Indiana Tribüne, Volume 3, Number 30, Indianapolis, Marion County, 5 March 1881 — Page 6
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Jndiana Tribüne.
Gntlmvt.
Snminal'flovelle von Wilhelm Mundt. (Fortsetzung.) 34 wüßte nicht webhalb", erwiderte Lecoq. Wenn wir kein besonderes Pech haben, werden wir den Grafen Tremorel, so denke ich. noch vor Abend finden." Wirklich V .Allerdings, ja ich möchte sagen : ich bin dessen sicher. Seit gestern denke ich an nichts Anderes, als an diesen Elenden ich muß, ich will ihn haben, und eö wird mir gelingen ..." Aber wann?" meinte der Friedens richter. Ich sagte Ihnen, schon noch vor Abend aber zur Vorficht wollen wir saen, vielleicht morgen, vielleicht auch erst in einem Monat es hängt das Alles von der Richtigkeit meiner Berechnungen von der Genauigkeit meines Planes ab . . ." .Also haben Sie ihren Plan bereits entworfen? Ganz genau festgestellt." Und darf man Ihren festgestellten Plan wifien?" frug der Friedensrichter ge spannt. Nun, die Sache ist so schwierig nicht, als es scheint", antwortete der Agent. .Ich gehe dabei von dem Charakter des Grafen aus. Ist er ein Mensch, der eine aukergewöhnliche Klugheit an den Tag gelegthat? Wir dürfen wohl sagen : nein denn es ist uns ja schon gelungen, seine Ränke und Pläne aufzudecken. Aber ist er andererseits ein Dummkops? Mit Nich ten denn beinahe hätten seine Manöver Leute getäuscht, die schon einige ErfahruN' gen in dergleichen Dingen besitzen. Es wird also ein Mann von mittelmäßiger Begabung sein, dem Erziehung, Lektüre, seine täglichen Beziehungen zu vielen Kreisen eine Menge Kenntnisie und Er fahrungen verschafftbaben.die er benutzthat Uebrigens wird er an Charakter weich. schwach und schwankend sein und nur in der äußersten Notb sich zu einem thatkräf tigen Handeln aufraffen. Wir haben ge sehen, wie er vor bestimmten Entschlüssen ängstlich zurückschreckt und immer neue Vermittelungen, neuen Aufschub sucht. Seine Wünsche hält er leicht für vollendete Thatsachen. Endlich scheint es mir feige zu sein ... Und in welcher Lage befindet er sich? Er hat seine Gattin getödtet, er lebt in der Hoffnung, daß man auch anseiner Ermordung nicht zweiselt. und befindet sich im Besitze einer Summe, die einer Million nahe kommt oder sie gar übersteigt". Lecoq hatte sich unterdeb erhoben und durchschritt sein Arbeitskabinet, wie er es gewöhnlich that, wenn er seine polizeilichen Theorien entwickelte und darlegte. Sehen wir also," fuhr er fort, wie ich es anlegen muß, um die vermuthliche Haltung eineS' Menschen zu entdecken, dessen Vorleben, desien Charakter und Geistesbildung mir bekannt sind. Zunächst lege ich meine eigene Individualität ab und suche mich ganz an die Stelle und in die Lage meines Mannes hineinzuden ken. Ich höre dann ganz auf, Polizeiagent zu sein, um nur dieser Mensch zu sein. Sehen wir also zunächst, welches die Erwägungen eines Mannes gewesen sein müssen, der schurkisch genug gewesen ist, um zuerst seinen Oheim und später seine . Gattin ermorden zu können. Wir dürfen mit gutem Grunde annehmen, daß der Gras sich erst nach langem Zögern zum Verbrechen entschlossen hat. Von dem Augenblicke an, wo der Entschluß zum Verbrechen bei ihm feststand, hat er sich gesagt: Meine Frau ermordet; Dank meinen Maßregeln hält man auch mich für ermordet; ich habe Geld was soll ich thun V Tremorel hat unter allen Mitteln zur Flucht, von denen er hatte sprechen hören, oder die er sich selbst ausgdacht hatte,nothwendig das sicherste und schnellste auswählen müsien. Hat er daran gedacht, sein Vaterland ganz zu verlasien? DaS ist mehr als wahrscheinltch. Und doch hat er vernünftiger Weise sich sagen müssen, daß es gerade im Auslande schwer ist, eine jede Spur von sich abzulenken und sie auszulöschen. Um der Strafe wegen eines Vergehens zu entgehen, gibt es allerdings nichts Besseres, als Frankreich , blatten. Indeß die Grenze zu über. schreiten wegen eines Verbrechens, über welches Auslieferungsverträge bestehen daS würde eine große Thorheit sein. Denken Sie sich nur einen Menschen in
einem fremden Lande, desien Sprache er nicht versteht sofort lenkt sich Aller Aufmerksamkeit aufihn,man beobachtet ihn auf Schritt und Tritt er thut nicht das Geringste, ohne bemerkt zu werden, er macht nicht die kleinste Beregung, die der Neugierde der Müsstggänger entginge. Aber vielleicht hat der Graf daran gedacht, den Ozian zu überschreiten und das freie Amerika zu erreichen? Aber er muß sich wenigstens einschiffen und von dem Tage an, wo man den Fuß auf den Boden eines Schiffes fetzt, kann man sich als verloren betrachten. Hundert gegen eins ist zu wetten, daß man bei keiner Ankunft im Hafen einen Agenten antreffen wird, der mit einem Haftbefehl versehen ist. Derart sind offenbar die Erwägungen des Grafen Tremorel gewesen. Ohne Zweifel hat er sich der vielen mißglückten Versuche erinnert, sowie der Hunderte von Verhaftungen, die jenseits des Ozeans erfolgt sind, und so hat er, wie es mir scheint, überhaupt darauf verzichtet, ins Ausland zu flüchten." Das ist klar wie die Sonne," rief der Friedensrichter aus. .In Frankreich selbst werden wir deu Schuldigen suchen müsien." i Ganz richtig", versetzte Lecoq, .dieser Ansicht bin ich auch. Prüfen wir also, wo und wie man sich in Frankreich verber gen kann". Sollte es in der Provinz möglich sein ? Nein, offenbar nicht. In Bordeaux, einer unserer größten Verkehrsmittelpunkte, kennt man. gleich Jeden, der nicht aus Bordeaux ist und die Müssiggänger und Boutiquierö ran nen sich gleich zu : Kennst Du diesen Herren, der da vor-
beigeht V Indeß gibt es noch zwei Städte, wo man unbemerkt verweilen kann Marseille und Lyon. Aber sie sind sehr weit entfernt und es tostet eine lange, beschwerliche Reise bis dahin. Und nichts ist so gefährlich für die Herren Verbrecher, als die Eisenbahn, seitdem wir den elektrischen Telegra phen besitzen. Man kann fliehen, wahr, auch sehr schnell, ganz gewiß, aber sobald man einen Waggon betreten, hat man sich jeden Ausweg gerade abgeschnitten, und bis zu dem Augenblicke, wo man aussteigt, bleibt man in der Gewalt der Polizei. Lasten wir also alle Provinzialstädte außer Betracht, desgleichen auch Marseille und Lyon". Es ist in der That unmöglich", sagte der Friedensrichter, sich in der Provinz zu verbergen". So verengert sich das Gebiet unserer Nachforschungen ganz außerordentlich. Wir lasten das Ausland, die Provinz, die großen Städte ganz außer Betracht es bleibt nur noch Paris übrig. In Paris und nirgendwo anders, lieber Herr Friedensrichter, müsien wir Tremorel suchen, entgegnete der Agent. Paris ist groß", meinte der Friedens richter. Der Agent lächelte. Sagen Sie lieber, sehr, lehr groß, ja unermeßlich. Und dennoch für die Polizei nicht so groß, als es scheinen möchte. Ganz Paris ist für die Leute aus der Straße von Jerusalem, was ein Ameisen hausen für die Loupe eines Naturforschers ist. Vielleicht fragen Sie mich, wie es dennoch ist, daß es in Paris noch eine große Menge Verbrecher von Profession glebt? Unglücklicherweise sind wir nicht Herr im Hause, wie man zu sagen pflegt. Das Gesetz verurtheilt uns dazu, uns nur Höflichleitswagen zu bedienen solchen Leuten gegenüber, für die schließlich alle Mittel gut sind." Aber," meinte der Friedensrichter, gegen Tremorel liegt jetzt ein Haftbefehl vor". Ganzbdut, aber gibt der Haftbefehl mir auch zugleich das Recht, alle Häuser zu durchstöbern, wo ich den Angeklagten etwa vermuthe? Nein! Finde ich mich bei einem der früheren Freunde ein man wird mir die Thür vor der Nase zuschla gen!" Sie sagten", versetzte der Friedens, richter, daß wir den Grafen in Paris zu suchen hätten?' Ganz richtig", antwortete Lecoq in et was ruhigerem Tone. Ich bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß unser Mann sich nicht weit von hier, vielleicht nur ei. nige Straßen entsernt, aushalten muß. Mein Leute haben schon einigen Verdacht ...aber verfolgen nur die Wahrschein lichkeiten. Der Graf kennt sein Paris zu gut, um zu hoffen, sich auch nur eine einzige Woche in einem Hotel oder auf einem möblirten Zimmer verbergen zu
können. Er weiß zu gut. daß die Hotel garnis ein besonderer Gegenstand der Ueberwachung Seitens der Polizei sind. Er hatte Zeit genug vor sich also hat er höchst whrscheinlich schon längst daran ge dacht, sich irgendwo ein passendes Appar tement zu miethen". Vor ungefähr einem oder anderthalb Monaten hat er drei oder vier Reisen nach Paris gemacht", warf der Friedens richte? ein. Dann bleibt gar kein Zweifel mehr übrig", versetzte der Agent. Unter einem falschen Namen bat er ein Appartement bestellt, er hat den Miethzins für eine be. stimmte Zeit voraus bezahlt wahrscheinlich ist er jetzt zu Hause in seiner neuen Wohnung." Ich sehe nur zu gut, daß Sie auf der richtigen Fährte sind", sagte der Friedens richte? mit etwas verdrießlicher Miene; aber werden wir es denn nun dem Zu falle überlasten, daß er uns den Elenden in die Hände spielt?" Können wir doch nicht in diesem großen Paris ein Haus nach dem andern durchstöbern !" Dieser Gedanke ist auch mir gekommen . . ." antwortete der Agent nachsinnend. . Erlauben Sie", fuhr der Friedens richter fort, nachdem der Graf Tremorel ein Appartement gemiethet, hat er nothwendigerweise auch daran denken müsien, es auch zu möbliren, nicht wahr V Ganz gewiß". Und wahrscheinlich ganz luxuriös schon deshalb, weil er den Luxus liebt und Geld genug hat." Der Friedensrichter hielt einen Augen blick inne. Aber", sagte der Friedensrichter dann nachdenklich, vielleicht wird uns dies we nig nützen!" Nichts nützen ?"-rief der Agent höchlich verwundert. Im Gegentheil, glaube ich wird uns gerade dieser an und für sich vielleicht geringfügige Umstand sehr gut zu Statten kommen, wie Sie sehen werden. Da der Graf jedenfalls viele und schöne Möbel zu haben wünscht, so wird er keine Lust haben, die Magazine abzulaufen, um Einkäuse zu machen. Er wird einfach zu einem gewöhnlichen Agenten se.me Zuflucht genommen haben . . . Nicht zu einem sehr bekannten oder viel gesuchten, denn sonst würde er Gefahr lausen, erkannt zu werden . . . Jedenfalls wird er sich unter falschem Namen vorgestellt haben, wohl unter demselben, unter welchem er auch seine Wohnung gemiethet hat . . . Er wird dem Agenten, um aller weiteren Mühewaltung überhoben zu sein, den Auftrag gegeben haben. Alles vollständig fertii; zu liefern und an Ort und Stelle zu besorgen . . . Dieser Agen oder Kaufmann coird jeden falls den Namen dieses reicht Kunden behalten haben, der gar nicht gefeilscht und baar bezahlt hat, und würde ihn wiedererkennen, wenn er ihn noch einmal tähe." Ein herrlicher Gedanke !" rtjef der Friedensrichter voll Freude aus. ; Schnell, schnell, verschaffen wir uns einige Portraits vom Grafen Tremorel, und schicken wir Jemanden nach Orzival". ! Die Lippen des Agenten umspielte ein feines Lächeln. .' Seien Sie ohne Sorge", sagte er dann, ich habe das Nöthige bereits be sorgt. Gestern, während der Untersuchung habe ich drei Photographien von dem Grafen zu mir gesteckt. Heu!e Morgen habe ich mir die Adresien sämmtlicher Mö belagenten von ganz Paris verschafft und drei Listen daraus gebildet. Zu dieser Stunde durchlaufen drei meiner Leute, jeder mit einer Liste und einer Photographie des Grasen, ganz Paris, gehen von einem Agenten zum andern und fragen : Ist das der Herr, der Ihnen neulich einen großen Austrag gegeben hat? Und ant wortet einer von Ihnen ja, dann haben wir unseren Mann". Ja, ganz gewiß", rief der Friedensrichter, bleich vor Aufregung, dann haben wir ihn". Sachte, noch nicht, triumphiren wir nicht allzu früh. Es ist immerhin möglich, daß der Graf die Vorsicht gebraucht hat, nicht in eigener Person zu dem Agenten zu geben. In diesem Falle... .ja, dann wären wir noch nicht so rasch m Ziele . . . Aber er hat schwerlich daran ge dacht..." In diesem Augenblicke LffneteJanouville leise die Thür und rief mit ihrer Baß. stimme : Es ist servirt !" Indeß der Friedensrichter verspürte wenig Appetit. Es war ihm säst unmög. lich, an etwas Anderes zu denken, als an den famosen Plan des Agenten. Es -bau
erte ihm zu lange, ehe er den Grafen in sicherem Gewahrsam wußte. In diesem Augenblicke, ertönte draußen die Klingel. Gleich darauf steckte Janou ville den Kopf zur Thür hinein und sagte : Ein Agent von Courbeil, NamenS Coulard. wünscht Sie zu sprechen. Soll ich ihm öffnen V Ja, und laß ihn dann hier eintreten." Sogleich tratCoulard ein in stramm ster militärischer Haltung, in seine besten Festgewänder gekleidet. Was kommst Du hier zu suchen", fuhr Lecoq den Beamten barsch an, und wer hat sich herausgenommen. Dir meine Adresse zu geben V Mein Herr," sagte Coulard, durch die sen nichts weniger als liebenswürdigen Empfang sichtlich eingeschüchtert, ent schuldigen Sie gütigst, ich bin von dem Herrn Doktor Gendron geschickt, um dem Herrn Friedensrichter von Orzival diesen Brief hier zu übergeben". In der That", bemerkte der Friedens richter, habe . ich den Doktor gestern Abend gebeten, mich durch einen Boten von dem Resultate der Leichenschau in Kenntniß zu setzen und ich habe mir die Freiheit genommen, diesen Boten in Ihre Wohnung zu bestellen". Lecoq wollte seinem Gaste den Brief übergeben, welchen Coulard ihm eben hingereicht hatte. O !" sagte der Friedensrichter, öffnen Sie ihn, es stnd keine Geheimnisse da rin . . ." Gut denn", sagte der Agent, aber gehen wir in unser Cabinet Dann rief erJanouville. Du wirst dem Manne ein Dejeuner be reiten". . Coulard hast Du heute Morgen schon gegeffen V wandte er sich zu dem Polizei beamten. Ein wenig . . ." antwortete dieser schüchtern. Dann nimm einen guten Biffen zu Dir und trinke eine gute Flasche Wein auf meine Gesundheit." Als Lecoq mit dem Friedensrichter von Orzival wieder in seinem Cabinet war, sagte er : Sehen wir jetzt, was uns unser guter Doktor schreibt." Mein lieber Fleury ! Du hast mich um umgehende sichere Nachricht gebeten; ich beeile mich, erige wenige Zeilen hinzuwerfen, die ich, wie verabredet, bei unserem'Zauberer abgehen laste..." O", murmelte der Agent sich unterere chend, der Doktcr ist in der That zu schmeichelhaft !" Trotzdem gefiel ihm das Compliment nicht wenig. Heute Morgen um 3 Uhr", fuhr der Agent in der Lektüre fort, haben wir die Ausgrabung der Leiche des armen Sauve stry bewirken lasten. Mein Verfahren war einfacher, als man vielleicht vermuthen sollte. Nachdem ich die verdächtigen Stoffe in zweimal so großer Menge Alkohol hatte stark erhitzen lassen, ließ ich vorsichtig die Flüssigkeit in ein Gesäß mit wenig hohen Rändern abfließen, degen Boden mit einem Papier bedeckt ist, auf welchem ich nach vieler Mühe meine Reagencies habe fixiren können. Wenn das Papier seine Farbe nicht änderte, so war kein Gift vorhanden im entgegengesetzten Falle ist an dem Vorhandensein des Giftes nicht zu zweifeln. Nun aber mußte mein Papier, von hellgelber Farbe, sollten wir uns nicht täu schen, braune Flecken zeigen oder vollstän dig die braune Farbe annehmen. Im Voraus hatte ich dem Untersuchungsrichter und den mir beigegebenen Sachverständi gen meine Erfahrungen mitgetheilt und dargestellt. Und was zu sehen war mir vergönnt ! Bei dem ersten Tropfen Also hol färbte sich das Papier sogleich in's tiefste Braun. Die Stoffe, welche ich der Untersuchung unterworfen hatte, waren buchstäblich mit Akomit gesättigt. Nie mals habe ich in meinem Laboratorium nur so überraschende Resultate erzielt. Ich erwarte freilich bei den öffentlichen VerHandlungen, daß man die Gewißheit meines Versuches bestreiten wird, aber ich habe Mittel in der' Hand, alle Einwendun gen siegreich zu widerlegen und alle Ehemiker, die man mir entgegenstellen wird, von der Richtigkeit meiner Ansichten zu überzeugen. Daß mir dieser Erfolg eine nicht geringe Genugthuung bereitet, kannst Du wohl denken ... Gendron." Er hat ganz Recht", meinte der Agent, nachdem er geendet hatte, wenn er Wi derspruch erwartet." Und in Erwartung desien", versetzte
der Friedensrichter, analysirt und experi mentirt er in seinem Laboratorium mit der größten Ruhe von der Welt; seine ab scheuliche Hexenküche ist fortwährend in Thätigkeit, er kocht und filtrirt so zu sagen s?ine Beweise heraus! . . ." Der Agent schien sich bei dem Gedanken an heftige Debatten während der öffent liehen Gerichtsverhandlungen nicht wenig zu freuen. Es ist sicher," meinte er lächelnd, daß dieser feige Schurke von Tremorel die Stirne haben wird, die Vergiftung Sau vestry's zu leugnen in seinem Interesse liegt's freilich dann werden wir aber noch einen prächtigen Prozeß bekommen". Dieses eine Wort Prozeß" schien den Friedensrichter sehr unangenehm zu be rühren eine ungewöhnliche Bläffe la gerte sich auf seinem Gesicht. Es ist nicht nöthig," rief er heftig aus, daß ein Prozeß stattfindet, durchaus nicht". Die ungewöhnlich große Heftigkeit des fönst so ruhigen und bedächtigen Friedens richters machte den Agenten im höchsten Grade stutzen. Sonderbar!" dachte der Agent bei sich. Aber weshalb denn nicht V frug der Agent den Friedensrichter verwundert an blickend. Ein nervöses Zittern durchschüttelte den alten Friedensrichter. Ich würde", sagte er dann mit erstickter Stimme, mein ganzes' Vermögen hinge ben, um nur einen Prozeß, eine öffentliche Verhandlung zu vermeiden . . . Ja, mein ganzes Vermögen und mein Leben oben drein, obwohl es nicht viel mehr werth ist . . . Aber wie soll man diesen elenden Gra fen den öffentlichen Gerichtsverhandlungen entziehen können? Welchen Ausweg soll man da ersinnen ? Sie allein, Herr Le coq, Sie allein können mir in dieser schreck lichen Noth rathen, in welcher Sie mich sehen, Sie allein können mir helfen und beistehen . . . Wenn es irgend ein Mittel gibt, dann werden Sie es ganz gewiß sinden und mich retten . . ." Aber mein lieber Herr . . begann der Agent, der nicht wußte, was das Alles bedeuten, was er dazu sagen sollte. Erlauben Sie noch ein Wort und Sie werden mich verstehen ... Ich will frei und offen sprechen offen wie mir selbst gegenüber . . . dann werden Sie sich Manches erklären können, was Ihnen in seinem Benehmen vielleicht dunkel und seltsam erschienen ist. 1 Sie machen mich neugierig", sagte der Agent gespannt. Es ist ein: traurige Geschichte. Ich befand mich in jenem Alter, wo, wie man zu sagen pflegt, das Schicksal eines Menschen sich entschieden hat, als plötzlich der Tod mir meine Gattin und meine beiden Söhne, meine ganze Freude und meine ganze Hoffnung auf dieser Welt, entriß. Ich stand letzt allein mitten in diesem Le ben, einsamer als ein Schiffbrüchiger mit ten auf dem Meere, ohne jeden Halt. JH war so zu sagen nunmehr ein Körper ohne Seele, als mich der Zufall nach Orzival verschlug. Ich lernte Herrn CourtoiA kennen, unseren Bürgermeister er wurde mein Freund ... ich lernte seine Tochter Laurenee kennen. Es war ein jungesMäd chen,etwa von achtzehnJahren . . . niehabe ich ein Geschöpf gesehen, welches so viele Vorzüge an Verständigkeit, Anmuth, Un schuld in sich vereinigte . . . Courtois, sagte ich, war mein Freund ... sie wurde für mich bald wie meine eigene Tochter. Ohne Zweifel liebte ich sie damals, aber ich wollte mir es nicht eingestehen,-und war übrigens mit mir auch nicht ganz im Klaren. Der Friedensrichter fuhr fort : Sie war noch so jung, und ich schon vorgerückt an Jahren. Ich gefiel mir in demGedan ken, daß meine Zuneigung die eines Vaters wäre, und wirklich schien sie mich auch wie ihren Vater zu lieben. Ach ! wenn ich noch der süßen Stunden gedenke, die sie mit ihrem kindlichen Ge plauder, und ihren naiven Vertraulich keiten ausfüllte . . . Wenn sie in den Alleen meines Gartens umherirrend die Rosen pflückte, die ich für sie gepflanzt, und ich sie meine Treibhäuser plündern sah . . . ja, dann war ich glücklich, und wenn ich sonst trübselig und gedrückt einher schlich, in jenen Augenblicken war ich über glücklich . . . dann sagte ich mir, daß das Leben doch eine herrliche Gabe Gottes ist... Mein Traum war damals, ihr im Leben zu folgen, ich wiegte mich in dem Gedan ken, sie einst an einen Mann verheirathet zu sehen, der sie glücklich machen würde, und ich würde der Freund der Frau ge blieben sein, nachdem ich der Vertrauens mann des jungen Mädchens gewesen war. (Fortsetzung folgt.)
