Indiana Tribüne, Volume 3, Number 29, Indianapolis, Marion County, 26 February 1881 — Page 6
Entlarvt.
Eriminal-Novelle von Wilhelm Mundt. (Fortsetzung.) Lcccq freute sich demgemäß im Stillen seines Sieges, den er soeben davongetra gen hatte, während seine Zuhörer seinen Scharssinn bewunderten. Eine Reihe schneller Berechnungen hatte ihm nicht allein den ganzen Plan Tremorels gezeigt, sondern auch den Weg gewiesen, den er einschlagen mußte, um zu seinem Ziele zu gelangen. Um Grcspin eine Antwort zu entlocken, hatte es seinerseits keiner besonderen Ge schicklichkeit bedurst, sondern es war vor Allem nöthig, daß er sich den Anschein gab, als sei er von all' dem genau unt.rrichtet. waS der Angeklagte zu verschweigen sür gut hielt. Der Agent sagte darauf zu Grespir : .Nachdem Du mir mitgetheilt hast, daß der Gras Dir eine Banknote von fünfhundert Francs, übergeben hat, so erkläre mir auch, wie und weshalb er dies gethan." .Es war gerade in dem Augenblicke, wo ich im Begriffe stand, abzureisen, der Herr Gras halte leine kleinere Münz? bei der Hand, und er mochte mich nicht nach Orzi val hinschicken, um solche einzuwechseln, ich sollte ihm den Rst zurückbringen." .Und warum bist Du denn an jenem Abende nicht zu Deinen Kameraden ge gangen V Grespin zögerte seine Augen irrten unstäl umher offenbar überlegte er, ob er antworten solle oder nicht. Vielleicht glaubte er auch, daß der Agent seinen Scherz mit ihm trieb : oder daß er ihm eine Falle legen wolle, in welche er viel, leicht schon gegangen sei. Vielleicht, so dachte er sich, hatten seine Antworten seine Lage j tzt schon erheblich verschlimmert. JDt)! rief er aus, zu dem Agenten gewendet. Sie haben mich hin:ergangcn. Sie haben nich!s gemußt Sie baden nur Falsches vorgebracht, um das Wahre zu erfahren. Ich bin einfältig genug gewesen, J)nen zu antworten und Sie werden ebenfalls meine Worte zu meinen Ungunslen ausbeuten." .Wie ? Du willst also wieder unsinniges Zeug zu reden anfangen?.Nein aber ich durchschaue jetzt die ganze Sache und zum zweiten Male wer' den Sie mich nicht überlisten. Jctzt. mein Herr, werde ich eher sterben, als noch ein einziges Wort sprechen. Uebrigens bin ich", fügte er hinzu, .ebenso schlau wie Sie was Sie von mir soeben gehört haben, war nichts als Lugen.Lcccq versuchte vergebens, Grespin irgend ein Wort zu entlocken ; er blieb seinem Entschlüsse, nicht mehr zu antmorten, gclrcu. Domini machte gleichfalls einige Versuche sie wollten ibm ebenso wenig gelingen. Auf alle Fragen hatte er nur die eile Antwort : .Ich werß nicht". Der Agent wurde begreiflicherweise schließlich ungeduldig. .Sieh", sagte er zu dem Angeklagten, .ich hatte Dich für einen verständlichen jungen Mann gehalten und Du bist nur ein Dummk.pf. Du glaubst wirklich, wir Wüßten absolut nichts ? Höre : An lenem Abend, wo die Hochzeit der früheren Haushälterin des Grafen stattfand, in dem Augenblicke, wo Du im Begriffe standest, mit Deinen Kameraden abzureisen und nachdem Du von einem derselben zwanzig Francs geliehen hast, da hat Dich der Graf gerufen.. Nachdem er Dir zuerst vollständige Geheimhaltung anbefohlen ein Befehl, den Du auch getreu befolgt hast, diese Gerechtigkeit muß ich Dir widerfahren lassen hat er Dich gebeten, von Deinen Kameraden am Bahnhofe Dich zu trennen und dann in dem bewuß ten Magazin ihm eine Feile, einen Hammer und ein Dolchmeffer einkaufen zu gehen. Dre Gegenstände solltest Du in ein bestimmtes Haus jedenfalls wo der Herr Graf gut bekannt war, vielleicht Bekani t: hat tragen. Lccoq fuhr fort : .Dann hat Dein Herr Dir das famose Fünshundertfrancs'Blllet gegeben, den Rest solltest Du ihm am anderen Morgen zurückbringen. Ist's nicht so?" .Ja, es war wirklich so die Mienen des Angeklagten sagten es eben so deutlich wie Worte. Trotzdem antwortete er : .Ich erinnere mich nicht." .Nun", suhr der Agent sort, .will ich Dir erzählen, was weiter g'schehen ist. Du hast Dich total betrunken und zum großen Theil den Rest der Banknote ver
zehrt, welche der Graf Dir übergeben hatte. Daher auch Dein Schrecken, als man den Rest des Geldes, der sich noch bei Dir vorfand, mit Beschlag belegte gestern Morgen, noch ehe man Dir ein Wort gesagt hatte. Du warst in dem Glauben, man habe Dich wegen Unterschlagung ver hastet. Sodann hast Du erfahren, daß der Graf in der Nacht ermordet worden sei Du erinnertest Dich, daß Du alle Instrumente gekaust hattest, die man zu Mord und Einbruch gebraucht die Adreffe, wo Du das Packet abgegeben hast, hattest Du in Deiner Trunkenheit ganz vergeffen, nun hast Du. anstatt an ein Mittel zu denken. Deine Unschuld zu beweisen. Furch: gehabt und hast Dich durch hartnäckiges Stillschweigen retten zu können verw'int." Die ganze Physiognomie des Angeklagten zeigte deutlich, daß der Agent nun doch das Richtige getroffen hatte. Trotz dem wollte er keinerlei Geständniß ab le.en. .Thun Sie mit mir, was Sie wollen", sagte er kurz. .Was sollen wir mit einem dummen Menschen beginnen, wie Du einer bist V rief der Agent unwillig aus. .Ja, ick glaube, daß Du ein schlechtes Sudj.lt bist ein ehrlicher Mensch würde begreisen daß wir ihn nur aus einer bösen Lage herausgehen wollen und er würde die Wahrheit sagen. Du willst freiwillig Deine Haft verlängern und den Verdacht auf Dir ruhen lassen, so scheint es. Vielleicht wirst Du später einsehen, daß die giögte Klugheit darin besteht. Alles zu sagen, wie es sich verhält. Zum letzten MiZe willst Du antworten V GrespZn schüttelte den Kopf. .Dann kehre in Dein Gefängniß zurück und beyüte Dein Geheimniß", sagte der Agent zoinig. .Gendarm", befahl der Untersuchungs lichter, .führen Sie den Angeklagten in Gefängniß zurück !" Von Neuem befand sich, wie am Tage vorher, der Agent mit den beiden anderen Herren allein. Wie viel.' unerwartete Ereign sse und Vorfälle hatten sich nicht innerhalb vier undzwanzig Stunden vorgetragen ! Dieses Verbrechen von Belllfleur, das An fa gs auf den ersten Blick fo einfach gr
schienen hatte, war plötzlich durch eine Reihe von Umständen nicht wenig verwi ekelt geworden, und hatte allmälig einen nickt geahnten Umfang genommen. Im ersten Augenblicke hatte Niemand in dieses Wirrsaal von Leidenschaslen und Bosheiten klar blicken können. Nur all mälig kam ein Licht in die ganze dunkle Angelegenheit aus dem Dunkel emporgeteuchte, um die Wirklichkeit in ihrer gan zcn Schreck ichkeit zu zeigen. Die Schuld des Grafen Tremorel war nicht mehr zu bestreiken, die ganze Schlechtigkeit und Bosheit seiner Pläne trat klar zu Tage, wie nicht minder die Unschuld Berlrands und Grespins offenbar wurde. Die letzten Z veifel des Untersuchungsrichters waren versckwunden wie der Nebel vor der Sonne. Allerdings war es ihm jetzt ein wenig leid, daß er den Polizei agcnten so geringlchatz nd und verächtlich behandelt hatte er mußte sich, wenn uiich sehr ungern, etngestehen, daß er ein Polizeibeamter von außerordentlichem Talenle war. .Sie sind ein geschickter Mensch, mein Herr", sagte er zu Lccoq. .Abgesehen von Ihrem nicht gewöJntichen Scharfsinn, i i das Verhör, das Sie foeben mit dem Angeklagten abgehalten haben,einMeister stück in seiner Art. Empfangen Sie also zunächst meine Glückwünsche, unbeschadet oer Belohnung, welche ich späterhin für Sie bei Ihren Vorgesetzten beantragen werde". .Ich acccptire", sagte er darauf zu dem Untersuchungsrichter, .das Lob, welches Sie mir spenden, nur zur Hälfte, der Rest gebührt h.er dem Herrn Friedensrichter." Der Friedensrichter wollte Einspruch erheben. .Oh, nicht der Mühe w?rth", meinte er, .für einige kleine Mittheilungen. Auch ohne mich wären Sie zu Ihrem Ziele getangt". Der Untersuchungsrichter war ausgestanden. Respektvoll, obwohl nicht ohne eine kleine Ueberwindung reichte er dem Agenten die Hand, welche dieser ehrerbie tigst drückte. .Sie befreien mich", sagte er zu ihm, von einer großen Last. Ganz sicher wäre die Unschuld Grespins srüher oder spater an den Tag gekommen; aber der Gedanke einen Unschuldigen lange Zeit im G?fäng Nisse gehalten und ihn mit vielen Verhören
gequält zu haben, würde auf lange Zeit mein Gewiffen beunruhigt und mir meine
Nachtruhe geraubt haben." .Ob dieser Grespin ein so großes Mit leid verdient, weiß ich nicht sa, ich würde iihm nicht wenig zürnen, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß er mehr als zur Hälfte verrückt ist .Noch heute", sagte der Untersuchungs richte? mit zitternder Stimme, .will ich den Schleier seines Geheimnisses lüften. sogleich". .Gewiß eine anerkennungswürdige Handlung, antwortete der Agent, aber der Kukuk hole diesen eigensinnigem Menschen ! Er hatte mir meine Aufgabe so sehr erleichtern können ! Mit Hilfe des Zufalls habe ich allerdings die Hauplda ten zusammenstellen können, aber . . . Nun, die Hauptsache ist jetzt vollendet . . . Das heißt," fügte er sich verbessernd hinzu, insoweit als wir jetzt mit Sicherheit, glaube ich, wiffen, wer der Schuldige ist ... Es handelt sich jetzt nur noch darum, den entflohenen Vogel wieder einzufangen . . Nun ich hoffe, daß auch dies mir gelin gen wird . . . .Ehe ich mich indeß zurückziehe," meinte er, zum Untersuchungsrichter sich wen dend . . . Ich weiß schon", sagte Domini lachend, .Sie erwarten noch den Haftbefehl gegen den Grafen Tremorel. .Allerdings", antwortete Lcccq. .da der Herr Untersuchungsrichter jetzt ich denlt, daß er noch am Leben ist . . ." Ich glaube es nicht blos, ich bin davon überzeugt." Domini rückte seinen Fauteuil an den Tisch ur-.d fing an zu schreiben. .Hier ist das Nöthige", sagte er zu dem Agenten, indem er ihm den Haftbefehl überreichte. Möge cs Ihnen gelingen, so b ld wie möglich diesen abgcfeintcn Schurken zu finden !" Der Agent dankte dem Untersuchungs' richte? den Sieg hatte er bereits davon getragen, fand er den Grafen Tremorel, so halte er sein Ziel vollends erreicht. Mit herzlichen Worten verabschiedete sich Lccoq von dem Untersuchung richter und verließ in Begleitung des Friedens richters das Justizgebäude. Der Doktor blieb zurück, um sich mit Domini wegen der Ausgrabung der Leiche Sauvestry's zu verständigen. .Es ist schon spät", sagte der Friedensrichter zu dem Agenten, als sie sich draußen befanden, .würde es Jbnen nickt sehr angen:hm sein, mein bescheidenes Diner mit mir zu theilen und meine herzlich gemeinte Gastfreundschost anzunehmen?' .Ich bedaure unendlich, Herr Friedensrichter," antwortete der Agent, .daß ich Ihr freundliches Anerbieten nicht anneh men kann, noch heute Abend muß ich in Paris fein." .Vielleicht darf ich mir dann die Frei heit nehmen, Sie in Ihrer Behausung aufzusuchen?" Der Agent drückte dem alten Friedens richter herzlich die Hand. Ich kenne Sie freilich erst seil wenigen Stunden", sagte er, .und doch habe ich Sie lieben und schätzen gelernt, als wenn wir lange Jahre in Freu"dschaft mit einander gestanden hätten. Jh werde Alles thun, worin ichJhncn irgendwie angenehm sein kann". .Aber wo darf ich vorsprechen ?" .Nun, morgen Früh, neun Uhr in mei' ner Wohnung Rue Montmartre No . . . XVII. Auf dem Thurme von St. Eustache schlug t neun Uhr, als der Friedensrichter in der Nue Montmartre anlangte und den dunkeln Hausflur des Hauses betrat. welches die 5!r . . . trägt. Herr Lccoq V frug er eine alte Frau, welche damit beschäftigt war, drei großen schvarzen Katern ihr Frühstück herzurich ten. Die Thürhüterin sah ihn verwunderten Blicke an. Offenbar war die Frau nicht gewohnt. Besuche in der eleganten Kleidung des Friedensrichters ihre Thürschwelle überschielten zu sehen. .Herr Lccoq", antwortete sie endlich, .wohnt auf der dritten Etage, die Thüre der Treppe gegenüber." Der Friedensrichter von Orzival stieg langsam die Treppe hinan, deren morsches Geländer nur einen sehr zweifelhaften Halt halte. Das Erstaunen des guten Friedensrichters war ein nicht geringes, als er sich der ihm von der Frau bezeichneten Thüre ge genüder befand.
Sie war aus starkem, festem Eichenbolz
dazu noch über und über mit starken eiser nen Bändenbefchlagey, in der Mille befand sich ein kleines Schalterfenster, ml ches dicht mit kleinen Eisenstädchen ver gittert war, die kaum dasTageslicht durchschimmern ließen. Unwillkürlich fragte sich der Friedens richter, ob er nicht om Eingange eines Gefängniffes stehe. Nach langem Zögern ergriff er endlich den kupfernen Gi'ff der Kiingel, welche sich rechts von der Thür befand. Alsdann öffnete' sich daschalterfenster chen in der Mitte der Thür, und hinter demselben wurde das eckige, starkknochige Gesicht eines alten Weibes sichtbar. - .Sie wünschen?" f?ug eine tiefe Baß' stimme. .Herrn L coq zu sprechen ?" .Was wünschen Sie von ihm?" .Er hat mich auf heute Morgen zu sich gebeten". .Ihr Name und Stand?" .Fleury. Friedensrichter von Orzival." Gut, warten Sie einen Augenblick." .Verwünscht!" brummte der Friedens richter, .wie es scheint, erhä!t nicht Jeder, der will, ohne Weiteres hier Einlaß." In demselben Augenblicke öffnete sich die Thür geräuschvoll. Er trat ein, und nachdem ihm das Weib durch einen Spei esaal vorangegangen war. dessen ganzes Meublement aus einem Tische und 6 Stühlen bestand, führte sie ihn in ein ziemlich geräumiges. hohes Zimmer, das zur Hälfte Toilette Cadinet, zur Hälfte aber als Arbeitszimmer eingerichtet zu fein schien und von zwei wohlvergiiter ten Fenstern erleuchtet wurde, die aus den Hof gingen. .Wenn der Herr sich vielleicht einen Augenblick gütigst setzen wollte", sagte das Weib, .so werde ich Sie gleich einsah ren. Herr Leccq gibt soeben einem feiner Leute einige Anweisungen". Der alle Frieöensrichter setzte sich indeß nicht seine ganze Aufmerksamkeit war von dem fondeibaren Aussehen des Zimmers in Anspruch genommen, in welchem er sich befand. An der einen Wand hingen an einem Kleiderhalter, die sonderbarstenKleidungs stücke, von dem Rocke mit breiten Auf' schlügen nach der neuesten Mode an bis zur einfachen, gewöhnlichen Arbeiterblouse. Ueber dem Kleiserhalter, auf einem Brette hingen auf Holzköpfen ein Dutzend Per rücken in allen Farben, während am Boden eine Menge zu den verschiedenen Kleidungsstücken paffenden Stiefeln und Schuhen herumlagen. Sodann lehnte in der Ecke noch ein ganzes Affortiment von Spazierstöcken. so daß man hätte glauben sollen, der Be 4. P "" . woyner die es Zimmers yaoe Nck eine ganze Sammlung dieser Gegenstände angelegt. Zwischen dem Kamin und dem Fenster befand sich ein kleiner Toilettentisch in weißem Marmor, auf welchem eine Menge von Pinseln, Töpfen mit Essenzen und Fiäichchen mit Farben herumstanden und lagen. Die andere Ecke der Wand nahm eine kleine Bibliothek ein, in der schön gebun dene wiffenschastliche Werke glänzten. Physik und Chemie waren darunter am stärksten vertreten. Mitten im Zimmer endlich stand ein großes Bureau, aus wel chem, wohl seit Monaten, Papier und allerlei Zeitungen bunt durcheinander lagen. Das sonderbarste und auffallendste Möbel, oder wenn man lieber sagen will. Hausgeräth bildete indeß ein breites Na oelkissen rn tchmar;em Beiour, in der Form eines länglichen Vierecks, welches neben dem Spiegel hing. Aus diesem Nadelkiffen strecken eine Menge Nadeln mit hellen, glänzenden Köpfen in einer derartigen Reihenfolge, daß sie einen Na men bildeten, wenn man genauer zufah ; der Name war aber: TremorelGrcspin. Diese beiden Namen, welche mit ihrem Silberglanz von dem schwarzen Grunde abstachen, fielen jedem Besucher sogleich auf. Es sollte wohl die Gedenktafel desAgen ten sein. Offenbar sollte dieses Nadel kiffen ihm jeden Augenblick die Angeklag ten in's Gedächtniß rufen, mit denen er gerade zu thun hatte. Viele Namen hat ten ohne Zweifel schon auf diefcm Kiffen geglänzt, denn es war ganz abgenutzt. Auf dem Bureau lag ein halbvollendeter offner Brief; eine gemiffe Neugier reizte den Friedensrichter, ihn zu lesen aber die Strafe blieb nicht aus, der Brief war in Ziffern abgefaßt.
Er Halle seine Jispeklion gerade noch
beendet, als sich eine Thur hinter ihm öff. r.ete. .Er befand sich einem Manne fast von seinem Alter gegenüber, mit freiem offenen Gesicht, von feinen Manieren, der eine goldene Brille tru-und mit einem gewöhnlichen Schlafrock bekleidet war. Der Friedensrichter verneigte sich. .Ich erwarte Herrn Leccq . . ." begann er. Der Mann mit der Brille brach in helles Lachen aus und klattchte mit den Händen. .Wie mein lieber Herr Friedensrichter", sagte er dann, .Sie kennen mich nicht wieder? Sehen Sie mich doch an. ich bin cs ganz sicher, Niemand anders als Lcccq." .Ich würde Sie wirklich nicht wieder erkan.it haben", stammelte der Friedens richter. .Ich bin allerdings ein wenig verän dert", meinte Lccoq, aber Sie wiffen, mein Beruf . . ." Dann, indem er dem Friedensrichter einen Fauteuil hinschob : .Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung", fuhr er fort, .wegen der Förmlichkeiten in meinem Hau?e. Es ist eine Nothwendigkeit, die ich nur ungern anwende. J h habe Ihnen bereits gesagt, welchen Gefahren ich fortwährend ausge fetzt bin; diese Gefahren bedrohen mich sogar in meinen eigenen Hause. Bergan gcne Nacht kommt ein Eisendahnf iklor mit einem für mich bestimmten Packet. Ja nouville meine Magd denkt an nichts Böses und läßt ihn eintreten. Er reicht mir das Packet hin, ich strecke die Hand aus, um cs zu nehmen, und p;sf. paff, gehen zwei Pistolenschüsse los. Das Packet war nichts anderes als ein Nevol ver, der in Wachsleinen eingehüllt war; der vermeintliche Eisenbahnfaktor war ein aus Cayenne entwichener Stiäfling, den ich verflossenes Jahr dingfest gemacht hatte." Lccoq erzählte die Geschichte im gleichgiltigsten Tone, wie die gewöhnlichste Sache von der Welt. Aber vor Hunger sterben wollen, weil etwa einmal ein sicherer Schuß seine Wir kung nicht verfehlen wird", fahr er lachend fort, .würde die giößte Dummheit fein." Er klingelte und alsbald erschien die Magd. .Ja: onville,". sagte er, .ein F.ühflück, schnell, zwei Eouverts und vor Allem eine Flasche Wein." Der Friedensrichter von Orzival konnte aus seinem Erstaunen noch nicht heraus kommen. .Sie sehen gewiß meine Jinouville an fuhr der Agent fort. .Es ist ci.-.e wahre Perle, mein lieber Herr, die mich pflegt wie ihr eigenes Kind und die sür mich durchs Feuer gehen würde. Und dabei eine starke, klüftige Person. Beinahe dälte sie an jenem Morgen den falschen gaktor erwürgt m.t Mähe, habe ich sie daraa gehindert. Freilich hat es mir nicht geringe Mühe gekostet, sie unter drei bis vier Tausend Sträflingen auszusuchen, denn sie war wegen Brandstistung und anderer Verbrechm verurtheilt. I tzt ist sie ein ganz gutes, chrcnhaflcs Geschöpf schon drei Jhre befindet sie sich in meinem Dienste, und ich möchte weiten, daß sic mir während dieser Zeit noch nicht sür einen Centime gestohlen hat." , Der Friedensrichter hatte unterdeß nur nur mit halbem OU zugehö.t er war zu sehr mit den Ereignissen des verflossenen 'Tages beschäftigt und hätte gar zu gern die Unterhaitung auf diesen Gegen stand gebracht. .Ich störe vielleicht ein wenig, heute Morgen so früh", meinte er. . .O. wirklich nicht im Geringsjen.' Ich (ade heute schon zehn Gänge gemacht und dreien meinerLeute ihre Arbeit zugewiesen. Jei uns giebt es keine todte Saison ! Auch l.abe ich mich heute Morgen bereits zu dem mitgetheilten Magazin verfügt, um Erkundigungen über diesen armen Teufel ron Grespin einzuziehen." Und was haben Sie vernommen V .Gerade das, was ich vermuthet hatte. Äm Mittwoch Abend, gegen ein Viertel ror zehn Uhr, hat er dort eine Banknote ron fünfhundert Francs gewechselt." ' .Er wäre also jetzt vollständig gerettet .Das heißt beinahe", antwortete der Agent. .Vollständig gerettet wird er erst dann sein, wenn wir den Grasen Tremorel haben". .Aber das", meinte der Frirdensrichter ärgerlich, .dürste sehr lange und schwierig erden." (Fortsetzung folgt.)
