nicht die mindeste Bedeutung beilegt". Lecoq schien sich zu beruhigen. Gut also", meinte er. Verzeihen Sie mir meine Empfindlichkeit, mir, der ich mehr wie jeder Andere allen möglichen Beleidigunoen ausgesetzt bin. Laffen wir also diesen Gegenstand fahren und kehren wir zu unserem Grasen Tremorel zurück." Ich habe nunmehr Ihre Entscheidung abzuwarten", sagte der Friedensrichter höflich. . Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß Sie mich um etwas sehr Schweres bitten, um so mehr, als dies geradezu gegen meine Pflicht geht. Meine Pflicht gebietet mir, den Grasen Tremorel zu suchen, ihn zr verhaften und ihn dann der Behörde zu überliefern Sie bitten mich, ihn dem Gesetze zu entziehen." Im Namen einer Unglücklichen, Herr Agent, von deren Unschuld Sie überzeugt sind!" Eln einziges Mal in meinem ganzen Leben, mein Herr, habe ich meiner Pflicht zuwider gehandelt ich konnte den Thra nen einer armen altenMuttter nicht widerstehen, die mir zu Füßen siel und mich um Gnade für ihren Sohn anflehte. Ich habe diesen Sohn gerettet er ist ein recht schaffenerMensch geworden. Zum zweiten Male soll ich beute meiner Pflicht untreu werden, eine Handlung begehen, die mein Gewissen mir vielleicht vorwerfen wird . . ich will Ihrem Drängen nachgeben . . ." Oh !" rief der Friedensrichter voller Bewunderung und Freude, zu welchem Danke verpflichten Sie mich !" Der Agent jedoch blieb ernst, fast trau rig, er schien nachzudenken. Wiegen wir uns nicht in eine Hoffnung ein, die getauscht werden könnte", meinte er. Ich kann Ihnen meine Hilfe versprechen, ich kann Ihnen meine Hoffnung geben aber mit Sicherheit einen untrüg lichen, unzweifelhaften Erfolg versprechen das sehen Sie selbst ein kann ich nicht. Vieles hängt hier von unberechen baren Zufälligkeiten ab ich werde das Meinige thun, aber ich bin von den Handlungen Anderer abhängig". Aber bis jetzt", warf der FriedenSrich ter ein, ahnt Niemand außer Herrn Do mini, Ihnen und mir, daß nur Graf Tremorel der Schuldige fein könne". Ganz richtig", versetzte der Agent. -Indeß haben Sie übersehen, daß Domini der Vertreter des Gesetzes, der öffentliche Ankläger ist, der die Pflicht hat, den Angeklagten, wo wir ihn finden, vor die Schranken des Gerichtes zu ziehen . . ." In der That, daran hatte lch nicht gedacht", bemerkte der Friedensrichter trau' rig. Aber soll Domini wirklich über zeugt bleiben, daß Tremorel der Schuldige sei ? Soll er sich wirslich von der Ueber zeugung trennen können, in die er sich ge. wiffermaßen verrannt hat, daß Grespin nicht vielmehr derjenige ist, welcher den Mord begangen hat?" Ich glaube es nicht spricht doch Alles gegen Grespin, nur kann er in Zukunfj Geständniffe machen, die ihn irgendwie entlasten, was zwar möglich scheint, mir jedoch nicht gewiß . . ." Gut aber Alles dies wird nicht hin. dern, daß Tremorel möglicherweise vor den Schranken des Gerichts zu erscheinen haben wird!- Der Zufall, der uns hin. dernd in den Weg treten kann, könnte uns vielleicht auch einmal günstig sein . . . wer weiß es ? Ein wenig rechne ich darauf das ist die ersteMLglichkeit.daßJhrWunsch in Erfüllung gehen könnte". Aber wenn dies nicht einträfe V frug der Friedensrichter besorgt. Auch für diesen Fall habe ich eine Vor sorge getroffen", antwortete der Agent lächelnd. Angenommen also, wir finden den Grafen ich muß ihn verhaften, dazu nöthit mich meine Stellung und mein Amt - so bleibt noch die Möglichkeit, daß ich ihn bestimme, irgendwie unbemerkt zu entfliehen man könnte ihn seine Flucht erleichtern selbstverständlich unter der Drohung, daß er sich nie mehr in Paris oder in Frankreich überhaupt blicken ließe . . . Ich glaube, er würde gern dazu fcereit sein ... Freilich dürfte Niemand außer Ihnen und mir von diesen Dingen je etwas erfahren ... Sie begreifen, ich wäre dann selbst verloren . . ." (Fortsetzung folgt.)

(Für die Jndiana Tribüne.") Gesunden und verloren. Original.Erzahluvg auö dem Thüringer Walde von ZT T. Daß die höheren oder niederen Bedürf nisse einer Bevölkerung von dem Reichthum oder der Armuth, der sie umgeben den Natur bestimmt wurden und noch werden, ist eine allbekannte Sache. Bei der armen schlesischen Weberbevölkerung' ist dies Durchschnitksmaß der menschlichen Bedürfniffe wohl am niedrigsten, aber auch noch andere Gegenden unseres deutschen Vaterlandes giebt es, wo eine ähnliche Be dürfnißlosigkeit vorherrscht. Die Ge birgs und Waldgegenden sind in der Re gel die ärmsten und deshalb findet man auch dort die menschlichen Bedürfniffe am niedrigsten. Diese Bedürfnisse sind nun überall, wo es irgend anging, gewachsen und wo dies nicht möglich war, ist doch we nigstens die Sehnsucht nach einem befferen Auskommen entstanden. Die entstände nen Verkehrswege und der dadurch bedun gene Verkehr mit Fremden trug in den sonst nicht so leicht zugänglichen Wäldern und Gebirgen das meiste dazu bei, und de ren Bewohner nahmen es immer deutlicher wahr, wie ihre in von der Mutter Natur beffer bedachten Länderstrichen wohnenden Mitmenschen eine andere, eine menschen würdigere Lebensweise sührten. Bei den einigermaßen beffer situirten wurde eine solche auch bald zur Gewohnheit, bei der großen Maffe aber sind diese befferen Le densdedingungen bis jetzt nur fromme Wünsche geblieben. So streift eben jetzt diese große Maffe der schlesischen Bevölkc rung nahe an der Grenze des Hunger todes dahin und so geht es mehr oder we niger auch allen Gebirgsbewohnern. Doch ein sicheres und untrügliches Zeugniß da für, daß auch für sie dieZeit kommen wird, wo ihnen ein menschenwürdiges Auskom men zuTheil werden muß, ist das sehnliche Verlangen, welches ihnen inne wohnt : als Menschen auch menschlich leben zu wol len !" Wir freuen uns über dieses Symp tom, mag auch die Unvernunft darüber schimpfen und toben. Nur das dringende Bedürfniß nach Verbrauchsgegenständen aller Art ließ die Menschen von Alters her darüber nachsinnen, wie dieselben zu be schaffen seien und somit sind die sich stei gernden Bedürfniffe der Menschen der Anstoß zu allen Culturfortschritten zu je der Zeit gewesen. Gewisse Leute, die dies nicht einsehen können und wollen loben sich die Zeiten, wo der Mittellose fast gar keine Bedürfniffe hatte und in dem Glauben an ein unabänderlichesSchicksal weiter vegetirte. Man war da zufriedener, daö ist sicher,' aber lieber wollen wir die Un Zufriedenheit, das Streben menschlicher leben zu können, als ein Stangniren oder möglicherweise gar ein Zurückgehen unse rer Kultur. So lebten auch die Bewohner des Thü ringer Waldes, der Thüringer Berge, wenig an Bedürfniffe gewöhnt, die heute allgemein geworden sind, vor gar nicht all zulanger Zeit noch zufriedener und heile rern Sinnes.; Freilich darf hier nicht ocrgeffen werden, daß früher die Zeiten für den armen Mann im Durchschnitt im mer noch viel beffer als h'ute waren, er lebte da seinen Bedürfnissen angemessener, undere Bedürfnisse als seinen Hunger zu stillen und sich halbwegs kleiden zu können, kannte man damals kaum, und diese Be dürfniffe, sie wuroen früher bester ausge füllt als heute, der Unterschied zwischen Arm und Reich trat dort weniger zu Te als wie in' den kleinen Provinzialstädten des platten Landes; der die Kluft dieser beiden Gegensätze überbrückende Mittel und Kleinhandwerkerstand war' ebenfalls dort noch nicht so zusammengeschmolzen, der Unbemitteltere verkehrte mit dem Bes sersituirten und Höhergestellten, und letz terer vergaß nicht, daß er auch nicht mehr als ein staubgeborenes unvollkommenes Geschöpf dieser Erde sei. Inniger und vertraulicher verkehrten diese Waldbewoh ner miteinander, keiner ließ es dem andern fühlen, wenn der Zufall ihn mit Glücks gütern mehr überschüttet hatte, wie seinen Nebenmenschen. DerUnterschied des Standes war überhaupt kein so großer, und die Bewohner dieser Berge waren im Grunde genommen arme, zum Theil sogar blutarme Leute, die von Alters her daran gewöhnt waren, sich einander auszuhelfen. Eine ihnen gleichsam angeborene Herzlich keit wohnte diesen biederen Menschen inne, die sie auch beute noch durchaus nicht ver lkugnen können, und wie sich hier in der Natur die Berge anmuthig und sanst mit dem Tbale vereinen und verschmelzen,nicht jählings und steil zuThale fallen, so schien sich auch hier Arm und Reich lieblich zu einer zusammenhängendenK:tte verbuuden zu haben und friedlich wie eine große Familie nebeneinander zu wohnen. (Fortsetzung folgt.)