Indiana Tribüne, Volume 3, Number 6, Indianapolis, Marion County, 18 September 1880 — Page 6
I n p i a n a T r'i b un e.
6
erschlungene Wege. , , . , . -1 Drei Kapitel auk meinem Leben.
Novelle von Heinrich HenSler, (Fortsetzung.) .Ich werde nichts versäumen", entgeg. nete Wytstock, .hier haben Sie Uhr, Börse und Taschenbuch des Verwundeten, die ich zu mir genommen habe. Ich kann, wie Ihnen begreiflich sein wird, nur meine ärztliche Hilfe zusagen, olle übrige Sorge muß ich Ihnen überlassen." . Nachdem der unermüdliche Doktor dem Wärter noch einige Verhaltungsregeln gegeben hatte, eilte er wieder zu den übngen Verwundeten. ' Ich schärfte dem Wärter, indem ich ihm eine gute Belohnung versprach, auf das Nachdrücklichste ein. den seiner Pflege An. vertrauten so sorgfältig und rücksichtsvoll wie möglich zu behandeln, und wenn das Geringste vorfalle, was ihm bedenklich erschiene, sogleich den Äoktor herbeirufen zu lassen, welcher ohnedies öfter nachsehen werde. . , Die Brieftasche, welche ich nun öffnete, enthielt eine ziemliche Anzahl Banknoten, mehrere Briefe und einige andere Papiere. Ich sah nur auf die Adressen der Briese ; mein Schützling hiek Richard Everett und war Lieutenant im 13. leichten Dragoner regiment. . r.l Nachdem ich . vorläufige Nachricht von dem Befinden und gegenwärtigen Zustände des Verwundeten an sein Regiment be sorgt hatte, ging ich nochmals hinaus aus das Schlachtfeld und übersah die Gegend von einem höher liegenden Punkte aus. Es war Heller Tag geworden. Sämmtliche Südforts von Sebastopol standen öde und verlassen; zwischen den Kämpfern von gestern lag die breite Fluth der Bucht, aus deren Oberfläche man nur an einigen Punkten ein paar kleine Damvfer, die Trümmer einer abgebrochenen Brücke, und die Mastspitzen versengter Schisse bemerkte. Die Russen hatten uns nichts zurückgelassen als den Herd einer ungeheueren Feuersbrunst und blutge tränkte mit Leichen besäete Ruinen ! Nach acht Tagen saß ich eines Nachmit' tags an dem Bette Evereti's.' Ich hatte ihn mittlerweile, damit er ein bequemeres, ruhiges Lager erhalte und besser verpflegt werden könne, in ein anderes Zelt bringen lassen,- wo mehrere schwer verwundete Ossiziere lagen, bis der Zustand ihrer Wunden es gestattete, sie in das Lazareth nach Eupatoria transportiren zu lassen. Die Heilung des Kranken schritt fortwäh rend bei unausgesetzt sorgfältigster Be Handlung durch den Doktor Wytstock in erwünschter kaum für möglich gehaltener Weise, wenn auch, wie sich denken laßt, seh? langsam und fast unmerklich voran. Nur der linke Fuß war gebrochen alle übrigen Wunden zeigten einen regelmäki gen Verlauf und ließen vollständige Hei lung erwarten, wenn kein unvorhergesehe ner Zwischenfall störend hinzutrete. Selbst der so schwer verletzte rechte Arm war bis jetzt der angedrohten Amputation entgangen. Am folgenden Tage sollte eine größere Zahl transportabler Verwundeter unter gehöriger Bedeckung nach Eupatoria gebracht werden. Wir beschlossen, unseren Schützling ebenfalls dahin -bringen zu lassen; dazu wurde eine Tragbahre hergerichtet, mit einer Matratze, weichen Klssen und Decken gehörig versehen und, da es an Geld nicht fehlte, die Anordnung getrof fen, ihn von Soldaten abwechselnd tragen zu lassen. Der bishörige erprobte Wärter sollte ihn begleiten. Wir wollten die wenigen Stunden, in welchen ich mich von dem außerordentlich anstrengenden Dienste frei gemacht 'hatte, mit einander in traulichem Gespräche zubringen, denn eS konnte nicht fehlen,' daß unser Erlebniß auf dem Schlachtfelde, der Dienst, den ich Sir Everett geleistet hatte, und die fortwährende unausgesetzte Auf merksamkeit, die ich - ihm - erzeigte,- uns schnellerund inniger mit einander bekannt gemächt und befreundet hatte, als es unter gewöhnlichen Verhältnissen in längerer Zeit der Fall gewesen sein würde. Sir Everett benutzte nun jeden meiner Besuche dazu, mich seiner unbegrenzten Dankbarkeit zu versichern, denn die Er Haltung seines Lebens schrieb er ja einzig und allein meinen und Wytstocks Bemühungen zu. Mein neuer Freund war der Söhn eines etwa ein Jahr früher gestorbenen reichen Gutsbesitzers. Der Vater hatte ihm und
seinem Bruder OsfizierSpatente gekauft und beide dienten in der Krimarmee. .Der Bruder war' vor einigen Wochen ' schon verwundet worden, doch weniger gefährlich alS Sir Richard, und befand sich damals in Konstantinopel als Reconvalescent. Die Mutter lebte noch, sonstige Geschwi' Ut hatte er nicht. DaS war der Inhalt einer längeren Erzählung Eoeretts. ' Wenn auch mein seitheriges Leben mehr Abwechselung zeigte, als das meines Freundes, so war eS doch eben so wenig reich an auffallenden oder besonders inte reffanten Begedenheiten. Es ist eine ganz gewöhnliche Geschichte wie sie alltäglich mit veränderten Namen vorkommen. Das erklärte ich Sir Richard, aber nichts desto weniger mußte ich demselben alle meine Erlebniffe, selbst die unbedeutenste Kleinig' keit, mit größter Aussührlichkeit erzählen, was ich denn auch bereitwillig that,, um seine Langweile zu zerstreuen. Meine Lebensgejchichee, wie ich solche Sir Richard Everett erzählte, ist folgende : Ich bin das einzige Kind eines Ober sörsters in H. und studirte die Forstwlssen schast theils auf den Wunsch meines Va ters, theils aus Neigung. Nach dem Tode meiner Eltern nahm ich deren Nachlaß in Besitz, denn ich war bereits, volljährig, fand aber meine Vermuthung bestätigt, daß mein elterliches , Vermögen unbedeu tend sei. Ich tröstete mich damit, daß mir eine baldige Anstellung nicht fehlen könne ; meine Prüfung wac gut ausgefallen, den vorgeschriebenen praktischen Cursus hatte ich ebenfalls absolvirt, und darüber die besten Zeugnlffe. Als Forstpraktikant sah ich einen nach dem anderen der nach AI terssolge mir vorgehenden Candidaten in den besoldeten Staatsdienst übergehen. Höchstens zwei Jahre konnte es noch wäh ren, bis die Reihe mich traf, und so weit, selbst noch etwas weiter, reichte mein kleines Vermögen bei einiger Sparsamkeit wohl aus. Diese zwei Jahre gingen aber vorüber, und noch ein drittes, da kam endlich. die Reihe an mich. Ich bewarb mich um die zu besetzende Stelle aber ein Anderer erhielt sie ! Das schmerzte und kränkte mich. Da aber die Sache nicht zu ändern war, so machte ich eine möglichst gute Miene zu diesem bösen Spiele, bis es nach einem halben Jahre mir abermals so erging. Nun wurde ich aufmerksam und-forschte nach : die Stelle war einem bereits Angestellten aus einem entfernten Theile des Landes übertragen worden. Das war ganz in der Ordnung, , aber an die Stelle dieses Beamten mußte ich kommen, wenn es nach dem Rechte ging, und da das nicht geschah, so beschwerte ich mich darüber natürlich, ohne daß es mir etwas half. Ein junger Herr von Adel war mir vor gezogen worden, der Sohn eines hohen Beamten in der Residenz. Jetzt erst siel es mir auf, daß der früher mir vorgezo gene Candidat ebenfalls von Adel war und der Sohn eines höchst einflußreichen Mannes. Ich wurde mißmuthig, denn bei Prü fung der Liste der auf Anstellung warten den Praktikanten mußte ich mich überzeu gen, daß noch gar Mancher darauf stand, der vermöge seiner Verwandtschaft und Verbindungen mich überspringen konnte. Meine Lage war wirklich trostlos, denn mein geringes Vermögen war aufgezehrt. Ich murrte laut und absichtlich an solchen Orten, von wo es,' wie ich überzeugt sein konnte, zu den Ohren meiner Vorgesetzten getragen wurde, und als endlich abermals eine Stelle erledigt war, bewarb' ich mich um dieselbe mit erneutem Eifer, indem ich mich in der Eingabe wegen mehrmaliger unverdienter Zurücksetzung bitter be. schwerte. ' - Eines Tages lud mich der Direktor des Collegiums ein, ihn in seinem Hause zu besuchen. Erwartungsvoll ging ich hin, und erhielt einen tüchtigen ': Verweis ! Der Direktor eröffnete mir, mein beständiges, durchaus ungerechtfertigtes Raison niren habe höheren Ortes sehr mißfallen, und er sei beauftragt, mir dieses auf eine unzweideutige Weise zu erkennen zu geben und mich vor ähnlichen Ungehörigkeiten und Auslassungen ernstlich zu warnen. Es müffe mir doch längst bekannt sein, daß alle und jede Anciennität in dem Civil dienste beseitigt sei, und daß es in der Willkür der Behörde liege, anzustellen und zu befördern, wen sie wolle und wen sie für den Würdigsten halte. Ein Benehmen wie daS meine sei nicht geeignet, mich .zu irgend einer Berücksichtigung zu empfehlen. Trotzdem nun, daß ich nach meinem biShe gen Verhalten eherleine Zurücksetzung
alS Anstellung verdient habe; ' sei doch be schloffen worden, mich dem Forstdeamten in F. zur Aushilfe beizugeben 'und zwar mit einem einstweiliaen Wartegeld von zweihundert Thalern jährlich. Ich solle nun meine Angelegenheiten ordnen und mich bereü halten, in längstens acht Tagen dahin zu geben ! Ganz betäubt von dieser Mittheilung eilte ich nach Hause. Sie war mir so un erwartet, daß ich im Augenblick aus keine Erwiderung gefaßt war. Seit zwei Jahren wartete ich vergebens auf eine . mir nach Recht und Billigkeit gebührende Stelle mit sechshundert Thalern Gehalt, und nun sollte ich mit einem , W.'rtegeld, welches kaum zur Bestreitung der nothwendigsten und unentbehrlichsten LebenSbedürfniffe hinreichte, an die entfernteste Grenze deS Landes versetzt werden. Man wollte mich beseitigen, man wollte mich damit aus eine Reihe von Jahren abspeisen, denn, war ich einmal dort, so konnte natürlich in den ersten Jahren vo einer anderweitigen Anstellung gar keine Rede sein ! ' Ich wußte nicht, was ich thun solle, und lies einige Tage, rath und thatloS um her. : -; ; , ' Da traf ich ganz zufällig einen guten Freund meines verstorbenen Vaters an, den Obersorstrath von Worderh:im. Ich hatte den Namen nie von meinem Vater nennen hören, um so überraschender war mir die Nachricht, die dieser Freund selbst mir mittheilte, so wie deffen große Theilnähme an meinem Schicksale. Er öffnete mir bei einer vertraulichen Besprechung über gar manchen Vorfall die Augen und zeigte mir ganz deutlich die feinen Fäden einer Intrigue deren Opfer ich werden sollte. . ' Wenn Sie einmal in F. sind", sagte er mir, dann wird es Ihnen schwer fallen, bald von dort weg zu kommen, und Sie können von Glück sagen, wenn Sie mit einer zeitweisen Ausbesserung Ihres Einkommens von fünfzig oder gar hun dert Thalern nach sechs oder acht Jahren eine Anstellung erhalten, wie sie Ihnen jetzt schon von Gott und Rechts wegen gebührt. Aber noch schlimmer wird e3 Ihnen ergehen, wenn Sie die. Ihnen an gebotene Verwendung ausschlagen und hier bleiben wollen, denn bei jedem An stellungsgesuche wird Ihnen, und zwar mit allem Rechte, vorgehalten werden, daß Sie jene Stelle abgelehnt haben, und man wird sich ohneZmeifel für berechtigt halten, Ihnen wenigstens noch für eine beliebige, jedenfalls nicht zu kurze Reihe von Jahren jede Berücksichtigung zu entziehen." Das ist mir nur zu; klar", erwiderte ich, aber was soll ich ansangen ?" ' DaS ist wirklich schwer zu rathen, mein junger Freund!" antwortete der alte theilnehmende Herr. i,Man hat Ihnen eine Falle gestellt, die Sie zwar sehen, der Sie aber nicht ausweichen können. Gerade so ist eS auch dem .jungen Sostmann ergangen, der fast in demselben Falle war, wie Sie gegenwärtig, und der sich zuletzt nur dadurch. zu helfen vußte, daß er seine Carriere aufgab und sich bei der englischen Fremdenlegion anwerben ließ. Das ist jedoch ein ganz verzweifelter Schritt, zu dem ich Niemanden rathen möchte." Sostmann brauchte sich nicht zu be denken", sagte ich. der wurde gleich als Lieutenant angenommen, und da war in seiner Lage der Tausch nicht besonders schwer." Wie gesagt," fuhr der Freund meines Vaters fort, ich möchte diesen gewagten Schritt Niemanden anrathen, viel eher davor warnen ; doch glaube ich solche
! Connexionen zu haben, die es mir möglich i . - macyen wuroen, einem lucyngen uno vra ven jungen Mann, wie Sie sind, ebenfalls zu einer solchen Stelle zu verhelfen." ' Ist das Ihr Ernst, -Herr Oberforst, rath ?" rief ich. Können und wollen Sie mir wirklich dazu' verhelfen, dann thun Sie nur gleich die nöthigen Schritte; kann ich Ossizier werden, dann 'lasse ich mich lieber heute alS morgen anwerben!" Nur keineUebereilung, jungerMensch!" entgegnen der Obersorstrath. Gehen Sie jetzt nur'ruhig nach Hause und erwä gen Sie sorgfältig Ihre Lage. Denken Sie an Ihre Zukunft, prüfen Sie Ihre Hoffnungen und Befürchtungen, - und wenn Sie zu einem festen Entschluffe ge kommen sind, dann besuchen Sie mich wieder und seien von meiner Bereitwillig keit zur Hilfe überzeugt. Da ich mir aber aber jetzt schon denken kann, wozu Sie sich entschließen werden, so will ich einst, weilen die nöthigen Schritte einleiten". Allerdings war mein Entschluß schon gesaßt, wozu folgender Vorfall von ent scheidendem Einflüsse war.
Ich hatte einMädchen kennen und lieben gelernt und Gegenliebe gesunden. Ich sah Bertha zuerst in der Kirche, eö hatte nur eines Blickes in ihr schönes von tnni ger Andacht leuchtendes Gesicht bedrft, das sie in hoher Rührung auf den Predi ger gerichtet hatte um einen Eindruck mit binwegzunehmen, der unauslöschlich war. Ich ging die ganze Woche'wie ein Träu mer umher; wohl hatte ich alsbald daran gedacht, um des schönen und so frommen Mädchens Neigung zu erwerben, doch drückte der Gedanke an meine Verhältnisse und schlechten Aussichten alle Begeisterung schnell zu-Boden und ich verwarf jeden Gedanken an solches Glück. ; AlS aber der nächste Sonntag herbei kam, - waren plötzlich alle so vernünftigen und reiflich überlegten Vorsätze verschwun. denund ich stand wieder in der Kirche aus demselben Platze, wie vor acht Tagen, und sah in daS reizende Gesicht, das kein neidi scher Schleier bedeckte. Meine Leidenschaft wuchs fort und fort, bis sie eine unbesieg bare Stärke erreicht hatte. Dieifromme Beterin trat, von dem schwarzen 'Schleier verhüllt, aus der Kirche; ich folgte ihr von ferne, um zu sehen, wo sie wohne. Sie war ein armes Mädchen, wie schon ihr Anzug mir verra then hatte, die Tochter einer mittellosen und noch dazu kranken Wittwe. Ueberall, wo ich Nachfrage hielt, wurde das begeisterte Lob des Mädchens verkündet, das durch seiner Hände Arbeit die Mutter ernährte und sie'it kindlicher Liebe und ungemeiner Sorgsämkeit pflegte. Ich suchte Zutritt indem Hause zu erhalten, indem ich einige kleine Arbeiten bestellte, kurz ich fand Gegenliebe und erhielt den Segen der Mutter. Wir waren glücklich und ich schwamm einige Monate in einem Meere der Wonne. Wozu wird dieses aber führen, bei mei nen schlechten Aussichten aus Versorgung ? Diese Frage, die ich mr in ruhig prüfen den Minuten stellte, quälte mich ohne Un terlaß, und als endlich die Mutter dieselbe Frage an mich richtete, wurde ich aus al len meinen erträumten Himmeln gestürzt. Schon seit einigen Wochen hatte ich eine auffallende Traurigkeit und Schwermuth bei Bertha bemerkt, und ihre Augen zeig ten immer deutliche Spuren vielfach ver goffener Thränen. Meinen eifrigen und dringenden Fragen nach dem Grunde die ser Erscheinungen begegnete sie durch Hin weise auf die stets zunehmende Hinfällig keit der geliebten Mutter und diese war zu deutlich, als daß ein solcher Grund mir nicht eingeleuchtet hätte; es war aber doch nicht so. EineS ! Abends war ich zur gewohnten Stunde in das Stübchen der Wittwe ge treten und hatte' sie allein zu Hause getroffen; Bertha war ausgegangenum ein nothwendiges Geschäft zu besorgen. Die Mutter fragte mich zum ersten Male nach dem Stande meiner Angelegenheiten und nach meinen Hoffnungen wegen einer baldigen Anstellung. Es war mir unmöglich, sie zu täuschen, und so erfuhr sie in wenig Worten, wie trostlos meine Aussichten waren. Die arme Frau seufzte tief auf. Ich hatte neine Augen niedergeschlagen; jetzt blickte ich nach ihr hin und sah, wie Thränen über ihre bleichen abgezehrten Wangen rieselten. Ein jäher Schreck durchzuckte mich ; eö war mir,alsob eine eiserne Faust mir den Hals zuschnürte, denn ich ahnte plötzlich, was nach dieser Einleitung kommen werde ! ' Sie sehen", sagte die arme Frau mit matter, kaum hörbarer Stimme, wie krank ich bin, und wie ich täglich kränker und schwächer werde, ohne daß ich auch nur eine entfernte Hoffnung haben kann, daß es einmal besser werden wird. ' Schon längere Zeit kann ich nur wenig aibeiten, seit einigen Wochen aber gar nicht mehr. Die ganze Last liegt auf meiner armen Tochter!' Wir velfagen unS, wie Sie wissen, fast das unumgänglich Nöthigste, aber auch das ist nicht mehr zu erschwing gen' Wir hatten kein entbehrliches Haus geräthe, doch ist Manches verkauft worden. DaS Mädchen arbeitet über die Gebühr, sie bleibt halbe Nächte auf, die Arbeit wird aber zu schlecht bezahlt.' Es wollte seither nicht zureichen, viel weniger jetzt, wo die wenigen Groschen ausfallen, die ich noch verdienen konnte, während ihr auch, die Haushaltung, so unbedeutend sie auch ist, allein zur Last fällt und meine Verpflegung ihr manche Stunde entzieht.. Zudem kann auch daS Mädchen die stets , zur'ehmende Anstrengung unmöglich länger süö halten. Ihr. drohen, wie Sie ja eewiß schon gesehen haben. Erschöpfung und Krankheit. Geben Sie uns einen Zkath, lieber Freund, was wir in dieser verjweif lungövollen Lage anfangen sollen ?"
Leider'var AlleS,-waS Bertha's Mutter sagte, nur allzu wahr, aber eben so wahr daß ich keinen, auch gar keinen Ausweg wußte ! Ich hätte' blutige Thränen weinen mögen ! Ich hatte das AlleS , sogar schon längst kommen sehen und vielfach darüber nachgedacht, ich sah aber nirgends Hilfe und Rettung. Mein unbedeutendes Ve: mögen war längst schon ausgezehrt, noch ehe ich Bertha hatte kennen lernen. Ich hätte nichts, wag ich hätte verkaufen, und hatte keine Einnahme, wovon ich sich hätte unterstützen können. 'Wie gerne hätte ich mir zu diesem Zwecke selbst daS Nöthigste abgedarbt ich hatte nicht einmal dieses Nöthigste und wußte nicht, was ich sür mich anfangen sollte, und schon einige Monate war ich mit meiner Zimmermie the und mit meinem Kostgelde im Rück stände geblieben. Ich' mußte der armen Wittwe gestehen, daß ich ganz rathlos war und keine Trostgründe und nur sehr weir entfernte Soffnunaen batte.
So will ich Ihnen einen Weg sagen". fuhr die Wittwe fort, einen Weg. den der liebe Gott mir zeigte, welchen ich in heißen, inbrünstigem Gebete Tag und Nacht darum anflehte ; . es war. .mir dabei mehr um meine Tochter," als um mich zu thun. Weil dieser Ausweg aber auch Sie betrifft, so will ich ihn ohne Ihren Rath und ohne Ihre Zustimmung nicht betreten. Wie glücklich würde ich mich fühlen,' wenn es möglich- geworden wäre, Ihre Verbin dung mit meinem lieben Kinde segnen zu können! Es soll aber nicht so sein, viel leicht ist es bester so, wenn auch wir schwa che Sterbliche'es nicht begreifen können! Ich weiß keine andere Hilfe für mich und Bertha, als daß wir uns an Jemand an schließen, der Vermögen und dabei den Willen hat, uns zu helfen. Einen solchen Mann hat der liebe Gott uns geschickt; eS ist der Kaufmann Feuerlein auf der.'. Marktplatze. Der hat wiederholt um die Hand meiner Tochter angehalten, Bertha liebt ihn nicht; aber sie muß den braven Mann achten, und da er das Loos ihrer alten kranken Mutter erleichtern will, da er nicht nur gestattet, sondern auch darauf besteht, daß ich zu ihm ziehe, zur Gesell schast seiner ebenfalls leidenden Mutter, da er mich wie seine leibliche Miiiher verehren und lieben und mir den Abend meineS von so vielen widrigen Schicksalen heimgesuchten Lebens leichter machen und so viel wie möglich verschönern will, so ist Bertha entschlossen, seinem, wiederholten Drängen endlich nachzugeben und ihm ihre Hand zu reichen. FeuerleinsMutter, welche meine Bertha kennt und lieb gewon nen hatwünscht ebenfalls sehnlichst diese Verbindung ; sie wird uns sogleich in ihre Wohnung ausnehmen, und da sie den oberen Stock in ihres Sohnes HauS inne hat, so soll ich stets bei ihr wohnen und biS in meinem nhe in exehmhen nnh w y rww D l V M m kranken Tagen verpflegt werden. Gott sei mein Zeuge, daß ich diese Verbindung nur wegen meiner Tochter wünsche, die sich sonst aufreibt, und bis zur Stunde habe ich noch mit keinem einzigen Worte meiner lieben Bertha zugeredet, diesen Schritt zu thun. Sagen Sie mir erst Ihre Mein ung, lieber Freund! Auf Ihren jetzigen Anspruch wird Alles ankommen !" So war denn das Schreckliche, das ich befürchtet hatee, wirklich eingetroffen!. Regungslos saß ich da. -Obschon mir diese Eröffnung nicht ganz unerwartet war, so schlug mich die Gewißheit doch zu Boden. Den Kaufmann Feuerlein kannte ich, er war ein hübscher Mann, einige Jahre älter alS ich, im Besitze eines nicht unbedeutenden Vermögens und eines ihn gnt nährenden Geschäftes. Er war ein durchaus braver und rechtschaffener Mann, und jedenfalls war er im Stande eine Frau glücklich zu machen. Es blieb aber kein Zweifel übrig) daß Bertha als dessen Frau nicht unglücklich sein konnte, . um so weniger, als ihre so heiß geliebte und sind lich verehrte Mutter ganz' gut versorgt wurde ; ' diese einzige Ueberzeugung war es wohl, die alle Bedenklichkeiten niederschlug. Ich mochte die Sache ansehen, wie ich wollte: mein Verstand konnte diesen Plan nur billigen, wenn auch mein Herz dabei zu brechen drohte. Dieses Alles, belebte und durchkreuzte meine Gedanken, ehe ich denselben aber Worte verlieh, führ die Mutter fort: Es ist für mich ein sehr peinlicher Gedanke, daß gerade ich es sein muß, welche das schöne Verhältniß zwischen Ihnen und meiner Tochter trennt, ein Verhältniß, daS alle meine Wünsche umschloß und von dem ich zu hoffen berechtigt war, daß es meine letzten Lebenstage verschönern sollte." (Fortsegung folgt.)
