Indiana Tribüne, Volume 3, Number 8, Indianapolis, Marion County, 2 October 1880 — Page 6
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erschlungenc Wcgc .--(.'' Drei Kapitel aus meinem Leben.
oNovelle don Heinrich Hcnslcr. O (Fortsetzung.) Die Kugeln der Nüssen haben mich zu Euerem Leidwesen verschont; ich kenne den Betrug, zu dessen Opfer Ihr m:ch auselsehen hattet. Sorgt jetzt dafür, daß ich die mir von Rechtswegen gebührende Stelle und zwar die nächstcrledigte erhalte, sonst singe ich Euchein Liedchen, daß die Kinder aus der Strafe mit ihren Fingern auf Euch deuten, und enthülle vor aller Welt Euere bodenlose Schlechtigkeit :c Das wollte ich thun, in der Hoffnung auf den erwünsöten Erfolg. Die ersparte Gage und der Jahressold, welcher mir bei meinem Austritte aus 'der Legion ausbe' zahlt worden war, setzten mich jedenfalls in den Stand, ein ganzes Jahr und noch länger auf die nächste Erledigung zu warten. Noch eine andere Absicht hatte ich bei der Neise in mein Vaterland; ich wollte genaue Erkundigung über BcrthasSchicksal einziehen, aber natürlich mir und ihr das Wiedersehen dabei zu ersvarcn suchen. Ich hatte zufällig einen Handlungsreisen, den getroffen, welcher H. alljährlich zwei Mal bereiste und auch Q. besuchte, wo Feuerlein wohnte. Er kannte ihn, wute, daß er eine hübsche Frau hatte, konnte mir aber nichts Näheres über dessen sonstige häusliche Verhältnisse sagen. Ich wollte nach dieser jungen schönen Frau" den Reisenden fragen, aber schon der Gedanke, dieses thun zu wollen, trieb mir eine hohe Rölhe ii.' Gesicht, so daß ich darauf verzichtete. Aber eine machtige Sehnsucht wurde aufs neue in mir rege : ich mußte hin und mich überzeugen, wie es ihr ging. Die Gefühle, die ich gewaltsam in mein Jnne 3 zurückdrängte hatte, waren plötzlich mit neuer Stärke erwacht und ich will es nur gestehen nur sie waren es, die mich nach H. zurückzogen, meine Angelegenhci ten waren nur ein Vorwand, mit dem ich mich selbst zu täuschen suchte. Schon das nächste nach Hamburg abgehende Dampsboot brachte mich dahin. In Hamburg wollte ich übernachten und am folgenden Morgen in die Heimath ei len. Das Ergebniß des Besuches, den ich zu machen im Begriffe war, mußte entscheiden, ob ich in dem Vaterland bleiben und eine angenehme Stelle mit schönem Gehalte bekommen werde oder ob das ungünstige Schicksal, das mich seither' unermüdlich verfolgte, sich auch hier consequent zeigen würde, indem es die schöne Hoffnung, die mich beseelte, zerstörte und mich , wieder hinaus trieb auf die trügerischen Wogen eines unstätten Lebens, um in fernem Lande jenseits des großen Oceans das zu suchen, was die dennoch geliebte Heimath mir beharrlich verweigerte. . , Den Abend brachte ich damit zu, die auf dem Tische liegenden Zeitungen zu lesen; sie gaben mir manche lang entbehrte Kunde aus dem geliebten Vaterlande. Fast alle Blätter hatte ich schon durchgelesen und wollte eben das letzte in die Hand nehmen, als eine besonders auffallend ge druckte Bekanntmachung mir in die Augen siel, deren Ueberschrift schon meine Auf merksamkeit in hohem Grade erregte : Ein Forstbeamter wird gesucht." Zur rationellen Bewirthschaftung ausgedehnter gutsherrlicher Forsten auf den Besitzungen einer adeligen Familie wünscht man einen Forstcandidaten anzunehmen, welcher die H.'sche Staatsprüfung gut be standen hat und darüber, sowie über seine praktische Ausbildung sich genügend ausweisen kann. Genaue Kenntniß der englischen Sprache ist unbedingt nöthig. Le benslängliche 'Anstellung. freundliche, durchaus anständige Behandlung und ent sprechender guter Gehalt werd:n bereitwilligst zugesichert. ' SoutherhillHouse bei L. Die Güteradministration des Marquis Hewalt-Southerhill". Ich war natürlich ungemein überrascht von dieser ungesucht und so plötzlich sich mir ausdrängenden Nachricht, daß man Jemand suche, der jene Eigenschaften und Qualitäten haben solle, die mir ich durfte mir das wohl eingestehen in vollem Maße zur Seite standen. Würde mir hier endlich eine dauernde Versorgung blüden oder des Schicksals oft erfahrene Tücke mir abermals eine fchöne Hoffnung zeigen, um mich wiederum so empftndlicher zu täuschen ?
.Nun, es moge.seitwk.eA.wolle", dachte , ich, auf jeden Fall werde ich es wagen." Ich griff mechanisch nach den übrigen bereits , .zurückgelegten Zcitungsblättcrn und fand, indem ich die zuerst überschlage' nen Bekanntmachungen nun durchlas, jene Aufforderung in sämmtlichen Blättern, und zwar mit so neuem Datum, daß ich nicht glauben konnte, es werde mir ein anderer Eandidat zuvorgekommen sein, um so weniger, als ich keinen Collegen kannte, welcher der. englischen Sprache mächtig war. Kurz entschlossen kehrte ich schon am folgenden Tage nach England zurück und degab mich nach der Ankunft sofort auf öie Eisenbahn, um nach L. weiter zu iei sen. Bald hatte ich L. erreicht, wo ich die Eisenbahn verließ. Auf anmuthigen Waldwegen könne ich in zwei Stunden das Schloß des Marquis Hewatt Southcrhill erreichen, wenn ich nicht fahren wolle, sagte mir der Wirth, bei dem ich eingekehrt war. im andern Fll würde ich nur auf Umwegen dahin gelangen. Ich war sogleich zu . Ersterem bereit; meine Papiere hatte ich in der Tasche, mein Gepäck ließ ich zurück, da ich mit größter Bequemlichkeit am Abend wieder in L. sein konnte, und so machte ich mich denn', nachdem ich ein Frühstück eingenomwen hatte, auf den Weg, der für mich a s Forstmann ein doppeltes Jntereffe hatte. Mit Lust hing ich den Gedanken nach, die mir hier einen erwünschten, angemessenen Wirkungskreis zutheilten. : So mochte ich wohl die mir angekündigten zwei Stunden schon rüstig dahin ge schritten sein, als mich zuletzt der Weg durch mannichfache Windungen aufwärts führte. Endlich hatte ich die Höhe erreicht und trat nun aus dem Wald hinaus auf den Vorsprung eines Felsens, von wo ich ein sich vor meinen erstaunten Blicken ausbreitendes, ungemein reizvolles Thal überblicken konnte, das, von mehreren Bächen durchschnitten, rund umher von sanften Anhöhen eingeschlossen war. Mitten durch dieses Thal, längs dem User eines schmalen Flusses führte ein bcquemerWeg ; ich verfolgte ihn mit den Augen bis.dahin, wo in einer Entfernung von weniger als einer Viertelstunde das Thal durch eine Wendung nach der rechten Seite abge schlössen war. Dort sah. ich. beglänzt von der hellen Morgensonne, das Ziel meiner Reise : ein stattliches Schloß, im schönsten Styl erbaut und von der Familie des Marquis Hewalt'Soutberhill belohnt. Im Thal abwärts zur linken Seite, etwa in gleicherEntfernung von meinem Stand ort, lag, theilweise versteckt unter hohen Bäumen, ein kleines, aber in schönen Ver Hältnissen erbautes Schloß, das ich, da es inmitten des Waldes auf einer kleinen AnHöhe lag, für ein fürstliches Jagdschloß gehalten hätte, wenn es nicht gar zu klein gewesen wäre, und so hielt ich es für das Forsthaus. ,j" Meine Blicke schweiften in dem lieblichen Thal hin und her, bald zu d?n großartigen Schloßgebäudcn, bald zu dem reizenden vermeintlichen Forsthaus hinüber, aus dem sie zuletzt haften ' blieben. ' Gefühle, die ich für immer entschlummert wähnte, erwachten unvermerkt und zeigten mir ein Paradies, das mir ein neidisches Geschick verschlossen hatte. Wie glücklich könnte ich sein in dieser prachtvollen, unvergleichlichen Gegend, an der Seite ejnes geliebten Weibes ! Ich sah im Geist, wie ich in angestrengter Thätig keit, meinen Beruf lebend, am spätenAbend ermüdet nach Haufe kam das war mein Wohnhaus ich sah es vor mir unter der Thüre stand eine Frau, es war doch weg mit diesen trügerischen Bildern einer überreizten Phantasie! Die Zeit, in welcher solche liebliche Bilder mich täglich, ja stündlich erfreuten, liegt weil hinter mir unwiederbringlich ! Nie, nie kann es io werden. Diese' Hoffnungen und Gedanken können mich nur unglücklich machen, indem sie statt Balsam Gist in die Wunde träufeln, die nie sich schließen wird. Ich wandte mich um, so daß ich nur das Schloß vor Augen hatte, und indem ich langsamen Schrittes den Weg hinab ging, überlegte ich noch einmal meine gegenwärtige Lage und ließ die sich wahrhaft über stürzenden Ereigniffe des letzten Jahres, die heute, wenn die Vorsehung mich begünstigte, ihren Abschluß erhalten sollten, an meinem Geist vorüberziehen. Als ich in das Schloß kam, ließ ich mich bei dem Verwaltungsbeamten melden, übergab ihm meine Papiere, und brachte mein Anliegen vor. Nehmen Sie einstweilen Platz", sagte
i r ', 7 z .; . ; n ?: j T der freundliche alte Mann, Sie kommen zur glücklichen Stunde, denn der gnädige Herr ist gerade hier anwesend, ich werde Sie sogleich melden. Sie .sprechen also Eng:isch; ; " Natürlich", antwortete ich ; da dieses zur Bedingung gemacht wurde so würde ich im andern Fall mich gewiß nicht ge meldet haben". Es ist ja wahr", sagte der Beamte, ich wollte eigentlich auch weniger danach fra gen, als vielmehr, ob Sie' hinreichende Gelegenheit hatten, sich recht praktisch in der Conversation zu üben, denn gerade diese Sprache wird nur im Umgang mit gcbvrnen Engländern " (Schluß folgt.)
Der Kirchhof don San Giovnnnö. .Aus dem Leben einer Engländerin Ich war zehn Jahre alt, und seit ich denken konnte, nie krank gewesen. Meine Mutter, die Herzogin von B., war eine schöne glänzende Dame. Mein Vater (ein Mann, wie ich späterhin wenig mehr sah) cde! in Haltung und Zügen, und von eben so feiner Geistes als Körperbildung. Miß Claire, mein? Gouvernante, eine kleine reizende Französin, war seit meinem sechsten Jahre meine liebe Gesellschafterin, von meiner Mutter sehr hoch gehalten und vom ganzen Hause geehrt. Die Herzogin konnte sich nicht viel mit mir beschäftigen, da unser Haus eines der ersten in London war, aber an Claire's Seite bemerkte ich dies nur wenig, denn sie war mir Alles geworden. In jenem Zeitpunkte, wo diese Blätter beginnen, bemerkte ich Nützlich eine aus fallende Veränderung im Haufe, meine Mutter war kalt und stolz gegen Claire. diese weinte viel, und mein Vater war öf ter als gewöhnlich Z:uge meiner Unter richtsstunden. Ich hörte viel reden von den Anstalten, welche zur Krönung Georg IV. getroffen wurden, und war selig in dem Anschauen der Prachtgewänder, welche sür meine Mutter aus Frankreich kamen, die, als Gattin eines der ersten Pairs des Landes, , eine große Rolle bei dieser Gelelcgenheit spielen sollte. Zwei Tage vor der Krönung, eben als ich mit kindischer Wonne neben Claire saß, welche ein De mant-Halsbänd, das für die Herzogin vom Juwelier gekommen war, im Lichtglanze spielen ließ trat meine Mutter ein mit hochglübendem Gesicht und räschenSchritten, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie hielt ein Zeitungsblatt in der Hand, winkte Claire nach dem Seitenzimmer, und diese folgte ihr erbleichend und zitternd. Nach wenigen Augenblicken vernahm ich einen lauten Schrei, gleich darauf einen Fall, und meine Mutter rauschte, bleich wie vorhin Claire, mit stolzem Schritt durch das Gemach, an mir vorüber, ohne mich zu bemerken, wie es schien. Ich wartete eine Weile, doch da Claire nicht zurückkam, flog ich nach dem Cabinet; sie lag besinnungslos auf dem Teppich des Fußbodens, das Zeitsngsblatt krampfhaft in der ausgestreckten Hand haltend. Ich crschrack, be goß sie mit Wasser und rief um Hilfe. Es dauerte nicht lange, so schlug sie die Augen auf, winkte mir zu schweigen, und nach ei ner Stunde schien sie völlig wieder erholt. Sie ging still. umher, Thränen flößen über ihre bleichen Wangen, aber ich hörte auch nicht einen Seuszer von ihr. Nach einiger Zeit kam mein Vater ; . ich werde den Ton nie vergcsien, mit welchem sie, ihm das Blatt hinreichend, sprach : Lesen Sie, Mylord, das Schrecklichste ist geschehen, und die Schande bitterer als der Tod." . Mein Vater las, erblaßte, sank in einen Stuhl, und winkte mir, rasch mich zu ent fernen. Ich schlich hinaus und saß lange, bis er zurückkehrte. Die Diamanten ge sielen mir nicht mehr, so oft ich sie auch im Lichte hin und her drehte, ich wußte und begriff nicht, was geschehen war, aber mir war's, , als hinge ein schweres Gewitter über mir, und als müsse es jeden Augenblick losbrechen. Zwei Tage verstrichen, ich sah Nieman den in unserm Zimmer als Claire, die stumm und starr einherschlich wie ein Geist, und die Bedienten, welche uns Nahrung brachten. Am Abend des zweiten Tages holte mich die älteste Kammerfrau meiner Mutter hinauf, ich durste sie in ihrer Pracht sehen. Ich war außer mir, so schön, so schön war mir noch kein mensch liches Wesen erschienen, als die Herzogin in dem fürstlichen Glanz, der sie umgab!
ich schmiegte mich liebkosend an ihre Brust und sag!e schüchtern : O meine Mutter, wie schSn'sind Sie !"' :' - - - Sie streichelte mir die Wange, küßte mich, ehe sie abfuhr, und sprach : Bald meine Sidonie, wirst Du immer um Deine Mutter sein." Ich ging hinab, das Köpfchen voll der Herrlichkeit, die ich gesehen hatte, ich konnte nicht satt werden, meiner Claire zu schil dern, wie reizend die Herzogin war. Claire hörte mir mit niedergeschlagenem Blick zu, ohne die Lippen zu öffnen. Es betrübte mich, da sie gar nicht Theil an meiner Freude nabm, und ich ging schmollend zu Tische. Alles war wie todt in unserem Palaste, denn fast die ganze Dienerschaft war, um den Glanz unseres Hauses voll kommen zu machen, in neuer prächtiger Livree mit zu dem großen Feste gefahren. Ich begab mich früh zu Bette. Claire saß noch und schrieb einen Brief, den sie mit Thränen überströmte, ihr Kummerqualtc mich ; aber ich vermochte dennoch den Geist nicht abzuziehen von dem glänzenden Bilde meiner schönen Mutter, und bald umspielten mich leucht:nde Träume, in denen die Herzogin wie Cherub im Pracht' gemande die Hauptrolle spielte. Es mochte Mitternacht vorüber sein, als ich von ei nem herzzerschneidendenStöhnen erwachte. Ich konnte mich lange nicht zurecht sinden, ob ich träume, oder diese fürchterlichen Töne wirklich höre. Die Nachtlampe an der Decke brannte düster, endlich erhob ich mich, sah umher, und erblickte neben mir ei'.t Schauspiel, das meiner Seele nie ent schwinden wird. Claire lag auf ihrem Lager, das Haupt weit hintenüber gebogen, die Augen fürchterlich verdreht, die feinen Lippen im Todeskampf weit geöffnet, fort und fort die gräßlichen Töne ausstoßend, welche mich erweckt hatten ; ihre Brust war entblökt, aus einer Wunde an der linken Seite stürzte ein feiner, schmaler Streifen Blut ; in der rechten Hand hielt sie ein Feder meffer, und als sie mich erblickte, stammelte sie mit letzter Kraft : Sidonie, Sidonie. verlaffe nie den Pfad der Tugend !" Ich schrie auf, warf mich über sie hin, und jammerte in kindischem Schmerz, ohne zu begreifen", wie ich ihr helfen sollte ; bald hatte sie ausgelitten, krampshast um faßten mich ihre zuckenden Arme, fie drückte mich fest an die röchelnde Brust, dann war sie plötzlich starr und kalt, weiter, reicht meine Erinnerung nicht am Morgen fand man mich im s Starrkrämpfe neben ihrer 'Leiche.. Sechs Jahre waren seit jener fürchterlichen Nacht verstrichen, ich hörte nie ein Wort über die Begebenheit sprechen. - Claire war damals in aller Stille beer digt worden, mein Vater versank in eine lange Melancholie, meine Mutter blieb sich vollkommen gleich, und die einzige Spur, welche das unglückliche Ercigniß hinterließ, war meine Krankheit, welche streng verheimlicht wurde. Sobald ich mich durch irgend etwas verletzt fühlte, sobald, man mich bis zu Thränen brachte, kehrte jener unselige Starrkrampf wieder, der mich bei Claims Leiche besullen hatte; ich empfand keinen ' Schmerz dabei, aber ich lag oft stundenlang einer Todten gleich, da, und erfuhr erst, nachdem Alles vorüber, daß ich meinen Anfall gehabt hatte. Wir reisten aus einem Bad in das an dere, oft blieb ich Monate' lang verschont, aber plötzlich brächte ein Schrecken, eine Kränkung das alte Uebel wieder hervor, so daß meine Eltern die . Hoffnung fast gänzlich verloren,' mich jemals geheilt zu sehen. . ' ' .' '. In meinem Aeußeren war nichts, das Kränklichkeit. verkündete, ich blühte, hoch aufgefchoffen in Fülle eines glücklichen Körperbaues,' und die allgemeinen Huldi gungen. als mich meine Mutter endlich in die Welt einführte, belehrten mich bald, daß man mich für schön hielt. , Außer den zwei treuen Kammerdienerinen meiner Mutter, und unferm Arzt, war die Bcschaffenhast meiner Krankheit sür Jedermann ein tiefes Geheimniß, die leidende Gesundheit meiner Mutter lieferte den Vorwand zu unseren Badereisen, und auch diese unterblieben im letzten Jahre, da man durchaus keinen Erfolg davon sah. Mein Zustand übte den schlimmsten Ein fluß auf meine fernere Erziehung : ich war zwar sanft geartet, demüthig, und kannte keinen Wiederspruch, wenn es den Willen meiner Eltern galt; dennoch hatte ich tausend kleine Sonderlingslaunen, welche meine Mutter nicht zu bekämpfen wagte, da sie bei meiner Reizbarkeit stets das Aergste. befürchtete; "so war ich z. B. bis zur Verzweiflung eifersüchtig auf die Liebe meiner Eltern, und. jede Auszeichnung,
welche meine Mutter einer kleinen Base zuwendete, hielt ich für eine Abnähme ihrer Neigung für mich. Selbst meine Ju ' gendfreundinyen mußten sich mir ganz un bedingt ergeben ; ich weinte Stunden lang, als Miß Mary heirathete. weil ich. gewiß war, nun kann sie mich nicht mehr lieben; ich erwähne alle diese kleinen Umstände, weil sie ein Helles Licht über mein künftigks Schicksal verbreiten. Von meinem Eintritt in das sechszehr.te Jahr an schien sich meine Krankheit plötzlich zu verlieren, meine Eltern wagten es kaum, sich der Hoffnung hinzugeben, es werde so bleiben ; doch ein ganzes Jahr verging, ich feierte den sicbenzehnten Ge burtstag, und das Uebel war nicht zurückgekehrt. Der Arzt versicherte, die Natur habe, sich kräftigend, selbst die Heilung übernommen, und er möchte fast gut ste hen. daß, wenn nicht ungewöhnliche, gewallsam erschütternde Begebenheiten in mein Leben angriffen, die Krankheit nie wieder in mir erwachen werde. Meine Eltern lebten neu auf in dem Anschauen meiner blühenden Jugend und ich selbst vergaß gänzlich die trübe Wolke, die meinen Himmel Jahrelang umschleiert hatte, tzs konnte nicht fehlen, deß bei meinem unermeßlichen Vermögen und der Stellung meines Vaters sich, bald eine Anzahl Freier um mich drängte; meine Eltern waren jedoch fest entschlossen, meine Wahl nicht zu bestimmen, und ich sah die jüngkn Herren sammt und sonders mit dem höchsten Gleichmuth sich nahen,' und, durch meine Kälte abgeschreckt, bald wieder verschwinden. Meiner Mutter war dies gleichgiltig, da ich noch sehr jung war, und nun, da sie anftng, den Geschmack am Geräusch der großen Welt zu verlieren, ihre einzige Freude und Erholung bildete. So hatte ich mein achtzehntes Jahr tu reicht, alle meine Wünsche waren erfüllt ehe ich sie auNprach. Reichthum unb Glück umgaukelten mich, das Haus meiner Eltern war mir die Welt, und ich hatte keine "Ahnung, daß es eine Steigerung dieses Wonnelebens, daß es ein Ende desselben geben könne. Es war ein heiterer Frühlingstag, als ich zur Mittagszeit, von einem Morgenritt zurückkehrend, vor unserHotel sprengte. Durch ein Gedränge in der Straße war ich von meinem Bedienten getrennt, der wenigstens 80 Schritte hinter mir war. Jcy hielt mein Pferd an, stützte die Jaust aus seinen Rücken, und wandte mich erwartend nach James. In diesem Augenblicke trat ein junger Mann aus dem Portalemnferes Haufes, blieb staunend stehen, und sah mich mehrere Sekunden schweigend an. ' ' Sein Anblick weckte eine angenehme, aber höchst dunkle Erinnerung in mir. Ich wußte mich nicht schnell zu besinnen, wo mir diese geistreichenZüge zuerst erschienen, und wann mich diese großen dunklenAugcn zum letztenmal angeblickt batten; daß ich ihn schon einmal gesehen, besten war ' ich gewiß. . . Plötzlich rief der Fremde mit einem Tone, der wie befreundet, meine Brust durchdrang : Sidonie, ja beim Himmel ! Sie sind es selbst!" j . . Damit trat er zu meinem Pferd, reichte mir die Hand, fast unwillkürlich zog ich den Fuß aus dem Bügel, setzte ihn auf feine. Rechte, und sprang vom Pferde. Eine Sekunde lang hielt cr mich an seine Brust gedrückt. Dann tahm er meinen Arm, sührte mich nach de, Marmortreppe und flüsterte in süßer Verttaulichkeit : Ist es möglich, Sidonie, Du erkenntest mich noch immer nicht? Mein Gedächtniß hat Deine Züge treuer bewahrt; drei kurze Jahre vermochten sie nicht zu verwischenk , '!. Jetzt war es plötzlich hele in mir; die unwillkürliche Blödigkeit, welche sich mei ner bemächtigt hatte, verhwand. Die dunkle Röthe der Befangeiheit, die,' wie ich fühlte, mein Gesicht beleckte, , wich dem Ausdruck der innigsten Frude, und froh überrascht rief ich : Eomrd, theuerster Vetter, S'e sind es? Jyt erkenne ich
Sie!" Ziemlich spät lächelte an seine Lippen drückend. r, meine Hand Ei", rief ich. heiter werdend. .wer hätte auch meinen ächt enjlischen Vetter Eduard mit der melancholistzen Stirn und dem ernsten gravitätischen (Zange in diesem jungen flüchtigen Pariser Wieder erkannt, der völlig entnationaltsirt vm Continente wiederkehrte ? ' Einst warekSie als neunzehnjähriger Jüngltng dö wahre Bild eines künftigen Pairs von ngian?; nun ist 5lbr Aeußereö dar treu Rcplajentant eines liebenswürdigen, leitgefinnlen Vi comte's geworden r .(Fortfesung fokt.)
