Indiana Tribüne, Volume 3, Number 4, Indianapolis, Marion County, 4 September 1880 — Page 6

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erschlungenc Wege. Drei Kapitel ans meinem Leben. . . . y .. . , . , - . ' Novelle von Heinrich He'nölcr.

(Fortsetzung.) Ich trat nun. hart an den Rand des vorspringenden Felsens und blickte in die Tiefe hinab,' die mir eine Schlucht zu sein schien, denn es war in diesem Augenblicke eine dichte Wolke vor den Mond getreten, die einen langen Schatten über das Meer und die Insel warf. So wie diese Wolke mehr und mehr vorüberzog, veränderte sie ihre Gestalt in der mannichfachsten Weise, während ihre äußeren Ränder immer heller wurden, wie von einem magischen Schim mer beleuchtet. Mein trunkenes Auge schweifte von der Höhe zur Tiefe, und von dieser wieder zur Höhe, blieb aber endlich auf der geheimnißvollen Tiefe haften, wo die Gegenstände immer deutlicher wurden, je höher der Mond stieg, welcher endlich, von der verhüllenden Wolke befreit und in voller Reinheit und Kraft strahlend, mich erblicken ließ, was in meiner Nähe vor ging. In einer fast senkrechten Tiefe von wenigstens 150 Fuß war noch ein Theil des festen Bodens sichtbar, der sich fast um die ganze Insel herumzieht, wie eine unebene steinigte Straße; aber nur wenige Minu ten noch und die steigenden Meeresfluthen zogen rauschend darüber hin und schlugen an den Felsen, auf dem ich stand. 3r m:r größer wurden die Wogen und spritzten, sich an den Klippen brechend, das schäumende Wasser hoch empor, doch ohne mich zu erreichen, obgleich die Fluth, wie ich deutlich sehen konnte, von Minute zu Minute hoher stieg. . Lange fesselte mich dieses ungemein interessante Schauspiel. Der. Felsen, auf dem ich stand, schien für die Ewigkeit aufgethürmt zu sein, und doch sah ich deutlich, wenn ich mich nur ein wenig vorbeugte, daß derselbe von allen Seiten ringum unterhöhlt war, daß die brausende See ihre mächtigen Wellen unaufhaltsam gegen ihn heranwälzte. Ich glaubte zu sehen, durch das Rauschen des Wassers zu hören, wie Stück um Stück sich losbröckelte und weg. geschwemmt wurde von der hungrigen Fluth : ein fürchterliches, stets wiederkehrendes, nie endendes Spiel, dessen unausbleibliches Ziel die schreckliche Vernichtung ist! Endlich wurde das Meer wieder rubiger. Da, wo sich die Wellen brachen, schlugen sie wie lange leuchtendeBlitze an das Land. Ich sah einige große Fischerboote über die Meeresfläche segeln ; jeder Ruderschlag weckte Millionen Funken, die noch lange , in den Furchen tanzten, welche die Kähne zogen. Dieses Leuchten des Meeres wurde ein wahrhaft großartiger Anblick, als mehr dieser Boote sich begegneten, wodurch das Wasser in größerem Umfange bewegt wurde. Es war, als seien die Sterne des Himmels herabgefallen und rollten auf den Schwingungen der Wogen einher. Wollte ich übrigens nicht die ganze Nacht hier zubringen,' so war es jetzt Zeit, nach Hause zu gehen, denn es war spät geworden. Die überwältigenden Eindrücke, welche diese erhabenen Naturschauspiele auf mich gemacht hatten, regten zu letzt Gefühle in mir auf, die ich längst be schwichtigt wähnte. Ich dachte an die Vergangenheit, welche mir so viele Xäu schunden gebracht und einen Entschluß in mir hervorgerufen hatte, dessen Ausführung meine Zukunft entscheiden mußte. So oft die quälenden Gedanken mein Gehirn durchkreuzten, tobte und brauste und stürmte es. in mir, wie auf dem trügerischen Elemente, dessen lockenden Spielen ich eben zugesehen hatte. Alle die lieblichen und erhahenen Bilder,, alle Illusionen waren plötzlich verschwunden, und mir war es, als ob der starre Felsen, auf dem ich stand, von dem neidischen Geschicke in die dornevolle Bahn meines Lebens geschleu dert, mir den Himmel verschließe, den meine entzückte Phantasie in solchen weihe vollen Minuten mir offen gezeigt. Zwei laute, gellende Schreie durchzitterten die Luft. Ich sprang hinzu. Die Dame lag in Ohnmacht, ihre Begleiterin ' jammerte, die Hände ringend, um Hilfe. Mich um Beistand anflehend, eilte sie an mir vorüber nach der Pfütze, welche in ei ner Vertiefung des Bodens von zurück bleibendem Meerwasser gebildet war, und befeuchtete ihr Taschentuch. Unterdessen war ich an die Seite der Ohnmächtigen getreten. Ich sah in eines jungen Mädchens blasses Gesicht, über

I ,, V , welches aus einer Stirnwunde Blut herablief.' .Ein Blick genügte, um das Manchen zu ernennen ! ES war Bertha meine Bertha doch nein, nicht mehr die Meine. Ein jäher Schreck durchzuckte mich mir war Alles klar : Bertha hatte ihre Schwiegermutter in da3 Bad begleitet! 1 ' ' Was sollte ich thun? Unmöglich konnte ich die beiden Frauen sich selbst überlassen, aber eben so wenig durste Bertha mich se hen ! War sie in ihren neuen Verhältnissen unglücklich ? Ihr bleiches Gesicht schien mir kummervoll. War es die Blässe des Kummers unddes Seelenleidens oder nur die Farbe der Ohnmacht! Doch es war jetzt keine Zeit zu solchen Ueberlegungen. Die ältere Dame kam herbei.' Ich kniete neben Bertha nieder. nahm Jener das angefeuchtete Tuch ab und benetzte das Gesicht der Ohnmächti gen. Allein es gelang unseren vereinigten Bemühungen nicht, sie wieder in das Leben zurückzurufen. Gott! Was ist da zu machen V rief die alte Dame. Wie bin ich doch so unglücklich ! Wenn nur ein Arzt in der Nähe wäre! Die Arme stirbt, und mein kindisches Verlangen nach einer Blume ist al lein schuld daran! Wären Sie nicht so gütig, mein Herr, einen Arzt hnbeizuru fen V Recht gerne!" antwortete ich. Es dürste aber leicht zu viel Zeit darüber ver loren gehen, bis ich ihn ausfinde und hierher, brmge, wo überhaupt jede Bequemlichkeit fehlt und die Verunglückte, doch in keinem Fall bleiben kann. Wir sparen jedenfalls die halbe Zeit, wenn, ich Ihre Begleiterin nach Ihrer Wohnung trage, während Sie voraneilen und den Arzt aufsuchen oder durch die Leute in dem Postamts aufsuchen lassen." Freilich wäre dieses wohl vorzuziehen", sagte Jene. Halten Sie sich aber für stark genug, um es auszuführen ?" Statt aller Antwort ergriff ich die Ohn

mächtige, hob sie mit Leichtigkeit in die Höhe und eilte rasch mit ihr davon, so daß die ältere Dame fast nicht folgen konnte. Bald kamen wir an die hohe Treppe, und hier erst gelang es Jener einen kleinen Vorsprung zu gewinnen. Absichtlich ging ich nun ein wenig langsamer, und ehe ich auf der Höhe ankam, befand ich mich mit meiner süßen Last allein. Ich blieb stehen, als ob ich ausruhen wollte, und drückie die Ohnmächtige an mein klopfendes Herz. Ja, es war Bertha, meine heißgeliebte Bertha ! Obgleich ihre Wangen von der Blässe des Todes über zogen und ihre Augen geschloffen waren, obgleich die nasse Binde, welche wir, um das hervorquellende Blut zu , stillen, um ihre Stirne gelegt hatten, sie ganz ent stellte, so war sie doch noch wie früher. schön wie ein Engel. Ich war glücklich in diesem Augenblick, ich vergaß, oder viel mehr ich bedachte nicht, daß sie . die Frau eines Anderen war, und drückte unzählige Küsse auf Mund und Wangen der heiß Geliebten. Wenn sie jetzt stürbe, wenn sie nicht mehr aus der tiefen Ohnmacht erwachte, die jetzt ihre Lebensgeister umfangen hält? So dachte ich, fühlte aber zugleich, daß nach und nach wieder durch die Gluth meiner Küffe Leben und Bewegung in die erstarr ten Glieder zurückkehrte. Aber, wenn sie nun wirklich .erwachte und sich in meinen Armen, an meinem Herzen sah sie, das Weib eines Anderen mußte ihr das nicht schrecklich sein? Was mußte, sie, die Engelreine, von mir denken? Unmöglich konnte ich daran zweisein, daß sie mich heute noch eben so innig liebe, wie vor einigen Monaten. Gewiß war es ihr unendlich schwer gefallen ich wußte es ja diese Liebe aus ihrem Herzen. zu reißen ; wohl nur nach harten Käm pfen hätte -sie den Frieden errungen, den die treue' Erfüllung der Kindespflicht Der leiht, und nun konnte ein einziger Augen blick dieses vielleicht nur künstliche Gebäude zusammenstürzen, eine gefährliche Leiden schaft wecken, die nur schlummerte ! Nein, nein ! das darf nicht sein!" sprach ich ent schloffen zu mir. Sie soll nichts wiffen, nicht ahnen, daß ich ihr heute noch einmal so nahe war, daß sie noch einmal in mei nen Armen ruhte!"Noch einen innigen Kuß, den letzten für dieses -Leben drückte ich auf ihre Lippen, dann hob ich sie wieder auf und eilte weiter. Bald kamen die ältere Dame und einige Leute auö dem PostHause mir entgegen, denen ich die Ohnmächtige übergab, jmnn ging ich wieder an den. Strand hinab, und suchte die Stelle auf, wo der Unfall sich ereignet hatte. Da schaute ich hinaus in

die weite See und überließ mich- meinen trüben Gedanken, bis die zurückkehrende Fluth und der hereingebrochene Abend mich an den Heimweg mahnten! . -' " ; Wie sehr hatte ich mich getäuscht als ich glaubte, 'die Verhil'tniffe' überwunden zu haben ; wie trügerisch war meine Hoffnung, nach und nach die Ruhe zu gewitt' nen und befestigen zu können, die das Re sultat kalter Berechnungen des Verstandes war. Ein einziger Augenblick war hinrei' chend, meine Gefühle tief aufzuregen und mich in das wild erregte Meer 'einer Lei denschaft zurückzuschleudern, welche, ich fühlte es nur zu deutlich, mit meinem in ersten Leben fest und unzertrennlich ver wachsen war. Ich fühlte mich sehr unglücklich, ich hatte nicht einmal den Trost zu wissen, wie es Bertha in der erzwungenen Ehe erging, ob das Opfer, das sie gebracht, nicht ihre Kräfte überstiegen hatte, ihr Aussehen schien mlr dieses anzudeu ten. Ich suchte den Arzt auf und fragte nach dem Befinden des verunglückten Frauen zimmers. Alles gut", sagte dieser, ein unbedeu tender Vorfall, hätte gefährlich werden können ; nichts als heftiger Schreck und

einige Erschütterung. Die Wunde an der Stirn ist ohne alle Gefahr; ein nieder schlagendes Pülverchen, ein kleiner Ader laß, dabei etwas Ruhe und Alles ist wieder gut!" Als ich am andern Morgen von dem Exerciren zurückkam, hatten sich die beiden Damen bereits eingeschifft. Ich eilte'auf den Leuchthurm und sah den dahinbrausenden Dampfer noch in weiter Ferne ; ich sah ihm nach mit sehnsüchtigen Blicken, ihm, der Alles davon trug, was das Leben allein mir wünschenswerth machen konnte ! 2. Auf der Krim. Ein Jahr ist vorüber, und wieder stehe ich auf einem classischen Beden, wenn auch in weiter Ferne von jenem kleinen Eilande, das nicht einmal ein Abglanz der früheren Größe und Herrlichkeit ist und den auf merksamen und denkenden Beschauer zur Wehmuth stimmt, weil es so sichtbar und unaufhaltsam immer mehr und mehr der Vernichtung entgegen eilt. Der taurische Chersones mahnt nicht minder an vergan gene Herrlichkeit und bessere, ja glänzende Tage. Das mächtige Reich des Mithri dates, die Herrschaft der Genuesen, ' das Khanat der Tataren : sie alle sind gewesen, sie sind im unaufhaltsamen Laufe der Jahrhunderte zerfallen, doch ist die Stätte ihres Wirkens und Daseins noch vorhan den, unddie mannichfachen Trümmer des selben lassen heute noch auf ihre Macht und auf ihren Reichthum schließen. Ich bin an die Scholle gebunden, auf der ich stehe, und nur auf Commando darf ich mich kurze Strecken rechts oder links, vorwärts oder rückwärts bewegen, wie der strenge Dienstund der eiserne Wille des Feldherrn es bestimmen. Vor mir starren die bohen Vorgebirge, an welche sich die halbverklungenen Sagen von Jphigenia und Herakles knüpfen, viele tausend Fuß hoch in die Lust. Hinter mir im Norden liegen die öden Salzsteppen des flachen Landes, durchzogen von Nomadcnhorden, den Resten der Völkcrströmung, die unter Timur Osteuropa verheerend überschwemmt, und rings um mich, zwischen wilden Bergen, in Herr lichen blumen und fruchtreichen Thälern dehnt sich ein großer Lustgarten aus, be deckt mit Villen, Schlöffern und Parks des russischen hohen Adels; ' doch sind diese von den rauhen Stürmendes furchtbaren Krieges gar arg mitgenommen. ' Die Schlösser, die nicht niedergebrannt oder zerstört sind, werden von einzelnen Abthei lungen der aliirten Truppen bewohnt, deren Reservisten wenigstens gestattet ist, in den kalten Nächten Schutz vor schnei denden' Winden und den sonstigen Unbil den des schlechten Wetters 'zu suchen. Uns wurde , diese willkommene Erleichterüng nicht zu Theil; wir standen schon mehrere Tage und Nächte anhaltend unter den Waffen im Angesichte Sebastopols, ohne .deß uns eine auch nur nothdürftige zeitweise Erhohlung gegönnt worden wäre, denn unverkennbar hatten die Ruffen einen Hauptschlag im Sinne, und wir mußten jede Nacht auf einen großartigen Ausfall gefaßt sein. Die Feinde, denen wir mit unseren Ar beiten immer näher rückten, schienen ein letztes Mittel zur Errettung aus der immer verzweifelter werdenden .Lage ergreisen zu müssen. Unsere Cavallerie rückte jeden Morgen aus ihren Quartieren gegen

Kawara vzr' um im Falle eines Angriffes bei der Hand zu sein ; die Hochländer be hielten ihre bisherige Stellung neben dem sardinischen Läger bei,' um diesem als Un terstützung zu dienen; sämmtliche Reserven waren kampfbtteit. . ' Endlich in der Nacht zum 31. August machten die Ruffen einen Aussall auf un sere, gegen das sogenannte Sägewerk vorgeschobenen Arbeiten, aber nur , mit geringem Erfolge, und so betrachteten wir diesen Ausfall nur als einen Vorläufer deffen, was wir mit Bestimmtheit zu er warten aber auch alle Ursache hatten. Am 5. September wurde das gegensei tige Beschiesea. daS seither nur schwach betrieben worden war, mit außerordentli Lebhaftigkeit erneuert. Drei Tage und drei Nachte ohne Unter laß goffen wir einen ununterbrochenen Regen von Kugeln und Bomben aus Ge schützen von ungeheuerem Caliber aus die russischen Befestigungen aus, und die Feinde antworteten eine Zeit lang mit einem kaum minder heftigen und nachdrück lich unterhaltenen Feuer. Die Erde, auf der wir standen, erzitterte.

und die Felsen und Berge um. uns her schienen zu wanken und mit dem Einsturz zu drohen. Von Zeit zu Zeit wurde das Brüllen der Geschütze von dem Donner ausfliegender Magazine übertäubt, und heller als der flüchtige Blitz der Kanonen und Mörser leuchtete das Flammenmeer brennender Schiffe und Häuser. Am vierten dieser furchtbaren Tage zur Mittagszeit wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Unter dem gleichzeitigen einmaligen Abfeuern aller Batterien stürz ten wir vorwärts, dann erscholl in lebhaf ter und rascher Folge das scharfe Geknat ter von Tausenden von Büchsen und Musketen, und nun kam es endlich zum mörderischen Handgemenge, sobald unsere Sturmcolonnen die Wälle der Vertheidigunzswerke erklommen hatten. Noch einmal eröffnete die' russische Ar tillerie ihr Feuer mit verdoppeltem Getöse. Der augenblickliche Erfolg schien Zweifel haft, doch wichen die Feinde, nachdem sie mit ungeheurer' Energie und Zähigkeit die Stürmenden sechsmal'zurückgeworfen hat' ten, außer Stand, den von den Franzosen eroberten Malakoff wieder zu gewinnen aus dieser Stellung. Der Kampf hatte seinen Höhepunkt erreicht, er ließ nach, und unsere Truppen, welche die beiden Säge werke und die Centralstation . gestürmt hatten, zogen sich wieder in die Laufgräben zurück. : Eine kurze Pause trat auf beiden Seiten ein, um die von der gewaltigen Anstren gung erschöpfte Natur wieder zu Kräften kommen zu lassen. In rascher Aufeinan derfolge erdröhnten sodann innerhalb der Befestigungen die Explosionen der noch übrigen Magazine, und kaum waren die so erschrecklichen Ausbrüche vorüber, ;ds eine brennende Stadt und eine brennende Flotte die Stadt erleuchteten ! Das Schweigen der Erschöpfung senkte sich auf den Schauplatz des Kampfes nieder, wo vier Tage hinter einander das Brüllen der Geschütze, das Krachen der Explosionen, und Kampfgeschrei von Männern, die durch den furchtbaren Streit in unnatürlicher Weise, aufregt waren,' in den hohen Schluchten ein schauerliches Echo erweckt hatten. , . : . r. ,, Meine Ruhe war nur von kurzer Dauer. Wer nicht, verwundet war, mußte in den Laufgräben oder, anderswo Wachtdienst verrichten oder erhielt Befehl, die verwun deten Kameraden in das Lager zu bringen. Diesen Lekteren war ich zugetheilt worden, und da war vollauf zu thun, denn der Gott der Schlachten hatte ein reiche Ernte gehalten. ' Es war ein glänzender Sieg erfochten,'aber mit großen, ja wahrhaft entsetzlichen Opfern! Viele tausend Todte und Verwundete bedeckten' die Wahlstatt. Es waren fürchterliche und grauenhafte Stunden, die, ich -nie vergessen werde.! Die hereinbrechende völlige . Dunkelheit erschwerte unsere - ohnedies so mißliche Arbeit außerordentlich. Wie wir Klagen hörten, griffen wir zu und zuletzt waren nur die leisen 'Klagetöne und das schmerz liche Winseln der mit dem Tode ringenden Schwerverwundeten Wegweiser. So kam endlich die Mitternacht herbei, ohne daß wir das Ende unserer Aufgabe sehen konnten, denn mir durften nicht zweifeln, daß noch gar Ziele draußen auf dem Schlachtfelde sich befanden, von'den schweren Verletzungen und dem starken Blutverluste zwischen Tod und Leben in starrer Ohnmacht liegend. Und doch durften wir weder Fackel noch Laternen zur Hand nehmen, um dem wachsamen

Feinde nicht unsere schutzlose Anwesenheit zu verrathen.' ' v r 'Der größere' Theil meiner Leute hatte wieder einen Transport dieserUnglückli chen ' auf die Tragbahren "gelegt und schleppte sie bei der schlechten Beschaffenheit oder vielmehr dem völligen Mängel der Wege mühsam und' mit größter Vorsicht nacy dem Lagerplatze ; nur Wenige waren zurückgeblieben. Wir krochen auf dem Boden herum und suchten unter den Lei chen nach solchen, die noch Spuren von Leben zeigten, indem wir nach dem Herz schlage fühlten. Alles war still um uns her; nur aus der Ferne schallte von der Festung und aus dem Lager Lärm herüber. Plötzlich glaubte ich durch das Schweigen der Nacht in einiger Entfernung Klagetöne zu vernehmen. Ich horchte auf; immer deutlicher hörte ich es: das war ohne Zweifel noch ein Schwerverwundeter, der wahrscheinlich erst jetzt wieder zur Be sinnung gekommen bei der ringsum Herr schenden Stille fürchtete, er möge vergessen worden sein. Ich ging den Klagetönen nach, die immer vernehmlicher wurden, und nach etwa hundert Schritten kam ich fast zu dem äußersten Punkte des Schlacht selbes, wo, wie ich schon vor Einbruch der Dunkelheit bemerkt hatte, ganze Haufen gräßlich verstümmelter Leichen aufgethürmt lagen. Die Kartätschen einer feindlichen Batterie hatten hier gar schrecklich gehaust. Bald fand ich den Klagenden: er war wirklich kaum erst aus einer mehrstündiger Ohnmacht zu sich gekommen und fast ganz von Todten bedeckt, die ich jetzt schnell von

lhm wegzog, , wobei ich aber natürlich mit größter Schonung zu Werke ging, um nicht die Schmerzen zu vermehren, die nach dem unaufhörlichen Lamentiren zu schließen, ganz außerordentlich sein mußten.. Ich setzte mich neben den Verwundeten auf den Boden, tröstete ihn, so viel es mir möglich war.und sagte ihm, meine Leute würden sogleich kommen und ihn nach dem Lager tragen, damit er da verbunden werden könne. . Der Unglückliche konnte nur mühsam sprechen, und kaum verständlich lallte er mit schwacher Stimme : O, lieber Käme rad! Ich bin schrecklich zugerichtet ! Mei. Brust ist schwer verwundet. Arme und Beine sind : mir zerschoffen, aber dieses Alles ist der geringste Theil meinerLeiden : ich habe meine beiden Augen verlor. Eine von der ' Seite kommende Musketcnkugel hat sie mir aus dem Kopfe geschaffen !" Das war freilich mehr, als ich befürchtet hatte. In dem ersten Augenblicke wußte ich wirklich nicht, was ich dazu sagen sollte, und so fuhr Jener fort zu klagen : Wenn Sie ein fühlendes Herz in der Brust haben, lieber Kamerad, so haben Sie Mitleiden mit mir 'und meinem entsetzlichen Unglück und geben Sie mir den Tod! Es ist nicht möglich, daß meine Wunden geheilt wer den, und so ist ja doch der Tod nach eini gen martervollen Tagen mein Loos Meine Schmerzen sind gräßlich und fast nicht zu ertragen; sie sind aber nichts ge gen das entsetzliche Gefühl, den verzwcis lungsvollen Gedanken, was aus mir werden soll, wenn es gelingen würde, mich zu heilen! Mein rechter Arm und meine Brust sind schwer verwundet: - ich würde eben mein Leben lang ein elender Krüppel bleiben ! Aber bei weitem das Schlimmste, Fürchterlichste ist der Verlust meiner beiden AUgen. ' Mein ganzes Leben in völliger Blindheit' zuzubringen, das ertrage ich nicht, und darum flehe ich Sie um die Wohlthat des Todes an." Warum nicht gar!" antwortete ich. So schlimm 'wird es nicht sein. .Unsere gejchÄten Wundärzte' haben die -schreck li ch sten ' Verlktzun gen geheilt und " wenn einmal der erste Verband angelegt ist und die größten Schmerzen gestillt sind, dann werden Sie die Sache ganz 'anders anse hen. ' Wer 'wird' gleich 5 so kleinmüthig (ein!-; " ' i : ' ' ; Das kann unmöglich anders werden", fuhr'der Verwundete in flehendem' .Tone fort. JD, ich lag in Ohnmacht, ich weiß nicht wie lange! Wäre ich doch nie wieder erwacht ! Als ich wieder zu mir kam und mich von meinem entsetzlichen ganz tröst losen Zustande überzeugt hatte, war ich augenblicklich entschloffen, mir das Leben zu nehmen, ich konnte aber die Stelle, auf der ich lag, nicht verlassen, denn nur die linke Hand kann ich bewegen. Nun rief ich um Hilfe, aber lange vergeblich ! (Fortsetzung folgt).

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