Indiana Tribüne, Volume 3, Number 19, Indianapolis, Marion County, 18 December 1880 — Page 6

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Indianer Tribüne.

Entlarvt.

Criminal.TZovelle von Wilhelm Mundt. (Fortsetzung.) .Und doch sage ich Ihnen, daß dem so ist freilich habe ich jetzt noch keinen Anlaß, Beweise dasür beizubringen ohnehin wird die Untersuchung selbst ja den Urheber des Mordes feststellen müs. fern" .Beruhen Ihre Angaben auf Wahrheit und ich habe keinen Grund, daran zu zweism dann ist auch die letzte Lücke meines Romans ausgefüllt, wie ich ihn mir ausgedacht habe." .Wir find neugierig zu hören", sagten die beiden anderen Herren. .Wie Sie wissen-, hob der Agent in fast feierlichem Tone wieder an, war ich nicht minder als Sie bei meinem Eintritt in das Schloß aus's 'Aeu ßerste wegen der Unordnung betroffen, wie wir sie gesehen haben. Zuerst dachte ich gleich Ihnen meine Gründe hufl'u habe ich Jnen dargelegt daß diese Unord nung nur eine künstliche sei. Ich hatte mich getäuscht eine nähere Untersuchung hat mir jeden Zweisel benommen. Der Mörder hat zwar Alles in Stücke zer schlagen,die Möbel zertrümmert, die Fau teuils zerhackt, alles dies in der Absicht, um den Glauben zu erwecken, eine ganze Bande Verbrecher habe in dem Schlosse gehaust. Aber inmitten dieses wohlvor bedach!en Zttstörungswerkes habe ich diese freilich unfreiwilligen Spuren einer genauen, langen und bis in's Kleinste gehenden Durchsuchung versolgen können. Möbel waren zerschlagen, die man mit den Händen hätte offnen können; Schublaoen waren zertrümmert, die nicht verschaffen waren und an denen der Schlüssel, noch im Schlosse steckte alles dies war wohl überlegt. sJiun aber die Schubladen bei kleineren Möbeistücke hatte man hierhin und dorthin geworfen, sogar der enge Raum zwischen den Mstbeln selbst und den Fugen der Schubladen ist durchsucht roor den ich habe die Abdrücke von Fingern indem Staude gesunden, der an solchen Stellen sich anzuhäufen pflegt." .Die Bücher lazen wirr durch einander in der Bibliothek herum, ja einzelne waren so stark geschüttelt worden, dak der Einband lo-gerissen war. Ich habe den tfa min genau untersucht, überall konnte man sehen, dab kurz vorher schon Jemand eifrig nach irgend einem Gegenstande gesucht hatte. Keinenfalls hat man aus reinem Vergnügen die Fauteuils mit Degenstichen zerhackt man wollte so die Stühle durchsuchen, ob sich das Gesuchte nicht darin verborgen fände, u. gerade dies:Gewi3' heit, daß Jemand eisrig unanhaltend nach etwas gesucht hatte, erweckte in mir allerlei Vermuthungen. Einerseits mußte ich mir sagen : die Verbrecher haben das Geld gesucht, welches im Hause war, also konnten sie nicht zu dem Hause gehören freilich kann man einem Hause angehören und doch das Verhältniß nicht kennen, wo die Werthsachen aufbewahrt werden audererseits mußte ich mir sagen, daß es jedenfalls auffallend'war, daß gerade die Gräfin und nicht der Graf ermordet wurde. EZ gab nur zwei Möglichkeiten für mich, entweder hatten Fremde, mochten sie dem Hause angehören oder nicht, oder der Gras selbst die Gräfin elmvrdet. Ein Drittes gibt es nicht." .Der Gras V riefen die beiden Herren erschrocken. .Sie werden doch nicht . . . .Ich errathe Ihre Gedanken, meine Herren", sagt: der Agent lächelnd, .indeß Sie wissen, die Polizei urtheilt über die Menschen anders, als die übrige Welt zu thun pflegt. Die übrige Welt läßt sich leicht von dem Schein täuchen, sie vermu thet Verbrechen nur bei einem Menschen, der nach seinem sonstigen Benehmen wohl dazu sähig wäre . . ." .Der Polizeibeamte", fuhr der Agent fort, .steht auf einem andern Standpunkte, und sobald es sich namentlich um Entdeckung eines Verbrechens handelt, muß er alle Möglichkeiten in's Auge saffenund ihre Wahrscheinlichkeit abwägen nicht wahr, meine Herren?" .Ganz richtig", nickte der Friedensrichter. .Wenn irgendwo", fuhr der Agent fort, .ein Mord begangen wird, so liegt der Gedanke sehr nahe gewöhnlich- ist diese Vermuthung auch richtig daß Andere als diejenigen, welche mit einander an9 8 Engste durch, die Bande der Familie verbunden sind, daö Verbrechen verübt haben. Stellt sich ein solcher Mord dazu noch als

ein Raubmord heraus, so wird in den allerseltensten Fällen, nur wo ganz te stimmte Gründe zu einer solchen Annahme vorliegen, der Verdacht auf Jemand an ders als aus eine Person fallen, die in sei ner Beziehung zu der Person, gegen die das Verbrechen verübt wurde, steht." .Aber Grespin?" warf der Doktor ein. .Erlauben Sie, Herr Doktor", erntwor tete der Agent, .wir werden noch Gelegen heit haben, auf ihn zurück zu kommen. Um indeß meinen Gedankengang sortzu spinnen, so war es ganz natürlich, daß man, sobald die Ermordung der Gräsin entdeckt wurde, sogleich Verdacht auf eine dritte Person hatte der Umstand, daß Grespin gerade in der verhängnißvollen Wacht sich von seinen Kameraden getrennt hatte, deß er die große Summe Geldes ge sehen, welche der Graf gestern eingenom' men, und daß man eine größere Summe Geldes bei ihm vorfand, als man nach seinen Lebensgewohnheiten berechtigt war Alles das, sage ich, mußte fast noth wendiger Weise den stärksten Verdacht aus ihn fallen laffen. Und doch . . . ." .Ist er unschuldig," fiel der Friedensein. .Entschuldigen Sie," sagte der Agent lächelnd, .daß ich Ihre Neugierde verzeihen Sie den Ausdruck noch etioas auf die Probe stellen muß. Ich sprach Jh nen soeben von der zweiten Möglichkeit die bei jedem Morte. also auch in unserem Falle, vorhanden se-n kann für den Polizeibeamten ist sie jedenfalls vorhanden. Ist die Gräfin Tremorel von Jemand ermordet worden, der zu ihr in sei

ner engeren Beziehung stand ich meine durch die Bande der Ehe oder Verwandtschuft so ist es im höchsten Grade ans fallend, daß der Graf nirgends wo zu sinden ist obwohl ich Ihnen davon nicht gesprochen habe, so stieg mir dieser Gedanke sosort auf, als ich den näheren Her gang der ermittelten Thatsachen vernommen hatte. Allerdings konnte auch der Graf ermordet sein, und es ist immerhin möglich, daß seine Leiche noch gesunden werden wird ich glaube es indeß nicht die höchste Wahrscheinlichkeit spricht nicht dafür. Ich habe Ihnen gezeigt, ich glaube in übergenügender Weise, daß die vergan gene Nacht Niemand in dem gräflichen Bette geschlasen hat, weder die Gräfin noch der Graf . . .Vielleicht war der Graf verreist?" meinte der Friedensrichter. .Auch diese Möglichkeit habe ich mir vorgehalten allerdings pflegte er häufig selbst ganz unvermuthet aber es steht nicht zu erwarten, daß er gerade verflossen Nacht verreist sei, um so weniger, als er ja gerade gestern eine bedeutende Summe Geldes empfangen und die Gräfin erklärt hatte, sie würde gerade deshalb kaum ruhig Zchlascn können . . ." .Indeß alle diese Umstände", warf der Friedensrichter ein, .beweisen ich sage ausdrücklich b:w?isen bis jetzt nichts gegen den Grafen ..." .Ganz Ihrer Meinung", sagte der Agent bestätigend, .bemerken Sie indeß wohl, daß ich bis dahin blos behauptet habe, daß die höchste Wahrscheinlichkeit sür meine Annahme spreche . . . eine Ge wißheit sür dieselbe besitze ich freilich nicht. Indeß, wenn Sie erwägen, daß man im Haufe auch noch andere Dinge als Werthfachen im gewöhnlichen Sinne des Wortes suchen konnte, so wird meine Annahme fast zur Gewißheit, daß der Graf selbst der Schuldige ist." Der Friedensrichter und der Doktor sahen fast erschrocken einander an. Zwar hatten Beide unbestimmt errathen, auf wem der Verdacht des Agenten ruhe, aber sie wagten uicht, auch ihrerseits, diesen Verdacht bestimmt auszusprechen. .Sie zweiseln noch, meine Herren", fuhr der Agent fort, .an dem, was ich Ihnen gesagt habe. Ich wundere mich nicht im Entferntesten darüber im Gegentheil, ich finde es ganz natürlich, daß Sie vor dem Gedanken zurückschaudern, daß Gras Tremorel mit kaltem Hand ein so scheußliches Verbrechen begehen könne, seine eigene Frau zu ermorden. Und doch werden Sie mir beistimmen müffen, wenn ich mich nun bemühe die Sache ncch ein wenig mehr zu beleuchten dieWichtigkeit des Gegenstandes gebietet mir, Ihre Ge duld etwas länger in Anspruch zu nehmen. Der Agent schien nachzusinnen. Nach einer Pause hob er an : Die Un tersuchung bei einem Verbrechen ist nichts anderes als ein Problem, eine Aufgabe, wie dem Mathematiker eine Aufgabe ge stellt wird, die er mittelst der ihm besann

ten Voraussetzungen und feststehender Grundsätze lösen soll. Ist das Verbrechen vollbrachtest es festgestellt und liegt es klar zu Tage, so macht man den Anfang damit, daß man alle Umstände, die irgendwie aus dasselbe Bezug haben, sammelt, mögen sie von größerer oder geringerer Bedeutung, ja ganz bedeutungslos zu sein schetnen. Hat man auf diese Weise alle Umstände und alle kleinen Vorfälle, die mit dem Verbrechen in näherer oder entfernterer Verbindung stehen, gesammelt, so bringt man sie in eine bestimmte Klaffe, man setzt sie an ihre Stelle, wo sie hingehören und ebenso ordnet man sie der Zeit nach. Auf diese Weise kennt man das Ovfer deö Verbrechens, dieses selbst und die näheren Umstände darf ich bei dem mathematischen Vergleiche bleiben, so kennt man so die einzelnen Sätze und Axiome, die schon gegeben sind ; es erübrigt nur noch was freilich die Hauptschwierigkeit bW det die unbekannte Größe, das heißt, den Schuldigen zu finden. Diese Ausgabe ist nicht leicht, aber auch Ausnahmen sind selbstverständlich

nicht so schwer, als man gewöhnlich an nimmt. Sie besteht darin, Jemand zu suchen, dessen Schuldbarkeit alle Umstände, alle kleinen Vorfälle und Begebenheiten, womit das Verbrechen gleichsam umgeben ist, erklärt alle, verstehen Sie mich wohl. Findet man ein solches Jndividiuum, dann ist es wahrscheinlich und unter zehn Fällen ist es neunmal wirklich so, daß man den Schuldigen vor sich hat. In dieser Weise, meine Herren, ging Jabarrt, mein Lehrmeister, zu Werke, und während seines ganzen Lebens hat er sich nur dreimal getäuscht. Der Friedensrichter und der Doktor konnten nicht umhin, bewundernd auözu rufen : Sehr gut." .Prüfen wir nun", fuhr der Agent fort, .ob die Schuldbarkeit Tremorel's, die wir natürlich jetzt blos voraussetzen, alle Um' stände des Verbrechens, das uns beschäftigt, erklären würde. Wir setzen also voraus, daß Gras Tremorel den Entschluß gefaßt, sich seiner Frau zu entledigen. Nachdem er sich zu dem Verbrechen ent schloffen hatte, mußte er das ist klar auf Mittel und Wege sinnen, es ungestraft und ohne daß Verdacht aus ihn siele, be gehen zu können. Er mußte jedenfalls die Folgen seines Verbrechens abwägen und die Gefahren seines Unternehmens wohl in'S Auge fassen. Wir müffen auch voraussetzen, daß die Ursachen, welche ihn zu diesem äußersten Schritte brachten, derartig waren, daß er fürchten mußte, leibst xx dem Falle beun ruhigt zu werden, wo seine Frau auf na türliche Weise sterben würde. Der Graf entschloß sich also, seine Frau mit einem Male aus dem Wege zu schassen er wählte dazu den Dolch und dabei leitete ihn der Gedanke, die Sache in einer Weise anzulegen, daß die Vermuthung entstehen mußte, auch er selbst sei mit ermordet worden. Ebenso mußte er sich bemühen, den Verdacht auf einen Unschuldi gen abzulenken, oder wenigstens aus Jemand, der unendlich weniger Schuld trug, als er selbst. Indem der Graf diesen Plan ausführte, beschloß er. nach vollbrachtem Morde zu verschwinden, zu fl:ehen, sich zu verbergen und sich einen ganz anderen Namen beizulegen den Grasen de Tremorel wollte er ganz abstreifen, um sich nebst einen andern Namen auch eine neue Beschäftigung beizulegen. So konnte er die Vermuthung, der Graf sei selbst ebensalls getödet worden und seine Leiche sei nicht aufzufinden, nur bestärken. Gerade diese Voraussetzungen, die Vieles sür fich haben, erklären uns eine Reihe von Umständen, die aus den ersten Blick kaum mit einander vereinbar erscheinen. Zunächst wird uns dadurch vollständig erklärt, weshalb sich gerade in der Macht, wo das Verbrechen stattfand, eine große Summe - Geldes im Schlöffe befand. Wenn man einen großen Geldbetrag empfä"gt, so ist es ganz natürlich, daß man dies so sehr als möglich verheimlicht. Gras Tremorel hat dies nicht gethan aus guten Gründen. Er zeigte einem Jedem, der sie sehen wollte, dieBündel Banknoten, er breitete sie vor Jedem aus; die Diener schast sieht dieselben und berührt sie fast; er will, daß Jedermann wisse, daß bei ihm in seinem Hause sich eine große Summe Geldes befindet, die leicht zu stehlen sein würde". ' Und welchen Zeitpunkt mahlt er zu die sem nach gewöhnlichen Begriffen höchst unvorsichtigen. Beginnen?' Gerade den Zeitpunkt, wo er und Jedermann in der

ganzen Nachbarschaft wußte, daß er und die Gräfin die folgende Nacht allein, aus dem Schlöffe sein würden. Der Agent hielt einen Augenblick inne. .Sie werden vielleicht einwerfen, meine Herren", fuhr er dann fort, daß dies alles weiter nichts gewesen sei, als eine eitle Prahlerei mit seinem Nelchlhum seitens des Grafen. Indeß, wenn wir auch dies annehmen wollten, was jedoch sehr sonderbar und unwahrscheinlich klingen Würde, so mußte er sich doch sagen, daß es ein grenzenloser Leichtsinn sei, eine große Summe Geldes zu zeigen vor einer Nacht wo Niemand außer ihm und der Gräfin sich auf dem Schloffbefand." Er wußte sehr wohl, daß seine ganze Dienerschaft auf den Abcnd des achten Juli zur Hochzeit seiner ehemaligen Köchiw eingeladen war ja ich sage noch mehr: er wußte es so gut, daß er selbst die Kosten der Hochzeit übernahm und den Tag sür dieselbe festgesetzt hatte, als die ehemalige Köchin sich mit ihrem zukünftigen Ehege mahl bei ihm vorstellte. .Sie werden mir entgegnen, daß es nur Zufall gewesen ist, daß gerade an diesem Tage der Graf jene große Summe erhielt, streng genommen, ist dies ja möglich. Indeß habe ich .allerlei Vermuthungen freilich noch keine Gewißheit 'daß der Graf seinen Banquier schristlich oder mündlich gebeten hat, ihm diese Summe gerade an jenem Tage und nicht früher und nicht später zu schicken." .Wir weiden uns bei dem Banquier erkundigen gibt er uns einen Brief dieses Inhalts von der Hand deö Grafen, oder bürgt er uns mit seinem Ehrenwort, daß

der Graf ihn mündlich um das Geld ersucht hat, so gewinnt mein System nur an Wahrscheinlichkeit, ich möchte sagen an Gewißheit". .Aber Grespin?" warf der Friedensrichter ein. .Gerade meine Voraussetzungen dienen nicht minder dazu", suhr der Agent fort, .die Lage Grespin's ein wenig klar zu stellen. Frei herausgesagt, sein Benehmen ist sehr auffällig und macht seine Verhastung sehr tlärlich. Ob er ganz oder nur zum Theil bei dem Verbrechen betheiligt ist wer mag es jetzt wiffen? Wir haben weder sür das Eine noch sür das Andere einen sichern Änhaltspunkt, geschweige denn Beweise höchstens Vermuthungen. Sicher ist, daß Grespin, in eine Falle gegangen ist, die sehr geschickt gelegt war. Der Graf wußte sehr wohl, weshalb er gerade Grespin als sein Opser auserkor. Er kannte die Vergangenheit des Unglücklichen sehr gut, er wußte, daß er etwas locker und leichtsinnig lebte und so würde, sagte er sich, der Verdacht, den Mord begangen zu haben, um so stärker sich gegen ihn erheben. Ich sagte eben, der Graf habe Grespin 'eine Falle gelegt, wie er dies gethan, das könnten wir jetzt nur vermuthen, vielleicht wird uns darüber erst später Gewißheit werden. Vielleicht wollte der Graf wir mögen zu seiner Ehre dies annehmen nur Zeit gewinnen und die Untersuchung aus Grespin ablenken, während er sich aus dem Staube machen würde vielleicht hoffte er auch,' Grespin würde es gelingen, feine Unschuld darzuthun. Allerdings hat man in den Händen der Gräfin ein Stück Zeug von der Weste ge funden, die Grespin angehört. Freilich scheint dieser Umstand ein unwiderleglicher Beweis sür feine Schuld zu sein der Herr Untersuchungsrichter war ja dieser Ansicht, sie lag sehr nahe. Indeß liegt die Sache, so viel ich sie beurtheile, ganz an ders. Wir wiffen, es hat kein Ringu; zwischen dem Mörder und der Gräsin stattgefunden also konnte sie auch ihrem Mörder kein Stück Zeug aus der Weste reißen. Wie kommt es aber in die Hände der Gräsin ? Der Mörder, der auf Gres pin den Verdacht ablenken wollte, hat dies selbst gethan er hat das Stück Zeug aus der Weste Grespins herausgerissen und der Gräsin in die Hände gedrückt, um den Glauben zu erwecken, Grespin habe mit der Gräfin gerungen und dabei habe letztere ihm dieses Stück Zeug weggerissen. Seh? klar", bemerkte der FriedenSrich ter beifällig nickend, .aber wenn Grespin unschuldig ist, warum spricht er nicht? Warum versucht er nicht, sein Alibi zu beweisen ? Wo hat er die vergangene Nacht zugebracht? Wie kommt er zu dem vielen Gelde, das man bei ihm vorgefunden hat?". .Bemerken Sie wohl", antwortete der Agent, .daß ich nicht sage, daß GreZpin

unschuldig ist bis jetzt spricht nur die Wahrscheinlichkeit hiefür. Graf Tremo rel scheint ein sehr geschickter Mensch zu sein, er war schurkisch genug seinen Be dienten. rn eine Falle zu locken, sollte er nicht im Stande gewesen sein, Grespin alle Mittel zu benehmen, mittelst deren er sein Alibi hätte nachweisen können?" .Aber Sie selbst", bemerkte der Doktor, .haben ja kurz vorher die Geschicklichkeit des Grafen in Abrede gestellt." .Erlauben Sie, Herr Doktor", erwiderte der Agent. Der Plan des Grafen ist ausgezeichnet gewesen und zeigt von einer rasfinirten Bosheit seine Ausführung allein war mangelhaft. Der Mörder hat seinen Plan reiflich überlegt und überdacht er beging das Verbrechen, und nur in der Aufregung, die begreiflicherweise sich seiner bemächtigte, bei dem Gedanken an die mögliche Entdeckung, hat er seine Kalt blütigkeit verloren und sein Vorhaben nur halb ausgeführt. Aber noch andere Annahmen sind nicht unwahrscheinlich. Man könnte, sich die Frage vorlegen, ob nichtGrespin. während auf dem Schlosse die Gräfin ermorder wurde, irgendwo anders ebenfalls ein Verbrechen beging. .Immerhin möglich", meinte derDoktor achselzuckend, .indeffen etwas unwahr scheinlich." .O," lächelte der Agent, .sür jeden an. dern als einen Polizeimann allerdings, sür die Polizei dagegen nicht. Mein Lehrmeister hat mir ost solche Geschichten erzählt ja ich selbst habe solche erlebt. Vor drei Jahren fand in Paris ein bedeu

tende: Juwelendiebstahl statt eines Tages verhafte ich einen meiner zahlreichen Kunden, den ich stark im Verdacht hatte, daß er den Diebstahl begangen hätte. Man wirft ihn in's Gefängniß man verhört ihn ; er schwört Stein und Bein, daß er unschuldig ist, aber er kann kein Alibi beibringen. Das Verhör wird fort gesetzt endlich gesteht er den Dicbstahl ein. Er sollte gerade vor die Assisen gestellt werden, als ich ich weiß nicht mehr ge nau, wie entdecke, daß er in derselben Nacht irgindwo anders eine alte Frau tx schlug, der er ihre kleinen Ersparnisse stehlen wollte." .Von zwei Strafen-, fuhr der Agent fort, .wählte er die kleinste, er wollte lieber wegen Diebstahls, als wegen Mordes ver urtheilt sein. Ich könnte Ihnen noch mehr solcherlei Eestbichten erzählen, aber . . ." .Genug, genug", fiel der Friedensrichter lebhast ins Wort. Versetzen wir uns also, meine Herren", fuhr der Agent fast in feierlichem Tone fort, .aus's Schloß Bellefleur in den Abendstunden des gestrigen Tages. Es ist gegen zehn Uhr, kein Geräusch ist Xmtitos. in aM f m S ! a 1CI v - uiuut)i" 0" wimiyuuu, uic VUUC in ÜUZ und leer, die Lichter erlöschten im Dorfe eines nach dem andern, die Diener sind in Paris, Graf undGräfin befinden sich allein auf dem Schlöffe. Sie haben sich bereits in ihr Schlafzim mer zurückgezogen. Die Gräfin sitzt vor dem Tische, auf welchem der Thee servirt ist. Der Graf geht unterdessen, fortwährend mit der Gräfin plaudernd, im Zimmer auf und ab. Madame de Tremorel hat nicht die ge ringste Ahnung von dem, was ihr bevorsteht. Ihr Gatte ist seit langer Z.it nicht so liebenswürdig wie heute. Sie hegt nicht das geringste Mißtraue weshalb auch ? So kann de.- Graf sich ihr ganz gut von hinten nähren, ohne daß sie daran denkt, sich umzuwenden. Sie hört ihn vielleicht leise herankommen sie glaubt nichts anderes, als daß er sie etwa mit einem Kuffe überraschen will. Er hat unterdessen einen langen Dolch, den er bei sich verborgen trug, hervorge .langt und sieht fast ganz nahe bei seiner Frau. Er weiß gut, wo er sie treffen muß, damit die Wunde tödtlich sei. Mit einem Blick hat er die Stelle ge. wählt er hat sie gefunden er holt auS und stößt mit aller Wucht zu die Gräfin stürzt lautlos zu Boden und stößt sich so heftig an der Tischkante, daß dieser gleich falls umstürzt. So erklärt sich die Lage der schrecklichen Wunde unterhalb der linken Schulter eine beinahe senkrecht von rechts nach links lausende Wunde, nicht wahr, bester Doktor?" .Allerdings", nickte der Doktor zustim mend. (Fortsetzung folgt.)