Indiana Tribüne, Volume 3, Number 7, Indianapolis, Marion County, 25 September 1880 — Page 6

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erslhlungene Wege. Drei Kapitel aus meinem Leben.

Novelle von Heinrich HeuSler. ...... , . (Fortsetzung.) .Ich glaube aber oder vielmehr, ich bin überzeugt, und diese Ueberzeugung ist mein Trost dak.wenn auch der liebe Gott mein tägliches Gebet erhören und mich aus diesem Jammerthal? 'bald abrufen wird, eS doch am besten ist, wenn eS so geht, wie ich eben vorgeschlagen habe, denn bis Sie eine Anstellung erhalten, welche Sie in den Stand setzt, eine Familie zu ernähren, müßte Bertha von ihrer Hände Arbeit leben, und d'aö ist bei dem geringen Arbeitslöhne. bezahlt und - säst täglich noch herabgesetzt wird, ein gar barteS LooS für ein armes Mädchen ! Bertha will selbst mit Ihnen sprechen, ich habe' aber Sie erst von dieser Lage der Sache in Kenntniß setzen'wollen, um Sie auf das Herbe und Unvermeidliche vorzubereiten. Deshalb habe ich da Mädchen fortgeschickt, ' doch muß sie jetzt bald kommen ! Aber Sie sa gen ja gar. nichts , dazu, lieber Freund ' Theilen Sie mir doch Ihre Meinung mit!?;, .'.,:: : .Was soll ich dazu sagen . antwortete ich, wie auS einem bösen Traume erwa chend. . .Leider haben Sie und Bertha ganz recht, jede Verbindung mit mir abzu brechen, denn nur Unglück haftet an mei nen Fersen,' und Unglück theile ich Jedem mit, der mit mir in Berührung kommt. Mein Verstand muß Ihren Plan billigen, wenn auch mein Herz blutet.- ES ist kein Zweifel übrig : die Tochter muß sich für tte Mutter opfern." , .Es ist ein Opfer, daS Gott wohlgefäl lig ist", erwiderte die Wittwe. .Gott ist ein gerechter. Gott, und somit habe ich die Ueberzeugung, daß sein Wort in Ersül lung gehen wird, durch das er denKindern, welche ihre Eltern ehren und lieben, langes Leben und Wohlergehen verspricht. Ich habe aber noch eine Bitte an Sie, mein Freund ! .-Ich habe das Vertrauen zu Jh nen. daß .Sie der armen Bertha.das Herz nicht allzusch'wer machen, sie vielmehr in ihrem Vorhaben bestärken. Sie äußert sich' nur wenig gegen ' mich, um immer' mit einer auffällenden Ruhe und Entschieden heit, der man jedoch den schweren Kamps ansieht, den eö ihr gekostet hat, eine Lei denschaft.zu überwinden, die daS' Glück ihres LebenS ausmachen sollte.' - Glauben Sie der Versicherung einer Frau, die schon mit einem Fuße im Grabe .steht,, es wird nicht für mich allein, es wird auch für Bertha gut fein, wenn Ihr Euch trennt, und der Vater im Himmel wird Eueren Entschluß segnen, daß eS Euch Beiden nur gut gehe auf Erden ! Sie wissen so gut als ich. wie sebr das Mädchen Sie liebt und können danach denken, daß es ihr un endlich viel Ueberwindung kostete, bis sie den harten Entschluß faßte, auf Sie und Ihre Liebe zu verzichten. Stören Sie den Frieden nicht, den der Gedanke an die Erfüllung Ihrer Kindespflichten dem armen Mädchen verleiht, und tragen Sie aus die Weise dazu bei, meiner Tochter dieses Opser zu erleichternd Thränen unterbrachen die Worte der Mutter. Ich beeilte mich, sie zu trösten und ihr Muth zuzusprechen, während ich selbst des Trostes nur allzusehr bedürftig war. ' Endlich kam Bertha nach Hause. Singe strengte Arbeiten, Kummer und Nachtwa chen hatten schon längst die frische Röthe der Gesundheit von ihren sonst so blühen den Wangen verscheucht, und die früher so glänzenden Augen hatten ihr Feuer verloren ; heute aber erschreckte mich eine lei chenhafte Blasse, die das liebliche Gesicht des Mädchens überzogen hatte.' Sie ging ruhig" ."auf mich zu, und reichte mir die Hand, . während die Mutter, wohl aus Rücksicht für uns, mit schwankendenSchrit ten das Zimmer verließ. Ich ließ ihre Hand. nicht wieder los : sie war eisig kalt; ich zog die' bebende Ge liebte heran zu mir und küßte ihre zuckenden Lippen : ihr Herz schlug hörbar, ihre Augen hatten keine Thränen mehr, die ihren Schmerz hätten lindern können. Welcher Kampf wurde in dieser armen schuldlosen Brust ausgekämpft ! Lange fanden wir keine Worte. Wa3 dann erfolgte : ich vermag es nicht zu beschreiben, der gefühlvolle Leser wird es sich denken können! Es war die Todten feier unserer Liebe ! Es mußte aber so sein. : Bertha durfte die Mutter nicht länger darben lassen.

Dieser Gedanke hatte sie zu dem Ent schlusse gebracht, mir, dem Glücke der Liebe für diese Welt zu entsagen. Ich bestärkte sie, soviel eS mir möglich war, in diesem Vorhaben, und meine Worte machten ei nen sichtbar erbebenden und stärkenden Eindruck auf sie. Schwere Seufzer hoben ihren Busen und erleichterten den gedrückten Zustand ihreö Inneren; vielleicht hatte sie Einsprache von mir befürchtet. . . ' 'Ich hatte nicht nur daS Schicksals die Erhaltung der Mutter im Auge, auch Bertda'S Zukunft lag mir " vorzugsweise am Herzen. Nach meiner Ueberzeugung mußte ich immer noch einige Jahre warten, bis ich in die Lage kam, heirathen zu kön nen, wußte ich doch nicht einmal, wovon ich in der nächsten Zeit leben sollte, und selbst die ärmliche Aussicht , auf die mir angetragene Stelle mit zweihundert Tha lern Gehalt war mir .noch nicht eröffnet. Bertha würde unstreitig zu Grunde ae gangen sein, wenn nicht Hilfe aus diese Weise gekommen wäre. , ..:!:' .' ' Die Mutter trat endlich wieder in die Stube. ES war spät geworden : wir mußten unS trennen. .Heute bin, ich noch Dein heute noch darf ich mit gutem Gewissen Dich küssen !" rief Bertha. . ' ' Und nun lagen wir einander' wieder stumm in den Armen, eine lange, schmerz lich süße Minute. Noch einen letzten lan gen Kuß, dann riß -sie sich loS und eilte laut weinend in die Nebenstube. Die Sinne drohten mir zu vergehen. Ich stürzte fort. Nach einer unter heißen Thränen durchwachten Nacht überlegte ich nochmals meine Lage und prüfte das ganze Verhält niß nach allen Seiten, meine Hoffnungen und Befürchtungen, und ich mußte das, waö geschehen, war, durchaus billigen, wenn auch mit zerfleischtem Herzen. .Fahre hin, du schöner Traum von ei nem glücklichen rosenbekränzten. Leben!" rief ich. .Fahre hin ! Meine.Rechnung ist geschlossen; ich habe entsagt! .Bald darauf fand jene Unterredung mit dem alten Freunde meines Vaters statt. Die so , plötzlich und, ganz ungesucht sich zeigende Aussicht, aus jener, Gegend fort zu kommen, in der ich unmöglich länger leben konnte, und das ungewohnte thätige Leben voller Abwechselung und Gefahren, daS auf dieser neuen Lebensbahn meiner wartete, waren meinem Wunsche durchaus angemessen, und ehe ich das HauS des vä te'rlichen Freundes verließ, war ich 'schon fest entschlossen, seinen Vorschlag mit bei den Händen zu ergreifen. Noch in derselben Woche ging ich wieder zu dem Obersorstrathe, erklärte ihm meine Einwilligung und bat ihn um seine mir zugesagte Verwendung und Hilfe. ' .So ordnen Sie Ihre Angelegenheit", sagte mir der würdige Mann, .und wenn Sie reisefertig sind, kommen Sie zu mir. Schon in einigen Tagen werde ich in dem Besitze eines Passes sür Sie und dtr nö thigen Empfehlungsbriefe durch die engli sche Gesandtschaft sein. Sie werden direkt nach England gehen und dort weitere An Weisung erhalten". Ansänglich wollte ich kurzer Hand mei nen Austritt aus dem Staatsdienste erklären, bei ruhiger Ueberlegung beschloß ich jedoch, nur um Beurlaubung auf einige Jahre nachzusuchen und mir auf diese Weise für alle Fälle den Rücktritt offen zu halten. Ich brachte meine Eingabe dem Oberforstrathe, welcher meine Vorsicht lobte und mit größter Bereitwilligkeit ver sprach, alles Weitere zu besorgen. Später erfuhr ich. daß während dieser gute Mann mich vor einer Intrigue warn te. ich gerade durch ihn das Opfer einer solchen wurde. Man hatte erfahren, daß ich bei der nächsten Besetzung einer Revier sörsterstelle berücksichtigt werden sollte, in dem meine Klagen bis zum Ministerium vorgedrungen waren und das Colleg hier über zum Berichte aufgefordert worden wär, mit der Weisung, meiner Beschwerde abzuhelfen. Da nun der .Freund meines ; Vaters-, der übrigens meinen Vater gar nicht ge kannt hatte, und ebenso der Direktor , des Collegs bei meiner Entfernung, wesentlich interesstrt war, was daraus hervorging, daß jene Stelle bald darauf einem nahen Verwandten desOberforstrathö übertragen wurde, welcher eine Tochter des Direktors heirathete, fo sprach der eine dieser Herren von einer Gehilsenstelle, die ich gar nicht zu befürchten hatte, während der Andere mir gar geschickt die englische Fremdenle gion alS einzige Rettung vorhielt. Ich ging in die mir gelegte Falle, erfuhr aber dieses Alles erst vor Kurzem, natür lich viel zu spät, um noch irgend Etwas

rückgängig machen, zu können; Bertha war ja doch für mich verloren Wenn ich aber dereinst in mein Vaterland zurück' komme, dann werde ich nicht, unterlassen, mit diesen Herren eine ernste Abrechnung zu halten ! , ' ' Nach einer Woche war mein Urlaub eingetroffen, meine wenigen Häbseligkeiten waren zur Bezahlung meiner Schulden und zur Erschwingung des nothwendigsten Reisegeldes verkauft, ein Schreiben nach London, das mich dort einführen sollte, in meiner Tasche, und so war meine Abreise aus den folgenden Tag festgesetzt. ; Am Abend ging ich nochmals' durch die Straßen der Stadt. Unwillkürlich lenkte ich meine Schritte in daS Gäßchen, in welchem Bertha wohnte. Ich hatte gehört, daß feit jener schrecklichen Stunde,. die mir ewig unvergeßlich bleiben wird, der Kauf mann Feuerlein' somohl'alS dessen Mutter in ' dem Hause gewesen ' waren 7, Ohne Zweifel wurden 'die Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen. t Ich wußte mir keine Rechenschaft darüber zu 'geben vaS ich gerade jetzt noch hier wollteaber ein un widerstehlicher Drang führte mich hln. Es war Licht in dem Stäben ; der Ile berzug zu Feüerlein's . Mutter war also noch nicht bewerkstelligt. DaS srente mich obwohl eS mir nichts helfen konnte. Ich blieb vor dem Hause stehen starrte hinauf nach dem Fenster und .sah mit Entzücken den-Schätlen deS geschäftig hin und' hereilenden Mädchens an dem herabgelaffe' nen Vorhang. Ich vergaß die Gegenwart und durchlebte in. Gedanken nochmals die glücklichen. Stunden, deren stiller' Zeuge dieses traulichen Stübchen gewesen; ach ! sie waren für mich unwiderruflich , dahin ! Schon war ich im Begriffe hinaufzuei len, ich stand an der Tbür. .Halt !" rief ich mir da zu. .Was willst Du oort oben? Wozu soll das führen.? . Willst Du die so mühsam erkämpfte Ruhe, des armen Mädchens stören?" Ich zog die Hand rasch zu rück die schon den Drücker der Tbür er faßt hatte. .Lebe wohls Sei glücklich !? rief ich leise in die Nacht hinaus , und eilte fort, wie ein Verbrecher. " Ich kam nach London und übergab meine Empfehlungsschreiben. . Nach txni gen Tagen wurde ich aufgenommen , mit der Zusicherung' eines Ossizierspatentes, sowie ich das Exercitium .soweit begriffen haben würde, um. Recruten .einüben ,zu köNNeN. ., , ': .. ' : ,. ' Das war in weniger als zwei Monaten der Fall,, und, abermals einige' Wochen später wurde ich nach Helgoland beordert, um in. die dort gebildet wcrdendeFremden legion eingereiht zu werden und bei der Einübung der mit jedem Schiffe dort an kommenden Legionäre, wozu es an aus reichender Hilfe fehlte, Dienste zu leisten. , Zum Schlüsse theilte ich Sir Richard noch mein Abenteuer auf Helgoland mit, worauf derselbe sagte: .Ja, , ja, lieber Freund ! Ich leide an äußeren Wunden, die mir den Tod zu bringen drohten, und Sie wären bald an inneren Wunden ver blutet, und mir kommt es vor, es könnten diese Wunden vielleicht so schmerzhast sein wie die äußeren. Nun, während mich Herr Wytstock heilt, hat die .Zeit" Sie in die Cur genommen und wohl auch geheilt" .Glauben .Sie das nicht, Sir Everett", rief ich Jenen unterbrechend, .wenn ich auch nicht klage und meine Schmerzen zur Schau trage, fo sind sie doch unheilbar!" .Nun, nun", fuhr Jener fort, .wenn sie auch nicht geheilt sind, diese verborgenen Wunden, so wird gewiß die Länge derZeit in.dieser Beziehung noch Wunder verrich ten ! Der Krieg, aus den. Sie bei Ihrem Eintritte in die Legion sich Rechnung machten, ist ohne. Zweifel seinem Ende nahe ; dann werden natürlich die Frem denlegionen aufgelöst und deren'Offiziere entlasten. Wenn , ich übrigens,' was ich jetzt wlhl hoffen darf, mit dem' Leben da vonkomme, dann sollen Sie' bald in den Hafen der Ruhe einlaufen und sich einer gesicherten Existenz erfreuen. "Sie müssen dann meiner Bitte entsprechen und mich aussuchen, um mir Gelegenheit zu geben, Ihnen meine unbegrenzte Dankbarkeit zu erweisen. Ich werde Sie meinem Bruder empsehlen, der. wird dessen bin ich über zeugt mit Freuden den Retter seines Bruders als Forstbeamten auf. seinen Gü tern anstellen, da er große Forsten besitzt; oder es wird dies bei einem Verwandten oder Bekannten geschehen, denn unsere Familie ist sehr ausgebreitet, und wir ha den viele Verbindungen, .da, kann es nicht fehlen, ich stebe dafür ein. Eine solche Stelle ist angenehmer und. viel besser be zahlt, als eine Staatsstelle. Wir sind reich; lieber Freund ! DaS sage: ich aber nicht aus Stolz, sondern nur um deswil

len, weil eS mich freuen würde, wenn Sik ganz ungenirt über meine Kasse verfügen wollten." . i Ich lehnte dieses ab, versprach jedoch, wenn ich, wie es nur allzu wahrscheinlich par, ' in der Folge entlassen werden sollte, ihn auszusuchen und wegen 'eine? Anfiel' lung mich seiner Verwendung zu bedienen. V. . ' ' ' ' ' ' ' : .Sie werden mich zwar nicht erkennen, wenn Sie einmal zu mir kommen", scherztt Everett, .denn l.och haben Sie nur eine kleinen' Theil meines Gesichts gesehen und ich hoffe, , daß diese verschiedenen lästi gen Kennzeichen, mit denen mich Freund Wytstock so reichlich versehen' hat (dabei zeigte er auf die Binden, welche sein Ge ficht ganz verhüllten), bis dahin abgelegt sind. ' Sie wissen jedoch meinen Name und die Orte, - wo Sie mich ' aufzusuchen haben, und in jedem Fälle werden verschie bette WiedererkennungSzeichen'in meiner Gesichte und an meinem Körper zurückblei' den, so daß' eine Verwechselung durchaus unmöglich ist.-"- ' , - .Verlassen Bit.- sich . darauf, lieber Freund", erwiderte ich. .ich mag entlasse werden oder nicht, so wie wir nachEngland zurückkommen, werde ich Sie unfehlbar aussuchen". ' ' : .Topp ! Es bleibt dabei !" rief Everett. .Ich erwarte bestimmt,- daß , Sie:. Wort halten, und freue mich schon im Geiste dar auf, Sie bei uns zu sehen !" : Am, folgenden Tage ging der Transport der Verwundeten ad, und Sir Everett wurde nach der getroffenen Abrede doithin getragen. Bei dem Abschied, der unS wehmüthig stimmte, reichte mir mein jun ger Freund die Hand und sagte: .Ver gessen Sie nicht, daß wir Freunde ; sür dieses Leben sind ! Sie haben mir dreimal das Leben gerettet : einmal, indem. Sie mich auf dem Schlachtfeld? unter den feindlichen Kanonen auffänden, unter Leichen hervorzogen und in das . Lager bringen ließen; dann, indem Sie mich mit solcher Beharrlichkeit an dem Selbstmorde hinderten ;und dann, indem Sie den ge schlck.en Wundarzt aufsuchten und "t für meine schnelle sorgfältige Behandlung und ausgezeichnete Behandlung sorgten ! Neh me.n Sie dieses zum immerwährenden An' denken an. mich unddie Tage, die wir zu sammen verlevlen !". Damit reichte er mir seine goldene. Uhr ' . ' ' .'.""". Ich wollte ihn mit der Ablehnung nicht kränken und Erwiderte : Ich würde einen Tausch vorschlagen, allein leider habe ich weder eine'Uhr nochsonst etwas Werth volles '.' . .Es bedarf keines weiteren Andenkens an Sie", antwortete Everett, .alle meine Wunden werden mlch täglich, ja stündlich an Sie erinnern und an Ihre aufopfernde Freundschaft und die großen Dienste, die Sie mit edler Uneigennützigkeit mir gelei stet haben. Leben Sie wohl! Der Herr nehme Sie in seine gnädige Obhut!" Die Soldaten hoben die Tragbahre auf ihre Schultern, und nach wenig Minuten war der Zug mir aus den Augen.

2. Auf dem Continent. Nach abgeschlossenem Frieden war ich glücklich, ohne die gerinste Wunde erhalten zu haben, obgleich eS an Gelegenheit dazu nicht gefehlt hatte, mit meinem Regiment nach England zurückgebracht worden und harrte da auf denEntschluß der Regierung, was aus uns werden solle. Bekanntlich war .den Ossizieren freigestellt worden, unter gewissen, anscheinend .Vortheil haften Bedingungen nach dem Cap zu gehen, um sich an der Colonisalion zu be theiligen. ; Wer das nicht wollte, der er hielt seinen Abschied mit einem: ganzen Jahressold und wurde aus Kosten der Re gierung nach Deutschland gebracht.. Ich war .anfänglich im Zweifel, d?zu ich mich entschließen sollte,, indem ich mich fortsehnte, weit fort aus dem Welttheil. der mir bis jetzt nur Täuschungen bereitet hatte; bei .ruhiger Ueberlegung jedoch entschloß ich mich, einen letzten Versuch zu machen, ehe ich Europa den Rücken kehrte auf Nimmerwiedersehen. Ich wollte Sir Everett aufsuchen, den Freund, der mich so dringend eingeladen, der mir so große Hoffnungen auf eine gute Versorgung gemacht hatte; ich wollte dieses thun, obgleich ich noch wenige Proben einer ehrlichen Freundeshilfe gefunden und Ursache genug hatte. Jedermann zu. mißtrauen, besonders Versicherungen, wie die hier in Frage stehenden, welche wohl ohne Zweifel recht gut gemeint, aber längst schon wieder vergessen waren. , , Schon mehrmals und zu verschiedenen Zeiten hätte ich mich nach Everett erkun digt, aber so lange ich auf der Krim war,

nichts von ihm erfahren können, als daß er fväter immer noch als. Schwerver wundeter nach Konstantmopel überschifft worden war. AlS wir zur Rückreise ebenfalls in Eu, patoria eingeschifft wurden, versäumte ich nicht, bei meinem kurzen Aufenthalt dorten nach Jenem zu fragen, und erfuhr daS selbe, mit dem Zusatz, daß die Aerzte, welche ihn in Behandlung hatten, seinen Zustand immer . noch sür sehr '. gefährlich hielten und ihm diese Aenderung feines Aufenthaltes dringend, angerathen hätten. Ich mußte nun zwar befürchten weil mich in allen Stücken das Mißgeschick betfolgte, Sir Richard werde gar . nicht in England anwesend, vielleicht gar noch in. ttonstantinopel sein oder sonst ein südliches Klima,' vielleicht ein Bad zur Wiederherstelving seiner Gesundheit aufgesucht haben; ich wollte mir aber deßhalb Gewißheit verschaffen und begann alsbald meine Nachforschungen. ; Der Oberst meines Regimentes war mir besonders gewogen; seiner .Verwendung verdankte ich eS, daß mir nicht nur eine Frist von einigen Wochen gestattet wurde, um mich für die eine oder die andere der unS gestellten Alternativen zu erklären sondern auch, daß ich für diese Frist Urlaub erhielt, um meine Nachforschungen nach Sir Richard mit mehr Muße' und Nachdruck anstellen zu können. Auf dem Sekretariat des Oberkommandos fragte ich nach dem Standquartier des 13. leichten Dragonerregiments, bei welchem Everett diente. Man nannte mir die Stadt. .Wollen Sie wohl so gefällig sein, mir

zu sagen, wann daS Regiment aus der Krim zurückkam V fragte ich. ' Der dienstfertige Beamte suchte die Akten und Tabellen aus und sagte mir den Tag. ' ' ; .Da Sie die Stammliste zur Hand haben", fuhr ich fort, .so darf ich wohl bitten nachzusehen, ob Sir Richard Everett unter den Ossizieren eingetragen und mit dem Regiment zurückgekommen ist 1" . Der .Beamte sah in die Liste und sagte : .Er ist'n'icht eingetragen und befindet sich nicht bei den Ossizieren des Regiments". .Dachte ich es doch !" rief ich. .Erlauben Sie mir' noch eine Frage, 'mein Herr. ES ist doch wirklich die Stammliste des 13. leichten Dragonerregiments, welche Sie vor sich haben ? ' ; ;: - ' .Ja wohl !" antwortete Jener. '' ' .Ueber das Schicksal Sir Everett'S könnenSie mir wohl nichts sagen ?" fuhr ichin meinen Fragen fort.' Der Beamte' zog eine andere Liste hervor und hielt sie mir hin, indem er achselzuckend sagte .Dieses Regiment war wie Ihnen nicht unbekannt sein wird, vorzugsweise unglücklich. Diese. Ossiziere waren bei dem Aüsmarsch, vergleichen Sie die jetzige Liste damit, so werden Sie leider nur Wenige sinden, die noch am Leben sind. Dieser mörderische ' Krieg hat gar viele Opser gekostet." Ich sah nur aus der ersten' Liste den Namen meines Freundes. Der Beamte legte die Liste wieder in den Umschlag, diesen aber in den Schrank, wendete sich dann zu einem anderen von den vielen Anwesenden und fragte nach seinem Anliegen. Ich dankte sür die erhaltene AuS kunst und entfernte mich dann. ' " Also hat daS finstere Geschick den unglücklichen jungen Mann doch ereilt, dachte ich. Da wäre es sür ihn allerdings besser geweien, man hätte seinem Wunsch gewillfahrt und ihm auf dem Schlachtfelde vor Sedastöpol eine Kugel durch den verstüm melten Kopf geschossen, es wären ihm dadurch viele Schmerzen erspart worden ! Was blieb aber jetzt sür mich zu thun übrig ? ' Sollte ich noch' einmal mein Vaterland aussuchen ? Zu welchem Zwecke ? Abrechnung zu halten mit dem altenOberforstrath.dem sauberen angeblichenFreunde meines Vaters,' und' dem Direktor des CollegS, bei dem ich als Praktikant angestellt worden war? Ich hatte mir dieses zwar fest vorgenommen) es war aber zur' Zeit der ersten Ausregung über diese Niederträchtigkeit. Das war jetzt vorbei. Ich hatte diesem erbärmlichen Menschen längst verziehen, nur die Verachtung blieb bei mir fest. Ich erinnerte mich aber jetzt, daß ich noch nicht aus dem Staatsdienste meiner Heimath getreten war; vielleicht konnte es doch von Vortheil für mich sein, wenn ich so plötzlich zu nicht geringen Schrecken dieser schlechten Subjekt vor sie hintreten und" sagen würde: .Ihr habt Euch verrechnet, wenn Ihr glaubtet, ich würde nicht wieder kommen." . lFortsesung folgt.)

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