Indiana Tribüne, Volume 3, Number 18, Indianapolis, Marion County, 11 December 1880 — Page 6

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Jndiana Tribüne.

Entlarvt.

Criminal.??ovelle von Wilhelm MttNdt. (Fortsetzung.) Ich tnufc mich von den Herren verabschieden", sagte er leichthin zu r'm Agenten, icb, würde sonst den Staatsprokurator nicht mehr sprechen können. Schon heute Morgen war er abwesend ... ich hoffe, daß ich ihn antreffe." Der Friedensrichter verneigte sich. Ich würde Ihnen sehr verbunden sein", fuhr er fort, .wenn Sie Güte hätten, das Weitere gütigst zu überwachen. Der Doktor wird seine Untersuchung, so hat er mir soeben gesagt, in wenigen Minuten beendigt haben, er wird dann seinen Be ticht einreichen. ; Ich bitte Sie nur noch gütigst, überall Siegel anzulegen und Wächter hinzustellen. Ich werde einen Bauverständigen hinschicken, der einen getreuen Plan von dem Hause und dem Gar ten nimmt". Dann wird", bemerkte der Friedens richter, ledenlalls ein Nachtrag zu den Untersuchungsakten erforderlich sein". Ich denke nicht", sagte der Untersu chur.gsrichter im Tone der Gewißheit. Dann, sich an den Agenten wendend: Nun, Herr Leccq, haben Sie irgend velche neue Entdeckung gemacht V Mehrere wichtig: Thatsachen habe ich festgestellt", antwortete der Agent, indeß kann ich mich nicht eher aussprechen, als bis ich alle Oertlichkeiten bei hellem Tage gesehen und untersucht habe. Ich bitte deshalb den Herrn Untersuchungsrichter, weiteren Bericht erst morgen nach Mittag erwarten zu wollen. Ich glaube übrigens schon jetzt bemerken zu können, daß. so verwickelt und dunkel diese Geschichte auch sein mag ..." Domini ließ ihn nicht ausreden. Aber ich sehe wirklich nichts Dunkles bei dieser Geschichte, im Gegentheil, Alles scheint mir sehr klar zu sein". Jndrß", entgegnete Lcccq, ich däch te . . ." Ich bedauere wirklich", versetzte Domini anscheinend ein wenig verlebt, daß man Sie mit allzu großer Eile und ol)ne dringende Nothwendigkeit herbeigerufen hat. Ich habe jetzt gegen die beiden Männer, welche ich habe verhaften laffen. die dringendsten, klarsten Verdchtsgründe ja, möchte ich sagen, Beweise in der Hand". Der Agent und der Friedensrichter sa hen sich erstaunt an. Noch mehr als Indizien, glaube ich", fuhr Domini fort. Bertrand, den ich zum zweiten Male verhört habe, beginnt verwirrt zu werden. Er hat ganz sein freches Wesen verloren, es ist mir gelungen, zu bewirken, daß er sich rn seinen Antworten widersprach und schließlich hat er mir eingestanden, daß er die Mörder gesehen hat." Die Mörder selbst!" rief der Friedens, richter aus, hat er wirklich gesagt die Mörder?" Wenigstens hat er einen von denselben gesehen. Er schwört jedoch, daß er sie nicht erkannt hat so weit habe ich ihn gebracht. Vielleicht wird das Dunkel des Gesängniffes seinen heilsamen Schrecken auf ihn auszuüben nicht verfehlen morgen, hoffe ich, nach einer schlaflosen Nacht wird mein Mann wohl noch mürber sein und sich zu weiteren Geständnissen herbeilassen". AberGre5pin?" frug derFriedensrichter gespannt.' Haben Sie ihn aus's Neue verhört? Haler Geflöndniffe gemacht?" Bis jetzt noch nicht", antwortete Do mini etwas verlegen, aber seine Sache steht deshalb um kein Haar bester. Unsere Fischer, die wir ausgesandt haben, sind zurückgekehrt.. Bis jetzt haben Sie die Leiche des Grafen noch nicht wiedergesunden, sie vermuthen, daß er von dem reißenden Waffer sortgeschwemmt worden ist. Jedoch haben sie am Ende des Parkes im Schilsrohr den anderen Pantoffel des Grafen entdeckt, und sodann haben sie mitten aus der Seine, gerade unter der Brücke, welche übe? die Seine führt, eine Weste von grobem Tuch, die noch Blutspuren auf sich trägt, herausgefischt." Und gehört diese Weste wirklich Grespin?" srugen der Friedensrichter und der Agent zugleich. , ' Allerdings. Alle Leute aus dem Schlöffe haben sie als die seinige wieder' kann! und Grespin selbst hat unumwunden eingestanden, daß sie ihm gehört. Aber m ist noch nicht Alles".

Domini hielt ein wenig inne. wie um Athem zu schöpfen, in Wirklichkeit aber um den Friedensrichter ein wenig schmachten zu laffen. Wegen der Meinur.gSver schiedenheiten. die zwischen ihnen obwalteten, hatte er in ihm eine geringe feindselige Gesinnung ihm gegenüber zu erkennen geglaubt und es freute ihn nicht wenig, einigermaßen jetzt über ihn zu triumphi ren. Das ist noch nicht Alles", fuhr er demnach fort, diese Weste hatte an der rechten Tasche einen großen Riß und ein Stück Zeug war davon abgerissen. Dieses Stück der West: Grespin'Z Sie wiffen vielleicht was daraus geworden ist V Man hat es in der Hand des Opfers gefunden", antwortete der Friedensrichter. Richtig, aber was sagen Sie jctzt. meine Herren, von diesem unumstößlichen Beweis für dieSchuldGrespin's ? Glauben Sie auch jetzt noch an seine Unschuld ?' schloß er, mit triumphirender Miene den Friedensrichter ansehend. Allerdings auffallend", sagte dieser, indeß wäre es ja möglich . . ." Nicht blos möglich", sügte der Agent hinzu, sondern thatsächlich haben die Mörder absichtlich dem Opfer dieses Stück Zeug in die Hand gedrückt". Glücklicherweise hatte Domini die Worte deS Agenten nicht gehört mit leichter Verbeugung verabschiedete er sich von den Herren und verließ dann mit seinem Schreiber das Schloß. VII. In dem Billardsaale des Schloffes hatte Doktor Gendron soeben seine trau rige Aufgabe vollendet. Er hatte seinen weiten schwarzen Rock ausgezogen und die Hemdärmel hoch hinaufgestülpt. In seiner Nähe auf einem kleinen Tische, auf dem man sonst Erfrischungen zu serviren pflegte, lagen seine Instrumente, deren er sich zu seinem Zwecke bediente. Behufs der Untersuchung hatte er die Leiche entkleidet und dann wieder mit einem großen Tuche zugedeckt, welches die Formen desKörpers imAllgcmeinen hervortretenließ und an einer Seite über das Billard hinabhing. Die Nacht war hereingebrochen und eine große Lampe beleuchtete diese traurige Scene. Ueber einem großen Eimer Waffer ge neigt, hatte der Doktor sich soeben die Hände gewaschen, als der Agent mit dem Friedensrichter eintrat. Als die Thür sich öffnete, erhob der Doktor sich rasch und sagte : Ah Sie, Herr Friedensrichter, wo ist H:rr Domini ?" Soeben nach Hause." Und doch muß ich ihn sprechen sobald als möglich, denn immerhin täusche ich mich vielleicht, kann mich jedensalls täuschen." Der Doktor schien aufgeregt zu sein. Er war bleich, bleicher als das Todtentuch, unter welchem die Leiche dalag. Es mußte etwas Außergewöhnliches sein, das ihn so aufgeregt hatte war er doch ein Mann, der in seinem Leben so viel Elend und Jammer geschaut hatte und so gegen den Schrecken hinlänglich abgestumpft war. Es ist Ihnen gewiß nicht wohl V srug der Friedensrichter theilnahmsvoll. Ich danke Ihnen", antwortete der Doktor mit zitternder Stimme, es ist schon wieder bester". Der Agent trat näher hinzu. Ich glaube die Ursachen zu errathen, die den Herrn Doktor so sehr ausgeregt haben. Er hat jedenfalls gefunden, daß die Gräsin mit einem einzigen Streich getobtet worden ist, und daß dann die Mörder sich über den schon erkalteten Körper hergemacht haben." Der Doktor sah den Agenten mit dem Ausdruck des höchsten Erstaunens an. Wie konnten Sie das vermuthen?" sagte er dann. Oh ! ich habe dies nicht allein vermuthet", antwortete er bescheiden. Ich muß mit dem Herrn Friedensrichter die Ehre des Systems theilen, das uns zu dieser Vermuthung gebrachthat." Der Doktor suhr stch über die Stirn. Nichtig, richtig", versetzte er, ich erinnere mich jetzt, daß Sie mich baten, einem bestimmten Umstände meine besondere Aufmerksamkeit zu schenken, ich gestehe ein, daß ich dies völlig vergeffen hatte." Der Agent verneigte sich leicht. Nun wohl", hob der Arzt wieder an, Ihre Vermuthungen haben sich als richlig erwiesen. Zwischen d:m ersten Dolchstich, der den Tod verursacht hat, und dem anderen ist vielleicht nicht so viel Zeit ver

stoffen, als Sie annehmen, aber ich bin davon überzeugt, daß die Gräfin schon drei Stunden aufgehört hatte, zu leben, als man Sie von Neuem getroffen hat." DerAgent schien sich im Geiste nochmals alle Umstände, die ihm über den Mord ve kannt waren, vorzuführen. Sie haben Recket, Herr Doktor", sagte er endlich, zwischen dem tödllichenStreich und dem anderen sind höchstens zwei Stunden verstosien". Der Doktor war an das Billard herangetreten und langsam hob er das Todten tuch auf, auf diese Weise den Kopf und einen Theil oer Brust der Gräsin aufdeckend. Darf ich bitten, uns ein wenig zu leuchten?" sagte der Doktor zum Friedensrichter. Fleury nahm die Lampe und trat an die andere Seite des Billards. Seine Hand zitterte so stark, daß sie ihm fast aus der Hand gefallen wäre. Das zitternde Licht rief auf den Wänden fast unheimliche Schattenbilder wach. UnterDessen war das Gesicht der Gräfin sorgfältig gewaschen und von Blut und Schmutz gereinigt worden. Dadurch wurden die einzelnen Dolchstiche mehr sichtbar, aber nichtsdestoweniger konnte man noch auf dem bleichen Antlitz Spuren der früheren Schönheit entdecken. Der Aent stillte sich oben an das Kopfende des Billards. Madame de Tremorel", sagte der Doktor, hat achtzehn Dolchstiche erhalten, von welchen nur ein einziger ten Tod verursacht hat sehen Sie hier diese Wunde dort, die in fast senkrechter Nich' tung läust, hier ein wenig unterhalb der Schulter. Zu gleicher Zeit zeigte er auf die klaffende Wunde, indem er mit dem linken Arme die Leiche etwas in die Höhe hob." Die Augen der Gräfin hatten ihren er schreckenden Ausdruck bewahrt und mit dem halbgeöffneten Munde schien sie noch fort während zu rufen: Hilfe! Htlfe! Der Friedensrichter, sonst ein Mann mit einem Herz von Stein, wandte sich ab, während der Doktor, der inzwischen seine Aufregung etwas bemeistert hatte, fortfuhr : Die Klinge des Dolches muß wenigstens drei Centimeter breit und sünsundzwanzig Centimeter lang gewesen sein. Alle anderen Wunden an den Armen, an der Brust und an den Schultern sind verhältnißmäßig leicht. Man muß annehmen, daß dieselben zwei Stunden wenigstens später beigebracht sind als diejenige, welche den Tod herbeigeführt hat". Ganz richtig !" sagte Lccoq. Bemerken Sie indeß", suhr der Doktor lebhaft fort, daß ich keine ganz unbestreitbare Ansicht aussprcche sie ist nur höchst wahrscheinlich. Die Anzeichen, auf die ich meine persönliche Meinung stütze.

i können keine solche Gewißheit b?anspru chen, daß das Gegentheil ausgeschloffen wäre". Und doch . . .", sagte der Agent, der hiermit nicht ganz einverstanden zu sein schien. Was ich ganz ' bestimmt behaupten kann", unterbrach der Doktor, was ich ganz ohne Bedenken vor Gericht unter cib licher Versicherung aussagen könnte, ist, daß alle Quetschwunden, die wir am Kopfe sehen, mit Ausnahme einer einzigen, nach dem Tode bewirkt worden sind. Hierüber ist gar kein Zweifel möglich. Sehen Sie hier oberhalb des Auges den Stich, den man ihr versetzt hat, da sie noch am Leben war. Der Bluterguß in das Gewebe ist beträchtlich, die Anschwellung ist ganz lt deutend, ganz schwarz in der Mitte und bleich oben. Die anderen Contusionen tragen so wenig diesen Charakter, daß selbst hier, wo der Stoß so heftig war, daß dadurch das Schläfenbein zerbrechen kannte, keine Spur von Blutunterlausuug wahrzunehmen ist!" Es scheint mir, Herr Doktor", bemerkte der Agent, das gerade dieser klar zu Tage liegende Umstand, daß die Gräfin nach ihrem Tode mit einem quetschenden Instrumente einen Schlag erhalten hat, schließen läßt, datz sie, gleichfalls nach ihrem Tode, mit Dolchstichen durchbohrt worden ist". Der Doktor sann einen Augenblich nach. Bielleicht haben Sie Recht, HcrrAgcnt," sagte er dann, und ich meinestheils bin davon vollständig überzeugt. Indeß werden trotzdem die Schlußfolgerungen meines Berichtes mit den Ihrigen nicht übereinstimmen. Die gerichtliche Medizin kann sich nur über klar bewiesene und unbestreitbare Thatsachen aussprechen bat sie ein Bedenken oder einen Zweifel, l mag er noch so gering sein, so muß sie

schweigen. Und ich dars hinzufügen: wenn übe? einen Punkt Ungewißheit herrscht, so muß meiner Ansicht nach der Angeklagte und nicht die Anklage daraus Vortheil ziehen. Der Agent war dieser Ansicht nun freilich nicht sehr natürlich aber er hütete sich wohl,dies auszusprechen. Mit der größten Spannung hatte er den Erörterungen des Arztes zuebört und dabei im Geiste alle seine Schlußfolze. rungen wohl überdacht und gegen einan der abgewogen." Es scheint mir jetzt", sagte Lecoq endlich, genau zu bestimmen, wo und wie die Gräfin getndtet worden ist " Wir sind neugierig zu hören", sagten die beiden anderen Herren. Nun wohl", nahm der Mann von der Polizei das Wort, die Richtung der Wunde der Gräfin scheint mir zu beweisen, daß sie sich in ihrem Zimmer befand, ird daß sie mit etwas vorübergebeugtem Körper dasitzend ihren Thee einnahm, als sie ermordet worden ist. Der Mörder ist von hinten hergekommen mit aufgehobenem Ärm, hat seine Stelle gut gewählt und dann mit aller Wucht zugestoßen. Die Wucht des Stoßes ist so stark gewesen, daß sein Opfer nach vornüber gcsallen ist. - Während des Falles hat die Grosin fich mit der Stirne an der Tischkante hcstig gestoßen und hat stch dadurch die einzige blutunterlaufende Wunde zugezogen, die wir an dem Kopfe bemerkt haben." Das Verbrechen ist offenbar in der Weise verübt worden, wie der Herr Agent es erklärt", stimmte der Friedensrichter bei. Wir werden", fügte er nach einer Pause hinzu, wohl für heute Alles in Augenschein genommen haben, was für Sie von Interesse sein könnte, Herr Agent?' Für heute, ja, für die wenigen Untc.rsuchilngen. die mir noch von Nutzen sein könnten, bedarf ich des Tageslichts. Ue brigens scheint mir mit Ausnahme eines einzigen Punktes, der mich noch beunruhigt, die Affrire durchaus klar zu sein". Sie beabsichtigrn also nicht heute nach Paris zurück zu reisen V frug der. Doktor. Nein", antwortete der Agent. Ich bin heute Morgen mit dem Vorsätze gekommen, die Nacht hier zuzubringen meinen Nachtsack habe ich dort unten in dem Wirth chauie.zurückgelaffen. das an der Straße steht ich glaube, ein Grenadier ist auf dem Schilde gemalt. Dort beabsichtigte ich zu Abend zu speisen und zu übernachten." Sie würden gut thun", bemerkte der Friedensrichter, wenn Sie nicht im Grenadier" übernachteten das Haus steht etwas in üblem Gerüche wenn Sie mit einem bescheidenen Soupzr vorlieb nehmen wollen, so sind Sie heute Abend mein Gast und für ein Zimmer in meinem Hause wird rasch gesorgt sein." Sie stnd zu gütig", antwortete der Agent, sich verneigend. Ich nehme mir darum die Freiheit, Ihre freundliche Einladung anzunehmen. Doch bitte ich unter allen Umständen sich nicht wegen meiner irgendwie zu derangiren . . Sie wiffen . . ich mache keine großen Ansprüche. . ." Und auch Sie, bester Doktor", sagte der Friedensrichter, der neu aufzuleben sch-en, nehme ich heute Abend mit, mögen Sie wollen oder nicht! Wenn Sie darauf bestehen, noch heute Abend nach Courbeil zurückzukehren, so können Sie dies immerhin nach dem Souper. Wir würden Sie dann dorthin begleiten. Sagen Sie nicht nein H Es wäre unartig, Ihr freundliches An' erbieten auszuschlagen", versetzte der Doktor, dem Friedensrichter die Hand reichend. So viel ich weiß, ist hier sür uns nichts mehr zu thun !" Erlauben Sie, Herr Doktor", bemerkte der Agent, wir werden vorerst noch die Siegel anlegen, sowie Wächter hierhin legen müssen." Richtig, richtig!" Rasch wurden die Sieg:l an alle Thüren der ersten Etage, des Zimmcrs, in welchem die Axt lag, sowie an den Schrank ungelegt, in welchem man sämmtliche Beweisstücke untergebracht hatte. Schwieriger war es, Wächter für das Schloß zu finden. Niemand wollte die Nicht an der Stätte des Schreckens zubringen, und die Leiche der Gräsin hätte schließlich unbewacht im Schlöffe liegen bleiben müffen, wenn nicht während der Unterhandlungen, die der Ag?nt und der Friedensrichter mit der Dienerschaft führten, der alte Bicar von Orzival in Be gleitung eines jungen Priesters sich einge funden hätte. Der würdige Vlcar hatte auf der Rückkehr von einem Rundgange durch die aus

gedehnte Gemeinde von der Ermordung der Gräfin vernommen, und kam in du Absicht üuf's Schloß, bei der Leiche zu wachen und die Todtengebete sür Diejenige zu beten, die während ihres Lebens den Armen seiner Gemeinde eine so gütige Mutter gewesen war. Die Anwesenheit der beiden Priester bestimmte endlich nach langem Zögern auch die Dienerschast, ber der Leiche zu wachen. Nachdem alle noth wenoigen Anordrungcn getroffen waren, verlieben die drei Herren endlich da Schloß und schritten, gefolgt von einem Diener, der das Gepäck des Agenten trug, schweigend auf das Haus des Friedensrichters zu. Nur hie uud da wechselten sie ein Wort mit einander; die aufregenden Ereigniffedcs Tages nahmen ihren Gedanken ganz in Anspruch, und Jeder von ihnen war darauf gespannt, welchen Ausgang diese traurige Geschichte nehmen würde. VIII. Schweigend saßen der Friedensrichter, der Polizeiagent und der Doktor bci dem einfachen Souper, das die alte Haushälte rin des Friedensrichters eiligst hergerichtet hatte. In erster Linie machten sich die Forderungen des Mäzens in gebieterischer Weise geltend sodann war Jeder zu sehr mit seinen G:danken beschäftigt, um ein ernstes Gespräch in Fluß kommen zu losten. Die Stille der Nacht war auch so recht dazu geeignet, daß ein jeder der Her ren sich noch einmal ruhig die Ercigniffe und Resultate des Tages vorführen und je nach der Verschiedenheit der Anschaunngen seine Schlüffe auf den endlichen Ausgang der Sache ziehen konnte. Zwar konnte der Doktor auf Grund der Leichenschau darüber kaum im Zweifel sein, daß nur ein einziger Streich den Tod ter Gräfin herbcigcsührt hatte, sowie daß die anderen Dolchstiche ihr erst, nach dem das Leben bereits entschwunden war, beigebracht worden seien. Einen weiteren Schluß auf die Thäter dagegen ließen dicse Resultate an und für sich noch nicht zu er hatte sich noch keine bestimmte Meinung gebildet und konnte sich nur in mehr oder weniger gegründeten Vermuthungen ergchen. Der Friedensrichter, ein vorsichtiger, ruhig denkender Mann, wie er war, beob achtete ebenfalls bis dahin immer noch die größte Zurückhaltung. Z var stimmte er den Ansichten des Agenten durchweg bei, aber auch ihm, so sagte er sich, muß erst die Zukunft den Schleier des Geheimnis ses, der über der unseligen That ruht, lösen. Der Agent endlich schien ganz in seine Gedanken vertieft zu sein. Er schien während des Esters nochmals alle Mög lichkeiten sich vorzuführen, alle Gründe für und gegen sorgfältig abzuwägen, denn bisweilen murmelte er halblaut vor sich hin : Es kann nicht anders sein" oder das kann keinem Zweifel unterliegen"' und dergleichen mehr. Endlich brach er das Schweigen. Mein Roman, wenn man es so nennen will"', sagte er lachend, wäre jctzt fertig und zwar ohne die geringste Lücke. Ein cinzi ges Faktum allein bleibt noch übrig, das ich mir nicht erklären konnte vergebens habe ich darüber nachgedacht, es will mir nicht gelingen." Und das wäre? fragte der Friedens richter gespannt. Ist es möglich, daß Graf Tremorel ein großes Jntereste daran gehabt hätte, ir gend etwas zu finden, beispielsweise ein Aktenstück, einen Brief oder ein anderes beliebiges Papier, von dem cr glauben mochte, daß es in dem Hause verborgen sei?" Allerdings, antwortete der Friedensrichter. die Möglichkeit ist nicht zu bezweifeln. Das heißt", versetzte Lecoq, die bloße Möglichkeit würde mir wenig nützen sollte man hierüber stch nicht Gewißheit verschaffen können V Der Friedensrichter schien einen Augenblick zu überlegen. Nun wohl", hob der Frie densrichter endlich an, deß bin ich sicher, sogar ganz sicher, daß der Graf, falls die Gräfin gestorben wäre, das ganze HauS durchwühlt haben würde, um ein gewisses Papier zu finden, das er im Hause vcrbor gen glaubte und das sür ihn vcn größter Wichtigkeit war". Wissen Sie dies ganz bestimmt, Herr Friedensrichter?" srug der Agent ge spannt. So gewiß, daß gar kein Zweifel daran möglich ist ich selbst habe das Papier in Händen gehabt !" Der Agent und der Doktor saßen wie versteinert da. Nicht möglich !" riefen Beide endlich zugleich aus. (Fortsetzung solgt.)