Indiana Tribüne, Volume 3, Number 31, Indianapolis, Marion County, 12 March 1881 — Page 4
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Jndiana Tribüne.
Indiana Tribüne
(Wochenblatt.) Office: Ecke Circle u. Meridian Str. Im dritten Stock. Entered as second-class matter at the rostomce at Indianapolis, Indiana. Abonnements-Preise. In der Stadt durch die Post ins Haus geliefert Per Jahr im Voraus $2.00 Per Nummer 5 Cents. Otto Schissel, Herausgeber. Indianapolis, Ind., den 12. März 1331. Ueber weibliche Erziehung. Den Ausdruck, weibliche Erziehung sollte es eigentlich nach unserer Meinung gar nicht geben, weil wir, wenn es sich um Er ziehung handelt, beide Geschlechter inbe griffen und gleichmäßig behandelt wissen wollen. Unsere Ansicht, die dahin geht, daß die Mädchen eine eben so weitgehende Erzie hung als die Knaben erhalten sollen, findet jedoch leider wie man täglich zu be merken Gelegenheit hat noch lange nicht allgemein Anklang. Wenn wir auch an nehmen, daß es wohl wenige Eltern giebt, die nicht in der Erziehung ein Mittel se hen, ihre Kinder stark und glücklich zu mal chen, so können wir doch behaupten, daß dennoch die meisten Eltern wider besseres Wissen durch eine verkehrte Erziehung bei ihren Kindern in der Regel nicht das wün schenswerthe Resultat erzielen. Hauptsächlich wollen wir diese Behaupt tung auf die Mädchenerziehung angewandt Wissen, denn da dieselbe im Allgemeinen nicht nur falsch sondern auch stiefmütterlich geleitet wird, so ist es selbstverständlich, daß es den erwachsenen Mädchen nicht erspart bleibt, unter den üblen Folgen der lücken haften Erziehung leiden zu müssen. Daß die Mädchenerziehung nicht mit der erforderlichen Sorgfalt geleitet wird, ist eine unbestreitbare Thatsache. Wie oft hört man doch von unwissenden Müttern und von geistreich sein wollenden Vätern den Ausspruch : "ach ein Mädchen braucht nicht so viel zu lernen als ein Junge; seine Stellung im Leben erfordert das nicht! Solche Eltern denken freilich nicht daran, welches Unrecht sie durch das Festhalten solcher Ansichten ihren Töchtern zufügen, denn sie gehen von dem Standpunkte aus, daß es die natürliche Bestimmung desWeibes sei so bald als möglich unter die Haube zu kommen. So kommt es, daß die sogenannte Er ziehung der Töchter mehr den Müttern anheim fällt während der Vater mit seiner gewöhnlich größeren Welt- und Menschen kenntniß dieses Geschäft bei den Söhnen besorgt. Können wir aber von unsern heutigen Frauen, von denen die große Mehrzahl ebenfalls auf das Recht eine vollendete Erziehung zu erhalten, verzichten mußte, erwarten, daß sie bei ihren Töchtern das das Richtige treffen? Nein wir können es nicht! Die Kenntnisse der Frauen von heute beschränken sich in den meisten Fäl len auf den einfachen Elementarunterricht, weil man es nicht für nöthig befunden hat den Geist der Frau weiter auszubilden und weil man sich auch heute noch nicht dazu verstehen will. Auf dem Gebiete der Naturlehre, der Astronomie, der Naturgeschichte u.s.w. finden wir deshalb nur einzelne, ja nur sehr wenige Frauen zu Hause, für das übrige weibliche Geschlecht sind aber all diese Dinge, natürlich ohne eigenes Verschulden, spanische Dörfer. Und so geht das schon seit langer Zeit von Generation zu Generation, kein Wun der, daß das weibliche Geschlecht alle Fort schritte, welche je auf geistigem Gebiete ge macht wurden, stets mit der Hartnäckigkeit, welche vom Unverstand dirigirt wird, be kämpft hat. Mann komme uns dabei nicht mit dem Einwande, daß die Frau andere wichtige Dinge, welche sie dazu befähigen, den Gat ten und den Kindern ein glückliches Heim zu bereiten, zu erlernen hat, und daß sie deshalb nicht im Stande ist, sich allgemeine Kentnisse anzueignen. Denn obwohl wir die Nothwendigkeit des Verständnisses der Angelegenheiten welche dem Weibe als Hausfrau und Mutter obligen, nicht un terschätzen, so behaupten wir doch,daß wenn dieselben auch auf das Gewissenhafteste besorgt werden, sie nicht die volle Zeit in Anspruch nehmen und daß die Frau wenn
ihr nicht in der Jugend der Born des Wissens
verschlossen worden wäre, sich auch später hin Zeit zu geistiger Anregung zu verschaf fen wüßte, weil sie dann Lust genug hätte, ihren Geist weiter auszubilden. Nur durch diese Ausbildung allein wird es ihr aber ermöglicht, den geistigen Wettlauf mit dem Manne zu unterneh men, dem Gatten eine ebenbürtige Gefähr tin und den Kindern eine vortreffliche Er zieherin zu sein. Und vieleicht eben so hoch als das Alles ist die Selbständigeit anzuschlagen welche, der Frau, die sich auf ein Gut das ihr Niemand rauben kann, auf ihre Kenntnisse zu stützen weiß, nothwendigerweise eigen werden muß. Sie hat es nicht nöthig, sich nur um einen Ernährer, um eine Versorgungsanstallt zu finden, zu verheirathen, wie das ja täglich vorkommt. Sie mag der Wahl ihres Herzens folgen, denn sie ist nicht auf's Heirathen angewiesen. Eine selbständige Frau, die etwas gelernt hat und deshalb etwas zu leisten vermag, braucht nicht davor zurückschrecken, wenn sie durch die Umstände dazu gedrängt wird, auf eigenen Füßen stehen zu müssen und sie wird sich, vermöge ihrer Selbst ständigkeit auch vor Ausbeutung besser zu schützen wissen. Wir könnten noch viel weitere Vortheile, welche eine gewissenhaftere Erziehung des weiblichen Geschlechtes nach sich ziehen würde, vorbringen, denn dieselben sind unzählig, aber in dem engen Rahmen eines Artikels läßt sich das nicht alles auseinan derseßen. Man kann jedoch auch hieraus ersehen, daß ganz abgesehen davon, daß das weib liche Geschlecht ein Recht hat, auf eine gleich hohe Ausbildung wie das männliche Geschlecht Anspruch zu erheben, die Vor theile einer solchen Ausbildung der ganzen Menschheit zu Gute kommen müssen. Zur Frauenstimmrechtsfrage. Die Frau und der Arbeiter haben beide das gemein, daß sie seit alter Zeit die Un terdrückten sind. Die Frau sowohl wie der Arbeiter sind im langen Laufe der Ge schichte nur selten zum Bewußtsein ihrer Knechtschaft gekommen; dies ist von der Frau in noch höherem Grade der Fall, als von der arbeitenden, unterdrückten männlichen Gesellschaft. Die sklavische Stellung der Frau rührte von den alten barbarischen Religionssatzungen des Ori ents her. Auch das Christenthum hat die Verachtung der Frau beibehalten. Schon in der Schöpfungsgeschichte wird der Frau befohlen, dem Manne unterthan zu sein. An die Fabel der Schöpfung, nach der mosaischen Ueberlieferung, glaubt heut zu Tage zwar kein halbwegs unterrichteter Mensch mehr. Uber was den Männernauch den Atheisten, in der Bibel, im alten sowohl als im neuen Testament, der Frau gegenüber in den Kram paßte, das haben sie als heilig und unantastbar beibehalten, indessen sie alles Andere vernichten wollen. Die Frau wird als unterbürtig betrachtet, auch von den Unterdrückten. Die Arbeiter, als die Unterdrückten, unterdrücken ihrer seits nun die Frau noch ganz besonders. Für die geknechteten Männer hat es im Laufe der Zeit immer höher stehende Män ner gegeben, die für ihre Freiheit und Gleichheit eingetreten sind und alle Revo lutionen sind im Namen der Freiheit und Gleichberechtigung aller Menschen unter nommen worden. In Folge der religiösen frauenverächterischen Ueberlieferungen hat man unter Gleichberechtigung aller Men schen sonderbarer Weise aber immer nur die Gleichberechtigung aller Männer ver standen. Und doch ist in dem ganzen Ver lauf der Geschichte keine große Bewegung in der Welt vor sich gegangen, in welcher nicht die Frauen als Kämpferinnen und Märtyrinnen hervorragend thätig waren. Die Männer haben ihre Macht und ih ren Einfluß bisher immer in egoistischer Weise dahin in Anwendung gebracht, das physich schwächere Geschlecht rechtlos zu erhalten, sich selbst den körperlich Schwä cheren gegenüber als die Herren aufzu spielen und die volle geistige Entwicklung des Weibes zu verhindern. Mit dem alten bisherigen Unrecht ist man nun unver schämt genug, auch ferners Unrecht recht fertigen zu wollen. Die Frauen bilden die Hälfte der Ge sellschaft, die Frauen haben ein Urtheils vermögen so gut wie der Mann. Sie ver mögen so gut wie die Männer, Recht vom Unrecht zu unterscheiden. Verlangt doch die heutige Gesellschaft, welche die Frau entrechtet, daß sie genau wie der Mann Recht und Unrecht unterscheide und das
Unrecht meide. Steht die Frau nicht un
ter dem Strafgesetz so gut wie der Mann? Sie ist allen Gesetzen unterworfen, wie der Mann, aber sie darf nicht theilnehmen an der Formulirung dieser Gesetze. Selbst an dem, was angeblich die Männer allein angeht, am Krieg oder Frieden, haben die Frauen ein hohes Interesse; denn ihre Männer und Söhne werden dem Kriege geopfert. Die Kosten der Kriege muß die Frau ebenso gut mit aufbringen helfen. wie der Mann. Sie muß in erster Linie entbehren, wenn sogenannte schlechte Zeiten hereinbrechen. Sie trägt also die Lasten des Krieges mit, aber sie ist von dem etwai gen Ruhm des Sieges rundweg ausge schlossen. Immer ist sie das Aschenbrödel. Trotz der bisherigen planmäßigen Fern haltung des weiblichen Geschlechts von den höheren Lehranstalten der modernen Cul turstaaten, haben sich einzelne Frauen un ter den denkbar schwierigsten Verhältnissen in den verschiedensten Fächern des mensch lichen Wissens rühmlichst hervorgethan. Also weshalb sollten die Frauen nicht be fähigt sein zu urtheilen, ob eine geplante Maßregel geeignet ist, ihr Interesse zu för dern oder zu schädigen? Weshalb sollten sie nicht vernünftig wählen können, ebenso vernünftig wie die Männer? Wir behaupten, daß es in Amerika ganz ungleich viel mehr gebildete Frauen als gebildete männliche Neger giebt. Was berechtigt nun zum Wählen ? Die männ liche Muskelkraft oder die höhere Intelli genz. Die Muktelkraft? Wohlan, es giebt viele Frauen, die stärker sind als viele Männer, welche das Stimmrecht haben, weshalb wird ihre Muskelkraft nicht aner kannt? Soll aber nicht die rohe Kraft die einzige Vorbedingung, oder der offen anerkannte Rechtsgrundsatz zur Erlangung politischer Rechte sein, so müßten alle Frauen, welche eine höhere Intelligenz be sitzen, als der dummste männliche Stinm geber im Land, auch stimmberechtigt sein. Wir sind der Meinung, daß es nur sehr wenige nicht geradezu wahnsinnige Frauen geben kann, welche dummer sind, als der dümmste stimmberechtigte Mann im Lande. Die Gegner des Frauenstimmrechts mögen uns nur die Frage beantworten, weshalb eine gebildete Frau weniger Urtheilskraft haben soll, als ein ungebildeter, unwissen der Mann? Weshalb eine gesittete Frau weniger Recht haben soll, als ein männli cher Gauner, Dieb, Wegelagerer oder als em entlassener Zuchthäusler? In der ersten Märzwoche sind in New Pork 5,323 Emigranten angekommen. Gegen 40 Mitglieder der Landliaa wurden vom Lord-Lieutenant von Irland Haftbefehle erlassen. Die Irrenanstalt zu Danville. Na.. vurde durch Feuer zerstört doch sind die Patienten alle gerettet. Königin Victoria wird auf Betreiben Gladestone'S eine ganze Reihe von promlnenten Männern in den PairSstand er heben. Die Schriftstellerin und Frauenrecht, lerin Frau Elizabeth K. Churchill ist in ihrer Behausung zu Providence, N. I., gestorben. ES dauerte zwanzig Tage bis man ein .Geschworencollegium in dem Prozesse deS Mörders Kalloch in San Francisco beisammen hatte. In Bagdad grasflrt seit einigen Tagen die Pest in hohem Grade. Viele Perso nen wurden dort bereits von dieser bösen Krankheit hingerafft. Herr Wimper von Floyd County, Georgia ist jetzt 62 Jahre alt und Vater von 32 Kindern. Der Mann sollte einen Orden bekommen. Man glaubt, daß die französische Regierung das Verbot der Einfuhr von Schweinefleisch aus denVer. Staaten bald wieder aufheben wird. Der Weltpostverein umfaßt jetzt das ungeheure Gebiet von 80,197,900 QuadratKilometer mit einer Bevölkerung von nahezu 750 Millionen. Der Dichter Henry W. Longfellow wurde am vergangenen Sonntag 74 Jahre alt. Trotz dieses hohen Alters ist der Greis noch gesund an Körper und Geist. In den Staaten wo die Prügelstrafe sür Weiberprügler zum Gesetz wird, sagen die Frauen von nun an zu ihren Gatten : Ohrfeig um Ohrfeig, das ist so Tax bei uns.
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(SCHMIDT'S ie berühmteste und besteingerichtetste und "Invisrorating Malt-Extract
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vorzüglich anerkannt. Aufträge zum Verschiffen von Lagerbier auf allen Eisenbahn
Linien werden prompt erfüllt. Das hochwichtige Ereigniß.daß Prinzessin Friederika, Baronin von Ramingen einer Tochter, das Leben geschenkt hat, wurde dieser Tage herübergekabelt. Expräsident HayeS ist am Dienstag mit seiner Familie in seinem Wohnorte Freemont, O., eingetroffen und wurde' von den dortigen Bewohnern festlich empfangen. In Detroit scheinen die Leute viel nüchterner zu sein als anderswo. Sarah Bernhardt hätte kaum ein gefülltes Haus erzielt, wenn die Preise nicht noch in der letzten Stunde reduzirt worden wären. Das Conterfei der Frau Hayes prangt zwar nicht zur besondern Zierde, aber zur Erinnerung im WeißenHause. Die Tem perenzlerinnen, die besten'Freundinnen der Frau HayeS haben dasselbe dorthin ge bracht. Die englischen Radikalen haben einen lobenSwerthen Schritt gethan, indem sie beschlossen haben in England und Schott land Massenversammlungen abzuhalten und die Einstellung des Krieges gegen die BoerS zu verlangen. In Chicago hat sich eine Landliga von Frauen gebildet. Das ist lobenswerth und beweist, daß die Frauen immer mehr zur Einsicht gelangen, daß auch ihre Jn teressen mit der Lösung der solialen Frage eng verknüpft sind. Die Bäcker und die Braucrgehilfen New Pork's haben sich dieser Tage orga nisirt um sich damit in Zukunft besser vor Ausbeutung schützen zu können. Möge dieses Beispiel im Interesse der Arbeiter allenthalben Nachahmung finden. Am 22. Februar, dem Geburtstage Karl Heinzens, wurde in Boston zu Ehren deS Verstorbenen eine großar tige Gedenkfeier veranstaltet. Herr Robert Reitzel und Frau Clara Neymann hielten bei dieser Gelegenheit sehr schöne Reden. BiSmarck sprach ein großes Wort gelassen aus, indem er erklärte im Amte zu verbleiben, auch wenn der Landtag und der Reichstag mit ihm nicht übereinstim men, solange der Kaiier seinen Rücktritt nicht wünscht. Welch bewundernöwerthe Aufopferungsfähigkeit! AuS der Gewehrfabrik zu Amberg sol len mit dem 1. April 100 Arbeiter wegen ArbettSmangel entlassen werden. Bisher mußten aber die Leute oft 12 Stunden per Tag arbeiten und von einem achtstündigen Arbeitstag, der vorläufig wenigstens solche Mißverhältnisse ausgleichen würde, ist doch noch keine Rede. In Morsala, Sizilien wurde dieser Tage die evangelisch methodistische Kirche von der katholischen Bevölkerung bestürmt, weil es der Geistliche gewagt hatte von der katholischen Religion mit Verachtung zu sprechen. Der Pastor rettete nur mit knapper Noth sein Leben. Uns kommt dabei das tresfliche Gleichniß Heine's von dem Rabi und dem Mönch" in den Sinn. Deutsche Physiologen haben einen Versuck mit künstlich fast erfrorenen Sunden angestellt. Je zwanzig derselben, welche der Kälte ausgesetzt wurden, bis Puls und Athem stockten, ergaben, sofort in ein warmes Bad gebracht, keinen LebkNZverlust, aber acht Lebensverluste beim Aufthauen m emem warmen, und vierzehn n einem kalten Zimmer. Dadurch hält der Glaube, daß Erfrorene mitSchnee oder Kuhle überhaupt gerettet werden könnten, einen argen Stoß.
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rattere SQT7A.IWE,) INDIANAPOLIS, INI). Brauerei im Staate. Mein Lagerbier Bottle Leer" ist vor allem anderen als C. F. Schmidt. Der in Allentomn. Pa., erscheinende Welt-Bote", welcher nach .christlichen" Grundsetzen redigirt wird, ist in seiner Weise emanzipirt. Er befürwortet, daß auch Frauen, wenn sie die nöthigenFähigleiten dazu haben, alö Prediger sungiren sollen. Nun wir hoffen, daß jetzt und immer der Mehrzahl der Frauen die Fähigkeiten abgehen werden, ähnliche Re den zu halten, wie sie unsere Herren Psar rer liefern. In dem Countygefängnisse zu St. Louis hat dieser Tage ein Mädchen daö Licht der Welt erblickt. Die Eltern deS Kindes sind Catharina Hoffarth und Fritz W. Haase welche gemeinschaftlich der Ermordung der Frau Haase angeklagt sind. Es wäre eine Ausnahme der Regel wenn das unglückliche Kind nicht zeitlebens für das Verbrechen seiner Eltern zu leiden hätte. In TkxaS darf am Sonntag nicht telegraphirt werden. Alle Telegraphen Bureaux müssen daselbst am Sonntag ge schlössen gehalten werden. Und warum ? Weil dieser Tag unserm Herrgott gewid met werden muß. Man sollte es kaum sür möglich halten, daß in einer Zeit wo Tele graph und Eisenbahn regieren, die sich also in gewisser Beziehung fortgeschritten nennen kann, auch die Dummheit noch so allgemein ist. Der Herausgeber der Schlesischen Volkszeitung" wurde zu vier Tagen Ge sängniß verurtheilt, weil er seinen Lesern weiß machen wollte, daß die Juden Chri stenkinder tödten um deren Blut in ihre Pässah-Kuchen zu verbacken. Wir halten daS für ungerecht, denn man duldet ja die Judenhetze im Großen, weshalb soll sie also im Kleinen nicht erlaubt sein. DaS Volk der Denker wird aber durch solche Vorkommnisse gebührend gekenn zeichnet! Mit derEntkirchlichung geht eS jetzt immer rascher vorwärts. DaS bemerkt auch Papst Leo und deshalb hat er beschlossen dieses Jahr sür die Christenheit ein außer ordentliches Jubiläum zu eröffnen, um Gott zu bitten, daß er der Kirche bessere Zeiten schicke. Ueber den Erfolg haben wir jedoch unsere Bedenken, denn die Ge schichte zieht eben nicht mehr und da be zweifeln wir es, daß ein Herrgott daran etwaS zu ändern vermag. Die sozialdemokratischen Abgeordne ten zum Reichstage sind, soweit sie nicht nach Amerika gegangen (wie der nimmer wiederkehrende Hasselmann und der Abge ordnete Fritzsche), oder im Gefängniß fest gehalten werden (wie Liebknecht), vollzäh lig in Berlin eingetroffen. Von den neun sozialdemokratischen Abgeordneten werden also sechs an den Arbeiten des Reichstages theilnehmen. Die erste Thätigkeit dersel ben wird darin bestehen, beim Plenum ei nen Antrag einzubringen, nach welchem der Reichstag die Hastentlassung Lieb knechtS für die Dauer der Session fordern soll. Sehr eifrig werden sich naturge maß die sozialdemokratischen Abgeordneten an der Debatte über das Arbeiter-Unfall Versicherungsgesetz betheiligen. Sie wol len, wie gemeldet wird, zahlreiche Amende ments zu demselben einbringen und even tuell beantragen, daß die Arbeiter-Unfall Versicherung, der ursprünglichen Idee des Fürsten Reichskanzlers entsprechend, zu einer Arbeiter Invaliden Pensions-Ver-sicherung umgewandelt, die Versicherung also aus alle Falle der Arbeitsunfähigkeit ausgedehnt werde. Ob sie mit diesen an erkennenswerthen Verbesserungen auch durchdringen, ist freilich eine andereFrage.
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