Indiana Tribüne, Volume 3, Number 21, Indianapolis, Marion County, 1 January 1881 — Page 6

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Jndina Tribüne.

Entlarvt.

Urimixal-Nobelle bon Wilhelm Mundt. (Fortsetzung.) Kurze Zeit darauf geht er nach Buden -und sprengt die Bank um gleich darauf, nach einer Spiel Sitzung von sechs Stun den, gegen einen russischen Fürsten 120.000 FrcS. zu verlieren. , Graf Hector war über die Maßen eitel, er war mehr als entzückt darüber, daß olle Welt von ihm sprach und seinen Namen im Munde führte - seine Wonne und sein Entzücken kannten keine Grenzen, so bald er wieder einmal seinen Namen und seine tollen Streiche in einem PariserJournal fand. Und doch lieb er sich von all' dem äußerlich nichts merken ja nicht selten rief er, sobald in seiner Gegenwart die Rede auf ihn kam, scheinbar ärgerlich die Frage bin. Wird man denn niemals aufhören, sich mit meiner unbedeutenden Persönlichkeit zu beschäftigen ? Und doch würde man sehr irren, wenn man glauben wollte. Gras Hector sei von HauS aus ein schlechter Mensch gewesen bewahre! Sechs Jahre in Paris hatten hingereicht, alle guten Gesinnungen in ihm zu ersticken, ihn bis in's Mark hinein zu verderben. " Eitel bis zur Verücktheit, war er bereit. Alles zu opfern, um nur eine Berühmtheit zu sein oder zu bleiben. Daneben besaß er jenen schrecklichen Egoismus, wie man ihn nur bei Leuten sindet, die niemals mit Jemand anderem als mit ihrer eigenen Person sich zu beschäftigen gehabt haben und die von Widerwärtigkeiten dieses Le bens nichts kennen. Von den faden 2of) hude!eien,mitwelchen ihnsogeanntJreunoe überhäuften, die lem&elD anlockte, belyort, bewunderte er sich im Geheimen selbst, indem er seinen brutalen Cynismus als Esprit", seine stolze Verachtung aller Moral, seinen absoluten Mangel an Principien und seine dumme Skeptizis nur für .Charakter" hielt. Dabei war ec wie auch sonst vielfach außerordentlich schwach Launen hatte er genug, aber zu einem festen Entschlüsse konnte er es niemals bringen. Schwach wie ein Kind, wie eine Frau, ja wie ein Mädchen. Bisweilen, wo er nicht gerade mit irgend einem kostspieligen Abenteuer beschäftig: war, gelang es wohl einem alten Freunde, sich durch die Bedienten einen Weg zu ihm zu bahnen und ihm einige verstohlene. schüchterne Vorstellungen zu machen sür einen Augenblick gewann dann wohl die bessere Einsicht die Oberhand bei ihm aber blos sür einen Augenblick. Dann sagte er wieder, sobald seine wirk lichen und guten Freunde sich entfernt hatten, zu sich selbst: Ah bah ! Apres moi le deliige, so konnttLouis XV. sagen um so mehr ich, der einfache Gras de Tre morel. Das deluge'', der allgemeine Krach kam rascher, als er glaubte, nicht erst nach ihm, sondern noch zu seinen Lebzeiten. Eines schönen Aprilmorgens weckte ihn der Kammerdiener gegen 9 Uhr und mel dete : Unten im Vorzimmer ist ein G richtsdiener, der gekommen ist, wie er sagt, um die Möbel des gnädigen Herrn mit Beschlag zu belegen. - Graf Hector de Tremorel drehte sich auf die andere Seite und fagte dann gähnend : Gut ! sage dem Herrn, er möge in den Ställen und Remijen beginnen und komm dann herauf, mir beim Ankleiden zu helfen." Die ganze Geschichte schien ihn nicht besonders aufzuregen höchlichst erstaunt über das Phlegma seines Herrn ging der Bediente langsam die Treppe hinab. Freilich kam dieser Besuch des Gerichtsdieners nicht ganz unerwartet er wunderte sich nur, daß er so rasch eintras. Seine finanzielle Lage war ihm durchaus nicht unbekannt, im Gegentheil, aber'er hatte nicht den Muth, Alles zu verkaufen, uas er besaß, dann seine Fonds beider Bank zu hinterlegen und so ruhig sein Vermögen bis zum letzten Thaler zu verzehren. Er wollte lieber wie ein großer reicher Grundbesitzer zu Grunde gehen, der sein Schloß, seine Ackergüter, seine Waldungen und Felder noch sein eigen nennt in den Augen Derjenigen nämlich, denen es nicht bekannt ist. daß in Wirklichkeit die Gläubiger bereits die eigentlichen Eigen thümer sind. Wenn unser guter Graf irgend eine

große Summe nöthig hatte, um wieder einmal ein Bedürfniß seiner verschwende rischen Existenz befriedigen zu können, so nahm er seine Zuflucht zu Anleihen, unter, zeichnete Schuldscheine, machte Verträge oder dergleichen und belastete so seine Guter über und über mit neuen Hypothe ke. Auf diese Weise war er den Wucherern und Geldleihern niederer und höherer Sorte allmalig in die Hände gefallen und war ihnen aus Gnade und Ungnade übergeben. Bor drei Jahren, als er in Folge eines Sturzes mit dem Pferde sechs Wochen

Uang das Bett hüten mußte, hatte er Zeit und Muße genug, die Tiefe des Abgrundes zu ermessen, dem e? mit raschen Schritten zueilte. . Damals hätte er sich noch retten können ! Aber dann hatte er ja feine Lebensweise ändern, sein ganzes Haus auf einen beschidenerenFuß bringen, mit einem Worte sich einschränken müssen und das behagte ihm in keiner Weise, schon der Gedanke bann erschien tarn fürchterlich, und lieber ar er bereit zu sterben, als auch nur die geriiste Aenderung in feiner Lebensweise eintreten zu lassen. Er sagte sich, daß es, wenn er einmal untergehen müsse, dann besser sei rührn voll" zu sterben, im Purpurgewande und im Glänze der Sonne. Er meint?; daß es besser sei, plötzlich aus einer Wolke hinabzustürzen, als allmälig die Stufen hinabzusteigen. Seines Namens, so gaukelte kr sich vor, sei es würdig, bis zur letzten Stunde seine ruhmreiche Laufbahn zu ver folgen und dann wie die Dämonen in den Feen-Erzählungen, plötzlich auf immer zu verschwinden. Und nach reiflicher U?berlegung, beschloß er bis zum Ende auszuharre". Wüßte er gar keinen Ausweg mehr, so berechnete er. so sei es noch immer Zeit genug, ans an der Ende Frankreichs zu fliehen und sich dann in irgend einen einsamen Winkel der Erde eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Die Stunde, wo er sich sagen mußte, daß e5 keinen Ausweg mehr für ihn gebe. war gekommen. Sein väterliches Erbtheil ein fürstliches Vermögen war zusammenqe schmolzen wie der Schnee vor der warmen Frühlingssonne. Der letztvergangene Winter hatte ihm fünfzigtausend Francs gekostet kein Wunder, da bei ihm jeden Abend der Champagner in Strömen floß und er mit Lou'sd'ors um sich warf. Vor acht Tagen hatte er eine letzte Anleihe zu machen versucht es war mißglückt. Man hatte ihn abgewiesen, nicht weil sein Eigenthum etwa weniger werth gewe sen wäre, als seine Schulden betrügen, sondern weil man nur zu gut wußte, wie sehrGüter, die öffentlich versteigert werden. unter ihrem wirklichen Werth bezahlt werden. Gedankenvoll rieb er sich die Augen, als der Bediente sich entfernt hatte und sagte zu sich selbst: t . .Jetzt ist's zu Ende ein Schuß und Alles ist ans !" Ruhig, mit der gleichgiltigsten Miene von der Welt kleidete er sich sorgfältiger denn. je an in dem feinsten Anzüge, den erbesaß, wollte er von dieser Welt scheiden. In weniger als einer Stunde war er bereit. Wie gewöhnlich schob er seine goldene, mit glänzenden Diamanten besetzte Uhr, kette in das Knopfloch seiner Weste, steckte dann unbemerkt ein Paar seine englische Pistolen in seinen Ueberzieher und 'verabschiedete dann den Bedienten, der ihn inzwischen fertig frisirr hatte. Zehntausend und einige Hundert Francs verblieben ihm noch als er in seinem Sekretär nachsah. Mit dieser Summe hätte er allerdings noch eine Reise unternehmen oder seine Existenz auf zwei bis drei Monate verlän gern können aber er wies mit Abscheu einen solchen Gedanken als seiner nnwürbiß zurück. Er gedachte im Gegentheil, mit diesen zehntausend Francs seinen Freunden im Hotel ein luxuriöses Abschiedsdiner zu geben, den Rest der Summe den Armen zu überlassen und dann gegen Eide des Mahles seinen Selbstmord. Seine Freunde würden, so dachteer, keinenfalls ermangeln, die ganze Seene überall zu erzählen, seine letzte Unterredung gewissermaßen sein politisches Testament Jedem, der sie hören wollte, zu wiederholen des Abends würde man

dann in allen Case's davon sprechen und die Journale reichen Unterhaltungsstoff haben. Dieser Gedanke verursachte ihm nicht geringe Freude. Schon war er im Be griff, das Zimmer zu verlassen, als sein Blick aus einen Haufen wild durcheinander liegender Papiere in seinem Sekretär fiel. Vielleicht war irgend etwas dabei, waö seinen reinen Charakter beflecken konnte. Rasch entschlossen raffte er ohne Weiteres alle Papiere zusammen, die er in den Schubfächern fand, warf sie in den Kamin und zündete sie dann an. Mit gerechtem Stolze sah er diesen Haufen Papier Geschäftsbriefe, endlose Rechnungen. Mahnungen, Drohungen und dergleichen in Flammen aufgehen, glaubte er doch, wie der Rauch in die Lüfte sich verlor, so würde auch hiermit seine Vergangenheit verschwinden! Der letzte Fetzen Papier war verkohlt nur ein klein wenig Asche blieb noch zurück er dachte an den Hnissier und stieg die Treppe hinab. Er war kein gewöhnlicher Vertreter seines Amtes, der den Grafen erwartete. Um Alles in der Welt hätte er es nicht über's Herz bringen können, einem armen Schlu cker ein armseliges werthloses Mobiliar zu pfänden, während möglicherweise Frau und Kinder mit Thränen in den Augen nach ihrem letzten Besitztum jammerten. Mit Vorliebe waltete er seines Amtes in den reichen Hotels, in prachtvollen, glän zend ausgestatteten Appartements. Er fühlte sich förmlich geschmeichelt, kostbare Möbel, Kunstsachen, Gemälde und Aehn liches in sein BeschlagnahmeProtokoll zu verzeichnen. Schon hatte er in den Stallungen des Grafen acht Pferde mit vollständigem kost baren Pferdegeschirr, und in den Remisen fünf Wagen mit sämmtlichem Zubehör, Alles von höchster Eleganz mit Beschlag belegt, als er den Grafen selbst bemerkte. Rasch eilte er aus ihn zu und grüßte ihn mit der höflichsten Miene von der Welt, sich tief verbeugend. Es freut mich außerordentlich", sagte ec lächelnd, Jhre werthe Bekanntschaft zu machen . . . zwar eine unangenehme Veranlaffung ist es, die mich zu Ihnen führt, ich bedaure sehr . . ." Bitie sehr !" antwortete der Graf kalt. Ich habe", fuhr der höfliche Huissier mit verbindlichem Lächeln fort, mich nur eines Theiles meines Auftrages entledigt ... ich wollte den Herrn Grafen zuerst selbst sprechen, ehe ich weiter ging." Und weshalb V siel der Graf ein. Verzeihen Sie, Herr Graf, vielleicht ist es Ihr Wunsch, das weitere Versahren eingestellt zu sehen . . . Die Summe ist zwar groß, aber bei Ihrer Stellung . . ." Der Graf kann nicht bezahlen. Der Huissier versiegelt und der Graf verläßt sein Haus. Er besitzt nichts mehr. . Die Gleichgiltigkcit, die Hector des Morgens zur Schau trug, hatte einer stumpfen Resignation Platz gemacht. Ec fühlte, wie ihm der Kopf so schwer war es wurde ihm kalt. Wenn ich diese Nacht nicht sterbe," faßte er zu sich selbst, ; .werde ich morgen stark erkältet sein." Dieser Gedankenblitz nöthigte ihm zwar kein Lächeln ab, wohl aber gewann er da durch das Bewußtsein eines starken, mu thigen Mannes. Man rühmt, dachte er bei sich den Muth gewisser Verbrecher aus dem Schaffst - ich werde noch andere Beweise geben. Man bewundert Festig kett, wenn sie zwanzig Schritte thun, ohne zuwanken und ich, ich wandle dahin durch die Straßen, und Keiner von Den jenigen, die an mir vorbeigehen, denken

daran, daß er einem zum Tode Verurtheilten begegnet ist verurtheilt durch einen unerbittlichen Richter, meinenWillen. Schon sah er ein Hotel vor sich da erinnerte er sich, daß es' kaum sieben Uhr jetzt ein Zimmer verlangen, könnte Verdacht erregen. Er beschloß also zuerst zu soupiren es sollte seine letzte Mahl zeit sein, dachte er. Er betrat ein Restaurant, und bestellte ein Souper. Vergebens bemühte er sich, eine gewiffe angstvolle Traurigkeit abzuschütteln, die ihn befiel. Er begann zu trinken. - Drei Flaschen leerte er hastig nach einander ohne dem Laus seiner Gedanken eine an dere Richtung geben zu können. Der Wein däuchte ihm bitter, obwohl er ausgezeichnet war und zu hohem Preise aus der Karte stand. Die Kellner betrachteten erstaunten Blickes diesen sonderbaren Gast, welcher die Speisen kaun berührte,, die er bestellte, und der mit jedem Glase, das er lerrte, immer düsterer dareinschaute. Seine Rechnung betrug neunzig Francs.

Er warf ein Hundert.Franken.Billet auf den Tisch und ging. Aus einem Restaurant, an welchem er vorüberging, erschallte -lauter Gesang. Ohne zu wissen, weshalb, trat er ein. ES waren Studenten, die ihrem jugendlichen Uebermuthe Luft machten. Er setzte sich im Hintergrunde des Saales an einen eisernen Tisch. Er wollte allein sein. . Man brachte ihm Kaffee hastig schlürfte er einige Tuffen des duftigen Ge tränkeS. ' Obwohl er es nicht eingestehen wollte, so war es doch wahr, er suchte sich auszu muntern, den Muth zu erlangen, den er nöthig hatte es wollte ihm aber nicht gelingen. Immer stärker und zahlreicher bestürm ten ihn die Erinnerungen aus seinem ver gangenen Leben. Diese Vergangenheit flößte ihm zu glei cher Zeit Schrecken und Beschämung ein er hätte dieselbe und mit ihr zugleich die Erinnerung daran vernichten mögen, wenn er gekonnt hätte. Dann drückte ihn die Gewißheit,, daß er nur noch einige Stunden zu leben hatte. Nieder. Zu jeder anderen Zeit wäre er in Folge der Menge der geistigen Getränke, die er allmälig genossen, betrunken gewesen, heute schien der Alkohol seine Kcast verlo ren zu haben. Er saß da an seinem Tische, den Kops mit den Händen gestützt, als ein Kellner, der durch den Saal ging, ihm ein Journal darreichte. - . Mechanisch nahm er es, .öffnete es und las : In dem Augenblicke, wo wir diese Zeilen dem Drucke übergeben wollen, theilt man uns mit, daß eine sehr bekannte Per sönlichkeit plötzlich verschwunden ist dieselbe soll die Absicht' geäußert haben, sich zu tödten. Wegen Mangel an Zeit

verweisen wir hinsichtlich aller sonstigen Einzelheiten auf unsere morgen erschei nende Zeitung." Diese wenigen Worte übten eine merk würdige Wirkung auf ihn aus. Es war sür ihn sein Todesurtheil - unterzeichnet von dem Tyrannen, dem er Jahre lang so geschmeichelt halte der öffentlichen Meinung. Man hört also niemals auf, sich mit mir zu beschäftigen!" murmelte er in dum pfer Wuth dies Mal, zum ersten Mal in semem ganzen Leben, waren lhm diese Worte ernst gemeint. . Nun.lrisch dieHand an's Werk gelegt !" sagte er zu sich selbst, warf das Journal hin undvertieß d.as Restaurant. Fünf Minuten später begehrte er im Hotel Luxmboulg Einlaß. Der Diener führte ihn in das deste.Zimmer des Hauses und erkundigte sich nach seinen Wünschen. Zuckerwaffer und Schreibmaterialien !" befahl der Graf. Der Diener brachte das Verlangte. In diesem Augenblicke stand sein Ent schluß, sich zu tödten, ebenso unerjchütter lich fest, wie am Morgen. ! Jetzt nicht mehr gezögert", murmelte er, ich darf nicht zurückschrecken." Dann setzte er sich an den Tisch und schrieb mit fester Hand einige Zeilen, die sür den Polizei-Commisjär bestimmt sein sollten. Man möge Niemanden", so hob er an, sür meinen Tod verantwortlich machen," mit der Bitte, den Hotelbesitzer zu entschädigen, schloß er das Schriftstück. Er hielt die Feder noch in der Hand, es kam ihm der Gedanke, noch einen Brief an einen seiner Freunde zu schreiben. Mit Wollust dächte er daran, wie man diesen Brief im Club verlesen würde, vielleicht würde auch irgend ein Journal ihn addru cken auf alle Fälle würde er einen großen Effekt hervorbringen. Aber vergebens zermarterte er sein Ee Hirn er fand nichts. Wohl zehn Mal begann er den Brief und ebenso oft zerriß er ihn wieder. Unwillig warf er endlich die Feder hin und murmelte : Unsinn ! Wozu soll ich noch schreiben !" Dann sah er nach der Uhr sie zeigte fünf Minuten vor elf er legte seine Pisto!?n auf den. Tisch und sagte dumpf vor sich hin : Um Mitternacht jage ich mir die Kugel durch den- Kopf ich ty&z noch eine Stunde zu leben !" Er ließ sich auf einen Fauteuil nieder fallen gedankenvoll vor 'sich h:nstar rend. Weshalb tödtete er sich nicht auf der Stelle? Weshalb noch eine Stunde voll Angst und Schrecken ? Er wußte es nicht zu sagen. Es war offenbar jener mächtige Trieb nach Selbsterhaltung, der im Kam-

pfe lag mit seinem Willen, dem eisernen Willen, wie er wenigstens zu sagen pflegte. Der große Zeiger der Uhr zeigte halb zwölf. Er dachte noch immer an den merkwürdigen Journal-Arttkel, den er vor wenigen Stunden gelesen hatte. Dann malte er sich aus, wie jetzt in diesem Au. . genblicke von Niemand anders in den Cafe's und besonders in den Kreisen, in' welchen er verkehrte, die Rede sein würde als von ihm. Alle Diejenigen, welche ibn

gekannt hatten und es waren deren nicht wenige riefen sich in diesem Augenblicke geheimnißvoll zu : Wiffen Sie schon die Neuigkeit?" Was denn?" Der Graf Tremorel ..." Ah, ja, es war ein guter Kerl. Freilich " ' Es däuchte ihm, als ob er all' die guten und schlechten Späße. mit eigenen Ohren hörte, die man jedenfalls in dieser Stunde auf seine Kosten machen würde. Dann, dachte er wieder daran, wie seine Gläubi ger mochte er nun sich wirklich tödten oder nicht über seine Habseligkeilen her fallen würden. Seine Freunde würden jedenfalls bei der öffentlichen Versteigerung anwesend sein. Der Eine wü de seine Pferde, der Andere seine Wagen, der Dritte seine Möbel ankaufen. Und für solche Leute hatte er gelebt! Die Zeit rückte immer näher... noch einige Minuten war der Zeiger von Zwölf entsernt ... Der erste Schlag ertönte . . . Hector schoß nicht . . . Hector war tapfer und sein Muth war weit und breit bekannt. Wohl zehn Duelle hcUte er bestanden . . . man erzählte die verwegensten Streiche von ihm ... Der Gras noch immer nicht .... Er besaß zwar Muth, aber es war nicht jener wirtlich echte Muth, der die öffentliche Meinung unbeachtet läßt nur dem Gewissen und nicht der Leidenschaft, ge horcht es war vielmehr der Muth eines Duellisten oder Eportsmannes, der mehr von dem Drucke der Zuschauer angestachelt wird, als auf Energie des Willens beruht. Jenen Muth, der zuerst die Gefahr kaltblütig überlegt und dann sich sagt: Ich thue es !" jenen Muth befaß Graf xt morel nicht sein Muth war nur ein schwaches Strohfeuer, das bald erlosch. Der gegenwärtige Augenblick war ein deutlicher Beweis dafür. Schon länger als zwei Minuten hatte es . Mitternacht geschlagen Hector saß noch immer da, die Mündung der Pistole an die Schläfe drückend. Eine kleine Bewegung nur trennte ihn von der E vigkeit er kann es nicht über sich bringen, diese kleine Bewegung zu machen. Sollte ich wirklich Furcht haben?" fragte er sich, während ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand und sein Herz pochte. In Wirklichkeit hatte er Furcht, nur wollte er es sich nicht gestehen. Er legte die Pistole wieder auf den Tisch und rückte näher an das Feuer,- das im Kamine brannte. Er zitterte an allen Gliedern. Es ist nichts weiter als eine nervöse Aufregung," sagte er sich, die schon vor übergehen wird." Er wollte dann noch eine Stunde war ten, bis er sich tödete. Unerhörte Anstrengungen machte er, um sich die Gründe für die Nothwendigkeit eines Selbstmordes klar zu stellen. Was sollte aus ihm wer den, sagte er sich, wenn er sich nicht tödten würde ? Wovon sollte er leben ? Sollte er sich zum Arbeiten entschließen? Und von allem diesem abgesehen, welcher Hohn, welche Schande erwartete ihn, wenn er sich wieder öffentlich zeigte? Mußte er nicht dus Aergste befürchten ? Derartige Gedanken durchkreuzten wild sein Gehirn. Er verwünschte die öffent liche Meinung, der er nicht Trctz zu bieten sich getraute und doch mußte er jlch wie derum sagen, daß gerade er nach den besten Kräften diesem Tyrannen gedient und sein ganzes Thun und Lassen nach den Launen desselben eingerichtet habe." Wüthend sprang er auf und ariff zu seinen Pistolen. Der kalte Stahl berührte seine Hand so unangenehm, daß er die Waffe mechanisch fallen ließ und wie ohn mächtig auf -seinen Sessel zurücksank. Ich kann nicht, ich kann nicht", wieder holte er in der größten Angst. Er dachte an den physischen Schmerz und er schauderte zusammen, bisweilen gelingt Selbstmördern ihr Vorhaben nicht auch dcffen erinnerte er sich. Einer seiner Freunde hatte sich eine Kugel durch den Ko)?f jagen wollen aber schlecht getroffen. XMan hatte ihn gerettet und ihm alle . Hilfe angedeihen lasten aber er war sür sein ganzes Leben schrecklich entstellt ge blieben. (Fortsetzung folgt.)