Indiana Tribüne, Volume 3, Number 10, Indianapolis, Marion County, 16 October 1880 — Page 6
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Jndiana Tribüne.
Verschlungene Wege. Drei Kapitel au meinem Leben.
cdelle von Heinrich HenSler. (Scklub) Ein Chaus der fonderbaifien und verschiedlnartigsten Gedanken und Gefühl bemächtigte sich meiner in dem Augenblick des gegenseitigen Erkennens. Ehe ich mir aber Alles vergegenwärtigen, meine Ge danken ordnen und ein Wort sprechen, eine Frage stellen konnte, fuhr die Dame fort, während ich zitternd vor Verlangen und ungeheurer Aufregung ihr gern die Worte auö dem Mund gezogen hätte, um schneller etwas Näheres zu erfahren. .Ich hatte noch gar keine Zeit, lieber Sohn-, sagte sie, .Dir diesen Vorsall zu erzählen. Du wirst staunen, wenn Du hörst, wir Dein Freund auch mir schon einmal einen großen Dienst leistete. Den Tag zuvor, ehe ich Helgoland verließ, hatte ich den Wunsch ansgesprochen, einige kleine Andenken von der Insel mitzuneh en. Ich ging de3 Nachmittags mit Ber tha an den Strand, wo wir allerlei nette Seesterne, Muscheln und sonderbar gestaltete, von der See blank und glatt gewa scheue, rothe und blaugrüne Steinchen und sonstige hübsche Gegenstände in Menge fanden, von denen wir verschiedene aufla sen. Plötzlich sah ich oben ans einem Fel sen die schönste Art von Seetang, wie man das steinmoostge Purpurgeflecht nennt, das wahrscheinlich eine hochgehende Welle der brandenden See dahin geschleudert hatte. Ich machte Bertha darauf aufmerksam. und sogleich war das gute Kind bereit, mir diesen herrlichen, längst ersehnteu G.'gen stand zu verschaffen. Es war aber viel zu hoch um es erreichen zu können, deshalb trug sie mehrere umher liegende größere Steine mühsam zusammen und legte sie aus einander. Darauf stie sie nun trotz meiner wiederholten Warnung und glaubte mit ausgestrecktem Arm vermittelst ihres Sonnenschirms daö Purpurgeflecht erreichen zu können. Da rutschten die Steine zusammen, Bertha stürzte Herabund schlug mit dem Kopf so heftig auf einen spitzen Stein, daß sogleich Blut hervorströmte und fie ohnmächtig wurde. Aus meinem Hilferuf eilte dieser Herr herbei, und da unsere Versuche, die Unglückliche ins Leben zurück zu rufen, leider erfolglos geblieben, so schleppte er sie auf seinen Armen in daS Oberland nach unserer Wohnung. Der übergroße Schrecken und die entsetzliche Angst hatten mir die Besinnung geraubt so daß ich dem Herrn nicht einmal danken konnte; als Bertha und ich diese am sol genden Morgen unmittelbar vor unserer Einschiffung thun wollten, da war derselbe bereits ausgegangen." Die Mutter des Marquis fuhr fort : Die Zeit drängte, und deshalb konnten wir nur dem Aufmärter den Auftrag ge den, die Gefühle meines Dankes gegen Sie auszusprechen. Besonders.war dieses Bertha unangenehm, um so mehr wird sie sich freuen,- eS jetzt nachholen zu können." Die Dame zog die Schelle; ein Bedien ter trat ein. .Ich laste Miß Bcrtha bitten auf ei. nige Augenblicke zu mir herüber zu kommen." Ich war furchtbar aufgeregt ! Erst das plötzliche Wiedersinden des todtgeglaubten FreundeS und die nahe Verwirklichung der Hoffnung aus eine erwünschte Bersörgung, dann daS Erkennen der Dame auf Helga land, die übttiaschende NachriZit, bak Bertha nicht verheirathet sei ich war durch und durch erschüttert und konnte nur mit Mühe mich aufrecht erhallen. Jetzt, ging die Thur aus und Bertha trat ein meine Bertha ! Wie schön war sie in der Trauerkleidung, jetzt., da nicht die Bläffe der Ohnmacht ihr Gesicht über zog. Kaum war sie einige Schritte gegangen und hatte mich gesehen, als sie mich auch sogleich erkannte. Sie blieb vor Ueberra schung stehen, stieb einen lauten Schrei aus, fuhr mit der Hand nach dem Herzen und drohte zu Boden zu sinken. Da kam wieder Leben in mich; ich sprang schnell hinzu und fing sie in meinen Armen auf. Auch der Marquis und seine Mutler eilten herzu und halfen mir, die halb ohnmäch tige Mib Berlha nach dem Sopha führen, voller Verwunderung, was diese aussah lende Erscheinung wohl zu bedeuten haben möge. Was ich in der nächsten Stunde durch viele einzelne zusammenhangende Reden und auf diese Zwischensragen erfuhr, das -will ich in wenig Worten mittheilen.
Nach jenem Aber.d in dem Haus von Bertha's Mutter, der alle meine schönen Hoffnungen zerstört hatte, war die Krank' heit der Wittwe von Stunde zu Stunde gestiegen, und wie die Aufregung' sich bei ihr legte, in die sie durch ihre trostloseLage und durch den Entschluk ihrer Tochter
versetzt wurde, trat ihre durch jenen unna türlichen Reiz nur trügerisch verdeckte Schwäche immer mehr hervor. Schon am folgenden Tage konnte, sie das Bett nicht mehr verlassen, und obgleich die Mutter des Kaufmanns Jeuerlein bei diesem Stand der Dinge es den hilflosen Frauen an nichts fehlen liefe, so konnte doch die sorgsamste und ausopferndste Pflege und die Kunst deS ArzteS den Tod nicht aushalten. Bald nach meiner Ab reise wurde die Wittwe zu Grabe getragen. Nach einiger Zeit, als der Schmerz des armen Mädchens ruhiger geworden war. hielt die MutterFeuerleins es für rathsam. von den Hoffnugen ihres Sohnes mit der selben zu sprechen, um so mehr, als sie die Absicht zu erkennen gab, ihr geringes Mo biliar zu verkaufen, aus dem Erlöse die durch Beerdigung ihrer Mutter entstan denen Schulden zu bezahlen und dann in eine Kondition zu treten, da sie nicht so schutzlos dastehen wolle, wie es der Fall s:in würde, wenn sie fortwährend allein wohnen und für die Leute arbeiten werde. Frau Feuerlein erklärte ihr zwar, das habe sie nicht nöthig, es sei schon Alles bezahlt, und Bertha könne jeden Tag zu ihr ziehen und unter ihrem Schutze woh nen bleiben, da sie ja doch nach beendigter Trauer ein so schönes Band mit ihrem Sohne vereinigen werde. Bertha schüttelte jedoch unter Thränen den Kopf und sagte : Ich komme heute Abend zuJhnen, um alles Weitere mit Ihnen und Ihrem Sohne zu besprechen.Am Abend erzählte sie, wie es gekommen sei, daß sie, einen Anderen lie! end, dennoch Feuerleins Werbung nicht zurückgewiesen habe. 3ch zweifle nicht im geringsten", setzte sie dann hinzu, dafc Sie mich als Ihre Gattin glücklich zu machen suchen würden, und ganz gewib würde ich als eine treue, sorgsame und dankbare Lebens gefährtin meine Pflichten gegen Sie in ihrem ganzen Umfange erfüllt haben, denn ich kann Ihren Eigenschaften so wenig als Ihrer Handlungsweise meine Achtung und vollste Anerkennung versagen. Eines nur würde gefehlt haben : ich kann nur ein Mal lieben, und wie Sie wissen, liebe ich einen anderen jungen Mann, zwar ohne Hoffnung, je mit ihm .vereinigt zu werden, aber dessen ungeachtet wird meine Liebe ewig währen. Die traurige Lage meiner armen Mutter hatte mich mit Hintansetzung jeder anderen Rücksicht be wogen, um ihr ein sorgenfreies Alter zu bereiten, ihnen das Jawort zu geben, und ich bin mir bewußt, daß Sie es nie bereut hätten, mich zu ihrer Gattin gewählt zu haben. Der liebe Gott hat es anders gewollt : er hat meine theuere Mutter zu sich genommen, und indem auf diese Weise der Grund entfernt ist, der jenen Entschluß in mir hervorgerufen hat, bricht das trügen sche Gebäude, das ich darauf gestützt hatte, zusammen, und da jetzt andere Pflichten bei mir in den Bordergrund treten, suhle ich, daß ich zu schwach bin, bei diesen ganz veränderten Verhältnissen noch mein Wort zu halten. Ich erkenne es als eine theuere Pflicht. Ihnen das jetzt, wo es noch Zeit ist, zusagen, weil ich Sie viel zu sehr achte, als ich Ihnen zumuthen möchte, sich für immer an eine Frau zu seffeln, die be. standig mit der Liebe zu einem Anderen zu kämpfen haben trnhde. ES wild Jbnen gewiß nicht schwer fallen, ein anderes Mädchen zu finden, daS würdiger ist. als Ihre Gattin ein Glück zu finden, dessen ich nicht theilhaftig werden könnte." Der edle Mann sah dieses ein und gab dem ganz zerknirschten Mädchen nach ver schledenen Einwendungen der Mutter, welche Bertha so lieb gewonnen und tu gentlich daö ganze Verhältniß eingeleitet hatte, daS Jawort zurück. Er bestand jedoch darauf, daß sie zu leiner Mutter ziehe, welche sie wie eine Tochter halten . und dafür besorgt sein werde, daß sie nicht mehr nöthig habe, sür Fremde zu arbeiten. Bertha lehnte dies jedoch entschieden ab, indem sie sich stark genug fühle, ihren Unterhalt erwerben zu können. Sie hatte bereits Aussicht zu einer vortheilhaften Stelle bei einer vor nehmen Dame, welcher sie durch eine jener Frauen empfohlen worden war, für die sie schon viele Arbeiten verfertigt hatte. Es war dieses die Wittwe des Marquis HewaltSoutherhill, eine geborene Deut sche, welche sich gerade zu jener Zeit dort aufhielt und eine Gesellschafterin suchte.!
Bertha erhielt diel Stelle und reiste bald mit ihrer Gebieterin 'nach Helgoland, wo ich sie am Tage vor ihrer Abreise sah. .Schon nach wenigen Wochen war es ihr gelungen, nicht nur die besondere Zusrie denheit ihrer Herrin, sondern selbst in ei nem hohen Grade deren Achtung und ZuNeigung sich zu erwerben, und wenn auch nicht selten die Erinnerung an vergangene Zeiten die Stimmung deö sonst so munteren Mädchens trübte, so zeigte sie dieses doch nie in ihrer Umgebung, weinte nur
im Stillen ihrem Schicksale schmerzliche Thränen und suchte stets ihre gütige Ge bieterin aufzuheitern, wodurch ein sehr schönes Verhältnis zwischen ihnen entstand. Ich habe wohl nichts nöthig, zu versichern, dafe meine heiß geliebte, so unerwar tet wieder gefundene Bertha sich bald in meinen Armen von ihrem Schrecken er holte, der sie bei meinem Anblicke befallen hatte, und wenige Worte genügten, die Mutter des Marquis von dem Verhältnis zu unterrichten, das zwischen uns Beiden bestand. Wie freuten sich die guten Menschen über diese so glückliche Entwickelung unse res Schicksals, und wie beeilten sie sich, dasselbe, so viel in ihren Kräften stand, dauernd zu befestigen. Schon länger als ein Jahr bewohne ich als glänzend besoldeter Forstbeamter des Marquis Hewalt'Southerhill an derSeite meiner geliebten Bertha das schöne Haus, daS mir bei dem ersten Eintritt in das Thal so aufgefallen war und das ich zuerst für ein Jagdschlöchen gehalten hatte. Die Mutter des Marquis hatte es sich nicht nehmen lassen, ihre Freundin wie sie Bertha nannte vollständig auszu statten, was viel besser und reichlicher aussiel, als unserStand es erheischte. Unser Glück ist unaussprechlich, möge die gütige Vorsehung ihm Dauer derlei hen! Der Kirchhof von San Giovanni. At dem Leben einer Engländerin. (Fortsetzung.) DaS wäre mir von Heerzen leid ent gegnete Edward, denn ich bringe mein englisches Gemüth unverändert und treu vom Continente nach Hause, und ich hoffe, Sidonie wird mich nicht nach dem Schnitte meines Frackes beurtheilen." Unter diesen Gesprächen waren wir bis zu dem Zimmer meiner Mutter gelangt. Edward trat aus meine Versicherung, daß ich die Entschuldigung seiner Toilette übernehmen werde, bei der Herzogin ein. Angenehm überrascht kam uns meine Mutter entgegen; sie hatte schon von meinem Vater erfahren, daß unser Vetter Edward auS Paris zurückgekehrt, eben von ihm gegangen sei. Sie war sichtlich von der auffallenden Veränderung seines Aeußern. sowie seines Betragens angezogen, und ich konnte, mir eS nicht leugnen, je mehr ich die Leichtigkeit beobachtete, mit welcher er die Unterhaltung von einem interessanten Gegenstände zum andern zu lenken verstand.dab er der liebenswürdigste und zugleich schönste junge Mann sei, den ich jemals gesehen. Vergebens suchte ich in meinem Gedächtniß nach dem Bilde des silr seine Ja'-re lächerlich ernsten und tro. ckenen Vetters, der immer ein Gegenstand unseres SpotteS gewesen war, obgleich er mich von allen übrigen Verwandten durch eine besondere Vorliebe auszuzeichnen schien. Die Fremde hatte diesem Demant Schliff und Glanz verlieben. Eine Stunde war in heiterem Gespräch verstrichen, ehe wir'S uns versahen. Ed ward entfernte sich, sichtlich geschmeichelt von der ausgezeichneten Aufnahme meiner Mutter, und mit einem Blicke auf mich, der lief in mein Inneres drang und mir es verkündete, daß sich in diesem Augenblicke das Schicksal meiner Zukunst entschieden habe. Ich übergehe all die Glückjeligkeiten, welche das weibliche Herz bei dem Erwa chen der mächtigsten ird schönsten Gefühle der Natur durchdringen, denn sie sind. von eben so vieler Langeweile für die Leser, als von unaussprechlicher Wichtigkeit für den Liebenden selbst ; nur so viel erlaube ich Mlr zu sagen, daß Edward's Liebe sür mich den Charakter der höchsten Leidenschaftlichkeit hatte, und meine Anbetung sür ihn an Vergötterung grenzte.
Sir Edwa d'Darnford war der enzige Erbe eines unermeßlichen Vermögenseine Familie der unsern an Einstub vottom men gleich, und )o hatten wir das (jlück, dah nichts sich störend zwischen unsere Liebe drängte ; nach sechs Monden war ich seine Gattin. ' Wir waren anerkannt das schönste paar in London, und nie ritten wir durch Reg.nt'Street, ohne da& unsere Blicke gegen seitig -mit Stolz auf einander verwerten. Bald sollte unser Glück vollkomm?n werden. Ich fühlte mich Mutter, und.Ed wards Leidenschaft für mich bekam anen Anstrich von inniger Verehrung, von zarter schonender Sorge, die unser Band wo möglich noch fester knüpfte. Ich gebar unter schweren Leiden meinem Gatteq ei nen Sohn ; doch hatte mich dies Geschenk des Himmels an den Rand des Grabes gebracht. Monate vergingen ; ich kointe nicht von einer mir zurückgebliebenen Schwäche genesen. Trotz dem Schmerze meiner Mutter und der finsteren Stirne meines'Vaters mufc'en wir uns endlich entschließen, dem Aas spruch der Aerzte Folge zu leisten, welche mir die Bäder zu Pisa und einem wenig ftens ein Jahr dauernden Aufenthalt? in Italien als einziges Rettungsmittel meiner Gesundheit verschrieben. Begleitet von unzähligen Thränen traten wir im Anfang deS Herbstes 18 un sere Reise an. Niemand, als mein Kind, seine Amme und Edwards Kammerdiener begleiteten uns. Meine Thränen versiegten bald ; ohne großen Kummer sah ich die Küste Englands in das Meer versinken ; wohl sandte mein Geist einige Grüße an meine Eltern dorthin zurück, doch meine Welt hielt ich in meinen Armen; ich lag an Edwards Herzen, und an meiner Brust schlummerte mein Sohn. Zwei Jahre verstrichen in Italien, ohne daß sich weder eine Veränderung in unse rem Familienleben, noch in unseren Her zen begab. Meine Gesundheit erstarkte sichtlich unter dem wohlthätigen Einfliß dieser milden Lust, und nur meine nahe Aussicht, zum zweitenmale Mutter zu werden, hielt uns von dem Vaterlande noch entsernt. Wir hatten unsern beständigen Aufent halt in Neapel genommen, und genoffen in ungetrübtemGlück alle Reize dieser gött lichen Gegend. Es war um diese Zeit, als mich zum erstenmale bedünken wollte, cS läge oft eine Wolke ernsten Nachdenkens aus Edwards Stirn. Wenn ich ihn mit zärtlicher Besorgnis fragte, was ihn küm mere, so versicherte er mir stets, daß ihn die Sorge um meine Gesundheit quäle, für
die er, bei der mir neuerdings bevorstehen den Katastrophe, zu befürchten beginne. Vergebens suchte ich ihn zu beruhigen, sein Trübsinn nahm zu, statt sich zu vermin dern, und ost verließ er mich stundenlang um, wie er versicherte, in den duftenden Orangenwäldern, die Neapel umgeben, sich Ruhe und Erheiterung zu holen. Arg los, wie ich es war, härmte ich mich über den Kummer des Gatten, obne daß sich auch nur ein Gedanke des Mißtrauens in meiner Seele regte. Meine Arabella war geboren. Ich fühlte mich gesund und glücklich und hoffte, nun auch Edwards Trübsinn schwinden zu sehen. , Doch Monate vergingen und er blieb sich gleich: düster, wortkarg und stundenlang in finsterem Schweigen vru tend. Ich war meistens mit meinen Kindern allein und die Sehnsucht nach meinem Vaterlande, nach dem liebenden Herzen der Muster erwachte um so stärker in mir, jc weniger ich es mir länger verbergen konnte, dab Edwards Leidenschaft für mich langst dem es Üble einer innigen Freund' schaft gewichen schien. Trotz der häufi gen Entfernung meines Gatten stieg den noch kein Verdacht in meiner Seele auf, der die Achtung, welche ich für ihn hegte, vermindern, oder seinen Charakter in mei nen Auien entwürdigen konnte, ich fühlte wohl, dab ein dunkles Geheimnik seine Seele bedrücke, aber ich ahnte nicht, daß dies Geheimniß meiner Ehre, meiner Ruhe, ja meinem Leben den Untergang drohte. Meine Bella war ein halbe Jahr alt, als ich meinen Gemahl erinnerte, dak unserer Abreise nach England nun kein weiteres Hinternib im Wege stand und daß ich ihn dringend bitte, endlich wieder zu den Meinen zurück zuziehen. Eine glühende Räthe ergoß sich über Edwards Wangen, welcher ebenso schnell eine fahle Bläffe folgte. Mehrere Secunden lang saß er mir schweigend gegenüber und schien vergebens nach Faffung zu ringen. Noch nie hatte ich eine Empfindung in seinem Aeu ßeren stch so aussprechen sehen, und starr
vor Staunen hing ich an seiren Blicken, seine Antwort erwartend. Endlich sprach er mit einem Tone der mir gänzlich sremd an ihm war, mit einem Tone in dem er sich erzwungene Fassung, und angenommene Härte zu streiten schienen ; .Zu den Deinen ? Bist Du nicht bei den Deinen, und ist es möglich, daß Du Dich aus diesem Paradks nach Deinem, kalten, finsteren Vaterlande sehnen kannst?" Es ist auch Dein Vaterland-, entgeg nete ich mit bebender, Stimme. .Es ist das Land meiner Sehnsucht, daö Land, wo meine glücklich- Jugend entfloh, wo nur theuere liebende Eltern wohnen. Dieses Paradies, das Du rühmst, ist von Menschen bewohnt, die mir durch Sitten u-d Charakier ewig sremd bleiben wer den" ' Mir sind sie eS nicht-, unterbrach mich Edward hestig, mein Gemüth ist nicht kalt und verschlossen für jeden frrmdarti gen Eindruck, wie da? Deinige, mir ist wohl in dieser himmlischen Lust, unter diesen glühenden Menschen, in deren Adern Feuer rollt, und wie ein feuchter Nebel legt sich der Gedanke an daS finstere GrabLondons über meineSeele, beschleicht er mich mitten unter den Orangendüften Neapels. , Mir ist hier wohl, ich denke nicht an die Rückkehr nach England." Bei diesen Worten liefe er rasch den Stuhl zurück und verlieb stürmisch das Zimmer. Eine eiskalte Hand schien sich auf mein Her, zu legen ; mein Athem stockte, halb bewustlos sank ich in das Sopha zurück. So hatte ich ihn noch nie gesehen, so rauh war mir d,ie geliebte Stimme noch nie er klungen, plötzlich, wie ein Blitzstrahl durch zuckte mich der Gedanke : Du bist ihm nicht? mehr, er hat Dich verlassen !" Ein fürchterliches Licht erhellte meine Nacht. Unglücklich staunend fragte ich mich selbst wie es möglich gewesen, mich so lange zu täuschen?. Wie ein Schleier fiel eS mir von dem geblendeten Auge, und ich erkannte plötzlich, dab ich ihn schon Monate lang verloren hatte, und dab für mich keine Rettung mehr sei von dem schrecklichen Gefühl, daö meine Seele durchzuckte, als im Grabe. Zu stolz, um den Gatten auch nur eines Vorwurfs zu würdigen, zu unglücklich, um meine Gemüthsstimmung verbergen zu können, ging ich in dumpfem Schweigen neben Edward hin. Jetzt beobachtete ich mit glühendem Argwohn jeden seiner Schritte, und je verzehrender die Eisersucht in mir raste, je mehr mein Körper unter dem wilden Kampf allen diesen Empfindungen erlag, je sorgfältiger hütete ich meine Lippen und Züge, dab auch nicht
der Schatten eines Vorwurfs es dem Treulosen verrathen möge, waS ich litt. Es war' umsonst. Edward sah, wie mir schien, mit flutn mer daS sichtliche Verfallen meiner Ge stalt, aber er. der sonst jede meiner Mienen, belauschte, sich hundertmal deS TageS erkundigte, ob ich mich auch wohl fühle er wagte es jtzt nicht, sein unglückliches .Weib zu fragen : .WaS fehlt Dir?-, denn er mußte ja zittern vor mei ner Antwort. Sechs Wochen verstrichen, ohne dab eS zu einer Erklärung zwischen unS gekommen war. Da führte ein Brief meiner Mutter, . welche mich dringend zur Heimkehr mahnte, die fürchterliche Cata strophe herbei, wo mein Schicksal den Wendepunkt erreichen sollte. So sehr es mich schmerzt begann ich eines Morgens, .Dir, mein theurer Edward, etwas Unangenehmes zu sagen, so kann ich dennoch nicht uZlhin, Dich wiederholt an die Rückkehr nach England zu mahnen Ich schob den Brief meiner Mutter , in leine Hand und fuhr fort : jäus diesem Schreiben.wikg Du ersehen, bafc ein langwieriges Uebel meine Mutter seit Wochen an daö Krankenla. er fesselt. Fast dreiJahre sind wir nun fern on ihr ; sie sehnt stch nach dem . Anschauen ihrer Kinder, ihrer Enke!.. Mein Herz vergehl in Sehnsucht, nach ihr und nach dem Lande meines Glückes !" Meine Stimme brach, Thränen , zitterten in meinen Augen, als ich mit überströmendem Gefühl Edwards Hand ergriff und mit den Worten schloß ': .Laß uns zurückkehren mein Gemahl! Dort allein ist Heil für uns V .Für Dich, nichr für mich !" ms Edward seine Hand aus der meinen ziehend, ich kann, ich will dort nicht leben, ich hasse England ; ich werde nie zurückkehren ! Wie ! rief ich erbleichend, , so sollen wir unser Dasein hie? beschluken V Hier oder in ttonstantinopel, oder in der neuen Welt, überall eher, als in dem mir verhakten Lande, dessen Frauen Pup pen, dessen Männer Narren sind," ent gegnete Edward mir Wuth. (Fortsetzung folgt.)
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