Indiana Tribüne, Volume 3, Number 12, Indianapolis, Marion County, 30 October 1880 — Page 6
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Jndiana Tribüne. A
Der Kirchhof
von a n G i o v a n n i, Au dem Leben eine: Engländerin. (Fortsetzung.) .Mama, Wasser !" rief die Kleine stöh. nend, und streckt? mir beide Arme entgegen. Das Herz in meiner Brust drohte zu zer springen. - Ich reichte ihr das Verlangte, dann ritz ich mir die seidene Decke von den Schultern, erhob das Kind und verhüllte eö sorgfältig. Mit einem flufe erweckte ich Julius, der mich erwachend mit groben Augen anstarrte. Ich gebot ihm zu schweigen. Mit Blitzesschnelle hatte ich ihn bekleidet, und ehe die treulose Amme eö ahnen konnte, was geschehen, lag schon daS düstere Zimmer hinter mir. " Bella ruhte an meiner Brust und Julius schlich still und solgsam an meiner Hand dem Ausgang zu; unbemerkt waren wir vom zweiten Stock in den ersten zurückge" langt ; mit leisen Schritten und bebendem Herzen wollte ich wieder an Eduard's Cabinet vorübergehen. Do öffnete sich plötzlich die Thür, einen silbernen Armleuchter in der rechten Hand, trat Edward aus dem Gemach. An seiner Brust lehnte bleich und zusamm'gebückt die gräuliche Bianka, mit Zügen, aus denen der Wahnsinn blickte, sein linker Arm hielt sie umsaßt, er trug sie mehr als sie ging. Das Licht fiel auf mich. Bianka stieb einen schneidenden durchdringenden Schrei aus, und rief : Siehst Du sie V und glitt an ihm nieder zur Erde. Mein Gatte starrte, zuSchnee verbleicht, eine Secunde lang in mein Antlitz, dann sank er an den Thürpfosten zurück, und mit dem Ausrufe: Entsetzlich, jetzt sehe auch ich sie !" entfiel der Leuchter seinen Handen, die Lichter erloschen, Dunkelheit umgab uns wieder; ich schlang meine Linke um Julius, und eilte, von Todes angst getrieben, aus dem Hause. Zwischen jenen Schreckensnächten und der Zeit, welche dieses Capitel beschreibt, liegen vier lange Jahre. Meine Wunde war zu bedeutend, um meine Flucht aus Neapel lange verhindern zu können. Durch Matteo's Schlauheit, und seinen Wunsch, mich je eher je lieber scheiden zu sehen, gelang Alles über Er warten; reich beschenkt vertiefe ich den I Mann, dessen Vergehen mich von dem schauderhaftesten Toöe rettete, er hatte es wahrlich wieder gut gemacht. Ohne Auf enthalt flog ich mit meinen Kindern durch Italien, endlich nahm mich der Ort auf, wo mich mein ferneres Geschick erwarten sollte, Gens. Ein liebliches Landhaus an den reizen den Usern des herrlichen See's umschlob die Lebendigtodte, und mit Sehnsucht harrte ich auf Nachrichten von meiner Matter, deren Rath mein weiteres Thun bestimmen sollte. Endlich kamen Briefe von der th ueren geliebten Frau. Die Nachricht meines Lebens hatte sie glücklicherweise früher erhalten, als die von meinem Tod; mein Gatte hatte lange gezögert, die unglückli chen Eltern mit dem Schlag bekannt zu machen, der sie getroffen. Edward hatte an meinen Vater geschrie ben, einen Brief voll Schmerz und Ver zweiflung, ihm mein schnelles Ende und seinen Entschlub mitgetheilt, in fernen Welttheilen Zerstreuung und Seelenruhe zu suchen. Von meinen Kindern nicht ein Wort. Seinen Geschäftsmann hatte er in wenig Zeilen ausgefordert, ihm seine Nevenüen aus fünf Jahre im Voraus zu senden und war, wie wir gleich nachher er fuhren, sogleich nach Empfang der Wechsel aus Neapel verschwunden, wohin, wußte Niemand. Die erste Sorge meines Vaters war, die Todesnachricht sür unbegründet zu erklären, und mir einen Befehl zu senden, augenblicklich nach London, in das väterliche Haus zurückzukehren. Mit welchen Gefühlen sah ich nach wenig Wochen die englische Küste aus den Nebeln heraussteigen, die sie umhüllten! Vor drei Jahren hatte ich, glücklich und geliebt von dem Liebenswerthesten seines Geschlechts, diese Insel verlassen verra -then von ihm, den ich angebetet, mit seinen verwaisten Kindern am gebrochenen Her zen, kehrte ich heim! Meine Thränen flössen unaushaltsam. Ich fand meine Mutter kränker, als ich gefürchtet hatte, tief erschüttert fchlob sie mich in ihre Arme, sie vermochte nicht zu sprechen. Min Vater legte segnend die Hände auf mein Haupt, sah mir lange in die trüben Augen, und sprach :
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Deine zerfallenen Züge sprechen es aus, was Du gelitten, aber dee Herr hat Dich uns gnädig erhalten, er segne Deinen Eingang, mein geliebtes Kind!" UndGott segnete ihn, denn mein krankes Gemüth genas sichtlich in dem lieben Kreise der Meinen, auch meine Mutter er holte sich mehr und mehr bei meinerPflege, und die friedliche Stille, welche mich in meinem alten Zimmer umgab, stimmte meinen Geist bald zu einer sanften Trauer, zu einer unerklärlichen Sehnsucht, welcher ich vergebens einenNamen zu geben suchte. Mein Vater hatte sast in allen bedeutenden europäischen Blättern Edward aufge rufen, seinen Anfentalt anzuzeigen, weil wir glaubten, seinem gequälten Vaterher zen die Nachricht von dem Leben seiner Kinder schuldig zu sein, und weil der Herzog seine Tochter nicht länger als Lady Darnfod erblicken woll'? ; eine Scheidung war unabänderlich beschlossen. Doch Edward war und blieb verschwun den, ohne ferner ein Lebenszeichen zu geben. Eines Tages sab ich an dem Lager meiner Mutter, sie begann was sie selten that mit mir über das Verhältnib zu meinem Gatten zu sprechen und fragte
mich plötzlich : Sprich, Sidonie ist alle Liebe in Deiner Brust für ihn erlofchen, glaubst Du ihn ganz vergisien zu können?" Diese Frage hatte ich mir selbst noch nicht gemacht, ich erglühte überrascht und sensu den Blick zur Erde. Meine Mutter beobachtete mich schwei gend, dann fuhr sie seufzend fort : O meine Sidonie, Du bist nicht geheilt ich kenne das weibliche Herz ich kenre die Gefühle einer Mutter; Edward ist der Vater Deiner Kinder er wird Dir nie gleichgiltig werden !" .Können Sie glauben, meine Mutter, dab ich meine Ehre so ganz vergessen könnte " Stille, meine Tochter," unterbrach mich meine Mutter ernst; es ist Zeit, dab ich Dil's sage. Du hast nicht gehandelt, wie Du solltest!" Ich horchte hoch auf und erhob stolz das Haupt ; meine Mutter fuhr fort, ohne sich stören zu lassen : Wärest Du in jener Nacht mit der blutenden Wunde vor den Versührten hingetrcten, hättest Du ihm die grauenvollen Stunden geschildert. welche sein Vergehen Dir bereitet, hättest Du ihm das Wew, sur welches er brannte in sündiger Gluth, in ihrer wahren Gestalt gezeigt, so wäre Eoward reuig zu Deinen Füben gesunken hätte seinen Irrthum erkannt, und Deine Kinder hätten einen Vater. Du den Gatten noch !" Wie," ruf ich auber mir, ich sollte leben können mit einem Treulosen, der mich so schmählich verrieth? Nimmermehr, ich kann nicht lieben, wo ich zu achten aus' gehört !" O mein Kind, das Weib kann viel, wenn es alle Pflichten erfi-llen will, die ihm wurden es kann und soll vergeben und vergessen. Erinnerst Du Dich jener unglücklichen Claire? sie trug ein Kind unter ihrem durchbohrten Herzen, ich hatte es durch ein Zeitungsblatt erfahren, ganz London wubte es Dein Vater war ihr Verführer gewesen ! Ich nahm den Ver zweifelnden damals liebend und verzeihend an meinHerz, sein Geist kam nach und nach von dem Irrwege zurück, und nie war un rm lere ye 10 ganz gluaiiaz gewe en, nie hatte er mich so geliebt, als seit jenem Un glück, das unsere Seelen im tiesstenGrunde erschüttert hatte!" Ich stand auf und verließ halb vernich tet das Gemach; ich hatte einen tiefen Blick in mein Inneres gethan; ach, ich fühlte es längst, es hätte Alles anders kommen können, jetzt verstand ich die tiese Trauer meines Gemüths, jetzt hatte meine unerklärliche Sehnsucht einen Namen. Je mehr seine Spur verschwand, je mehr jeder Hoffnungsstrahl erlosch, den Ver blendeten jemals wieder sehen zu können. je mehr verschwand mir die Erinnerung an das Unrecht, welches ich erlitten hatte, und nur der Verlust war noch deutlich in meiner Seele. So waren Jahre dahin geschwunden. meine Kinder blüthen im frischesten Ju gendglanze, und der Wunsch : Könnte Edward sie sehen !" stieg wieder und im mer wieder in mir aus, und ward so mäch tig. dab ich ihn oft mit heißen Thrän:n bekämpfen mubte. Ich verschwieg meiner Muttr den Zustand meines Innern, aber sie durchschaute mich nur zu gut. Der vierte Herbst, seit ich von Edward getrennt lebte, neigte sich eben dem Ende zu, als mich ein ungewöhnlich schöner Nachmittag in das Freie lockte. Die Kin
der hatten mich den ganzen Tag mit Bit ten gequält, und so fuhr ich nach James Park, lieb den Wagen warten, und ging mit ihnen tiefer in den Garten. Julius sprang mit seinem kleinen Hunde munter voran, und Bella, ihre Puppe im Arm. trippelte seelenver?nügt neben mir her. Eine Bank, von noch ziemlich grünem Laubwerk umgeben, winkte uns einladend; ich mubte mich setzen, um alle die Gräser und Blätter in Empfang zu nehmen, welche die Kinder mir nun brachten. Ich sab wohl eine gute Weile, da gewahrte ich, von der entgegengesetzten Seite der Allee kommend, einen hohen Mann, dessen Züge mir von fern nicht fremd schienen ; an seinem Arm hing eine seltsam ge kleidete Frauengestilt, welche mit matten, unsicheren Schritten neben ihm herwankte. Ich sah dem Paare entgegen, und bemühte mich, den Mann zu erkennen, der mir in Gang, Miene und Haltung etwas so unendlich Bekanntes zu haben schien. Jetzt kamen sie nähr. seine Blicke richteten sich wie suchend auf die Bank, und wie einBlitz durchzuckte es mich es war Edward es war mein Gatte, der jetzt gerade auf mich zukam ; 'kauiri hatte ich so viel Bettn
nung, einen lauten Schrei zu unterdrücken, und den'Schleier, der über meinem Stroh' Hut hing, vor das erbleichende Gesicht zu ziehen. Sie erlauben ?" fragte jetzt die wohl bekannte, einst so geliebte Stimme, und ohne mich anzusehen, flüchtig grübend, nahm er aus der Bank neben mir Platz, und zog die Dame neben sich. Ich athmete kaum, er bemerkte mich nicht weiter, meine Blicke hefteten sich fest auf das Frauenzimmer. Ein langes faltiges Gewand von schwarzer Seise hing an ei nem, wie es schien von schwerer Krankheit abgemagerten Körper, ein schwarzer türki schen Shawl hing nachlässig um die schmalen Schultern, ein Hut von gleicher Farbe, abenteuerlich von einem langen schwarzen Schleier umwallt, beschloß den seltsamen Anzug. Als sie sich gesetzt hatte, stieb ste einen tiefen Seufzer aus. wie bei gänzlich inne rer Ermüdung, dann nahm sie mechanisch den Hut ab, und ein leichenhastes, bleich . s, abgezehrtes Antlitz, in dem nichts zu leben schien, als ein Paar tiefliegende, schwarze Feueraugen, erweckte fürchterliche Erin nerungen in mir und rib alle Wunden wieder auf. Wohl zehn Minuten satzen wir drei so unbeweglich neben einander. Edward starrte schweigend vor sich nieder, die Fremde sah. mit kurzen schweren Athemzü gen, die aus einer kranken Brust zu kommen schienen, zum Himmel auf und ich hatte nicht Muth noch Kraft, mich von der Stelle zu bewegen. Bianka, hast Du nun geruht V fragte endlich mein Gcmahl. Wie ein Dolchstich drang der Name in mein Herz ; aber ein Blick auf die Elende, die mir seine Treue gestohlen hatte, ent wcifsnete meinen Groll sie war das Bild des rächenden Gewissens ; keine Spur mehr von der Schönheit, die mich selbst in jenen fürchterlichen Tagen überrascht hatte, die Blüthen dieser üppigen Gestalt waren abgkstreist, ein marktoses Gerippe, ein wandelnder Schatten sab vor mir. Noch nicht, noch nicht!" stammelte sie mühsam und heiser auch der sübe Ton war verklungen, der ihn einst von dem Herzen seines Weibes hinweg gelockt; eine tiefe, mir unbegreifliche Wehmuth zog durch meine Brust. Da flog mein Julius heran, der zwanzig Schritre von uns mit Bella im Grase herumgejagt hatte, und brachte mir trium phirend einen verspäteten Schmetterling, den er gefangen; sein Gesicht glühte, die langen Locken flogen in reizender Unord nung um feine Stirn. Mutter, sieh nur !" rief er mir zu, doch schnell verstummt sah er bald mich und bald die Fremden an, und wollte nicht herantreten. Welch' ein schönes Kind !" seufzte jetzt mein Gemahl, Julius die Hand entgegen streckend; dieser aber fuhr zurück und fragte, sich an mich schmiege id : Mutter, wer ist der bleiche Mann und die kranke Frau?" Edward sah den Knaben wehmüthig an. schüttelte den Kopf und stand auf. Ich konnte ihn jetzt erst recht betrachten, er trat vor Bianka hin. Wie tief rührte mich die Blässe, das tiefe Leiden, das in seinen Zügen lag, und wie schön war er noch im mer. Bianka sah unbeweglich in die Höhe. Komm, Bianka !" sprach er sanst. Noch nicht!" entgegnete sie wieder.
WaS starrst Du so nach dem Himmel ? komm !" Du hast mich betrogen, das ist nicht Italiens Himmel, den Du mir versprachst !" Du bist seit sechs Stunden in 2on don." SechS.Stunden schon ?" Habe Geduld, Bianka, in wenig Ta gen gehen wir nach Deinem Voterlande." Tage lang noch in dieser feuchten dumpsen Lust 0 so lang kann ich nicht leben unter dnser Nebeldecke fort, fort !" So komm denn endlich!" Sie wollte sich mit seiner Hilse erheben, doch matt sank sie wieder auf die Bank. Es geht noch nicht," sprach sie schwer athmend. Eoward schlug die Hände zusammen, aber nicht ungeduldig, sondern wie in tiefem Schmerz. Bella war indessen herangekommen, hatte mich, wie sie nachher versicherte, drei mal angerufen, und da ich nicht antmor tete, so lange an meinem Schleier gezupsk, bis mir Hut und Schleier vom Haupte sie len ; ich war so mit der Gruppe neben mir beschäftigt, dab ich erst zur Besinnung kam, als Edward plötzlich mit dem Aus rufe : Sidonie !" entsetzt zurückfuhr. In diesem Augenblick erhob sich Bianka, sah mir mit weit offenen Augen, wie fragend, in das Antlitz, stammelte : Sidonie zum Drittenmal? dies ist mein Tod I" und sank leblos zu meinen Füben nieder. (Schlub folgt.)
Gntlmvt. Criminal'Rodelle tun Wilhelm Mundt. An einem frühen Julimorgen, als die meisten Bewohner des kleinen Fleckens Orzival noch in sübem Schlummer lagen. schritten Bertrand und sein Sohn Philipp, beiöe berüchtigt Diebe und Wilderer, aus die Seine zu, um auf den Fischfang aus zugehen. Die Wiese, die sie durchschritten, stieb nach der rechten Seite hin an die schöne Besitzung des Grafen de Tremorel an dessen herrliches, in den reizendsten For men erbautes Schlob aus dem groben. weitausgedehnten Parke hervorlugte. Sie waren am Flusse angelangt. Wäh rend Bertrand damit beschäftigt war, mit der hölzernen Schausel das Wasser auszuschöpsen, das sich in seinem Boote an gesammelt hatte, bemerkte er, dab einer der beiden Rudernägel, zwischen denen sich die Ruder bewegten, ganz morsch geworden war und bei der leisesten Berührung abzu brechen drohte. Da in der grobe.i Wiese sich kein einziger Baum befand, auch das Ufer nur eine kahle, dürre Sandflache bildete, so rief er seinem Sohne. Philipp", sagte er, geh' hin und schneide dort im Parke des Herrn Grafen ein StückHolz ab, damit wir den schadhast gewordenen Nagel ersetze"". Ich aehe schon", rief dieser. Er war soeben an dem breiten Graben angelangt, der die Besitzung des Grasen von der ganzen Wiese trennt, und hatte eben ein grobes Taschenmesser hervorgezo qen, um den Beseht Z-ines Vaters auszu sühren, als er einen lauten Schrei aus stiebVater! Vater!" rief er voller Angst. Was gibts?" rief dieser von seinem Boote aus, ohne von seiner Arbeit auszu sehen. Komm', komm schnell, im Namen des Himmels", fuhr Philipp fort. Bertrand ahnte jetzt, dab etwas Auber gewöhnliches vorgefallen sein müsse. In zwei Sätzen war er bei seinem Sohne ein schrecklicher Anklick bot sich ihren Augen dar. Auf dem Rande des Grabens, halb ver bedeckt von dem Weidengestrüpp, lag die Leiche einer Frau. Ihre langen Haare tauchten zum Theil in'sWasser, ihre grau seidene Robe war an vielen Stellen zerris sen und mit Koth und Blut besudelt. . Ein Mord!" murmle Philipp mit zitternder Stimme. Das ist sicher", antwortete der Vater; wer mag nur sein V Wir wollen sehen," entgegnete der Sohn. Sie thaten einen Schritt vorwärts. Die Gräsin!- riefen Beide zugleich. Wollen wir sie nicht aufheben und zu sehen, ob sie vielleicht noch lebt?" sagte Philipp.
WaS willst Du thun. Unglückseliger 5
Man darf ohne Vorwisien der Gericht5be hörde nie eine Leiche anrübren, die man sindet, es steht Strafe daraus !" So wollen wir den Bürgermeister be nachrich'.igen". Das fehlte noch ! Sind wir nicht schon über genug bei ihm angeschrieben." Freilich wenn's aber erwiesen wird. dab wir die Leiche zuerst gefunden haben, so wird man uns ohnehin für die Mörder halten ; gehen wir jedoch zuerst hin, die Anzeige zu machen, so entkräften wir gerade dadurch höchst wahrscheinlich jeden Verdacht." Nun, so sei'S," sagte Bertrand, wa? daraus solgt, wirst Du zu verantworten haben". Sie schritten auf das Haus des Bürgermeisters von Orzival zu. Herr Courtois, der Bürgermeister von Orzival, war ein ehemaliger Fabrikant, der, wie man zu sagen pflegt, sein Schäfchen in's Trockene gebracht und sich bereits eine Reihe von Jahren von den Geschäften zurückgezogen hatte. Da er leidenichastlicher Jagdliebhaber war, so hatte er sich gerade die einfache ländliche Gegend als Ruhesitz gewählt, wo er seiner Liebhaberei ungestört nachgeben konnte suchte er Zerstreuungen, so konnte er Paris ohne hin in einer Stunde per Eisenbahn erm chen. Nachdem vor einigen Jahren sein Vorgänger das Zeitliche gesegnet hatte, hatte man die Würde des Bürgermeisters von Orzival auf seine Schultern gelegt ob wohl er sich anfangs sträubte, so schmeichelte er doch seinen Ehrgeiz nicht wenig, nicht blos hinsichtlich des Vermögens, son dern auch in Bezug auf Amt und Würde der Erste in der Gemeinde zu sein. Es lag also noch Alles in dem Hause des Bürgermeisters in süßer Ruhe, alö Bertrand Vater und Sohn Einlab begehr ten. Nach langem Warten erschien endlich ein schlaftrunkener Bedienter an einem Fenster des Erdgeschosies. Was gibt's denn so srüh ?" murrte er, unwillig über die srühzeitige Ausstörung aus dem Schlafe. Wir wünschen den Herrn Bürgermeister zu sprechen", nahm Bertrand der Vater, das Wort. Uebrigens haben wir'S eilig geh' hin und bitte ihn, sogleich herunter zu kommen." Der Bediente verschwand brummend. Nach einer guten Viertelstunde öffnete sich die Thüre; es war Courtois selbst, der geöffnet hatte. Herr Bürgermeister", begann diesmal Philipp, sich linkisch verneigend, wir kommen, um Ihnen die Anzeige von einem groben Verbrechen zu machen höchst wahrscheinlich ist es bei dem Herrn Grafen de Tremorel verübt worden. Courtois war mit dem Grafen befreun det erbleichend prallte er zurück, als er seinen Namen hörte. Um Gottes Willen !" rief er erschrocken, ein Verbrechen? Beim Grafen de tmo rel! nicht möglich ! Sie irren sich sicher!" Aber wir haben die Leiche gesehen und wir glauben, dab es die Gräfin selbst ist". . Und wo haben Sie dieselbe gesehen? Wann?Soeben, als wir auf den Fischfang ausgehen wollten dort unten m Rande des Grabens, der sich an der Besitzung des Grafen hinzieht". Schrecklich, schrecktich !" murmelte der Maire. Welch' ein Unglück! Es war eine so gute liebenswürdige Frau . . . Und nun ermordet zu werden ! Aber es ist nicht möglich... Sie haben sich gewib ge täuscht . . Wir haben wohl zugesehen, Herr Bürgermeister." Ein solches Verbrechen in meiner Ge meinde! Schrecklich! Nun Sie haben wohl daran gethan, zu mir zu kommen und mir die Anzeige zu machen. So wollen wir gleich gehen und sehen . . . Doch nein, halt! Ich will zuerst den Friedensrichter rufen lassen." , Fleury, der Friedensrichter vonOrzival, der nach einer Viertelstunde erschien, war ein Mann in den sünsziger Jahren. Viel saches Unglück in seinem vielbewegten Le ben vor einigen Jahren hatte er seine Gattin und beide Kinder, zwei brave junge Leute in blühendstem Jünglingsal ter verloren hatte ihn gegen Alles abge stumpft er lebte nur noch sür sein Amt, dessen Pflichten er mit peinlicher Gewisien hastigkeit erfüllte. (Fortsetzung solgt.)
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